So war denn mein Zweifel und meine Unruhe groß, da ich spät gen

Maulbronn zurückgelangt war, und vor Herzensschwere und Widerstreit in

meiner Seele durchwachte ich diese ganze Nacht. Ich erfand in mir die

heftigste Lust, noch einmal mich aufzumachen und unter dem Volke das

Fest mit zu schauen, ob ich da die Elzeburgerin sehen möchte,

vielleicht als die, der zu Ehren all' diese herrliche Pracht gezeigt

ward. Und ich sagte mir, daß es ja nichts Arges wäre, das mich triebe,

der Gelegenheit zu brauchen, das Mägdlein unvermerkt wieder zu sehen,

ja, daß freilich das Gegentheil verwunderlich sein würde, und Zeichen

eines blöden Sinnes; ich fand auch, daß jenes Thal mit der ragenden

Burg noch einmal zu erschauen und dann das ritterliche Fest, mir

weidlich am Bilde zum Guten gedeihen würde. Hatte mich doch der Abt

selber dahin gewiesen, draußen zu suchen und mich umzuschauen, wie ich

dem neuen Bilde am besten rathen könnte. Wenn mich aber so mein Sehnen

schuldlos däuchte und daß es nicht noth wäre, meinem dahin gerichteten

Gemüthe zu wehren, so warnte mich alsdann eine andere Stimme in meinem

Herzen gar ernstlich, als wär' es doch nur eine Versuchung, die mich

hinauslockte, um mich in Schaden und Unseligkeit zu stürzen.

Und eine Bangigkeit kam über mich, als ob es mir übel gerathen würde,

so ich hinzöge. Als es aber lichtmorgen worden war und ich im

Klostergarten der würzigen Luft genoß, da schöpfte meine Brust auch,

däuchte mich, wieder frischen Lebensmuth, und es schien mir, die

ruhelose Nacht hätte mich furchtsam gemacht, und ich sah nichts

Schlimmes in meinem Wunsche.

Zwar an jenem Tage that ich ihm noch nicht Genüge. Sondern, wie sie

mir in der Erinnerung lebte, zeichnete ich die Gegend, die ich gestern

mir zum Bilde auserwählt, mit allem Fleiß, und auch die heiligen

Wallfahrer mit ihrem Troß entwarf ich auf der Stelle, wo mir der

festliche Zug erschienen war. Unmüßig war ich den ganzen Tag, daß ich

morgen die Versäumniß mir desto weniger zum Vorwurf zu nehmen

brauchte. Was ich dann an auserlesener Pracht und zierlichem Schmuck

beim Feste sehen möchte, das wollt' ich mir wohl in der Erinnerung

bewahren und für's Bild verwenden. Denn nur einen halben Tag gedacht'

ich aus zu sein und den nächsten wieder im Kloster meiner stillen

Arbeit obzuliegen. Je fester nun so mein Wille sich dahin kehrte, die

Spiele mit anzusehen, die der Braut zu Ehren sollten gefeiert werden,

und mich des Dinges weiter zu erkunden, und je mehr ich dabei Irmela's

gedachte, ob und wie ich sie wohl wiederfinden würde, desto heiterer

schien mir die Fahrt, die ich vorhatte, als wär' ich auch zum Feste

geladen, und mich däuchte, wenn ich zu Roß da hinauf zöge, so hätt'

ich das auf Elzeburg also erlernet, daß ich keinem der Herren zur

Schande da sein würde.

In solchem Muthe machte ich mich denn Tags darauf, noch ehe man

Mittags zur Speisung im Refectorio zusammenkam, von dannen. Dem

Pförtner sagt' ich, meiner Kunst zu Dienst müßt' ich aus sein und am

Abend würd' ich wiederkehren. Daß mir solche Freiheit verstattet war,

mehr als den Brüdern, deß waren sie gewohnt im Convent, und so ward

ich auch heute nicht weiter gefragt und schritt ungehindert durch die

geöffnete Pforte.

Draußen in einem der letzten Häuser, die um's Kloster gebaut sind,

wohnten alte Leute, die der Abtei hörig waren. Es war ein Ehepaar,

Mann und Weib wohlbetagt. Ihnen gieng ich nie vorbei, ohne einzutreten

in ihre Hütte oder wenigstens durch's Fenster sie zu grüßen. Es

geschah immer zu ihrer großen Freude; denn in meinen jungen

Kinderjahren war ich in ihrer Pflege gewesen, und noch immer hegten

sie eine sonderliche Liebe zu mir. Bei ihnen hatt' ich, da ich von

Brun wiederkam, das köstliche von Irmela mir geschenkte Kleid

niedergelegt. Denn Brun zwar, der mir einen klösterlichen Rock

angezogen hatte, dem ähnlich, den ich sonst zu tragen gewohnt war,

wollte, daß ich das zierliche Gewand bei ihm für immer zurückließe.

Aber da ich wünschte, es zu behalten, weil mir zu meiner Malkunst

solch' auserwähltes Kleid leicht noch nütze werden könnte, so willigte

er ein und ich trug's im wohlverhüllten Bündlein mit mir. Niemand

hätte mir wehren können, es mit mir in's Kloster zu nehmen und mit dem

anderen Geräth und den Kleinoden meiner Kunst zu bewahren, aber ich

hatt' es doch für viel gerathener gehalten, um alles Verdachts desto

lediger zu bleiben, es nicht allsogleich mit hinein zu bringen. Und so

hatt' ich Irmela's Gabe bei den Alten in Verwahrung gethan.

Zu ihnen gieng ich denn hinein, und gerne gaben sie mir, wie ich's

heischte und unversehrt, das wohlverwahrte Kleid zurück. »Mir ist's

bestimmt zu tragen«, dacht' ich. »Zwar die Kunst, mit der ich mir's

verdient zum Lohn, gedenk' ich nicht mehr zu üben; aber wenn je, so

mag es mir noch einmal dienen heute auf dieser Fahrt. Ist ihr Ziel

heimlich, so sichert mir wohl dies Kleid, wenn's Noth ist, meine

Heimlichkeit.«

Und so nahm ich's mit mir.

Siebentes Capitel.

Beim Feste.

Es war noch hoch am Tage, denn ich war rüstig zugeschritten, als ich

wieder zur Seite des Baches das Thal durchzog, von dem aus ich zum

Dorf gelangen sollte, das so sicher sich lagert um die bethürmte Burg.

Je näher ich dem Orte kam, desto merkbarer ward es, daß heut den

Leutlein und der Gegend umher ein seltner Festtag angebrochen war, den

mit zu feiern Keiner versäumen wollte, der wohl auf war und gerne

fröhlich. Allerlei Volk zog, wie ich wohl sah, demselben Ziele nach

wie ich; und gar am Orte selbst, als ich darkam, fand ich der fremden

Gäste viele. Die Lustbarkeit der Herren mußte wohl bekannt worden sein

aller Orten ringsum. Da waren Junker und Knechte, Bürger und Bauern,

auch fahrende Sänger, Luftspringer, Gaukler und Hebräer, und was sonst

Leute dem Gewinne nachgehn, wo müßiges Volk sich zusammenfindet, das

die Lust an der Kurzweil der Sparsamkeit vergessen läßt. Alle zogen

sie hindurch der Brücke zu jenseit des Dorfes, und auch von drüben

ward der Haufe durch Gäste vermehrt, die den Weg zogen, auf dem ich

die Herren hatte quer durch's Thal reiten sehen.

Ich hatte mich, da ich durch's Dorf schritt, Bauern zugesellt. Von

ihnen erfuhr ich, daß heute Morgen die Braut und ihr Geleite unweit

des Ortes angelangt und vom Bischof und den Herren mit ihm herrlich

empfangen worden wäre. Alsbald hätten die Speyerischen die Ankömmlinge

zum Lustlager geführt, das sie zugerichtet, allda zu rasten und die

Begegnung fürstlich zu feiern.

Wie die Braut geheißen würde und woher sie käme, konnt' ich nicht

erkunden; doch bezeugten sie, das volle Lob, das edlen Sitten und

prangender Jugend gebühret, würde von der Sage der Leute ihr

zuerkannt.

Unser Weg führte uns im Bogen aus dem Thal eine nicht kleine Höhe

hinan. Weil die Bauern da oben zu ihrem Ackerwerk hinaufziehen mußten,

wie sie mir sagten, so war die Straße breit und sanft ansteigend

bereitet und gemächlich aus ihr zu schreiten. Hoher Buchenwald zu

Seiten unseres Weges hinderte den Ausblick. Um so mehr war ich

betroffen von der weiten Fernsicht, die mir sich darbot, da ich auf

dem Scheitel des Berges angelangt war und aus dem Wald in's Freie

trat. Da sah man weithin Gebirg' und Land, und unten vor sich das

muntere Thal mit Burg und Dorf auf und nieder, wie es von den Bergen

anmuthig umkränzt war. Aber auf dies Alles blieb mein Blick nur einen

Augenblick hingelenkt; denn das Bild, das ich in der Nähe vor mir sah,

nahm all' mein Aufmerken gefangen.

Da lag vor mir weit hingestreckt ein Wiesenplan, der beinahe die

ganze Breite des Berggipfels einnahm. Sonst besuchte diese Stätte wohl

nur der Hirt mit seiner Heerde, wenn er sie hinauf zur Weide trieb,

oder auch die Bauern kamen dahin zur Grummetzeit, und wenn sie auf den

anliegenden Feldern ackern oder ernten wollten. Aber heut' gieng's auf

der Höhe ganz anders, lärmend und fröhlich zu. Zu Haufen stunden da

die Menschen umher, thaten sich gütlich und hatten ihre Kurzweil, die

gekommen waren, das Lustlager der Herren und Ritter und was dabei an

Festlichkeiten vorkommen würde, mit anzusehen. Da verführte

männiglich, wie es zu geschehen pflegt, wenn die Menge müßig ist und

in Erwartung neuer Dinge, ein Getöse rings um mich her, da ich unter

sie schritt, daß es schier in meinen Ohren erbrauste. Ich merkte bald,

daß der Meisten Augen und Sinne nach jener Seite gerichtet waren, wo

ich gleich anfangs, da ich die Aue übersah, das Lager der Herrschaften

wahrgenommen hatte.

Da war unter einem Nußbaum, der hoch und weit seine dichtbelaubten

Äste streckte, und etwas in der Mitte der Bergwiese stund, von seinem

Stamme aus ein Überdach aus buntem Gewebe gespannt mit purpurnen

Quasten, das vorne Stäbe trugen, die in Gold und Silber erglänzten.

Unter diesem Überdach zur Erde waren Teppiche gebreitet mit

schimmernden Borten; darauf stunden Sessel, die auch mit kunstreich

gesticktem Zeuge überdeckt waren; als das Meisterlichste aber in

zierlicher Arbeit und reicher Pracht mußte Jedermann die Decken

auserkennen, so von der Höhe des Daches zur Erde niederhiengen und

hinten den Raum abschlossen: sie schienen aus lauter Seide, Purpur und

Gold gewebt zu sein. Als ich mit Staunen all diese edle Kunst

betrachtete und Einen, der mir zunächst stund, fragte, was wohl des

Gezeltes Bedeutung wäre, sagt' er mir, das wäre für die Braut

bestimmt, von da aus den Spielen zuzuschauen, die zu ihren Ehren

würden gehalten werden. Die reichen Decken aber hätte der Bischof aus

seiner Hofhaltung von Speyer hergeführt. Daß ich da wieder vom Bischof

Gebhard hörte, schuf mir wenig Freude, und mahnte mich daran, daß ich

sicherer anderswo weilte, als wo er mir begegnen könnte oder ich ihm;

doch er kannte mich ja nicht von Person, und wie sollte mich Irgendwer

aus der Menge herausfinden, so ich mich nur klüglich hielt. Zudem

wuchs mir heftig die Neugier, da ich von der Braut hörte, ihren Namen

zu erkunden und ob es wohl Irmela wäre. So lugt' ich denn mit Eifer

nach vorn, vielleicht da unter den Knechten, die hin und wieder

liefen, einen vom Elzeburger Gesinde zu erkennen. Mit meiner hohen

Gestalt sah ich, wenn ich mich ausreckte, leicht über die Häupter der

Meisten. So erblickt' ich denn, ungehindert von dem Haufen, der mich

umdrängte, Alles, was da für die Herren und ihre Gäste hergerichtet

war. Ich sah reiche Gezelte und unter grünem Gezweig Tische, das Mahl

zu halten. Seitwärts im Schatten des Waldraines stunden Rosse und

Saumthiere, mit Halftern an die Äste der Bäume gebunden, oder an

eingezäunten Stellen grasend.

Unweit von da waren von Brettern Tische und Bänke für die Knechte

hergerichtet, und unterschiedliche Rauchsäulen, die hie und dort

hinter Bäumen emporstiegen, ließen erkennen, daß man zum Mahle

rüstete; wie denn auch jetzt schon unter einer schattenden Buche ein

Schenke aus einem großen Faß Jedermann, der aus dem Volk da hinzutrat,

den Becher oder Krug füllte. Wiewohl nun da die Geschäftigkeit der

Diener um die Zelte und Tische groß war, und auch ritterliche Herren,

in reichem Schmuck gekleidet, sichtbar wurden, so konnt' ich doch aus

der Menge Keinen unterscheiden als einen Solchen, den ich vordem schon

gesehen hätte. Aber all' dies Wesen und Leben vor mir erschien meinen

Neulingsblicken doch so werth der Betrachtung, daß ich nur immer

unverwandt hinstarrte und mit Herzklopfen nach den Zelten, ob etwan

aus deren einem die Braut schreiten möchte.

So mocht' ich höher denn sonst mich gereckt haben, gar nicht achtend,

ob ich nicht auch selbst ringsum Allen so bemerkbar würde, als ich

hinter mir eine Stimme vernahm, von der ich gewiß war, daß ich sie

nicht zum ersten Mal hörte.

»Sieh dort den Mönch, der mit uns briet

Dein Gänslein, eh' uns Krumholz schied.«

Darauf kam die Antwort:

»Wie Dir sein Kleid auch wohlgerieth:

Ihm liebt nicht mehr, Gesell, Dein Lied.

Drum fort, daß er uns nicht ersieht!«

Geschwind hatt' ich mich bei dieser Wechselrede, deren Sinn mir nur

allzuverständlich war, umgewandt; aber gar eilig befolgte das

ungleiche Paar den Rath des Kleinen, und nur noch einen kurzen

Augenblick sah ich die Beiden, wie sie sich mit Ungestüm durch die

Menge hindurch drängten, in der sie sogleich darauf verschwunden

waren. Da mußt' ich bei mir lachen, daß hier Jemand vor mir die Flucht

gab, dem doch selber nichts mehr Noth that, als unbemerkt zu bleiben

und unerkannt. Und so gedacht' ich hinfort fürsichtiger zu sein und

mich sorglicher unter dem Haufen verborgen zu halten.

Aber da geschah es, daß, mir zum Wenigsten ganz unerwartet, drüben um

die Gezelte eine Bewegung nicht kleine entstund und Diener in bunten

Röcken unterschiedlicher Farben, wie die Sitte ist bei solchen Festen

der Ritterschaft, hervorsprengten und mit Stäben, die sie in Händen

schwangen, die umherstehenden Leute zurücktrieben, daß vor uns der

ganze Platz frei würde. Wie nun von den also Bedrängten der Eine hier

und der Andre dahin lief, und ich, des Dinges ungewohnt, zuerst nicht

wußte, wohin ich mich wenden sollte und hernach öftermalen immer

wieder an einen Wärtel gerieth, der mich dann mit Schelten

zurücktrieb, so fiengen die Leute an über dies Spiel zu lachen, was

mich noch mehr verwirrte, so daß ich endlich gar nicht mehr durch die

Vordersten durchbrechen konnte und Allen sichtbar vorn unter den

Ersten stehen bleiben mußte.

Doch im nächsten Augenblick waren Aller Augen nur vor sich nach den

Zelten gerichtet, sich nichts entgehen zu lassen, was da vorgieng. Da

traten zuerst die zween Wappenherolde hervor, die ich schon unten im

Thale gesehen hatte, stellten sich an den Eingang des einen sonderlich

geschmückten Zeltes, richteten ihre Banner auf, setzten ihre Hörner an

den Mund und ließen die ertönen, daß es ringsum aus dem Wald und

trüben von den Bergen wiederhallte. Da ward Alles still, und heraus

traten aus demselben Gezelt der Bischof Gebhardus Spirensis, auf

dessen Ornat ein Kreuz mit Edelsteinen funkelte, das da an güldner

Kette ihm an der Brust befestigt war, und ihm zur Seite ein junger

Ritter, stolzen und strengen Aussehns, über dessen Schulter nach

fränkischem Schnitt an seidnen Schnüren ein Mantel hieng von Sammet

und köstlichem Zobel. Dieser Ritter, so hört' ich, war Gebhard's

Neffe, reich an Gütern und aus fürstlichem Hause; ihm hätte der Ohm

selber die Braut geworben, die jetzt gen Speyer geleitet würde, und

Wunder hörte man von dem Mahlschatz sagen, der ihr bestimmt wäre.

Während dem schritten die Beiden, die Herolde voran und in ihrem

Gefolge Herren und Junker und dem Zuge zur Seite Knechte mit

Hellebarden oder gezogenen Schwertern, einem gegenüber aufgeschlagenen

Zelte zu. Allda machten sie Halt und zween Edelknaben giengen hinein.

Alsbald stießen die beiden Herolde wiederum in ihre Hörner, daß es

laut erscholl. Da wurden die Zeltvorhänge zurückgeschlagen und heraus

ward die Braut geführt; ihr folgten Dienerinnen. O, ich erkannte sie

wohl und Den, der sie an der Hand führte, ob auch gleich, seitdem ich

sie zuletzt gesehen, eine große Veränderung mit ihr vorgegangen war!

Ihre Schönheit, däuchte mich, war strahlender geworden: nicht Dank der

Pracht, welche die Maid da trug; denn Wer mochte noch dem seidenen

Gewande mit den gestickten Borten, dem edlen Gesteine am purpurnen

Gürtel und dem sonstigen Geschmuck einen Blick gönnen, wenn er nur

einmal dies Angesicht geschaut hatte, das da vom Schleier umwallt

leuchtete, wie wenn Lilien und Rosen zusammenstehen. Sondern was nach

meinem Wähnen ihrer Schönheit zur Erhöhung diente, war, daß sie all'

der Zier, mit der man sie heute sah, nicht zu begehren noch zu

bedürfen schien, und daß sie auf die Herrlichkeit, die sie hier umgab,

kein größeres Aufmerken hinkehrte, wie mich däuchte, als damals auf

ihre einfache Tracht, in der ich sie in Elzeburg zu sehen gewohnt

gewesen war. Und dies eben schien mir als eine Veränderung in ihrer

Seele, daß sie an der gegenwärtigen Pracht keinen größeren Antheil

nahm, die doch, als ich wähnte, vor wenigen Wochen über den geringsten

Theil dieser Augenweide der kindlichen Freude viel gezeigt hätte.

Als die Maid hervortrat, neigte sich vor ihr Ritter Conrad mit

zierlichem Gruß, den sie mit Züchten erwiederte, wie sie auch mit

Ehrerbietung vor den Bischof trat. Da ward von allen Seiten ein

freundlich Grüßen gethan. Darnach trat der Bischof der Braut zur

Seite, sie zu geleiten, als der die größte Ehre an diesem Tage

gebührte, und zu ihrem Ohm Eberhard gesellte sich der Bräutigam.

Hernach folgten die Andern in ihrer Ordnung. So begaben sie sich

allsammt nach dem Sommerzelt, das am Nußbaum ausgespannt war, wo auf

den Sesseln Irmela in der Mitte und ihr zu beiden Seiten der Bischof

und der Graf sich niederließen. Hinter sie stellte sich Conrad und

sonst zween oder drei der Edelsten aus Gebhard's Gefolge. Die Andern

alle, Ritter, Junker und Knechte, ordneten sich, ein Jeglicher, wie

ihm gebührte, diesen Herrschaften zur Rechten und zur Linken.

Wie ich das Alles betrachtete, wundert' ich mich, wie wenig doch

Irmela, der zu Genieß dies Gepränge bereitet war, die Glückseligkeit

einer Braut sehen ließ; wie selten sie des Mannes achtete, der ihr zum

Gemahl erkoren war, und nur wenn er mit ihr redete; wie liebevoll

sorglich aber oft ihr Ohm sich zu ihr wendete und wie freundlich

jedesmal ihr Angesicht lächelte, wenn er's that, als sollt' er nicht

zweifeln, daß sie ganz glücklich wäre.

Nun gab der Bischof ein Zeichen, die Diener geboten dem Volke Stille

und einer der Herolde trat vor, verneigte sich gegen die Herrschaften

im Gezelte und rief dann, zum Volk gewandt, mit lauter Stimme

folgendermaßen:

»Nachdem es seiner bischöflichen Gnaden geliebt hat, ihren Neffen, den

trefflichen Ritter Conrad, von Gernstein zubenannnt, auf seiner

fröhlichen Brautfahrt hierher zu begleiten, haben Sie zu mehrerer Ehre

dieses Tages und zur Erhöhung werther Lustbarkeit nach alter Sitte

öffentliche Spiele halten wollen. Und weil denn die vieledle Braut«

(hierbei neigte der Herold sich gegen das Fräulein) »der preislichen

Singekunst sonderlich zugethan ist, lassen Seine bischöfliche Gnaden

zuvörderst Alle, die in der Singekunst etwas vermögen und sich deß

getrauen, hiermit zum Wettkampf entbieten, darin ihr Bestes zu

versuchen. Ein Kranz und silberner Becher ist der Preis. Die holde

Braut selber wird die Gabe darreichen Dem, den sie als Sieger

auserkennt.«

Darauf schwieg dieser Herold und trat zurück an seinen Ort. Da winkte

der Bischof einem Edelknaben, der hinter im stund. Der kam hervor, bog

vor Irmela das Knie und bot ihr in silbernem Gefäße, das er in Händen

trug, ein weißes Blatt und Griffel dar. Sie nahm Beides, reichte es

aber hinter sich dem Gernsteiner. Der besann sich nicht lange,

beschrieb das Papier und legt' es wieder in die Schüssel. Nun gieng

der Knabe, nahm das Blatt heraus und übergab es dem andern Herold.

Nachdem dieser gethan, wie der erste, entfaltete er das Papier, erhub

seine Stimme und las, was da geschrieben stund:

»Woraus die Herzensliebe zumeist Gedeihn gewinnt!« Das ist's, worauf

die Singer Antwort geben sollen, wer die beste findet. Wohlauf denn,

wer hoher Ehren begehrt! -- Zum Sinnen ist eine kurze Frist

verstattet!«

Dies schien mir nun eine geschickte Zeit, mich von der Stelle hinweg

zu machen, auf der ich stund. Nicht allein des Bischofs wegen, wenn

ihn etwa die Lust ankäme, nach dem Klösterling zu fragen und mich vor

sich zu bescheiden, sondern ich scheute mich nicht weniger, in dieser

meiner Tracht von der Jungfrau Irmela erkannt zu werden; und nahe

genug war ich ihr da. Ich sucht' also und fand, da nun eine

Zwischenzeit, bis sich das Wettsingen anheben sollte, gegeben war,

eine Gasse durch die Menge und war bald im Walde ihr entgangen. Aber

vom Schaun der Herrlichkeit wie von der Erwartung, was nun folgen

sollte, war mein Gemüth so erregt, daß es mir eine Pein schien, dem

Spiele fern zu bleiben. Auch war mir, ich wußte selber nicht warum,

Irmela's Anblick hier im festlichen Glanz so leid wie lieb gewesen,

aber ein sehnendes Verlangen zwang mich zurück, sein ferner zu

genießen.

So hieng ich zwischen der Lust, mich wieder hinzukehren, und der

Sorge, durch meine Tracht in Beschwerniß zu gerathen. Da vernahm ich

von ferne den Schall der Hörner und den Ruf des Heroldes, daß das

Spiel begönne. Alsbald sucht' ich mir einen sicheren Versteck unter

überhängendem Gestein. Daselbst legt' ich meinen Klosterrock ab,

verbarg ihn wohl und kam in der Singertracht herfür, die ich mir in

Elzeburg zum Lohne verdient hatte.

Eilig kehrt' ich nun zurück und mischte mich unter's Volk wie vorhin,

nur daß ich so weit wie möglich von meinem ersten Standorte fern blieb

und mich weislich nicht unter die Vordersten drängte.

Schon hatte das Wettsingen seinen Anfang genommen und unter den

Zusehern, acht' ich, merkte Keiner eifriger darauf, als ich. Wie viel

Singer vortraten, ihr Vermögen zu erproben, weiß ich nicht. Sie

zeigten Alle ihre beste Kunst. Auch der Lange, mein einstiger

Reisegesell, der mich mit in die Waibstädter Händel gebracht hatte,

kam, sich Kranz und Becher zu ersingen. Ich bückte mich, da er in den

Kreis trat, denn mir schien, als säh' er sich sorglich um und schritte

nur zögernd hinzu; aber der Kurze hinter ihm, sah ich wohl, trieb ihn

vorwärts mit Ermunterung und Spott. Wohl durfte sich der Fiedler sehen

lassen, denn Frau Aventiure war ihm, nach seinem Kleid, das er jetzt

trug, zu urtheilen, hold gewesen, wenn er's anders seiner Kunst

verdankte. Daß die nicht kleine war, ward auch am Spruch offenbar, den

er hören ließ. Lautes Lob erscholl, da er zu Ende war.

Derweilen saß Irmela, das Haupt ein wenig auf den linken Arm

stützend, und regte sich nicht. Ihre Augen waren gesenkt, und nur

selten ließ sie einen Blick über den Singer gehen, der vor ihr stund.

An dem Allen war zu spüren, wie aufmerksam sie auf das Gesungene

hörte, und wie sie nachsann über das, was ihr Ohr vernahm. Doch ihr

Eifer, Alles recht zu erfassen, schien mir kein anderer, als den sie

damals erzeigt hatte, da sie von mir die alten Mären vernahm, von

Sifrit, dem kühnen Recken. Sie hatte wohl Freude daran, aber Herz und

Sinn giengen ihr dahin nicht. Sie achtete auf die Kunst, die da

bewiesen ward; aber ihr Gemüth, schien es, war nicht vertraut mit dem,

was sie hörte. Daß sich das Fräulein also erzeigte, däuchte mich

verwunderlich und nicht so gethan, wie ich mir's von einer jungen

Braut gedachte, die zu ihrem Trauten Herzenliebe trüge.

Nun wuchs aber auch mir unterm Hören der Eifer um die Sache, der sich

da die Singer beflissen. Sie gaben auf die Frage, so ihnen gestellt

war, unterschiedliche Antworten. Der Eine rühmte Ehre und tugendliche

Sitten, als wodurch der Liebe Gedeihn erwüchse; der Andere strich dazu

die Freude aus und hochgemuthes Leben; ein Dritter Herzensreinheit und

Treue falschesfreie; ein Vierter glückselige Schönheit und frohe

Jugend. Und zuletzt wandten sie immer ihren Spruch auf das Brautpaar

vor ihnen, als bei dem solche Gaben und Tugenden im Überschwang zu

finden wären, und ließen es ihm an keinem Lobe fehlen. Doch davon

schien sich Irmela nichts anzunehmen, nicht zwar aus Stolz, sondern

als wüßte sie nicht, warum sie solchen Ruhm sonderlich werth halten

sollte.

Da rief der Herold wieder, ob noch Einer da wäre, der sich des Singens

unterwinden wollte. Denn so Viele zuerst in den Ring getreten waren,

die hatten nun Alle das Ihre gethan und stunden seitwärts, des

Richterspruches harrend. Wie Alles stille blieb, geschah es, als ich

wahrnahm, zum ersten Male, daß Irmela ihre lichten Augen aufhub und

frei umschweifen ließ über die Menge.

Da schlug mir mein Herz hoch auf, denn mir war's in dem Augenblick

nicht anders, als erwartete sie mich zu sehen. Und so that ich ohne

Wahl einen Schritt vorwärts. Wie diese meine Bewegung nun gerade auf

den Ruf des Herolds geschah und nach meiner Tracht die Leute mich wohl

für einen Singer halten konnten, der zu diesem Feste seinen besten

Schmuck angelegt, so wichen sie seitwärts und riefen den vorn

Stehenden zu, das Gleiche zu thun und mich durchzulassen. Da war auch

schon ein Diener zur Stelle und schuf mir Raum, mich in den Ring zu

geleiten.

Noch stund ich im Zweifel, was ich thun sollte. Aber als ich nach dem

Herrensitz hinblickte und sah, wie Irmela, das edle Kind, mit Freuden

mich gewahrte und mit stummem Gruße mir zu winken schien, da hätte

keine Scheu und kluge Fürsicht mich zurückgehalten; und nur heftiges

Sehnen überkam mich, ihr noch einmal nahe zu sein, wohl zum letzten

Mal, und mit der Kunst, durch die ich ihr werth geworden war und die

ich ihr verdankte, ihr zu gefallen und sie zu grüßen auf

Nimmerwiedersehn!

Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit · 第 10 / 17 段