Dasselbe in noch höherem Grade ist in England der Fall, und

Hinweise zur Transkription:

Im Original gesperrter Text wird _so dargestellt_.

Im Original fetter Text wird =so dargestellt=.

Weitere Hinweise finden sich am Ende des Buches.

Die Bagdadbahn

Von

Dr. Paul Rohrbach

Mit einer Karte

2. Auflage

[Illustration]

Berlin 1911

Verlag von Wiegandt & Grieben (G. K. Sarasin).

Inhalt.

Seite

Vorwort 5

I. Politische Gesichtspunkte 7

II. Die Trace und die Landschaften der Bahn 37

III. Wirtschaftliche Erwägungen und Tatsachen 49

Karte 84

Vorwort.

Die erste Auflage dieses Schriftchens erschien im Jahre 1902 als Frucht

zweier in den Jahren 1898 und 1900/01 unternommener Reisen nach dem

Orient, die zusammen mehr als ein volles Jahr beansprucht hatten.

Längere Studien über die politisch-geographischen Verhältnisse, über

die gegenwärtige Wirtschaftslage und über die alte Kultur der Länder

zwischen dem Mittelmeer und dem Persischen Golf waren vorangegangen

und folgten. Seitdem habe ich noch zweimal, zuletzt 1909, die Gebiete

besucht, die von der anatolischen Bahn, von der Anfangsstrecke der

eigentlichen Bagdadbahn und von der Trace des jetzt in Angriff

genommenen neuen Bauabschnitts durchzogen werden. Die große Mehrzahl

der Orte und Gegenden, durch welche die zukünftige Weltverkehrslinie

laufen wird, habe ich also selbst gesehen; manche Stücke, namentlich

die wichtigeren, sind auf verschiedenen Routen zwei- bis dreimal von

mir zurückgelegt worden. Der Verlauf und die wichtigsten Beobachtungen

der Reise von 1900/01 wurden in einer Reihe von Berichten in den

»Preußischen Jahrbüchern«, April bis November 1901, ausführlicher

geschildert. Das meiste davon ist hernach in Sonderausgabe erschienen,

unter dem Titel: »Um Bagdad und Babylon. Vom Schauplatz deutscher

Arbeit und Zukunft im Orient.« (Hermann Paetel, Berlin, 1909.) Auf diese

Veröffentlichungen bitte ich alle diejenigen Leser verweisen zu dürfen,

die, über das eigentliche Thema von der Bagdadbahn hinaus, Näheres

und auf eigener Anschauung Beruhendes von Land, Leuten und Zuständen

im Bereich des zukünftigen Bahngebietes erfahren wollen, soweit nicht

durch andere Beschreibungen dafür gesorgt ist.

Jahrelang hat es geschienen, als ob der große Plan in ein bedenkliches

Stocken gekommen sei. Jetzt endlich hat der Weiterbau energisch

begonnen und die Gesamtheit der mit ihm zusammenhängenden Fragen

bewegt wiederum in einer Weise wie nie vorher das politische und

wirtschaftliche Interesse, nicht nur in Deutschland und der Türkei,

sondern auch in England, Rußland, Frankreich, Persien und anderen

Ländern. Was vor einem oder vor zwei Jahrzehnten nur dem tiefer

blickenden und besser orientierten Politiker deutlich war: daß die

Bagdadbahnfrage aufs engste mit Problemen verknüpft ist, die das

Lebensinteresse großer Nationen und Reiche stark bewegen -- das fängt

heutzutage an Gemeingut des öffentlichen Urteils zu werden. Um so

notwendiger erscheint es, die einzelnen Faktoren, die hier in Frage

kommen, so objektiv wie möglich zu untersuchen und zur Darstellung zu

bringen.

Erstes Kapitel.

Politische Gesichtspunkte.

Jedermann, der die Sache der Bagdadbahn absichtlich schädigen will

oder unabsichtlich dafür wirkt, sie zu diskreditieren, bringt sie in

Verbindung mit dem Gedanken deutscher »Kolonisation« in Kleinasien,

Mesopotamien usw. Vor 50 Jahren hat ein deutscher Reisender in

Anatolien, Ludwig Ross, Professor aus Halle, zum erstenmal den Gedanken

ausgesprochen, daß Kleinasien ein zukünftiges Kolonisationsland für

das Deutschtum sei. Mehr als ein Menschenalter hat diese Idee dann

ein ziemlich beschauliches Dasein geführt, bis sie vor etwas über

zwei Jahrzehnten wieder ausgegraben und, seit sich engere politische

Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei knüpften, von den

verschiedensten Seiten neu aufs Tapet gebracht wurde. Schließlich

verging kein Jahr, ohne daß Leute, die oft nicht einmal in Kleinasien

gewesen waren, in Wort und Schrift die Vorzüglichkeit des dortigen

Bodens und Klimas priesen und die Verhältnisse so darstellten, als ob

das Land nur auf eine deutsche Masseneinwanderung warte, und trotz

des kurzen Zeitraums, über den sich das deutsche Orientinteresse

einstweilen erst erstreckt, war es noch vor kurzem fast unmöglich,

ein Wort zur Sache zu äußern, das einem nicht schon förmlich im Munde

zugunsten des Kolonisationsgedankens umgedreht wurde, auch wenn man mit

aller Deutlichkeit und Ausführlichkeit das Gegenteil gesagt hatte.

So viel ist sicher: wenn die Türken es auch nur von ferne für möglich

halten, daß hinter unseren Bemühungen um ein gutes Verhältnis zu ihnen

die Idee stecke, Zehntausende oder gar Hunderttausende unserer Bauern

auf osmanisches Territorium übersiedeln zu lassen, so wäre es von dem

Augenblick mit all unserer Politik im Orient auf lange hinaus zu Ende,

ganz besonders, wenn dabei von Kleinasien die Rede ist. Freilich

ist auch dieser Begriff Kleinasien in der Vorstellung des deutschen

Publikums etwas so Schwankendes und Unbestimmtes, daß es schwer hält,

für die Erörterung der darauf bezüglichen Probleme die geographische

Grundlage herzustellen. Man begegnet in unseren ersten Zeitungen

Berichten und Darstellungen, die das Land zwischen dem oberen Euphrat

und Tigris, ja sogar die unteren Stromgebiete nahe dem persischen Golf,

endlich auch syrische Landschaften, ganz harmlos auch als Kleinasien

bezeichnen. Demgegenüber mag hier, so selbstverständlich es vorkommen

will, ausdrücklich betont werden, daß unter Kleinasien oder Anatolien

nur die eigentliche Halbinsel westlich einer Linie, die von Trapezunt

am Schwarzen Meer nach dem Golf von Issos oder Alexandretta verläuft,

zu verstehen ist; daß östlich dieser Grenzlinien Armenien und Kurdistan

liegen und südlich von diesen beiden das ebene Stromland des Euphrat

und Tigris: in seiner nördlichen Hälfte herkömmlich Mesopotamien

genannt, in seiner unteren Babylonien oder das »arabische« Irak; das

ganze Küstenland dagegen vom Golf von Alexandretta bis zur Grenze

Ägyptens fassen wir heute wie vor alters unter dem Namen Syrien

zusammen.

Auf diesem ganzen weiten Gebiet muß man zwischen der anatolischen

Halbinsel und den übrigen Ländern insofern eine sehr starke Scheidung

machen, als jene von osmanischer Bevölkerung in ziemlich kompakter

Masse besiedelt ist, diese aber von dem osmanischen Türkentum nach

Rasse und Sprache getrennt sind. Das kurdisch-armenische Hoch- und

Gebirgsland käme schon wegen seiner schwierigen Bodenbeschaffenheit

für europäische Besiedelung nicht in Betracht. Es verbleiben also das

_arabische_ Sprachgebiet, d. h. Syrien, Mesopotamien und Babylonien,

und das _türkische_, d. h. Anatolien. Dieses letztere beherbergt etwa

6 Millionen Osmanen, die zum größeren Teil als Bauern auf dem platten

Lande, zum kleineren als Gewerbetreibende in den Städten leben. Es ist

der nationale und materielle Kern des türkischen Reiches, die einzig

zuverlässige Basis seiner politischen und militärischen Existenz.

Eine sehr bedeutende und der Türkei sehr wohlwollende Autorität hat

daher einmal den Türken den Rat gegeben, sie möchten allmählich, je

eher desto lieber, ihren ganzen »überseeischen« Besitz, d. h. alle

schlecht an Anatolien angegliederte Reichsteile, abstoßen. Gerade

auf diese Weise würde es der Türkei möglich sein, eine feste und

stabile Weiterexistenz inmitten des europäischen und orientalischen

Staatensystems zu führen, während die Aufgabe, wesentlich mit den

Kräften, d. h. mit dem Menschenmaterial Anatoliens, das ganze über

drei Erdteile ausgedehnte Reich zu verteidigen, leicht eine auf die

Dauer verhängnisvolle Überanstrengung jenes einen tragenden Teils

herbeiführen könnte. Allerdings ist zu sagen, daß es auf jeden Fall

unnütz sei, solche Gedanken zu diskutieren, weil sich doch keine

türkische Regierung finden wird, die von der Notwendigkeit einer

derartigen Selbstamputation überzeugt werden könnte. Unter dem alten

Regime wäre daher die Katastrophe auch über kurz oder lang eingetreten,

weil nicht nur die Überlastung des osmanischen Elements zu groß

war, sondern außerdem noch die Kräfte des Staates teils sinnlos

unterbunden, teils frivol verschleudert wurden. Das neue Regime hat

auch in dieser Beziehung seine Einsicht bewiesen, indem es sich zu dem

Versuch entschloß, auch die Christen zum Militärdienst heranzuziehen.

Ich habe über diese allerdings sehr schwierige Frage mit führenden

militärischen Persönlichkeiten der neuen Türkei eine Unterhaltung

gehabt und aus dieser entnommen, daß nicht die Vergrößerung der

Truppenmacht in Bezug auf die Zahl der Mannschaften, _sondern die

Entlastung des mohammedanischen und in erster Linie des türkischen

Elements_ die Absicht dabei ist. Das ist absolut notwendig, aber es

muß noch mehr geschehen. Bisher haben nicht nur die Christen, sondern

auch ein großer Teil der _nichttürkischen mohammedanischen_ Untertanen

des Sultans keine Militärdienste geleistet, weil die Regierung zu

schwach war, um die Stellung von Rekruten überall durchzusetzen. Die

Nomaden in Mesopotamien und Babylonien sowie in den syrisch-arabischen

Grenzgebieten stellten keine Rekruten, die Kurden auch nicht und

die albanesischen Stämme überwiegend auch nicht. Der Versuch Abd ul

Hamids, die militärische Kraft der Kurden durch die Organisation der

sogenannten Hamidiéregimenter, die etwas Ähnliches sein sollten wie

die russischen Kosaken, für die Reichsverteidigung nutzbar zu machen,

hatte nur einen sehr geringen Wert, da die Hamidiés im Ernstfall

schwerlich hätten bewogen werden können, auf größere Entfernung von

ihrer Heimat ins Feld zu rücken. Jetzt greift die Regierung kräftiger

durch; Albanien ist unterworfen und zum großen Teil auch entwaffnet;

wie es scheint, ist man auch schon mit den Drusen im Hauran, einem

kleinen, aber kräftigen Stamm, fertig geworden, und zweifellos wird

bald Kurdistan an die Reihe kommen. Diese Erfolge der neuen Regierung

sind größer als man sie vorher für möglich zu halten geneigt war,

und sie verdienen aufrichtige Bewunderung. Trotzdem wird es aber

noch längere Zeit dauern, bis jene eben gebändigten oder noch zu

bändigenden Völkerschaften in ein neues organisches und allgemein

türkisches Staatsgefühl hineinwachsen, und wenn ihre Heranziehung

zum Militärdienst auf der einen Seite dazu beitragen wird, die

Osmanen noch weiter zu entlasten, so wird ihre dauernde Beruhigung

und Kontrollierung vorläufig immer noch einen Teil der militärischen

Kraft des Reiches absorbieren. Selbst aber, wenn diese Sorge in

Zukunft einmal nicht mehr existieren sollte, so müßte der Gedanke

an irgendeine Kolonisation von Europa aus nach der Türkei hinein,

d. h. an Masseneinwanderung bäuerlicher Elemente, an einer anderen

Erwägung scheitern. Entweder würden nämlich die Einwanderer Untertanen

einer ausländischen Macht bleiben, und das muß jede türkische

Regierung als eine schlechthin unmögliche Zumutung ablehnen, oder

sie müssen türkische Untertanen werden. Welche inneren und äußeren

Schwierigkeiten das für deutsche Ansiedler hätte, liegt auf der

Hand, und selbst wenn diese Schwierigkeiten in Wirklichkeit kleiner

wären, als sie sind, so müßte es den Türken doch im höchsten Grade

unratsam erscheinen, zu den schon vorhandenen, nichtmohammedanischen

Angehörigen ihres Staatswesens hinzu noch neue fränkische, christliche,

Einsprengungen zu schaffen. Selbst beim besten Willen von beiden Seiten

würden sich aus dem bloßen Versuch, eine deutsche Einwanderung nach

Kleinasien zu organisieren, so starke und so zweifellose Konflikte

ergeben, daß in Wirklichkeit der deutschen Sache im Orient gar kein

schlechterer Dienst geleistet werden kann, als wenn die Leute, die

sich fälschlich dazu berufen glauben, ihre wirklichen oder angeblichen

Erfahrungen und Überzeugungen betreffs deutscher Einwanderung in

türkisches Staatsgebiet für die weitere Öffentlichkeit zum besten

geben. Sie können sicher sein, daß eine jede derartige Äußerung

von den Gegnern Deutschlands, von den Feinden unserer legitimen

Bestrebungen im Orient, sorgfältig aufgesucht, verzeichnet und bei

geeigneter Gelegenheit den Türken in möglichst tendenziös zugestutzter

Form zu unserm Schaden präsentiert wird. Mißtrauen gegen uns kann in

der Türkei trotz aller augenblicklichen Beliebtheit des Deutschtums

immer hervorgerufen werden. Ich habe selbst bei mehr als einer

Gelegenheit die Erfahrung gemacht, daß gerade unter den gebildeteren

und einsichtigeren Türken die fremden Bahnprojekte manchmal als die

Einleitung zur Besitznahme des Landes angesehen wurden. »Jetzt ist

unsere Freundschaft ja groß, aber ich fürchte, im Grunde seid ihr

doch nicht besser als die Russen und Engländer und wollt doch unser

Land gleich diesen nehmen. Die Eisenbahn aber wird der Strick sein,

mit dem ihr es an euch zieht.« -- Mit diesen Worten kennzeichnete mir

ein alter gebildeter und vornehmer Mohammedaner während meiner Reise

in Mesopotamien 1900/01 seine Anschauung von der deutsch-türkischen

Politik und von der Eisenbahnfrage. Es bedarf also wirklich nicht

solcher politischen Ungeschicklichkeiten, wie es manche Journalartikel

über deutsche Kolonisation im Orient sind, um unsere ohnehin nicht

leichte Stellung und Aufgabe am Bosporus zu erschweren.

In politisch-nationaler Beziehung lägen die Dinge, wenn es nur hierauf

ankäme, im arabischen Sprachgebiet allerdings anders. Zwar ist von

wirklichem rassenreinem Arabertum in der arabisierten, syrischen und

babylonischen Bevölkerung von Beirut und Jaffa bis Mossul und Basra

nur sehr wenig vorhanden. Aber weil die Leute arabisch sprechen,

bilden sie sich ein, weitaus etwas Besseres zu sein als der Türke,

den sie tief innerlich als einen rohen Barbaren verachten, obwohl

er ihnen an Energie und manchen anderen Eigenschaften seines Wesens

weit überlegen ist. Viel trägt zu dieser Stimmung, die am schärfsten

in Damaskus und überhaupt in Syrien ist, der Umstand bei, daß nur

wenige von den höheren Provinzialbeamten aus den Eingeborenen des

Landes genommen werden, sondern fast alles vom einfachen Kaimakam

(etwa Landrat) an wird von Konstantinopel hergeschickt. Selbst aber,

wenn die Türken in Syrien-Mesopotamien an Kolonisation von außerhalb

dächten, um das »arabische« Element in Schach zu halten, so hülfe

uns das aus dem Grunde wenig, weil nur in sehr beschränkten Teilen

jener Gebiete Ackerbaukultur und überhaupt schwerere Arbeit für den

Deutschen möglich ist -- aus klimatischen Gründen. Die schwäbischen

Kolonisten in Palästina, die sogenannten Templer, machen scheinbar

davon eine Ausnahme, aber erstens hat es Jahrzehnte gedauert, bis ihre

Ansiedelungen zu der jetzigen Blüte gelangt sind, zweitens beschäftigen

sie sich meistens nicht mit dem schweren Feldbau, sondern mit den

leichteren landwirtschaftlichen Kulturen, Südfrüchten und anderem Obst,

Bienenzucht, Weinbau und ähnlichem, und drittens sind sie bekanntlich

trotz allem heftigen Angriffen ausgesetzt, und daß ihre Ansiedelungen

irgendwie zu beträchtlicheren Größenverhältnissen gediehen, ist durch

die ganze Lage der Dinge ausgeschlossen.

Die Besorgnis vor der »politischen« Einflußnahme Deutschlands in den

von der Bagdadbahn durchzogenen Landesteilen der Türkei ist es auch

offenbar gewesen, wodurch es, von den finanziellen Schwierigkeiten

in der Garantiefrage abgesehen, den Gegnern Deutschlands Jahre und

Jahre hindurch erleichtert wurde, in türkischen Kreisen selbst

Stimmung gegen die »deutschen Eisenbahnbauten« zu machen. Auch von uns

anscheinend nicht übelwollender Seite in England, und ebenso auch in

Rußland, hört man öfters die Meinung äußern, Deutschland _müsse_ bei

dem starken Anwachsen seiner Bevölkerung doch irgendwo auf den Erwerb

eines wirklichen Kolonisationsgebietes bedacht sein. Die Leute, die

das meinen, übersehen erstens, daß wir im Durchschnitt noch lange

nicht eine Volksdichte erreicht haben, bei der von Übervölkerung

die Rede sein kann. Selbst aber, wenn das nach langer Zeit wirklich

einmal der Fall sein und starker innerer Überdruck ein Steigen der

Auswanderungsquote hervorrufen sollte, so wird man bei uns nie daran

denken, die Bewegung in die Länder am Euphrat und Tigris abzuleiten.

Diese Vorbemerkung über die jetzt glücklicherweise etwas mehr in

den Hintergrund tretende, aber immer noch nicht ganz abgetane

Kolonisationsfrage war notwendig, um für die weitere Behandlung

des ganzen Bagdadbahnproblems nach der politischen wie nach der

wirtschaftlichen Seite hin freie Bahn zu bekommen.

* * * * *

Unter das Stichwort »Bagdadbahn« gehört ein für Deutschland sehr

weittragender, umfassender und nicht einfacher Zusammenhang von

Tatsachen und Erwägungen der großen Politik. Als zuerst der Gedanke im

Ernst auftauchte, unter Führung deutschen Kapitals und mit maßgebender

Beteiligung der deutschen Industrie einen Schienenweg zu erbauen,

der am Bosporus beginnen und am persischen Golfe endigen sollte,

da dachte man in weiteren Kreisen zunächst nur an die sogenannten

rein wirtschaftlichen Vorteile, die sich hieraus für das deutsche

Wirtschaftsleben ergeben würden. Wer seine Gedanken weiter schweifen

ließ, der stellte sich vor, daß in Zukunft auch die Versorgung des

europäischen, zum Teil also auch des deutschen Marktes mit Getreide,

Baumwolle und anderen Produkten aus dem zukünftigen Gebiet der

Bagdadbahn würde stattfinden können, sobald dort infolge des Bahnbaues

Bodenertrag und Bevölkerung wieder auf einen ähnlichen Stand gelangt

sein würden, wie einst im Altertum. Man braucht diese Erwägungen

keineswegs auszuschließen, ja man kann und muß sie sogar stark

unterstreichen, aber der eigentliche Ausschlag in der Gesamtheit der

Fragen, um die es sich hier handelt, liegt nicht bei ihnen, sondern

auf anderem Gebiet. Um ihn seiner Natur nach zu verstehen, ist es

notwendig, von ziemlicher Ferne her auszuholen, und zwar von dem

Wechsel in den Prinzipien der deutschen auswärtigen Politik, der bald

nach 1890 durch das veränderte Verhältnis zu England offenbar wurde.

Von 1870 an ist unsere Politik etwa ein Vierteljahrhundert lang ganz

überwiegend durch das Verhältnis zu Frankreich bestimmt worden. Als

der Frankfurter Friede geschlossen war, sagte Moltke, die Festhaltung

des Errungenen würde dem neuen deutschen Reich fünfzig Jahre

Waffenbereitschaft kosten. Bismarck führte in seinen »Gedanken und

Erinnerungen« mehrfach aus, wie das Prinzip der Gefahr für Deutschland

hierbei in der Möglichkeit der »Konstellation des Siebenjährigen

Krieges« läge, d. h. in einem Bündnis Frankreichs, Österreichs und

Rußlands gegen uns. Aus diesem Grunde, sagt er, müsse die deutsche

Politik so geführt werden, daß Deutschland zwischen Österreich und

Rußland sich mindestens mit einem dieser beiden Staaten, womöglich aber

mit beiden, in einer dauerhaften Verständigung befinde. Sehr häufig

findet sich bei Bismarck, angedeutet oder ausgesprochen, der Gedanke,

daß -- vom Standpunkt Deutschlands aus betrachtet -- der politische

Zusammenschluß der drei Kaiserreiche im Grunde das ideale europäische

System sei, immer mit Rücksicht auf das Revanchebedürfnis Frankreichs

und auf die von dort ausgehende, den alten Monarchien unbequeme

Agitationskraft der demokratisch-republikanischen Idee.

Eine verhältnismäßig sehr geringe Rolle spielt dagegen in dem

politischen Gedankensystem Bismarcks das Verhältnis zu England.

Persönlich empfand er England gegenüber eher Abneigung als Zuneigung,

aber die Möglichkeit eines akuten Zusammenstoßes der deutschen und der

englischen Interessen sah er nirgends, und tatsächlich bestand sie auch

zu seiner Zeit noch nicht. Die englische Politik in Europa zur Zeit

Bismarcks war in erster Linie Orientpolitik, und der Orient war damals,

wie Bismarck selbst gesagt hat, für Deutschland »nicht die Knochen

eines pommerschen Grenadiers wert«. Abgesehen hiervon trieb England

eine Politik der großen überseeischen Interessen, und solche kamen für

Deutschland noch wenig in Frage. Bismarcks praktischer politischer

Standpunkt gegenüber England war bestimmt durch die Erwägung, daß

Deutschland bei England eine Versicherung seiner Errungenschaften

von 1870/71 nicht suchen könne: erstens deshalb nicht, weil die

Interessenkreise beider Staaten auseinanderfielen, und zweitens, weil

die englische Verfassung Bündnisse von gesicherter Dauer nicht zulasse.

Dem entsprachen auch auf der englischen Seite die Vorstellungen über

das Verhältnis zu Deutschland. Man glaubte so wenig an die Möglichkeit

eines ernsthaften Interessenkonflikts mit diesem Staate, daß man

ohne Bedenken gegen gewisse territoriale Zugeständnisse in Afrika

die wichtige seestrategische Position von Helgoland an das Deutsche

Reich überließ: 1890. Unter den heutigen Verhältnissen würde der bloße

Gedanke, Helgoland an die Deutschen abtreten zu sollen, jedem Engländer

als eine Absurdität erscheinen. So sehr hat sich die Lage in den

letzten 20 Jahren verändert.

Die Änderung im politischen Verhältnis zwischen England und Deutschland

war bedingt durch die Änderung der wirtschaftlichen Gesamtstruktur

Deutschlands. Das deutsche Wirtschaftsleben entwickelt sich mit

der Notwendigkeit und Unaufhaltsamkeit eines Naturprozesses in

derselben Richtung, die das Wirtschaftsleben Englands schon seit

einem Jahrhundert eingeschlagen hat. Unser Boden vermag schon seit

einem Vierteljahrhundert das Volk, das auf ihm lebt, nicht mehr zu

ernähren, und es gibt keine andere Möglichkeit, unsere Volkswirtschaft

zu erhalten, als Beteiligung im großen Stil an der Weltwirtschaft und

am Welthandel. Deutschland muß nicht nur die Nahrungsmittel, die es

importiert, sondern auch den größten Teil der industriellen Rohstoffe,

die es gleichfalls aus fremden Ländern einzuführen genötigt ist, mit

dem Gewinn aus seiner Beteiligung an Welthandel und Weltwirtschaft

bezahlen, und mit jedem Jahre beruht ein größerer Teil unserer Existenz

auf unseren Beziehungen zu überseeischen Ländern und fernen Erdteilen.

Dasselbe in noch höherem Grade ist in England der Fall, und England

hat daher schon seit langem in politisch-militärischer Beziehung die

einzig mögliche Folgerung aus seiner Lage gezogen. Es hat eine Flotte

gebaut, die imstande ist, ihm die Sicherheit seiner überseeischen

Beziehungen zu garantieren, und es hat hintereinander die Flotten

derjenigen Mächte, die allein oder in Verbindung ihm hätten gefährlich

werden können, vernichtet oder bedeutungslos gemacht. Wenn aber England

aus der Tatsache, daß es auf die Sicherheit seiner Seeverbindungen

schlechthin angewiesen war, die Folgerung zog, daß es eine starke

Seemacht haben müsse -- welches Schicksal droht dann Deutschland, wenn

eines Tages eine zur See stärkere fremde Macht es in ihrem Interesse

für ratsam finden sollte, die überseeische Betätigung Deutschlands

einzuschränken? Welch ein ungeheures und gefährliches Pressionsmittel

würden diejenigen Staaten und Völker, denen ein zur See ohnmächtiges

Deutschland gegenübersteht, in der Hand halten, wenn sie die

Möglichkeit besäßen, durch die bloße Drohung mit einem Seekriege auf

die Entschlüsse der deutschen Politik mit Zwangsgewalt einzuwirken!

Auch für Deutschland ist also die Notwendigkeit gegeben, eine Flotte zu

bauen, die stark genug ist, um den Platz, den die Nation innerhalb der

Weltwirtschaft errungen hat, wirksam zu verteidigen. Von dem Augenblick

an, wo wir danach zu handeln anfingen, war aber eine tiefgreifende

Änderung des Verhältnisses zu England unvermeidlich, und damit

entstand auch die Notwendigkeit einer Änderung in den Grundprinzipien

der deutschen Politik. An und für sich wäre es für Deutschland am

vorteilhaftesten gewesen, wenn die politischen Verhältnisse dauernd

so hätten bleiben können, wie sie zur Zeit Bismarcks waren. Damals

war Deutschland nach Bismarcks Ausdruck »saturiert«; es besaß was

es brauchte, und war mehr als irgendeine andere Großmacht an der

Erhaltung gerade der bestehenden Zustände und Machtverhältnisse

interessiert. Seitdem eine beachtliche deutsche Flotte da ist, bildet

ihr bloßes Vorhandensein für die englischen Interessen zweifellos

eine Unbequemlichkeit, nach Meinung der Engländer sogar eine Gefahr.

Die deutsche Seemacht kann zwar nicht daran denken, für sich allein

der englischen entgegenzutreten und sie zu besiegen, aber sie ist

doch stark genug, um der englischen Politik gewisse Rücksichten nahe

zu legen. Daher begannen seit dem Regierungsantritt Eduards VII. mit

besonderem Nachdruck unternommene Bemühungen Englands, uns politisch

zu isolieren, »einzukreisen«, wie man in den letzten Jahren meistens

gesagt hat.

Was soll Deutschland dagegen tun? Das Wachstum des deutschen Volkes

und der deutschen Interessen schreitet unaufhaltsam fort, und mit ihm

die Notwendigkeit, der deutschen Industrie einen steigenden Anteil

am Weltmarkt zu sichern. Eine Reduktion oder ein Stillstand in der

Entwicklung der deutschen Seemacht würde die Lage wahrscheinlich

für den Augenblick sehr erleichtern, aber was dann, wenn der Moment

eintritt, wo England von seiner Überlegenheit und von Deutschlands

Schwäche zur See glaubt Gebrauch machen zu sollen? Eine Lage, wie die

Deutschlands in einem solchen Augenblicke wäre, kann kein großer Staat

freiwillig für erträglich halten und das Risiko auf sich nehmen, in sie

zu geraten.

Es ist nicht schwer einzusehen, daß die Aufgabe der deutschen Politik

durch den Hinzutritt der Spannung von der englischen Seite her zu

dem französischen Revancheprinzip gegen früher bedeutend erschwert

ist. Früher war es Frankreich allein, auf dessen Unterstützung eine

dritte Macht im Falle eines Konflikts mit Deutschland rechnen konnte;

heute scheint es England fast noch mehr zu sein, als Frankreich.

Dabei genießt England den Vorzug, daß die Initiative bei ihm steht,

denn es kann sicher sein, daß Deutschland keinen Konflikt beginnen

wird, der es auch im günstigsten Falle in die allergrößten Gefahren

stürzen muß. Unterliegt Deutschland, so ist sein Seehandel zertrümmert,

seine Stellung in der Weltwirtschaft auf lange verloren; siegt es,

so fordert es durch seinen Sieg die europäische Koalition gegen

sich heraus. England ist also frei, sich zu entscheiden, ob es bei

günstiger Gelegenheit den Versuch machen will, Deutschland gewaltsam

niederzudrücken, oder ob es weiter den friedlichen Konkurrenzkampf

bestehen will. Käme es zu einem Kriege, so würde es sich für

Deutschland schlechthin um Sein oder Nichtsein handeln. Die Möglichkeit

einer günstigen Wendung hängt einzig und allein davon ab, ob es uns

gelingt, England selbst in eine gefährliche Lage zu bringen. Das

kann keinesfalls durch einen direkten Angriff über die Nordsee hin

geschehen; alle Ideen über die Möglichkeit einer deutschen Invasion

nach England sind Phantasien. Man muß also eine andere Kombination

suchen, um England an einer verwundbaren Stelle angreifen zu können

-- _und hier sind wir an dem Punkte, wo der deutschen Politik das

Verhältnis zur Türkei und die Zustände in der Türkei für ihr neues

Grundprinzip, die Rücksicht auf England, entscheidend werden_.

Es gibt für Deutschland im Grunde nur eine einzige Möglichkeit, einem

englischen Angriffskriege zu begegnen, und das ist die Stärkung der

Türkei. England kann von Europa aus nur an einer Stelle zu Lande

angegriffen und schwer verwundet werden: in Ägypten. Mit Ägypten würde

England nicht nur die Herrschaft über den Suezkanal und die Verbindung

mit Indien und Ostasien, sondern wahrscheinlich auch seine Besitzungen

in Zentral- und Ostafrika verlieren. Die Eroberung Ägyptens durch

eine mohammedanische Macht wie die Türkei könnte außerdem gefährliche

Rückwirkungen auf die 60 Millionen mohammedanischer Untertanen Englands

in Indien, dazu auf Afghanistan und Persien haben. Die Türkei aber

kann nur unter der Voraussetzung an Ägypten denken, daß sie über ein

ausgebautes Eisenbahnsystem in Kleinasien und Syrien verfügt, daß

sie durch die Fortführung der anatolischen Bahn nach Bagdad einen

Angriff Englands auf Mesopotamien abwehren kann, daß sie ihre Armee

vermehrt und verbessert und daß ihre allgemeine Wirtschaftslage und

ihre Finanzen Fortschritte machen. Man braucht sich diese Tatsache nur

vor Augen zu halten, um zu begreifen, daß es allein dem zwingenden

Gebot der Selbsterhaltung entspricht, wenn Deutschland sich bemüht,

zur Stärkung der Türkei beizutragen. Je stärker die Türkei ist, desto

gefährlicher ist es für England, uns auf die Gefahr hin anzugreifen,

daß die Türken sich an dem deutsch-englischen Konflikt auf seiten

Deutschlands beteiligen. Ägypten als Preis ist zweifellos das Risiko

eines Krieges für die Türken, wenn sie an der Seite Deutschlands gegen

England fechten, wert. Auf der anderen Seite aber würde die bloße

Erkenntnis, daß die Türkei militärisch stark, ökonomisch gefestigt

und im Besitz genügender Eisenbahnverbindungen ist, _für England

möglicherweise schon genügen, um auf den Gedanken des Angriffs auf

Deutschland zu verzichten, und das ist es, worauf die deutsche Politik

abzielen muß. Die Politik der Unterstützung, die Deutschland der Türkei

gegenüber verfolgt, bezweckt nichts anderes als den Versuch, eine

starke Versicherung gegen die von England her drohende Kriegsgefahr zu

schaffen_.

Ich habe an anderer Stelle, in einem Buche, das sich auf breiterer

Grundlage mit den Fragen der deutschen auswärtigen Politik

beschäftigt[1], den Gedanken ausführlicher entwickelt, daß zu dem

Bündnis zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn nur noch eine

gemeinsame Verständigung der beiden europäischen Zentralmächte mit

der Türkei hinzutreten muß, damit ein festes Gegengewicht gegenüber

derjenigen Mächtegruppierung entsteht, die unter Führung Englands eine

Änderung des gegenwärtigen europäischen Gleichgewichts erstrebt. Für

die ausführliche Begründung dieses Gedankens bitte ich auf die genannte

Stelle verweisen zu dürfen; nur seinen Grundzügen nach sei er in

folgendem kurz angedeutet. England ist, solange für sein Verhältnis zu

den europäischen Kontinentalstaaten die Rücksicht auf Deutschland noch

nicht maßgebend war, die Schutzmacht der Türkei gewesen und hat noch

1878 auf dem Berliner Kongreß Rußland mit einem Interventionskrieg für

die Türken bedroht, wenn die Friedensbedingungen von San Stefano nicht

erheblich revidiert würden. Seine innere Stellung zur Türkei mußte

sich aber in dem Maße verändern, wie diese anfing, als eventueller

Mitspieler Deutschlands in Betracht zu kommen, und wie außerdem die

englischen Interessen selbst eine Richtung erhielten, die, konsequent

verfolgt, zu einer mindestens teilweisen Liquidation der türkischen

Masse führen müßte. Außerdem war es eine Grundvoraussetzung der

englischen Protektion, daß die Türkei ein nach außen hin schwacher

Staat, ohne die Befähigung zu eigener politisch-militärischer

Initiative, blieb. Schon unter dem alten Regime, vor der Beseitigung

Abd ul Hamids, war die Entwicklung in dieser Beziehung nicht dem

englischen Interesse gemäß. Zwar hinderte der korrupte Despotismus

des Sultans und die Herrschaft der Palastklique eine wirkliche

Besserung der Verhältnisse von innen heraus, aber in militärischer

Beziehung wurden unter dem Einfluß der deutschen Armeeinstruktoren

doch zweifellose Fortschritte gemacht, und das Bagdadbahnprojekt

mußte nach seiner Vollendung nicht nur die wirtschaftliche, sondern

auch die politische und militärische Lage der Türkei verbessern.

Gegen das erstere hätte die englische Politik natürlich nichts

einzuwenden gehabt, wohl aber gegen das zweite und dritte. Je mehr

daher die Möglichkeit in den Vordergrund trat, daß Deutschland, mit

Österreich-Ungarn verbündet, eines Tages auf dem Umweg über die Türkei

die Einkreisungspolitik Englands durchkreuzen könnte, desto näher

rückte für England die Frage, ob es nicht besser sei, wenn die Türkei

an der hierfür geeignetsten Stelle in dieser oder jener Form einer

Amputation unterzogen oder dortselbst eine feste englische Kontrolle

aufgerichtet würde.

Während der Epoche der früheren Kräfteverteilung in Europa, bis zum

russisch-japanischen Kriege, war freilich die Existenz einer halbwegs

widerstandsfähigen Türkei für England notwendig, damit eine Vormauer

gegen Rußlands Drängen nach den Zugängen des Mittelmeeres erhalten

blieb. Die russische Niederlage gegen Japan änderte dies aber.

Erstens verschwand der größte Teil der russischen Seemacht vom Meere

und zweitens offenbarten sich nicht nur zu Wasser, sondern auch zu

Lande so große russische Schwächen, daß England den russischen Faktor

lange nicht mehr mit demselben Gewicht in seine Rechnung einzustellen

brauchte, wie vordem. Unmittelbar nach dem Friedensschluß zwischen

Rußland und Japan erfolgte das englisch-russische Abkommen über Persien

und den »mittleren« Osten. Rußland verzichtete formell auf seine

früheren Wünsche, auch in Südpersien Einfluß auszuüben, einen Hafen

am südlichen Meer zu erwerben, und eine Eisenbahn dorthin zu bauen,

und es erkannte Südpersien samt dem persischen Golf als englisches

Interessengebiet an. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Vertrag

über Persien auch noch geschriebene oder ungeschriebene Paragraphen

für den Fall enthält, daß eine Krisis der Türkei eintreten sollte.

England verfolgt seit geraumer Zeit den Plan einer Eisenbahnverbindung

zwischen Ägypten und Indien auf dem Wege durch Nordarabien, das

Bagdadgebiet und das südliche Persien, und dies Projekt, das die

nordostafrikanische und die südasiatische Machtsphäre Englands

miteinander in Verbindung setzen soll, versteht sich natürlich unter

der Voraussetzung, daß auch die dazwischen liegenden Gebiete mit und

infolge der Eisenbahn in irgendeiner Form unter englische Kontrolle

kommen. Was Südpersien betrifft, so ist diese Voraussetzung bereits

geschaffen. Auch Arabien kann mit Ausnahme der türkischen Provinzen

Hedschas und Yemen überwiegend als englisches Einflußgebiet bezeichnet

werden. Die Sultanate und kleineren Herrschaften an der arabischen

Küste stehen tatsächlich und meist auch formell unter englischem

Protektorat, und bei den unabhängigen Stämmen des Innern ist englischer

Einfluß ebenfalls vorhanden. Ohne die indirekte Unterstützung von dem

englischen Aden aus wäre auch der Aufstand in Yemen gegen die Türken

schon lange unterdrückt, und an der arabischen Küste des persischen

Golfes, wo die Landschaft el Hasa seit über dreißig Jahren türkisches

Staatsgebiet ist, hat England sogar ohne Rücksicht hierauf den

Schech von Kuweit als »unabhängigen« Herrscher anerkannt. Daraufhin

beansprucht es, hier am projektierten Endpunkt der Bagdadbahn mit

ihm einen Vertrag schließen zu können, durch den el Hasa gleichfalls

zum Reservatgebiet englischer Politik gemacht wird. Es bleibt also

eigentlich nur das Vilajet von Bagdad oder das türkische Irak, das die

Nil-Indusbahn notwendig kreuzen muß, als ein solider Fremdkörper in der

wohl vorbereiteten Zone des englischen Einflusses im mittleren Osten

übrig. Auch wenn es im Augenblick noch nicht zu den festumschriebenen

Zielen der englischen Politik gehören sollte, Ägypten und Indien durch

Inkorporation der dazwischen liegenden Länder in das britische Reich

zu verbinden, so muß es ihr doch in hohem Grade unbequem erscheinen,

wenn das wichtigste und zukunftsreichste Stück davon, das Gebiet am

Unterlauf des Euphrat und Tigris, sich im Voraus auf eine solche Weise

entwickelt, daß es später auf jeden Fall ein Hindernis bildet.

Es ist jetzt etwa ein Jahrzehnt her, daß Willcocks, der berühmte

englische Wasserbauingenieur, seinen Vortrag über die Wiederherstellung

der alten Kultur Babyloniens in der geographischen Gesellschaft in

Kairo gehalten hat. Das war die Zeit, wo das große Programm Lord

Curzons, 1899 bis 1905 Vizekönig von Indien, für die britische Politik

im mittleren Osten zum erstenmal öffentlich verlautbarte: nicht

zufällig gleich nachdem Eduard VII. den englischen Thron bestiegen

hatte. Willcocks gab, im Vorgefühl der kommenden Periode politischer

Aktivität Englands im indisch-ägyptischen Zwischengebiet, seinen

impulsiven und optimistischen Ausführungen eine direkte politische

Spitze, die deutlich erkennen ließ, welches die englischen Ziele

waren. Er sprach von der Wiederherstellung eines gewaltigen antiken

Kanals am Tigris und stellte die verfängliche Frage, ob dieses Werk in

Zukunft der Kanal des Kaisers von Indien oder der Kanal des Kaisers

von Deutschland heißen werde? Ja er ging noch weiter und verfocht

den Gedanken einer Besiedelung jener wiederzugewinnenden alten

Kulturländer mit ägyptischen und indischen Bauern, also mit britischen

Untertanen! Wenn das ein Mann von der Stellung und Autorität sagte, die

Willcocks schon damals besaß, so ist es klar, von welchen Ideen die

vorwärtsdrängende Richtung innerhalb der englischen Politik bewegt war

und heute noch bewegt ist.

Es erscheint daher nur natürlich, wenn England, sobald der Plan

einer Eisenbahn zum persischen Golf auftauchte und Gestalt gewann,

sofort seine Maßregeln traf. Die erste war jenes bereits erwähnte,

die türkischen Hoheitsrechte ignorierende Abkommen mit dem Schech

von Kuweit, wodurch der Endpunkt der Bahn in englisches Machtgebiet

fallen sollte. Das zweite, was von englischer Seite geschah, was

das Erheben der Forderung, die untere Strecke der Bahn, etwa von

Mossul abwärts, solle mit englischem Kapital gebaut werden und unter

englischem Einfluß stehen. Selbstverständlich verbindet sich damit

der Plan, mit dem Bau am Golf anzufangen und aufwärts nach Bagdad

zu gehen. Ins Politische übersetzt würde das bedeuten, daß England

sich die Anmarschlinie von Indien in das Herz von Mesopotamien

sichert. Umgekehrt ist es ein absolutes Erfordernis für das türkische

Interesse, daß keine fremde Macht imstande sein darf, mit Hilfe

einer Eisenbahn Bagdad eher zu erreichen, als bis türkische Truppen

aus den Kernländern der Türkei dorthin gelangen können. Wenn also

England bei seiner an sich ja sehr begreiflichen Forderung bleibt,

daß die Strecke Kuweit--Bagdad mit englischem Gelde und zum Nutzen der

englischen Industrie gebaut werden soll, so kann die türkisch-deutsche

Gegenbedingung nur darin bestehen, daß die englischen Schienen Bagdad

von Süden her nicht früher berühren, als die Bagdadbahn selbst

von Norden her. Wenn die Türkei erst über eine ununterbrochene

Bahnverbindung zwischen Anatolien und dem Irak verfügt, so kann sie

sich schon die militärische Kraft zutrauen, auf jeden Fall in und um

Bagdad mit Nachdruck ihre Rechte zu wahren.

Bezeichnend für die englischen Wünsche und Pläne ist ein weiterer

Vorschlag, den Willcocks gemacht hat: eine Eisenbahn vom Golf nach

Bagdad _und von Bagdad direkt nach der syrischen Mittelmeerküste_ zu

bauen. Diese Bahn würde nicht, wie die Bagdadbahn tut, dem Tigris,

sondern dem Euphrat folgen und nach Willcocks auf dem kürzesten Wege

über das alte Palmyra und Damaskus, also genau im Zuge der antiken

Karawanenstraße, der Küste zustreben. Die Kosten berechnet Willcocks

für die Strecke Bagdad--Damaskus auf 45 Millionen Mark, die Länge der

Strecke auf 550 englische Meilen, gleich rund 900 Kilometer. Das

macht pro Kilometer nur 50000 Mark, ein viel zu geringer Anschlag,

wenn Normalspur damit gemeint sein soll. Vielleicht sollen damit

aber in erster Linie die hohen veranschlagten Kosten der Bagdadbahn

diskreditiert werden. Willcocks läßt sich nicht darüber aus, ob und

wieweit das jetzt in der Verwirklichung begriffene Bagdadbahnprojekt

hierdurch überflüssig gemacht werden soll; er sagt vielmehr nur,

daß es aus Handelsrücksichten wünschenswert sei, den zukünftigen

Produkten Babyloniens einen möglich kurzen Weg ans Meer zu eröffnen.

Wenn es sich aber nur um die Transporte aus dem Gebiet um Bagdad und

unterhalb Bagdads, dem eigentlichen Irak, handelt, so wird für diese

die Seefracht um Arabien herum und durch den Suezkanal wohl immer noch

billiger sein, als die Frachtraten von Bagdad über Deir es Zor und

Palmyra nach Tripolis oder sonst einem syrischen Hafen, und militärisch

wäre diese letztere Linie für die Türkei so gut wie wertlos. Für

England würde sie allerdings den Vorteil haben, daß sie an einem unter

britischer Kontrolle stehenden Binnenmeer anfängt und zwischen zwei

seestrategischen Positionen Englands im östlichen Mittelmeer, Cypern

und Ägypten, endet.

Mit dem System der Bagdadbahn zusammen müssen in politischer

Beziehung auch die syrischen Linien betrachtet werden. Gegenwärtig

endet der von Haidar-Pascha am Bosporus ausgehende Schienenstrang

auf dem kleinasiatischen Hochlande dicht am Nordfuß des Taurus, wo

die Arbeiten zur Überwindung des Gebirges etwa seit einem Jahre im

Gange sind. Das syrische Bahnnetz dagegen reicht nach Norden bis

Aleppo. Zwischen Eregli und Aleppo klafft eine Lücke von rund 500

Kilometern, zu deren Schließung es bei den großen Bauschwierigkeiten

im Gebirge noch mehrerer Jahre bedürfen wird. Sobald die Bagdadbahn

Aleppo erreicht, besteht eine ununterbrochene Schienenverbindung

durch ganz Anatolien, Syrien und Hedschas bis Medina, allerdings mit

verschiedener Spurweite, denn die anatolische Bahn und die Bagdadbahn

haben Normalspur, die syrischen Bahnen und die Mekkabahn Schmalspur.

In Syrien existierte, abgesehen von der kurzen isolierten Strecke

Jaffa--Jerusalem, ursprünglich nur die französische Linie über den

Libanon von Beirut nach Damaskus. Diese hat aber von Damaskus aus

eine Verlängerung nach Süden über Meserib nach dem Hafenplatz Haifa

erhalten, andererseits eine Abzweigung von der Station Rayak durch das

Tal zwischen Libanon und Antilibanon über Homs und Hama bis hinauf

nach Aleppo. Von Damaskus nach Süden geht außerdem die Mekkabahn. Nach

einer im Jahre 1909 ausgegebenen Denkschrift der türkischen Regierung

beabsichtigt diese, sobald wie möglich -- wie es in der Denkschrift

heißt »à entreprendre immédiatement« -- noch eine direkte Linie durch

Palästina von Rayak bis an die ägyptische Grenze zu erbauen. Sobald

die Lücke zwischen Eregli und Aleppo zugebaut ist, wäre alsdann

eine durchgehende Verbindung wie für Bagdad so auch für Syrien mit

Anatolien und der Zentrale vorhanden, und wenn die Bagdadbahn in

militärisch-politischer Beziehung die Sicherung des Irak für die

türkische Herrschaft bedeuten wird, so liegt die politische Wichtigkeit

der syrischen Magistrale darin, daß sie im gegebenen Falle das direkte

Instrument für einen auf England auszuübenden Druck wäre. Wenn also

davon die Rede ist, daß die Bahnbauten in der Türkei ein gewichtiges

Mittel für die Aufrechterhaltung des Friedens zwischen Deutschland und

England, d. h. für die englische Selbstbesinnung, sind, so muß man

sich dabei vergegenwärtigen, daß von dem ganzen System der nach Bagdad

führende Strang das Verteidigungsmittel der Türkei gegenüber etwa

auftretenden Amputationswünschen an der Mündung des Euphrat und Tigris

ist; die von Aleppo südwärts gerichtete Abzweigung dagegen in dem Fall

wirksam werden würde, daß einmal eine deutsch-österreichisch-türkische

Kooperation in der Richtung auf Ägypten notwendig wird. Ganz ebenso

aber, wie das Ziel der politischen Operationen König Eduards VII. nicht

der Krieg mit Deutschland, sondern die Herbeiführung eines solchen

Verteilungszustandes der politischen Kräfte war, daß Deutschland sich

gezwungen sehen sollte, unter Verzicht auf die Entscheidung der Waffen

geschehen zu lassen, was geschehen sollte, so muß auch von unserem

Standpunkte aus das ganze türkische Regenerationsprogramm, von dem die

Eisenbahnen ein besonders wichtiges Stück bilden, _vor allen Dingen

als ein Stück Sicherung für den Frieden mit Ehren_ angesehen werden.

Wir haben kein Interesse daran, daß irgend jemand die Engländer in

Ägypten angreift, sondern nur daran, daß Eisenbahnen existieren, auf

denen Truppen zur Abwehr eines englischen Angriffs auf Deutschland nach

Ägypten gelangen können.

Diese und noch eine Reihe verwandter Erwägungen hat man natürlich in

England schon angestellt, bevor weitere Kreise in Deutschland des

vorhin skizzierten Zusammenhanges der Dinge sich bewußt wurden, und

es bedarf keines allzugroßen Scharfsinnes, um zu sehen, daß England

durchaus nicht nur der Bagdadbahn im Gebiet von Bagdad, sondern auch

der Bagdadbahn zwischen Eregli und Aleppo mit wenig gemischten Gefühlen

gegenübersteht. Vollends gegen eine Linie, die direkt an die ägyptische

Grenze führt, wird es wahrscheinlich zunächst Widerspruch erheben.

Schon als die Türkei eine Zweiglinie der Mekkabahn von Maan nach dem

Meerbusen von Akaba bauen wollte, hinderte England das mit nichtigen

Vorwänden und mit der Drohung offener Gewalt. Trotz entgegenstehender

Darstellungen hätte es daher auch im politischen Interesse Englands

gelegen, die Bagdadbahn nach dem Übergang über den Taurus, statt

nach dem ursprünglichen Plan von Adana aus direkt ostwärts über

Bagtsche und Killis, vielmehr um den Golf von Alexandretta herum, über

Alexandretta selbst und den Beilan-Paß, zu bauen. Es mag wohl sein,

daß die Trace um den Golf in verkehrstechnischer und finanzieller

Beziehung Vorzüge hat, aber entscheidend muß hier die Frage sein, ob

sie nicht in militärischer Hinsicht Gefahren enthält, die alle anderen

Vorteile aufwiegen. Eine Bahn die auf längere Erstreckung so nahe an

der Meeresküste hinführt, daß sie entweder direkt durch eine feindliche

Flotte beschossen werden kann oder der Zerstörung durch überraschend

gelandete Detachements ausgesetzt ist, muß durch Befestigungen sicher

gedeckt sein. Solche Werke am Golf von Alexandretta zu errichten, ist

wahrscheinlich möglich, aber sie würden so viel kosten, daß man mit

dem Aufwand die Bahn auch durch das Binnenland führen und die Nachteile

des Betriebes ausgleichen könnte. Wenn wir eine Garantie für den ewigen

Frieden hätten, so wäre es sehr schön, und man müßte dann zweifellos

die billigste Trace wählen; wie die Dinge aber liegen, mußten andere

Erwägungen hinter dem Ziel der größten militärischen Sicherheit

zurückstehen.

Die Bagdadbahn · 第 1 / 7 段