verriethe, nahm all' meinen Muth zusammen und schritt, dem Diener
nach, ziemlicher Weise in den Kreis. Vor der Laube angekommen, neigte
ich mich vor Allen und vor der Richterin in diesem Wettspiel
sonderlich. In ihrer Miene las ich freilich ein fragendes Staunen über
mein plötzliches Verschwinden und meine unerwartete Wiederkehr; aber
war da ein Zweifel, so ward er überglänzt vom freundlichen Willekomm,
das, wiewohl nur leise, mir ihr Auge sagte. Davon gewann mein
hochsteigendes Herz Vertrauen zu meiner Kunst, und wie ich schon zuvor
während dem Hören mein Sinnen auf die Frage gelenkt hatte, darauf im
Liede zu antworten war, so fügten sich jetzt Wort und Weise in meiner
Seele selbst zu einander.
Ich ließ mir von einem der Singer, die da gesungen hatten, eine Laute
reichen, griff in die Saiten und that ein kurzes Vorspiel. Darauf hub
ich an und sang also:
Wo tief im Herzen Minne wohnt,
Als Siegerin darinne thront,
(Bedenkt es wohl, ihr zarten Kinde!)
Da ist auch Leid ihr Ingesinde.
Wahr ist's, was man seit Alters spricht:
Die Liebe läßt vom Leide nicht;
Und doch ist Lieb' des Leides Feind.
Vernehmet nun, wie das gemeint!
Die Rose kehrt ihr Angesicht
Allzeit empor zum Sonnenlicht,
Das macht sie also wonnig roth,
Die Finsterniß brächt' leiden Tod.
Doch streckt sie unter feuchtes Moos
Die Wurzeln rief in dunklen Schooß.
Dich lacht sie an mit rothem Munde
Und haftet doch im finstren Grunde,
Aus dem ihr Kraft und Leben quillt:
Das ist der Liebe Ebenbild!
Es bringt das Leid der Liebe Pein,
Doch ohne Leid kann Lieb' nicht sein,
Es liebt die Lieb' Leid zum Gedeihn.
Und wird vom Leid ihr Noth geschafft,
Doch zieht sie Nahrung draus und Kraft.
Drum, wer der Minne Flug will wagen,
Der darf dem Leid sich nicht entschlagen;
Denn will er's auf das Leid nicht wagen,
Muß er der Lieb' auch sich entschlagen.
Wer jemals diesen Weg gefahren,
Lobt meinen Spruch gewiß als wahren.
Ward er von Leid' in Liebe wund,
Werd' er von Lieb' in Leid' gesund!
Als ich ausgesungen hatte und an den Gebärden Graf Eberhard's, mit
denen er sich zu seiner Nichte hinüberneigte, wahrnahm, daß ich von
ihm auch wohl erkannt war, gedacht' ich ungesäumt in die Menge zurück
zu fliehen und mich so davon zu machen. Ich hatte aber kaum die Laute
Dem wiederum gegeben, aus dessen Hand ich sie empfangen, und suchte
nun durch die Singer, die da stunden, hindurch zu kommen, nachdem ich
mich ziemlicher Maßen vor den Herrschaften verneigt: da geschah es,
daß allum ein Rufen sich erhub und männiglich mich bedeutete, daß ich
doch stille hielte; denn zur Stunde würde es verkündigt werden von
wegen des Preises, wer ihn davontragen sollte. Derweilen ertönten auch
schon die Drommeten der Herolde auf's Neue und im Volk entstund eine
freudige Bewegung; Alle winkten mir, hinter mich zu blicken, und da
ich denn mich umsah, war einer der Knechte mir zur Seite und lud mich
ein, mit ihm zu gehen. Es nahm ihn Wunder, wie er sah, daß ich
zauderte, ihm zu folgen, und so ergriff er mich am Arme, daß er mich
zwänge, weil er nicht anders denken mochte, als daß ich mich aus
großer Blödigkeit also erzeigte. Da lachten die Leutlein, wie sie
vorhin über mich gelacht hatten, und Einer sagte, man sähe da eine
seltne Tugend, daß ein Meister der Kunst begehre, aber ihres Lohnes
nicht. Nun lachten sie noch mehr und hatten so ihre Kurzweil.
Da hub ich mein Haupt empor, und schritt, weil es so sein mußte, dem
Diener nach stracks vor mich, zurück in den Ring. Aber wie ich da das
theure Mägdlein ersah, freundlich mir winkend und mit dem Kranze mein
harrend, das wirrte mich nicht wenig, und ich fühlte die Röthe, die
mein Angesicht übergoß: die Ehre, die mir bereit war aus ihren Händen
vor allem Volk, höhete meinen Muth, aber sie drückte zugleich mich
nieder, als der ich ungedacht sie überkam, ich wußte nicht wie. So
schritt ich gesenkten Auges vor das edle Fräulein hin und bog da in
höfischer Zucht das Knie.
Wie sie mir den Kranz auf's Haupt setzte, streifte von ungefähr ihre
Hand meine Stirn; da erzuckte mir von der leisen Berührung das Herz
und ich blickte auf zu ihr. Indem ließen Spielleute, die da hinter dem
Gesinde der Herren stunden, ihre Fiedeln und Lauten erklingen, und zum
Saitenspiel schallten Flöten und Cymbeln, daß es ein helles und
liebliches Getöne gab.
»Solche Ehre, Meister, dankt Ihr Eurer Kunst,« sagte Irmela, indem sie
sich über mich beugte.
»Nein, Herrin, Eurer Güte, so ist sie mir werther,« erwiedert' ich,
und Niemand außer uns zween hörte, was da zwischen uns gesagt ward.
Nun trat ein Edelknecht mit dem Kleinode herzu, daß die Maid mich
damit begabte. Sie aber sprach zu mir: »Diesen Becher will ich Euch
zuvor credenzen, dann sollt Ihr ihn aus meiner Hand empfahn.«
Darauf erhuben sich die Herrschaften von ihren Sitzen, daß sie zu den
Tischen giengen und sich am Mahle erletzten, ehe die ferneren
Freudenspiele mit Stechen, Laufen und Tanzen angestellt würden. Ich
aber, als ich wieder aufrecht stund, wußte nicht, was ich erwählen
sollte: Die Klugheit rieth mir von hinnen zu weichen, aber Sinn und
Gemüth hielten mich fest an der Stelle. Da nickte auch der Herr
Gebhardus mir gnädigen Beifall, und ich sah, daß Graf Eberhard sich
anschickte, mit mir zu reden; aber weil just die Herren alle
aufbrachen und der Bischof sich zu ihm wandte, daß sie selbander
hinweggiengen, so ward der Graf von mir geschieden und dadurch mein
Herz ein Merkliches erleichtert; denn gewißlich wär' ich seines
Forschens wenig froh worden.
Während man so sich aufmachte, schritt Irmela unterm Überdach der
Laube herfür an mich heran, grüßte mich und sprach: »So ist's denn
doch also geschehen, wie ich sagte, da Ihr von Elzeburg schiedet,
Meister Diether, und Ihr habt uns mit Eurer Kunst gedient.«
»Ja, vieledle Jungfrau,« erwiedert' ich, »und am hohen Freudenfeste
Euch zu Ehren, zu dem ich ungedacht gekommen bin.«
»Und nachdem Ihr von den Elzeburgern ungedacht entwichen seid,« sagte
sie hinwieder und lachte.
Da sah ich die Maid inniglich bittend an: »O lasset, warum ich's that,
als eine Heimlichkeit meines Herzens verschlossen darinne bleiben, und
wenn ich heut für immer von Euch scheide, so glaubet, daß Euch in
Freuden und Glückseligkeit zu leben Diether ohne Unterlaß von Gott
erwünschet und dem ganzen himmlischen Heer.«
»Wohl,« sprach sie da, »so sei es darum und Ihr möget Eure
Heimlichkeit bewahren; ich will nicht arg von Euch denken, wiewohl sie
groß ist.«
Damit hielt sie mir mit Gütigkeit ihre Hand entgegen, daß ich sie an
den Spitzen der Finger erfaßte. Das geschah behende und mit Scheu,
aber mein Gemüth gewann davon eine Freudigkeit.
Doch da nahete der von Gernstein. »Man harret Euer«, sagt' er zur
erkieseten Braut mit höfischer Gebärde, und führte Irmela den Tischen
zu; mich aber streifte sein Blick herrisch und unmuthig. Da merkt'
ich, daß er überstolzen Sinnes war. Aber die Maid an seiner Seite
schien deß nicht zu achten; sie kehrte im Gehen ihr Angesicht noch
einmal freundlich zu mir hin und sagte: »Gedenket des Bechers zeitig
genug und kommet, wenn wir zu Tische sitzen, daß ich ihn Euch
credenze.«
Damit giengen die Beiden hindann und mir schien's, als wäre er
unmuthig, daß sie mir das Gespräch gegönnt hatte.
Nun erhub sich eine nicht kleine Bewegung um die Tische, wo die
Herrschaften das Mahl halten sollten, und unfern davon, wo den
Knechten die Bewirthung bereitet war. Auch das Volk zerstreute sich
hierhin und dorthin nach Gefallen, die Meisten, um sich zum Imbiß zu
lagern, den sie mit sich gebracht, oder der Verehrung nachzugehen, die
der Bischof in seiner Mildigkeit Jedermann spenden ließ, der ihrer
begehrte. So kamen auch Viele an mir vorüber, wiesen auf meinen Kranz
und preiseten mich öffentlich wegen meiner Kunst und des Lohnes, der
ihr geworden. Manche wunderten sich dabei, daß ich da also stille
stund, wie ein Verlassener, und meinten, mich hätte die Huld, die ich
genossen, allzu blöde gemacht.
Da gedacht' ich daran, daß es hochnoth wäre, mich davon zu machen,
bevor mich Einer von vorhin wiedererkennte, der mich da im Klosterrock
gesehen hatte. Zudem trieb mich auch der Anblick der beiden Fahrenden
hinweg, die ich unweit gewahrte, wie sie mit Fleiß auf mich achteten,
als solche zwar, die darüber nicht von mir gesehen sein wollten.
Ich säumte also nicht länger und schritt in den Wald, wo ich das
wenigste Volk wahrnahm. Da wär's gewißlich mir das Nöthigste und
Fördersamste gewesen, wenn ich sogleich den Versteck aufgesucht hätte,
in dem ich vorhin meinen langen Rock verborgen, hätte den angethan und
mich davon gemacht. Aber da ich am Waldessaum mich sicher wähnte und
unbeachtet, sah ich mich noch einmal um, ließ meinen Blick über all'
das bunte Gewimmel schweifen und lugte über die Zelte und nach den
Tischen hin, Irmela im Geist noch einmal zu grüßen. Da fühlt' ich, daß
es mir schwer ward, von dem Allen Abschied zu nehmen, und wie ich doch
dieses Mal als ein Anderer in's Kloster heimkehren würde, als der ich
von dannen gezogen war. So stund ich mit eifrigem Aufmerken der Augen
und doch in vielerlei Gedanken.
Da rief mir, eilend herankommend, ein Diener zu, und sagte dabei, wie
er mich am Gezelte vergeblich gesucht und eine Botschaft an mich
hätte. Ich trat herzu und fragte: »welche?«
»Von meinem gnädigen Herrn, Herrn Conrad von Gernstein«, erwiederte
er, »der Euch durch mich entbieten läßt, es sei nicht von Nöthen, daß
Ihr das ersungene Kleinod aus der Hand des Fräuleins emphahet, Ihr
möget es Euch von des Bischofs Kämmerer holen, zu dem ich Euch
geleiten soll. Auch wünscht mein Herr Euch nicht über Tische zu sehen,
sondern begehrt, daß Ihr Euch unverweilt von diesem Feste scheidet,
maßen es Euch schon genug des Genießes eingebracht habe. Auf daß Ihr
Euch aber anderswo desto baß gütlich thun könnet, läßt er Euch hier
einen Goldgulden reichen.« Damit hielt er mir das Geld dar.
Das kränkte mich, daß ich angesehen ward als Einer, der nur bloß auf
den Lohn sah, und der Ritter denken sollte, wenn ich nun gienge, ich
hätt' ihm um sein Geld den Willen gethan. Darum sagt' ich verächtlich:
»Behaltet Euren Gulden, und laßt Euren Herrn wissen, mir liegt am
Kleinod alleine nichts und an seinem Gelde noch minder! Und wenn ich
dahinten bleibe, daß er mich über Tisch nicht sieht, wohin das
Fräulein mich entboten hat, so bewegen mich andere treffliche
Ursachen.«
»Das Lob Eurer Kunst, fahrender Bruder«, sagte der Knecht spöttisch
wieder, »macht, daß Ihr Euch zu hoch vermeßt. -- Besinnet Euch:
nehmt's Geld, holt das Kleinod und geht!«
Darauf hielt er mir auf's Neue seinen Goldgulden hin und lachte. Da
schwellte der Unmuth mein Herz, zumal ich sah, wie Leute herangekommen
waren und auf uns Acht hatten, und ich stieß das Geldstück aus seiner
Hand, also daß es zur Erde rollte.
Wie nun der Bote betroffen dastund, denn er hatte sich von mir deß
nicht versehen, so ward nun er den Umstehenden zum Gelächter und einer
von ihnen rief ihm zu: »Fahrt säuberlich, Freund, mit dem
Singemeister, denn er hat die Art nicht, als geliebt' es ihm, mit Euch
zu scherzen!«
»Dafür trägt er den Kranz«, sagte ein Anderer, »der gibt ihm also
hohen Muth.«
Zu solchen Worten wollte des Gernsteiners Knecht auch nicht müßig
bleiben, sondern gedachte sein Botenbrot an mir wohl zu verdienen. Er
griff also nach einem dürren Stecken, der da nahe bei einem Baume lag,
sprang damit auf mich zu und indem er rief:
»Solch' unartigen Knaben gebührt die Ruthe, sie bessere Zucht zu
lehren!« strich er mich, bevor ich mich wenden konnte, über den
Rücken. Da enthielt ich meinen Zorn nicht länger, drang auf den Mann
mit Ungestüm, eh er sich bedachte, und stürzte ihn mit Wucht zur Erde,
daß er stöhnend um Hilfe rief.
Er that es nicht vergebens, denn die Menge lief herzu, und darunter
war auch von den Gernsteiner und Speyerischen Knechten ein ziemlicher
Haufe. Wie die nun von ihrem beleidigten Gesellen die Ungebühr
vernommen hatten, die ihm von mir geschehen war, so wär' ich gewißlich
ohne Aufenthalt in ihre Hände gerathen, und sänftiglich hätten sie mir
nicht mitgespielt, wenn da nicht gegen die Anstürmenden mir eine
unverhoffte Rettung gekommen wäre.
»Laßt Euch rathen und tastet uns den Singemeister nicht an!« so hört'
ich eine Stimme, die ich wohl kannte; und wie ich seitwärts blickte,
woher sie kam, sah ich Helmbolden und Andere mehr vom Elzeburger
Gesinde. Die brachen durch den umstehenden Haufen und drängten die, so
auf mich einwollten, von mir ab, also daß mich ihrer Keiner verletzen
durfte. Solches verdroß die Gernsteiner und ihre Genossen nicht wenig,
daß sie den Schimpf nicht strafen sollten, der ihrem Gesellen
widerfahren war, und sie bedroheten die Elzeburger laut, wenn sie
ihnen nicht Raum gäben, mich zu greifen. Die aber wollten auf sie
nicht hören, trutzten ihnen und sprachen mir zu: »Diether, fürcht'
Dich nit; denn wir gedenken Dir's wohl, daß Du vormalen unsrer Sippe
gewesen bist.«
Und so waren sie als eine Mauer um mich herum.
Alsbald entstund zwischen diesen Knechten ein nicht kleiner Zank um
meinetwillen und ein feindliches Drängen hin und wieder, wie es die
Streitlust erhöht und Brauch ist, wenn es bald zum Hauen und Stechen
kommen soll.
Das war denn sonder Zweifel auch hier ganz nahe, und statt des
Freudenspiels, das sie halten sollten, waren sie dabei, sich hitzig zu
bestreiten. Aber wie der Lärm wuchs und der Haufe der Gaffer sich
mehrte, konnte das Getümmel um mich her auch dem Wahrnehmen der Herren
nicht entgehen. Vielleicht auch hatte einer aus dem Gesinde dem Ritter
von Gernstein Botschaft dessen gebracht, was sich zutrug. Denn just,
als die Knechte auf beiden Seiten das Beste thaten, sich kampflich
anzurennen und des Scheltens und Höhnens übergenug verführten: trat
Herr Conrad, dem etliche Ritter zur Seite giengen, eilend zwischen sie
und gebot ihnen mit drohender Stimme, von einander abzulassen. Er und
seine Begleiter hatten Mühe, die Hadernden auseinander zu bringen.
Aber sie durften auf die Länge den Herren nicht trutzen. Als nun der
ärgste Sturm sich gelegt hatte, ließ der Gernsteiner seine Leute
zornmuthig an und schwur theuer bei seiner ritterlichen Ehre, an ihnen
den Schimpf zu strafen, den sie da gegen das Gesinde seines werthen
Gastes verübten. Da trat der Bote vor, den der Ritter an mich
geschickt hatte, berichtete mit vielen beweglichen Worten, wie es ihm
ergangen wäre, wie unehrerbietig ich des Herrn Verehrung, die mir
zugedacht gewesen, verschmäht, den Überbringer mit Hohn gereizt und
zuletzt übel zu Boden gestreckt hätte. Nun schrieen die Andern wieder,
bloß mich hätten sie zu greifen begehrt, die ihrem Gesellen von mir
zugefügte Schmach gebührend zu rächen, und auch meine gegen ihren
Herrn bewiesene Hoffahrt zu strafen. Aber die Elzeburger hätten ihnen
ohn' Ursach gewehret und den überdreisten Singer schutzweise umringt.
Da sah sich der Herr Conrad zornigen Blickes nach mir um und zugleich
auch, als wär' es ihm eben recht, daß er so eine Sache wider mich
hätte, mich in Schmach zu bringen.
»Komm heraus da!« rief er mit gebietender Stimme mir zu, als er mich
erblickte.
Ich trat festen Schrittes vor und sah ihn gerad an, als ich vor ihm
stund. Seine linke Hand stützte er gegen seinen Schwertgriff, und mit
seiner rechten strich er gemächlich den Bart über seinen Lippen, die
er verächtlich zusammenzog.
»Das also ist der Meister Nirgenddaheim, den seine überzarte Kunst
durch Hoffahrt zum Narren gemacht hat!« sagt' er spöttisch lachend.
»Herr!« sagt' ich darauf, »Eure Jungfrau Braut hat den Narren mit
diesem Kranz geziert.«
Daß ich dergestalt vor ihm Irmela's und ihrer Gütigkeit gegen mich
gedachte, trieb die hellen Zornflammen in des Stolzen Angesicht.
»So unwerther bist Du, Lotterbube, ihn zu tragen!« rief er voll Grimm
und schlug mit seinem Handschuh mir nach dem Haupte, daß der Kranz
herunterfiel und das Haar mir wirr um die Stirn wehte. Drauf streckt'
er seinen Arm aus und rief weiter: »Heb' Dich hinweg, und ohne Säumen,
eh' ich noch meinen Knechten gebiete, Dir den Rücken zu bläuen, wie
Du's um Dein übermüthig Unterfangen verdient hast!«
Das war mir unerträglich, daß ich so vor Aller Augen von ihm wie ein
Ehrloser geschlagen sein und mit Schmach und Schimpf hinweggetrieben
werden sollte. Und so reckte ich mich hoch empor, sah ihn wild an und
rief ihm wüthend zu: »Wär' ich bewehrt, Herr, wie Ihr: bei Gott, dem
Hohen! der Schlag sollt' Euch gereuen, mit dem Ihr mich schlugt und
Ihr dürftet mir so nicht drohen!«
Da griff er nach seinem Schwerte, es zorneifrig wider mich zu zücken.
Als ich's sah, erfaßte auch mich eine Wuth, daß mir Alles gleich galt,
nur nicht ungerochen zu bleiben an seinem Überstolz. Ich hub meinen
Arm hoch und drang auf ihn ein.
Wohl sah ich, wie er vor'm unerwarteten Angriff, der ihn bedrohte,
sich zurückbog und hastiger nach mir ausholte; aber das war ihm nicht
mehr von Nöthen. Denn schon fühlt' ich mich aufgehalten und von den
Knechten gepackt, die herzugelaufen waren, den Frevel, der ihrem Herrn
bevorstund, zu hindern. So Viele umringten mich, und so sicher waren
ihre Griffe, daß wie ich auch mich wand, ich in keinerlei Weise aus
der Gewalt ihrer Fäuste mich lösen konnte.
»Bindet ihn«, befahl da der hart beleidigte Ritter, »und bewahrt ihn
wohl, den Gauch, der bereit war, sich an mir zu vergreifen; und im
tiefsten Kerker meiner Burg mög' er verschmachten!« Ich wußte, daß
sein Haß gegen mich tödtlich war, und dennoch wollt' ich ihn nicht um
Erbarmen bitten. Ich hätt' es nicht gethan, auch wenn ich da den
grausamsten Tod an der Hand gehabt hätte.
Aber Gott verschaffte in dieser meiner höchsten Noth, daß eine
Fürbitte für mich laut ward, wie süßere mein Ohr nicht vernehmen
konnte. Denn an der Seite des Bischofs war Irmela herzugekommen und
hatte kaum den Jammer ersehen, in dem ich schwebte, als sie an den
Ritter sich wandte, und ich merkte wohl, wie sie bleich war und ihre
Stimme erbebte in mitleidiger Sorge um meinetwillen.
»Gilt Euch etwas meine Bitte, Herr Conrad«, sprach sie, »so begnadet
den Singer, wie schwer auch seine Fehle sein mag, mit der er Euch
erzürnet hat, und laßt ihn frei!«
»Ihr thut Eurer Ehre zu nahe, Werthe!« sprach er unwillig, »so Ihr die
Macht Eurer Fürbitte für einen Solchen einlegt. -- Kommt! Laßt uns
nicht länger durch ihn das Fest gestört sein!«
Damit winkt' er den Schergen, die mich hielten, daß sie mit mir thäten
nach seinem vorigen Befehle, und gab den Herren ringsum ein Zeichen,
mit ihm zur Lustbarkeit zurückzukehren, indem er sich zur Braut
gesellte, sie zu den Tischen zu geleiten. Die aber stund noch
unbeweglich: in ihrem Herzen bestritt die maidliche Scheu den
sehnlichen Wunsch, mir zu helfen. Aber wie sollte das geschehen? Noch
einen Augenblick, so war ich in Banden gefesselt und zu jammerhaftem
Ziel hinweggeführt.
Indem waren Andere bereit, meine Errettung aus des Gernsteiners Gewalt
zu Handen zu nehmen; wie wohl ihnen das übel und mir zu großem Leide
gerieth: nicht die Elzeburger, die noch da stunden; denn sie durften
Angesichts der Ritterschaft nicht wagen, sich für mich ferner
einzulegen. Aber die zween Fahrenden stürmten in Eile herzu und
verlegten dem Bischof, der sich eben zum Gehen anschickte, den Weg.
»Würdiger Herr!« riefen sie mit Hast, und so daß Einer des Andern
Rede ergänzte, wenn ihm darüber der Odem ausgieng, »Würdiger Herr! Ihr
dürft nicht leiden, daß Dieser weltlichem Gericht überantwortet werde
-- Ihr dürft nicht! Der Singer ist nicht, wofür er das Ansehen hat.
Wir können's mit Schriften darthun. Er gehört der heiligen Kirche zu
-- ist dem Kloster zugesprochen -- ist geistlich! Der Abt von
Maulbronn hat über ihn Gewalt!« --
Auf diese Worte entgieng mir aller Trost, meine Kraft verließ mich und
die Scham, daß ich so zu Schanden ward, schlug mich nieder. Alle
mußten es mir ansehen, daß es sich also hielte, was Jene von mir
bezeugten, und als der Herr Gebhardus sich zu mir wendete, mich zu
fragen, ob ich etwas vorzubringen wüßte wider der Beiden Zeugniß,
wagte ich nicht zu antworten, noch die Augen zu erheben. Nur, als ich
den Gernsteiner höhnisch sagen hörte: »Ein verlaufener Mönch, Irmela!«
zwang mich der Schmerz aufzusehen und ich erbebte, ob ich auch in
ihrem Angesicht nur Unwillen und Verdammung finden würde, oder ach!
nur ein wenig Mitleid untermischt. Doch als ich flehentlich zu ihr
hinüber blickte, kehrte sie sich von mir hinweg, und mit bitterem Weh'
im Herzen ließ ich meine Arme wieder sinken, die ich nach ihr erhoben
hatte, und die Sinne wollten mir vergehen vor kläglicher Kümmerniß.
Derweilen hub der Bischof an, mit großer Strenge Befehl zu geben, daß
ich, bis der Sache weiter gerathen wäre, unten in die Burg in
Gewahrsam gebracht würde; denn der Herr derselben war des Speyerischen
Bisthums Hintersasse. Das sollte ohne Säumen geschehen, damit das Fest
nicht länger Verzögerung erlitte; Tags darauf wollt' er das Nöthige
vornehmen. Die Fahrenden hieß er zu fernerer Bekundung zur Stelle
bleiben.
Als der Bischof Solches über mich verfügt hatte, begab er sich mit den
Übrigen von der Ritterschaft, die um ihn waren, hinweg, und auch der
Troß und die Menge verlief sich allgemachsam; aber Wunders hatten sie
genug über das, was sich mit mir zugetragen.
So ward ich denn als Gefangener des Bischofs von dannen geführt, ein
kläglicher Mann. Die Leute, so uns auf unserem Wege begegneten,
blieben stehen und beklagten meine Jugend; sie mußten denken, ich wär'
als Schächer ergriffen und würde zur Richtstatt geschleppt; denn
gewißlich so war mein Aussehen. Mich reute zu leben, und die Welt vor
mir war verwandelt. Die Läuber des Waldes erschreckten mich mit ihrem
Rauschen, der Himmel über mir hieng wie ein härener Sack, und als wir
in's Thal hinabkamen, dessen lieblich Bild sich so licht meiner Seele
eingeprägt hatte, lag es vor meinen Blicken wie überdeckt mit einem
schwarzen Schleier.
Im Dorf, als wir hindurchgiengen, that sich manches Fenster auf, und
Männer und Frauen lugten nach mir aus; sie fragten wohl auch nach
meiner Missethat, welche das wäre. Da sagten meine Schergen, um
Übermuths willen und Frevels gegen den heiligen Stand wär' ich
gefangen auf des Bischofs Geheiß; »So gnad' ihn Gott«, hört' ich dann,
»nun ist ihm das Pochen und die weltliche Lust vergangen.« Kinder, die
auf der Straße spielten, wichen vor mir scheu hinweg und liefen zur
Seite hin zu ihren Müttern, die auf ihren Armen die kleineren trugen.
Sie huben sie wohl dann in die Höhe, daß sie mich besser ersehen
möchten, und wiesen auf mich und mahnten ihre Kinder, nicht auch bös
zu werden, auf daß es ihnen nicht widerführe wie mir.
Dies Alles sah und hört' ich, ob ich gleich meine Blicke tief zur Erde
senkte und meine Ohren vor Allem, was um mich her vorgieng, in dieser
martervollen Stunde zu verschließen trachtete. Denn des Menschen Herz,
wenn es recht unselig ist und ganz trostlos, hat die Art an sich, auch
wider Willen für seinen Jammer Nahrung zu suchen, sich um so mehr zu
kränken und zu betrüben.
Wir waren zur Wegscheide gekommen, wo der Anstieg zur Burg hinauf sich
abzweigt. Festlich flatterte von des Thurmes Zinne zu Ehren der
Fröhlichkeit des Tages das Speyerische und des Burgvoigts Banner. Mich
sahen sie an, wie Fahnen, die in der Krypte um eine Tumba traurig
wehen, und schaudernd lenkte ich meinen Blick hinweg und folgte mit
Seufzen meinen Führern den steilen Pfad hinan. Wir waren nur erst eine
kleine Strecke zur Höhe gedrungen, als ich hinter mir vom Wege her
mich laut mit Namen rufen hörte.
Ich wandte mich, und: »Brun! ach, Brun!« -- mehr konnt' ich vor
inniglichem Leide nicht sprechen.
Er aber stund an seiner Stelle als Einer, der sich über meinen Anblick
schier entsetzte; seine Brust keuchte und seine Stimme war gedämpft,
wie unter der Last tiefen Grams.
»Also muß ich's doch mit diesen meinen alten Augen sehen, was mich so
manchmal im Traum erschreckt hat, und was abzuwenden ich zu Gottes
Gnade in allen meinen Gebeten für Dich gefleht? Diether, Diether --
was hast Du gethan? Welch' Herzeleid schaffst Du mir?! Ach, ich soll
nicht Frieden finden -- nimmer -- nimmer!«