erzählte, wie es mit mir ergangen wäre; wie ich oben beim Feste vor
allem Volk das Beste im Singen vermocht, wofür mir das Fräulein den
ausgesetzten Preis zuerkannt hätte; darnach wär' ich in Händel
gerathen, zuerst mit dem Troß der Herren, sodann hätt' ich des
Bischofs Neffen zum Zorn gegen mich gereizt, bis es von Ungefähr an
Tag gekommen wäre, daß ich dem Kloster entronnen; so hätte der Bischof
geboten, mich gefangen hinwegzuführen, daß nachfolgends mir mein Recht
geschähe.
Auf diese Worte meint' ich, Brun würde mit harter Scheltung mich
strafen, wie ich das reichlich von ihm verdiente; aber er that davon
nichts, sondern das Leid, darin ich stak, nahm er auf, als trüg' auch
er daran einen Theil der Schuld. »O, ich konnt's denken, konnt's
denken!« murmelte er etliche Male und strich sich mit seiner Hand in
tiefem Sinnen die Stirn.
Dann rafft' er sich auf und fragte, ob es ihm verstattet wäre, noch
einmal mich zu umfahen; und als sie ihn beschieden: Ja, das dürfte
geschehen! so stieg er hinan uns nahe, und mich ließen sie los, daß
ich ihm entgegen schreiten konnte. Da umfieng er mich mit seinen Armen
ganz liebreich, und ich konnte die meinen nicht um ihn schlingen (denn
sie waren mir rücklings gebunden) und hätt' es doch so gern gethan,
ach! nur einen Augenblick: ich Verstoßener!
Er aber sprach: »Diether, ich gedachte, Du solltest vor diesen
Versuchungen bewahrt bleiben; ich sah, daß sie Dir drohten. Nun
erkenn' ich: es sollte nicht sein, daß es nach meinem Dünken angienge.
-- Heute war ich in der Abtei, Dich heimzusuchen; man sagte, Du wärest
haußen und daß ich Deiner harren sollte. Aber mich trieb's hinweg, und
die Sage der Leute von dem Feste hier lenkte mich her. -- Jetzt kommen
Rath und Warnung zu spät. Gott gnade uns nach Seiner Langmüthigkeit
und Geduld! Diether, fahr wohl! Du siehst mich am frohen Tage wieder
oder auf Erden nimmer mehr!«
Als er darauf mich küßte, fühlt' ich eine Zähre aus seinem Auge auf
meiner Wange; sie hieng da noch, als er schon hinab war und, ohne sich
noch einmal umzukehren nach mir, eilig durch das Dorf fürder schritt.
Oft hab' ich später Gott dem Hohen gedankt um diese Zähre, daß ich sie
nicht hinwegwischen konnte mit meinen gebundenen Händen (vielleicht
hätt' ich's sonst gethan) und also nur die Luft des Himmels ihn
berühren durfte -- den gebenedeiten Tropfen, das schmerzlich köstliche
Vermächtniß. --
Achtes Capitel.
In Haft.
Droben in der Burg über dem düstren Eingangsthore war die
Pförtnerswohnung. Ich erfuhr's, noch ehe wir unter den gewölbten Bogen
schritten. Denn wiewohl die Thorflügel offen stunden, hielten wir doch
vor ihnen mit Gehen still, und einer der Leute, so mich gefangen
führten, rief zum kleinen Fenster in der tiefen Mauer hinauf. Auf
seinen Ruf lugte alsbald ein Weib hernieder, so alt und greise, daß
man's schier nicht erdenken konnte, sie möchte je jung und glatt
ausgesehen haben; die fragte mit keifernder Stimme, was man schon
wieder begehrte, das Thor wäre ja offen und Keiner gehindert, hindurch
zu gehen; ob denn sie allein heute, da Alle ihre Ergötzung hätten, der
Ruhe entbehren sollte und nicht ein Wenig stille sitzen.
»Wir kommen ja nicht allein, Mutter!« sagte der Knecht wieder,
»begehren auch nicht Eures Dienstes für uns. Wir bringen Euch einen
Gefangenen, den Ihr mit allem Fleiß hüten sollt, wie unser gnädiger
Herr Euch scharf einbindet; denn der Bischof Gebhard selber hat ihn
hieher verordnet.«
»So gnade mir Gott und der heiligen Nothhelfer ganzer Hauf', als ich
da nicht unterscheiden kann, ob ein Fremder unter Euch ist. -- Ich
hör' das Mäuslein rascheln im Thurm, aber meine Augen sind trüb.«
Nach diesen Worten verschwand sie und eines alten Mannes Gesicht ward
an ihrer Stelle gesehen. Das war nicht minder welk und greis als das
ihrige und verwittert, wie das Gemäuer, aus dem es hervorlugte.
»So bringt ihn herauf!« sagte der Alte mürrisch, nachdem er einen
Blick nach mir gethan, und zog dann seinen Kopf wieder zurück.
Eine hölzerne Stiege außen an der Mauer führte in die Wohnung der
Leute. Als wir durch das Thor geschritten waren und ich oben auf der
Stiege ankam, stund die Alte schon in der geöffneten Thür.
»So jung, so jung und schmuck dazu!« sagte sie, indem sie mir
hereinwinkte und mit ihrem Gesichte mich ganz nahe musterte; dann zu
den Knechten gekehrt: »Ja, die Augen wollen nicht mehr, aber die Ohren
sind scharf; doch mit meinem tauben Alten zusammen, der sieht wie ein
Luchs: das thut's.« Zu diesen Worten verzog sie ihren zahnlosen Mund
zum Lachen.
Indem hatte der Alte mit Mühe eine schmale Thür aufgeriegelt, die auf
mehreren Stufen aus dem Gemach der Alten in einen dunklen Gang führte.
Wirklich mußt' es wohl wahr sein, was das Weib von ihres Mannes
scharfem Gesicht gerühmt hatte; denn selbiger gieng, nachdem ich
geheißen war ihm zu folgen, so sicher seinen Weg da hindurch, daß ich,
der ich mit meinen Füßen tastete, hinter ihm verzog. Nun schloß er mir
eine zweite Thür auf und öffnete den Raum, der mir zur Haft bestimmt
war. Die Alte brachte mir Brot und Wasser, und dann giengen die
Beiden, ohne ferner mit mir ein Wort zu reden, und schlossen die Thür
hinter sich.
So war ich allein und von aller Welt abgeschieden; selber das kleine
Stücklein Himmel, von dem durch die schmale Maueröffnung dürftiges
Licht hereindringen sollte, war durch häufige Spinnweben zwischen den
Eisenstangen mir so verdeckt, daß er grau schien und trübe.
In dieser Einöde brach mein Schmerz, der so lange stumm gewesen war,
mit aller Macht hervor, und ich wehrte ihm nicht. Ich hub bitterlich
an zu weinen und zu klagen, nannte mich unselig und den Elendesten
unter allen Menschen. Mein waglicher Sinn und mein froher Muth waren
nun gänzlich niedergelegt und gar hin, dagegen Seel' und Leib lauter
Zagheit und Blödigkeit.
Ja, ich war in schwere Sünde und Untugend gerathen und darinnen
verharret beinahe vom ersten Tage meiner Fahrt aus dem Kloster bis
hierher. Ich war mit Lug und Trug umgegangen und dessen gewohnet
worden in Elzeburg, ich hatte meine Lust daran gehabt auch hernach und
damals belacht, was ich jetzt so kläglich beweinen mußte. Dazu waren
Hoffahrt gekommen und eitler Stolz auf meinen Witz und die Kunst, von
der ich nie hätte erfahren sollen, daß ich sie besäße. -- Ach, und
nicht allein mich, sondern alle die, so mir zumeist Gutes gönnten,
denen ich dienen sollte und zur Freude helfen nach Pflicht und allem
Vermögen, hatt' ich bitter gekränkt und in Leid gebracht; mußte nicht
Irmela irre an mir geworden sein und Brun mich verachten und der Abt,
dessen Vertrauen ich so grob getäuscht hatte?
»Wie wird mir's im Convent ergehen, wenn da meine Missethat auskommen
wird«, rief ich, »wie wird Albrecht's strenger Eifer für die Ehre der
Abtei mich treffen, der ich den Namen des Klosters in allen frommen
Ohren stinkend gemacht habe?« Und dann trat vor mich der Gedanke an
all' die Schmach, an Spott und Schande, die mein warteten; an ödes,
dumpfes Gefängniß, an Geißel, Kasteiung und Einsamkeit. Dem gegenüber
stellte sich wieder die Erinnerung an das bunte Leben der sonnigen
Welt, das mich so fröhlich angelacht hatte, und der Wunsch, nach ihren
Ehren zu trachten, und Irmela's süßes Bild. Da gedacht' ich auch, daß
der Abt selber mich auf den Weg gedrängt hätte, wo sich diese Welt mir
aufgethan, daß sie mich nach Elzeburg gezwungen hatten und die erste
List mir nothweise aufgedrungen war.
War's nicht doch ungerecht, daß ich nun so hart dafür büßen und darum
in Schande und Strafe kommen sollte, um was draußen mir Lohn und Lob
gewiß war! Und ich dachte des seligen Augenblickes, da ich vor Irmela
kniete und den Kranz empfieng; ich dachte auch der Huld, mit der sie
für mich bat, und ihrer Traurigkeit zuletzt, da sie es nicht mehr
konnte.
»O, daß ich sie noch einmal bitten könnte, mir nicht zu hart zu
zürnen, daß ich ein Wort nur der Vergebung aus ihrem Munde vernähme!«
Aber meine Seufzer hallten von den dumpfen Mauern wieder, die mich
umschlossen, und mir blieb nichts, als mit meinem Jammer wider mich
selbst zu wüthen in unmächtigen Klagen.
O, der Seele, die in Nöthen schwebt, wird schlecht gelohnt, so sie
sich in Zweifel verfängt und nicht vermag, sich stracks zu Gott zu
kehren.
So wünscht' auch ich, daß ich nie geboren wäre und zu solchem Unglück
gespart; ich that des kläglichen Jammers immer mehr und des Scheltens
und Anklagens, bis ich nicht mehr konnte und schweigend niedersaß auf
die bloße Erde, mit beiden Händen mein Gesicht überdeckend.
Wie lange ich so saß regungslos, weiß ich nicht; aber allgemach
wurden meine Klagen stiller und meine Traurigkeit sanfter. Vor meinen
verschlossenen Augen verschwand der trübselige Ort, der mich gefangen
hielt, und meiner Seele wuchsen Flügel, die sie hinaustrugen zurück
in's helle Sonnenlicht, in die freie Welt. Ich sah mich wieder auf der
Höhe, und die Festfreude umgab mich. Irmela's lichte Augen sah ich,
wie sie aufblickten und ich nicht widerstehen konnte, weil's mir war,
als suchten sie mich; vor sie trat ich, zu singen, was mein Herz mir
eingab, und wunderte mich, daß ich dazu die Kühnheit gewann und wußte
doch, sie zu erfreuen, hätt' ich Alles gewagt. Und nun tönte der Klang
ihrer süßen Stimme wieder mir in den Ohren und sie beugte sich
hernieder, mich mit dem Kranz zu zieren, und grüßte mich mit gütigem
Wort. Daß ich davon hohen Muth empfieng, warum verdachten sie mir das?
Durft' ich den Unglimpf nicht rächen, den sie mir zufügten; durft' ich
ihnen nicht zeigen, daß ich ein Vermögen in mir fühlte, und mich nicht
verachten ließ; hatte sie mich doch nach allen Ehren belohnt!
-- Gewißlich, wenn ich ihr noch einmal nahen, wenn ich ihr offenbaren
könnte, wie Alles sich mit mir begeben hatte: sie würde mir nicht
länger zürnen, sie würde mit Trost mich aufrichten, sie würde mir, was
ich gethan, zur Unehre nicht anrechnen. Dann dürfte mich Niemand
verachten -- nein, auch jetzt nicht.
Jetzt?! Wo war ich denn? Gefangen gelegt, frevlen Truges überwiesen;
und alles Trachten und Wähnen, das mich hinauszog: es war nichts
Anderes, als eitles Träumen, vergebliches, ja verbotenes Wünschen!
Ich sprang auf und sah mich um.
Aus der Dämmerung, die hier schon sich verbreitet hatte, starrten die
geschwärzten Wände fremd und schweigend mich an. Die Erinnerung an den
sich neigenden Tag und die Erwartung der Nacht, die kommen würde, öde,
traurig, lichtlos, erneuerte in mir das Gefühl meines Elends. Es war
mir schier, als könnt' ich's nicht ferner ertragen, so eingesperrt zu
sein und einsam den Übeln entgegen zu harren, die mir bevorstunden.
Der thörichte Gedanke, als wär' mir ein Entrinnen möglich, ergriff
mich. Ich eilte nach der Thür, stemmte mich gegen die Riegel, hub an
den Angeln, rüttelte an den Pfosten; ich lief immer wieder die Wände
entlang, tastete herum, pochte an's Gestein aus aller Macht, ob etwan
ein verborgener Ausgang zu finden wäre, und ich stund stille mit
tiefem Seufzer, als ich erfunden hatte, wie Alles vergeblich war. Mit
sehnendem Verlangen blickt' ich hinauf zur Öffnung. Nur ein Wölklein
wünscht' ich zu sehen, vorüberschwimmend, wohin der Wind es trieb,
oder eine Schwalbe im Husch durch die Luft streichend: aber da hieng
düster der Vorhang der staubigen Spinnweben und bewegte sich nur etwa
von einem armen Schmetterlinge, der in den Fäden gefangen war und sich
nun zu Tode flatterte.
»Wenn nur zum wenigsten diese große Stille nicht wäre, die mit der
Dämmerung zu wachsen schien; wenn ich nur einen Laut vernähme, nur
einen! Den Hall einer menschlichen Stimme unten vom Thal her oder den
Ruf eines Vogels aus den Lüften!« Ich lauschte, aber ich hörte nichts.
Ich erhub selber meine Stimme, aber der Wiederhall von diesen Wänden
klang hohl und erschreckte mich.
Da drückte ich mich in eine Ecke, als könnt' ich mich so vor den
Schrecknissen bergen, die mich umgaben näher -- näher, und versank in
dumpfes Brüten. Bald hieng ich zwischen Wachen und Schlafen und merkte
nicht auf die Zeit, wie sie hinschlich, nur daß es immer dunkler um
mich her ward, und endlich ganz finster. Dennoch ließ ich nicht ab,
meine Augen weit aufzuthun, ob ich gleich wußte, es diente zu nichts,
und entriß mich der Müdigkeit, um mit allem Fleiß zu horchen: --
vergeblich -- vergeblich! --
Aber nein! Das war ein Geräusch wie von einem zurückgeschobenen
Riegel, wie von einer in ihren Angeln erknarrenden Pforte. Jetzt
wurden Schritte hörbar, nur leise, aber sie kamen näher; jetzt machte
sich Einer am Schloß der Gefängnißthür zu schaffen, dann ward ein
Schlüssel darin umgedreht -- ein Lichtschein ward sichtbar -- die Thür
that sich auf.
»Pst, Junker Diether, lebt Ihr noch?«
hört' ich eine Stimme, die im Flüsterton zu bleiben trachtete und
doch laut genug schnarrte; ein runder Krauskopf streckte sich durch
die geöffnete Thür und eine kurze Gestalt schob sich ihm nach und ließ
den schwachen Schein der Leuchte in ihrer Hand im Gefängniß
umherwandern.
»Hu, was ein ödes Jammerloch!«
sagte der Kurze dabei und verzog seinen breiten Mund.
Ich konnte mich nicht genug verwundern über das Alles, daß ich vor
Staunen schier wie angewurzelt war und meinen unerwarteten Gast nur
anstarrte. Endlich traf mich der Schein seines Windlichts. Da setzte
er es zur Erde, machte etliche Schritte mir entgegen und kratzte mit
seinem rechten Fuß hinten aus, indem er, seinen Hut schwenkend, sich
tief vor mir verneigte.
»Euer Knecht in aller Willigkeit,
Zu jedem Dienst allzeit bereit,«
sprach er und legte die freie Hand auf seine Brust, seine
Ehrerbietigkeit noch deutlicher zu bezeugen.
»Ei, ei!« sagt' er dann wieder und wies auf den Platz, den ich inne
hatte:
»Wie hat man doch hienacht
Die Ruhstätt' übel Euch gemacht!
Ach, ja! und 'nem Junker! -- 's ist 'ne Schand! -- Das will ein Bischof
sein und eines Bischofs Voigt?! 's ist 'ne Schand' für die ganze
christliche Ritterschaft!« -- Er sah wieder verächtlich sich um. »So
ein Otternloch! So eine Löwengrube!! Es vergeht einem schier das
Reimen, wenn man Euch da sieht, ob sich's gleich mit der »Ecken«, drin
Ihr hockt, und »Verstecken« so leicht thun ließe!«
Ich richtete mich auf, ihm näher zu kommen; da wich er einen Schritt
hinter sich, neigte sein Haupt zur Seite und hub an mit seinen kleinen
Augen mich von Kopf zu Füßen zu messen und hinwieder, indem er dabei
eine seiner Hände über die Stirn legte.
»Ah«, rief er dabei, »so ein stattlicher Junker, schlank und gerade
-- so fest im Gang, so zierlich in den Hüften, so breit in den
Schultern, so stolzen Hauptes!« Und er schnalzte mit seinen dicken
Lippen. »Ho, ho! So wahr ich Klingsohr heiße: Ihr werdet ein wackerer
Ritter und bald noch andere Kränzlein davon tragen, die Euch kein
Gernsteiner herunterreißen soll -- ein Prahler, Junker! nichts weiter
-- ah! und schöne Frauen und edle (dabei blinzelte er mich an und
schlug sich vergnügt auf die feiste Lende) -- schöne und edle Frauen
werden Euch die Kränzlein aufsetzen, vor welchen immer es Euch geliebt
hohe Ehren zu erjagen.«
Ich achtete seines Geschwätzes nicht, darin ich keinen Sinn erfand,
auch nicht eines Haares breit, und fragte nur, immer noch des Wunderns
voll, wie er hier hereingekommen wäre.
»Rathet, Junker!« gab er zur Antwort. »Wem dank' ich's wohl? -- Daß
Ihr's wißt: meiner Kunst, der Magie, der weißen oder schwarzen,
gleichviel!
Sie füllt Topf und Tiegel,
das wißt Ihr schon,
Aber sie sprengt Schloß und Riegel,
das erfahrt Ihr jetzt. -- Mein Gesell, der Tannhäuser -- er versteht
sein' Sach' ausbündig, nicht? -- der hätt' sich hierhinein und durch
die Thüren nicht gefiedelt und nicht gesungen, beharrt' er gleich bei
seiner Musica bis zum jüngsten Tage. Aber die Magie ist in solchem
Handel, wie der Eurige, eine wundertreffliche Kunst, wer ihrer wohl
kann. Seht, Junker, wir machten uns an die beiden Alten im Stüblein
überm Thor. Nu, man wird gewitzigt und lernt, wie das anzufangen! 'S
war just nicht leicht, Junker! Denn die magische Kunst, die bei dem
Alten taugte, ihm die Augen zufallen zu machen, verfieng bei seiner
Hex nichts mit dem scharfen Gehör, und so hinwieder.
Und so war verschiedentliche Arzeneiung vonnöthen; aber wir machten
die Symptomata bald ausfindig, wie die Medici sagen.
Wisset, Meister, -- nein, Junker Diether: es gibt eine _materia_, die
schlägt Euch in der Welt bei den Menschen allermeist sicher an, ihre
Complexiones und Humores mögen sein, welche sie wollen. Ihr braucht
sie ihnen nur von Ferne zu weisen, so fäht sie allbereits zu wirken
an. Das Gold ist diese Materie, _aurum_ nach lateinischer Zunge; aber
wir Magi nennen sie die _essentia quinta_: denn es ist der Vorsprung und
Ausbund aller Elemente. -- Gut! damit versucht' ich's nach _regula
artis_ bei der Alten; ich sagt' ihr vom Alrunmännlein, wie man von dem
täglich einen Ducaten bekäme. -- Ah! der Köder lockte den Vogel, und
sie fragte, wie das anzugreifen wäre, daß man sich den Unhold zu Wege
brächte. Ich gab ihr Bescheid: »Ja, die Johanniszeit wär' wohl
geschickt dazu, ein Würzlein zu gewinnen, das kräftig wäre, und von
Ungefähr hätt' ich wohl drüben auf dem Berge um den Galgen herum eines
gesehen, das aus dem Blut eines mit dem Rade gebrochenen Schächers
gewachsen sein möchte: aber solch' ein Fäntlein draus zu bereiten, das
Tugend hätte, kostete nicht bloß Kunst, sondern auch Eifer und
Unverzagtheit. -- Kurz, Junker, um weidlichen Lohn und auf ihren Eid,
daß sie Nichts von der Heimlichkeit ausbrächte, verstunden wir uns
dazu, der Alten den Willen zu thun. Sie steht jetzt unterm Galgen, gen
Mitternacht gekehrt, darf kein Wort sprechen, noch sich umkehren,
dieweil mein Gesell hinter ihr hantiert mit Spruch und Beschwörung um
die Alrune.
Ich aber bin droben geblieben im Stüblein; denn ich mußte doch die
Salben bereiten, das Galgenmännlein damit einzureiben, wenn sie's heim
brächten. Aus dem Weinkrug, den sie mir gefüllt zurückließ, als sie
gieng, hab' ich auch dem Alten eingeschenkt, dem die geizige Hex das
Naß gar selten gönnet, so theuer er es liebt. Er ist davon bald
eingeschlafen und, wie es sich ansieht, fest und lange, wozu etlicher
Maßen das Pülverlein geholfen haben mag, das ich ihm in den Trunk
geschüttet. -- So hab' ich denn gedacht, bis die Alte heimkommt, daß
wir ihr die Wurzel feien, könnt' ich eben so gut die Schlüssel
brauchen, die da drinnen ob dem Alten an der Wand hiengen, und Euch
heimsuchen, Junker Diether, dessen Herberge ich mir von Eurem Wirth
zufallens hatte sagen lassen.«
Darauf lupfte er wieder seinen Hut, neigte sich und sprach:
»So wißt Ihr nun das Wo, und wie
Ich kommen bin zu Euch allhie:
Durch meine Kunst, durch die Magie.«
Dazu rieb er sich vergnüglich die Hände. »Doch nun hebt wieder an,
Junker!« sagt' er dann und drehte die Daumen um einander.
»Womit soll ich wieder anheben?« fragt' ich ihn.
»Ach, Junker, besinnt Euch!« und er wiegte sein Haupt langsam hin und
wieder.
»Was meinet Ihr?« fragt' ich wiederum.
»Junker, Junker!!« Weiter erwiedert' er nichts, indem er beide Hände,
die Finger ausgespreizt und ihren Rücken mir zugekehrt, langsam in die
Höhe hub.
»Was nennt Ihr mich immer Junker?« rief ich ärgerlich, da er die Worte
sonderbarlich in die Länge zog.
Auf diese Frage wurde er überlustig, sprang mit Lachen hin und her und
sagte dabei: »Nu, habt Ihr's endlich gefunden?! Just die Frage ist's,
die ich von Euch hören wollte; just sie. O, was seid Ihr wunderlich!
Laßt Euch an sogethane Frage lang' erinnern, und sie war doch so
leicht zu stellen. -- Warum nenn' ich Euch Junker?« Dabei stellt' er
sich wichtig vor mich hin und stemmte die Hände gegen seine Hüften:
»Ja, freilich! Das ist's! Das ist das _punctum saliens_, wie es die
Grammatici heißen, nicht? -- So gebt wohl Acht, daß Ihr wohl höret,
was Ihr wissen wollt! Aber zuvor harret noch einen Augenblick!«
Bei diesen Worten gieng er hin, wo das Windlicht von ihm hingestellt
war, und rückte es so, daß ich wieder ganz in seinem Scheine stund.
»Also, warum ich Euch Junker nenne? Das ist die Frage; sie ist klar
und weislich; und das ist die Antwort, nicht minder klar und
gewißlich: Weil Ihr's seid, weil Ihr eben dies seid und gar nichts
anderes, als ein Junker; ein ehrlicher, ein wohlgeschaffener, adeliger
Junker, wie nur irgend einer in der Christenheit zu finden ist vom
Aufgang bis zum Niedergang. -- He, nun? Was dünkt Euch davon?! Gewiß,
Ihr denket: Was ist's? Klingsohr ist ein Gauch, ihm darf man nicht
trauen, er leugt daran! -- Denket Ihr nicht also, Herr? -- Thut's
immerhin, aber zuvor hört mich an!«
Darauf erzählt' er in seiner Weise, die Worte nicht sparend und sie
hastig hervorsprudelnd, wie, nachdem ich abgeführt worden wäre, er und
sein Geselle hätten dem Bischof Rede stehen müssen über mich, was sie
von meiner Person und von meinem Stande wüßten. Darnach hätten sich
die Herrschaften zu Tische gesetzt, die Mahlzeit zu halten; dabei wäre
Herr Conrad sehr aufgeräumt gewesen, aber seine verlobte Braut desto
nachdenklicher und stiller. Als man nun da kaum zu tafeln angefangen,
wäre ein alter Mann mit langem, greisen Barte, des Aussehens und
angethan wie ein Siedler oder Waldbruder, herzugestürmt und hätte mit
hochbeweglichen Worten den Bischof angerufen, den gefangenen Jüngling
frei zu geben, maßen der dem Kloster nicht fürder angehören dürfte.
Denn Diether wäre adeligen Stammes, von hochberühmtem Geschlecht, wie
er selber. Der Jüngling wäre sein Sohn. Das wolle er nach aller Gebühr
darthun und verlange ihn in Kraft väterlicher Gewalt in seine Hände
aus dem Kloster, darin er bis dahin gesessen, wiewohl er die heiligen
Gelübde noch nicht abgelegt und auf sich genommen habe.
Über solche Rede hätten sich Alle nicht genug verwundern können. Der
Bischof hätte ernst drein gesehen, als machte er sich hart, und der
Gernsteiner finster; auch hätte der spöttisch sich hinweggewendet, als
dächt' er nicht anders, denn daß es Possen wären, die da fürgewendet
würden. Aber wer Graf Eberhard betrachtet hätte, der hätte spüren
müssen, wie nahe dem Elzeburger Herrn des Alten Rede zu Herzen gieng.
Als nun aber Beider Blicke sich begegnet und nach kurzem staunendem
Stillschweigen der Alte gerufen hätte: »Eberhard, gedenkst Du Bruno's
noch? Schläft in Deiner Seele noch ein Gedächtniß unserer Freundschaft
aus längst verschwundenen Jahren, das aufgeweckt werden kann?« als
darauf die Beiden sich umfangen und keines Wortes mächtig unter
inniglichen Zähren sich begrüßt, da wäre Manchem das Herz entbrannt
über solchen Anblick, und alle hätten aufgehorcht, wie er wieder
gesagt: »Er ist mein Sohn, Eberhard, mein Sohn! -- Gott hat ihn mir
zugeführt. Ich wagte nicht, mich zu ihm zu bekennen; der finstere
Schatten meiner Schuld, dacht' ich, sollte auf die friedliche Bahn
seines jungen Lebens nicht fallen; ich, ich trieb ihn in's Kloster
zurück, und wollte selber verborgen bleiben vor ihm, vor der Welt.
Aber nun ruft er mich in sie zurück nach Pflicht und Liebe, und bei
unserer einstigen Waffenbrüderschaft bitt' ich Dich: Hilf ihn mir
retten, Eberhard, hilf ihn mir retten!«
»Auf diese Worte«, erzählte Klingsohr weiter, »gönnten wir Alle dem
Alten, daß ihm nach seiner Bitte geschähe; denn daß er in Allem die
Wahrheit bezeugte, daran zweifelte Keiner, und Graf Eberhard lag dem
Bischof mit starker Fürsprach' an, Euch, Junker, herauszugeben und des
Klosters zu entbinden, auch die Ungebühr, damit Ihr Euch versündigt
hättet, an Euch nicht ferner zu strafen, sondern selbige dem wallenden
Muth der aufstrebenden Jugend zuzurechnen. Dazu, wiewohl sie bis dahin
wenig sich zu ihrem Bräutigam gekehrt hatte, hub auch die edle
Jungfrau Braut herzlich in Herrn Conrad zu dringen an, daß er Euch zur
Freiheit hülfe und dazu seinen Ohm bewegte. Aber an der verlangten
Fürsprach' hatte, wie es männiglich kund ward, der Ritter weder Lust
noch zeigte er einigen Eifer dazu, und seine unmilde Gebärde
erschweigte die Jungfrau, daß sie traurig abließ, ferner ihn zu
bitten. Desgleichen auch Seine Gnaden, der Herr Bischof, was meint Ihr
wohl, ob seine Antwort gnädig lautete? Mein' Treu, nein!«