Angora geführt worden war, zeigten sich ihre günstigen Wirkungen auf
den Getreidebau in den von ihr erschlossenen Gebieten. Namentlich
die Weizenproduktion nahm ganz erheblich zu, und die Folgen davon
äußerten sich sowohl in der Vermehrung der direkten Staatssteuern, des
sogenannten Zehnten (in Wirklichkeit Achten) vom Ertrage des Ackers,
den die Regierung erhebt, als auch in der Vermehrung der Transporte
und der spürbaren Verminderung der zu zahlenden kilometrischen
Garantiequote. Dabei handelte es sich aber nur um Ländereien, die
allein auf den vorhandenen jährlichen Regenfall hin neu unter den Pflug
genommen worden waren. Ein großer Teil des anatolischen Hochlandes
liegt innerhalb der Zone genügenden Regenfalls, namentlich der Norden
und der Westen der Halbinsel. Anders dagegen steht es mit denjenigen
Strichen der Südhälfte, die direkt im Regenschatten des hohen Taurus
hegen, der zwischen den alten Landschaften Cilicien und Lykaonien
als eine die feuchten Winde vom Mittelmeere her absperrende Mauer
aufragt. Infolgedessen dehnt sich hier ein großes Trockengebiet aus,
in dessen tiefster Stelle der mächtige Salzsee Tus Tschöllü liegt.
Zum Teil ist diese abflußlose Depression eine salzige Wüste, zum Teil
eine Steppe, in der es gar nicht oder nur schwer möglich ist, Ackerbau
ohne künstliche Bewässerung zu treiben. Schon im Altertum hieß dieses
ganze Gebiet »Axylos«, d. h. das baumlose Land. Es ist daher kein
Wunder, wenn die sogenannte Koniastrecke der anatolischen Bahn und
das Anfangsstück der Bagdadbahn von Konia bis Bulgurlu allein für
sich nicht eine ähnliche Belebung der Ackerbauproduktion hervorrufen
konnten, wie eine solche an der Angoralinie stattgefunden hat. Soll
auch im Süden der Getreidebau gehoben werden, so muß Bewässerung
geschaffen werden, und um eine solche ins Werk zu setzen, hat man sich
schon vor einigen Jahren zu der Ausführung eines großen Projekts in der
Ebene von Konia, bei dem Dorfe Tschumra, 40 Kilometer östlich von Konia
gelegen, entschlossen. Seine physikalisch-technischen Voraussetzungen
sind im Grunde sehr einfach, aber die Ausführung der Idee erfordert bei
den Dimensionen der Verhältnisse doch große Mittel. Etwa 90 Kilometer
nach Westen gegen den Taurus zu von Konia entfernt, liegt der See
von Beyschehir, eine bedeutende Wasserfläche beinahe vom doppelten
Umfange des Genfer Sees. Der See hat bei der Stadt Beyschehir einen
kräftigen Abfluß, der die Richtung auf die Ebene von Konia zu nimmt.
Er gelangt aber nicht bis dorthin, sondern fällt noch nicht halbwegs
in ein zweites Becken, den See von Karaviran, dessen Boden in einer
felsigen Bucht nahe dem südlichen Gestade große, in unbekannte Tiefen
hinabführende Spalten im Gestein aufweist. Diese Schlote verschlingen
den größten Teil des vom Beyschehir-See hineinströmenden Wassers. Wo
die Wassermenge in der Tiefe bleibt, ist bisher noch nicht bekannt
geworden. Ein anderer Teil des Wassers geht in dem teilweise von hohen
Bergen umschlossenen glühend heißen Kessel des Karaviransees durch
Verdunstung verloren. Nur wenn sehr starke Regengüsse die Menge des von
Beyschehir herkommenden Wassers bedeutend vergrößeren, fließt auch der
Karaviransee in der Richtung auf die Koniaebene zu über und führt sein
Wasser durch ein wildes Felsental, die Tscharchambeschlucht, ab. Aus
dieser gelangt es etwas oberhalb des Dorfes Tschumra in die eigentliche
Ebene und verläuft sich dort jenseits des Dammes der Bagdadbahn ins
Weite. Die Station Tschumra ist etwa 40 Kilometer von Konia entfernt.
Will man nun den Abfluß des Sees von Beyschehir dauernd und in vollem
Umfange für Bewässerungszwecke in der Koniaebene nützlich machen, so
muß das Becken von Karaviran durch einen Kanal umgangen werden, der das
Wasser das ganze Jahr hindurch in die Tscharchambeschlucht und weiter
nach Tschumra führt. Die auszuführenden Arbeiten zerfallen also in vier
Teile: 1. Die Erbauung eines Wehrs zur Regulierung der Ausflußmenge bei
Beyschehir, 2. den Kanal um das Becken von Karaviran, 3. die Reinigung
der Tscharchambeschlucht von den hineingeschwemmten Geröllmassen
und 4. die Erbauung eines Systems von Zubringe-, Verteilungs- und
Abflußkanälen in der Fläche zu beiden Seiten der Eisenbahn. Vorläufig
ist dort für die Bewässerung ein Areal von ca. 46000 Hektar in Aussicht
genommen. Zusammen mit dem in der Gegend bereits erzeugten Getreide
hofft man durch die Ausführung des Bewässerungsplanes die jährlichen
Frachten von Konia zum Bosporus auf 20000 Waggons jährlich steigern
zu können. Vielleicht ist das eine etwas optimistische Rechnung, aber
wenn es hernach auch etwas weniger Waggons sein sollten, so wird die
Vermehrung der Frachten in jedem Falle das finanzielle Betriebsergebnis
auf der sogenannten Konialinie der anatolischen Bahn günstiger
gestalten. Dazu kommt die Verbesserung in der Verproviantierung von
Konstantinopel mit einheimischem türkischen Getreide, die Vermehrung
der Bevölkerung und die Erhöhung der Staatseinkünfte. Besitzerin des
zu bewässernden Landes ist im wesentlichen die türkische Regierung.
Die Regierung will auch, wenn alles fertig ist, die Ansiedlung von
Bauern im Bewässerungsgebiet vornehmen, und in ihrem Auftrage werden
die Arbeiten durch eine besondere, unter Leitung der Deutschen Bank
stehende Gesellschaft ausgeführt. Der Kostenanschlag beläuft sich auf
ca. 20 Millionen Franken.
Wenn man den Umfang des Projekts damit vergleicht, was im Gebiet von
Bagdad, dem alten babylonischen Alluvialland, geschehen soll, und
selbst mit den Projekten in der cilicischen Ebene, so scheint es sich
nicht um eine besonders große Arbeit zu handeln. Nachdem aber seit
Jahrzehnten von der Wiedereinführung der alten Bewässerungskultur
im türkischen Orient die Rede gewesen ist, hat hier zum erstenmal
ein solches Projekt wirklich das Stadium der bloßen Erwägungen und
Vorbereitungen überwunden und ist in der Ausführung begriffen. Es ist
kaum zu viel gesagt, wenn allerseits darauf hingewiesen wird, daß der
Erfolg der Arbeiten von Beyschehir und Tschumra wahrscheinlich auf
längere Zeit hinaus von entscheidender Vorbedeutung für viele andre
ähnliche Pläne sein wird. Daran, daß die Sache technisch zu machen
ist, kann natürlich nicht gezweifelt werden. Wie sich herausgestellt
hat und wie ich bei meinem Besuch an den verschiedenen Arbeitsstellen
in der Nähe von Tschumra auch selbst bestätigt sah, hat man es schon
in früherer Zeit mit Erfolg versucht, das Wasser von Beyschehir in
die Koniaebene zu bringen. Die Ingenieure erzählten mir, daß im
Karaviranbecken sogar die Spuren dreier verschiedener Arbeitsepochen
sichtbar seien. Es haben sich dort Reste von künstlichen Verschlüssen
in den Schlünden gefunden, durch die das Wasser unterirdisch abfließt,
und außerdem hat früher einmal ein Damm die Bucht des Karaviransees,
wo der unterirdische Abfluß stattfindet, von der übrigen Fläche des
Sees abgesperrt; mindestens ist versucht worden, einen solchen Damm
aufzuschütten. Das letzte Experiment vor den gegenwärtigen Arbeiten,
gleichfalls ein Umgehungskanal, ist verunglückt. Die Rinne um den
Karaviransee war schon zum größten Teil ausgehoben, als bemerkt worden
sein muß, daß man viel zu tief hinabgeraten war, um noch im richtigen
Niveau auf die Tscharchambeschlucht zu treffen; danach ist jene Arbeit,
die, nach dem scheinbaren Alter ihrer Spuren zu schließen, kaum vor
sehr langer Zeit unternommen worden sein kann, liegengeblieben. Daß in
irgendwelcher Vorzeit ausgiebige Wassermengen, sei es auf natürlichem,
sei es auf künstlichem Wege, aus dem See von Beyschehir in die
Ebene gelangt sind, würde allein schon daraus hervorgehen, daß sich
hier verschiedene recht große, alte Siedelungshügel (arabisch Tell,
türkisch Hujuk) befinden. Die Städte, deren einstiges Vorhandensein
derartige Tells jedesmal bezeugen, hätten nie existieren können,
wenn ihre Bewohner nicht die Ebene in bedeutendem Umfange bewässert
hätten. Die Reste einer schönen, alten Mauer aus Quadern, die
nichts andres gewesen sein kann, als die Basis eines großen antiken
Stauwerkes, und zwar fast genau an derselben Stelle, wo der jetzige
Hauptverteilungsdamm für das Wasser erbaut wird, habe ich außerdem
selbst noch gesehen. Sie wurden gerade von Arbeitern weggesprengt,
um Platz für das neue Kanalwerk zu machen. Nun kommt es aber darauf
an, wie groß sich die Unterhaltungskosten und der materielle Gewinn
für die Regierung als die eigentliche Unternehmerin des Ganzen und
für die Bauern als die Pächter des Wassers herausstellen wird. In
dieser Beziehung sind moderne Erfahrungen in ähnlichem Umfange im
Orient bisher noch nicht gemacht worden. Das große Nilstauwerk bei
Assuan in Oberägypten kann deshalb nicht zum Vergleich herangezogen
werden, weil es sich um ganz andersartige Verhältnisse und um eine
mit unbeschränkten Mitteln in direkter staatlicher Regie ausgeführte
Sache handelt. Am ähnlichsten liegen die Verhältnisse noch am Murghab
in der Oase von Merw im russischen Turkestan, wo die Russen versucht
haben, den alten Damm Sultan-Bend, der die Bewässerung von Merw im
Altertum und im Mittelalter regelte, mit den Mitteln der heutigen
Technik wiederherzustellen. Dieser Versuch ist gescheitert. Die
russischen Ingenieure sind nicht imstande gewesen, mit Zement, Beton,
Quadermauerwerk und Maschinen das zu erreichen, was die einheimischen
Wasserbaumeister vor Jahrhunderten und Jahrtausenden erreicht haben.
Was am Murghab schließlich, nachdem viele Millionen verloren waren,
zustande gebracht wurde, ist etwas viel Kleineres, als was ursprünglich
geplant war, und dem entspricht auch die mäßige daraufhin in Kultur
genommene Fläche. Der Murghab, der die russischen Dammbauten mit seinem
Hochwasser zerstört hat, ist aber ein sehr viel größerer Fluß, als der
Ablauf des Beyschehirsees je werden kann. Das große Seebecken wird auch
bei den stärksten Regengüssen immer einen genügenden regulierenden
Einfluß ausüben. Stellt sich also über Jahr und Tag heraus, daß die
finanzielle wirtschaftliche Kalkulation bei der Bewässerung von
Tschumra richtig war, so wird die sichere Folge die Vornahme solcher
Arbeiten noch an vielen andern Stellen sein, wo die Verhältnisse
ähnlich liegen. Dann kann noch sehr viel Weizen an Orten, wo es jetzt
nichts gibt als dürres Erdreich, aus Anatolien herausgeholt werden!
Zwei Punkte, auf die etwas skeptischere Stimmen mit Bedenken hinweisen,
sind übrigens die vermehrte Malariagefahr in der Ebene infolge der
Bewässerung und die Schwierigkeit, die glücklich gewonnenen 46000
Hektar Weizenland schnell ausgiebig mit Arbeitskräften zu versehen,
d. h. zu besiedeln. Was das Fieber betrifft, so braucht man diese
Furcht wohl nicht weiter tragisch zu nehmen. Erstens kann durch
geeignete Maßnahmen stark vorgebeugt werden, und zweitens würde es
ja, wenn diese Sorge ausschlaggebend wäre, in keinem einzigen andern
Gebiet mit vorherrschender Bewässerungskultur (man denke an Ägypten,
Nordwestindien und Turkestan und an die Reisfelder in Japan und
China!) eine gesunde und leistungsfähige Bevölkerung geben. Die andere
Frage ist vielleicht etwas ernsthafter. Zur Bebauung von 46000 Hektar
Land sind sicher mehrere tausend Familien nötig. Gerade das Vilajet
von Konia ist aber wegen seines Mangels an Kulturland sehr schwach
bevölkert, und überflüssige Hände gibt es eigentlich in Anatolien
kaum. Man wird daher wohl die Ansiedlungsbedingungen so vorteilhaft
gestalten müssen, daß auch von weiterher Zuzug von türkischen
Untertanen erfolgt. An andere Elemente als solche ist natürlich nicht
im entferntesten zu denken.
Ähnlich wie am See von Beyschehir und in der Koniaebene liegen die
Verhältnisse in kleinerem Maßstabe noch an mehreren anderen Punkten
Kleinasiens. Bis zum Abschluß der Arbeiten bei Tschumra, die ich im
Sommer 1909 besucht habe, wird es wie gesagt noch mehrere Jahre dauern.
Ihr günstiger Fortgang hat aber bereits eine wichtige Folge gehabt: die
türkische Regierung hat dieselbe Gesellschaft, die anatolische Bahn,
mit der Ausarbeitung eines bedeutend größeren Projekts beauftragt:
_der Bewässerung der cilicischen Ebene_. Diese war im Altertum ein
sehr wichtiges Kulturgebiet, ein Babylonien oder Ägypten im Kleinen.
In Cilicien beruht die Bestellung des Bodens im wesentlichen auf
künstlicher Bewässerung, aber im Gegensatz zu dem wasserarmen
anatolischen Hochlande ist das Land hier sehr wasserreich. Es ist
durchweg Schwemmboden, ein Produkt der vom Taurus und Antitaurus mit
starker Sedimentführung herabkommenden Flüsse, und die Schneeschmelze
im Hochgebirge bedingt, daß die Flüsse auch während der heißen
Jahreszeit viel Wasser haben.
Eine Denkschrift des türkischen Ministeriums der öffentlichen Arbeiten
vom Jahre 1909[2], die ein ziemlich ausführliches Programm aller
geplanten Eisenbahnbauten und sonstiger Kulturarbeiten enthält,
schreibt hierüber:
»Die Ebene von Adana, von Mersina bis nach Sis, ist eine Fläche
von fabelhafter Fruchtbarkeit; sie eignet sich aufs beste zu den
verschiedensten Kulturen, besonders für Zerealien und, was noch
wichtiger ist, für Baumwolle. Drei bedeutende Flüsse bewässern die
Ebene: der Berdan oder Tarsus-Tschai (Kydnus), der Adana-Tschai oder
Seihun (Sarus) und der Dschihan (Pyramus). Die Wasserführung dieser
Flüsse ist bedeutend. Sie reicht, scheint es, während der Trockenzeit
im September und Oktober aus, um den Bedarf einer rationellen
Bewässerung zu befriedigen, während im Frühjahr die Wassermenge so
groß ist, daß für die Ernte schädliche Überschwemmungen entstehen. Es
handelt sich also um Arbeiten für Bewässerung und Eindeichung, sowie um
die Austrocknung von sumpfigen Gegenden. Das hiervon betroffene Areal
ist in der Ebene von Sis 1,1 Millionen Dönum groß und in der Ebene von
Adana 2,2 Millionen Dönum, zusammen 3,3 Millionen Dönum.«
Ein Dönum ist ca. 0,09 Hektar groß. Die in der türkischen offiziellen
Denkschrift angegebene Fläche von 3,3 Millionen Dönum entspricht also
einem Gesamtareal von rund 300000 Hektar für Kulturzwecke gewinnbaren
Landes. Die Ausgaben für die hierfür notwendigen Arbeiten werden in
der Denkschrift auf zwei Millionen türk. Pfund, also nahezu vierzig
Millionen Mark geschätzt. Sie werden sich aber gut rentieren, denn
die Landfläche, die für Kulturzwecke gewonnen werden soll, wird
voraussichtlich zum großen Teil unter ein sehr hochwertiges Produkt
kommen: unter Baumwolle. Die cilicische Ebene ist schon in ihrem
heutigen mangelhaft bewässerten Zustande das wichtigste Anbaugebiet
für Baumwolle im ganzen westlichen Asien. Im Altertum lag das Zentrum
der Baumwollkultur etwas weiter südöstlich, im nördlichen Syrien,
also einer Landschaft, die gleichfalls von der Trace der Bagdadbahn
mitten durchschnitten wird. Dort liegen zwischen Aleppo und Biredschik
die Ruinen der antiken Stadt Hierapolis oder Bambyke, nach der die
Baumwolle im Griechischen und Lateinischen (Bombyx) sowie im Arabischen
und Türkischen (Bambuk) genannt ist. Im Altertum galten baumwollene
Gewebe als eine Art Luxus und waren teurer als Wolle oder Leinen.
Immerhin spielten sie, namentlich im Zusammenhange mit der blühenden
syrischen Färberei, in der antiken Industrie eine bedeutende Rolle.
Die feinsten und teuersten Baumwollstoffe kamen aus Indien und man
nannte diese »gangetischen« (vom Ganges) Musseline, um ihre Feinheit
zu bezeichnen, »gewebten Wind«. Aus Indien oder Turkestan ist die
Baumwollkultur in größerem Maßstabe wohl erst im Gefolge der Feldzüge
Alexanders des Großen nach Syrien gelangt. In früheren Zeiten galt
sie in Westasien als so wertvoll, daß der Verfasser des 1. Buches
Mosis (Kap. 41, Vers 42) erzählt, der Pharao von Ägypten habe Joseph
mit einem baumwollenen Gewande (Byssus) bekleiden lassen. Auch die
letzten Erben der alten Kultur Vorderasiens, die Araber, pflegten den
Baumwollbau. Das hauptsächliche Anbaugebiet befand sich während des
ganzen Mittelalters in Syrien und Mesopotamien, und der Mittelpunkt
der Baumwollindustrie war damals Mossul am Tigris. Von dort gingen
die Gewebe, nach ihrem Herstellungsort Musseline genannt, mit
Kamelkarawanen nach den syrischen und ägyptischen Handelsstädten und
gelangten schließlich als besondere Kostbarkeiten nach dem Abendland.
Auf das Baumwollgebiet richten sich auch ganz besonders die
wirtschaftlichen Meliorationspläne der türkischen Regierung. Im Vilajet
von Adana, d. h. in Cilicien, betrug die Baumwollernte:
1904/05 45500 Ballen (zu 200 kg)
1905/06 50600 ,,
1906/07 56000 ,,
1907/08 60400 ,,
1908/09 76400 ,,
1909/10 59400 ,,
1910/11 85000 ,, (geschätzt).
Die cilicische Produktionsziffer von 1905/06 bis 1907/08 betrug also im
Durchschnitt ungefähr zehn Prozent der Gesamtproduktion im russischen
Turkestan, die ihrerseits ein Fünfundzwanzigstel der Weltproduktion
an Baumwolle ausmacht. 1908/09 wäre die Baumwollernte in Cilicien
bereits erheblich größer ausgefallen, wenn nicht besonders heiße
und trockene Winde aufgetreten wären. 1909 fanden im Vilajet Adana
die großen Armeniermassakers statt, und da die armenischen Bauern
auf dem flachen Lande ermordet wurden und es hernach an Händen zur
Einbringung der Ernte fehlte, so zeigte die Saison 1909/10 ein starkes
Herabgehen der Produktion, 59400 Ballen gegen 76400 Ballen im Jahre
vorher. Für 1910/11 schätzt die Direktion der Deutsch-Levantinischen
Baumwollgesellschaft in Dresden die zu erwartende Ernte auf ca. 85000
Ballen. Die Ertragsquote für den Hektar Baumwolleland kann, wie es
heißt, in Cilicien ebenso hoch angenommen werden, wie in Ägypten, d. h.
auf nahezu zwei Ballen. Natürlich ist es nicht denkbar, daß die ganzen
300000 Hektar, von denen die Denkschrift der türkischen Regierung
berichtet, nach Durchführung des Bewässerungssystems ausschließlich
mit Baumwolle bepflanzt werden. Selbst aber wenn es nur mit einem
Drittel oder mit der Hälfte des gewonnenen Areals geschehen sollte,
so würde die jetzige Jahresernte auf das Vierfache bis Sechsfache
steigen. Damit erhielte allein die cilicische Baumwollproduktion
ein nicht zu unterschätzendes Gewicht für die Regulierung der
Weltmarktpreise und für die Versorgung der deutschen Industrie. An
dem cilicischen Projekt und an der Übertragung der Vorarbeiten an
die anatolische Bahngesellschaft zeigt sich übrigens deutlich der
Einfluß des neuen Regimes in der Türkei auf den Fortschritt der
Kultur. Eine Frage ist nur, ob es möglich sein wird, die von Natur
vorhandenen Aussichten voll zu verwirklichen, ohne der sehr schwierigen
Ansiedlungsfrage näherzutreten. Mit der Baumwolle steht es hier
gegenüber dem Getreidebau insofern etwas besser, als sie in höherem
Grade Saisonarbeit bedingt. Am meisten Hände sind zur Ernte nötig, und
für diese kommen schon jetzt Wanderarbeiter, in erster Linie Kurden, in
ziemlicher Menge aus dem Gebirge herab. Hoffentlich wird man auf diese
Kräfte in Zukunft noch stärker zurückgreifen können als heute. Gesund
ist die cilicische Ebene nicht, denn wegen ihres Reichtums an Wasser
leidet sie recht stark unter der Malariagefahr.
Im Vilajet Aleppo ist die Baumwollkultur vorläufig noch gering; es
werden nicht mehr als im Durchschnitt 8000 bis 10000 Ballen jährlich
erzeugt. Hier erfolgt der Anbau überwiegend auf Regen, und die
Hauptgefahr, unter der die Kulturen leiden, besteht weniger in der
Dürre, als in den gelegentlich auftretenden Heuschreckenschwärmen.
Durch ein solches Mißgeschick kann es mitunter dahin kommen, daß die
Ernte eines ganzen Jahres ausfällt, namentlich solange nur kleine
Parzellen mit Baumwolle bestellt sind. Wenn erst die Eisenbahn die
weiten Flächen zwischen Aleppo und dem Euphrat, die Region des
alten Bambyke, erreicht hat, so werden sich natürlich auch diese
Voraussetzungen ändern. Sobald Hunderttausende von Hektaren angebaut
sind, können Heuschrecken zwar Verluste, aber kaum noch einen
vollständigen Ausfall der Ernte verursachen.
Unter den wirtschaftlichen Zukunftsaussichten im Gebiet der Bagdadbahn
muß auch die Bedeutung der Petroleumlager jenseits des Tigris erwähnt
werden. Von ihnen ist aber schon im zweiten Kapitel die Rede gewesen.
Genauer auf sie einzugehen und weiterblickende Erwägungen anzustellen,
ist solange nicht möglich, wie keine Bohrungen und sonstige
systematische Untersuchungen angestellt sind. Wir bemerkten bereits,
daß es leider den Anschein hat, als ob auch hier wieder fremder
Unternehmungsgeist und fremdes Kapital mutiger und mehr vorausblickend
sind, als die deutschen »führenden« Kreise.
Bei weitem am wichtigsten für die Abschätzung der kommenden Entwicklung
im Gefolge der Bagdadbahn sind natürlich diejenigen Gebiete, auf
deren Reichtum und Volkszahl im Altertum die materielle Kultur
Vorderasiens am meisten beruht hat. Dazu gehörten Kleinasien und
Cilicien, ungeachtet ihrer früheren Blüte, nicht; auch Syrien kann
nur bedingt dorthin gerechnet werden, denn seine Bedeutung war mehr
die eines wichtigen Durchgangslandes für Handel und Verkehr, als die
eines Gebietes wirtschaftlicher Urproduktion im großen Stil. Diese
Rolle spielten vielmehr die Euphrat- und Tigrisländer, Mesopotamien
und vor allen Dingen Babylonien. Hierbei muß betont werden, daß
ihre alte Kultur im wesentlichen durchaus auf dem Ackerbau, auf dem
Getreidereichtum und der hierdurch bedingten Volksdichte beruhte. Die
Untersuchung darüber, _welchen Stand materieller Kulturentwicklung
das heutige Bagdadbahngebiet im Altertum besessen hat_, ist daher eine
der wichtigsten, die überhaupt angestellt werden können, wenn wir die
Frage nach der Wiedererweckung dessen, was dort einst war, beantworten
wollen. Dabei haben wir leider mit der bereits mehrfach berührten
Schwierigkeit zu kämpfen, daß bei uns in Deutschland so überaus unklare
Vorstellungen von den vorderasiatischen Dingen herrschen, während z. B.
in England entschieden mehr Sachverständnis weiterer Kreise gerade für
dieses Gebiet vorhanden ist. Vor etwa einem Jahrzehnt, als wegen des
Abschlusses der Baukonzession das Thema von der Bagdadbahn zeitweilig
sehr im Vordergrund der Erörterung stand, schrieb eine große und sehr
angesehene Zeitung in einem Artikel: »Die wirtschaftliche Bedeutung der
Bagdadbahn« wörtlich folgendes:
»Etwas genauere Beachtung beansprucht _Kleinasien_ als der einstige
Produzent, besonders von Getreide, um so mehr, als von beteiligter
Seite bereits das Land als ein sehr gefährlicher Konkurrent unserer
heimischen Landwirtschaft bezeichnet worden ist. Es soll hier gleich
an erster Stelle betont werden, daß die dort zu erwartende Produktion
allerdings eine sehr bedeutende sein wird, sobald das Land erst in
einen Kulturzustand versetzt wird, den es _vor ca. 3000 Jahren bereits
einmal eingenommen hat_, als der schwarze _Alluvialboden_, dort Sawâd
genannt, durch ein Netz von beiläufig 120000 Kanälen bewässert wurde.
Noch unter persischer Herrschaft war das Land die höchst besteuerte
Satrapie und selbst in der früheren Kalifenzeit vor ca. 1200 Jahren,
deren Steuerfolianten uns erhalten geblieben sind, bezifferten sich die
Steuererträgnisse auf ca. 235 Millionen Mark, volle zwei Dritteile der
gesamten Staatseinnahmen der heutigen Türkei. Und dabei hatte damals
der Verfall schon jahrhundertelang bestanden. Das Resultat, das heute
durch bloße Wiederherstellung der alten Kanalisationswerke zu erzielen
ist, beziffert Aloys Sprenger, ein genauer Kenner der einschlägigen
Verhältnisse, in seinem Buche >Babylonien, das reichste Land der
Vorzeit<, auf rund zwei Milliarden Mark. Berücksichtigt man dabei,
daß der _schwarze Sawâd eine Ausdehnung von über 24 Millionen Hektar
besitzt_ -- also etwa ein Gebiet _so groß wie Italien_ -- und daß das
Land hinsichtlich der Betriebskosten die gepriesensten Vorzüge Indiens
und Amerikas in sich vereinigt, so ist allerdings nicht ausgeschlossen,
daß mit der Zeit ein bedeutender Rückgang der Getreidepreise zu
verzeichnen sein wird und daß in diesem alten Kulturlande ein reiches
und kaufkräftiges Volk emporblühen wird.«