namentlich östlich vom Tigris und südlich vom Euphratunterlauf wird
uns möglicherweise noch wichtige Erkenntnisse über die dort einstmals
vorhandene Ausdehnung des Kulturgebiets bringen. Von viel größerer
Bedeutung, als die Frage nach dem räumlichen Umfang des alluvialen auf
Bewässerung angewiesenen Kulturlandes im Altertum und dementsprechend
nach der Größe der jetzt wiederzugewinnenden Flächen ist aber die
andere: welches die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Babyloniens und
des späteren Irak während der verschiedenen kulturellen Blüteperioden
des Landes gewesen ist? Nach dieser Richtung hin unterliegt es gar
keinem Zweifel, daß die Gebiete am Unterlauf des Euphrat und Tigris
in bezug auf Volkszahl, Wohlhabenheit und Steuerkraft immer den
Schwerpunkt Vorderasiens gebildet haben, solange und so oft hier
Großstaaten existiert haben, d. h. von der babylonisch-assyrischen Zeit
bis zum Niedergang des arabischen Kalifats um die Wende des ersten zum
zweiten Jahrtausend. Quellenmäßig und zahlenmäßig beweisen kann man
diesen Satz für die Zeit des alten persischen, des sassanidischen und
des arabischen Reiches; indirekt erschließen läßt er sich auch für die
davor- und dazwischenliegenden Epochen. Es scheint, daß der Sawâd, d.
h. das ganze Alluvium außerhalb und innerhalb der vom Unterlauf der
beiden Ströme eingeschlossenen Region, den höchsten Stand der Kultur in
der zweiten Hälfte der Sassanidenherrschaft, im sechsten Jahrhundert
n. Chr., erreicht hat. Schon aus viel früherer Zeit ist aber bekannt,
daß im alten persischen Reich, unter Darius I., das Euphrat- und
Tigrisland eine höhere Steuerfähigkeit besaß, als Ägypten. Von dieser
Tatsache muß stets ausgegangen werden, wenn wir uns ein Bild davon
machen wollen, bis zu welcher Höhe der Entwicklung das Irak durch
Wiederherstellung des Bewässerungssystems gebracht werden kann, und
ihr Gewicht wird dadurch noch bestimmter und zuverlässiger, daß sich
fast eineinhalb Jahrtausende später unter den Kalifen, die zum ersten
Male seit den alten persischen Königen wiederum Babylonien und Ägypten
gleichzeitig beherrschten, ein ähnliches Verhältnis in der Steuerkraft
der beiden Länder wiederholt. Babylonien und Assyrien, die im alten
Perserreiche zusammen eine Provinz bildeten, zahlten 1000 Talente in
den Königsschatz und unterhielten den Hof während eines Drittels des
Jahres. Wie das Verhältnis zwischen den Leistungen Babyloniens, d.
h. des alluvialen Bewässerungsgebiets, und Assyriens, d. h. der vom
Regen getränkten Landschaft im Norden gewesen ist, wird sich nicht
mehr ermitteln lassen, aber jedenfalls ist bei weitem der größere
Teil auf Babylonien entfallen. Die Leistung Ägyptens unter Darius I.
betrug 700 Talente an Steuern für den König und außerdem den Unterhalt
für die persische Garnison in der Festung von Memphis. Auf jeden Fall
war sie also die erheblich geringere. Unter Harun al Raschid zahlte
Ägypten ca. 65 Millionen Dirhem, Babylonien dagegen 135 Millionen.
Das Verhältnis ist also wieder ein ganz ähnliches. Unmöglich kann das
Zufall sein, sondern es muß sich darin die tatsächliche, im Laufe der
Jahrhunderte im Verhältnis annähernd gleichbleibende Verschiedenheit
in der Steuerkraft der beiden Provinzen ausdrücken. Von dieser aber
dürfen wir wiederum auf die Bevölkerung und auf den Umfang der
Anbaufläche zurückschließen. Die äußeren Verhältnisse der Kultur waren
und sind am Tigris und Euphrat wie am Nil nahe miteinander verwandt,
und die Grundsteuer muß früher wie heute den Hauptbestandteil der von
der Regierung erhobenen Abgaben gebildet haben. Man wird es daher
nach den ausführlichen Untersuchungen Wagners[3] zwar ohne weiteres
zugeben müssen, daß die Zahlen, die aus der sassanidischen Zeit für die
Anbaufläche und den Grundsteueretat überliefert sind, teils falsch,
teils nicht verwertbar sind, aber das Verhältnis zu Ägypten bleibt
bestehen und ist historisch einwandfrei bezeugt. Wenn also Wagner
meint, daß 2-2½ Millionen Hektar das Maximum der Fläche darstellten,
die in ganz Babylonien je gleichzeitig bebaut gewesen sei, so kann
das schon aus dem Grunde nicht gut angenommen werden, weil der in
Ägypten unter Kultur befindliche Boden noch ein etwas größeres Areal
repräsentiert. Wir haben überdies aus früherer Zeit eine Angabe, mit
der auch vom kritischen Standpunkt aus etwas anzufangen ist und die
außerdem gut mit den modernen von Willcocks herrührenden Berechnungen
stimmt. Es heißt nämlich in den arabischen Quellen, daß zur Zeit des
Kalifen Omar (634-644), der das sassanidische Reich eroberte, die
Ländereien des Sawâd vermessen worden seien, und das Ergebnis habe
für das kultivierte Land 36 Millionen Djarîb betragen. In heutiges
Flächenmaß umgerechnet bedeutet das soviel wie etwa 5 Millionen
Hektar. Willcocks gibt in dem bereits mehrfach erwähnten Bericht an
die türkische Regierung, wie wir sahen, drei verschiedene Zahlen: 1,3
Millionen Hektar für die unmittelbar in Angriff zu nehmenden Arbeiten,
2,6 Millionen für die mit etwas längerer Frist zu beginnende, und 5,6
Millionen Hektar für ganz Babylonien, worunter er aber immer nur die
Gebiete unmittelbar zwischen und neben den Strömen versteht, das, was
er das »Delta« des Euphrat und Tigris nennt; nicht den ganzen von
den Arabern sogenannten Sawâd zwischen der Wüste im Westen und dem
iranischen Randgebirge im Osten. Dieses ganze Gebiet berechnet Wagner
auf ca. 10 Millionen Hektar. In seinem Vortrag sagt Willcocks (Geogr.
Journ., Seite 9-11), das »Delta« der beiden Flüsse sei 12 Millionen
acres groß, wovon ca. 9 Millionen Wüste, d. h. zurzeit unbewässerte
Steppe und 2,5 Millionen Süßwassersümpfe. Der Rest entfiele demnach auf
das gegenwärtig kultivierte Land. _Ohne Zuhilfenahme von Reservoiren_,
d. h. Vorratsbecken, in denen der Überfluß der Hochwasserzeit
aufbewahrt werden kann, sagt Willcocks weiter, könne man von diesem
sogenannten Delta 6 Millionen acres auf Wintersaaten und 3 Millionen
auf Sommersaaten rechnen. 9 Millionen acres sind ca. 3,6 Millionen
Hektar. Etwas weiter heißt es, daß mit Hilfe des projektierten
Hauptkanals, der zwischen Tigris und Euphrat laufen soll, 3 Millionen
acres (1,2 Millionen Hektar) besten Landes bewässert werden sollen. In
Zukunft, jetzt allerdings noch nicht, werde dieser eine Kanal, der am
See von Akkar Kuf nordwestlich von Bagdad beginnen und in den Schatt
el Hai kurz vor dessen Vereinigung mit dem Euphrat münden soll, 6
Millionen acres (2,4 Millionen Hektar) bewässern. Diese Ziffer fällt
natürlich in die oben genannten 9 Millionen acres hinein. Nimmt man zu
diesen Angaben von Willcocks diejenigen Teile des Sawâds hinzu, die er
nicht berücksichtigt, und außerdem das jetzt noch kultivierte Land, so
kommt man reichlich auf die 5 Millionen Hektar Kulturland, die es unter
Omar im Sawâd gegeben haben soll.
Willcocks sagt in seinem Vortrag, daß man von den fürs erste zu
gewinnenden 1,2 Millionen Hektar auf eine jährliche Produktion von
1 Million Tonnen Weizen und 2 Millionen Zentner (400000 Ballen)
Baumwolle würde rechnen können. Unter Zugrundelegung der für später von
Willcocks in Aussicht genommenen Verdreifachung des zu bewässernden
Areals, ferner der Ländereien westlich des Tigris und der jetzt
bereits kultivierten Flächen, käme man also für die Zukunft auf
mehrere Millionen Tonnen Weizen und auf mehr als eine Million Ballen
Baumwolle als Gesamtproduktion des Landes. Im Altertum hat Baumwolle,
wenn überhaupt eine, so jedenfalls keine bedeutende Rolle in der
Kultur Babyloniens gespielt; was nicht von Gärten und Palmpflanzungen
eingenommen war, stand unter Weizen und Gerste. Wenn wir auf Grund der
Willcocksschen Daten, unter Einsetzung von Getreide statt Baumwolle,
6 Millionen Tonnen Korn als durchschnittliche Jahresrente von ganz
Babylonien im Altertum annehmen, so wird diese Rechnung nicht zu hoch
sein. Wir wissen, daß unter Chosru I. (531-578 n. Chr.) das Kafiz
Mischkorn (halb Weizen, halb Gerste) 3 Mithkal Silber kostete. Mit
voller Sicherheit ist das durch ein Kafiz repräsentierte Gewicht nicht
mehr zu bestimmen; es können je nach der Grundlage der Berechnung 42
oder 46½ Kilogramm sein. Nehmen wir daraus das Mittel mit rund 44
Kilogramm, und das Gewicht von 3 Mithkal gleich 13,6 Gramm Silber,
so kostete der Doppelzentner Getreide 30 Gramm Silber, d. h. bei
einem Wertverhältnis von Gold zu Silber wie 15 : 1½ nach heutigem
Gelde nominell 5,33 Mark. Nach den uns erhaltenen Nachrichten haben
die sassanidischen Könige ein Sechstel bis die Hälfte vom Betrage
der Ernte, je nach Qualität des Bodens und der Pflanzungen, als
Grundsteuer genommen. Rechnen wir den Gesamtbetrag der Ernte gleich
6 Millionen Tonnen Getreide und den durchschnittlichen Steuerbetrag
gleich einem Drittel, so gibt das ca. 2 Millionen Tonnen Getreide; nach
altem sassanidischem Gewicht also 45 Millionen Kafiz und zum Preise
von 3 Mithkal für das Kafiz 135 Millionen Mithkal. Nun haben wir eine
Nachricht, daß unter Chosrus I. Vater, König Kobad[4], die Steuer des
Sawâd 150 Millionen Mithkal betragen habe. Ebenso besitzen wir aus den
ersten 300 Jahren des Kalifats eine Reihe von Einnahmebudgets sowohl
für das ganze Reich als auch speziell für den Sawâd. Die erste dieser
Angaben teilt mit, daß der Ertrag des Sawâd unter Omar I. auf 84
Millionen Mithkal oder nach dem neuen arabischen Münzfuß 120 Millionen
Dirhem veranschlagt worden ist. Wir wissen, daß in den letzten
anderthalb Jahrzehnten der sassanidischen Monarchie unglückliche
Kriege mit Byzanz, verheerende innere Kämpfe und eine furchtbare
Überschwemmung des Euphrat und Tigris im Jahre 627 nach Christus sehr
viel Schaden anrichteten und große Strecken Land außer Kultur brachten.
Das Sinken der Einkünfte hat also nichts Wunderbares. Dazu kam weiter,
daß die erste Zeit der Kalifenherrschaft für Babylonien zweifellos eine
Mißregierung bedeutete. Unter Moawija 661-680, der die Regierung von
Medina nach Damaskus verlegte, sank die Summe auf 100 Millionen, dann
stieg sie wieder auf 135 Millionen und fiel unter den letzten Omaijaden
auf 60-70 Millionen Dirhem jährlich. Unter den Abbasiden drückt sich
in dem Wiederansteigen der Erträge des Sawâd zunächst die Folge der
Verlegung des Regierungssitzes von Damaskus nach Bagdad aus. Harun al
Raschid konnte Steuern im Betrage von 135 Millionen Dirhem erheben,
ziemlich genau ein Viertel der Steuern des gesamten Kalifenreichs, das
sich von Nordafrika bis gegen das innere Hochasien hin erstreckte!
Wiederum wie in der altpersischen Zeit haben wir also das Bild, daß die
Steuern Babyloniens unter dem Gesamtbetrag der Staatseinkünfte eine
schlechthin überragende Stelle einnehmen. Nach Harun al Raschid geht es
mit dem Sawâd reißend abwärts. Um die Mitte des neunten Jahrhunderts,
mit dem Beginn des Sinkens der Kalifenmacht und dem Aufkommen der
türkischen Prätorianer, fallen die Steuern des Sawâds auf weniger als
80 Millionen. Unter den bujidischen Emiren, die seit der Mitte des
zehnten Jahrhunderts unter dem Kalifat herrschten, trieb man durch
Steuerverpachtung und Konfiskationen die Einkünfte noch einmal bis auf
beinahe 100 Millionen in die Höhe, aber ums Jahr 985 hören wir bereits,
daß durch den Steuerdruck und die Soldateska das Land zu veröden
begann und die Städte ein herabgekommenes ärmliches Aussehen annahmen.
Allmählich sank die Macht der Regierung so tief, daß es nicht mehr
gelang, das noch bebaute Land vor den Plünderungen der von Norden und
Osten herandrängenden Nomaden zu schützen. Im dreizehnten Jahrhundert
räumten dann die Mongolen vollends auf. Von da ungefähr datiert der
heutige Zustand des Irak, daß die Bewässerungsanlagen, die Dämme,
Kanäle und Schleusen, zum allergrößten Teil zerstört sind und nur noch
Reste der früheren Volkszahl existieren.
Interessant ist es schließlich noch, aus den Steuerlisten für die
ersten Jahrhunderte der arabischen Herrschaft das Ertragsverhältnis
zwischen Babylonien und den nördlicheren Ländern, dem eigentlichen
Mesopotamien, festzustellen. Unter Harun al Raschid zahlten: der
Distrikt von Mossul 24 Millionen Dirhem; Nisibis, Sindschar, Harran
und das obere Euphrattal 34 Millionen Dirhem; die Bergdistrikte am
Oberlauf des Adhem und der Dijala 5 Millionen Dirhem. Das sind zusammen
63 Millionen Dirhem, _also beinahe genau soviel, wie zur selben
Zeit ganz Ägypten bezahlte_! Der allergrößte Teil der drei vorhin
genannten Steuerbezirke ist aber heute sogenannte Steppe und in dieser
wird nichts produziert, als etwas Schafwolle. Im Altertum und zur
Kalifenzeit muß eine Bevölkerung von Millionen von Ackerbauern dort
gesessen haben. Als Omar den Sawâd eroberte, ergab die Zählung der
zur Kopfsteuer verpflichteten Männer 550000, d. h. Haushaltungen und
Selbständige. Daraus ist eine Gesamtbevölkerung von mehreren Millionen,
einschließlich der großen Städte, zu schließen. Babylonien und
Mesopotamien zusammengenommen werden zur Zeit der arabischen Eroberung
5-6 Millionen Einwohner gehabt haben, gegen knapp anderthalb Millionen
heute, wobei die Nomaden sogar mitgezählt sind.
Es würde uns an dieser Stelle zu weit führen, in noch genauere
Untersuchungen über die früheren Verhältnisse des Landes einzutreten.
Zur Verdeutlichung der Hoffnungen, die Willcocks und mit ihm noch viele
andere Kenner der dortigen und ähnlicher Verhältnisse aussprechen,
wird das Gesagte genügen. Vor allen Dingen aber wird der Leser einen
Eindruck davon gewonnen haben, was im Laufe der Jahre die Türkei aus
der Wiederherstellung des Irak erwarten darf. Allerdings nicht auf
einmal und auch nicht allzu schnell. Auch die Kosten werden keine
geringen sein. Die andere Frage ist die, woher die Menschen kommen
sollen, um die gewonnenen Flächen zu besiedeln und zu bebauen.
Als Willcocks vor zehn Jahren in Kairo dieses Problem berührte,
antwortete er kurzweg: sie sollten aus Indien und aus Ägypten
kommen. Die Denkschrift des türkischen Ministeriums der öffentlichen
Arbeiten bemerkt an ihrem Schlusse, unmittelbar nach Wiedergabe des
Willcocksschen Projektes, daß dessen vorläufiger Umfang sich ja »nur«
auf ca. 13000 Quadratkilometer belaufe. Das Programm umfasse nicht
alles, was in Mesopotamien geschehen könne, sondern nur diejenigen
Arbeiten, »die im Laufe von sieben bis acht Jahren in dem Gebiet
zwischen Bagdad und dem Persischen Golf zu vollenden und ohne Sorge
um die Besiedelungsfrage in direkte Verwertung zu nehmen seien.«
Zu gelegener Zeit müsse ein Gesamtprojekt für ganz Mesopotamien
verwirklicht werden, aber abgesehen von der Kostenfrage sei es klar,
»daß die betreffenden Arbeiten solange keine Berechtigung hätten,
wie die Türkei diese großen Gebiete nicht kolonisieren könne, _und
an diese Frage könne man nicht eher denken, als bis es gelungen sein
würde, die Kapitulationen abzuschaffen_.« Das heißt also, daß nach
der Meinung der Denkschrift Arbeiten im großen Stil erst unternommen
werden können, wenn die von auswärts heranzuziehenden Kolonisten ohne
weiteres türkische Untertanen und damit der türkischen Rechtsprechung
unterworfen sein würden. Diese Ausführungen klingen vom türkischen
Standpunkte aus nur plausibel, aber dann ist es seltsam, daß die
Denkschrift sich so gibt, als ob ca. 15000 Quadratkilometer zwischen
Bagdad und dem Persischen Golf in Kultur genommen werden könnten,
ohne daß man Ansiedler von außerhalb heranzieht. Schon bei dem
gegenwärtig in der Ausführung begriffenen Projekt in der Koniaebene,
das nur 400 bis höchstens 500 Quadratkilometer umfaßt, bildet die
Frage, woher die Ansiedler kommen sollen, um dieses neue Land ohne
zu große Verzögerung in Bearbeitung zu nehmen, einen Gegenstand der
Sorge für die beteiligten Stellen, und dasselbe ist bei dem großen
cilicischen Projekt der Fall. Wie soll es da bei einem Areal, das
dreißigmal größer ist, als die Irrigationsfläche bei Tschumra, ohne
Heranziehung auswärtiger Elemente für die Besiedelung abgehen? Wenn
also die amtliche türkische Denkschrift so tut, als ob für bloße 13000
Quadratkilometer die Besiedelungsfrage noch keine Rolle spiele, so
befindet sie sich entweder in einer schwer begreiflichen Unklarheit
über die Sachlage, oder sie erkennt die Situation zwar, wünscht sie
aber zu verschleiern. Sollte das letztere der Fall sein, so könnte man
es schwer anders verstehen, als daß den englischen Interessen Vorschub
geleistet werden soll. Willcocks ist Engländer und das türkische
Ministerium der öffentlichen Arbeiten ist seit dem Beginn der neuen
Ära in der Türkei von zwei anglophilen Armeniern verwaltet worden.
Man braucht natürlich nicht zu glauben, daß diese Kreise tatsächlich
eine indisch-ägyptische Einwanderung nach dem Irak ins Werk setzen
wollen, aber man wünscht Willcocks und mit ihm ganz allgemein die
Betätigung englischer Persönlichkeiten und englischen Kapitals. Weiter
reicht die Überlegung im Augenblick wahrscheinlich nicht. Es ist aber
klar, daß es nutzlos sein wird, 150 oder 600 Millionen Mark in die
Wiederherstellung des Kanalsystems zu stecken, und das Land samt den
neuen Kanälen und Dämmen dann ohne Bebauer liegen zu lassen. Durch
innere Kolonisation kann die Türkei nicht genügend Ansiedler für das
Irak bekommen, und die Heranziehung der mohammedanischen Auswanderer
aus Bosnien, Bulgarien, Kreta, dem Kaukasus usw. kann auch nicht in
solchem Maße geschehen, daß damit geholfen wäre. Außerdem würden es die
Leute von dort im Irak klimatisch gar nicht aushalten. Es bleibt also
wirklich nichts anderes übrig, als Einwanderung von Mohammedanern aus
anderen ähnlich gearteten Ländern. Diese müssen dann aber türkische
Untertanen werden, und solange die gegenwärtigen Kapitulationen
zwischen den europäischen Mächten und der Türkei gelten, könnte
das gerade für indische Mohammedaner nicht geschehen. Die Ägypter
sind formell ja türkische Staatsangehörige; in Wirklichkeit würden
Einwanderer von dort gleichfalls der englischen Politik als Instrumente
zur Ausbreitung des englischen Interessengebiets dienen müssen. Wie die
Dinge in der Türkei heute liegen, wird es aber schwerlich lange dauern,
bis die jungtürkische Regierung die Abschaffung der Kapitulationen
energischer aufs Tapet bringt. Da von unserer Seite, wie eingangs
ausgeführt, an keinerlei Kolonisation in Kleinasien, Mesopotamien,
Babylonien oder sonst irgendwo innerhalb des türkischen Reichs gedacht
wird, so brauchten wir in dieser Beziehung einer Neuordnung der
Kapitulationsfrage keinen Widerstand entgegenzusetzen. Wir werden auf
keinen Fall in die Lage kommen, Kolonisten in die Türkei ziehen zu
lassen, denen es auf die Staatsangehörigkeit ankommt. Andererseits kann
die türkische Regierung die Abschaffung der Kapitulationen auch nicht
eher beantragen, als bis sie imstande ist, genügende Garantien für die
Unparteilichkeit ihrer Verwaltungs- und Gerichtsbehörden gegenüber
Ausländern, zumal Nichtmohammedanern, zu geben.
Diese Erörterungen haben uns aber schon etwas über unser eigentliches
Thema hinausgeführt. Vielleicht sind sie trotzdem nicht ganz
überflüssig gewesen, denn sie zeigen, wie umfassend der Kreis der
Probleme ist, die mit dem Thema von der Bagdadbahn zusammenhängen.
Auf der anderen Seite mußten natürlich im einzelnen viele an sich
interessante und wichtige Details unberücksichtigt bleiben oder konnten
nur flüchtig gestreift werden. Namentlich aber habe ich es bedauert, so
wenig von meinen persönlichen Eindrücken, Beobachtungen und Erlebnissen
in jenen alten Ländern zwischen dem hohen Iran und dem Mittelmeer hier
mit hineinnehmen zu können. Sind sie es doch gewesen, die überhaupt in
mir das Bedürfnis nach einer besonderen Darstellung der Bagdadbahnfrage
hervorgerufen haben!
* * * * *
Druck von Ramm & Seemann in Leipzig.
Fußnoten:
[1] »Deutschland unter den Weltvölkern«. 3. Auflage, 1911. Verlag der
Hilfe, Berlin-Schöneberg.
[2] Ich habe die interessante Publikation in einem Aufsatz in den
Preußischen Jahrbüchern, Dezemberheft 1910, besprochen. Wir werden sie
noch mehrfach im Laufe dieser Arbeit zu erwähnen haben.
[3] Hermann Wagner »Die Überschätzung der Anbaufläche Babyloniens«.
Nachrichten der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften 1902, Heft 2.
[4] Die Notiz, daß unter Kobads Sohn Chosru die Steuer bis auf 287
Millionen gestiegen sei, muß seit Wagners Untersuchungen in der Tat als
bloße »legendenhafte mündliche Überlieferung« angesehen werden. Dagegen
zeigt die oben angestellte Rechnung, die auf 135 Millionen führt, daß
150 Millionen eine annehmbare Zahl ist.
[Illustration]
Verlag von Wiegandt & Grieben (G. K. Sarasin)
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Weitere Anmerkungen
Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
korrigiert.
S. 9: _muhammedanischen_ zu _mohammedanischen_
... ein großer Teil der nichttürkischen _mohammedanischen_ ...
S. 11: _Einwandederung_ zu _Einwanderung_
... Überzeugungen betreffs deutscher _Einwanderung_ ...
S. 16: _lange_ zu _langem_
... und England hat daher schon seit _langem_ ...
S. 20: _Abdul_ zu _Abd ul_
vor der Beseitigung _Abd ul_ Hamids,
S. 28: _Rückreise_ zu _Rückseite_
... von ihrer unverteidigten _Rückseite_ gefaßt werden konnten.
S. 34: _Euprat_ zu _Euphrat_
... von Biredschik am _Euphrat_.
S. 39: _nach_ zu _noch_
... wird im dritten Kapitel _noch_ näher die Rede sein.
S. 39 _philantropischen_ zu _philanthropischen_
... unter christlich-_philanthropischen_ Gesichtspunkten ...
S. 41: _von_ zu _vom_
... die Araber _vom_ Schammar- und Abu Assaf-Stamme ...
S. 46: _das englische_ zu _den englischen_
... und formell in _den englischen_ Machtbereich eingezogen wird ...