Schwerlich zog Jemand wanderlustiger seine Straße an jenem

Novembertage als ich, nachdem ich Maulbronn verlassen hatte. Es

mochten seitdem zween Tage verstrichen sein oder drei. Allgemach waren

mir die schweren Gedanken vergangen; die lang entbehrte Freiheit, die

Erfüllung sehnlicher Hoffnung und heute das klare röthliche

Sonnenlicht, das die Welt beschien, machten mir das Herz froh und

leicht. Munter schritt ich hindann. War ich nicht auf dem Wege nach

Speyer, allda vom Bischof weitere Vollmacht zu erhalten für meinen

ritterlichen Stand, und gedacht' ich nicht von dort aus mich an Graf

Eberhard zu wenden, seinen Rath zu erbitten, wie ich mich weiter

hielte, und winkte mir dann nicht noch ein anderes, ersehnteres

Wiedersehen?

Weil mein Blick mit Lust um sich schaute und des freien Umblickes mit

Freuden genoß, so hatt' ich der Stunden unterm Wandern nicht geachtet,

wie sie dahin gegangen waren. So brach der Abend herein, und ich wußte

noch nicht, wo ich die Nacht zur Herberge liegen sollte; Stadt oder

Dorf waren nirgends ringsum zu sehen. Mein Mundvorrath war zu Ende,

und ich begann die Müdigkeit meiner Glieder zu fühlen.

Indem sah ich durch die Abenddämmerung über ein blaches Feld ein Feuer

leuchten, das am Fuße eines Hügels angezündet war, der die Flamme

etlichermaßen vor dem Winde schützte.

»Vielleicht ist's ein Hirt, der dort sich seine Abendkost rüstet«,

dacht' ich. »Er mag Dir wohl auch Rast und Erwärmung an seinem Feuer

und einen Imbiß gönnen, so Du ihn darum ansprichst.«

So bog ich dahin vom Wege ab.

Als ich nahebei kam, trieb mir just der Rauch in's Angesicht, daß ich

nicht wohl aufsehen konnte. Wer aber da der Flamme pflegte, das ward

mir mit dem ersten Gruß bewußt, den ich hörte:

»Geschwind, Klingsohr, Gesell, Sieh da!

Er selbst: _lupus in fabula!_«

Allsogleich darauf fühlt' ich mich von dem Gerufenen an beiden Händen

erfaßt und unter überlustigen Sprüngen näher gezogen, indem er sang:

»Nun fiedelen und tanzen wir, heisa, hopei!

Herr Diether, der Junker, Herr Diether ist frei!«

»Gelt, mein Tannhäuser!« sagt' er dann zu seinem Gespons, indem sie

beide eine wollene Decke an die bequemste Stelle neben dem Feuer

spreiteten, »das hätten wir nicht gedacht, daß der werthe Junker uns

die Sach' so leicht machen würde. -- Ho, ein gutes Glück! Eine

treffliche Conjunctio! wie die Astrologi sagen. -- Möcht' ein

Kalendarium haben, die Zeichen einzusehen, wie sie heute stehen. --

Gewißlich im besten Aspect; geschickt zu großer Unternehmung! -- Ah,

Herr Diether! Die bleibt ungethan, und wenn sie uns den Stein der

Weisen zu gewinnen brächte, nun wir Euer theilhaftig worden sind.«

Und er schüttelte mir wieder die Hand und der Tannhäuser auch.

»Ihr scheinet meiner gedacht zu haben«, fragt' ich, selber schier

erstaunt über die unverhoffte Begegnung, indem ich, wie sie es

wollten, zwischen ihnen niedersaß.

»Ob wir des Junkers gedacht haben, Gesell!« sprach da der Kurze und

stieß den Angeredeten hinter meinem Rücken an. »Nur gedacht?!

-- Gesprochen haben wir von Euch, Herr, alltag und heut sonderlich und

eben jetzt wieder! Und, Junker, ich sag' Euch: immer in solcher

Meinung, wie sie treuer nicht sein könnte, wenn Ihr schlecht unser

Kunstbruder wäret und nicht hochbürtigen Stammes.«

»Seid von Herzen bedankt dafür«, sagt' ich, »aber der Singekunst denk'

ich auch jetzt nicht zu entsagen, habe ich sie letzthin gleich nicht

geübt.«

»Die Kunst verbrüdert, aber mehr

Doch scheidet Ansehn, Stand und Ehr,«

sprach der Tannhäuser dazwischen und war nachdenklich.

»Fürwahr! so ist die Welt gericht't,

Doch unser Junker Diether nicht«,

sagte Klingsohr ihn begütigend. -- »Nein! Ihr nicht, um den wir uns

gegrämet haben und gesorgt, seitdem sie Euch von uns rissen und wir

trotz all' unserer harten Arbeit und Zauberkunst und Alrune Euch

dahinten lassen mußten, wo Ihr zuvor gesessen, eingethan und

versperrt! Ihr nicht!«

»Ach, Junker«, fuhr Klingsohr fort, »wie schön hatt' ich Euch

allbereits hinaus, und wie balde wären wir hinunter gewesen, aber das

Fräulein -- das Fräulein!« -- dabei sah er mich von der Seite an und

winkte mit dem Finger. -- »Ach, Junker, es war da auch ein Zauber, der

Euch zurückhielt und ein stärkrer als meiner, der Euch des

Gefängnisses entledigen sollte.«

Und er lachte und schlug, als wüßt' er genug von derlei Sachen, um

sich ihrer noch zu verwundern, mit seiner Hand scherzweise auf mein

Knie.

»Jungfraunlieb ist fahrend Hab,

Heut Herzliebster und morgen: schab ab!«

sang der Tannhäuser, als thät er's in Gedanken.

War ich über Klingsohr's Rede roth geworden, so verdroß mich seines

Gesellen Liedlein. »Schweig!« gebot ihm der Magus, der meinen Ärger

wohl vermerkte. »Schweig, Gesell, und laß mich dem Junker vermelden,

wie wir keine Ruh' gehabt haben, bis wir für gewiß über ihn

erkundeten, was aus ihm geworden; wie wir endlich überein gekommen

sind, nach ihm zu spüren in Maulbronn, müßt's selber unter seines

Abtes Bettsponde sein. -- Ach, Junker, wir dachten nicht anders, als

es wär' Euch Luft und Licht versagt und Ihr hörtet außer der Litanei,

die Ihr selber singen müßtet, nur die Mäuslein pfeifen Tag und Nacht.

's ist uns drüber, Junker, manches Mal die Lust vergangen am Essen --

und am Trinken auch.«

»Daran verloren unterdessen

Nicht viel die Kehle noch der Bauch,«

sagte Tannhäuser und winkte abwehrend mit der Hand.

»Ah, ah, Junker!« sprach Klingsohr wieder; »Er red't nur so -- nur

aus Bescheidenheit, sag' ich Euch; nur aus Bescheidenheit. -- Ein

kaiserlich Mahl hätten wir uns versagt für Euch -- und heut, ja heut

möchten wir eins halten für lauter Freuden, daß Ihr wieder heraus

seid. -- Sagt' uns nun, wie ist's Euch gelungen damit, Junker? Aus

einem Thurm Einen von dannen bringen, freilich, ist auch 'ne Sach'!

Aber aus 'nem Kloster sich davon machen, wenn sie erst einen redlich

eingefangen haben und mit Geißelung und Pön ihn christlich bedienen --

ha, ha! -- das nenn' ich eine rechtschaffene Kunst.« Und er schüttelte

sich vor Lachen. »Ihr versteht sie, Junker! Ihr versteht sie! Welche

habt Ihr gebraucht? Des Nachts entwischt, he? oder am Tag die Wächter

getäuscht, oder Gewalt geübt oder --«

»Nichts von dem Allen hab' ich geübt, noch sonst keinerlei

Widerrecht«, gab ich ihm zur Antwort; »sondern nachdem ich des

Klosterlebens entlassen, bin ich nach eigener Wahl gegangen und frei

öffentlich.«

»Die Welt ist böse aller Orten

Und selten gut;

Gern weilt' ich hinter Klosterpforten

In sichrer Hut«,

sagte der Tannhäuser und sah sinnend in's Feuer.

»Wie, Junker?« fragte Klingsohr und sperrte vor Verwunderung seine

kleinen Augen so weit auf, als er's vermochte, »wie? Ihr seid nach

Urtheil und Recht losgegeben?«

»So ist's«, sagt' ich, »und anders nicht. Der Bischof selber hat sich

bei des Ordens Oberhäuptern für mich eingelegt, daß nach meines Vaters

Willen geschehe. Darnach hat das General-Capitel der Cisterzienser es

verwilligt, und hier bin ich auf dem Wege gen Speyer, allda von Herrn

Gebhard die Vollmachten zu empfahen, und was sonst nöthig ist zur

Wiedererlangung meiner ererbten Rechte zu betreiben.«

Auf diese Worte schlug der Kleine die Hände zusammen und rief:

»O Wunder groß! Nun dies geschah,

Wähn' ich, der jüngste Tag ist nah!«

»Was ist da so größlich zu verwundern«, fragt' ich wieder, »daß man

mildiglich handelt und nicht so gar nach dem strengen Recht, so Keinem

dabei zu nahe geschieht?«

»Herr, Herr!« rief der Klingsohr. »Ihr kennt der Welt Lauf nicht; Ihr

kennet ihn bis auf's Härlein nicht, sag' ich, Klingsohr! -- Entweder

die Welt hat sich geändert und die heilige Kirche dazu -- oder Ihr

seid ein Sonntagskind, eine weise Frau hat Euch zur Tauf' gebracht und

ein Nix war zum Gevatterschmause geladen. -- Sonst steckt noch was

dahinter, sag' ich Euch; könnt' ich's nur ausfindig machen.«

Dabei lupfte er seinen Hut, strich mit der Hand durch sein Kraushaar

und sah mit gespitztem Munde den entschwebenden Rauchwolken nach. --

Ich wußte zu seinem seltsamen Wesen, das er zeigte, nichts zu sagen

und schwieg.

»Und was gedenkt Ihr, wenn Ihr beim Bischof Alles nach Wunsch

ausgerichtet habt«, fragt' er, sich wieder zu mir wendend, »was

gedenkt Ihr hernachmals zu thun, Junker, so man das wissen darf?«

»Warum nicht, Klingsohr!« gab ich ihm Bescheid. »Dann gedenke ich

Herrn Eberhards Gunst und Beistand zu suchen --«

»Wozu?« fragte er rasch. Ich war von der Art, wie er das Wort sprach,

ein wenig gewirret; doch faßte ich mich und sagte: »Zu Vielem; zu

Allem, deß ich Neuling in der Welt an Rath und Führung brauchen werde,

denn meinen Vater weiß ich nicht zu erlangen.«

»Zu weiter Nichts? Junker, zu weiter Nichts?« fragt' er wieder.

»Wie wunderlich Ihr seid!« sprach ich. »Zu was noch sonst?« -- Aber

ich mocht' ihn dabei nicht ansehn; denn ich wußte wohl, daß er mit

seinen Blicken auf mich hielt.

»Dann rath' ich Euch, Junker!« hub er wieder an -- »brauchet Herrn

Eberhards nicht! -- Was wolltet Ihr, da Euch die Flügel losgebunden

sind, noch fürder hier herumschleichen, als stünd' Euch draußen nicht

die weite Welt offen? -- Seid Ihr nicht selber gewitzigt genug, Eurer

Sache zu helfen, und werdet Ihr nicht Freunde, Euch beizustehen, bald

genug finden, so Ihr sie weislich prüfet? -- Wär' ich, Herr Diether,

an Eurer Statt, ich rüstete mir in Speyer alsbald ein hübsch' Pferd

und durchzöge die Lande der Christenheit: wo Kurzweil zu finden, Ehre

zu erjagen wäre, da macht ich Halt, und, glaubt mir's, Junker! wenn

Ihr so thut, so werden, wenn ein Jahr herum ist, allerorten die

Männer, so des Ritterthums verstehen, Euch rühmen -- und gar die edlen

Frauen! -- ah, Junker, Ihr seid ein glückseliger Mann, denn die

Frauengunst, Junker --«

»Was sollt' ich mich nicht zuvörderst zu Herrn Eberhard wenden und die

Elzeburg meiden?« sagt' ich, ihn unterbrechend.

»Nur allda den Grafen heimzusuchen, Junker Diether?« und mir schien's,

als winkte Klingsohr seinem Gesellen, wohl acht zu haben, da er so

fragte.

»Nun, ihn und das Fräulein auch«, erwiederte ich kurz.

»Wenn Ihr nur nicht just um sie des Frauenzimmers da zu wenig findet«

-- meinte Klingsohr.

»Oder aus der Ritterschaft einen zuviel«, fuhr der Tannhäuser fort.

»Ich versteh' Euch nicht!« rief ich ärgerlich.

Da sang der Lange:

»Gar manchem Mann

Bleibt's Herz gesund,

Nur wenn ihm, was ihn nah geht an,

Nicht wird auch kund.«

»Wahr, Bruderherz, wahr ist Dein Spruch!« rief Klingsohr. »Drum sag'

ich:

Nimm jede Gunst, wie sie Dir ward,

Und baue nicht auf ferne!

Du findst zuletzt die Schale hart

Und Bitterkeit im Kerne!«

»Nicht zuletzt nur!« sagte der Singer wieder und schüttelte sein

Haupt, als wär' ihm an All' dem in keiner Weise gelegen:

»Frauengunst, --

Blauen Dunst

Ich acht' sie.

Wer begehrt,

Was da werth,

Verlacht sie!«

Da mocht' ich dies ihr Räthselspiel, mit dem sie, wie ich wohl

vermerkte, auf mich zielten, nicht länger ertragen. Ich sprang vom

Sitze zwischen ihnen ärgerlich auf, sah sie finstrer Miene an und

sagte: »Ich bitt' Euch, Freunde, lasset ab von solchem Gespräch; denn

es ist mir verdrießlich zu hören. Sagt mir frei offen, was Ihr wisset

von Elzeburg, das mir Hinderung sein sollte, dorthin mich zu wenden.«

Auf solche Worte gab sich der Tannhäuser das Wesen, als nähm' er sich

meiner Rede nicht an und müßte sein Gefährte alleine zusehen, wie mir

zu antworten wäre.

Der aber stellte sich vor mich hin, blickte scharf in mein Gesicht

und hub also an: »Junker Diether, seht Ihr! Euch ist's um des Grafen

Schutz und Beistand allein nicht zu thun! Noch eine andere Gewalt

zieht Euch nach Elzeburg. Schaut nicht weg! Ach, ich verarg's Euch

nicht. Kein Christenmensch darf's Euch verargen, der das Fräulein

gesehen hat und was Huld sie Euch erwiesen. Und ich -- wie sollt

ich's, der ich vom minniglichen Abschied weiß, den Ihr von ihr nahmet?

O, Herr! so etwas vergißt sich nicht. Wie? Zum Wenigsten in Euren

Jahren nicht. Es spinnt seine Fäden zart und gülden wie Sonnenstrahlen

durch die Werke des Tages und durch die Träume des Nachts -- immer

fester, immer zäher -- und um's Herz wickeln sich die Fäden, bis es

sich gar darin verstrickt -- und die Einsamkeit ist die Spinnerin. --

Nicht so, Junker, nicht so? Ah, Ihr wagt nicht zu leugnen -- es

braucht's auch nicht gegen den Klingsohr -- es braucht's wahrlich

nicht? -- Nun denn, Junker, hört wohl zu! -- Aber zuvor versprecht mir

Eins! Laßt den Boten seine Botschaft nicht entgelten. 's wär Unrecht;

es wär' gegen uns wahrlich groß Unrecht! Denn so Ihr's heut erfahret,

und Ihr nehmt's auf mit ziemlichem Verstand und als ein Mann, der

seine Fahrt durch die Welt ruhmeswerth und klüglich ausrichten will,

so werdet Ihr Euch in's Künftige viel nutzlos Weh und Ach ersparen und

die Sprüchlein, die Ihr von uns zur Stunde gehört habt, werden mit

ihrer Weisheit an Euch nicht verloren sein. -- Wohl! Nein, nicht wohl;

Euch wird's übel dünken, so übel, daß Euch die Wiederfahrt gen

Elzeburg gar verleidet wird: und just das ist's, was ich Euch vorhin

rieth. -- Also, Junker, Euer Graf möcht' jetzt für Euch die Zeit nicht

haben und seine Nichte desgleichen nicht. 'S sind zur Stunde andere

Gäste willkommen in Elzeburg. Wir, mein Gesell hier und ich, zogen

vorbei da jüngst vor etlichen Tagen. Es geht da hoch her, in lauter

Lustbarkeit. Warum auch nicht? Der Gernsteiner hat seine Braut

wiedergewonnen und ihren Mahlschatz dazu -- so doch Beides, wie es das

Ansehen hatte, ihm eine Weile verloren war. -- Ist nicht erneute Liebe

zwier so heiß? Und kann man sich über die Glückseligkeit, die jetzt

das Fräulein neben ihrem Bräutigam merken läßt, verwundern, so man

bedenkt, er möchte sonst besorgen, sie gedächte Eurer etwan -- und ist

doch schon bereits vier Monde her oder fünf, seit sie Euch nimmer

gesehen. Stellt's Euch nur für! fünf Monde!!« --

»'ne lange Zeit

für eine Maid,

Zweimal eine Ewigkeit.«

sagte der Tannhäuser dazwischen.

»Ja, mein Treu, Junker, das ist's«, sagte Klingsohr bestätigend. »Ihr

seid zu lang ausgeblieben.«

»Ihr seid unrecht berichtet«, rief ich, »gewiß, Ihr seid es in dem,

was Ihr da von Elzeburg sagt. Ich glaub' es nicht, es kann nicht sein.

Ist aber Eure Rede dennoch nach der Wahrheit, so werd' ich's in Speyer

erfahren. Bis dahin, bitt' ich Euch, laßt uns der Sache nicht mehr

gedenken, sondern des Mahles, so Ihr etwas zuzurüsten habt, daß wir

unser Herz stärken und dann des Weges weiter ziehen.«

So sprach ich. Aber mein Gemüth gedachte gar anders. Inwendig war's

mir, da ich diese Zeitung von Irmela vernahm, als erschallte aller

meiner Freude recht das Grabgeläute und wäre mein froher Muth mitten

in's Herze getroffen. Ich saß schweigend nieder und mochte auch nicht

ferner auf die Beiden merken, wie sie ihr Küchenwerk angriffen. --

Darum war mir's lieb, daß sie fragten, ob ich, derweilen sie

zurüsteten, auf das Feuer Acht haben wollte.

Der Abend war schnell dunkel geworden und die Rauchwolken wirbelten

im röthlichen Glanze weithin sichtbar empor. Ich blickte ihnen nach

unverwandt, wie eine nach der andern sich dahinwälzte und immer wieder

gleich dieser im Dunkeln sich spurlos verlor. Sollte so auch der helle

Glanz der Glückseligkeit, der mir im Herzen aufgegangen war, trüb und

trüber werden und endlich in Nacht verschwinden? O, ich fühlte, das

könnte nicht sein. Ich fühlte, wenn sie, der all' mein Herz in Treue

zugethan war, mir verloren wäre, wenn sie mein vergessen hätte, dann

müßte mir die Welt immer öde bleiben und ich aus ihrem Glück

verwiesen. Aber, sollt' es denn Wahrheit sein, was ich gehört hatte?

Sollten diese lieblich lichten Blicke, sollte dieser lächelnde,

falschesfreie Mund, sollte der innigliche Druck dieser Hände mir

gelogen haben? Sollte dies Alles, was mich umgewandelt hatte und mein

innerstes Sinnen und Meinen bezwungen, ihr nur Spiel gewesen sein?

Konnte sie sich von mir kehren und nicht darnach fragen, daß die tiefe

Wunde, so ich von ihr empfangen, immer offen stehen würde? Nein, es

war nicht möglich! Und unmuthig stieß ich in die Flamme, daß die

Funken mit Geprassel stoben und zuckend in der Luft auf und nieder

fuhren, ehe sie verloschen. Ihnen glichen die Gedanken, die mir jetzt

wild durch's Herz strichen. Wie? Wenn man die Maid wider ihren Willen

zwänge zum verhaßten Ehebunde? Wenn unsere Heimlichkeit kund geworden

wäre und sie wähnte, ich bliebe festgehalten im Kloster und sie harrte

mein umsonst? -- O, dann wollt' ich jeglich Wagniß bestehen, sie zu

befreien, und keine Fährniß sollte mich schrecken, gerieth ich gleich

in die Irre und mein Pfad in die Nacht.

Da blickte mich ein theures Angesicht wie aus einem Spiegel traurig

und liebreich an. Immer mit den aufsteigenden Flammen schwebt' es

empor; es winkte und warnte und rief mich leise mit süßem Namen.

-- »Unser kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald

verschwunden. Denke, daß es heut geschieht.«

Und ich saß und sah in's Feuer, wie die Flammen züngelten und die

Wolken röthlich dahin zogen, bis die Nacht sie verschlang. --

* * * * *

In Speyer, als ich dargekommen war, war es mir mit meinen Sachen wohl

gerathen. Ich hatte die Bestätigung meiner Freiheit und meines

ritterlichen Standes erlangt. Das Lehn, in Schwaben gelegen, so mir

zugestanden war, ward mir überantwortet, und was weidliche Leute und

Geschlechter in der Stadt waren, von denen ward ich aufgenommen und

ehrlich angesehen; sie litten mich allenthalben gern und wähnten nicht

anders, denn daß ich bald zu hohen Ehren kommen würde. Doch that ich

dazumal Alles mit halbem Herzen; denn die Gewißheit, daß Irmela Ritter

Conrad freien würde, wie mir die Fahrenden das berichtet, hatt' ich

bald nach meiner Ankunft in Speyer erlangt. Davon erstarb mir die

Freudigkeit, und von dem großen Leide, das ich da gewann, konnt' ich

mein Gemüth nicht hinwegziehn. Doch schöpft' ich noch ein kleines

Tröstelein. Denn wie? Ich mußt' es ja glauben, was sie Alle sagten,

und glaubt' es doch wieder nicht. Von ihr selbst, dacht' ich, will

ich's erfahren. Hinaufzuziehen gen Elzeburg, deß unterwand ich mich

nicht, denn ich besorgte, ich möchte nicht vor sie gelassen werden und

dem Gernsteiner dann begegnen, der dort weilte, wie ich hörte. So

schrieb ich einen Brief an die Maid, darin ich ihr meine Erledigung

aus dem Kloster vermeldete und ihr theuer schwur, meine Treue würd'

ich ihr ewiglich halten und wie mein Gemüth unbeweglich auf demselben

Sinn stünde. Darnach ließ ich sie wissen, wie große Sorge und Zweifel

ich gewonnen hätte, da mir die Sage von ihr zu Ohren gekommen wäre,

daß sie dem Gernsteiner mit Nächstem sollte angetraut werden, und ich

bat sie beweglich mit dringenden Worten, daß sie mir doch ihres

Herzens Willen und Meinung kund thäte, und ob sie, wie ich wohl

glaubte, zu solchem Ehestande gezwungen würde. Dann wollt' ich alle

Macht daran setzen, so oder so ihr zu helfen und mir. Nur das +eine+

selige Wörtlein möchte sie mir schreiben, daß ihr Sinn und Wille

unverändert wäre, gleich wie sie in meinem Herzen beschlossen bliebe

ewiglich.

Solchen Brief gab ich Klingsohr, daß er ihn sicher und geheim

überbrächte, auch die Antwort, welche er erlangen würde, heimlich

hielte. Denn die beiden Fahrenden waren mir gen Speyer gefolgt.

Mit Ungeduld wartet' ich des Bescheides. Es währte nicht gar lange,

daß ich ihn durch Klingsohr erhielt. Es waren nur wenige Worte, die

sie mir überschickte, aber solche, die wie der Frost im Märzen jedes

noch keimende Blümlein meiner Hoffnung und Zuversicht ertödteten. Sie

bat mich um Gottes Willen, ihr nie wieder mit keinerlei Botschaft oder

Brief zu nahe zu kommen, noch etwa selbst sie heimzusuchen; sie

wünschte mir von Gott und seinem himmlischen Heer alle Genüge und

Freude allerwegen; aber wir müßten geschieden bleiben forthin, und sie

bäte mich, ihrer zu vergessen; denn das sollt' ich wissen: sie reiche

aus keinerlei Zwang dem Gernsteiner die Hand als ihrem Ehegemahl,

sondern willig und aus freiem Erbieten. Der reiche Christ möge meiner

Seele pflegen hier und dort. Dies wäre ihr letzter Gruß.

Von Stund' an hatt' ich keine Ruhe mehr in Speyer, und alle Lust an

Freud' und Festlichkeit, ihrer mit zu genießen, war mir verdorben. Wo

ich immer weilte, giengen die schweren Nachgedanken mit mir an die

hohe Wonne, die sich in Weh verwandelt hatte, und oft, wenn ich mitten

unter Menschen war, die mich fröhlich sein hießen, ward ich etwas inne

von dem, was Herr Albrecht mir gesagt hatte, daß man sich auch in der

Welt und ihrem Geräusch einsam fühlen könne. --

Da reichte eine Traurigkeit der andern die Hand; denn der Schmerz um

Bruno, meinen Vater, überkam mich mit neuer Gewalt. Ich schalt mich

unkindlichen Sinnes, daß ich mich unbeständiger Frauenliebe hätte

trösten wollen und ihr noch Raum gelassen in meinem Herzen, da ich

allein seiner hätte gedenken sollen, wie ich ihn wiederfände und aus

seinem Kummer um mich befreite. So bist du jetzt betrogen, sagt' ich

mir, dieweil du eitlem Glück nachgelaufen bist und hast die ächte

Treue nicht genugsam geschätzet. Und wiederum dacht' ich: wenn du ihn

gefunden haben wirst und bekennest ihm das Glück, so du verloren, und

das Leid, so du gewonnen hast: dann wird's dir leichter zu tragen

sein; du wirst wiederum einen guten Muth und Freudigkeit gewinnen,

wenn seine Liebe und sein Lob dich anspornt.

So faßt' ich denn nichts Anderes zu Sinne, als Herrn Bruno zu

erkunden, wo er weilte, auf daß ich ihn heimsuchte und er meine

Losgebung aus dem klösterlichen Stande erführe. Ich nahm Urlaub von

Speyer und zog zuvörderst gen Schwaben, daselbst das mir zugetheilte

Erbgut einzunehmen; ich verblieb da nur kleine Zeit, richtete die

nöthigen Sachen aus nach erfahrener Leute Rath, wie es während meinem

Abwesen gehalten werden sollte, und setzte auch Klingsohr und seinen

Gesellen in ein Leibgedinge, so lange sie lebten, wofern sie des

seßhaften Lebens anstatt des schweifenden sich annehmen wollten,

worein, wie es schien, der Tannhäuser mit Freuden willigte, aber der

Magus nicht so völlig.

Als ich solchermaßen meine Sachen beschickt hatte, richtete ich mein

Angesicht stracks gen Mittag, nach Welschland zu ziehen. Da führte

mich mein Weg über Gebirg und Thal, auf felsigten Pfaden an steilen

Klippen vorbei und durch dunkle Wälder, grüne Auen und fruchtbares

Gelände; ich kam in manche volkreiche Stadt und sah der Menschen Weise

aller Orten, nach ihrer Müh' und Plage, Tugend und Kunst.

Ich nahm der Armuth in den Hütten wahr, wie sie um die Nothdurft des

Lebens das ganze Leben hindurch ringet und die Geduld dazu nur von der

Gewohnheit lernet und von der Hoffnung, daß sie mit dem Tode erledigt

wird. Ich klopfte auch an das Thor mancher Burg, manches stolzen

Hauses und manches gastlichen Klosters. Weltliche Herren, kühn von

Thaten und klug von Rath, Geistliche frommen Wandels lernt' ich

kennen, wie auch ihr Widerspiel. Auch sah ich in deutschen wie in

welschen Landen der wohlgezogenen Maide genug, die schöne Huldgestalt

zierte und edle Sitten. Da geschah es mancher Orten, daß man mich

nicht allsofort fürder ziehen ließ, sondern mich zu weilen drängte,

frohen ritterlichen Festen beizuwohnen. Was nur den Augen lustsam zu

schauen war und den Ohren zu hören, wonach das Herz gelüstete; das war

mir da zum Genieß bereit. Aber wenn ich alsdann auch, daß ich nicht

unhöfisch erschiene und blöden Sinnes, mein Vermögen bewies in derlei

Spielen, wie es der edelbürtigen Jugend geziemt, so war doch mein

Gemüth nicht dabei, und man sah mich selten froh.

Sonderlich in Florenz, der Toskaner Stadt, ward ich wohl aufgenommen

und nach Ehren als ein Gast gehalten, der dahin in ein edles Haus

gewiesen war. Ich verblieb in dieser hochberühmten Stadt zur Lenzzeit

zwo Wochen lang, vielleicht auch drei. Dort pflegen sie mächtig des

edlen Gesanges, und was die besten Meister solcher Kunst und

zierlicher Rede sind in Welschland, die sind allda zu Hause; ja, so

hoch angesehen ist die Kunst bei männiglich, daß auch Fürsten und

Herren zur Kurzweil nicht zusammenkommen, es sei denn, daß sie mit

Liedern und Gedichten mancher Hand sich erfreuen. So wollten sie wohl

auch von mir ein deutsches Lied oder Spruch. Ließ ich sie dann derlei

hören, so konnten sie sich nicht genug verwundern, zuvor die Frauen

und Maide, warum ich Junger nicht fröhlichere Weisen brächte, und

fragten, aus was Ursach das geschähe. Ich wollte nicht ungefüge sein,

sie unbeschieden zu lassen und sang:

Ihr fraget mich,

Warum mein Lied

In Maienluft nicht heitrer klinget,

Da uns der Lenz der Wonne viel beschied

Und Rose sich um Rebe schlinget.

So frag' auch ich:

Mein Herz, o gib,

Warum Du traurig so, die Kunde:

So manche Gunst Dir ja zur Hage blieb,

Willkomm'ne Gab' beut jede Stunde.

Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit · 第 15 / 17 段