Verwechslung von »Kleinasien« und »Sawâd«. Der Sawâd, der dunkle
Alluvialboden, ist die frühere arabische Bezeichnung für das
babylonische Tiefland am Unterlauf des Tigris und des Euphrat, das
Kernstück des Irak oder des heutigen türkischen Vilajets von Bagdad.
Kleinasien dagegen, d. h. die Halbinsel Anatolien, ist erstens kein
Land mit schwarzem Alluvialboden, zweitens ist es nicht von Tausenden
von Kanälen bewässert worden, und drittens war es vor 1200 Jahren nicht
ein Bestandteil des arabischen, sondern des byzantinischen Reichs und
zahlte seine Steuern nicht nach Bagdad, sondern nach Konstantinopel.
Auch ist es nie »eine Satrapie« des persischen Reichs gewesen, und
vollends nicht die höchstbesteuerte. In demselben Zeitungsartikel wird
dann weiter von den »gewaltigen Petroleumquellen Babyloniens« geredet,
die das russische Erdölgebiet am Kaspischen Meer an Ergiebigkeit um das
Zehnfache übertreffen sollen. Petroleumquellen sind in Babylonien nicht
bekannt, und daß die weiter nördlich liegende mesopotamische Naphtha-
und Asphaltzone zehnmal reicher sein soll, als die Lager von Baku,
wäre interessant, wenn es bewiesen wäre. Vorläufig aber ist es reine
Phantasie.
Wir müssen im Gebiet der Bagdadbahn und ganz besonders in dem
mesopotamisch-babylonischen Stromlande beachten, daß es dort zwei
grundverschiedene Arten von Kulturland gibt. Die eine Art ist _vom
Regen bewässertes Land_; die andere bedarf zur Hervorbringung
irgendwelcher Früchte in jedem Falle _künstlicher Bewässerung_
vermittels fließenden Wassers. Ich habe auf vielerlei Kreuz- und
Querzügen im Winter 1900/1901 mein Augenmerk hauptsächlich darauf
gerichtet gehabt, festzustellen, wieweit sich im Altertum die Zone der
auf Regenfall gegründeten Ackerbaukultur in Mesopotamien erstreckt hat.
Ich kann für die Einzelheiten auf die Beschreibung meiner Reise in den
»Preuß. Jahrb.« verweisen und gebe an dieser Stelle nur ein kurzes
Resümee meiner persönlichen Studien, indem ich dabei das wesentliche
von anderen neuerdings bekannt gewordenen Forschungsreisen in jenen
Gebieten, die sich mit demselben Thema beschäftigen, namentlich die
Veröffentlichungen des Freiherrn Max v. Oppenheim, mit meinen eigenen
Erfahrungen verbinde. Unzweifelhaft ist ein viel größerer Teil
Mesopotamiens, als man gewöhnlich bisher anzunehmen geneigt war, im
Altertum und während des früheren Mittelalters, d. h. bis ins achte
und zehnte Jahrhundert, bebaut und besiedelt gewesen, und ich habe als
Resultat aller darauf verwandten Studien gefunden, daß in der _äußeren
Natur seit jener Zeit keinerlei Umstände eingetreten sind, aus denen
man genötigt wäre zu folgern, jene blühenden Zustände ließen sich heute
nicht mehr durch geeignete Maßnahmen_ herstellen. Daß diese Tatsache,
die Nichtänderung des Klimas in historischer Zeit, von entscheidender
Wichtigkeit für die Besiedelungs- und Kultivierungsfrage ist, braucht
wohl nicht erst besonders hervorgehoben zu werden.
Während heutzutage sich nur noch eine ganz schmale Kulturzone vom
Rande des iranischen Hochlandes östlich Mossul längs des Tigris und
des sogenannten Tur Abdin westwärts über den Euphrat hinüber bis
nach Nordsyrien hineinzieht, eine Zone, die so schmal ist, daß sie
öfters fast vollkommen von der »Wüste« unterbrochen wird, war der
ganze nördliche und nordwestliche Teil Mesopotamiens, dazu das ganze
im engeren Sinne assyrische Gebiet, d. h. das Dreieck zwischen dem
Tigris, dem untern Sab und dem Hochlande, schon um das Jahr 1000 v.
Chr. so dicht bevölkert, wie wahrscheinlich nur noch ganz wenige Teile
der damals besiedelten Welt. Nur das Alluvialland am Unterlauf der
großen Ströme mag schon zu jener Zeit eine noch stärkere Bevölkerung
ernährt haben. Die beiden Flüsse Chabur und Belich, die heute fast
von ihren Quellen an bis zur Mündung in den Euphrat durch völlig
wüstes Land fließen, strömten damals auf dem größten Teil ihres
Laufes durch eine breite Kulturzone, wie das zuerst Freiherr Max v.
Oppenheim während seiner im Jahre 1899 unternommenen Reise durch den
Nordwesten Mesopotamiens in Ergänzung zu meinen mehr nach Norden und
Osten gerichteten Studien in dankenswerter Weise festgestellt hat. Ich
meinerseits kann aus eigenem Augenschein berichten, daß sich vom Tur
Abdin ab nach Süden sowohl in der Gegend von Veranscheher bei Urfa als
auch von Nsebin aus, dem alten Nisibis, als auch endlich noch weiter
ostwärts, das ganze Land weit und breit von einer solchen Menge alter
Tells erfüllt zeigt, deren jeder die Lage einer antiken Stadt oder
eines Dorfes bezeichnet, daß allein nach diesem Kennzeichen zu urteilen
die Bevölkerung Nordmesopotamiens zur assyrischen, römischen und
sassanidischen Zeit mindestens so dicht gewesen sein muß, wie die einer
beliebigen Ackerbaulandschaft des damaligen Europa. Es spricht aber
nicht nur dieser direkte Augenschein für die Quantität und Qualität
der alten Kultur, sondern wir können überhaupt erst dann, wenn wir die
Voraussetzung starker Bebauung und Bevölkerung in diesem Gebiete für
das Altertum machen, die historischen Nachrichten begreifen, die wir
über ihre Schicksale besitzen. Um nur eins zu nennen, so hören wir bei
römischen wie bei orientalischen Schriftstellern in gleicher Weise
von langen und hartnäckigen Kriegen erzählen, die seit den Zeiten der
ausgehenden römischen Republik bis auf die Epoche des aufkommenden
Islams hin zwischen dem römischen Reiche und den östlichen Großstaaten,
Armenien, Parthien und dem sassanidischen Persien, gerade um dieses
Stück von Vorderasien geführt worden sind. Man kann ohne Übertreibung
sagen, daß ein halbes Jahrtausend lang wahre Ströme von Blut um die
Landschaften, deren Zentren Urfa (das alte Edessa) und Nisibis sind,
vergossen wurden. Vom zweiten bis ins vierte Jahrhundert hinein
überwog in diesen Kriegen die Kraft des Abendlandes; danach die des
Orients. Trajan eroberte Mesopotamien und der Norden des Stromlandes
blieb seitdem beim Reich. Jovian, der Nachfolger des unglücklichen
Julianus Apostata, mußte fast alles an die Perser abtreten, um sich
von den nachdrängenden Feinden, die ihn auf dem linken Ufer des
Tigris in der Gegend von Tekrit eingeschlossen hielten, um diesen
Preis den Übergang zurück über den Strom und die Heimkehr mit dem
Heere zu erkaufen. Von diesem für Rom so verhängnisvollen Jahre 363
an haben die Kriege zwischen den Imperatoren und den Sassaniden
um Mesopotamien auch nicht während eines einzigen Menschenalters
aufgehört, bis der hereinbrechende Arabersturm das persische Reich vom
Erdboden hinwegfegte und die Byzantiner über den Taurus hinüber in die
Defensive zurückwarf. Einen solchen Verlauf der Geschichte des Landes
kann man nur verstehen, wenn man weiß oder annimmt, daß es reich und
bevölkert gewesen ist. Bei dem Zustande, in dem sich Mesopotamien nach
Menschenzahl, Reichtum und Anbau heutigestags befindet, wäre es sowohl
für den Besitzer, der es verteidigt, als auch für den Prätendenten,
der es erstrebt, eine Torheit, soviel Blut um das Land zu vergießen,
denn es ist zu mehr als neun Zehnteln eine Wüste, in der nichts
wächst außer dürrem Steppenkraut, und wo noch keine Viertelmillion
seßhafter Einwohner und einige Zehntausende armseliger Beduinen leben.
Und dennoch bedürfte es auch heute keiner weiteren Veränderung,
als der politischen Sicherheit für den Ackerbauer, damit der Pflug
wiederum wie vor 1000 und 2000 und wohl auch 3000 und 4000 Jahren
über die tiefgründige braune Ackererde geht und Weizensaat, Gerste
und Baumwolle abermals der Ernte entgegenreifen. Ich habe Tagereisen
weit in der sogenannten Wüste fern von jeder dauernden Ansiedelung
kleine Stückchen Gerstensaat gefunden, die von den arabischen Nomaden
angelegt werden, um etwas Kraftfutter für ihre Pferde zu bekommen. Die
Leute kratzen den Boden in der primitivsten Weise auf, streuen die
Gerste hinein und kommen wieder, wenn es Zeit zur Ernte ist. Das ist
ein Beweis dafür, daß die Menge des jährlich fallenden Regens heute
noch wie damals hinreichend ist, um Ackerbau zu ermöglichen. Aber auch
wenn dieses Zeugnis nicht existierte, so müßte man es doch den Leuten
im Lande glauben, die nach ihrer Erkenntnis und Erfahrung versichern,
daß man Weizen und was man sonst wolle drinnen in der Wüste ganz
ebensogut bauen könne, wie weiter nach Norden und Nordosten am Rande
des Berglandes auch noch unter dem freilich sehr ungenügenden Schutz
der schwachen türkischen Regierungs- und Militärgewalt längs der großen
Verkehrsstraße von Konstantinopel nach Bagdad. Die klimatischen wie die
Bodenverhältnisse sind hier wie dort dieselben. Wollte aber ein Bauer
den praktischen Versuch wagen, sich beispielsweise auch nur eine halbe
Stunde südwärts von dem jetzigen mit einer kleinen Garnison belegten
Städtchen Nsebin in der »Wüste« anzusiedeln oder ein Stück Feld dort
zu bestellen, so würden bei der ersten besten Gelegenheit die Beduinen
ihn aufgreifen und zur Erpressung eines Lösegeldes gefangen mit sich
fortschleppen, oder wenn nicht das, so würden sie seine Saat, bevor
er sie geerntet hat, ohne Umstände für sich nehmen. Mehr aber als der
Beseitigung dieser politischen Unsicherheit bedarf es nicht, um das
alte Leben und den alten Segen des Landes wieder erstehen zu lassen.
Die Bevölkerung, d. h. die Bauernschaft, würde mit Freuden, sobald
sie nur ihres Lebens und ihres Eigentums sicher wäre, sich ausdehnen,
in die Wüste hinein sich ausbreiten und Land unter den Pflug nehmen;
die Dörfer würden nicht zu Dutzenden, sondern zu Hunderten in wenigen
Jahren entstehen. Nur am Nordfuße der das obere Mesopotamien in
westöstlicher Richtung durchziehenden Sindschargebirgskette habe ich
eine mehrere Stunden breite Zone sterilen salzigen Bodens gefunden.
In diesem Landstrich fehlen aber auch die bis dahin den von Norden
her kommenden zu beiden Seiten bis an die Grenze des Gesichtskreises
in massenhafter Menge begleitenden Tells vollständig -- ein Beweis
dafür, daß die Gebiete wirklicher physischer Unfruchtbarkeit heute wie
im Altertum dieselben sind. Aber nicht nur im Norden und Nordwesten
des Landes, im Gebiet der vom Tur Abdin herabströmenden wasserreichen
Flüsse und Bäche, deren Reichtum heute unbenutzt verbraust, hat im
Altertum eine starke Kultur existiert, sondern selbst noch auf der
Südseite des Sindschargebirges, wo es keine das ganze Jahr über
fließenden Wasseradern oder doch nur eine einzige größere dieser Art
gibt, den Fluß Tharthar, reicht der Regen noch eine Strecke weit nach
Süden in die Steppe hinein aus, um dauernde menschliche Ansiedelungen
zu ermöglichen. Die Menge der Tells, die man von den südlichen
Vorhöhen des Sindschar aus nach Süden in der Ebene erblickt, beweist
es deutlich, daß mindestens noch eine und an manchen Punkten auch zwei
Tagereisen weit der Anbau in früherer Zeit dorthinein vorgedrungen
war. Auch die Lage der großen und reichen Stadt Hatrae, deren Ruinen
am Unterlauf des Tharthar das Staunen der Reisenden erregen, die in
dieses von Europäern nur sehr selten besuchte Gebiet gelangen, beweist
dasselbe. Und was soll man vollends dazu sagen, daß die Ursprungsgegend
der assyrischen Kultur, das Stammgebiet des späteren Großreichs von
Ninive, nicht etwa auf dem linken Tigrisufer in der wohlbewässerten und
regenreichen Hügellandschaft zwischen Tigris und Sab liegt, sondern
auf dem rechten. Es war Assur, heute Ruinen bei Kalat-Schergat. Man
sieht daraus deutlich, daß am Ende des zweiten und zu Beginn des ersten
Jahrtausends v. Chr. Geburt, wo wir zuerst von der Existenz der Stadt
und des Reiches von Assur etwas hören, diese heutzutage fast vollkommen
wüsten, unbevölkerten und unbebauten Bezirke eine so große Ackerbau
treibende Bevölkerung ernährt haben, daß der Umfang ihrer Hauptstadt,
wie die heutigen Überreste beweisen, nur um ein weniges kleiner war,
als der Raum, den die Wälle der großen Weltstadt Ninive umschließen.
Alles vom Regen bewässerte Land in Mesopotamien harrt also, wie gesagt,
nur des Pfluges, der es wieder unter Kultur nimmt. Anders, auf der
einen Seite schwieriger, auf der andern Seite weit mehr versprechend,
liegen die Dinge im Süden des Stromlandes, im alten Babylonien. Die
Araber nennen das ganze Alluvialgebiet, so weit es von den Ablagerungen
der Ströme und ihrer Tributäre bedeckt ist, den _Sawâd_, d. h. den
dunklen, den schwarzen Boden. Etwa von der Breite der Naphthastadt
Kerkuk an hört die Menge des Regenfalles auf, für den Anbau des Landes
zu genügen, und die künstliche Bewässerung tritt, erst ergänzend,
danach als Alleinherrscherin, an die Stelle. Vollends im eigentlichen
Babylonien kann nur durch ihre Hilfe von Kultur die Rede sein.
Die Kultur der alten Babylonier beruhte durchweg auf der Kanalisation
ihres Landes. Vom Euphrat und vom Tigris sowie von den westlichen,
dem Iranischen Hochland entströmenden Nebenflüssen des Tigris zweigte
sich eine Anzahl großer Magistralkanäle ab und bildete zunächst ein
großmaschiges Netz breiter künstlicher Wasseradern. Die Hauptlinien
dieser alten Kanäle erster Ordnung sind heute noch ausnahmslos teils
erhalten, teils in ihrem Lauf mit hinreichender Deutlichkeit zu
verfolgen; nur an einigen wenigen Stellen sind sie auch noch, wenn auch
in sehr bescheidenem Maße, in Funktion. Man könnte auch gegenwärtig
nichts Klügeres und Besseres tun, als im wesentlichen das alte Netz
wieder herzustellen. Allerdings müßte man dabei mindestens für die
erste Zeit der Wiederkultivierung des Landes darauf verzichten, es
in seinem ganzen Umfang wieder für den Anbau zu gewinnen. Gut zwei
Drittel seines Areals sind durch die über ein Jahrtausend währende
Vernachlässigung in einen Zustand versetzt worden, der so kostspielige
und weitausgreifende Anlagen zur Beseitigung des herrschenden Übels
erfordern würde, daß davon noch auf lange hinaus wird abgesehen werden
müssen. Sowohl der Euphrat als auch der Tigris sind so geartet, daß
sie im Frühling alljährlich zur Zeit ihres Hochwassers das ganze
Land an ihrem Unterlauf weit und breit überschwemmen und dabei eine
Menge Sedimente zurücklassen. Diese Schlammablagerungen sind an den
Rändern des Strombettes am stärksten, und daher kommt es, daß sich
zu beiden Seiten des Wasserlaufes eine Erhöhung der Anschwemmungen,
ähnlich einem breiten flachen Damme bildet, so daß das umliegende
Land in weiterer Entfernung schließlich selbst tiefer zu liegen
kommt, als der Stromspiegel selbst. Bei diesem Sachverhalt kommt
alles darauf an, durch ein umsichtig angelegtes und unausgesetzt
überwachtes und erhaltenes System von Dämmen, Wasserdurchlässen und
Schleusen die namentlich zur Frühjahrszeit rasch und reißend strömenden
Wassermassen unter Kontrolle zu behalten. Es müßten jederzeit große
Menschenmengen auf einen Wink von leitender Stelle bereit stehen,
um an einem gefährdeten Punkt in größtmöglicher Eile die nötigen
Arbeiten, sei es öffnender, sei es schließender Natur, vorzunehmen.
Zur Zeit Alt-Babylons, wohl auch zur früheren persischen und sicher
zur sassanidischen Zeit, funktionierten diese Anlagen gut. Nach der
arabischen Eroberung verfielen sie aber und es bildeten sich teils
Trockensteppen, teils Sümpfe.
Für die Wiederherstellungsarbeiten wäre an folgende Gegenden zunächst
zu denken: 1. Das Zwischenstromland von Feludscha bis zu den Ruinen
von Kufa am Euphrat, von Samarra bis Kut el-Amara am Tigris. 2. Das
Land auf dem linken Tigrisufer von Tekrit bis Bagdad. 3. Der alte
Nihrawanbezirk zwischen dem Nahr Adhem, dem östlichen Gebirge und
dem Tigrislauf bis Kut el-Amara, in früherer Zeit hauptsächlich
das Bewässerungsgebiet der Dijala. Innerhalb dieser drei Regionen
sind selbst heute noch hier und da größere Überreste der einstigen
Bodenbebauung vorhanden; hier läßt sich das Kanalnetz, das sich
Jahrtausende hindurch bewährt hatte, bevor es in Verfall geriet,
überall noch in seinen Spuren verfolgen, ja was an funktionierenden
künstlichen Wasserläufen überhaupt noch vorhanden ist (wie klein
und dürftig waren aber die wasserführenden Adern, über die ich
zwischen Bagdad und Babylon gefahren bin!), das verläuft in den
alten Betten; hier endlich spielt die Frage der Uferbefestigung und
Laufregulierung bei den Strömen selbst noch nicht entfernt die Rolle,
wie weiter unterhalb. Es handelt sich innerhalb des umschriebenen
Gebietes um sechs oder sieben große Magistralkanäle, die in ihrer
Richtung und Anlage allesamt noch wohl erkennbar, teilweise auch an
ihren Ausgangspunkten sogar noch wasserführend sind, nämlich 1. der
Isakanal, 2. der Sarsarkanal; diese beginnen beide nicht weit von dem
heutigen Örtchen Feludscha am Euphrat und mündeten unterhalb Bagdad
nahe beieinander in den Tigris, 3. der mächtige Nahar Malka oder
Königskanal, der unterhalb Feludscha sich aus dem Euphrat abzweigt
und früher die Hälfte des Euphratwassers in südöstlicher Richtung
direkt auf Seleukia-Ktesiphon zu und dort in den Tigris führte, 4. der
Nilkanal, der oberhalb Babylons beginnt und in früherer Zeit einen
Arm gleichfalls nach Seleukia, einen anderen nach der Gegend von Kut
el-Amara entsandte. Diese vier Kanäle mit ihren Verzweigungen bildeten
das nordbabylonische Zwischenstromsystem. 5. Das große Nihrawansystem,
dessen Hauptadern das Wasser der Dijala über das ganze Gebiet zwischen
Bagdad, Kut el-Amara und dem Gebirge verteilten. Ein besonders
breiter und schiffbarer Arm mündete gerade gegenüber dem Ausfluß des
nördlichen Zweiges des Nilkanals bei Seleukia-Ktesiphon und stellte
auf diese Weise eine ununterbrochene direkte Wasserverbindung für
den Gütertransport vom Ausgang der medischen Pässe bis nach Babylon
und Kufa samt allen Landschaften am unteren Euphrat her; ebenso auch
in umgekehrter Richtung. 6. Der Katulkanal -- von einem Punkte etwas
unterhalb Tekrit am Tigris in südöstlicher Richtung, den Nahr Adhem
schneidend, zur Dijala, die östlichen Uferbezirke des Tigris mit Wasser
aus dem Strome speisend.
Über den Umfang des babylonischen Kulturlandes im Altertum ist es aus
dem Grunde nicht leicht, zahlenmäßige Angaben zu machen, weil noch
keine genügenden Untersuchungen darüber angestellt sind, wieweit
sich die Überreste der früheren Besiedlung, die sogenannten Tells,
namentlich nach Osten und Westen gegen die arabische Wüste und gegen
das iranische Hochland zu ausdehnen. Auf jeden Fall viel zu groß ist
die arabische, von Sprenger in seinem Buche über Babylonien als das
reichste Land der Vorzeit übernommene Angabe, der Sawâd sei, nach
modernem Flächenmaß, 24 Millionen Hektar, 240000 Quadratkilometer,
groß gewesen. Die Wiedergabe jener alten Berechnung durch Sprenger ist
längere Zeit hindurch, auf Sprengers Autorität hin, ohne Nachprüfung
übernommen worden, so anfangs auch von mir, bis Hermann Wagner auf
Grund einer genauen Oberflächenberechnung nachwies, daß die Vorstellung
von 240000 Quadratkilometer weit übertrieben war. Wenn man alles
Land, das aus dem Euphrat, dem Tigris und dessen Nebenflüssen den
Höhenverhältnissen nach Wasser zugeleitet erhalten _kann_, in Betracht
zieht, so muß man die 240000 Hektar fast auf die Hälfte reduzieren, und
wenn man sich auf diejenigen Flächen beschränkt, wo die Bewässerung
unter den heutigen Verhältnissen der Strömung praktisch mit Vorteil
erfolgen kann, so muß man noch weiter heruntergehen. Willcocks, die
erste Autorität auf diesem Gebiet, berechnet Babylonien zwischen und
unmittelbar neben den Strömen auf 5,6 Millionen Hektar. Aus dieser
Gesamtsumme der Ländereien sondert er aber die Hälfte, 2,8 Millionen
Hektar, als vorzugsweise geeignet aus, und für den Augenblick
beschränkt er sein Programm sogar auf ein noch kleineres Areal: ca. 1,3
Millionen Hektar. Die türkische Regierung hat ihm noch unter dem alten
Regime die Ausarbeitung eines genauen Planes für die Wiederherstellung
der alten Bewässerung im Irak aufgetragen und ihm die Leitung der zu
Ausführung gelangenden Arbeiten zugesagt. Über seine Pläne hat er einen
kurzen aber inhaltreichen Bericht an das Gouvernement in Konstantinopel
eingereicht, der in der bereits erwähnten Denkschrift des türkischen
Ministeriums der öffentlichen Arbeiten über Eisenbahnbauten und
Kulturarbeiten vom Jahre 1909 publiziert ist (französisch). Etwas
später, am 15. November 1909, entwickelte Willcocks seine Ansichten
auch in einem Vortrag in der Königlich Geographischen Gesellschaft
in London. Er ist gedruckt im Januarheft 1910 des »Geographical
Journal« der Gesellschaft. K. Ch. Christiansen hat im Septemberheft
der Hettnerschen Geographischen Zeitschrift, 1910, einen Artikel über
die künstlichen Bewässerungspläne Babyloniens publiziert, der das
Wesentliche der Willcocksschen Pläne wiedergibt.
Auch für Willcocks handelt es sich im Prinzip um die Wiederherstellung
des früheren Zustandes innerhalb des antiken Kulturgebiets.
Ursprünglich nahm er sogar ziemlich genau die oben unter Nr. 1-6
aufgezählten alten Kanäle in Aussicht. In dem Vortrag in der
Geographischen Gesellschaft in London, den wir oben erwähnten, und der
anscheinend seine jetzigen Ansichten wiedergibt, findet sich allerdings
ein bemerkenswerter Wechsel vollzogen, und auch die Karte, die dem
Januarheft des Geographical Journal 1910 beigegeben ist, zeigt, daß
Willcocks die Wiederherstellung gerade des berühmten Nihrawânkanals,
der vom Unterlauf der Dijala abzweigte und einen großen Teil des Landes
zwischen dem Gebirge und dem linken Tigrisufer bewässerte, aufgegeben
hat. Auch sonst fällt an dieser Karte auf, daß sie in verschiedenen
Stücken nicht mit der offiziellen Denkschrift stimmt, die Willcocks
der türkischen Regierung überreicht hat. Nach dieser sollen z. B.
2000 Quadratkilometer durch Entwässerung des Sumpfgebiets von Kurna
gewonnen werden, wo ein Teil des Euphratwassers sich mit dem Tigris
vereinigt. Die zum Londoner Vortrag gehörige Karte zeigt hier nichts
von Bewässerungsplänen.