Die Geschichte des Planes der Bagdadbahn hat vom ersten Augenblick an

in hohem Grade unter der Wirkung politischer Gesichtspunkte gestanden,

türkischer wie außertürkischer. Nicht nur England, sondern auch

Rußland nahm von vornherein das Recht zu Einreden verschiedener Art

in Anspruch. Heute freilich ist seine Stellung gegenüber der Türkei

sehr verschieden von der, über die es vor dem unglücklichen Kriege

mit Japan verfügte. Damals war es imstande, eine Kriegsflotte vor

Konstantinopel erscheinen zu lassen, ehe man möglicherweise in Europa

davon erfuhr, daß ein solcher Schritt geplant wurde. Die Befestigungen

am oberen Bosporus waren wenig wert und nicht imstande, das Passieren

der russischen Macht länger als einige Stunden aufzuhalten, zumal sie

sämtlich durch gelandete Abteilungen von ihrer unverteidigten Rückseite

gefaßt werden konnten. Auf der kaukasischen Seite hatte Rußland

durch die Erbauung der kaspischen Küstenbahn bis Baku und durch die

Verbesserung des transkaukasischen Straßennetzes gut vorgearbeitet,

und auch der Bau einer Verbindungsbahn längs der Küste des Schwarzen

Meeres nach Batum war beschlossen, als der Krieg mit Japan ausbrach.

Dagegen befand sich auf der türkischen Seite die Befestigung des

wichtigsten Platzes an der Rußland zugekehrten Front, Erserum, in

schlechter Verfassung. Man durfte damit rechnen, daß sich die Russen

im Kriegsfall bald nach Beginn des Feldzuges im Besitze dieses

Schlüsselpunktes befinden würden. Demgegenüber hatte die Türkei ein

dringliches Interesse daran, die Bahn nach Bagdad auf ihrem Zuge durch

die anatolische Halbinsel soweit wie möglich nordwärts verlaufen zu

lassen. Ursprünglich sollte sie daher über Angora, Sivas, Charput

und Diarbekir nach Mossul gehen. Rußland erreichte aber nicht nur,

daß dieser Plan sowie die später aufgetauchte »mittlere Variante«

-- Angora, Kaisarie, Charput, Diarbekir -- fallen gelassen wurde,

sondern daß die türkische Regierung sogar eine Verpflichtung einging,

künftighin Bahnen im nördlichen und nordöstlichen Kleinasien, wenn

sie solche nicht direkt aus Staatsmitteln baute, an keine anderen

als an russische Konzessionäre zu vergeben. Für die Bagdadbahn aber

wurde die südliche Trace -- Haidar-Pascha, Eski-Schehir, Konia, Adana

-- gewählt. Dabei betrachten wir die anatolische Eisenbahn mit ihrem

Endpunkt Konia von vornherein als den ersten Teil der zukünftigen

Gesamtlinie nach Bagdad und dem Golf. Bekanntlich beruht diese

finanziell auf dem System der sogenannten Kilometergarantie, d. h.

es wurden beim Beginn des Baues die voraussichtlichen Gesamtkosten,

Kapitalverzinsung, Betrieb usw., für den Kilometer berechnet, und die

türkische Regierung verpflichtete sich, diejenige Summe, die an den

Betriebseinnahmen bis zu dem vorhin errechneten Betrage etwa fehlen

sollte, ihrerseits der Bahngesellschaft zu bezahlen. Bei den früheren

finanziellen Verhältnissen der Türkei bedurfte es aber für diese

Kilometergarantie wiederum einer Garantie, nämlich der Bezeichnung

bestimmter verfügbarer Einnahmeposten des Staatsschatzes, durch die

der fällig werdende Garantiebetrag im voraus gedeckt war. Es ist keine

lange Erläuterung über die praktischen Schwierigkeiten dieses Systems

nötig: war doch die Geldklemme der Türkei infolge der Verschwendung im

Jildis, des mangelhaften Steuersystems und der vielfachen Unterschleife

eine chronische. Durchgreifend geholfen werden kann der türkischen

Regierung vorläufig nur auf dem Wege der Zollerhöhung. Hierüber ist

endlos mit den beteiligten Mächten verhandelt worden, denn die Türkei

ist bekanntlich in ihrer Zollpolitik nicht autonom, sondern durch

»ewige« Verträge gebunden. Auf die Dauer können und werden sich

natürlich die Jungtürken nicht durch das Netz dieser Verträge binden

lassen, sondern auf irgendeine Weise versuchen, ein so wichtiges

Stück der Staatshoheit, wie die Selbständigkeit in der Zollpolitik,

zurückzugewinnen, und vermutlich wird man ihnen von deutscher Seite

dabei die wenigsten Schwierigkeiten in den Weg legen. Bisher aber und

auch heute noch ist die Türkei zur Rücksichtnahme auf die Verträge

verpflichtet. England, und in seinem Gefolge Frankreich, haben von

Anfang an das ihrige getan, um eine Verstärkung der türkischen

Finanzkraft auf dem Wege der Zollerhöhung zu hintertreiben oder

nur unter Bedingungen zu gestatten, durch die eine Verwendung der

Mehreinnahmen für die Bagdadbahn ausgeschlossen werden sollte. Näher

auf dieses Gebiet einzugehen, empfiehlt sich aus bestimmten Gründen

nicht; es mag genügen, darauf hinzuweisen, daß dieselben Tendenzen wie

vor Jahren, auch heute noch wirksam sind. So erklärt es sich auch,

daß der Bau der Bagdadbahn bisher sehr langsame Fortschritte gemacht

hat. Im Dezember 1899 wurde in Konstantinopel der Vertrag über den

Bau der Linie zwischen der türkischen Regierung und der anatolischen

Bahngesellschaft geschlossen, wonach die Gesellschaft im Laufe von

acht Jahren eine Eisenbahn von Konia über Bagdad nach Basra zu

bauen übernahm, vorbehaltlich der Regelung der Garantiefrage. Diese

Garantiefrage aber und die hinter ihr stehenden feindlichen politischen

Einflüsse machten so große Schwierigkeiten, daß im Anschluß an jenen

Vertrag nur die erste 200 km lange Sektion des Baues bis in die Nähe

von Bulgurlu, jenseits Eregli, zustande kam. Danach war bis 1908 kein

Fortschritt zu verzeichnen. Unmittelbar vor der Revolution vom Sommer

1908, am 2. Juli d. J., gelang es der Bahngesellschaft endlich, die

Verträge über den Weiterbau abzuschließen, und zwar über 840 km, von

Bulgurlu bis Helif, das direkt südlich von Diarbekir zwischen Harran

und Nisibis in Obermesopotamien liegt. Der Ausbruch der Revolution

und die Errichtung des jungtürkischen Regiments haben nicht, wie man

erst befürchtete und wie von der Gegenseite auch angestrebt wurde, zu

einer Anfechtung der Konzession geführt, doch zog sich der Beginn der

Bauarbeiten an der Taurussektion noch um mehr als ein Jahr, bis zum

Spätherbst 1909, hin. Gegenwärtig ist das Werk dort in vollem Gange.

Zweites Kapitel.

Die Trace und die Landschaften der Bahn.

Die Gesamtlänge der Linie von Haidar Pascha am Bosporus bis Kuweit am

persischen Golf wird etwa 2500 Kilometer betragen. Diese Strecke, die

ja an sich ganz respektabel ist, aber im Vergleich zu der Ausdehnung

der amerikanischen Pazifikbahn, der sibirischen Magistrale oder

des Projekts vom Kap nach Kairo doch nicht so sehr groß erscheinen

kann, teilt man, einschließlich der bereits in den neunziger Jahren

erbauten, bis Konia reichenden »anatolischen« Bahn, am besten in fünf

von der Natur vorgezeichnete Abschnitte: 1. vom Bosporus bis an den

Fuß des cilicischen Taurus, 2. vom Taurus bis an den oberen Euphrat,

3. vom Euphrat bis zum Beginn des babylonischen Niederlandes unterhalb

Tekrit, 4. von jenem Punkt bis Zubeir oder Basra am Schatt-el-Arab,

5. von Basra bis Kuweit. Die erste Strecke ist bereits bis Bulgurlu,

unweit Eregli, das schon dicht vor dem Taurus liegt, gebaut, fast 800

Kilometer lang. Die Linie durchschneidet hier, indem sie sich von

Eski-Schehir ab auf der Höhe des Plateaus hält, das westanatolische

Vorland und läuft dann nahe dem Südrande der großen Salzwüste des

inneren Kleinasiens bis an den Fuß des Taurus. Im ganzen genommen

kann dies Stück nicht als voll rentabel bezeichnet werden, wenn auch

zahlreiche Distrikte in der Nähe der Hauptstadt für den Getreide-,

Obst- und Gemüseanbau geeignet sind und ein starker Aufschwung der

Agrikultur in jeder Beziehung schon jetzt unverkennbar ist. Anders

stehts in dieser Beziehung mit der Anschlußlinie von Smyrna nach

Afiun-Karahissar, wo sich das schon seit längerer Zeit bestehende

westliche Bahnnetz an den Strang der anatolischen Eisenbahngesellschaft

anschließt. Wie schon früher erwähnt, ist der Weg an den Euphrat

über Konia nicht der ursprünglich geplante, aber es mag bei dieser

Gelegenheit doch bemerkt werden, daß es nicht ganz allein politische,

sondern auch einige technische Gründe gewesen sind, die es vom

Standpunkt der finanziellen Rentabilität aus wünschenswert erscheinen

ließen, von der Führung über Siwas-Charput-Diarbekir Abstand zu

nehmen. Es wäre diese Trace nämlich erstens um 200 Kilometer länger

als die jetzt gewählte südliche Variante, außerdem aber führte sie

auf einer langen Strecke durch außerordentlich schwieriges Terrain,

wo kostspielige Kunstbauten größten Maßstabes nötig gewesen wären.

Ausschlaggebend sind diese Erwägungen schwerlich gewesen, da die

türkische Regierung ja ein sehr großes militärisches Interesse an der

nördlichen Führung hatte, aber sie hätte sich dann allerdings auch

verpflichten müssen, die für den Kilometer zu zahlende Garantiesumme

der Gesellschaft gegenüber zu vergrößern.

Das _zweite_ Stück, vom Taurus bis an den Euphrat, ist auch bei der

jetzigen Führung der Trace weitaus das schwierigste. Der Gülek-Boghas,

der Hauptpaß über den cilicischen Taurus, ist zwar nur etwas über

1400 Meter hoch, aber die Gestaltung des Terrains macht es trotzdem

unmöglich, ihn zur Überführung der Schienen zu benutzen. Man entschloß

sich daher für die Überschreitung des Gebirges etwas westlich von dem

alten Paß unter Anwendung eines mehrere Kilometer langen Tunnels. Abd

ul Hamid verlangte mit großer Bestimmtheit, daß der Bahnkörper überall

mindestens eine halbe Tagereise vom Meere entfernt bleiben soll, aus

Furcht vor einer Zerstörung durch feindliche Landungstruppen. Um diesem

Wunsche Rechnung zu tragen, muß sich die Linie nach Überwindung des

hohen Taurus möglichst nahe am südlichen Fuß des Gebirges halten, aber

doch so, daß nach der Überschreitung desselben _Adana_ im »ebenen«

Cilicien berührt wird. Diese Stadt ist bereits durch eine ursprünglich

englische, jetzt von der Bagdadbahngesellschaft angekaufte kurze Bahn

mit dem Hafenplatz Mersina verbunden. Von Adana wird man durch die

Scharte zwischen dem Nordende des Amanus und dem Südabhang des Taurus,

die schon in den siebziger Jahren als bequemster Übergangspunkt für

eine Bahn durch das nordsyrische Bergland ermittelt worden ist,

weiter ins Innere gehen, voraussichtlich über Killis auf Dscherablus,

das alte Karkemisch, südlich von Biredschik am Euphrat. Von dort

an hört jede technische Schwierigkeit für den Bahnbau auf, und die

projektierte Linie läuft vom Euphrat an über die nordmesopotamische

Ebene, nahe dem Fuß einer hier den Taurusketten vorgelagerten niedrigen

und breiten Schwelle, auf den Tigris zu. Zuerst war daran gedacht,

die Schienen über Urfa zu legen; später hat sich die technische

Kommission dafür entschieden, überhaupt etwas südlich von der früher

geplanten Trace zu bleiben und geradezu durch die »Wüste« über

Nisibis auf Mossul loszugehen. Der maßgebende Gesichtspunkt ist zum

Teil sicher die Kostenersparnis gewesen; andererseits kann man aber

auch geltend machen, daß es vielleicht besser ist, das erst infolge

des Bahnbaues wieder urbar zu machende Land selbst gleich mitten zu

durchschneiden, als es erst von Norden her allmählich aufzuschließen.

Viel wichtiger aber als diese relativ geringe Abweichung von dem alten

Plane ist der Beschluß, überhaupt ganz auf dem rechten Tigrisufer

zu bleiben, anstatt schon oberhalb Mossul (bei Fleischabur) auf das

linke Ufer hinüberzugehen, wie das ursprüngliche Projekt lautete. Die

Landschaft auf dem _linken_ Tigrisufer zwischen dem Strom und dem

Rande des iranischen Hochlandes, das alte Assyrien, ist der Kern des

alten Großreichs der zu Ninive und Kalach residierenden Herrscher.

Von Mossul wäre man nach dem alten Plan über das Feld der Schlacht

von Gaugamela, weiter über Arbela, den oberen und den unteren Sab,

nach dem Naphthabezirk von Kerkuk gelangt. Südlich von Kerkuk beginnt

eine eigentümliche Bodenkonfiguration: teilweise ein unfruchtbares

mit vorzugsweise aus Kies bestehenden Hügelketten bedecktes Terrain,

teilweise aber zur Sumpfbildung geneigter, von reichlich und reißend

strömenden Wasseradern durchzogener Boden. Hier ist das Land von

Natur zum Reisbau gleichsam vorherbestimmt. Mit der Überschreitung

des Dschebel-Hamrin, der sich von jenseits des Tigris in langer Linie

bis an den Fuß des Puscht-i-Kuh jenseits der persischen Grenze

erstreckt, tritt man in das babylonische Niederland ein, das ganz

und gar aus den Anschwemmungen des Euphrat, des Tigris und dessen

linksseitiger Nebenflüsse besteht. Bei Bagdad sollte dann der Tigris

wieder überschritten werden. Nach dem jetzt geltenden Projekt kommt

der Bahnhof für Mossul nicht, wie früher geplant, jenseits des

Stromes auf die Stätte des alten Ninive zu liegen, sondern auf das

Westufer des Stromes, nach Mossul selbst, und der Strang läuft dann

über die Ruinenstätte des alten Assur (Kalat Schergat) nach Tekrit,

das unmittelbar am Tigris liegt, und weiter nach Bagdad. Auf dieser

ganzen Strecke, vom Südfuß des Taurus bis Bagdad, sind außer der Bahn

von Adana nach Mersina, drei Abzweigungen vorgesehen: eine südwärts

von der Magistrale nach Aleppo, eine nordwärts nach Urfa und eine

nordostwärts von einem Punkte zwischen Tekrit und Bagdad nach Chanikin

am Fuß der iranischen Randkette, nahe der persischen Grenze, also im

Zuge der großen Straße auf das Hochland von Iran hinauf. Von Bagdad

biegt die Linie dann im stumpfen Winkel nach Westen, geht nördlich

von den Ruinen des alten Babylon über den Euphrat, berührt die

schiitischen Wallfahrtsorte Kerbela und Nedschef, folgt dem rechten

Ufer des Euphrat am Rande des Überschwemmungsgebietes und erreicht

schließlich Basra am Schatt-el-Arab, dem gemeinsamen Unterlauf der

beiden vereinigten Ströme. Von Dscherablus bis Basra gibt es kaum

einen einzigen Kilometer, der nicht in fruchtbarem oder in anderer

Beziehung zukunftsreichem Lande läge, ohne die mindesten technischen

Schwierigkeiten für den Bau, wenn man von der Überwindung einiger

kleinerer sumpfiger Strecken und von dem notwendigen allerdings recht

stattlichen Brückenbau über den unteren Euphrat absieht. Das fünfte

kürzeste und letzte Stück endlich von Basra nach Kuweit am Golf führt

wesentlich durch eine Wüste und dient einzig und allein der Gewinnung

eines Hafens am offenen Meere. Basra ist wegen der Barre an der Mündung

des Schatt für Schiffe von mehr als 6 Meter Tiefgang in der Regel

nicht zugänglich. Im Hafen von Kuweit dagegen können große Seedampfer

löschen und laden.

Nach dem Wunsche der türkischen Regierung, die sich auch heute nach

vorübergehendem Schwanken wieder für das Prinzip des trotz all seiner

Fehler scharfsichtigen Abd ul Hamid entschieden hat, wird die Bahn wie

gesagt vom Bosporus bis zum Persischen Meerbusen an keiner einzigen

Stelle das Meer berühren. Eine Verbindung mit der See wird in Cilicien

durch die Adanabahn hergestellt. Auf die Dauer ist es aber unmöglich,

daß nicht von demjenigen Punkte aus, wo die Schienen, wenn man vom

Persischen Golf kommt, _zum erstenmal dem Mittelmeer sich nähern_, eine

Zweiglinie direkt an den Golf von Alexandretta gebaut wird. Wie diese

Linie zu liegen kommen wird, und ob vielleicht die alte Hafenstadt des

syrischen Antiochien, Seleukia, etwas nördlich von der Orontesmündung,

ausersehen werden kann, das ist eine Frage zweiter Ordnung. Die

Tatsache, daß die Verbindungslinie zwischen _Bagdad--Babylonien_ und

der Mittelmeerküste _in der Gegend von Antiochien_ die älteste,

größte und heute noch zukunftsreichste natürliche Handelsstraße

Vorderasiens ist, bleibt unabhängig von allen Bahnbauten bestehen und

kann durch die Vollendung einer den modernen Anforderungen genügenden

Verkehrsstraße nur um so deutlicher und entschiedener hervortreten.

Syrien ist von Natur dazu bestimmt, ein Durchgangsland für den

Handelsverkehr zwischen Ost und West, zwischen den nach dem Persischen

Golf hin gravitierenden Ländern und dem östlichen Mittelmeerbecken

zu sein. In der Nähe des Punktes, wo der Umschlag des Verkehrs vom

Land- auf den Seeweg erfolgt, hat zu allen Zeiten ein Handelsplatz

erster Ordnung gelegen, im Altertum Antiochien, heute Aleppo. Die

Güter des Binnenlandes im ganzen Stromgebiet des Euphrat und Tigris,

soweit es in der mesopotamisch-babylonischen Ebene liegt, streben mit

Notwendigkeit der Ausfallspforte zum Abendlande zu, die sich hier

zwischen dem Amanusgebirge und den nordsyrischen Küstenketten öffnet.

Der natürlichste Durchgang war und ist das Tal, in dem der Unterlauf

des Orontes fließt; daß die Fahrstraße heute über den Beilanpaß des

Amanusgebirges nach Alexandretta führt, ist durch Ursachen bedingt, die

ihre Wirksamkeit in dem Moment verlieren würden, wo der Karawanendienst

durch den Eisenbahnverkehr ersetzt wird. Gerade diese Bedeutung als

Durchgangsland, sowie der Umstand, daß eine große Handelsstadt von

Natur gleichsam zur Beherrscherin der Gegend vorbestimmt ist, hat die

hohe materielle Blüte des nördlichen Syrien von den Tagen der Assyrer

bis auf den allgemeinen Niedergang der Kultur im Orient unter der

Herrschaft des Islam bedingt. Ich habe mit Staunen auf meinen Kreuz-

und Querzügen durch das Kalkgebirge südlich von Aleppo und Antiochien

die ungeheure Menge alter Ruinenstädte, die Felderterrassierungen, die

Menge antiker Grabanlagen, die zahllosen Ölkelter und viele andere

Spuren einer bewundernswert dichten Bevölkerung konstatiert und habe

daraus entnommen, daß Nordsyrien bis in die Zeit unmittelbar vor

der arabischen Eroberung eines der am dichtesten bevölkerten Länder

der alten Welt gewesen sein muß, ähnlich wie in Tunis die Menge der

alten Ölpressen allein den Beweis liefert, daß fast das ganze Land

mit Olivenwäldern bedeckt gewesen sein und großen Reichtum aus ihrer

Verwertung gezogen haben muß. Solange der Handelsverkehr des reichen

Ostens mit dem Abendlande dauerte, also z. B. noch zur Zeit der

Kreuzfahrer, hat Antiochien eine verhältnismäßige Blüte behauptet. Das

heutige Türkenstädtchen Antakije mag 20 bis 30000 Einwohner haben,

aber der Mauerring der von den Kreuzfahrern eroberten Stadt, also das

Antiochien des 11. und 12. Jahrhunderts, umschließt allein in der

Ebene die sechs- bis achtfache Fläche; von den Befestigungen auf der

nördlichen die Stadt überragenden Bergkette ganz zu geschweigen. Hier

muß also auch ein großer zukünftiger Handelshafen für alle Linien,

die ohne Zweifel sich entwickeln werden, sobald die wirtschaftliche

Neugeburt Mesopotamiens durch die Bagdadbahn anfängt eine Tatsache zu

werden, wiedererstehen. Der Umweg über Adana nach Mersina, um dort die

Küste zu gewinnen, ist so groß, daß er auf den Warenverkehr schädlich

wirken würde.

Wollte man nur auf das wirtschaftliche und nicht auf das politische

Interesse sehen, so könnte man überhaupt die Frage aufwerfen, ob

es nicht vorteilhafter wäre, die kleinasiatische Strecke ganz auf

sich beruhen zu lassen und erst bei Seleukia-Antiochien mit dem

Bau zu beginnen. Der spätere Transit, die Getreide-, Woll- und

Baumwollenausfuhr, wird doch ohnehin mit allen Mitteln danach streben,

den billigen Wasserweg zu verlängern und die Eisenbahnfrachtstrecke

entsprechend zu verkürzen. Unter Umständen könnte es sonst dazu

kommen, daß bis nach Mesopotamien hinauf die Frachten es vorziehen

werden, nach Bagdad und von dort zu Schiff auf dem Tigris und via

Aden-Suez nach Europa zu gelangen. Aus zwei Gründen ist man aber auf

alle Fälle mit der Notwendigkeit belastet, auch das ostanatolische

Stück der Bahn zu bauen. Der eine ist in dem militärischen Interesse

der Türkei enthalten, der natürlich nur wenig damit gedient wäre, wenn

sie ihre Truppen von Bagdad und Mossul nicht ganz per Bahn bis ins

Innere der Halbinsel bringen kann (und umgekehrt), und der andere ist

die Bedeutung der ganzen Linie für den zukünftigen Schnellverkehr mit

Indien. Hierfür ist es natürlich notwendig, über eine ununterbrochene

Schienenverbindung zwischen Konstantinopel, als dem Punkte, wohin die

west- und zentraleuropäischen Routen nach dem Südosten zusammenlaufen,

und der Mündung des Schatt-el-Arab zu verfügen. Die Reisenden und die

Post nach und von Indien werden natürlich vom Tage der Eröffnung an die

Bahn auf ihrer ganzen Länge benutzen, der Warenverkehr dagegen wird

voraussichtlich auf der Strecke von Konstantinopel bis an den Südabhang

des Taurus immer oder doch auf eine recht lange Zeit hinaus sich in

bescheidenen Grenzen halten. Kleinasien, soweit es im Altertum reich,

bevölkert und blühend war, liegt zum größeren Teil westlich von der

Anfangstrecke der dereinstigen Bagdadbahn im Gebiet der zum Ägäischen

Meere hinabführenden Flußtäler und Eisenbahnlinien; andere ehemals

reiche Teile der Halbinsel werden von der projektierten Trace gar

nicht berührt. Cilicien, d. h. die Ebene um Adana, Mersina und Sis, hat

seine große wirtschaftliche Bedeutung; davon wird im dritten Kapitel

noch näher die Rede sein. Hier beginnt die türkische, d. h. osmanische

Bevölkerung schon von fremden Elementen stark durchsetzt zu werden. Es

gibt viele Armenier und auch das Arabische fängt an. Etwa von Aintab

bis Mossul geht die Bahnlinie durch überwiegend _kurdisches_ Gebiet,

wenn sich auch, namentlich im westlichen Teil der Strecke, türkische

und armenische Stücke dazwischen eingesprengt finden und in einzelnen

Städten, wie z. B. Mardin, schon überwiegend arabisch gesprochen wird.

_Urfa_, das alte Edessa, durch seine natürliche Lage wie durch

seine Geschichte die eigentliche Hauptstadt von Obermesopotamien,

ist überwiegend türkisch. Als einzige Stadt des Inneren hat es eine

relativ bedeutende deutsche Kolonie. Während der schrecklichen

Christenmetzeleien in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre war es

der Schauplatz eines der entsetzlichsten Ereignisse im Verlauf der

ganzen verhängnisvollen Bewegung: der Erstickung von 1500 Menschen

in der armenischen Kathedrale durch den giftigen Rauch mit Petroleum

getränkter brennender Matten und Teppiche, welche die fanatisierten

Mohammedaner in die von Flüchtlingen, namentlich Frauen und Kindern,

erfüllte Kirche schleppten und anzündeten. Tausende von Armeniern

fielen außerdem in der Stadt unter den Kugeln, Säbeln und Knütteln der

Türken und Kurden. Als wieder etwas Ruhe eintrat und das unabsehbare

Elend der vielen Witwen und Waisen, die das Massakre überlebt hatten,

in Europa bekannt wurde, setzte bekanntlich fast in der ganzen

Welt eine kräftige Hilfsbewegung unter christlich-philanthropischen

Gesichtspunkten ein und zog auch in Deutschland weitere Kreise. Ihre

Seele war und ist bis heute der bekannte Dr. Johannes Lepsius. Ohne

die Frage nach der Bedeutung dieses ganzen Hilfswerks für den Orient

hier diskutieren zu wollen, kann man doch sagen, daß in Urfa, wie ich

mich dort selbst genugsam überzeugt habe, jedenfalls ein vom humanen

wie nationalen Standpunkt gleich rückhaltlos zu begrüßendes Werk

geschaffen ist. Außer dem mehrere hundert Kinder zählenden Waisenhause

ist erstens eine reich ausgestattete, für alle Konfessionen ohne

Unterschied bestimmte Klinik mit einem Arzt, zwei Assistenten und einer

Apotheke eröffnet, und zweitens eine Teppichfabrik mit Färberei und

Spinnerei begründet worden, die nicht nur mehr als 400 Menschen Arbeit

und Brot gibt, sondern auch einen der lohnendsten zukunftsreichsten

Industriezweige des Orients in das Gebiet der dereinstigen deutschen

Bahn und des vorwiegenden deutschen Interesses verpflanzt hat. Die

Teppichfabrik hat einen so guten Aufschwung genommen, daß diese

Industrie, die den englischen und sonstigen fremdländischen Firmen in

Smyrna so enormen Gewinn bringt, schon jetzt in Urfa als eingebürgert

gelten kann; noch einige Jahre, so wandert die Kenntnis und Kunst des

Webens, die vorher hier fremd war, mit den Arbeitern und Arbeiterinnen,

die sie in der deutschen Fabrik sich angeeignet haben, in die Häuser

der Stadt und auf die Dörfer der Umgegend, und wenn eine Generation

vergangen ist, so wird das hausindustrielle Bild dieser Gegend

vielleicht ein ähnliches sein wie in manchen Gegenden des vorderen

Anatolien. Für das deutsche Interesse ist das insofern von besonderer

Bedeutung, als einerseits sowohl Rohmaterial als auch Arbeitskräfte

in Urfa viel billiger sind als in Smyrna, anderseits die herrschende

Liebhaberei für Orientteppiche naturgemäß auf Erweiterung der

Produktionsgebiete für diese Ware hindrängt.

Die Bagdadbahn · 第 2 / 7 段