»Wenn +eine+ Wolke nur

Der Sonne Licht verdunkelt,

Glänzt auf der weiten Flur

Kein Halm, der noch im Thau erfunkelt.

Schwebt auch in Freuden sehr

Ein Herz: ist ihm Frau Minne

Ungnädig: immer mehr

Wird dann ihm sorgenhaft zu Sinne!«

Darnach ließen sie ab, mich ferner zu fragen. --

* * * * *

Sobald es angieng, schickte ich mich zum Urlaub von Florenz und

trachtete eilend gen Rom. Als ich angelangt war in dieser ersten Stadt

der Christenheit, die der Apostelfürsten Gebeine hegt und vieler

Heiligen, die da gemartelt wurden, konnt' ich doch mein Herz nicht

darbringen, so großen Heilthümern nachzugehn, noch sonst die

Herrlichkeiten zu beschauen, die dort zu finden sind, sondern mein

einziges Verlangen stund nach meinem Vater. Je länger, je heftiger

hatte mein Sehnen nach ihm zugenommen. Von den Augustinerbrüdern, zu

denen ich mich begab, erfuhr ich, daß er schon vor Winter, da er seine

Sache, die er beim heiligen Stuhl betrieb, zu erlangen verzweifelte,

hinweggezogen wäre aus der Stadt, trüben Muthes, und Keinem sich

vertrauet hätte, nach welchem Ziel ihm sein Sinn stünde. Doch wäre

unlange Einer aus des heiligen Franzen Orden, dem Mutterkloster der

Barfüßer zugehörig, bei ihnen zur Herberge gelegen, der hätte ihnen

von einem Deutschen gesagt; das möchte wohl Herr Brun sein.

Alsbald hatt' ich keine Ruh mehr in Rom, ließ die Stadt und wandte

mich gen Assisi. Diese Stadt ist zur Seiten des Gebirges gelegen,

selber in stolzer Höhe, reich an Kirchen, Kapellen, Stiftern und

Klöstern, mit freiem Ausblick in's Land hinaus, das da mit Thälern und

Höhen, Feldern und Wäldern und mancherlei Flüssen und Bächen prangt

als ein Garten Gottes. Auch liegt daselbst in seiner Kirche in der

Krypta der seraphische Vater begraben. Im Kloster fragte ich nach

Herrn Bruno, ob sie mir Bescheid geben könnten über ihn. Sie sagten,

ein Fremder, nach meiner Beschreibung der, den ich suchte, wäre im

verwichenen Winter bei ihnen eingekehrt, nach wenigen Tagen aber höher

hinauf in die Einsamkeit der Berge gepilgert. Ob er allda noch weilte,

das könnte ich am füglichsten von einem Eremiten erfragen, der droben

seit vielen Jahren wohnte und der Gegend am Besten kundig wäre, wie

auch der deutschen Rede. Zu demselben Einsiedel riethen sie mir zu

gehen, auch wollten sie mich durch einen ihrer Laienbrüder dahin

geleiten lassen.

Ich that also, verzog nicht und schritt an der Seite des Bruders, den

sie mir mitgegeben hatten, hindann.

Doch zuvor war ich in des heiligen Franzen Kirche gegangen, sein Grab

zu besuchen und Gott zu bitten, mir auf meiner Fahrt auch ferner

beizustehen, daß sie ihr Ziel fände. Da sah ich auch die Krypta und

oben die Kirche mit Bildern von hochberühmter Meister Händen herrlich

geschmückt. Von ihrer Beschauung gerieth mein Gemüth in große

Verwunderung: ich hatte nie zuvor gewähnet, daß Sichtbares mit also

starker Gewalt himmlische Dinge bezeugen könnte, und ich gedachte:

Glückseliger Mann, der Solches sinnet und bildet! Wie muß er mit

seinem Herzen alles Geschaffene umschließen, also daß keine

Gottescreatur ihm fremde bleibt; und hinwieder, wie sehnet er sich

zugleich aus allem Sinnentrug hinaus und ist in Gottes selige

Geheimnisse versenkt! Ja, zwischen seine Seele und ihren Schöpfer darf

das Geschöpf nicht scheidend in die Mitte treten, sondern die

irdischen Wesen sind gleich den Sprossen der Jacobsleiter, auf welchen

die Engel des Herrn herniedersteigen und hinauf; und oben siehet er

die Pforte des Himmels geöffnet, auch wenn er hienieden kein besser

Lager hat, als das harte eines Steines. --

Der Eremit, zu dem wir uns begaben, hausete in einer Höhle, wie sich

dergleichen dorten im Gebirge häufig finden. Es war ein greiser Mann,

ernsten und milden Angesichts: einer von den Wenigen, welche die

Gebrechen und Leiden, so unser Theil sind, nicht aus eigner Verirrung,

sondern aus tiefer Betrachtung und aus lebendigem Mitleid mit fremden

Schmerzen kennen und darum sie zu verstehen und zu heilen gleich

geschickt sind.

Er grüßte mich freundlich und fragte nach meinem Begehr.

Darauf gab ich ihm Bescheid, sagte ihm, wer ich wäre, und fragte auch,

ob er von meinem Vater wüßte und ob es ihm wohl gienge.

Da war er verwundert, mich zu sehen, blickte mich nachdenklich an und

sprach also:

»Ja, Herr, ich weiß von Eurem Vater, und wo er ist durch Gottes

Gnade, geht's ihm auch wohl. -- Er kam in diese Einsamkeit in großer

Herzensschwere, als einer, der des Lebens satt ist und doch vor

schmerzlicher Erinnerung und großen Sorgen in Frieden nicht scheiden

kann. Die Erinnerung galt seiner Schuld und die Sorge Euch, seinem

Sohne. Euer Geschick, Herr, das er nicht hatte wenden können, sah er

als eine Strafe an für seine Sünden und als ihren fortwirkenden Fluch.

Er verklagte sich hart, daß er beide Mal übel an Euch gethan und nach

fleischlicher Wahl, da er Euch in die Abtei zurückgedrängt und Euch

Eure Geburt verschwiegen und sodann, da er Eure Lossprechung begehrt

hätte. Das wäre Alles Gott mißfällig gewesen und gern wollt' er

zwiefältig dafür büßen; nur daß sein Sohn, des ersten Friedens

beraubt, mit weltlichem Trachten und heißen Wünschen im Herzen hinter

den Klostermauern sein Leben vertrauern und verzehren müßte: das wär'

ihm eine allzu schwere Pein, die ihn nicht ruhen ließe. Darum hätt' er

sich zum Schwersten entschlossen, Euch ganz zu entsagen und Eurem

Anblick; denn einen großen jähen Schmerz überwände die Jugend

leichter, als eine immer wieder verzögerte und getäuschte Hoffnung.

So fand ich Euren Vater. Die Tiefe seiner Traurigkeit, die

Aufrichtigkeit seiner Buße und die Größe seiner Liebe zu Euch machten

ihn mir werth; ich gewann sein Vertrauen und ward sein Berather. Ich

sprach zu ihm von der Liebe Gottes, welche die Seele der Kinder nicht

für die Missethat der Eltern fordert; daß es Seinen Zorn nicht

erwecke, wenn ein Vater seines Kindes Bestes suche, gescheh' es auch

irrender Weise; denn Elternliebe sei göttlichen Ursprungs. Vor Allem

erweckt' ich ihm wieder den Muth zu hoffen für Euch, Herr! -- Denn wie

das Spinnlein von einem Faden aus, den es befestigt, sein ganzes

Gewebe zieht, also mag auch ein zerstoßenes und zerbrochenes Herz an

+einer+ wiederbelebten Hoffnung sich zurückfinden in Licht und Leben.

Ich hieß ihn mir von Euch erzählen oft und viel, auf daß seine

Gedanken an Euch, die ihn nie verließen, sich mit solchen verbänden,

die ich aussprach. Allgemach gewöhnt' ich ihn daran, Euch im Kloster

zu denken, ohne daß Ihr Euch plagtet mit heftigen Wünschen hinaus, und

nicht in dumpfer, brütender Traurigkeit, sondern, ungestört durch des

weltlichen Lebens Sorg' und Lust, die hohe Kunst übend und die edlen

Gaben brauchend, so Euch Gott verliehen. Ich bracht' ihn dahin, ein

Vertrauen zu fassen, daß seine Gebete für Euer Glück und Heil, die er

unablässig Gott darbrachte, erhört würden im Himmel. Und so stieg auch

seine Seele über sich, über ihre Schuld und Fehle, Sorgen und eignen

Werke in die Gelassenheit, die sich gänzlich in Gott ergibt und nichts

Anderes weiß und will, als Sein Wohlgefallen, weil sie glaubt: das ist

die Seligkeit. Er ward ruhiger, wenn auch nicht ruhig, er ward

fröhlicher, wenn auch nicht froh, getrösteter, wenn auch nicht

trostvoll.

Es gibt Leiden, davon genest die Seele, aber der Leib wird mürb. Ja,

sein Siechthum dienet ihr dazu, daß sie ihre Augen desto heller

aufthut, ihren himmlischen Ursprung zu suchen und das ewige Licht zu

erfassen, das aus dem Herzen Gottes leuchtet. So, Herr, ergieng es

Eurem Vater. Habt Ihr vom Demant gehört, daß er die Natur der Sonne an

sich nimmt, deren Licht er eingesogen, und selber leuchtet wie sie? So

man ihn in Finsterniß bringt, beweist er solche Tugend. Für des

Menschen Seele ist Leiden und Todesnähe solche Finsterniß. Alsdann

erblindet jeglicher Glast, darin sie sonst stolzirte, blendete und

selbst geblendet war; aber was sie von göttlicher Natur in sich

aufgenommen hat, das tritt herfür: heiligt, tröstet, überwindet. --

Wenn er Euer gedachte, geschah's mit Wehmuth, aber ohne nagende

Vorwürfe. Ja, der solche Hoffnung nie gewagt hatte auszusprechen, weil

er meinte, Gott fordere das Opfer gänzlicher Entsagung von ihm, hub

zuletzt an zu gedenken: es möcht' ihm bescheert sein, Euch

wiederzusehn.

»O!« rief er, »wenn mein Sohn wiederum froh würde und zufriedenen

Herzens, so wollt' ich den milden Christ bitten, daß ich noch genesen

möchte und eine kleine Zeit leben. Dann zöge ich hin zur Lenzzeit, ihn

noch einmal zu sehen -- nur einmal, ohne daß er darum wüßte. Ich

harrte sein am Wege, wo mich Niemand ersähe, bis er käme, und wenn es

Abend würde, müßt' es Mondenlicht sein, daß ich sein Angesicht schauen

könnte, ob da keine Spur des frühen Kummers zurückgeblieben; oder ich

lauschte unterm heil'gen Dienst im dunklen Gange seiner Stimme

-- gewiß, ich hörte sie bald heraus -- oder käme leise heran und sähe

ihm unbemerkt zu, wie er seinen hohen Träumen Gestalt und Leben gibt

und seine Augen davon leuchten! Oder ach, ich fände ihn schlafend

unterm heißen Mittag im Garten, daß ich ihm sanft das Haupt berühren

und eine Blume auf's Herz legen könnte, und im Gebüsch verborgen, wenn

er erwachte, säh' ich ihn froh erstaunen über die Gabe -- und

lächeln!«

Und er lächelte selber, seit wie lange zum ersten Male! und seltsam

war dies Lächeln. Es spielte noch immer um seinen Mund, als er

unbeweglich lag, geschlossenen Auges, und der Odem ihm leiser gieng.

Und dies Bild schien ihm vor der Seele zu bleiben. »Nein, nein!« rief

er, »'s ist nicht vom Dolch, den ich zückte -- Joconda, fliehe nicht!

-- Es ist eine Rose -- Komm -- er ist glücklich -- unser Sohn!« --

Alsdann breitete er seine Arme aus und ließ sie kraftlos zurücksinken,

betete leise: »Gott -- Gott! -- seufzte und entschlief.«

Solches sprach der Greis. Als er ausgeredet hatte, nahm er mich an der

Hand und führte mich an einen Hügel nahe bei seiner Siedelei.

Als ich da am Grabe meines Vaters stund, hub ich meine Stimme auf und

klagte und weinte über die Maßen sehr.

Elftes Capitel.

Einkehr.

Was ich da empfunden hatte, daran dacht' ich zurück, als ich zum

ersten Mal wieder die Gefilde um Maulbronn erblickte, die mir von

Kindheit her so vertraut waren. Jeden Bergzug, jedes Thal erkannt' ich

wieder, obgleich die frühe Dämmerung stark hereinbrach und Nähe und

Ferne in ihre Schatten hüllte. Dennoch wie fremd sah mich Alles an!

Wenn ich so umherspähte, hie eine Stelle zu suchen mit meinen Augen,

daran sich eine Erinnerung meiner Kindheit knüpfte, und ich fand sie,

und dort wiederum eine: so war mir's nicht anders, als erschräk' ich

über die Entdeckung und müßt' ich mir erst ein Herz fassen zu meiner

Heimath, mich nicht so sehr an sie, als sie an mich zu gewöhnen.

Es war doch kaum mehr als ein Jahr verstrichen, seit ich

hinweggezogen war, auf neuer Bahn das Leben zu versuchen: ich war in

dieser Frist weit und fern geschweift, aber hier war kein Wald

verhauen, kein Feld bereitet indeß, Alles noch wie weiland -- und

doch, wie fremd, wie fremd!!

War davon etwan der frische Schnee die Ursach, der heute über das

wintermüde Land seine Decke gebreitet hatte, die noch eben jetzt von

den niederschwebenden Flocken erhöht ward? Freilich war es heuer das

erste Mal, daß ich die Erde in solchem weißen Kleide sah, und immer

war mir diese ihre Verwandlung zu Herzen gedrungen: aber diese Höhen

und diese Thäler, wie oft hatt' ich sie so gesehen! Was nun im Bilde

der Erinnerung mir so gegenwärtig war, warum blickte das so fremd mich

an in der Wirklichkeit?!

Schritt ich nicht der Heimath zu, meiner Heimath? -- Süßer Name!

-- Nahte ich mich nicht dem Ziele, deß ich seit Monden begehrte? -- Und

doch, wo war das freudige Pochen des Herzens, das in der Menschenbrust

der Gedanke an Heimkehr weckt und Wiedersehn? Wo das frohe Erjauchzen

der Seele, das laut wird, wenn die Wipfel der Bäume auftauchen sollen,

unter deren Schatten er die ersten Träume seiner Kindheit träumte, und

die Spitzen der Thürme seiner Heimath ihm winken: Willkommen!

Schlich nicht neben der Ungeduld, noch heut unter das Dach der Abtei

zu treten, ein seltsames Erbangen eben davor in meine Seele! War es

mir nicht lieb, daß mein Weg so einsam war, die Welt ringsum so

stille, als wäre sie schlafen gegangen zugleich mit dem Gestirn des

Tages, und auch mein Schritt durch den weichen Schnee so geräuschlos,

als bliebe mein Kommen dadurch um so gewisser und länger unbemerkt!

Nein, nein! Ich selber war ein Anderer worden, ich selber!

Zwischen dem Diether, der einst hier aufwuchs in Frohsinn und

ungestörtem Frieden, der dann erweckt ward zu neuem unbekanntem Genieß

und Drang des Lebens, den die Welt hinauszog mit starken Seilen, die

sich fest um sein glühend Herze wanden, und zwischen dem, der jetzt

durch die stille Dämmerung des Christmondabends schritt: welch' ein

Unterschied! Wenn er sich selbst denn so verwandelt hatte, wenn ihm

die Welt eine ander Angesicht zeigte: was Wunder, daß auch nun die

Heimath ihm verwandelt schien!

Ich strich mit der Hand über meine Stirn -- sie war noch glatt; über

die Wangen -- sie waren rund und frisch; durch mein Haar -- es wehte

noch lockig und dicht um meine Schläfe. In meinen Gliedern, ich fühlt'

es, wohnte noch ungebrochen die Kraft der ersten Jugend.

Aber das Herz und sein Dichten: das war nicht das alte mehr.

»Ach, ihr sanft niederschwebenden Flocken, die ihr so weich jedes

zarte Keimlein einbettet, daß seinen linden Schlaf nichts störe; die

ihr so geschäftig jetzt jede Spur meiner Schritte zudecket, so ich

heute wandle, daß ihrer keine auf diesem Wege zurückbleibt: vermöget

Ihr denn nicht auch die Spuren so mancher Stunde aus diesem Herzen zu

vertilgen, die ihre Wonnen und ihre Wehen ihm allzutief eingedrückt

haben, daß es wieder schlage wie vorhin und wiederum heimisch werde in

seiner Heimath?«

Aber wollt' ich das wirklich? Konnt' ich auch nur wünschen, daß

Erinnerung, dies ruhelose Kind von Schmerz und Freude, jemals

eingewiegt würde durch das Wiegenlied der unermüdlichen Wärterin Zeit?

War das die Ruhe, die ich suchte, da ich am Grabe meines Vaters eins

mit mir worden war, in die Stille der Stätte heimzukehren, der ich

jetzt entgegenschritt?

Und ich gedachte an jene bittre Stunde.

Als ich damals den Verlust so treuer und starker Liebe beweinte, als

ich klagte, daß auch diese freudespendende Sonne, die meinem Leben so

unerwartet und verheißungsvoll aufgegangen war, in das Dunkel des

Grabes sich gesenkt hatte, ach! so bald und eben zu der Zeit, da ich

mit so feurigem Sehnen in ihren Strahlen meinen gedrückten Muth zu

laben gedachte: da wirkte der gewaltige Schmerz, der mir durch alle

Saiten meiner Seele riß, daß jegliche Thatenlust, mich in der großen

Welt zu regen, in mir erstarb. Über mich kam das Gefühl grenzenloser

Vereinsamung, alle Freude und Wonne der Erde erschien mir als Schein

und Traum, all' ihre Lust ein Wahn, all' ihre Hoffnungen Lügen: als

das einzig Wirkliche die überall lauernde Larve des Todes, und vom

Thun der Menschen das Meiste vergeblich, eitel Alles!

Dennoch war es nicht das dumpfe Verzagen am Leben, noch die furchtsame

Flucht vor seinen Übeln und Mühen, auch nicht das Verlangen nach

solcher Ruhe, deren der Lebensmüde begehret, wodurch ich in jener

Stunde mich zurückgetrieben fühlte in die Heimath. Nein, solche Ruhe

sucht' ich nicht.

Zwar jedes Ziel, mit welchem Gunst und Ehre der Welt mir winken

konnten, hatte in jener Stunde der Einkehr in mich selbst seinen

Schein verloren. Die tiefe Trauer, die Hand des bitteren Todes hatten

ihn ausgethan.

Aber siehe! ein ander Ziel war mir in jener Nacht des Grames

aufgeleuchtet: hehr, herrlich und heilig! -- Ihm nachzutrachten, daran

war alles Weh, das ich geschmeckt hatte, keine Hinderung, sondern

Weihe und Antrieb war es dazu. Gab es für mich nicht noch ein ander

Thun und Wirken als das, so mir nun verleidet war? Hatte mir Gott

nicht die Kunst verliehen, was ich im inwendigen Geist hegte, zu

bilden und so mich über die Erde zu erheben und des Lebens Noth und

dennoch im Herzen die Freude an Gottes Werken zu bewahren?

Da schauten mich die heiligen, stillen Gestalten, so ich unten in St.

Franzisci Kirche gesehen, wieder grüßend an; sie sagten mir von einer

Welt, von der die sichtbare um uns her mit ihren langen Ängsten und

kurzen Freuden nur ein Gleichniß und eine Weissagung ist; von einer

Welt, die nur in den Ahnungen und Hoffnungen der fühlenden und guten

Menschen lebt, aber aus den Bildern der Meister, die Gott mit Kunst

begabt hat, tröstend und ermuthigend zu uns herniederwinkt. In ihr

wird kein Leid, das durch ein Menschenherz geht, vergessen, und keine

Zähre in der Menschheit Angesicht wird verachtet, aber auch in jeder

spiegelt sich ein Strahl himmlischen Trostes, und über alles Weh sieht

man den Glast der ewigen Liebe gebreitet.

Und siehe! wie mein Vater in seiner letzten Stunde mich gesehen

hatte: nicht hinbrütend in träger Ruhe, sondern erglühend von hohen

Träumen, denen in Bild und Ton Gestalt und Leben zu geben die Seele

ringt, und in solchem Trachten, dem alle Creatur Gottes dient, in

verborgner, bescheidner und stolzer Stille verharrend, unbedürftig der

Welt und ihrer Güter: so sah ich mich nun selbst, so wünscht' ich mich

zu sehen.

Und ich war in die Knie gesunken und hatte Gott im Himmel gedankt, daß

ich also einen Willen, ja eine heilig ernste Freude zu leben und zu

wirken wieder gewonnen; ich hatte seine große Güte angefleht, Er

möchte in so gethanem Fürsatz mich beständig verharren lassen und

unwankend erhalten, daß ich in solchem Dienst all' mein Genügen fände;

ich hatte Ihm gelobt, dazu in die Stille und Verborgenheit des

Klosters zurückzugehn, wohin nun Sein Walten, wie das letzte Denken

meines Vaters und das fromme Gelübde meiner Mutter mich wiesen.

Mit solchem Sinn hatt' ich mich aufgemacht und war aus Welschland

wiederum heimgezogen. Ich mied, Denen wieder zu begegnen, die mich

kannten; denn ich wußte, Ihrer Viele würden mich von dem Ziele, das

ich erwählt hatte, wiederum abzuwenden trachten, als wäre nur von der

unmäßigen Traurigkeit mir dazu gerathen; und es war und blieb doch

mein fester Wille.

Ich hatte auch, da ich wiederum in Deutschland angelangt war, mein

Erbgut aus meinem Besitz entlassen und dabei allen Grundholden, so

darauf saßen, eine merkliche Erleichterung in ihren Frohnden und

Lasten erwirkt, auch dafür gesorgt, daß ein Stift, das da nahebei

gelegen war, für festbenannten jährlichen Schoß und Zins männiglich

von meinen Leuten in Alter und Siechthum pflegen mußte und was

preßhafte Leute waren, aufnehmen. Desto mehr trugen sie Leide, daß sie

meiner als ihres Herrn so geschwind wiederum beraubt werden sollten,

und als ich von ihnen Urlaub nahm, wünschten mir Alle Gottes Geleit

immerdar, und Manche wehklagten um mein Scheiden mit vielen Thränen;

die beiden Fahrenden aber nicht also, denn sie waren mit dem

wiederkehrenden Lenz davongezogen und hatten lieber ihr Geding als ihr

gewohntes Schweifen missen wollen; doch sicherte ich ihnen ihr

Ausgesetztes, daß sie es wiederum erhielten, so sie wiederkehrten. --

So zurückgewendet waren meine Gedanken, da ich zur winterlichen

Abendzeit die Gefilde Maulbronns vor mir liegen sah.

Wenn da die wechselnden Erinnerungen auftauchten und im bunten Gedräng

an meiner Seele vorüberzogen, konnt' ich mich wundern, daß ich als so

sehr ein Anderer heimkehrte, und daß ich deß jetzt beim Anblick der

alten Stätten mehr inne ward, als vordem? Doch ich wollte diesen

Erinnerungen nicht wehren, mich zu besuchen, auch ferner nicht. Sie

Alle sollten mir helfen aussprechen, was das Menschenherz zumeist

bewegt und was es über sich hinaushebt; sie sollten haften in meiner

Seele, bis sie, gereinigt von allen Schlacken, ein verklärtes Leben

wiedergewönnen in den Gebilden meiner Hand.

Sie Alle? Auch die, welche mich in so heitre und hohe Wonnen

zurückrief und zugleich in das Nachgefühl so grausamer Enttäuschung?

Schwebte nicht jetzt wieder ihr winkend Bild meiner Seele vor, schön

wie der Mond und prangend in blühender Jugend, aber auch ernst und nur

in Schwermuth lächelnd wie er! »O«, dacht' ich, »so traurigen Blickes

sah ich sie nie, und nur der Wahn malt sie mir in diesem Bilde, als

fühlte sie noch mit mir das Leid, so ich erfahren, und begleitete mich

auf meinen Wegen mit treuem Angedenken, da sie doch ihr eigen Glück

erwählt und meiner längst vergessen hat.« Und ich wünscht' ihr alles

Gottesheil und setzte mir vor im Geist, in's Künftige nie keinerlei

Unmuth zu hegen darum, daß sie mich verstoßen hatte; denn ich fand,

ohne solchen Willen hätt' ich keine Ruhe des Gemüths und Frieden zu

erhoffen. -- Aber ach! dazu war jetzt mein Herz noch nicht geschickt.

Es vermochte nicht ihrer zu gedenken ohne ein anderes Weh als das der

Trauer und gerieth darüber mit ihm selber in Widerstreit.

»Still«, sprach ich, »die Abgeschiedenheit wird Dich lehren, auch das

zu überwinden, und alsdann wird auch diese Erinnerung Dich nicht mehr

verwirren.« Aber es war, als spräche eine andere Stimme dazu: »Nein!

das wird nicht geschehen.«

Unter solchen Gedanken hatt' ich die Höhe erreicht, von der aus ich

die Abtei vor mir liegen sah in der Abenddämmerung: es war derselbe

Ort, von wo aus ich einst, als ich zum ersten Mal hinauszog, mich

zurück gewendet hatte, auf die Glocken zu lauschen, die zur Matutin

riefen.

War das nicht auch Glockenklang, den ich jetzt vernahm? Wie anders

däuchte mich der, als ich ihn gewohnt war zu hören! -- Gewiß, es rief

zur Vesper! Und ich faltete meine Hände, das _Ave_ zu beten. Doch nein!

Das war nicht das Geläut, das täglich zur Abendzeit ertönt. Auch

dieser Schall war mir nicht unbekannt. Ein Windhauch brachte mir ihn

deutlicher zu Ohren. Ja, es war die Sterbeglocke, die gezogen ward.

Davon kam eine große Herzensschwere über mich, und als ich vom

klagenden Schall geleitet hinabschritt, bat ich die göttliche

Erbarmung, doch heut und immer, wenn der Gedanke an Tod und Grab mir

allzuscharf durch die Seele schnitte, mein inwendiges Ohr auch den

Harfentönen aufzuthun, die um Seinen Thron die lichten Schaaren

beständig erklingen lassen, von solchen Himmelsklängen hier im Dunkel

nur ein Weniges zu vernehmen, nur ganz leise wie im fernsten

Wiederhall!

Der Thorbogen unterm Thurm an der Brücke stund offen, und der Schnee

dämpfte meine Schritte, also daß Niemand mich bemerkte, als ich

hindurch schritt. Auch im Klosterhof traf ich auf Niemanden; nur des

Pförtners Hündlein kam herzugelaufen, hatte mich erkannt und sprang

mit kosender Freude an mir in die Höh', wie dieser Thiere Weise ist;

aber mein Kommen verrieth es nicht.

Ich trat unter die Halle vor der Kirche, Paradies geheißen, dann

linkswärts in den überwölbten Gang und durch die Öffnung, welche in

die Kreuzgänge führt, die hier den Friedhof umgeben. Zögernd schritt

ich vorwärts, und die nun nahe über mir erdröhnenden Schläge der

Glocke erschreckten mich seltsam. Nun sah ich, zwischen den Pfeilern

stehend, den überschneiten Friedhof und dort drüben die Brüder, einen

gedrängten Haufen.

Es brauchte nicht des dumpfen Geräusches der hinabrollenden

Erdschollen, das zwischen dem Rufen der Glocke an mein Ohr schlug, um

mir kund zu thun, daß man da einen Leichgang gehalten, die Feier

soeben beendet hatte und nun die Gruft zuschaufelte. Sie hatten Alle

nur Acht auf ihr traurig Thun, und Ihrer Keiner hatte mein Nahen

gewahrt. Auch barg mich das Dunkel des Kreuzgangs. Wo es am tiefsten

war, da trat ich hin und sah hinüber. Wie manches Mal hatt' ich als

Kind schon diesen Anblick gehabt und da des Rechts genossen, das

allein die Kinder mit den Gottesengeln theilen, auch vom Anblick des

Todes nicht gestört zu werden in ihrer schuldlos spielenden Freude,

weil beide seine bittere Erfahrung nicht kennen. Aber welch' herbes

Weh durchzuckte mich heute!

Nun verstummte das Geläute, und die Brüder erhuben nach Gewohnheit den

Gesang:

»_Flens ego sum genitus, celebrantur funera fletu,

transacta innumeris vita fuit lacrimis,

O miserum mortale genus lacrimabile semper,

quod factum ex cinere est, solvitur in cinerem._«

(Weinend erblickt ich die Welt, mit Weinen begräbt man die Todten,

Unter viel Thränenerguß schwindet das Leben dahin;

Sterbliches armes Geschlecht, wie bist du beweinenswerth immer!

Was genommen von Staub wandelt sich wieder in Staub.)

Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit · 第 16 / 17 段