Keinenfalls konnte der Eintritt des Todes durch die während des Lebens

gesehenen Veränderungen erklärt werden und _Bretonneau_ meint, dass

er bei genügender Würdigung der Incongruenz zwischen Schwere der

Allgemeinerkrankung und Beschaffenheit des localen Processes schon

intra vitam nach weiteren Veränderungen hätte suchen müssen, und dass

er dann den post mortem am Kehlkopf aufgenommenen Befund am Krankenbett

hätte constatiren können; das hätte aber natürlich eine ganz andere

Beurtheilung und Behandlung des Falles zur Folge gehabt. Hören wir nun,

wie er selbst seine Unterlassungssünde auffasst (S. 21): „On ne pouvait

plus mal observer. A quel point la prévention n’offusque-t-elle pas le

jugement! La préoccupation d’une affection gangréneuse l’emporta sur

l’evidence. Si rien ne peut justifier le défaut d’attention dans un cas

si grave, où tout commandait la plus exacte investigation, quelques

circonstances excusent du moins la précipitation de cet examen: il fut

fait au milieu de la nuit, dans un local réservé, et sous les yeux des

parents, dont la morne douleur m’inspirait la crainte d’avoir déjà

porté trop loin le zèle de la science.“

Aber diese herbe Selbstkritik trug ihre guten Früchte. In Anbetracht

des Umstandes, dass solche und ähnliche unheimlich schnell verlaufende

Krankheitsprocesse, die allgemein bis dahin in Frankreich der Gangrän

zugerechnet wurden, sich in Tours zu einer schweren Epidemie anhäuften,

in Anbetracht weiter der Thatsache, dass auch die äussere Aehnlichkeit

mit einer gangränösen Angina in vielen der weiter beobachteten

Fälle in den Hintergrund trat und statt dessen das Krankheitsbild

des Croup prävalirte, endlich unter Berücksichtigung der bei den

zahlreichen Sectionen fast ausnahmslos zu findenden Croupmembranen,

konnte schliesslich kein Zweifel mehr sein, dass es sich hier nicht

um eine gewöhnliche „_maligne Angina_“ handeln konnte, dass vielmehr

der membranbildende Process im Kehlkopf und in den Luftwegen in den

tödtlich verlaufenden Fällen dieser Epidemie in Tours die Hauptrolle

spiele.

Schon bei dem nächsten Fall, der zur Section kam, einem

siebenjährigen Kinde, bei welchem die maligne Angina mit den

scheinbar gangränescirenden Eigenschaften des Krankheitsprocesses am

Gaumensegel und den Pharynxwandungen noch ausgeprägter war, wurde

die Vergesellschaftung mit ganz typischem Croup ganz evident. Hier

waren die Trachea und die Verzweigungen der Bronchien mit richtiger

Croupmembran ausgefüllt: „Un tuyau de substance membraniforme, blanc,

souple, élastique, consistant, qui adhère faiblement à la membrane

muqueuse, ou même ne lui est qu’appliqué, s’étend de l’orifice du

larynx aux dernières divisions des bronches“ (S. 26), und was als

merkwürdigstes Resultat der Section von _Bretonneau_ bezeichnet wird:

„_Die Pharynxwand zeigte auch keine Spur von eigentlicher Gangrän,

wenn sie genauer untersucht wurde._“ S. 27: „Ce qui est plus digne de

remarque, c’est que les concrétions (des Pharynx) une fois enlevées (et

pour les enlever et les détacher, il a suffi de les soulever avec des

pinces à disséquer), les parois du pharynx n’offrent pas la moindre

trace d’altération gangréneuse; des taches rouges et pointillées

elles-mêmes de rouge plus foncé, sans érosion, sans épaississement de

tissu, sont les seules marques d’inflammation qu’on y puisse observer:

la rougeur inflammatoire est encore moins prononcée dans la trachée.“

In diesem Falle war _Bretonneau_ immer noch im Zweifel, ob es sich

um eine Complication der malignen Angina mit Croup, oder des Croup

mit maligner Angina handle, oder ob beide Krankheiten auf die gleiche

Ursache zurückzuführen seien. (S. 29): „L’angine maligne et le

croup, n’étaient ils donc que des formes variées d’une seule et même

espèce de phlegmasie?“ Zuerst war ihm diese letztere Möglichkeit am

unwahrscheinlichsten. Dann kamen aber Beobachtungen, die unwiderleglich

bewiesen, dass von älteren Personen, mit maligner Angina ohne Croup,

jüngere angesteckt wurden, die dann ihrerseits richtigen Croup

bekamen; anatomisch-mikroskopische Untersuchungen ergaben bei 22

Leichen, dass sowohl die Beläge auf den Tonsillen und im Pharynx, wie

die Croupmembranen des Larynx gleicherweise aus _nicht organisirtem

Material_ bestanden („étaient bien réellement _une substance

inorganique_“), dass unter diesen „concrétions“, wie _Bretonneau_ von

jetzt ab die Beläge nennt, die Schleimhaut mehr oder weniger intact war

(les tissus organisés que les concrétions recouvraient, conservaient

leur intégrité); endlich kamen in derselben Epidemie Fälle von Croup

vor, wo der fötide Geruch aus dem Munde gänzlich fehlte. Unter der

Wucht dieser Thatsachen musste die zuerst am unwahrscheinlichsten

klingende Möglichkeit die einzig zutreffende sein: _Croup und maligne

Angina sind auf die gleiche krankmachende Ursache zurückzuführen._

Nun wissen wir jetzt zwar, dass in der That bei gleichzeitigem

Vorhandensein von weissen Pharynxbelägen und von Kehlkopfcroup beide

Veränderungen durch die Diphtheriebacillen verursacht werden, wir

wissen andererseits aber auch, dass die _maligne_ Angina, bezw.

das _Gangränähnliche_ bei der Angina diphtheritica, durch andere

Krankheitserreger zu Stande kommt. Aber auch das ist der gewissenhaften

und scharfsinnigen Beobachtung _Bretonneau_’s auf die Dauer nicht

entgangen.

In seinem Generalbericht über die Epidemie in _Tours_ sagt er (S. 45):

Im Beginn der Epidemie herrschte die Neigung vor, bei den schnell

dahinsterbenden _Kindern_ Croup zu diagnosticiren, bei den chronischen

Fällen der _Erwachsenen_ mit Rücksicht auf ihren stinkenden Athem und

ihr septisches Aussehen Gangrän zu supponiren. Aber die Differenz des

Aussehens der Krankheit, welch’ letztere in beiden Fällen im Wesen die

gleiche ist, erklärt sich durch die verschiedene Empfänglichkeit der

verschiedenen Lebensalter und durch den Unterschied in der Entwicklung

der Luftcanäle.

Was aber den stinkenden Athem betrifft und den gangränös aussehenden

Pharynx, so liegt das an der putriden Erweichung der Membranen;

und auch die Farbenveränderung ist etwas Accidentelles; denn (S.

46): „l’exsudation du sang, phénomène ordinaire de l’inflammation

diphtheritique, complète l’erreur. La fausse membrane, coloré par

ce fluide, prend successivement diverses teintes, indices de sa

décomposition. Le contact de l’air, l’influence de la chaleur humide,

toutes les conditions propres à favoriser la putréfaction, celles mêmes

qui peuvent lui imprimer le caractère d’une altération gangréneuse sont

réunies.“

Können wir heute besseres darüber sagen, als _Bretonneau_ vor 70 Jahren?

Ich habe es nicht für überflüssig gehalten, in solcher Ausführlichkeit

zu zeigen, wie ungemein vorsichtig _Bretonneau_ in seinen

Schlussfolgerungen ist und wie er zum Beweise dafür, dass die Angina

membranacea auch bei dem Gangrän vortäuschendem Krankheitsprocess im

Pharynx und der Croup der Luftwege nur verschiedene Erscheinungsformen

_derselben_ Krankheit sind, alle nur möglichen Mittel der Untersuchung

benutzt hat, insbesondere die Beobachtung des genius epidemicus, das

Studium der Uebergangsformen zwischen reiner maligner Angina und

zwischen reinem Croup, die Entstehung einer Krankheitsform aus der

anderen, die vergleichende Analyse der anatomischen Veränderungen

durch makroskopische und mikroskopische Betrachtung, die Fixirung

des Wesentlichen und die Ausscheidung des bloss Zufälligen im

Krankheitsbilde.

Nicht bloss die Exactheit dieser mühevollen aber zielbewussten

Arbeiten, sondern auch das schliesslich durch dieselben gewonnene

Resultat ist so bedeutsam, dass es allein schon genügen müsste, den

Namen _Bretonneau_’s der Nachwelt zu überliefern; da ist es denn wohl

nicht ganz gerechtfertigt, wenn _Gerhardt_ in seinem Vortrage über die

Diphtherie auf dem zweiten Congress für innere Medicin in _Wiesbaden_

(1883) über diese Leistung _Bretonneau_’s mit dem Bemerken hinweg

geht, dass „wir wohl nicht mehr vollständig dem beistimmen können,

dass man Croup und maligne Angina als _eine_ Krankheit bezeichnen

müsse“, und wenn von den neun Klinikern, die sich auf jenem Congress

an der Discussion über die Diphtherie betheiligten, auch nicht einer

es für angemessen hielt, diesem Ausspruch gegenüber _Bretonneau_’s

Partei zu ergreifen. Unter allen Umständen wissen wir jetzt auf Grund

der scharfen Abgrenzung der Diphtherie, welche durch die Entdeckung

der Diphtheriebacillen ermöglicht ist, ganz sicher, dass mit der

Einschränkung, die von _Bretonneau_ selbst gemacht ist, Croup und

Angina ätiologisch als _eine_ Krankheit aufzufassen sind.

Auf eben demselben _Wiesbadener_ Congress hat _Gerhardt_ noch

eine andere Krankheitsform, welche von _Bretonneau_ der Diphtherie

zugerechnet wird, von derselben abtrennen wollen; auch das, wie ich

glaube, mit Unrecht. Es handelt sich dabei um eine unter dem Namen

„scorbutische Gangrän“ in Frankreich bekannt gewordene Krankheit,

welche _Bretonneau_ bei einem Truppentheil zu beobachten Gelegenheit

fand, der im Jahre 1818 von der Garnison _Bourbon-Vendée_ nach _Tours_

versetzt war. Ueberaus zahlreiche Mannschaften dieses Truppentheils

waren davon befallen. Die Krankheit war von _Bourbon-Vendée_ (jetzt

_La Roche sur Yon_(?)) aus mitgebracht; in _Tours_ war vorher keine

ähnliche Erkrankung gesehen worden. Sie äussert sich in der Mehrzahl

der Fälle in schmutzig-grauen Geschwüren des Zahnfleisches neben abnorm

reichlicher Zahnsteinbildung an den Zähnen, Lockerung des Zahnfleisches

und schliesslich Abbrechen der Zähne nach voraufgegangenem Zahnschwund,

da, wo die Zähne vom Zahnfleisch umgrenzt sind. Die kranken Stellen

bluten ausserordentlich leicht. Beim Uebergang des Krankheitsprocesses

auf die Lippen- und Wangenschleimhaut, welcher nicht selten erfolgt,

sieht man zuerst immer einen weissen Belag entstehen, der aber sehr

bald sich in’s dunkel-graugrünliche verfärbt. Oft lösen sich Fetzen

ab, die aber bald durch neue ersetzt werden. Die Lymphdrüsen in

der Nachbarschaft sind geschwollen. Aus dem Munde entströmt eine

pestilenzialisch stinkende Luft und in den vorgeschrittenen Fällen

lässt sich kaum ein Unterschied mehr feststellen zwischen dieser

Krankheitsform und der im Wesen und Verlauf ganz verschiedenen

Mundgangrän. Die schliesslich nach langem Bestehen der Krankheit

eintretende Heilung ist besonders dadurch bemerkenswerth, dass sie

erfolgen kann, ohne jede Narbenbildung.

_Bretonneau_ erkannte bald, dass diese Krankheit nichts zu thun

habe mit dem Scorbut (n’avait rien de commun avec le scorbut). Die

davon befallenen Leute waren, abgesehen von ihrer scheusslichen

Localaffection, bei vollster Gesundheit; und von dem, was man

scorbutische Diathese nennt, war bei ihnen nie etwas zu constatiren.

Das Dunkel, welches diese Krankheit ursprünglich umhüllte, begann sich

allmählich zu lichten, als bei einer nicht geringen Zahl der Soldaten

die Affection auf die Tonsillen und den Pharynx übergriff und nunmehr,

abgesehen von dem primären Befallensein des Zahnfleisches, durchaus das

Bild der malignen Angina darbot, wie es auch sonst in jener Epidemie

bei erwachsenen Menschen zu sehen war.

Der Grund, aus welchem bei diesen Soldaten, die in einer Kaserne

zusammenwohnten, der Krankheitsprocess grade am Zahnfleisch anfing,

wurde von _Bretonneau_ darin gefunden, dass dieselben gemeinsam die

gleichen Trinkgefässe benutzten, und dass durch diese letzteren das

Uebel von einem Mann auf den anderen übertragen wurde.

Jeder neunte Mann etwa von den mit Zahnfleischgangrän behafteten zeigte

gleichzeitig die Symptome der charakteristischen malignen Angina (S.

120). Die übrigen Stadtbewohner waren fast frei von der sogenannten

scorbutischen Gangrän; „j’ai déjà dit“ fügt _Bretonneau_ hier nochmals

hinzu, „que cette différence fut attribuée à l’usage des vases dont les

soldats se servent en commun“.

Die Gründe, aus welchen auch diese Krankheit der Diphtherie zuzurechnen

ist, gleichen fast vollständig denjenigen, welche oben für die maligne

Angina angeführt worden sind.

Später hat _Bretonneau_ die scorbutische Gangrän, oder wie man

nunmehr vielleicht besser sagen könnte, die Gingivitis diphtheritica

noch in einer Diphtherieepidemie zu _Chenusson_ (im Winter 1825)

beobachtet; und zwar sah er dieselbe bei einem Soldaten, der von einem

anderen angesteckt war, sei es dadurch, dass sie beide in einem Bett

zusammenschliefen, oder durch gemeinschaftlichen Gebrauch derselben

Pfeife (S. 448): „en outre, ces deux hommes avaient fréquemment fait

usage de la même pipe.“ Durch rechtzeitige Alaunbehandlung wurde das

Fortschreiten des Krankheitsprocesses sehr bald verhindert und schnelle

Heilung erzielt; auch war es nicht zur eigentlichen Geschwürsbildung

gekommen, sondern beim häutigen Belage geblieben („inflammation

pelliculaire, bornée aux gencives des dents incisives“).

Ueberaus wichtig ist nun die Beobachtung _Bretonneau_’s, dass kein

einziger derjenigen Soldaten in Tours, die eine solche Gingivitis

überstanden hatten, während der ganzen, zwei Jahre andauernden,

Epidemie vom Croup befallen wurde. Die aus Vendée nach _Tours_

versetzte Truppe wurde nach einiger Zeit in eine andere Garnison

verlegt, und es zog anstatt ihrer ein neuer Truppentheil in die Kaserne

ein; _unter den Soldaten dieser neuen Truppe trat die Diphtherie in

Form von schwerer Angina diphtheritica auf_. (S. 55): „Ce n’est point

la gangrène scorbutique qui s’est montré parmi ces militaires, mais

l’angine diphthéritique, qui mit trois individus en grand risque de la

vie“.

Hierzu macht _Bretonneau_ in seiner vorsichtigen Weise folgende

hochbedeutsame Bemerkungen über die erworbene Immunität, welche

durchaus auf der Höhe unserer heutigen Betrachtungsweise derselben

stehen (S. 55): „L’organisme semble acquérir par accontumance la

faculté de résister aux maladies, comme il acquiert la faculté de

résister à l’action graduée des poisons et des venins. On l’obtient,

pour un temps plus ou moins durable, en payant un premier tribut à la

variole, à la vaccine, au climat etc.“

Ich meine, gegenüber solchen jahrelang fortgesetzten und mit

dem grössten Scharfsinn ausgeführten Untersuchungen hätte Herr

Prof. _Gerhardt_ mindestens seine gegenteilige Ansicht, dass die

sogenannte scorbutische Gangrän von _Bretonneau_ mit Unrecht aus

dem Krankheitsbegriff des Scorbuts herausgenommen und dem von ihm

geschaffenen Krankheitsbegriff der Diphtherie einverleibt sei,

einigermaassen motiviren müssen. Wer nichts weiter von _Bretonneau_

weiss und hört, als dass derselbe zwar sich das Verdienst der

Namengebung für eine Krankheit erworben habe, dass aber die

Krankheitsformen, welche er unter diesem Namen zusammenfasst, ganz

heterogene Dinge sind, muss sicherlich ein falsches Bild von den

Leistungen dieses Mannes bekommen; und wenn solch’ ein Urtheil

_Gerhardt_ ausspricht, der gerade auf diesem Specialgebiet in seiner

1859 erschienenen Arbeit „der Kehlkopfcroup“ so sorgfältige klinische

und pathologisch-anatomische Untersuchungen bekannt gegeben hat, dann

wird die Gefahr der Verkennung von _Bretonneau_’s Bedeutung und seiner

grossartigen Leistungen um so mehr zu befürchten sein. Aus diesem

Grunde gehe ich auch noch auf einen dritten principiell wichtigen Punkt

ein, in welchem _Gerhardt_ mit _Bretonneau_ nicht übereinstimmt. Nicht

bloss soll _Bretonneau_ in den Krankheitsbegriff der Diphtherie zwei

Krankheitsformen, die maligne Angina und die scorbutische Gangrän, mit

Unrecht hineingenommen, er soll auch mit Unrecht eine sehr wichtige,

rechtmässig zur Diphtherie gehörige Form von jenem Begriff abgetrennt

haben, nämlich die _scarlatinöse Angina_.

_Bretonneau_ widmet der scarlatinösen Angina ein besonderes Kapitel (S.

250 ff.) und kommt aus sechs Gründen zu der ganz besonders entschieden

ausgesprochenen Ansicht, dass sie nichts zu thun habe mit der Angina

diphtheritica.

Erstens sei das Fibrinexsudat bei der scarlatinösen Angina nicht

wie bei der diphtheritischen in Gestalt einer Haut abhebbar, sondern

es liege mehr _in_ der Schleimhaut, ist also eine Diphtherie in

_Virchow_’s Sinne, nicht im Sinne von _Bretonneau_.

Zweitens sei bei derselben die Entzündung der Pharynxschleimhaut nicht,

wie das gewöhnlich bei der Diphtherie der Fall ist, zu Anfang eng und

scharf umgrenzt, sondern breite sich gleich von ihrem Beginn über den

ganzen Pharynx und den Nasenrachenraum aus.

Drittens habe der scarlatinöse Exsudationsprocess nicht die Tendenz,

auf den Kehlkopf überzugreifen; wenigstens habe im Verlauf von 20

Jahren _Bretonneau_ bei keinem an Scarlatina Verstorbenen eine ähnliche

Larynxaffection gesehen, wie sie zur diphtherischen Angina so häufig

hinzutritt.

Viertens habe er durch sorgfältigste Section von neun an Scarlatina

verstorbenen Personen die Ueberzeugung gewonnen, dass der

Sectionsbefund ganz abweicht von dem bei Diphtherieleichen, und dass

die localen krankhaften Veränderungen auch nicht entfernt so ausgeprägt

sind, wie bei der Diphtherie.

Fünftens sei die Dyspnoe Scharlachkranker ein Symptom, das durch

eine dem Scharlachfieber zu Grunde liegende _Intoxication_ bedingt

ist, während sie bei der Diphtherie sich auf locale Athemhindernisse

zurückführen lasse.

Sechstens. Das pfeifende Athmungsgeräusch in Folge von Suffocation

(suffocation striduleuse) sei kein der Scarlatina zugehöriges Symptom,

komme dagegen sehr häufig bei der Diphtherie vor.

An einer anderen Stelle (S. 354) erwähnt _Bretonneau_ noch als weitere

Thatsache, welche für die Verschiedenheit des Wesens der scarlatinösen

und der diphtherischen Angina spricht, dass er in der Epidemie von _La

Ferrière_ (Winter 1824) Diphtherie und Scarlatina, beide Krankheiten in

heftigen Epidemieen, neben einander herrschend gesehen, aber stets die

scarlatinöse und diphtheritische Angina habe auseinanderhalten können;

_dabei sei denn auch constatirt worden, dass das Ueberstehen der einen

Krankheit keinen Schutz gewähre gegen die andere. Das ist ihm für die

Verschiedenheit beider Krankheiten der stärkste Beweis._

Auch in der Frage, betreffend die Zugehörigkeit der scarlatinösen

Angina zur Diphtherie, wird wohl _Bretonneau_ wieder Recht behalten.

Soweit ich bis jetzt unterrichtet bin, hat auch die neuere ätiologische

Forschung seit _Löffler_’s Entdeckung der Diphtheriebacillen gelehrt,

dass diphtheritische und scarlatinöse Angina zu trennen sind. _Löffler_

selbst sagt hierzu auf dem dritten Congress für innere Medicin (1884

Berlin): „In einer anderen Gruppe fanden sich kettenbildende Coccen; es

waren dies meist solche Fälle, in welchen nicht sowohl Membranbildung

vorhanden war, als vielmehr Nekrotisirung und Substanzverluste der

Schleimhaut. _Sämmtliche Fälle von Scharlachdiphtheritis gehören

in diese Kategorie._“ In seiner späteren Arbeit aus dem Jahre 1890

(Deutsche medicinische Wochenschrift 1890 Nr. 5 und 6) citirt

_Löffler_ dann noch _Kolisko_ und _Paltauf_ (Wien), „welche bei der

gewöhnlichen mit dem Scharlach einhergehenden, diphtheritischen d.

h. nekrotisirenden Angina die Diphtheriebacillen stets vermisst

haben (Wiener klinische Wochenschrift 1889 No. 8), auch _Zarnikow_

(Centralblatt für Bacteriologie Band 6 u. Dissert. Kiel 1889) habe bei

der Scharlachangina keine Diphtheriebacillen gefunden.

Dass übrigens _Virchow_’s und _Gerhardt_’s Lehre von der Zugehörigkeit

der Scharlachangina zur Diphtherie nicht überall die durch _Bretonneau_

gewonnene Erkenntniss von ihrer wesentlich differenten Natur bei den

Aerzten hat verloren gehen lassen, dafür mag folgendes Citat aus

_Henoch_’s „Vorlesungen über Kinderkrankheiten“ (VI. Aufl. 1892)

Zeugniss ablegen: _Henoch_ charakterisirt daselbst (S. 662) die

Scharlachangina als eine „_nekrotisirende Entzündung_“ und sagt über

dieselbe: „Ich ziehe diese Bezeichnung der üblichen „diphtheritisch“

aus dem Grunde vor, weil meiner Ansicht nach nichts der richtigen

Anschauung von dem Wesen dieser Processe mehr geschadet hat, als diese

Benennung. Nachdem _Bretonneau_ unter dem Namen „Diphtherie“ ein

fast erschöpfend klares Bild dieser specifischen Infectionskrankheit

aufgestellt hatte, brachte die pathologische Anatomie dadurch

Verwirrung hervor, dass sie diesen _klinischen_ Begriff in einen

_anatomischen_ umsetzte und mit dem Namen „_diphtheritisch_“ _alle_

Processe bezeichnete, welche sich durch Einlagerung fibrinöser Exsudate

in die Schleimhäute oder auch in die äussere Haut mit nachfolgender

Nekrose charakterisiren. So kam es, dass die Aerzte, welche

bereitwillig dieser Lehre _Virchow_’s folgten, bei den verschiedensten

Krankheiten, in welchen sich die oben erwähnten Processe vorfanden,

eine Complication mit „_Diphtherie_“ annahmen, und dass diese

Verwirrung auch auf das Publikum übergriff. Ganz besonders gilt dieses

in Bezug auf das Scharlachfieber, in welchem jene Processe überaus

häufig, namentlich im Pharynx, auftreten. Man spricht immer noch von

Scharlach mit „Diphtheritis“, ohne sich davon Rechenschaft zu geben,

ob denn die specifische Infectionskrankheit, welche wir „Diphtherie“

nennen, wirklich dabei im Spiel ist. Die „_nekrotisirende Entzündung_“,

wie ich sie nenne, kommt bei ganz verschiedenen Krankheiten vor, am

häufigsten bei wirklicher Diphtherie und beim Scharlach, demnächst

auch bei Variola, Dysenterie, Pyämie, Cholera. Aber die Aehnlichkeit

der anatomischen Producte beweist noch nicht die Identität der

Krankheitsprocesse.“

Wir erkennen an diesen Ausführungen _Henoch_’s auf’s deutlichste,

wohin es führt, wenn der pathologisch-anatomische Befund zum

entscheidenden Kriterium für die Beurtheilung der Zugehörigkeit von

krankhaften Veränderungen zu dieser oder jener Infectionskrankheit

gemacht wird. Nicht bloss bei der Diphtherie, auch bei der Tuberculose

und manchen anderen Infectionen war durch die Herrschaft, welche

_Virchow_’s Autorität über die meisten Mediciner gewonnen hatte, fast

in Vergessenheit gerathen, dass die Infectionskrankheiten organische

Processe sind, die sich nur am _lebenden_ Individuum manifestiren. Die

Diphtherie ist eine _Lebenserscheinung_, deren Gesammtcharakter im

Laufe der Jahrhunderte und vielleicht im Laufe der Jahrtausende typisch

sich erhalten hat, und in Folge dessen in denjenigen Fällen, wo sie

sich an lebenden Individuen manifestirt, identificirt werden kann;

wenn man nun aber sagen soll, wodurch der Kenner des Krankheitstypus

der Diphtherie im einzelnen Fall denselben von anderen ähnlichen

Infectionstypen unterscheidet, dann ist hierfür ein einzelnes

Kennzeichen nicht ausreichend, am allerwenigsten aber eines, welches

so wenig charakteristisch ist, wie die von _Virchow_ als diphtherisch

bezeichnete Art der Schleimhautnekrose.

Dass die Localerscheinungen nicht einmal, wenn sie in ihrer

fortschreitenden Entwicklung am Lebenden beobachtet werden, zur

Identificirung der Diphtherie für sich allein ausreichen, hat schon

_Bretonneau_ gelehrt, indem er beispielsweise durch Canthariden eine

Entzündung mit genau dem gleichen localen Verlauf erzeugte, wie bei

diphtherischer Entzündung. Es ist eine überaus exacte experimentelle

Arbeit, in der er den Beweis hierfür liefert, und von welcher er einen

Auszug auf Seite 355-364 seines Traité de la diphthérite giebt; ich

führe hier nur den folgenden Satz an (S. 356): „Le principe vésicant

des cantharides, extrait au moyen de l’éther et dissous ensuite dans

l’huile d’olive, a donné naissance à un ensemble de phénomènes morbides

qui offre une complète analogie avec l’inflammation diphthéritique.“

In der That, wenn man seine Beschreibung der Pseudomembranen liest,

die er mit Cantharidenextract im Larynx und den Bronchien von Hunden

erzeugte, dann tritt die Analogie so vollständig zu Tage, dass man

sich wundern muss, wie _Bretonneau_ trotzdem an der Specificität des

Krankheitsprocesses der Diphtherie festhalten konnte, und es wird das

blos dann erklärlich, wenn man berücksichtigt, dass ihm die Krankheit

eine _ätiologische_ und nicht eine _anatomische_ Einheit war.

Die Geschichte der Diphtherie · 第 2 / 16 段