»Er zog freilich seinen Worten ein solch' Kleid an, daß sie ihm, dem

geistlichen Vater, nicht gar zu übel stunden, noch unhübsch erschienen

und ungelind: aber, glaubt mir, sie hatten die Absage hinter sich, die

harte Absage, nichts anderes. Er sagte -- o, er stellte Euch die Worte

meisterlich! -- er sagte also: Es stünde leider bei ihm gar nicht, der

Meinung seines Herzens nachzugeben, das auf so bewegliches Ersuchen

und so eindringliche Bitten werthester Freundschaft freilich ohne

Verzug ihm die Gewährung abzwingen würde; aber er dürfte nichts in

dieser Sache wider die Satzungen der heiligen Kirche, und das sei ein

bedenklicher Handel; was dazu von Maulbronn und sonst für Beweis und

Urkund für und wider würde an's Licht gebracht werden -- darauf käm'

es an, und bis dahin müßte Inculpat allerdinge dem geistlichen Gericht

unterstehen und dürfte des Gewahrsams in keinem Wege entledigt werden.

Im Übrigen würde er sich die Ehre der Kirche und des heiligen Ordens,

wie das Begehren seiner Freunde und Euer Bestes, Junker, beständig vor

Augen halten.

Da hättet Ihr sehen sollen, Herr Diether, wie starken Kummer Euer

Vater aus solchen Worten sich zu Herzen gezogen hat. Denn er hatte

wohl die Vereinigung mit Euch näher gesehen. Er senkte eine kurze

Weile schweigend sein Haupt. Dann sprach er zum Bischof mit großem

Ernst: »Würdiger Herr! Ich ehre die heiligen Gebote der Kirche. Aber

wehe! wenn sie sich wider Gottes Gebot und Willen setzen. Er begehrt

gezwungnen Dienstes nicht. Er ruft meinen Sohn zu mir. Daß ihm

Freiheit werde, diesem Ruf zu folgen, das ist mein Tagwerk; ich muß es

vollbringen!«

Alsdann winkt' er dem Grafen zu und sie unterredeten sich, indem sie

ein wenig abseits wichen. Aber nur eine kleine Zeit, so ließ Herr

Bruno sich nicht aufhalten, sondern umfieng Herrn Eberhard mit

herzlichen Worten, nahm seinen Urlaub und gieng ungesäumt und mit

eilenden Schritten von dannen.«

Muß ich sagen, wie mir zu Sinne war bei Allem, was mir Klingsohr

berichtete; wie ich erschrak, als ich zuerst von Brun's Ankunft auf

der Höhe vernahm; wie mir's dann im Herzen aufgieng einem

freudenhellen Sommertage gleich, dessen aufgehende Sonne von jubelnden

Lerchen tausendstimmig begrüßt wird und in ungezählten Thautropfen

sich spiegelt, als ich erfuhr, wer Brun war, welch' heilig Band mich

mit ihm verknüpfte, und daß er mir in Bruno's Geschichte seine eigne

Vergangenheit, die Wunden und Hoffnungen seiner Seele anvertraut

hatte! Mir war's dem Falken gleich, dessen von der Hülle befreitem

Auge man hoch in den Lüften das Ziel weist, dem er sich mit freudigem

Geschrei entgegenschwinget. Auch mir winkte nun solch' ein Ziel:

meinem Vater, der mich so und den ich so liebte, nahe zu sein, ihm zu

Trost und Erquickung, ihn der Einsamkeit und jeglichem Trübsinn zu

entreißen, ritterliche Ehre von ihm zu erlernen, sie dem Namen, den

wir trugen, zu erjagen und seinen Segen zu erben. -- O, und meine

Mutter! Mich durchschauerte ein froher Schreck, da ich ihn dachte,

diesen Namen: nie bis dahin von mir gerufen: ödes, schmerz-, aber auch

freudenleeres Leben, wie hatt' ich's nur ertragen mögen! -- Gott!

Gott! Wenn ich auch sie einst fände, meine arme Mutter; wenn ich ihr

an meiner Hand den Vater zuführen könnte, und in einer Umschlingung

Beide an dies Herz drückend, spräche: »Seht, Euer Sohn ist glückselig,

er hat Euch wieder! Seid es nun auch Ihr!« -- gewiß dann würden die

alten Wunden sie nicht mehr schmerzen, sie würden ihrer Schuld

Vergebung glauben und üben, und ich, ihr Sohn, mit dem Mal der blutgen

That gezeichnet, durch deren Kunde die Erschreckte in die Wildniß

getrieben ward, hülfe ihnen zur neuen Freude, zur Liebe und zum

Frieden! --

So frohe Bilder leuchteten in meiner Seele auf, und um die Sonne, von

der sie bestrahlt wurden und all' mein Sinn und Muth, stunden selber

schimmernd im himmlischen Glanz die Worte geschrieben: »Dein Vater ist

dir gefunden!«

Da hätten gewißlich auch Augen, die mich minder scharf ansahen als die

kleinen blitzenden Klingsohr's, derweilen er sprach, solches

Entbrennen meines Herzens vermerkt. Er aber, als er mit seiner

Erzählung zu Ende war, trat dicht zu mir und sagte:

»Auf, Junker, sinnt nicht lang also,

Sagt, macht Euch nicht die Märe froh?«

»Klingsohr, lieber Klingsohr!« gab ich zur Antwort, »ist's so, wie Ihr

mir sagt, und ich trage daran keinen Zweifel, so harr' ich der Stunde,

die mir Befreiung bringt, mit zwiefachem Sehnen. O daß sie bald

erschiene!«

»Harren wollet Ihr, harren?« fragte der Kleine wieder, und er

schnarrte das Wort spöttisch heraus und schlug seine Hände beide in

einander, als wär' es etwas recht Erstaunliches, was er hätte hören

müssen. -- »Wie lange, Herrlein, seid Ihr denn bereit und willfertig,

hier zu harren?«

»Mich dünkt«, antwortet' ich wieder, »nach Allem, was Ihr mir sagtet,

kann es unmöglich anstehen, daß meines Vaters Begehren unerfüllt

bleibe, dem eine so mächtige Fürsprache zur Seite steht, wie die Graf

Eberhard's.«

»Mich dünkt, mich dünkt«, sprach Klingsohr ärgerlich nach. -- »Was

dünkt Euch denn von +uns+? Wähnet Ihr, Meister Tannhäuser und hier ich,

der Magus, haben uns oben davon gemacht und seien in dieser Burg bei

den geizigen Alten in harter Arbeit gestanden, ich mit dem Pülverlein

drinnen beim griesgreisen Pförtner, mein Gesell gar mit dem

Alrunzauber bei der scharfohrigen Pförtnerin allein unter'm Galgen,

allwo er jetztunder noch aushält, das edle Herz; wähnet Ihr, dies

Alles sei von uns gethan, bloß daß Ihr zeitiger Euren edlen Namen

erführet und Eure ritterliche Geburt, als es sonst geschehen wäre.

Wähnet Ihr das wirklich? Ja freilich, 's ist ja eine Zeitung, die man

nicht alltag zubringen kann, daß aus einem Singer ein Junker worden

ist, und daß einer aus der Abtei und den Regeln St. Bernhard's in die

Herrschaft über Land und Leute gesetzt werden soll. -- Jedennoch,

Junker, das ist hier die Meinung nicht. Wie? dort die Thür steht

offen, der Alte schläft und sie sucht nach der Alrune -- und Ihr

besinnt Euch noch? Auf, gewinnet Euch selbst die Freiheit, nach der

Euch gelüstet! Der Weg ist offen; ich führe Euch.«

Und er nahm sein Windlicht wieder zur Hand.

»Aber«, sprach ich, tief erregt von dem, wozu er mich ermunterte,

»wenn ich's thäte und ohn' Urtheil und Recht dem Kloster entränne, so

brächt' ich mich auf's Neue in Fährniß, und geistlicher und weltlicher

Arm möchte mich bedrohen; ich hinderte die, so meiner Erledigung

günstig sind, daran, mich zu schützen, und der Bischof würde mich, wie

auch unser Orden des geistlichen Standes desto weniger entlassen!«

»Wie?« rief da der Kurze unwillig wieder. -- »Dahin steht Euch der

Sinn? -- Als Ihr die Friedsamkeit und Demuth beweisen solltet, die man

Euch im Kloster gelehrt hat, da waret Ihr kampflich gemuthet, und da

es Euch als fahrendem Singbruder viel nützer gewesen wäre, Euch fein

zu ducken, daß Ihr heil entschlüpfen möchtet, da bewieset Ihr Trutz

und waglichen Widerstand -- aber jetzt, wo Ihr des Ritterthums

genießen sollt, zeigt Ihr ein Herz wie ein Lämmlein! -- O, lieber

Junker, denket doch nicht, wen die Kirche einmal eingethan hat und gar

dem Mönchsstand zugezählt, den werde sie so bald wieder losgeben; habt

nur wohl Acht, mancher Tag wird vergehen, bis sie sich über die

geistlichen und weltlichen Rechte verglichen haben werden, dieweil Ihr

in Haft hungert, schwitzt oder frieret, wie es Euch geliebt! Der

Gernsteiner, halt' ich, wird schon dafür sorgen, daß Ihr Euch an

solch' Leben gewöhnet. Und endlich, seid Ihr wiederum im Kloster,

nimmer mehr daraus zu entwischen« -- --

»So rathet Ihr mir --?« unterbrach ich ihn.

»Ich rathe Euch -- ho! wie sanft das 'nem fahrenden Magus thut, daß

er einem Junkerlein rathen darf -- ja, ich rath Euch gut, Herr; traut

dem Bischof nicht, noch seinem Voigt, noch sonst wem außer Euch selber

und der Gunst der jetzigen Stunde, die Euch freien Ausgang verstattet

dank der Kunstübung Eures geringen Dieners und seines Gesellen! -- Ah,

Junker, 's ist wahr: Ihr seid dazumal übel gefahren mit uns, und habt

uns billig darum gescholten -- aber die Noth, Junker, die zwingende

Noth trug die Schuld daran! Drum laßt uns jetzt desto baß Euren Dank

verdienen. Hatten wir nicht sogleich am Anfang uns're Freud' an Euch?

Haben wir uns nicht gebrüdert? Sahen wir heut' nicht und hörten's, daß

an Euch ein meisterlicher Singer verloren wäre, und ein wackerer

Ritter dazu, so Euch das Kloster erhielte?«

»Doch seid Ihr's gewesen«, sagt' ich, »die mich durch ihr Anzeigen

meines Standes dem Bischof überantworteten!«

»So brachten wir Euch doch aus des Gernsteiners Gewalt, der Euch wohl

so fest verwahret hätte und übel gehalten, daß wir mit keiner Kunst

Euch hätten erlösen können. -- Das sind wir nun zu thun willens worden

und lag uns doppelt hart an, nachdem Eure Ritterschaft an's Licht

gekommen ist. -- Eilet denn, werther Junker! Gewinnet die Freiheit,

indem Ihr sie brauchet! Wie süß wird sie Euch eingehen an der Seite

Herrn Bruno's! Wir geleiten Euch, wir Wegkundige, und gewiß, wir

werden ihn finden.«

Ich hatte sinnend gestanden und wußte nicht, was erwählen; denn ich

fühlte, daß ich vor eine große Entscheidung geführt war. Aber der Ruf,

der an mich ergieng, lockte zu laut -- und so folgt' ich dem

Klingsohr, der schon in der geöffneten Pforte stund, ungeduldig mein

harrend.

Ohne sonderliche Fürsicht schritt er mir den Gang voran. »Die beiden

Alten sind noch festgehalten«, sagt' er dabei: »er vom Pülverlein, sie

von der Alrune, und vor anderer Begegnung sind wir sicher allhie!«

Also befand sich's auch; der Alte schlief, da wir durch's Stüblein

kamen, und wir gelangten unangefochten hinaus auf die Stiege. Von

derselben führte ein hölzerner Gang außen zu einem Pförtlein in der

Mauer des Burghofs, durch das die Alten in einen zur Burg gehörigen

Krautgarten den Zugang hatten. Er war von einer hohen Mauer

eingeschlossen.

»Hier können wir nicht hinab«, sagte mein Geleitsmann leise zu mir;

»nur drüben, wo der Berg steiler ist und die Mauer drum nicht so hoch,

mögen wir's vollbringen.«

Damit drängte er mich weiter, den schmalen Weg voran zur Seite der

Mauer. So kamen wir an's Ende des Gärtleins und zu einer Thür, die war

offen, und auf steinernen Stufen traten wir in einen zweiten

Burggarten ein, der aber zur Sommerlust bestimmt war und in lauter

lieblichen Blumen und Ziergebüschen prangte. Ja, das that er auch in

dieser Sommernacht, denn obgleich weder Mond noch Sterne schienen, war

sie als zur Johanniszeit hell und wie von einem milden Dämmerlicht

übergossen, in dem man Jegliches umher deutlich sah; und Blätter und

Blüthen schimmerten mit einem sanften Lichte, als hätten sie etwas vom

Glanze des langen Sommertages zurückbehalten wie einen schwachen

Widerstrahl. Es hatte einen warmen Regen zur Nacht gegeben: noch

hiengen die Blätter tropfenschwer, und die Luft, von keinem Windhauche

bewegt, war weich und feucht; sie war auch voll würzigen Geruchs und

süßen Duftes, der aus ungezählten neu erfrischten Blüthen quoll und

aus solchen, die in dieser wonnigen Sommernacht zum ersten Mal ihren

Kelch erschlossen. Wie sog' ich all' diese stille Herrlichkeit mit

Sinnen und Herzen ein nach der Angst des Gefängnisses, ob ich gleich

an dem Frieden und der Glückseligkeit, die mich umgab, keinen Theil

haben durfte; denn mein Weg war ohne Recht, verhohlen und bedroht.

Leise schritten wir hindann.

»Seht Ihr das Fenster dort, von Rosengezweig umrankt?« flüsterte

Klingsohr.

Ich sah dahin und gewahrte auch dicht dabei eine Pforte, die von der

Burg her in unser Gärtlein führte.

»Des Grafen Eberhard Nichte, Junker, von der Ihr den Kranz empfienget,

wohnt heint allda zur Herberge. Von der Alten erfuhr ich's, die am

Abend das Fräulein heraufreiten sah, stattlich geleitet. -- Wenn wir

ihr allhie begegneten, Junker, wie geschwinde liefet Ihr wohl davon?«

Dabei kicherte er verhohlen.

Ich sagte nichts; doch sah ich im Gehen hinauf zum Fenster, und ich

fühlte mein Herz stärker klopfen.

Da klang ein Ton durch die Stille, fein und leise. Wir hielten mit

Gehen an und horchten auf. Es war das verhaltene Summen einer

menschlichen Stimme, das von drüben herkam, wo am Ausgang aus dem

Garten über der Ringmauer der Burg ein Sommerhaus als ein Thürmlein

gebaut war zum Lugaus hinunter in Dorf und Thal. -- Jetzt vernahm ich,

halb gesungen und halb gesprochen, als würden sie nur laut gedacht,

die Worte:

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Dich lacht sie an mit rothem Munde

Und haftet doch im finstren Grunde,

Aus dem ihr Kraft und Leben quillt:

Das ist der Liebe Ebenbild!

Es schafft das Leid der Liebe Pein,

Doch ohne Leid kann Lieb nicht sein,

Es liebt die Lieb' Leid zum Gedeihn! --

Dieser mein Spruch, den ich vorhin gesungen, da es Kranz und Kleinod

galt -- welch' neue Gewalt hatte er doch jetzt über mich! Ich erschrak

und erzitterte schier, und doch schwebte mein Herz hoch auf in Wonne;

mir war's, als träumt' ich nur, und sodann wieder, als erwacht' ich

nun erst aus ungewissem Wahn zur Wahrheit und zum Leben.

»Irmela!« rief ich und eilte, ohne auf Klingsohrs eifrige Gebärden zu

achten, mit denen er mich trachtete zurückzuhalten, hin, woher die

Klänge kamen.

Sie mußte den Namen gehört haben; denn als ich zum Sommerhause kam,

erblickt' ich sie, wie sie am offenen Eingang desselben stund,

regungslos, als spähte sie hinaus.

»Irmela!« so rief ich wieder und fand vor Freude und Bangigkeit kaum

den Odem zu dem Worte, wie ich nun nahe vor sie trat.

»So bist Du's, Diether, und bist frei?« Wiewohl ihre Stimme bebte, als

sie das sagte, klang es doch im hellsten Jubelton wie der Ausruf einer

Seele, der unerwartet die Bande schweren Leides gelöset sind.

Ein Schauer durchrieselte mein Gebein, als sie in hochgehender Freude

mir entgegen eilte und mit ihren beiden Händen die meinigen ergriff.

Ich sah ihr in's Angesicht: ihr Mund lächelte und ihre Augen waren

voll Thränen.

Da konnt' ich mich nicht länger enthalten, umfieng sie mit meinen

Armen und küßte sie.

»Ja«, flüsterte ich, indem ich sie umschlungen hielt, »ich bin frei,

und immer selig sei die Stunde, da ich's ward; denn sie offenbarte

mir, Süße, Deine und meine Herzensliebe!«

»Weh!« rief sie da mit dem Tone des Schreckens, indem sie mit

Heftigkeit sich mir entriß, »weh, was hab' ich geduldet! Diether, ich

bin verlobt! Nimmer wieder laß mich solch ein Wort hören! Nein, nein!

-- Entweich, wir sind ewig geschieden!«

Flehend bat sie so, aber streng zugleich und gebietend stund sie vor

mir, hoch aufgerichtet. Der Gedanke, so von ihr verstoßen zu werden,

erfüllte mich mit Grauen. Ich sank vor ihr auf die Knie.

»Irmela,« bat ich, »nicht also treibt mich von hinnen! Kein Gefängniß

sieht so finster und freudlos mich an, als rings die weite Welt, so

ich Euch muß verloren geben. Ich kann nicht mehr von Euch lassen,

nimmer, nimmer! Die sehnende Herzensliebe hat mich bezwungen! O, auch

Dich, Irmela; läugn' es nicht! Das Leid, das über mich gekommen ist,

hat ihre Heimlichkeit Dir kund gethan und diese Stunde auch mir. Nie

kannst Du dem Manne folgen, dem Dein Herz nicht zugehört!«

»Ich lieb' ihn nicht,« sagte sie leise.

»Aber hier in meinem Herzen bist Du beschlossen, Irmela, und ich bin's

in Deinem. Ach, wohl gleicht unsere Liebe dem Sturmvogel, der gegen

Wind und Wetter durch zuckende Blitze in mitternächt'ge Wolken fliegt;

aber hinter ihnen, Irmela, glänzt die Sonne und seine Schwingen sind

Adlerschwingen!«

Sie schwieg; aber mir war's, als athmete sie schwer und mit leisem

Beben erzitterte sie.

»O, sprich nur ein Wort!« bat ich wieder. »Ein einzig Wort, daß ich

wisse, die Rose, die sich mir zur Wonne erschlossen in dieser

Blüthennacht, sei nicht auch zugleich entblättert; daß mir eine Hoffnung

leuchte auf der dunklen Bahn, die ich beschreite. -- Sprich dies Wort,

Irmela, dies eine Wort, und ich will kämpfen, ringen und nicht ermüden,

bis der Tag kommt, da der Bund dieser Mitternachtsstunde vor Gott und

Menschen gesegnet wird!«

Da war's, als bewegte sie ihre Hand mir entgegen; ich erfaßte sie und

drückte sie mit Inbrunst an Herz und Lippen.

»Hab Dank, hab Dank, Irmela!« sagt' ich, indem ich mich erhub, »und fahr

wohl!«

»Fahr wohl auch Du!« sprach sie zum Scheiden.

Indem kam auch schon Klingsohr herbei mit großer Eil und vielem Winken:

»Geschwind, Junker, geschwind! Wir dürfen nicht länger säumen. Man ist

uns auf der Spur. Dort den Weg kommen sie, den wir vorhin nahmen. Gewiß

ist die Alte heimgekommen, hat das Nest leer gefunden und Lärm gemacht.«

Ich wollte mich auf diese Worte fürder wenden, mit ihm die Flucht

fortzusetzen, als wir auch schon die, so uns zu suchen ausgegangen, in

der offnen Pforte ersahen, durch die wir in den Garten gekommen waren.

»Da drüben um's Thürmlein müssen sie sein,« so vernahmen wir: »dort

hört' ich flüstern, als ich hinaushorchte.«

Es war die Stimme der Alten.

»Sie werden mich finden!« sagte Irmela mit Bangen, »was beginn' ich?«

Wohl sah ich, daß sie ihnen nicht entgehen konnte. Sie konnte sich im

Garten nicht verbergen, den die Leute gewiß durchsuchen würden, und

auch, wenn sie zurück wollte in ihr Gemach, mußte man auf sie treffen.

Sollte sie durch mich in Verdacht gerathen und Ungemach? Sollte sie

gepeinigt werden mit Fragen nach mir und ihr reines Gemüth zwischen

dem Wunsch schweben, unsere Heimlichkeit mir zum Schaden nicht

auszubringen, und der ungewohnten Nöthigung, durch Falschheit sich

heraus zu helfen?

Das durfte nicht geschehen. Die Gewißheit ihrer Herzensliebe zu mir

hätte mir jeglich Opfer leicht gemacht. Ich besann mich nicht.

»Seid getrost, Irmela!« rief ich. »Ich gewinn' Euch Zeit.« Und bevor

sich Klingsohr deß versehen konnte, der allbereits zur Weiterflucht

vorangeeilt war, nicht zweifelnd, daß ich ihm folgte, sprang ich den

Weg zurück, den wir gekommen waren, gerade auf die Gartenpforte zu,

den Eindringenden entgegen.

Ich gedachte durch die Überraschten hindurchzustreichen, oder doch,

so das nicht gelänge, sie so lange aufzuhalten, bis Irmela hinein

wäre, und dann ihnen zu entrinnen. Meine schnellen Füße, hofft' ich,

sollten mich retten, bis ich an einen Ort käme, geschickt zu einem

Sprung die Ringmauer hinab.

Aber was soll ich sagen? So gerieth es mir nicht. Zwar daß meine

Verfolger in den Garten eindrangen, verhindert' ich. Denn wie ich nach

der Pforte rannte, wandten sie sich mir Alle zu mit lautem Geschrei.

Doch es waren Ihrer zu viele, als daß ich hindurchzubrechen vermochte

oder sie bestreiten konnte, ich Waffenloser. Es währte nur eine kleine

Weile, so war ich von ihnen umringt und ergriffen, und ein Gefangener

des Bischofs von Speyer, wie vorhin.

Neuntes Kapitel.

Entscheidung.

Wenn im Frühling die schwanken Birkenzweige im ersten Grün erprangen,

wenn der laue Hauch der Luft die glänzenden Hüllen von den schwellenden

Blattknospen der Buchen und Linden streift, wenn die Blumen aus dem

Grase dringen und überall wieder das Leben sich regt und schmückt: dann

ist solcher Anblick wohl für jeglichen Menschen, der sein genießt, eine

Ursach zur Freude, und, sein Muth sei froh oder traurig, ihm sei wohl

oder weh, so vernimmt er in solchem Walten Gottes zur Frühlingszeit

einen Ruf, sein Herz zu stärken und jede gute Hoffnung aufschweben zu

lassen, wäre sie auch oft schon zu Boden gestoßen und gar flügellahm

worden.

Anders, acht' ich, ist's im Herbst, wenn der Schmuck der Erde allgemach

vergeht und von Tag zu Tag die Gärten leerer, die Wiesen fahler und die

Wälder kahler werden. Davon mögen die Menschen, je nachdem es ihnen um's

Herz ist, leicht oder schwer, einen gar verschiednen Muth gewinnen. Es

kann sich ganz lustig ansehen, wie so ein gelbes Blatt nach dem andern

vom Baum gelöst und tanzend vom Winde hinweggeführt wird, wenn die

Früchte sicher eingethan sind, die der Baum gegeben hat, und dem Genieß

aufbehalten; auch weiß sonder Zweifel das Auge des Hoffnungsvollen am

sich entblätternden Baume überall die Knospen wahrzunehmen, darin

Blätter und Blüthen wohl verwahrt sind schon für's kommende Jahr. Ja,

wem daheim der warme Herd in die Mitte der Seinen winkt und zu

willkommener Ruhe nach gethaner Arbeit: wie gern mag der sich von den

rauhen Herbststürmen hinein scheuchen lassen! Kürzlich: wem die Wurzeln

seines Lebensbaumes noch fest und kräftig genug in der Erde haften,

Nahrung daraus zu ziehen, wer da im Stamm inwendig noch den Saft

aufsteigen weiß: der ersieht auch im Winter nur den Vortraum und

Stärkungsschlaf für Leben und Lust des kommenden Lenzes und mag die

kalte Hand, die das Laub entstreift, mit Freuden begrüßen. -- Aber für

die Meisten freilich hält der Herbst, wenn er dem Winter die Bahn macht,

eitel Leichensermone; denn unter den Menschen, so zum Nachsinnen über

sich gekommen sind, wozu Frau Unglück weit besser anleitet, als ihre

ungleiche Zwillingsschwester, sind, wie ich sorge, viel mehrere, welche

von der Zukunft hienieden lieber zu wenig hoffen, als zu viel und darum

die Trauerlieder des sinkenden Jahres überleicht verstehen und

nachsingen.

Dazu war wohl auch ich weidlich geschickt geworden nach meiner

Gefangennahme, seit ich wieder in's Kloster zurückgebracht war, allda

des Ausgangs meiner Sache zu harren. Zwar nur wenige Monate waren

seitdem verstrichen. Aber als ich aus meiner Zelle, die mir zur Büßung

abseits von denen der Brüder angewiesen war, in den grauen Novembertag

hinaussah, drückten seine tiefhangenden Wolken schier auf mein Herz,

und der Wind, der durch die kahlen Äste des Nußbaumes vor meinem

Fenster fuhr, seufzte, als wollt' er mir helfen trauern und klagen.

Wie manchen Tag hatt' ich schon vom nämlichen Schemel, den Ellenbogen

auf dem Tisch vor mir gestützt, durch dies kleine Fenster

hinausgesehen nach dem Nußbaum und dem Himmel, so viel davon zu

erblicken war; denn sonst war die Welt meinen Augen versperrt. --

Wenn ich früher ihn betrachtet hatte, wie er so mächtig aus dem

Zwinger emporstrebte, hatt' ich nicht gedacht, wie sehr ich's ihm

einstmal noch danken würde, daß er also hoch gewachsen war, so hoch,

daß er mit seinem Wipfel auch über das kleine Fenster der einsamen

Zelle hinausragte, deren Bewohner nun ich war. -- Wie doch heute

sonderlich die Äste stöhnten, wenn der Wind sie schüttelte und, ihre

Zähigkeit erprobend, sie gegen einander schlug; wie knarrend die

dürren Zweige zerbrachen, und wie ängstlich die wenigen gelben

Blätter, die noch am Gezweige saßen, sich hin und wieder wendeten, so

oft ein Windstoß sie erfaßte, als sträubten sie sich gegen ihn und

riefen um Hilfe! --

Es war doch Alles umsonst; eins nach dem Andern ward abgerissen und

wie zum Hohn wild durch die Luft geführt, oder es sank zitternd zur

Erde nieder -- eins nach dem andern! -- Schon konnt' ich die übrigen

an den Fingern meiner Hände zählen -- dort eins -- dort eins -- und

dort eins!

Ob wohl auch sie heute würden abgelöst und der Baum ganz kahl werden? --

Ach, es war heut ein traurig Ding um ihn und den Himmel dahinter! --

Als ich zuerst hier in diese Zelle hereingeführt und hinter mir die

Thür verschlossen ward, daß ich allein wäre (wie war ich's gewohnt

geworden seitdem!) mein Sinnen und Denken abzuziehen vom eitlen Wesen

der Welt und nur auf meine Schuld zu lenken und heilsame Büßung: wie

winkte mir da durch's Fenster das dichtbelaubte Gezweig so freundlich

entgegen! Schwellende Früchte, zu Trauben gesellt, schauten daraus

hervor, und blitzendes Licht vom blauen Himmel her spielte zwischen

den grünglänzenden Blättern. --

Das war zur Johanniszeit, am Tage, nachdem ich in's Kloster auf

Erfordern des Abtes und mit Bewilligung des Bischofs war zurückgeführt

worden. Ich war in den Capitelsaal gebracht, allwo der ganze Convent

sich versammelt hatte, daß ich vor den Abt gestellt würde, mein

Urtheil zu empfahen, wie mit mir zu handeln wäre im Kloster. Denn

obgleich meine Erledigung zurück in den weltlichen Stand allerdinge

nach dem Spruch derer, denen die Entscheidung unterstünde, zu erharren

wäre, so hätte ich doch meine Untugend und all' das Ärgerniß, so ich

gegeben, als dem Cisterzienser Orden zugehörig, verübt, und müßte

daher gemäß der heiligen Observanz und St. Bernard's Regel zum Heil

meiner Seele, zur Befestigung der Guten, zur Stärkung der Schwachen,

zur Warnung der Sichern mit mir gethan werden.

Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit · 第 13 / 17 段