verkündigt, der dazu eine Rede that, die mir recht das Heimlichste
meines Herzens vor Augen kehrte, daß ich sah, wie schwarzer Farbe es
war; denn er war gewaltig in Worten. Er nannte den Tag, da er von
meiner Sünde hätte hören müssen, den traurigsten von allen, seit ihm
der Abtstab in die Hand gegeben wäre; er beschrieb meinen Sinn, wie
schlimm geartet er wäre und unwerth, daß ich all' sein Vertrauen, das
er zu mir gekehrt, und seine gute Meinung so gröblich zu Muthwillen
und Verübung loser Narretheidinge gemißbraucht hätte; er sagte auch:
wenn der Herr und Weltenrichter schon den unnützen Knecht in die
äußerste Finsterniß und in die schrecklichen Höllenschlünde verweisen
wolle, darum daß der Schalk mit dem einigen ihm verliehenen Centner
nicht gewuchert habe, welche Qual werde sich der verdienen, welcher
hohe und edle Gaben, so er von Gott empfangen, dazu verwende, daß er
damit unsers Herrn und seiner heiligen Kirche Ehre, statt sie zu
erbauen, kränke und ganz niederlege!
Darnach fragt' er mich, ob ich etwas zu sagen hätte, so sollte mir das
verstattet sein.
»Würdiger Vater!« sagt' ich da. »Es ist Alles wahr, deß Ihr mich
zeiht. Ich habe schwer gesündigt wider Gott, wider Euch, wider den
heiligen Orden. Aber so wahr ich Euch und dem würdigen Convent hier
von der ewigen Dreifaltigkeit beständige Genüge erwünsche, so
gewißlich kann ich Gott im heiligen Stande nicht länger dienen, habe
nur ein Verlangen, mich zum ritterlichen Leben zu schicken, und bitt'
Euch demüthig: Helfet mir dazu!«
Durch solche Worte, sagte wieder der Abt, erfände sich's desto
gewisser, wie völlig mein Herz geblendet wäre. Darauf ward ich dem
_Frater poenitentiarius_ zugewiesen, daß er die geistlichen Büßungen, so
mir aufzulegen, leiten und in Allem meiner armen Seele rathen möchte,
die Bosheit auszuziehen und Gnade zu gewinnen.
Der hatte denn auch das Amt, so er überkommen, an mir mit allem Eifer
angegriffen. Einsamkeit, Casteiung und allerlei Plage sollte meinen
Sinn ändern, dazu stetes Gespräch mit ihm von heiligen Dingen und von
Verachtung der Welt. War ich nicht manchen Tag hinunter in die
Geißelkammer geführt worden, auch dazu aus dem Schlaf geweckt, allda
das Miserere zu singen und Schläge zu leiden?
Doch wiewohl mir meine große Fehle, damit ich mich verschuldet hatte,
leid war, so blieb doch mein Muth und Wille hinausgerichtet, wie
anfangs, und die himmlischen Dinge, die mich hinwegziehen sollten von
allem weltlichen Trachten, erlangten diese Gewalt nicht über mich. Ja,
wenn oft unter den Geißelschlägen mein Rücken rünstig ward und ich
dennoch ihnen stille hielt und nicht zuckte; wenn ich jegliche Pein,
mit Wachen und Fasten mir auferlegt, williglich trug und nicht murrte,
so wähnte mein Beichtiger wohl, es wäre die wahre Zerknirschung und
herzliche Reue, die mich so harte Buße demüthig tragen lehrte: aber es
stund viel anders mit mir. Ich hätte das Schwerste auf mich genommen
in dem Gedanken, der mir auch all' dies Ungemach leicht machte: daß
ich es litte, weil ich mich gefangen gegeben für sie, für die Maid,
die mir allzeit im Sinne lag, deren Bild in aller Pön mir winkte.
O, welche Gewalt hat doch eine starke Hoffnung über des Menschen
Herz! Sie ist allgegenwärtig, wie das Sonnenlicht. All' unser Denken
und Thun, Mühe und Plage, Leid und Noth durchleuchtet sie; sie
durchsüßet die Bitterniß und durchblümet selber die Wüstenei, die wir
durchwandern müssen.
So hab' auch ich's erfahren in jenen Tagen.
Wie oft, wenn ich einsam in der Zelle weilte, brachte mir die gewisse
Hoffnung, der Tag der Befreiung würde erscheinen, Stärkung und Trost!
Wie malte sie mir mit dem Sonnenstrahle, der an der Wand zitterte,
lichte Bilder hin von Aventiuren, Ehren und ritterlichen Thaten, von
Freiheit und Wiedersehen! Wie hört' ich ihr Flüstern im Rauschen des
Nußbaumes, wenn der sanfte Wind das Laub bewegte!
Mit jedem Tage stieg diese Hoffnung; denn jeder brachte ihre Erfüllung
näher.
Mit Fleiß achtete ich auf die grünen Früchte, die mir der Nußbaum
durch's Fenster zeigte, wie sie allgemach größer wurden. »Eure Schaale
ist bitter«, sprach ich oft, »und selber dem Anblick wird sie unhold
mit der Zeit. Aber drinnen hegt sie wohlverwahrt den süßen Kern; die
Hülle springt, und er tritt an's Licht. So tragen auch diese Tage,
deren Bitterkeit ich schmecken muß, in ihrem Schooße für mich die
köstliche Frucht der ersehnten Freiheit; noch ist sie mir verborgen,
aber unmerklich reift sie heran.«
Doch ach! eine Woche nach der anderen war herumgegangen, und noch
immer hört ich nichts davon, daß draußen meiner gedacht ward.
Jeglichen Morgen sah ich klopfenden Herzens in meines Beichtigers
Angesicht, prüfend, ob er die erhoffte Nachricht mir nicht zu
verkünden hätte. Aber er schwieg davon, und der neue Tag schwand
gleich dem vorigen.
So einförmig giengen die Tage hin, so geräuschlos schlich die Zeit
durch Wochen und Monate, daß ich ihrer Zahl und Menge, wie viel ihrer
waren, gar nicht Acht hatte. Aber wohl sah ich, wie die Nüsse sich aus
ihren Hülsen schälten, vom Baume fielen und die leeren Schalen
zurückließen; wie die Blätter sich entfärbten und das Geäst allgemach
lichter ward; wie dann der Himmel, der da hindurch blickte, als durch
ein immer weiter sich öffnendes Gegitter, öfters trüb schien und
seltener in blauer Klarheit glänzte. Ich sah, wie das Sonnenlicht
immer später meine Zelle besuchte, immer schmaler darin seine goldenen
Streifen zog und nimmer bälder daraus verschwand.
Wenn auf trübe Tage wieder ein sonnenheiterer folgte, hatte ich schier
mit Ungeduld geharrt, den Schein zu sehen, ob er wohl merklich würde
zurückgewichen sein gegen das letzte Mal, da er an der Wand geglänzt;
und als es geschah, daß ich wahrnahm, wie die Sonne meine Zelle nicht
mehr erreichte und den letzten Scheideblick des Jahres herein
geschickt hatte in meine Einsamkeit: da war eine große Traurigkeit
über mich gekommen, als sollt' ich auch den güldnen Träumen von
Erledigung und Freiheit den Abschied geben.
Aber ich hatt' es nicht vermocht, ich hatte um so sehnlicher gehofft
und war nicht müde darin geworden, wie auch die Blätter immer
zahlreicher fielen und die kahlen Zweige schmucklos zu mir herein
starrten. -- --
Wie mit Fleiß ich an dies Alles heut' zurückdachte am stürmischen
Novembertage, als ich zum grauen Himmel hinaussah, und wie die letzten
Blätter sich wehrten wider den Wind, der sie zauste, und half ihnen
doch Alles nichts!
Nein, es half auch mir nichts: mein Hoffen und Sorgen, Zagen,
Wünschen und Ungeduld! -- Wenn es der Weltenherr so beschlossen hätte,
daß mein Leben und die Welt draußen immer geschieden blieben von
einander! Wenn das Gelübde meiner Mutter, da die Gottesminne ihre
Liebe zu mir bezwang und durchklärte und sie mich der frommen Hut des
Klosters übergab, gewißlich ach, mit heißen Gebeten! im Himmel
versiegelt ward!
Aber konnte das sein? Wäre mir dann die Einfalt und der Frieden meiner
Jugend so verwirrt durch Lust und Weh der Welt, durch das Eindringen
ihrer Süße und Herbe in mein unerprobtes Herz? Wären dann jene
Versuchungen an mich herangedrungen, um welcher willen, daß ich vor
ihnen geborgen bliebe, ich hieher gebracht worden war an diese Stätte
geschützten Friedens?
Doch wie? Durft' ich mich unterwinden und all' dies, was mich abwendig
gemacht hatte dem heil'gen Stande, ansehen als von dem waltenden Gott
so gefügt? War es nicht vielmehr der Dünkel und Wahn meines
unberathenen Herzens, eigenwilliges Entweichen vom Wege, der mir
verordnet war? O, dann war es ein unmächtiges Ankämpfen, ein
schuldvoller Ungehorsam. Und dies sehnliche Verlangen in mir nach
Ehre, Freude und Glück der Welt, nur darnach? nein! auch nach ihren
Kämpfen, Mühen und Schmerzen: sagte es nicht noch jeden Augenblick Ja!
zu der Hoffahrt und Eitelkeit meiner Seele, bedrohte es mich nicht mit
immerwährender Unseligkeit, so der Spruch fiele, daß ich im Kloster
bleiben müßte? Dann wäre mir die Erde vergällt und für die Ewigkeit
meine Seele der finsteren Schaar zugeordnet. --
Ich erschrak vor solchen Gedanken! Ich sah hinweg vom Fenster und
lenkte meinen Blick auf das Buch, so vor mir aufgeschlagen war. Es
waren S. Anselmi Betrachtungen. Mein Beichtiger hatte mir das Buch
hereingegeben zu heilsamem Nachdenken. Täglich mußt' ich ein Stück
darin lesen und auf sein Befragen davon Rechenschaft thun, ob ich die
Meinung recht verstanden hätte. Ich that es; aber meine Seele war
nicht dabei. Heute zum ersten Mal kehrt' ich allen Eifer dazu. Ich las
von dem Meere des Verderbens, welches wäre die Tiefe weltlichen
Begehrens, und vom bodenlosen Schlamme der fleischlichen Lüste; ich
las von dem Elend dieses Lebens: wie es gliche einem finstren Thale,
in seinem Grunde voll Martern; darüber eine einzige Brücke, sehr lang,
aber nur eines Fußes breit; über diese so schmale, so hohe, so
gefährliche Brücke gehen müssen, mit verbundnen Augen, also daß man
seine Schritte nicht sehen kann, mit rücklings gefesselten Händen: so
in Furcht und Ängsten des Herzens schweben: Das wäre dieses Leben.
Ich las vom Tode, wie er alle Schönheit der Gestalt verderbt und die
zarten Glieder der Verwesung und den Würmern überantwortet; vom Grauen
der Sterbestunde, von den Schrecken des jüngsten Tages.
Solches Alles las ich, wie es in der ersten Meditatio des heiligen
Lehrers zu finden ist. Davon überkam mein Gemüth große Pein. Denn wenn
ich es untersuchte, so erfand ich doch darin die Abkehr von dem
vergänglichen Weltwesen nicht erwirkt, noch das Verlangen nach der
himmlischen Freude entzündet; sondern daß ich frei würde und ein
wackerer Held, der Ehren erwürbe Brun zum Trost und Irmela zur Freude:
das war all' mein Verhoffen und mein Begehr, wie vorhin.
Da schickt' ich mich an, zu Gott zu rufen, daß Er mir die Verachtung
der Welt in die Seele senken möchte und die völlige Gelassenheit, aber
unvermerkt ward solch' Gebet zur Bitte, die Stunde meiner Losgebung
möchte bald erscheinen -- und Beides zusammen konnte doch nicht
bestehen.
So hub ich denn in also zweifellichem Wahn meine Augen auf und sah
hinaus, wie ich zuvor gethan hatte. Der Wind fuhr noch immer durch die
Zweige und schüttelte sie. Hatte er denn schon alle Blätter nun davon
geführt, alle? -- Nein, eines hieng noch fest, ein einziges. Ich faßt'
es in's Auge und blieb daran haften mit meinem Blick, wie es ohne
Aufhören auf und nieder und zu den Seiten flatterte und doch nicht
abriß. -- »Du willst, guter Baum,« sagt' ich, »das Einzige, was Dir
vom sommerlichen Schmuck geblieben ist, nicht lassen; also auch ich
nicht die Hoffnung von daher. Aber das Jahr ist spät und wie lang'
kann Dein Widerstand noch dauern -- und meiner?«
Aus solcher trübseligen Betrachtung erweckte mich ein Klopfen an der
Thüre. Die kleine Öffnung in ihrer Mitte, deren Thürlein aufgethan
ward, ließ eine Hand sehen, die ein Papier in die Zelle fallen ließ.
Als ich es aufnahm, war schon die Hand wieder zurückgezogen und die
Öffnung verschlossen.
Es war ein Brief, erbrochen und durch den Abt mir überschickt -- ein
Brief, mir von Brun geschrieben aus Rom. Wie froh erschrak ich, als
ich den Namen las, und wie faßt' ich jeglich Wort, das da geschrieben
stund, zu Herzen!
Gewißlich entsänn' ich mich seines Scheidewortes an mich. Ihm wär' es
allzeit lebendig im Herzen geblieben, und Anderes hätt' er nicht
erstrebt, als daß er mir Befreiung erwürbe und mich in das Erbe seines
Namens und seiner Güter setzte. Er hätte manchen Gang darum gethan und
auch Graf Eberhard -- ich kennte doch Adelbert aus Bruno's Geschichte?
-- -- wäre ihm eifrig zur Seite gestanden. Auch andere seiner Freunde
aus jungen Jahren hätten sich für ihn eingelegt und selber ihm zur
Hoffnung verholfen, daß er Land und Leute, so er einst besessen,
wiederum zu Handen erhielte. Aber es hätte sich erwiesen, daß
geistliche Rechte wider ihn wären.
Und nun ließ er mich wissen, daß meine Mutter nach altem Brauch mich
feierlich dem Kloster und geistlichem Orden übergeben, daß der
Priester aus ihrer Hand mich auf den Hochaltar genommen und als ein
Opfer und süßen Geruch dem Himmelskaiser geweiht hätte. Da wäre die
Stola um des Knäbleins Arm von ihm geschlungen worden und meine Mutter
hätte alle heiligen Gelübde, vom Priester ihr vorgesprochen, für mich
vollbracht. Auch wäre darüber eine Urkund nach allem Erforderniß in
der Abtei niedergelegt. Auf solches Alles hätte sich der Bischof
berufen, und zu ihm hätten die höchsten Oberen des Cisterzienserordens
gestanden. -- Darum hätt' er sich aufgemacht und wäre gen Rom gezogen,
dort beim heiligen Stuhl für mich zu bitten; aber man hätte ihn
schlecht an die Entscheidung des Bischofs und des Ordens gewiesen,
darnach müßte der Spruch gefällt werden.
Ob ich ihn wohl zu lieben angefangen hätte, als das Kind den Vater
soll? Ob ich mir wohl fürbilden könnte, wie selig ihm die Stunde
gewesen, da er mich gefunden und wie er seitdem nichts wüßte, als mein
Bestes zu suchen? -- Dann sollt' ich nicht wider Gott fechten, den
Frieden meiner Seele in Acht nehmen und mich in's Kloster ergeben. Ich
sollte nicht hinaustrachten um seinetwillen, denn er hätte aller Dinge
beschlossen, daß wir unser Angesicht nicht mehr sähen. Es wäre besser
so. Er hätte ja eine Weile gedacht, der hehre Christ hätte seine Buße
angenommen und wollte sein brauchen, Freude für seinen Sohn zu säen
und ihm die Wege durch die wirre Welt zu ebnen, in denen er selber
sich verloren. Unterweilen hätt' er auch einen hellen Traum gehabt,
als möcht' er Joconda wiederfinden. Aber sie wäre, wie er erkundet
hätte, schon lange in Frieden, wohin dies zeitliche Jammerwesen nicht
reichte, und um mich wär' er solches Glückes nicht würdig erfunden.
Darum wollt' er von Stund' an seine Buße vollenden und die göttliche
Güte unablässig bitten, daß sie meine Seele von allem irdischen
Dichten reinigte und ganz ausleerte von jeglichem Verlangen, das doch
nicht erfüllt werden könnte, bis mein inwendiger Geist ganz stille
würde und offen für die Süße der himmlischen Liebe. Weil er denn
bedächte, daß das Band, so mich mit ihm verknüpfte, mich sonderlich
stark hinauszöge in die Welt, so hielte er es für wohlgethan, auch
dies Gott aufzuopfern, daß ich mich leichter losmachte und, was ich
aufgeben müßte, desto minder schätzte.
»So scheide ich denn«, so beschloß der Brief, »mein herzgeliebter
Sohn, hiemit von Dir, nicht nach dem Herzen und nicht für ewig. Unser
kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald verschwunden. Denke,
daß es heut geschieht! -- Die ewige Dreifaltigkeit nehme Deiner in
Gnaden wahr, sie enthebe Dich aller Wirrsal und gebe Dir Freude und
Frieden! Das ist mein Segen. Fahr wohl! --
Mein Sohn, bitte für mich!
Gegeben in Rom in St. Augustini Kloster.
+Bruno+.«
Als ich ausgelesen hatte, entfiel der Brief meinen Händen und meine
Arme sanken schlaff herab. »Fahr wohl, fahr wohl!« rief es mir nach.
»Fahr wohl, mein Vater! fahr wohl jede süße Hoffnung; fahr ewig wohl!«
In dumpfem Klageton hört' ich's so; aber ich fühlte, wenn ich's
ausspräche, so müßt' ich's hinausschreien, und ich verharrte im
Schweigen. Denn in allzugroßem Weh mißgönnt sich der Mensch auch den
Trost der lauten Klage. --
Eine starke Windsbraut, die mit klatschendem Regen gegen das Fenster
fuhr, schreckte mich auf und riß meinen Blick empor. Die Äste
schlugen gegen die Scheiben, also daß sie erklirrten, und das letzte
Blatt, von seinem Zweige geschieden, wirbelte durch die Luft; eine
kleine Weile ward es umhergetrieben, dann entschwand es meinen
Blicken.
»Fahr wohl, fahr wohl!«
Da quoll ein Dunkel auf um mich her, als wollten Wellen eines Meeres
mich verschlingen, und die Sinne vergiengen mir. -- Als ich mich
wiederum besann, fand ich mich auf der Diele liegend; der kurze Tag
war herum und die Zelle ganz finster. Vom Himmel und vom Nußbaum war
nichts mehr zu sehen, nur der Wind gieng draußen wie vorhin, und so
oft er die Äste gegen das Fenster bog, hört ich's noch immer rufen:
»Fahr wohl, fahr wohl.«
Ich weiß nicht, wie lange dies währte, als es geschah, daß an der Thür
der Riegel zurückgeschoben ward und gleich darauf Einer aus dem
Convent, nicht der meiner Pönitenz vorgeordnet war, mit Licht in meine
Zelle trat.
So geschlagen ich war in jener Stunde vor großem Leide, wollt' ich
doch nicht, daß Solches im Convent offenbar würde; ich hatte mich also
aufgerafft und trat dem, der mich heimsuchte, so gelassenen Angesichts
entgegen, wie ich's vermochte.
Der aber sprach, mich betrachtend: »Diether, wie siehst Du verhärmet
aus! Fasse Muth in's Herz; leichtlich wirst Du bald wieder froh. Denn
so erfindet sich's unselten im Leben, daß die besten Tage die bösesten
ablösen.«
Darnach sagt' er mir, daß Abt Albrecht ihn geschickt hätte, mich
allsogleich vor ihn zu führen, und, wie sich's ansähe, hätte der für
mich wichtige Zeitung.
Als ich in des Abtes Gemach trat, saß der, wie er pflegte in Stunden
der Muße, im hohen Gestühl, vor sich ein Buch zu heiliger Betrachtung
und gelehrtem Fleiß oder, wenn es mit Bildwerk geziert war, auch zu
lustsamer Beschauung bestimmt. Doch er hatte das Ansehen nicht, als ob
er heute sein Nachdenken da hinein tief versenkt hätte. Denn kaum
erblickt' er mich, als er mich näher winkte, eine kleine Weile prüfend
seine Augen auf mir ruhen ließ, seinen Mund aufthat und folgendermaßen
anhub:
»Wir haben Dir eben heute, Diether, einen Brief zugehändigt, der
billigermaßen Dein Gemüth beschwert und in Traurigkeit gesetzt hat.
Denn darinnen ist Dir kund geworden, daß Du Deines Vaters Angesicht
nicht mehr sehen sollst in dieser Zeitlichkeit.« --
Als ich diese Worte hörte, fühlte ich die Trübniß, die mich vorhin
überwältigt hatte, wiederkehren, und wiewohl ich mich gedachte fest zu
machen, konnt ich's nicht wehren, daß meinen Augen vor übergroßem
Leide Zähren entflossen.
»Ja, gewißlich«, sprach er weiter, als er solches wahrnahm, »ist
davon Deine Seele hochbewegt; und wir nehmen noch sonst ein
Verständiger, sogethane Trauer Dir nicht für Übel; denn kindliche
Liebe ist göttlicher Schöpfung, und Fleisch und Blut thun nach ihrem
Willen. Doch, Diether, ich verhoffe, die ernstlichen Ermahnungen aus
theurem väterlichem Munde, auch die Erkenntniß Deines eigenen Herzens
und deß, was ihm das Beste ist, dazu Du mit allem Fleiß angehalten
worden bist, werden Dir geholfen haben, jene Traurigkeit zu
überwinden, die eitle Herzen unter sich bringt, denen der Welt Lust
versagt ist, darnach sie vergeblich trachten. Ich verhoffe, Du siehest
fürder diese Abtei, in der Du auferzogen bist, nicht als ein Gefängniß
an, sondern bedenkest wohl, daß Du allhie nicht allein der Seele Heil
am ungefährdetsten erwirken, sondern Gott mit der edlen Kunst, deren
Vermögen Er Dir verliehen hat, am würdigsten dienen magst. -- Daß in
dem Allen Dein Sinn erprobt werde, dazu ist Dir zur Stunde Gelegenheit
geboten.«
Ich horchte auf bei diesen Worten und sah ihm mit großer Erwartung zu,
als er eine Schrift, die er zur Seite liegen hatte, in die Hand nahm
und entfaltete.
»Wir haben eben heute Briefe empfangen«, sagt' er dabei, »Deine Sache
angehend, welche darthun, daß die, so zuvörderst das Urtheil darüber
zu fällen haben, anderen Sinnes worden sind, wie es mit Dir zu halten
sei, als es sich zuvor anließ. Auf dringendes Ansuchen des Bischofs,
dem unsere Abtei untersteht, hat das General-Capitel unseres Ordens
neuerdings verwilligt, daß unser Convent Dich losgebe, und Dich des
Gelübdes, einst für Dich gethan, entbinde.«
Als ich diese Worte hörte, überkam mich eine Freude, als dränge ein
heller Sonnenstrahl plötzlich in mein von Traurigkeit ganz
überschattetes Gemüth.
»So soll ich frei sein, ehrwürdiger Vater?« fragt' ich mit Pochen
meines Herzens. »Ist es das, was Ihr sagtet -- frei?«
Ihm war aus der Hast, mit der ich Solches redete, die Unruhe meiner
Seele wohl offenbar. Mit Verwunderung und auch, als hätt' er weiseren
Sinn mir zugetraut, sah er mich an und gab mir weiter Bescheid: »Auch
soll von dem liegenden Gute, einstmals Deinem Stamme zugehörig, auf
Verwendung der bischöflichen Gnade und mächtiger Freunde so viel durch
Lehenshand Dir wiederum zufallen, als zur ziemlichen Erhaltung
ritterlichen Standes für nöthig erachtet wird; wie Solches die
Schriften hier besagen und urkunden.«
»So bin ich nicht fürder hier zu bleiben gehalten?« fragt' ich wieder;
denn mir war's nicht anders, als träumt' ich nur.
»Allein Deine Wahl, Diether!« sprach der Abt, »bestimmen forthin Dein
Bleiben oder Gehen. Möge Gott, Jüngling, Dich dazu erleuchten, daß Du
Dich recht berathest.«
Da konnt' ich mich nicht länger enthalten, eilte auf ihn zu und, vor
ihm auf die Kniee fallend, ergriff ich mit Ungestüm seine Hände, küßte
sie und sprach: »Dank, dank, lieber Vater, für die Kunde, die mir von
Euch geworden ist! Sie macht mich wieder lebendig. Ein schwerer Muth
war über mich gekommen, als sollt' ich solcher Märe nimmer froh
werden.«
»So steht Dein Wunsch und Wille noch allerdinge hinweg von uns?«
fragt' er mit Strenge und doch auch, als lebte, da ich so beweglich
und nahe zu ihm redete, etwas von seiner früheren Gütigkeit gegen mich
wieder auf in ihm. »Nur Freude schafft Dir dies, auch nachdem Du die
Worte Deines Vaters, Herrn Bruno's, vernommen?«
»Ehrwürdiger Vater!« erwiedert' ich, indem ich's wagte und seine Kniee
umfaßte. »Immer spende die göttliche Gnade den Lohn Euch
überschwänglich für alle Treue, die Ihr an mir gethan habt, und Gott
mit seinem Frieden sei eines Jeglichen Geleitsmann ewiglich, so viel
allhier Eurem Hirtenstabe unterstehen: aber mich leidet's in dieser
Abgeschiedenheit nicht länger, und mein inniges Trachten ist noch zur
Stunde, wie es vorhin war, hinaus.«
»Und doch«, sprach Albrecht wieder, »magst Du leichtlich in der weiten
Welt Dich einsamer und verlassener finden, als hier, wo Du so Vielen
vertraut bist. Denn bedenk' es wohl: Dein Vater harret Dein nicht, und
an welchem Ort er weilet, ist Dir verborgen!«
»Noch ist ein Ruf«, sagt' ich wieder, »dem ich folgen muß. O, zürnet
nicht über das, was ich sage: aber begehrete Herr Bruno zur Stunde
selber von mir, daß ich bliebe; so lange die Freiheit zu bleiben oder
zu gehen in meine Wahl gelegt ist, könnt' ich ihm nicht gehorsamen.
Nein, ich könnte und würde nicht!«
Als ich ausgeredet hatte, erhub sich Herr Albrecht mit finstrem
Angesicht, hieß mich gehen und selber mit meinem eitlen Dünken mich
berathen.
So von ihm hinweggewiesen zu werden, gieng mir schwer ein. Darum bat
ich ihn und sprach:
»Nicht so, ehrwürdiger Vater! nicht so heißt mich von Euch geh'n!
Gebt mir ein Wort der Verzeihung und des Segens mit!«
»Ich sorge wohl«, sprach er wieder mit großem Ernst, »die Stunde wird
kommen, darin Dir Beides hoch noth sein wird. Möge sie nicht zu
schmerzlich für Dich sein! Alsdann wirst du unsern Segen nicht
vergeblich suchen. Wisse das, Diether, und geh!«
Auf diese Worte, die er mit strenger Gebärde begleitete, durft' ich
nichts erwiedern. Ich verneigte mich vor ihm und gieng.
Was nun im Convent und allerorten in der Abtei für ein Fragen
entstund, und wie groß das Aufsehen war, als es ruchbar ward, daß ich
auszöge für immer; wie Manche mich da berathen wollten, mahnen und
warnen, Andere es nicht hehl hatten, daß sie mich neideten, so Viele
auch eine herzliche Neigung zu mir kund thaten und sich mühten, zur
Letze mir zu zeigen, daß ich ihnen lieb war; wie sich da, als ich
Abschied nahm, Freud und Leid an der Hand hatten und ganz dicht zu
einander gesellet waren: von dem Allen gedenk' ich nichts zu
vermelden. Denn wer selber einmal eine Stätte hinter sich gelassen
hat, der er gewohnet war und die er nicht wiederum zu betreten
gedachte, der kann sich leichtlich fürbilden, wie es sich zutrug mit
meinem Urlaub nach Maulbronn. Ihm ist auch nicht noth zu sagen, wie
mir dabei um's Herze war. Denn er weiß, daß solche Scheidestunden auch
für den Menschen, der mit allem Verlangen nach der Ferne strebt, etwas
von jenen sanften und feierlichen Schauern in sich hegen, dergleichen
auch in der letzten Scheidestunde die gottminnende Seele durchzittern
mögen, wenn sie mit Freuden zum Himmel eilt und doch zugleich mit
doppelter Inbrunst liebt und segnet, was ihr auf Erden theuer war.
Zehntes Capitel.
In der Welt.