Von dem Augenblick an, wo man die Tore von Urfa, sei es nach Süden, sei

es nach Osten verläßt, hat man nach dem heutigen Stande der Dinge bis

ziemlich gegen Bagdad hin das Gebiet gesicherter geordneter Zustände

hinter sich. Es ist nicht die geringste Übertreibung dabei, wenn ich

nach meinen Erfahrungen im Lande sage, daß unter Abd ul Hamid nicht

bloß mehr die bürgerliche Sicherheit, sondern die staatliche Autorität

der türkischen Regierung mindestens in ganz Obermesopotamien auf das

drohendste durch die großen Kurdenchefs gefährdet war. Namentlich

zwei von ihnen, Ibrahim von Veranschehir bei Urfa und Mustapha von

Dschesireh am Tigris, beide natürlich mit dem Paschatitel ausgezeichnet

und »Generale« der Hamidiémiliz, benahmen sich gleichzeitig als

selbständige Kriegsherren und Räuberhauptleute großen Stils. Ich habe

über diese beiden interessanten, aber dem Ansehen der Pforte und

den Lebensinteressen der ansässigen Bevölkerung ihrer Zeit gleich

gefährlichen Persönlichkeiten vor zehn Jahren in den Preußischen

Jahrbüchern ausführlicher gehandelt und darauf hingewiesen, daß sie

vor allen Dingen mit großartigen Bestechungen im Jildis arbeiteten, um

bei ihrer persönlichen Gewaltpolitik in Mesopotamien nicht gehindert

zu werden. Ibrahim setzte es auf diesem Wege sogar durch, daß ihm

Regierungstruppen in seinen Fehden mit anderen Häuptlingen zu Hilfe

geschickt wurden. So griff er z. B. 1902 die Araber vom Schammar- und

Abu Assaf-Stamme bei Rakka am Euphrat an, tötete eine Menge Menschen

und erbeutete 10000 Schafe und 300 Pferde. Die beiden Stämme wandten

sich um Hilfe an den mächtigsten der Araberhäuptlinge in der Provinz

von Bagdad, Farreh Pascha, der ihnen auch sofort mit 10000 Mann zu

Hilfe kam und gegen Ibrahim zu Felde zog. Der letztere hatte nur

etwa 3000 Mann zur Verfügung, sah sich deshalb in die Enge getrieben

und wandte sich sofort an die türkischen Behörden, die ihm denn auch

ohne weiteres Verstärkungen von 1500 Mann regulärer Infanterie und

500 Kavalleristen zur Hilfe sandten. Nach einem mit Hilfe dieser

erfochtenen Siege fühlte sich Ibrahim Pascha mächtiger denn je und

trat unter fast gänzlicher Mißachtung der türkischen Behörden als

unumschränkter Gewalthaber im Lande auf, so daß die Regierung in

Konstantinopel schließlich doch in Verlegenheit geriet, was sie mit

Ibrahim anfangen sollte. Farreh Pascha rüstete sich zu weiteren

Operationen und Rachezügen, und sicherte sich die Unterstützung der

Araberstämme von Bagarat, Yoz, Scharaba und anderen, ja er trat sogar

in Unterhandlungen mit Ibn-el-Raschid, dem mächtigen Schech von

Nedschd, der ihm 8000 Mann gegen Ibrahim Pascha in Aussicht stellte.

Glücklicherweise wurde dieser »Krieg« noch beigelegt, bevor es zum

Äußersten kam, und der Tod Ibrahims schaffte wieder verhältnismäßige

Ruhe in Nordmesopotamien. Daß aber ein Land, in dem solche Zustände

herrschen, auch unter den besten natürlichen Verhältnissen keine

wirtschaftlichen Fortschritte machen kann, versteht sich von selbst,

und ebenso ist es nur natürlich, daß die Kurden- und Araberhäuptlinge

solchen Schlages entschiedene Gegner aller Eisenbahnpläne am Euphrat

und Tigris waren.

Noch schlimmer, banditenmäßiger, als Ibrahim, der wenigstens ein Räuber

großen Stils war, trieb es Mustapha von Dschesireh. Es war bitter

kalt, als ich (im Januar 1901) in Mossul einritt; auf den Straßen lag

Schnee und die Häuser waren allesamt im Innern feuchtkühl wie schlecht

ventilierte Eiskeller, aber man mußte wohl oder übel frieren, denn es

kamen keine Kelleks mit Kohlen mehr aus dem holzreichen nördlichen

Gebirge herunter, weil die Leute erst dem Mustapha, wenn sie bei

Dschesireh passierten, ihre ganze Fracht noch einmal bar abkaufen

mußten, bevor sie damit auf den Basar von Mossul gelangten. Ebenso

waren alle europäischen Waren, die von Norden via Samsum-Diarbekir auf

der Fahrstraße und dann per Kellek eingeführt wurden, unsinnig teuer

geworden; z. B. war das von Rußland bezogene Petroleum durch die Sperre

bei Dschesireh aufs Doppelte und Dreifache in die Höhe getrieben. Über

ein halbes Hundert Dörfer, christliche wie mohammedanische, hatte

jener merkwürdige Diener seines Herrn, des Sultans, in den letzten

zwei Jahren zwischen Mossul und Dschesireh zerstört, geplündert und

die Bewohner verjagt; im November, als ich zu Beginn meiner türkischen

Reise von Mossul kommend nordwärts ritt, sah ich die verwüsteten Ruinen

täglich rechts und links am Wege liegen, und dazwischen weideten Leute

Mustaphas die den einstigen Besitzern geraubten großen Schafherden

auf den weiten Fluren des diesmal unbestellt gebliebenen Ackers.

Man braucht sich nur die Eisenbahn hier durchgelegt zu denken, um

sofort auch das Ende solch einer wahnsinnigen Wirtschaft zu sehen: wo

die Prosperität des ganzen riesigen Zukunftswerkes an dem kräftigen

Gedeihen der Bodenproduktion in dem durchschnittenen Rayon hängt, muß

den Mustaphas wohl oder übel das Handwerk gelegt werden.

Von Mossul südwärts bis Bagdad waren die Zustände etwas besser, aber

von hinreichender Sicherheit des Verkehrs, des Lebens und Eigentums

konnte auch nur unmittelbar in der Nähe der Garnisonstädte oder der mit

starken Gendarmerieabteilungen belegten Ortschaften die Rede sein.

Auf der linken Seite des Tigris, zwischen dem Strom und den

Grenzgebirgen gegen Persien, liegen südlich von Erbil (Arbela) bei

Kerkuk anscheinend bedeutende Vorräte an Naphtha. Es scheint, als ob

eine ganze breite Zone, die sich, aus Persien herüberstreichend, von

der Gegend des unteren Sab südwestwärts über den Tigris und Euphrat

hinüber bis in die arabische Wüste hineinzieht und hauptsächlich durch

die Ortsnamen Kerkuk, Tekrit am Tigris und Hit am Euphrat bezeichnet

wird, von Bitumen, Naphtha und gasförmigen Kohlenwasserstoffen

förmlich durchtränkt ist. Ich habe die Naphthaquellen von Kerkuk

und die ausströmenden brennbaren Gase in ihrer nächsten Nähe bei

Baba-Gurgur selbst besucht. Das eine wie das andere Phänomen

übertrifft an Massenhaftigkeit die gleichartigen Erscheinungen auf

der Halbinsel Apscheron im russischen Transkaukasien vor dem Beginn

der Bohrungen. Wenn man gesehen hat, welche Rolle z. B. in Rußland

die Naphtharückstände als Heizmaterial für Eisenbahnen, Dampfschiffe

und viele industrielle Anlagen spielen, wenn man erwägt, welch eine

Bedeutung als Brenn- und Leuchtmaterial dem Petroleum trotz aller

anderen in neuester Zeit erschlossenen Lichtquellen doch immer

verbleiben wird, so bedarf es keiner langen Darlegungen, um von der

eminenten Wichtigkeit dieses Umstandes eine Vorstellung zu geben, daß

die Bagdadbahn in nächster Nähe des Naphtharayons vorbeiführen wird.

Das einzige, was zu befürchten bleibt, ist, daß es fremdem Gelde,

fremden Spekulanten gelingt, sich ein Vorzugsrecht auf die Ausbeutung

der mesopotamischen Naphtha zu sichern, bevor deutsche Initiative hier

tatkräftig geworden ist. Nachrichten, die vor längerer Zeit durch

die Presse gingen, legen leider die Befürchtung nahe, daß bereits

viel versäumt sein könnte. Vom Standpunkt der Türkei aus versteht man

eigentlich kaum, weshalb nicht schon lange alles nur mögliche geschehen

ist, um ein modernes Kommunikationsmittel bis an die Naphthaquellen

heranzubringen. Für ein Staatswesen, dessen Einkünfte sich in so

mäßigen Grenzen bewegen, wie es in der Türkei der Fall ist, und dessen

Bedürfnisse namentlich für militärische und Verwaltungszwecke groß und

dringend sind, würde sich in einer geeigneten finanziellen Ausbeutung

des Naphthabaues eine so reich und sicher fließende Einnahmequelle

eröffnen, daß jeder Tag als verloren gelten muß, der noch vergeht, bis

die Lokomotive die Naphthagegend erreicht. Nimmt man die russische

Produktion bei Baku und die Einkünfte, welche die russische Regierung

aus der ziemlich mäßigen Besteuerung der dortigen Naphthagewinnung

bezieht, als Maßstab für das, was sich bei Kerkuk, Tekrit und Hit oder

auf allen drei Punkten zusammen für die Türkei ergeben könnte, so käme

das einer Verbesserung des türkischen Staatsbudgets um viele Prozente

gleich. Die Naphtha würde für die Bagdadbahn eine um so größere und

wichtigere Rolle spielen, als Kohle längs der Linie, wenigstens

soviel man bisher sieht, nicht viel vorhanden ist. Lagerstätten in

der Nähe der Bahn finden sich nach den bisherigen Untersuchungen nur

am Flusse Chabur, der oberhalb Mossul von links her in den Tigris

fällt. Als einen Fingerzeig dafür, von welcher Bedeutung z. B. die von

mir besuchten Gasquellen von Baba Gurgur bei Kerkuk eventuell werden

können, sei nur angeführt, daß der Wert des in den Staaten Newyork

und Pennsylvanien ausströmenden und seit Jahrzehnten zu gewerblichen

Zwecken in größtem Maßstabe benutzten Naturgases auf _über 70 Millionen

Mark_ jährlich berechnet wird!

Über das alte babylonische Niederland, in das die Bahn bald nach

Durchquerung des Naphthagebiets eintritt, und über die Veränderungen,

die hier im Zusammenhang mit dem Bahnbau zu erwarten sind, wird im

dritten Kapitel besonders zu handeln sein. Für den unmittelbaren

Verkehr ist es von großer Wichtigkeit, daß kurz oberhalb Bagdads die

große Route von Persien hereinkommt, auf der außer dem Handelsverkehr

jährlich die großen Pilgerzüge nach Nedschef und Kerbela sich

bewegen. Vom rein politischen Standpunkt der Türkei aus brauchte die

Bahn überhaupt nicht über Nedschef hinausgeführt zu werden, und die

offizielle Denkschrift des türkischen Ministeriums der öffentlichen

Arbeiten vom Jahre 1909 über die notwendigen Eisenbahnbauten behandelt

die Strecke von Nedschef bis zum Golf auch als eine solche minderer

Dringlichkeit. Trotzdem ist die Frage, wo am Golf der Endpunkt

gewählt werden soll, wichtig, denn einmal wird man doch bis zum Meere

durchbauen. Seine Lage wird davon abhängen, ob von Bagdad aus, wie

offiziell geplant, die Linie nach Osten und unter Überschreitung des

Stromes auf dem rechten Ufer des Euphrat bis ans Meer geführt wird,

oder ob man versuchen sollte, die zwar kürzere, aber technisch wegen

der Sumpfstrecken schwierige Route direkt von Bagdad zur Mündung

der Ströme einzuschlagen. Daran denkt z. B. teilweise Willcocks. In

diesem Falle würde der Endpunkt vielleicht gar nicht auf die arabische

Seite, sondern in unmittelbare Nachbarschaft des persischen Gebiets zu

liegen kommen, was sich aus verschiedenen naheliegenden Gründen wenig

empfiehlt. Sicher aber wird England beanspruchen, über die Endstation

ein entscheidendes Wort mitzureden. Der persische Haupthafenplatz

an der Mündung des Schatt-el-Arab ist Muhammera, an dem Kanal, der

vom Unterlauf des Karun in den Schatt geht und den schon die Flotte

Alexanders des Großen mit den mazedonisch-persischen Truppen an Bord

benutzt hat, um von Susa nach Babylon zu kommen. Bei Basra oder

Muhammera kann der Schlußpunkt aber nicht liegen, der Barre an der

Strommündung wegen. Auf der persischen Seite des Golfes würden am

offenen Meere große Hafen- und Dammbauten nötig sein, um die überall

ganz flache Küste für größere Schiffe überhaupt zugänglich zu machen,

am arabischen Ufer bietet Kuweit einen vortrefflichen und altbekannten

Hafen dar. Auf Kuweit aber hat England bereits die Hand gelegt. Käme

es in der Tat dazu, daß es der türkischen Oberhoheit entfremdet und

formell in den englischen Machtbereich eingezogen wird, so müßte das

als eine sehr schwere Schädigung sowohl der europäischen als auch der

türkischen Interessen betrachtet werden. Wenn man nur den _nächsten_

wirtschaftlichen Nutzungswert der Bagdadbahn in Rechnung zieht,

so könnte man auch vom deutschen Standpunkt aus zu der Anschauung

gelangen, daß es eventuell besser ist, die Eisenbahn nicht allzu

nahe an den Persischen Golf heranzuführen, und zwar aus dem Grunde,

weil es ökonomisch vorteilhafter sein könnte, die Wareneinfuhr und

Ausfuhr Mesopotamiens über einen Mittelmeerhafen zu lenken. Wenn die

Bahn bei Bagdad oder Nedschef endet, so wäre damit wie gesagt das

militärische Interesse der Türkei annähernd befriedigt, und die Häfen

an der syrischen Küste könnten mit Basra oder Kuweit in bezug auf die

Ausfuhr des Getreides, der Baumwolle und Wolle und die Einfuhr von

Manufakturprodukten und anderen Erzeugnissen der deutschen Industrie

erfolgreich konkurrieren. Ein Hafenplatz am Golf von Alexandretta

ist für die internationalen Interessen sicherer, als die Mündung des

Schatt-el-Arab. Der Persische Golf wird doch immer ein überwiegend von

England kontrolliertes Gewässer bleiben. Läuft die Bahn bei Kuweit

aus und ist Kuweit englisch, so bedeutet das, daß England auch den

dritten, kürzesten und schnellsten Weg nach Indien und Südostasien

neben dem ums Kap der Guten Hoffnung und dem durch das Rote Meer

an der entscheidenden Stelle beherrscht und in der Lage ist, ihn

nach Belieben zu schließen und offen zu halten. An dem rechtlichen

Anspruch der Türkei auf die Oberhoheit über Kuweit kann gar kein

Zweifel existieren. Im Anfang der siebziger Jahre, als der Reformer

Midhad Pascha Generalgouverneur von Bagdad und Basra war, gelang es

ihm, den nordöstlichen Küstenstrich Arabiens am Persischen Golf, die

Landschaft el-Hahsa, unter türkische Botmäßigkeit zu bringen. Man

gab dem neuen Kasa (Kreis) den pompösen Namen Nedschd, als ob die

große und altberühmte Landschaft im Innern der arabischen Halbinsel,

deren Küstenvorland Hahsa mit Kuweit bildet, nun auch der weltlichen

Obergewalt des Padischah in Konstantinopel untertan geworden wäre.

Faktisch hat man sich dann in Stambul um den neuen Bezirk wenig

gekümmert, weil die Einkünfte von dort gering und Rekruten für die

Armee überhaupt nicht zu beziehen waren. Man begnügte sich damit,

daß der jedesmalige Schech die Übernahme der Herrschaft dem Sultan

anzeigte und um seine Anerkennung nachsuchte, was gewöhnlich in

der Form geschah, daß er den Titel und die administrative Gewalt

eines türkischen Kaimakam erhielt, desjenigen Beamten, der einer

Kasa vorgesetzt ist. Als ich im Frühling 1901 in Bagdad war, wehte

über Kuweit die türkische Fahne und die Mitglieder der deutschen

Studienkommission waren ein Jahr vorher zur Untersuchung der Stadt und

des Hafens mit einem türkischen Ferman und unter türkischer Eskorte

gekommen, wie denn auch der Schech sie anstandslos empfing und sie

tun und treiben ließ, was sie wollten. Wenn daher die Engländer

behaupten, Mubarek habe 1899 mit ihnen einen Vertrag abgeschlossen,

durch den er sich und sein Gebiet unter britischen Schutz stelle, so

hätte diese Tatsache, selbst wenn sie wahr ist, nicht die geringste

rechtliche Bedeutung, da ein Vasall wie der Schech von Kuweit nicht in

der Lage ist, ohne Genehmigung seines Oberherrn, in diesem Falle also

des Sultans, ein verpflichtendes Abkommen mit einer andern Macht zu

treffen. Der Sultan aber ist weder um die Genehmigung zu einem solchen

Einverständnis des Fürsten von Kuweit mit England angegangen worden,

noch hat er sie erteilt.

Wie wir bereits im ersten Kapitel bei der Würdigung der politischen

Seite der Bagdadbahnfrage gesehen haben, sind die englischen Wünsche

in bezug auf die untere Strecke und den Endpunkt der Bahn eine

Angelegenheit, die in erster Linie England und die Türkei angeht.

Das deutsche Interesse kommt erst in Frage, sobald von englischer

Seite irgendein Druck versucht werden sollte, um die Stellung der

Türkei direkt oder indirekt nach der militärischen oder politischen

Seite hin in Mesopotamien und im Irak zu schwächen. Solange es sich

bei den englischen Wünschen nur um finanzielle Beteiligung handelt,

wie bei Deutschland, sei es auch, daß die Beteiligung sich speziell

auf das Bagdadgebiet konzentrieren soll, brauchen wir den Engländern,

wenn sie gleichwertige Gegenzugeständnisse auf einem ähnlichen Gebiet

machen und die Türken einverstanden sind, nicht hinderlich zu sein.

Legen sie aber, sei es bei Kuweit oder an einem anderen Punkte, Hand

auf türkisches Gebiet oder wollen sie sich gar dort in strategisch

drohender Weise etablieren, so läge der Fall allerdings anders. Es

ist eine direkte Anmaßung, wenn von England aus behauptet wird, weil

die Bagdadbahn einen neuen Weg nach Indien bilde, müsse ihr Endpunkt

unter englischer Kontrolle stehen. Der Endpunkt der Bagdadbahn, die

eine vollkommen türkische Bahn ist, kann nur auf türkischem Gebiet

liegen, und auf solchem haben die Engländer schlechterdings nichts zu

suchen. Für England muß es genügen, wenn sie den persischen Golf als

eine Art von Interessensphäre haben und wenn sie die Meerenge von Ormus

oder Bender Abbas, die wirkliche Passage in die indischen Gewässer,

tatsächlich kontrollieren.

Drittes Kapitel.

Wirtschaftliche Erwägungen und Tatsachen.

Die Bagdadbahn ist in erster Linie nicht ein deutsches oder

internationales, sondern ein türkisches Unternehmen, und für die

türkische Regierung wie für die öffentliche Meinung in der Türkei

können für ein solches nur Gesichtspunkte des türkischen Interesses

maßgebend sein. Was der osmanische Staat braucht, das läßt sich,

nachdem die Wurzel aller früheren Übel, das Regiment des Jildis,

beseitigt ist, nach der materiellen Seite hin in drei Worte

zusammenfassen: eine schlagfertige Armee, moderne Verkehrsmittel,

Erhöhung der Staatseinnahmen. Die Folgen des Bahnbaues aber, d. h.

die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse, werden sowohl Volks- als

auch Einnahmevermehrung sein. In den von der Bagdadbahn durchzogenen

Landschaften wird sich die Kultur in ähnlicher Weise wieder entfalten,

wie es im Altertum der Fall war, vor allen Dingen der Getreide- und der

Baumwollbau. Davon wird die Türkei den Vorteil haben, aber außer der

Türkei auch noch Deutschland und alle anderen Länder, die zu den Türken

in freundschaftliche Beziehungen treten.

War es nicht nur mißverständlich und irreführend, sondern direkt im

höchsten Grade gefährlich, von deutscher Kolonisation in der Türkei zu

sprechen, so braucht man darum doch die Früchte, die sich im Gefolge

der vollendeten Bagdadbahn für unsere deutschen Interessen dort ergeben

werden, in keiner Weise geringer zu schätzen, als es selbst bei einer

wirklichen Ansiedelung im größten Maßstabe der Fall sein könnte. Ich

will mich auf ein praktisches Beispiel beziehen: auf die Erfolge

der Russen mit der Baumwollkultur in Turkestan. Die Russen fanden

in ihren jetzigen mittelasiatischen Besitzungen bei der Eroberung

den von alters her dort bestehenden Baumwollenbau vor, desgleichen

Seidenzucht. General von Kaufmann, einer der genialsten Männer, die an

der asiatischen Politik Rußlands mitgearbeitet haben, erkannte die hohe

Wichtigkeit dieser Tatsache und tat alles dafür, um den Baumwollenbau

der Eingeborenen durch Einführung und Anpflanzung amerikanischen

Samens, durch Gewährung von Vorschüssen an die Grundbesitzer und

Kaufleute usw. zu heben. Die Folge dieser jetzt etwa 25 Jahre alten

Bestrebungen ist die, daß gegenwärtig 0,6-0,7 Millionen Ballen

gereinigter Baumwolle zur Ausfuhr aus Turkestan nach dem europäischen

Rußland gelangen, eine Menge, die hinreichend ist, um die Hälfte des

Baumwollenbedarfs der russischen Manufakturindustrie zu decken. Dieser

Aufschwung der Baumwollenkultur datiert aber von dem Augenblick an, wo

die transkaspische Eisenbahn die alten Baumwollengebiete jenseits des

Oxus (Amu-Darja) erreichte. Bis dahin wurde nicht mehr Baumwollenfaser

angebaut, als der lokale Bedarf erforderte, und alle Verbesserungen

des Samens, alle Kreditgewährungen und Ermunterungen hätten herzlich

wenig zuwege gebracht, wenn nicht durch die Bahn die Möglichkeit

des vorteilhaften Absatzes und der Ausfuhr gegeben worden wäre. Die

russischen Spinner zahlen die rund 150 Millionen Mark, die sie vorher

an amerikanische und ägyptische Plantagenbesitzer entrichten mußten,

jetzt an die Bauern in Turkestan. Der Reichtum des Landes wächst daher

in merklicher Progression von Jahr zu Jahr, und die Eingeborenen werden

wohlhabend, werden kaufkräftige Abnehmer für die russischen eben aus

dieser selben turkestanischen Baumwolle hergestellten Manufakturwaren

und andere Erzeugnisse der russischen Fabrikindustrie.

Etwas Ähnliches muß auch das Ziel bei der Erschließung türkischer

Landesteile durch die Bagdadbahn sein. Das nordwestliche Mesopotamien

und die angrenzenden Teile Syriens sind im Altertum eines der

bedeutendsten Zentren der Baumwollkultur gewesen; sie sind es auch

bis ziemlich tief ins arabische Mittelalter hinein geblieben, und

vereinzelte praktische Erfahrungen, die heute noch gemacht werden,

beweisen ebenso wie schriftliche Nachrichten aus früherer Zeit, daß

der Boden und das Klima der Landstriche z. B. am Belich und Chabur der

Baumwollenstaude außerordentlich zusagen. Gegenwärtig sind es zwei

Gründe, die nicht nur die Baumwollenkultur, sondern jede Nutzung des

Bodens überhaupt in gleicher Weise verhindern: die Unsicherheit und der

Mangel an Verkehrsmitteln. Eins wie das andere wird vor der Eisenbahn

weichen. Hat der mesopotamische Bauer erst die Sicherheit, daß seine

Ernte ihm nicht von den Arabern der Steppe oder kurdischen Plünderern

aus dem nördlichen und östlichen Berglande geraubt wird, daß er sein

Produkt, so viel er davon über den eigenen Bedarf hinaus erzeugt, an

sichere Abnehmer verkaufen kann, so wird er von selber wieder in die

Steppe hinaus ziehen und Baumwolle längs den Flüssen pflanzen, die

sie durchziehen; gleich seinen Vorfahren vor 700 und vor Tausenden

von Jahren. Selbstverständlich werden es meist _fremde_ Kapitalien

sein müssen, die eine solche Entwicklung anbahnen helfen, denn ohne

finanzielle Unterstützung wird die Baumwollenkultur in Mesopotamien

eine rasche und gedeihliche Ausbreitung nicht nehmen können und

die türkische Kapitalkraft wird allein dazu nicht ausreichen.

Nicht deutsche Bauern, wohl aber deutsches Geld müssen den Boden

Mesopotamiens in weitestem Maßstabe urbar machen helfen. Geschieht das,

so werden die Früchte davon in reichstem Maße uns und unserer Industrie

zugute kommen. Es müssen sich Plantagengesellschaften unter türkischer

Beteiligung bilden, die möglichst große Landstrecken, am besten in

langjähriger Pacht, vom türkischen Staate, dem alles herrenlose

unkultivierte Land gehört, an sich bringen; sie müßten dann ihr Terrain

parzellieren und sei es an kleinere Pächter weiter geben, sei es auf

eigene Rechnung von eingeborenen Arbeitern bewirtschaften lassen.

Der erste Weg wird, glaube ich, der besser gangbare und wenigstens

für den Anfang rascheren Erfolg versprechende sein. Gelingt es auf

diese Weise, mit der Zeit den Hauptbedarf Deutschlands an Baumwolle

statt aus Amerika aus Mesopotamien zu beziehen, so hat das den großen

Vorteil, daß wir in der Bevölkerung des Landes die dadurch reicher

und kaufkräftiger gemacht worden ist, Abnehmer für die Erzeugnisse

unserer Industrie haben. Amerika gegenüber sind wir mit unserer

Handelswirtschaft sowieso stark im Nachteil, und die Amerikaner tun

alles, was ihnen möglich ist, um die Einfuhr europäischer, insbesondere

deutscher Waren im Austausch gegen ihre Baumwolle zu erschweren. In

der Türkei kann von solchen Tendenzen, wie sie die amerikanische

Wirtschaftspolitik befolgt, zunächst natürlich noch nicht die Rede

sein, und es versteht sich von selbst, daß, wenn das Land durch

deutsches Kapital erschlossen wird, die deutsche Industrie auch für die

Lieferung der notwendigsten Dinge dorthin sich den Vorzug zu wahren

wissen wird. Insofern also kann die Entwicklung der Dinge, das nötige

Geschick von unserer Seite vorausgesetzt, in wirtschaftlicher Beziehung

hier eine durchaus ähnliche werden, wie im russischen Mittelasien,

das auch nach einer langen und glänzenden Epoche der Kultur und des

Reichtums viele Jahrhunderte lang zum großen Teil wüste und brach

gelegen hat, bis die russischen Ingenieure kamen, die Eisenbahner und

Wasserbautechniker, und danach Kapital und Unternehmungsgeist.

Die Bagdadbahn · 第 3 / 7 段