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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1893 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
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vereinheitlicht, sofern die jeweiligen Formen im Text wiederholt
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Die
Geschichte der Diphtherie.
Mit besonderer Berücksichtigung der Immunitätslehre.
Von
Stabsarzt Prof. Dr. Behring.
[Illustration]
Leipzig.
Verlag von Georg Thieme.
1893.
Vorwort.
Die Diphtherie ist im Laufe der letzten 50 Jahre eine _ständige_
Krankheit der europäischen Länder geworden, und erfahrene Beobachter
schliessen sich der Ansicht _Henoch_’s an, welcher es für unbestreitbar
hält, „dass die Diphtherie sowohl in Bezug auf Frequenz, wie auf
Malignität in einer fortwährenden Steigerung begriffen ist“.
Ueber ihre Häufigkeit speciell im Kindesalter kann man sich ein
ungefähres Bild aus folgenden Zahlen machen, die sich aus Angaben der
Preussischen Statistik herausrechnen lassen.
Man kann danach annehmen, dass bei 10000 im ersten Jahre stehenden
Kindern die allgemeine Sterblichkeit den fünften Theil ausmacht; von
10000 1 bis 2 Jahre alten Kindern stirbt der 14. Theil, von 10000 2-3
Jahre alten der 25. Theil, von 10000 3-5 Jahre alten der 40. Theil, von
10000 5-10 Jahre alten der 100. Theil, von 10000 10-15 Jahre alten nur
noch der 240. Theil.
Unter den Ursachen für die so hohe Sterblichkeit im _ersten_
Lebensjahre figuriren hauptsächlich „Krämpfe“, demnächst „angeborene
Lebensschwäche“, dann kommen „Atrophie“, „Keuchhusten“ und erst in
fünfter Reihe „Diphtherie und Croup“. Im 2. Lebensjahre stehen „die
Krämpfe“ noch obenan; die Diphtherie aber rückt an die zweite Stelle,
indem von den 1-2 Jahre alten, insgesammt sterbenden Kindern ihr etwa
der 6. Theil zum Opfer fällt. Vom 3. bis 5. Lebensjahre aber ist die
Diphtherie die am meisten mörderische Krankheit; mehr als der vierte
Theil der Todesfälle wird in diesem Alter durch sie verursacht;
es sterben von 10000 2-3 Jahre alten Kindern rund 400, davon an
Diphtherie allein über 100; an zweiter Stelle stehen „Krämpfe“ mit
47, dann Scharlach mit 44, dann kommt „Atrophie“ mit 32, Masern mit
24, Keuchhusten mit 23, Tuberculose mit 13 u. s. w. Für die im 3. bis
5. Jahr stehenden Kinder, von welchen unter 10000 ca. 240 sterben,
kommt aber auf die Diphtherie fast der dritte Theil der Sterbefälle
(über 70); die anderen Krankheiten, wie Krämpfe (15), Atrophie (12),
Keuchhusten (10), Tuberculose (7), treten da alle weit zurück; und
Scharlach (35) und Masern (13), die jetzt ihre relativ höchste Frequenz
haben, erreichen auch zusammen noch lange nicht die Mortalitätsziffer
der Diphtherie. Auch vom 5. bis 10. Jahre dominirt noch die Diphtherie,
wird dann aber in den späteren Lebensjahren immer weniger gefährlich.[1]
Wir sehen also, wie die Gefahr der Eltern, ihre Kinder bis zum
Eintritt in die Schulzeit zu verlieren, vom dritten Jahre ab
hauptsächlich durch die Diphtherie bedingt wird, und dass die Angst der
Mütter vor dieser schrecklichen Krankheit nur zu sehr gerechtfertigt
ist. Sind es doch gerade die Jahre des kindlichen Lebens, in denen das
erwachende Geistesleben anfangt, am meisten den Angehörigen Freude zu
machen, in denen die Sorge um den Verlust durch Ernährungsstörungen
mehr und mehr zurücktritt und die Hülflosigkeit der Kleinen gerade
einem frischen fröhlichen Gedeihen und der schönsten Bethätigung der
körperlichen und psychischen Functionen Platz gemacht hat!
Es wird nur nöthig sein, den Beweis zu liefern, dass wir nicht rathlos
und mittellos der Diphtherie gegenüber stehen, sowohl was ihre Heilung
betrifft, wie ihre Verhütung, um in den weitesten Kreisen Unterstützung
zu finden für das Bestreben, derselben Herr zu werden und sie zu einer
ebenso seltenen Todesursache werden zu lassen, wie das schon jetzt für
die Pocken erreicht ist.
Dieser Beweis aber _kann_, wie ich muthig behaupten darf, geliefert
werden.
_Die Diphtherie ist eine vermeidbare Krankheit._
_Bretonneau_, dessen Leistungen bei der Darstellung der Geschichte
der Diphtherie uns noch eingehend beschäftigen werden, hat das schon
erkannt, und in seiner Publication aus dem Jahre 1855, von der ich die
Einleitung dieser meiner Arbeit vorangestellt habe, hat er in beredten
Worten seiner Ueberzeugung Ausdruck gegeben.[2]
_Wir haben gegenwärtig aber ein viel grösseres Recht, als Bretonneau,
darauf zu hoffen, dass die Diphtherie zu einer ungefährlichen Krankheit
gemacht wird, nachdem wir in dem Blutserum diphtherieimmunisirter
Thiere ein Mittel besitzen, mit Hülfe dessen wir im Stande sind, noch
viel einfacher, sicherer und in weniger bedenkenerregender Weise einen
individuellen Krankheitsschutz gegenüber der Diphtherie den Kindern zu
gewähren, als das für die Pocken der Fall ist._
Es war ursprünglich meine Absicht, die Auseinandersetzungen über
diesen Gegenstand mit der Mittheilung meiner _experimentellen_
Ergebnisse zu beginnen, die bei meinen blutserumtherapeutischen
Arbeiten der letzten Jahre gewonnen sind.
Ich halte es jedoch für zweckmässiger, denselben einen geschichtlichen
Ueberblick über die Entwicklung der Lehre von der Diphtherie
vorauszuschicken, um später es nicht nöthig zu haben, immer von Neuem
gegen Vorurtheile und falsche Anschauungen ankämpfen zu müssen, die
in sich selbst zusammenfallen, wenn man die Geschichte der Diphtherie
kennen gelernt hat.
Sollte der Leser finden, dass die Litteratur in einiger Vollständigkeit
auf Grund des Studiums der Originalarbeiten von mir berücksichtigt ist,
dann will ich nicht verschweigen, dass mir die Einsicht in dieselben
verhältnissmässig leicht gemacht worden ist.
Der Geh. Med.-Rath Prof. _G. Lewin_ hat mit einer Sorgfalt die
Arbeiten über Diphtherie, Croup und Angina, welche seit _Bretonneau_
veröffentlicht sind, in seiner Bibliothek gesammelt und geordnet, die
kaum eine gelegentliche Mittheilung in medicinischen und politischen
Zeitungen sich entgehen liess, wenn sie des Aufhebens werth war;
deutsche und französische Dissertationen sind von ihm in unübersehbarer
Fülle gesammelt. Von wichtigeren Monographien aber dürfte ihm kaum eine
entgangen sein.
Alle seine im Laufe von über 40 Jahren mühsam gesammelten Bücher und
Aufsätze standen mir durch das Entgegenkommen des Geh. Rath _Lewin_ zur
Verfügung.
Ich verfehle nicht, dafür auch an dieser Stelle ihm meinen Dank
abzustatten.
[1] S. _A. Gärtner_, Ueber die Erblichkeit der Tuberculose S. 148 und
149 (Zeitschr. f. Hyg. u. Inf. K. Bd. XIII. 1893).
[2] Im Text ist fälschlich die Jahreszahl _1885_ statt _1855_ stehen
geblieben.
Inhaltsangabe.
Seite
I. Offener Brief an die Herren Blache und P. Guersant. Von
P. Bretonneau (1855) 3
II. Historisch-kritische Uebersicht über die epidemiologischen,
klinischen und pathologisch-anatomischen Beobachtungen 15
III. Die Geschichte der ätiologischen Untersuchungen 57
IV. Historisch-kritische Uebersicht über die klinischen
Beobachtungen und experimentellen Untersuchungen
betreffend die Heilung und Verhütung der Diphtherie 99
V. Die wissenschaftlichen Voraussetzungen der Blutserumtherapie 136
VI. Aufzählung und Classificirung der bisher bekannt gegebenen
Methoden der Diphtherie-Immunisirung 147
VII. Von den Bedingungen, unter welchen die Immunisirung
gegenüber der Diphtherie sich vollzieht 164
VIII. Das Diphtherieheilserum und seine Eigenschaften 182
Schlusswort zum geschichtlichen Theil 197
Die Geschichte der Diphtherie.
I.
Offener Brief an die Herren Blache und P. Guersant. Von P. Bretonneau
(Arch. génér. 1885 Januar-Heft).
„Seitdem die Diphtherie mehr und mehr endemisch in Paris geworden ist,
hat man nicht wenige Fälle von sehr schnell verlaufenden diphtherischen
Infectionen zu beklagen gehabt, welche ohne Larynxstenose tödtlich
endeten.
Es sind jetzt 34 Jahre her, dass die „maligne Angina“ (zur Gangrän
neigende Form der Rachendiphtherie) nach Tours eingeschleppt durch
die Vendée-Legion, dort in wenigen Monaten 60 Personen von jedem
Lebensalter, besonders aber viele Kinder dahinraffte. Angetrieben
durch das mächtige Interesse, welches solche unerwarteten schlimmen
Ereignisse hervorrufen, und durch den Wunsch, einen besseren Einblick
in dieselben zu bekommen, nachdem ich sie zuerst nur unvollkommen
und flüchtig erschaut, getrieben ferner durch eine Wissbegierde,
die mir keine Ruhe liess, machte ich mich daran, auf’s eifrigste
die periodischen Zeitschriften Frankreichs und Englands zu lesen,
sowie allerlei alte Bücher, die ich mir kaufte und lieh, und endlich
alles, was überhaupt über das Auftreten dieser schrecklichen Geissel
des Menschengeschlechtes bis in die fernst gelegenen Jahrhunderte
geschrieben war.
Aber ich muss gestehen, dass in meiner umfangreichen Sammlung
alter Bücher Originalarbeiten nicht übermässig zahlreich waren;
Bücherschreiber haben wenig Geschmack an Specialarbeiten, und es kommt
ihnen mehr auf das Wahrscheinliche an als auf das Wahre.
Indessen soviel ging doch aus meinen Studien schon hervor, dass
die ägyptische Krankheit (_Bretonneau_’s. „Diphtheritis“) jedes
Mal, so oft sie irgendwo auftrat, die Bevölkerung und die Aerzte in
Schrecken versetzte, alle Betroffenen tödtete, bis die therapeutischen
Maassnahmen des _Aretaeus_, die aber immer wieder vergessen wurden, mit
grösserem oder geringerem Geschick zur erneuten Anwendung gelangten.
Sicherlich wird durch Augenzeugen der fürchterlichen Epidemieen des
16. Jahrhunderts, welche von Spanien und Sicilien aus unseren Erdtheil
überflutheten und später in Amerika anlangten, wo auch _Washington_ am
Croup gestorben ist, eine Schilderung dieser schreckenverbreitenden
Krankheitszüge entworfen sein, und ohne Zweifel liegen Beschreibungen
dieser Epidemieen vergessen irgendwo in einem verborgenen Winkel.
Aber nur bei Leuten, die selber mit Aufmerksamkeit eine gleiche Sache
verfolgen, findet die achtsame Beobachtung Anderer einen Widerhall, und
wo giebt’s jetzt wohl Interesse und Verständniss dafür? Sicher nicht
bei uns, wo allerlei verderbenbringende Uebel die volkreichen Städte
verwüsten und die Aufmerksamkeit von jenen Zeiten ablenken.
Indem ich nun Sie, mein lieber _Blache_, Sie und die Ihrigen im Auge
habe, welche den Gefahren heimtückischer Ansteckung ausgesetzt sind,
einer Ansteckung, die entweder überhaupt geleugnet oder nicht richtig
verstanden wird, fühle ich das Bedürfniss, die Vorsichtsmaassregeln
Ihnen mitzutheilen, die ich am meisten wirksam gefunden habe.
Ich will Ihnen meine Ueberzeugungen nicht aufdrängen, aber wenigstens
den Versuch will ich machen, ob Sie sich denselben anschliessen wollen.
Leider geht’s uns hier, wie auch in anderen Dingen, in welchen die
mit Vorurtheilen erfüllte Zeit im Widerstreit mit der Wahrheit und
Wirklichkeit steht: _Mit allen Mitteln sucht man den Glauben an die
Uebertragbarkeit der Krankheit den Leuten zu rauben._
Wenn ich auf diesen Punkt eingehe, so will ich für meine Ueberzeugung
von dem Vorhandensein einer solchen nicht auf Deductionen mich
einlassen, sondern Thatsachen anführen; und das wird mir besser
gelingen, wenn ich von der Uebertragbarkeit der _Pocken_ ausgehe,
bei welcher Infectionskrankheit das Studium der Contagiosität weiter
vorgeschritten ist, als bei der Diphtherie.
Die Impfung gegen die Pocken, welche in der Mitte des 18. Jahrhunderts
aus dem Orient bei uns eingeführt wurde, ist bald in mehreren Staaten
Europas, besonders aber in England, allgemeiner angewendet worden
und gab die Veranlassung zu _Jenner_’s Entdeckung. Die Pockenimpfung
wird danach zu einer Modesache und erregt als solche allgemeine
Aufmerksamkeit. Verschiedene Arten der Ueberimpfung werden gerühmt,
studirt, verglichen, angenommen, verworfen; aber nur in geringem Grade
dient die Wirklichkeit als Führer für das Vorgehen der einzelnen Aerzte.
Meist werden die Bedingungen für die Uebertragbarkeit schlecht
verstanden; es werden Impfungen von Arm zu Arm, Pockenübertragung durch
Zusammenliegen Gesunder mit Pockenkranken in einem Bett vorgenommen,
während andere Aerzte die auf Pockenpusteln sich bildenden trockenen
Krusten zerreiben und damit die Kinder bepudern, nachdem sie für die
Haftbarkeit des Infectionsstoffes in geeigneter Weise vorbereitet sind.
Vielfach glaubte man in jener Zeit an spontan auftretende Pocken,
und dieser Glaube ist noch immer nicht vollständig ausgelöscht. Man
glaubte auch an einen Krankheitskeim, welchen schon bei der Geburt
der später krank werdende Mensch mitbekomme. (Solch’ ein Keim müsste
sich dann Zeit lassen, bevor er sich entwickelt und in Action tritt!)
Man nahm an, dass der Ausbruch der Pocken ein Reinigungsprocess sei
(Despumation), welcher von Zeit zu Zeit zum Wohle des Individuums
sich vollziehe. Ja man hat sich mit der Meinung des arabischen Arztes
_Rhasez_ befreundet, nach welchem das noch mit dem Menstrualblut
behaftete Kind einer solchen Reinigung bedürfe.
Heutzutage, nach all’ diesen scholastischen und akademischen
Hirngespinnsten, wird die Contagiosität der Pocken kaum mehr
angezweifelt. Jetzt weiss man, dass die Pocken, wie so viele andere
epidemische Krankheiten, sich nur durch Uebertragung fortpflanzen,
mögen sie nun sporadisch auftreten oder eine ganze Bevölkerung
ergreifen; und man weiss, dass die Uebertragbarkeit so gross ist, dass
sie auf Pistolenschussweite sich noch vollziehen kann. Seitdem durch
die Schutzpockenimpfung das ungehinderte Umsichgreifen der Pocken
verhindert ist, konnte diese Thatsache in unzählig vielen Fällen so
sicher wie in einem Experiment, dessen Beweiskraft den strengsten
Anforderungen genügt, constatirt werden; man weiss, dass Leute, die an
einem genau bekannten, isolirten Pockeninfectionsherde sich ansteckten,
von der gleichen Krankheit nach einem Incubationsstadium von bestimmter
Dauer befallen wurden; das kann Jeder erkennen, der überhaupt im Stande
ist, zu beobachten.
Darauf beschränkt sich aber nicht die Ansteckungskraft des
Pockeninfectionsstoffes. Er kann im Uterus einer schwangeren Frau,
die während ihrer Schwangerschaft sich viel mit Pockenkranken
abgegeben hat, ohne selber pockenkrank zu werden, den Fötus befallen.
Wie geht hier die Uebertragung vor sich? Je mehr man sich in die
Entstehungsbedingungen einer Ansteckung vertieft, um so dunkler wird
das Problem. Hier muss das ansteckende Princip doch in der Luft
vorhanden gewesen, es muss in der Luft fein vertheilt und in Folge
dieser feinen Vertheilung abgeschwächt (atténué) worden sein, dann
muss es die verschiedenen Gewebsschichten passirt haben und ist in dem
Gewebe dem dort statthabenden Stoffwechsel und im Respirationsapparat
der Bluteinwirkung unterworfen gewesen. Trotzdem, durch nichts wurde
es aufgehalten, durch nichts unwirksam gemacht; es kam schliesslich
doch zur Wirkung. Obwohl der Fötus eine ganz andere Art der Circulation
besitzt, als der mütterliche Organismus, obwohl er nur in der Anlage
die Merkmale des Säugethiertypus zeigt, nicht athmet und eigentlich nur
wie ein Fisch lebt, schwimmend in der Amniosflüssigkeit, ist doch das
Virus bis zu ihm durchgedrungen.
Zwei Fälle von Pocken beim Fötus, ohne Erkrankung der Mutter,
sind sehr sorgfältig beobachtet von _Mead_, drei andere durch das
Impfcomité in Paris (Secretär _Husson_), ein sechster Fall wiederholte
sich im Jahre 1827 in _Tours_: Eine arme Frau kam rechtzeitig nieder
mit einem Knaben; das Gesicht und die übrige Körperoberfläche waren
besät mit Pockenpusteln, die eine dem vierten Tage der Entwicklung
entsprechende Ausbildung zeigten; unter meinen Augen schritt die
Entwicklung weiter vor und vollzog sich in typischer Weise. Auf’s
sorgfältigste untersuchte ich die Pusteln; sie zeigten alle Charaktere
der Hautpocken, trotzdem die Haut zur Zeit des Entstehens derselben
von einer Flüssigkeit umspült war; die Pusteln sprangen hervor
(étaient saillantes) und zeigten deutliche Convexität (bombées et non
nivellées), wie das der Fall ist bei solchen Pusteln, die sich auf den
Schleimhäuten entwickeln. Der Knabe wuchs heran und dient jetzt beim
Militär.
Ich habe, um von der Contagiosität der _Diphtherie_ zu reden, weit
ausgeholt, aber die bei der alten _egyptischen_ Infectionskrankheit
(Diphtherie) zu beobachtenden Thatsachen sind so eigenartig und
seltsam, dass zur Vermehrung ihrer Glaubwürdigkeit es vielleicht ganz
gut sein dürfte, dass man beglaubigte Beispiele von _unerklärlichen_[3]
Thatsachen (prodiges) bei einer anderen Infectionskrankheit vor Augen
hat.
Das Pockenvirus kann durch die Luft transportirt werden; aber
wir müssen weiter hinzufügen, dass ihm auch ein anderer und weit
greifbarerer Uebertragungsmodus zukommt, nämlich durch den getrockneten
Pustelinhalt, dessen Ansteckungsfähigkeit sich ausserordentlich lange
erhält. _Tissot_ konnte sich für seine Impfungen mit Erfolg eines
Fadens bedienen, den er mit Variolaeiter imprägnirt hatte, indem er
ihn durch eine Pustel hindurchzog, und welchen er drei Monate lang
ohne besondere Cautelen in einem Buche aufbewahrt hatte. Abnahme von
Pusteleiter Seitens der Impfärzte hat gleichfalls in zahllosen Fällen
die grosse Haltbarkeit der ansteckenden Kraft von Pusteleiter bei der
Conservirung bewiesen.
_Wenn ich dies besonders betone, so geschieht das deswegen, weil gerade
diese Art der Pockenübertragung es ist, die für die Uebertragung der
Diphtherie in Frage kommt; denn die Uebertragung durch die Luft kommt
bei der Diphtherie nicht vor._
Unzählige Fälle sprechen dafür, dass Krankenpfleger keine Diphtherie
bekommen, ausser wenn Absonderungsproducte von Diphtheriekranken in
directen Contact mit ihrer Schleimhaut in succulentem oder succulent
gewordenem Zustande (membrane muqueuse molle ou amollie) gelangt
oder mit der äusseren Haut an einer von der Epidermis entblössten
Stelle. Kurz zur Uebertragung der egyptischen Krankheit bedarf es
einer wirklichen Einimpfung. Seit dem Jahre 1818 beweisen die in dem
Departement d’Indre-et-Loire entstandenen Epidemieen aufs deutlichste,
dass die atmosphärische Luft _nicht_ eine Diphtherieinfection
vermitteln kann. Durchaus einwandsfreie und beweisende Thatsachen
sind in dieser Richtung durch sorgfältige Beobachtung gesammelt
und der Wissenschaft überliefert an sehr kleinen Ortschaften. Die
Beobachter konnten hier jede Einzelheit notiren, den Tag, ja die
Stunde der Einschleppung der Krankheit, ihren Sitz, ihr Uebergreifen
von einer Familie auf die andere, die Bedingungen, unter welchen
die Weiterwanderung sich vollzog, ihre Uebertragung auf einzelne
Häusergruppen (hameaux) und andere Ortschaften, unter Angabe der
Entfernungen und der Jahreszeiten, in denen all’ das eintrat. In
dieser Beziehung verdanke ich besonders dem Dr. _Henri Brault_, Arzt
in Beaumont-la-Ronce, zahlreiche und sehr werthvolle Beobachtungen.
Ich würde allenfalls noch einen Zweifel an meiner Beobachtung für
berechtigt halten, wenn die dieselbe beweisenden Daten nur von _einem_
Beobachter und an _einem_ Orte herrührten; aber 35 Jahre lang haben
sich die gleichen Thatsachen immer wiederholt, und zwar an einer sehr
grossen Zahl von Orten, und stets in Uebereinstimmung mit denen, die
uns aus vergangenen Jahrhunderten überliefert sind.
Ist einmal das Diphtherievirus darauf angewiesen, durch _Inoculation_
die Krankheit zu erzeugen, so fragt es sich, welches der nähere Vorgang
dabei ist, und wenn wir da den Uebertragungsmodus verfolgen, so sehen
wir, dass derselbe noch viel mehr Verwunderliches hat, als der der
Pocken.
Einerseits ist er ähnlich dem der Syphilis; und zwar sind die
Beziehungen der egyptischen Krankheit (syrischen, Diphtherie) und der
neapolitanischen (Syphilis) unter einander so innig, dass bei einer
Classification diese beiden Krankheiten in einer Reihe stehen müssten.
_Aretaeus_ freilich konnte solche Analogien noch nicht aufstellen, da
die Syphilis zu seiner Zeit noch unbekannt war; aber im 16. Jahrhundert
hat ein palermitanischer Arzt, _Alayma_, dieselbe sehr wohl erkannt,
wenn er sagt: „Ita dum Egyptiaca ulcera dicimus, varios modos,
quibus hic morbus humanum genus insultat, unico verbo explicamus.“
„_Aegyptische Geschwüre_“ nennt _Alayma_ die diphtherischen
Erkrankungen, weil diese Bezeichnungsweise alle verschiedenen Formen
der Krankheit umfasse, _wie der Ausdruck „le mal français“ alle
verschiedenen Erscheinungsformen der Syphilis bezeichne_.
Ein ähnlicher Grund, wie derjenige, von welchem _Alayma_ bei seiner
Namengebung geleitet wurde, hat mich veranlasst, den verschiedenen
Formen der egyptischen oder diphtherischen Infection die Bezeichnung
„_Diphtheritis_“ zu geben. _Vielleicht hätte ich besser gethan, den
alten Namen beizubehalten, aber ich wollte mit diesem besonderen Namen
die Abtrennung einer_ specifischen _Phlegmasie von anderen ähnlichen
Krankheitsformen erreichen. Wenn ich nun jedoch sehe, wie meine
Bezeichnung toto die in einem Sinne gebraucht wird, der das gerade
Gegentheil ist von dem von mir diesem Krankheitsnamen beigelegten,
dann muss ich schliesslich nun doch eingestehen, dass ich ein Unrecht
begangen habe._
Durch die Aehnlichkeit, welche zwischen Diphtherie und Syphilis
besteht, sind mancherlei folgenschwere Täuschungen hervorgerufen
worden; so haben _Trousseau_ und _Ramon_ in der Epidemie von Sologne
Fälle gesammelt, in welchen Fälle von Diphtherie der Vulva und der
äusseren Haut verkannt und tödtlich verlaufen sind.
Ich möchte noch hinzufügen, dass das Epitheton „_egyptisch_“, welches
ganz alt sein muss, von practischer Bedeutung ist. Für die alten
Griechen bezeichnete es die Gegend, aus welcher die Krankheit zu ihnen
gelangt war; solche von bestimmten Ländern hergenommenen Bezeichnungen,
wie Cholera _asiatica_, _egyptische_ Augenkrankheit, _orientalische_
Pest, _französische_ oder _neapolitanische_ Krankheit, zeigen an,
dass die Krankheit einen exotischen Ursprung hat, und in der Gegend,
in welcher sie den Namen bekam, ursprünglich unbekannt war. Ich kann
nur immer wiederholen, dass solche Krankheiten eingeschleppt sein
müssen durch kranke Individuen oder durch Gegenstände, die mit dem
contagiösen Princip behaftet sind. Ja, und tausendmal ja, das allein
ist die Wahrheit; von dort, von _Aegypten_ ist die Diphtherie gekommen,
bis sie schliesslich bei uns anlangte vermöge ihrer Contagiosität, die
einzig und allein die Entstehung vermittelt; denn es ist schon zum
Ueberfluss erwiesen, wie weder die Temperatur, noch die Jahreszeit,
noch das Klima, noch die Sonnenwärme anders für die Entstehung eine
Rolle spielen, als durchaus eine solche von untergeordneter Bedeutung,
und dass alle diese Momente zusammengenommen nie und nimmer die
geheimnissvollen Wirkungen des contagiösen Agens zu erzeugen im Stande
sind.
Man wird vergeblich es immer wieder zu leugnen unternehmen, dass die
Uebertragung durch Ansteckung (contagion) die Ursache der meisten
Epidemieen ist; das ist die Art, wie diese Geisseln die Menschheit
peinigen, nur gradweise verschieden treffend die verschiedenen
Menschenracen, weisse, rothe und schwarze; ja die sogar manche
Thierarten ergreifen, wenn sie _in Haufen_ zusammenleben.
In der That, es war zu einer Zeit, wo das Wort λοιμος mit Pest,
Contagion, und contagiösem Agens gleichbedeutend war, als die
Diphtherie nach Griechenland durch die egyptischen Colonisten
eingeschleppt wurde und den Namen _egyptische_ Krankheit bekam, eine
Zeit, die dem _Homer_ noch näher lag als dem _Hippokrates_; und bis
zu dieser Zeit ist zurückzudatiren die Bezeichnung „_Aegyptische
Salbe_“ = mel cupratum; die Auflösung von Kupfer in Honig ist ein
antidiphtherisches Mittel von hohem Werth, welches _heute_ noch in der
Pharmacopie enthalten ist und seit Jahrhunderten in derselben den Namen
„Unguentum egyptiacum“ trägt.
Sie sehen, meine lieben Freunde, bis zu welchem Grade die medicinische
Kunst noch in den Windeln liegt (reste emmailloté). Da haben wir seit
undenklichen Zeiten ein Mittel für eine tödtliche Krankheit. Was hat
uns das genützt? Hat man das Mittel benützt, um das Fortschreiten der
Krankheit aufzuhalten? Der _Name_ des Mittels ist noch übrig; seine
Anwendung aber ist vergessen worden.
Zehn Jahrhunderte später hat uns der grosse Arzt _Aretaeus_ ein noch
reicheres Geschenk hinterlassen, er der Zeitgenosse des _Galen_, aber
in höherem Grade noch als dieser der Nachfolger des gottbegnadeten
Arztes _Hippocrates_. Sein hinterlassenes Werk ist verstümmelt, aber
was wir von ihm (_Aretaeus_) besitzen, ist noch heute ein treues
Gemälde unserer Krankheiten. Eins der schönsten Blätter aber ist
die bewunderungswürdige Beschreibung, welche er von der egyptischen
Krankheit gegeben hat, von welcher an einer anderen Stelle er auch die
kunstgemässe Behandlung schildert.
Bis zur Erfindung der Buchdruckerkunst befand sich das werthvolle
Manuscript nur in den Händen der Sprachforscher; aber lange Zeit schon
vor den Epidemieen des 17. Jahrhunderts sind mehrere Uebersetzungen
veröffentlicht worden.
Ich komme jetzt zu einer Zeit, die uns näher liegt (1809-15). Im Beginn
dieser Zeit war während der Dauer von mehreren Monaten die Königin
_Hortense_ von einer _Gingivitis diphtheritica_ ergriffen, ohne dass
eine Behandlung den Fortschritt des Uebels aufgehalten hätte; da starb
ihr ältester Sohn an Kehlkopfdiphtherie. Später starb ihre Mutter, die
Kaiserin _Josephine_ in einem Croupanfall, nachdem sie mehrere Tage
vorher von einer diphtherischen Pharynx-Angina ergriffen war, ohne dass
ein Arzt versucht hätte, die Krankheit in diesem Stadium zum Stillstand
zu bringen.[4]
Unvergessen ist noch die berühmte Preisaufgabe, welche der Kaiser
_Napoleon_ beim Tode des Prinzen, seines Neffen, stellte und
unvergessen noch, wie der Preis getheilt wurde zwischen _Jurine_ aus
Genf und _Albers_ aus Bremen, welche Autoren beide übereinstimmend
versichern, dass die Angina (maligna) diphtheritica und der Larynxcroup
ganz verschiedene Dinge seien.
Doch das mögen dieselben mit sich selber ausmachen. Das ist nun
einmal so mit den wissenschaftlichen Lehrmeinungen (nämlich, dass sie
immer das Unglück haben, am Richtigen und Wahren vorbeizugehen); aber
ich habe die feste Ueberzeugung, dass sowohl die Kaiserin sich ihre
Diphtherie, wie ihr Neffe seinen Croup von der Königin _Hortense_
geholt haben; und diese war doch zu jener Zeit auf’s sorgfältigste
ärztlich beobachtet. Der grosse Heilkünstler _Corvisart_ war da und
viele hervorragende Vertreter unseres Standes, sowie die Chefärzte der
in Paris vereinigten Armeen.
Das ist eine Sache, meine Freunde, welche mich wenig hoffen lässt von
weiteren Fortschritten der inneren Medicin, die von der Chirurgie weit
überholt ist.“
_Bretonneau_ fährt in seinem Exposé über die verschiedenen Arten der
Diphtherieansteckung weiter fort und führt zahlreiche Beispiele an,
welche unwiderleglich ihre Contagiosität beweisen.
Er citirt (S. 9) das bekannte Beispiel der Ansteckung des Professor
_Herpin_, welcher im Jahre 1843 von einem diphtherischen Kinde,
während er es cauterisirte, in der Weise inficirt wurde, dass etwas
vom Auswurf des Kindes ihm in die linke Nasenöffnung durch heftiges
Aushusten hineingeschleudert wurde, und der dann nicht bloss eine
richtige Diphtherie der Nase und des Rachens bekam, sondern auch
ganz merkwürdige Gesichts-Motilitäts- und Sensibilitätsstörungen,
Gaumenlähmung u. s. w. _Bretonneau_ hat die Krankengeschichte nach dem
Dictat von Prof. _Herpin_ zu Lebzeiten desselben niedergeschrieben.
_Herpin_ ist elend an den Lähmungen zu Grunde gegangen.
Auf weitere Einzelheiten werde ich noch in der historisch-kritischen
Uebersicht einzugehen haben.
[3] Bei dem heutigen Stande unserer Kenntnisse sind die oben von
_Bretonneau_ berichteten Thatsachen, betreffend das Befallenwerden
des Fötus von Pocken, ohne dass die Mutter an den Pocken erkrankt,
nicht mehr ganz unerklärlich. Wir wissen, dass unter Umständen ein
Individuum Immunität gegen sehr gefährliche Infectionskrankheiten
erlangen kann, und dass die Immunität dann bedingt wird durch
eine specifisch-chemische Veränderung des Blutes. Gerade die
besonderen Verhältnisse der Blutcirculation des Fötus, auf welche
_Bretonneau_ hinweist, und die besonderen, vom Organismus der
Mutter verschiedenen individuellen Eigenschaften des Fötus, die
eine grössere Empfänglichkeit desselben für die Pockenerkrankung
bedingen, machen es uns verständlich, dass das Pockenvirus die
Blutbahn des mütterlichen Organismus passiren kann, ohne an
denselben deutliche Krankheitserscheinungen hervorzurufen, während
der weniger widerstandsfähige, d. h. leichter empfängliche fötale
Organismus mit typischem Kranksein auf das Virus reagirt.
[4] Hier ist zu erwähnen, dass _Bretonneau_ durch seine Erfolge in
den verschiedensten Epidemieen sich zu der Ansicht berechtigt
glaubt, dass er bei rechtzeitiger Anwendung kunstgemässer
Medication den Diphtherietod, besonders bei Erwachsenen, verhüten
und den Fortschritt der Erkrankung durch locale Behandlung
aufzuhalten im Stande sei.
II.
Historisch-kritische Uebersicht
über die
epidemiologischen, klinischen und pathologisch-anatomischen
Beobachtungen.
Die vielgestaltigen Krankheitsformen, welche beim Menschen durch
die Invasion der Diphtheriebacillen erzeugt werden können, sind
als zusammengehörig erkannt und auf eine einzige Art der Infection
zurückgeführt worden durch _Bretonneau aus Tours_, welcher im Jahre
1821 das von ihm entworfene Krankheitsbild der Diphtherie in zwei
Denkschriften schilderte, die in der Academie royale de médécine
(Paris) vorgelesen und dann (1826) zusammen mit einer grösseren Zahl
anderer Arbeiten als _Traité de la diphthérite_ unter folgendem
ausführlicheren Titel veröffentlicht wurden:
„Des inflammations speciales du tissu muqueux et en particulier de la
diphthérite ou inflammation pelliculaire, connue sous le nom de croup
d’angine maligne, d’angine gangréneuse etc.“ Par _P. Bretonneau_,
médecin en chef de l’hôpital de Tours. (Chez Crevot, Paris.)
+Motto+: Few men even those of considerable capacity distinguish
accurately between opinion and fact.
_M. Moore._
In diesem Buch erweist sich _Bretonneau_ als medicinischer Klassiker
ersten Ranges. Trotz des ungemein reichen Inhalts an vorher
unbekannten, erst durch ihn selbst aufgedeckten Thatsachen, trotz der
zahlreichen, von aller landläufigen Meinung abweichenden Anschauungen,
die seinen Zeitgenossen so kühn und gewagt erschienen, dass selbst der
weitblickende _Laënnec_ erklärte, _Bretonneau_ nicht folgen zu können,
werden wir heute kaum einen Satz in dem ganzen 540 Seiten starken Buche
finden, dessen Lectüre uns ein Recht zu dem Gefühl der Ueberlegenheit
geben könnte, mit welchem wir heutzutage nur zu leicht geneigt sind,
medicinische und namentlich medicinisch-theoretische Bücher aus
früherer Zeit nach flüchtigem Einblick bei Seite zu legen.
Ich sage nicht zu viel mit der Behauptung, dass von Anfang bis zu Ende
der Inhalt dieses traité de la diphthérite noch _actuelle_ Bedeutung
für uns hat. Die schwierigsten Probleme, betreffend das Zustandekommen
der Diphtherie, ihre Uebertragung von einem Individuum auf das andere,
ihre Entstehung bei vielen Individuen gleichzeitig aus gemeinsamer
Infectionsquelle, die Ursachen des Aufhörens und des Wiederkehrens der
Epidemieen, die über das gewöhnliche Maass verringerte und vermehrte
Empfänglichkeit, die Heilung und die Immunisirung --, werden von
_Bretonneau_ nicht bloss gestreift, sondern scharf erfasst und in
einem Sinne zu lösen gesucht, des fast überall das Richtige trifft,
unter allen Umständen aber auch heute noch unsere Bewunderung seiner
kritischen Schärfe hervorruft.
Mit unbegründeten Hypothesen und Speculationen geht _Bretonneau_
mitleidslos um, wo er sie überhaupt einer Besprechung würdigt. Ein
Beispiel dafür mag hier citirt sein, welches geeignet ist, die
Abneigung unseres Autors gegen Gedankenspielerei und solche geistreiche
Hypothesen zu illustriren, die nicht durch Thatsachen gestützt sind.
_Franciscus Nola_, ein italienischer Arzt, der zu Anfang des
17. Jahrhunderts lebte und eine gute Beschreibung einer von ihm
beobachteten epidemisch auftretenden Krankheit lieferte, die aus
seiner Schilderung ganz sicher als Diphtherie erkannt werden kann,
stellte in seiner diesbezüglichen Abhandlung auch eine Theorie der
Verbreitungsweise der Krankheit auf. Nach _Nola_ ist der „morbus
strangulatorius“ zweifellos eine Infectionskrankheit. Wenn aber weiter
entschieden werden soll, ob sie von Person zu Person übertragen
wird, oder ob der Krankheitsstoff anderswoher komme, dann ist dieser
morbus nach ihm nicht contagiös, sondern, wie man in späterer Zeit
sich ausgedrückt haben würde, _miasmatisch_; und zwar sollten es nach
_Nola_ Bodenexhalationen sein, welche die Krankheit verursachen. Der
Krankheitsstoff erfahre im Boden auch eine Veränderung, eine Art
Reifung; erst erkrankten daran bloss Thiere, dann Kinder, später auch
erwachsene Menschen. „La première année (citirt _Bretonneau_), ces
exhalaisons ont occasioné une epizootie, en affectant d’abord les
animaux qu’ils se tiennent le museau plus rapproché de terre: dans les
années suivantes les enfants en furent atteints, et enfin les adultes.“
Man sollte glauben, dass diese „Bodentheorie“, welche ja im
Wesentlichen mit denselben Begriffen operirt, die noch bis in die
neueste Zeit den Hygienikern zu schaffen machen, in Anbetracht des
Umstandes, dass sie von _Nola_ _originaliter_ aufgestellt war, einige
Anerkennung verdiene; und etwas derart lässt denn auch _Bretonneau_
darüber vernehmen, wenn er sagt: „Il n’est pas sans interêt d’entendre,
sur les mêmes faits, observés dans les mêmes lieux et à la même époque,
un homme qui paraît assez disposé à se mettre en opposition avec les
idées reçues.“ Im Uebrigen aber erklärt er _Nola_ für einen Autor, der
durch solche Betrachtungen zeige, dass er noch nicht aus dem Stadium
der schriftstellerischen Lehrjahre heraus sei; die Meinung, dass die
Thiere eher erkranken als die Menschen, hält er für „puérile“ und
„paradoxale“ und bedauert dann schliesslich, dass _Nola_ nicht, statt
Phantasiegemälde zu liefern, die Thierkrankheit, von der er spricht,
ordentlich beschreibt. „_Nola_ aurait pu enrichir la science de faits
précieux, s’il eût mieux observé l’épizootie dont il parle; mais il la
décrit plus en poëte qu’en médecin et on ne peut y entrevoir qu’une
analogie fort douteuse avec l’affection épidémique.“
Sehr wenig rücksichtsvoll ist _Bretonneau_ auch gegen solche Autoren,
die durch die Macht ihres Namens und durch die Sicherheit, mit welcher
sie ihre Meinung vorbringen, die anderen Aerzte auf einen falschen Weg
locken.
Ein Beispiel hierfür giebt _Home_ ab, ein schottischer Arzt, dem
es zu verdanken ist, dass alle Welt noch bis heute eine bestimmte
Krankheitsform der Diphtherie als „Croup“ bezeichnet.
_Home_’s berühmte Abhandlung aus dem Jahre 1765 „Ueber die Natur,
Ursache und Heilung des Croup“ existirt auch in deutscher Uebersetzung
(von _Mohr_, erschienen in _Bremen_ bei _Joh. G. Heyse_ 1809); sie
hatte die Wirkung, dass die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
namentlich durch _Ghisi_ (1740) gewonnene Erkenntniss von der
Zusammengehörigkeit der Rachendiphtherie mit der Larynx-, Tracheal-
und Bronchialdiphtherie wieder verloren ging, -- ein Ereigniss,
das freilich in unserer Zeit nochmals eingetreten ist, trotz der
epochemachenden Arbeiten _Bretonneau_’s.
_Home_ hatte sich die Aufgabe gestellt, „zu zeigen (Uebersetzung S.
6), wie man die Krankheit von anderen unterscheidet, wie man ihre
Natur entdeckt; wie man die Fälle bestimmt, wo sie heilbar und nicht
heilbar ist, und wie man die bisherige Heilung in ihren verzweifeltsten
Fällen vielleicht verbessern könne“. Er fügt hier hinzu: „Der erste
Schriftsteller von einer Krankheit zu sein, keinen Beistand von
vorhergegangener Erfahrung zu haben, ist in diesen neueren Zeiten eine
etwas ungewöhnliche Lage“.
Am Schlusse seiner 66 Seiten umfassenden Abhandlung, die 12
Krankengeschichten enthält, davon mehrere mit Sectionsbefunden, welche
durch einen Wundarzt (Wood) aufgenommen wurden und meist sich auf die
Eröffnung des Kehlkopfes und der grösseren Luftröhrenäste beschränkte,
sagt _Home_ (Uebers. S. 66): „Wir haben nun unsere Untersuchung zu
Ende gebracht. Wir hoffen, dass die Thatsachen auserlesen, genau und
zahlreich genug sein werden; dass der Vortrag so wird befunden werden,
als er in der Mathematik und Naturlehre zur Entdeckung unbekannter
Wahrheiten gebräuchlich ist, und dass die Schlüsse neu, überraschend
und von den Thatsachen hergeleitet sein werden u. s. w.“
Nun geht die _Home_’sche Abhandlung in ihrer Durcharbeitung kaum über
dasjenige hinaus, was wir heutzutage als „vorläufige Mittheilung“
bezeichnen; und wenn man auch nicht grade verlangen möchte, dass er bei
einer ihm selbst so wichtig erscheinenden neuen Krankheit in seinen
litterarischen Studien bis auf _Aretaeus_ und _Aëtius_ zurückging, so
hätte er mindestens doch die damals modernen Schriftsteller kennen
müssen, welche Anfangs des 18. Jahrhunderts in Italien (besonders
_Carnevale_ und _Ghisi_) und in Spanien (_Mercatus_, Leibarzt Philipp
II.) die grossen Diphtherieepidemieen beschrieben, welche über das
südliche Europa damals dahinzogen; unter den verschiedensten Namen
allerdings: in Spanien „garotillo“ (parce que ceux qui en étaient
atteints périssaient comme s’ils avaient été étranglés avec une
corde), in _Neapel_ „male in canna“ (Luftröhrenkrankheit) affectus
suffocatorius u. s. w.
Trotzdem war es _Home_ vollständig gelungen, den Croup aus dem
Gesammtbilde der Infectionskrankheit, die wir unter dem Namen
Diphtherie als ätiologische Einheit ansehen müssen, auszuscheiden,
so dass bis zu _Bretonneau_’s Auftreten kein Arzt mehr es wagte,
auch nur an die Möglichkeit zu denken, dass der membranbildende
Krankheitsprozess im Kehlkopf in Zusammenhang stehen kann mit
dem weissen Belage, der sich auf den Tonsillen zeigt und mit den
entzündlichen Veränderungen, die im Nasenrachenraum fast ausnahmslos in
den Fällen von epidemisch auftretendem Croup zu finden sind.
Man sollte so etwas nicht für möglich halten; aber welchen Einfluss
auf die Denkweise der Aerzte die Stimme einer anerkannten Autorität
ausübt, haben wir selbst ja erfahren, bei dem Zwange, den wir uns
auferlegten, am Lebenden zu unterscheiden zwischen Croup und Diphtherie
und zwar bei denselben Individuen! Wohl haben einzelne Kliniker sich
lebhaft gegen diese Unterscheidung pathologischer Anatomen gesträubt,
und das Wort _Waldenburg_’s zu dem ihrigen gemacht: „Lassen wir
diese Unterschiede den Anatomen, wir haben mit der Diphtherie als
Infectionskrankheit zu thun.“ Und doch, der Nachwuchs der Aerzte,
dem die pathologisch-anatomischen Differenzen krankhaft veränderter
Theile an der _Leiche_ als das einzig sichere Kriterium für die
_wissenschaftliche_ Betrachtungsweise der Krankheitsprocesse immer
wieder hingestellt wurde, musste immer von Neuem erst wieder durch
die praktische Erfahrung belehrt werden, dass uns dieses Kriterium
am Krankenbett nicht bloss im Stiche lässt, sondern irreführt und am
richtigen ärztlichen Erkennen, Prognosticiren und Handeln behindert.
Man kann eine Art von Tröstung darin finden, dass es früher hierin
nicht besser ging, wie jetzt, und dass auch _Bretonneau_ schon gestehen
musste: „J’ai employé beaucoup de temps à rétourner au point où les
anciens, et surtout les auteurs du dix-septième siècle, étaient
parvenus u. s. w.“
Aber wir werden es nun auch verstehen, dass er gelegentlich seinem
Unwillen darüber Ausdruck in scharfen Worten verleiht, wie in den
folgenden: „On a peine à concevoir comment un ouvrage (das von _Home_)
qui ne contient qu’un petit nombre de faits isolés et disparates a pu
faire perdre la trace des anciennes traditions, et comment il a pu,
pendant un demi-siècle, conserver une telle influence sur l’opinion
des praticiens! Telle est cependant la vérité. Frappé du mode de
terminaison le plus ordinaire de l’angine maligne, François Home se
persuade qu’il vient de rencontrer une affection des canaux aërifères
qui avait jusque-là échappé à l’attention de ses prédécesseurs; il
croit devoir lui donner le nom populaire sous lequel il l’avait trouvée
désignée dans une province d’Ecosse; le bruit de sa découverte se
répand, et la nouvelle dénomination fascine tellement tous les yeux,
qu’elle empêche de réconnaître une maladie observée dès la plus haute
antiquité, et qui de nos jours s’accompagne de tous les symptomes sous
lesquelles elle n’a jamais cessé de se montrer.“
Nichts aber wäre verfehlter, als wenn man schliessen wollte, dass
_Bretonneau_ die Bedeutung der pathologischen Anatomie nicht erkannte,
weil er die Ueberschätzung eines einzelnen anatomischen Kennzeichens
verurtheilte, die _Home_ sich zu Schulden kommen liess.
Niemand unter seinen Zeitgenossen hat wie _Bretonneau_ mit Eifer und
Erfolg den Weg beschritten, welchen _Laënnec_ vorzeichnete, indem er
das Krankheitsbild der Tuberculose schuf, ausgehend von der häufigen
Wiederkehr eigenartiger Gebilde in den Leichen solcher Personen, die
während des Lebens an Lungenphthise gelitten hatten; dieser Weg führte
schliesslich _Laënnec_ dazu, dass er die tuberculösen Erkrankungen des
Menschen zu einer einheitlichen Krankheitsgruppe vereinigen konnte, die
sich ziemlich vollständig deckt mit derjenigen, welche jetzt durch ein
ätiologisches Moment, durch den Tuberkelbacillus, charakterisirt ist.
Wie aber dieser kühne Griff _Laënnec_’s zugleich ein glücklicher
nur dadurch werden konnte, dass er für das Zusammenlegen und für die
Trennung verschiedener Krankheitsformen im letzten Grunde doch wieder
die am _Lebenden_ gemachten Beobachtungen entscheidend sein liess,
und dass ihm der Leichenbefund nur dazu diente, um gewissermaassen
den „ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht“ der klinisch ähnlichen
Krankheitsprocesse zu finden, so ist auch _Bretonneau_ stets von dem
Studium am _lebenden_ kranken Menschen ausgegangen. Er selbst spricht
sich hierüber in folgender Weise aus (S. 5 ff.):
C’est le sentiment de M. le professeur _Laënnec_, que les maladies
ne peuvent être plus sûrement distinguées que par leurs caractères
anatomiques. Profondément imbu de cette opinion je n’ai laissé échapper
aucune occasion de multiplier mes recherches nécroscopiques pendant le
cours de l’epidémie que j’ai été a portée d’observer. Ce n’est en effet
qu’en suivant les changements d’aspect de chaque lésion morbide, et en
comparant les résultats d’un grand nombre d’observations faites dans
des temps et des lieux différents, qu’il est possible de constater les
altérations qui appartiennent à une seule et même espèce de maladie.“
60 Sectionen von Diphtherieleichen hat er bis zum Jahre 1820 ausgeführt
(S. 12) und bis zum Jahre 1826 dann noch fast ebensoviele. Dabei
ist zu berücksichtigen, dass dieselben oft unter den schwierigsten
Verhältnissen und in Privathäusern vorzunehmen waren, und dass zu
jener Zeit noch viel mehr als jetzt der Widerstand der Angehörigen
gegen die Leichenöffnungen überwunden werden musste; „aber“, fährt er
nach Schilderung dieser Hindernisse fort (S. 6): „ich würde mich der
Uebertreibung und der Undankbarkeit schuldig machen, wenn ich nicht
anerkennen wollte, dass dieselben oft durch den Einfluss von weltlichen
und geistlichen Autoritäten geebnet wurden, und wenn ich hinzuzufügen
vergässe, dass ich den Widerstand, bedingt durch Voreingenommenheit
gegen die Section, von Tag zu Tag schwinden sah. Mit ein wenig
Hartnäckigkeit (persévérance) bringt man selbst das tiefstwurzelnde
Vorurtheil zum Weichen, wenn die Leute erkennen, dass wir uns nicht
durch unseren eigenen Vortheil dabei bestimmen lassen, sondern dass wir
alle unsere Kräfte einsetzen, um für das allgemeine Wohl zu wirken.“
Die Sectionen sind stets möglichst vollständig ausgeführt worden, und
„wenn auch (S. 12) ein oder das andere Mal ein Organ, das während des
Lebens keinen Anlass zur Annahme krankhafter Veränderung bot, nicht
genauer untersucht worden ist: die Respirationsorgane wenigstens und
der Verdauungsapparat (canal digestif) sind stets mit der minutiösesten
Genauigkeit durchsucht worden“.
Zur Charakterisirung der Gewissenhaftigkeit und des Feuereifers,
mit dem _Bretonneau_ seine Aufgabe erfasste, möchte ich bloss
noch folgendes Beispiel anführen, bevor ich zum Specialinhalt des
Buches übergehe. S. 19 ff. schildert er die Beobachtung des ersten
Diphtheriefalles, der ihm zur Section kam. (November 1818.) Ein
fünfjähriges Kind mit starker Dyspnoe, fahlem Gesicht, stimmlos,
hat stinkenden Athem, zeigt über die ganze Oberfläche des Pharynx
ausgedehnte Schorfe (escarres) von schmutzig-dunkler Farbe
(grise-noire); der Puls ist ausserordentlich schnell und klein.
_Bretonneau_ stellt die Diagnose: Gangrän des Pharynx und des
Nasenrachenraumes und die Prognose absolut schlecht. Wenige Stunden
nach der Untersuchung stirbt dies Kind eines ruhigen Todes (une mort
paisible).
Trotz der nach den damaligen Anschauungen ganz gesicherten Diagnose
wird _Bretonneau_ doch durch den so schnellen Todeseintritt veranlasst,
sich die Möglichkeit der Section zu verschaffen, um die Ausbreitung und
den wahren Sitz der krankhaften Veränderungen kennen zu lernen.
Er findet ausser einem faulig zersetzten Belag auf den Mandeln und den
schmutzig-dunklen, auf der Wandung des Gaumensegels und des ganzen
Nasenrachenraumes ausgebreiteten Schorfen einen Belag von unrein
weisser Farbe (teinte d’un blanc mat), welcher sich in den Kehlkopf
hinein fortsetzt. Merkwürdig war nun, dass die Gangrän nirgends, wie
man das bei einem so unheimlich schnellen Verlauf erwarten sollte,
in die Tiefe des Gewebes gedrungen war, und dass auch sonst der
Leichenbefund nicht dafür sprach, dass hier überhaupt eine Gangrän im
eigentlichen Sinne des Wortes vorlag.