Dann ward eine kleine Stille, und der Priester sprach: »Lasset uns

beten: Herr, schenke ihr die ewige Ruhe!« Und die Brüder antworteten:

»Und das ewige Licht leuchte ihr!«

Darnach hub der Priester wiederum an: »Löse, HErr, die Seele Deiner

Dienerin Irmela von allen Banden der Sünde, auf daß sie in der

herrlichen Urstände unter Deinen Heiligen und Auserwählten wieder

auflebe.« Und der Abt betete: »Leite auch, Herr, unsern Diether an

Deiner Hand, und so er erfährt von diesem Begräbniß, so sei's ihm zum

Heil und Segen!« Darauf sprachen sie Amen! und wandten sich zu gehen,

denn die Finsterniß war hereingebrochen.

Ich wollte hinzueilen, aber die Kraft entgieng mir und ich sank zur

Erde.

»Hilf Gott! Diether, armer Diether!« hört' ich rufen, als mir die

Sinne wiederkehrten. Da winkte Herr Albrecht den Andern, daß sie von

mir abließen, richtete mich auf und leitete mich an das frische Grab.

Daselbst schluchzte ich bitterlich an seinem Halse, und er litt es

ganz väterlich.

Droben in seinem Gemach, dahin er mich geleitet hatte, wollt' er nicht

leiden, daß ich ihm berichtete von meiner Fahrt und wie es mir damit

gerathen wäre, sondern zuvor gab er mir eine Schrift, die wäre für

mich bestimmt, sagt' er, sie zu lesen, -- tröstete mich mit lindem

Wort und ließ mich allein.

Es war die Geschrift von einem guten Pfaffen geschrieben, dem die

selige Maid ihre letzte Beichte gethan hatte mit dem Geheiß, so sie

verschieden sein würde, solch' ihr Wort mit nach Maulbronn zu geben,

daß es mir, wenn es Gott so fügte, zu Handen käme: denn dort wollte

sie begraben werden.

»Er soll wissen«, hieß es darin, »daß meine Treue gegen ihn alle Zeit

unwankend geblieben ist und ich keine größere Glückseligkeit wußte im

Leben, als mit ihm unzertrennlich verbunden zu sein. Aber ich ersah

bald, daß das nimmer geschehen würde, sondern daß allerdinge über ihn

beschlossen war, in seine Losgebung nicht zu willigen, und daß, was

man von meiner Herzensneigung zu ihm gespürt hatte, um so mehr zur

Ursach' ward, ihn im Kloster zu behalten. Da war's mir ein großes

Leid, wider seinen Willen ihn da verschlossen zu wissen sein Leben

lang, und ich willigte in die mir bestimmte Ehe; aber ich begehrte

dafür, daß Diether's Losgebung vom Bischof erwirkt würde. Ich wußte,

daß ich mich damit von Glück und Freude schiede für immer; aber es war

mir ein süßer Trost, mit meinem Leide seine Freiheit zu erwerben. Doch

daß ich ihn nie wiedersehen dürfte, noch er je erfahren, durch wen er

seine Losgebung erlangte, sondern im Wahn verbleiben, als hätt' ich

ihn verstoßen und die Treue gebrochen, daß ich auch gegen den, der

mich zum Gemahl erkieste, die Heimlichkeit in meinem Herzen bewahren

mußte: dies nagte an meinem Leben allzusehr, und ist Ursach' worden,

daß eine andere Hochzeit für mich vorhanden ist, als die, für welche

man mich ausersehen hat. Ich danke Gott im Himmel dafür. Die reinste

Wonne, so die Erde gibt, hab' ich erfahren; sie kann nur kurz sein.

Ich bin zufrieden, abzuscheiden; nur um meinen Ohm ist's mir Leid. Die

ewige Dreifaltigkeit mög' ihn trösten!«

»Mein Gebein aber soll an der Stätte der Urstände harren, die

Diether's Heimath war. Ihm möge Gott des Lebens Glück bescheren und

hernach die ewige Seligkeit. Nie soll ihm die Erinnerung an mich

hinderlich an einer Freude sein. -- Kommt er aber einst zurück nach

Maulbronn, weil die Dörner rauher Wege, die er geführt ward, seine

Füße zu hart verletzt haben, so schöpfe er aus diesem meinem letzten

Gruß eine Linderung.«

»Einstmals zur Maienzeit, als der Wind unter'm Schall der Nachtigall

weiße Blüthen über mich schüttete, wünschtest Du mir, Diether, es

möchte nie kein anderer Schnee in die sorglosen Tage meiner Jugend

fallen, als dieser. Es ist anders worden mit mir! Aber wenn auch Dir

der Winter manchen Schmuck des Lebens verdirbt und Du über allzufrüh

verwelkte Blumen trauerst, alsdann denke, daß nicht bloß auf jeden

Lenz ein Herbst, sondern auch auf jeden Herbst ein Lenz folget. --

Gott und Sein Heer lasse mich den gewinnen, der ewig blüht!«

(Allhier endet Diether's von ihm selbst erzählte Geschichte.)

Beschluß.

Diether schwieg eine Weile, als er mit Erzählen zu Ende war, und auch

die beiden jungen Gesellen, die ihm zugehört hatten, wagten nicht, das

Wort zu nehmen.

»Das ist nun die Aventiure, die Ihr zu hören begehrtet«, sagte der

Alte dann und stund auf vom Steinsitz unter der Halle, als wollt' er

hineingehen der Pforte zu.

Es war zum dritten Male in der Pfingstwoche, daß der Abend die Drei um

den Steinbrunnen versammelt hatte am Kreuzgang, der im Viereck den

Friedhof der Abtei umgibt, und für den Erzähler wie für seine

zuhörenden Schüler blieb die abendliche Stille ungestört; denn nur

sanft rieselte das Wasser und nur leise rauschten zuweilen die

Blüthengebüsche über den Grüften.

Heut hatten sie länger draußen verzogen denn sonst, und als Diether

sich anschickte, zu gehen, sah er schon den Silberglanz des

Mondenlichts auf dem Dach der Kirche flimmern und in den Garten

herabgleiten, wo er die Wipfel eines dichtbelaubten Flieders mit

sonderlicher Helle bestrahlte.

Der Alte blieb stehen und richtete dahin seinen Blick.

»Wie heint die Blüthen leuchten!« sprach er vor sich und schritt durch

das Gras langsam der Stelle zu.

Nun stund er dicht am überhangenden Gezweig, der würdige Meister, ihm

zur Seite gesellt die Jünglinge.

Da zog eine Wolke wie ein goldumsäumter Schleier über des Mondes

leuchtend Angesicht, und ein behendes Dunkel flog von ihr her über das

Dach der Kirche und beschattete Garten und Kreuzgang.

»Sie ist sogleich vorüber!« sagte Diether und blickte hinauf.

Als der Glanz wiederkehrte, sahen die Drei zu ihren Füßen einen

Grabstein, von weißen Blüthen ganz überdeckt.

Der Alte bückte sich bedächtig und strich sie leise mit der Hand zur

Seite. Da ward, eingegraben auf dem moosigen Steine, eine Lilie

sichtbar und eine Inschrift. Die Augen der Jünglinge hatten sie bald

entziffert.

»_Irmela virgo_«, lasen sie.

Der Alte sprach's nicht nach; doch wandte er seinen Blick nicht weg

von den halbverwischten Zeichen.

»Laßt uns gehen«, sagte er dann. »Der Thau fällt kühl und die Nacht

ist bald herum.« --

Den Grabstein aber und seine Inschrift findest Du in Maulbronn noch

heutigen Tages. --

* * * * *

Gebauer-Schwetschke'sche Buchdruckerei, Halle a. S.

* * * * *

Anmerkungen zur Transkription:

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen

in der Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

Auflistung aller gegenüber dem

Originaltext vorgenommenen Korrekturen:

S. 61: Urthel --> Urtheil

S. 65: vorauf --> voraus

S. 108: den Krug, (Komma ergänzt)

S. 124: zwischem --> zwischen

S. 139: »Nimmer soll dies Kind, das Deine Blutthat mit

den Kainsmal des Brudermordes gezeichnet hat ...

--> mit dem Kainsmal

S. 171: ihr folgten Dienerinnnen --> ihr folgten Dienerinnen

S. 193: (denn sie waren mir rucklings gebunden) --> rücklings

S. 228: verschwad --> verschwand

S. 231: Komma nach 'guter Baum' ergänzt

S. 231: Komma nach 'sommerlichen' entfernt

S. 233: wollte sein brauchen (Nach 'sein' fehlt Wort)

S. 236: Als ich diese Worte hörte, überkam ich eine Freude,

--> überkam mich eine Freude

S. 270: geschickt. es vermochte nicht --> geschickt. Es vermochte

nicht

S. 272: solvitur in cinerem.« Anführungszeichen ergänzt.

Das Wort Herr wird im Originaltext einheitlich HErr geschrieben (wenn

es sich auf Gott bezieht).

Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö und Ü ersetzt.

Formatierung:

Der Originaltext ist in Fraktur gedruckt.

Text in Antiqua (nicht in Fraktur)

wurde mit Unterstrich _ gekennzeichnet: _Text_

Gesperrt gedruckter Text wurde mit + gekennzeichnet: +Text+

Überschriften sind im Original hervorgehoben. Diese Hervorhebungen

wurden in der Transkription nicht berücksichtigt.

Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit · 第 17 / 17 段