hatte, so es möglich wäre, gegen Niemand im Convent zu reden: ich
würde denn gedrungen dazu. Denn ich wußte wohl, daß dann des Fragens
kein Ende sein würde, auch des Spottes nicht und des Verdachts. Nur
wie ich vor Abt Albrecht bestehen sollte mit meiner Beichte, wenn er
mich vor sich erfordern würde zur Rechenschaft von meiner Reise und
von dem, was ich ausgerichtet -- das schuf mir Noth. Mein Bleiben auf
Elzeburg, und daß ich mir die Verwechselung so lang gefallen ließ, die
Ursach' auch, aus der ich dahin gerathen, meine Gesellung zu den zween
Fahrenden: wie konnt' ich denken, dies Alles dem Gestrengen so
glimpflich fürzubilden, auch wenn ich dabei der besten Kunst brauchte,
die ich vermöchte, daß er darob seine Gunst nicht von mir wendete,
mich hart anließ' und gar in die Geißelkammer schickte zur Pön und
Büßung.
Damit aber war es mir viel besser gerathen, als ich mich deß versehen
hatte. Denn da ich wieder gen Maulbronn kam und in den Klosterhof
trat, und die Brüder, eine gute Zahl, mich sogleich umringten, so
Viele meines Kommens wahrgenommen, und ich von allen Seiten hörte:
»_Salve, Diethere!_« oder: »_Quid novi?_« oder: »Heah, Diether, wie hast
Du ein ander Aussehen gewonnen auf der Fahrt!« und da beinahe ein
Getümmel entstund von der Menge der Herzulaufenden und dem
»Diether«-Rufen -- so merkt' ich allsogleich, daß es heut an Abt
Albrecht's Regiment fehlen müßte, denn es war die Stunde des Tages, da
sonst keiner der Brüder, zwingende Ursach' ausgenommen, sich in Hof
und Kreuzgang zeigen durfte. Wie ich denn des Abtes drohende Gestalt
nirgend aus einer Pforte oder zwischen Pfeilern hervortreten sah,
fragt' ich nach ihm. Da thaten sie mir Bescheid, daß er, hochwichtige
Rechte unseres Klosters zu verfechten, gen Pforzheim gezogen wäre,
allda mit etlichen hohen weltlichen Herren zu handeln, die sich
unterwunden, unseres Stiftes Privilegien anzutasten. Unser Prior, dem
er zumeist vertraute, wäre auch mit ihm, und so möcht' ich mich um
deswillen nichts besorgen, sondern unter ihnen bleiben und von meiner
Fahrt erzählen. Da sagt' ich ihnen, vom weiten Wege wär' ich übermüde,
und ob sie nicht wüßten, daß zu dem Willkomm', damit man den Waller
begrüße, bevor Allem sich die Atzung schicke, die man ihm erbiete.
»Und wenn Ihr mir die gegönnt habt«, sagt' ich, indem ich dem
Refectorio zuschritt, »so seid gefüge und laßt mir heute die Ruhe, die
ich Wegmüder wohl mir verdienet habe.« Da meinten Etliche, ich wäre
wohl gar stolz worden, die Meisten aber lachten und sagten, man sähe,
daß ich in des Bischofs Pfalz die höfischen Sitten erlernet hätte.
Nun ward mir nicht um ein Kleines sänftiglicher zu Sinne, daß ich
dergestalt heut und morgen des Erscheinens vor des Abtes hellem Auge
überhoben war; und wie ich mich der Brüder, sonderlich der Neugierigen
unter ihnen auch ferner erwehrte, ihnen von meinen Aventiuren nichts
zu verrathen, auch dazu ward mir Rath. Denn andern Tages früh,
sogleich nach der Matutin, überkam ich den Befehl, den der Abt für
mich zurückgelassen hatte: ich sollte, sobald ich von meiner Fahrt
heimgekommen, schier ungesäumt mich an mein Malwerk in der Kirche
machen und dasselbige also fördern daß die Verzögerung, so ihm durch
mein Abwesen widerfahren, nach Möglichkeit wiederum eingeholt würde.
Behender, dünkt mich, bin ich nie auf's Gerüst hinangestiegen, als
dazumal, und lieber hab' ich nimmer darauf mit Stift und Pinsel
geschafft, noch eifriger. Und das nicht allein darum, weil ich, so
lang' ich droben weilte, vor aller Bedrängniß durch lästige Frager
geborgen war; -- denn Niemand durfte mich aus sonderlichem Untersagen
des Abts da heimsuchen, er mußte denn zu Hilf' und Handreichung von
mir begehrt sein -- sondern ich erfand auch eben da, wie weise Brun
bei meinem Abschiede mir gerathen. Ja, noch trefflicher wies sein Rath
sich mir aus, als er wohl selbst gedacht hatte. Denn diese Arbeit,
dazu jeder Tag mich rief, lenkte freilich all' meine Gedanken auf sich
und forderte mein Vermögen, es gänzlich daran zu kehren. So wurde mein
Gemüth vom unruhigen Schweifen durch sie heilsam zurückgehalten. Aber
da bewies Frau Kunst an mir Unmüßigem noch eine besondere Tugend. Denn
sie versagt denen, die sie meinen und minnen, nichts von Allem, wonach
sie Herze tragen, und freiet sie doch zugleich von vergeblichem Sehnen
darnach und seiner Unlust. -- Sie läßt die Seele der Dinge, daran sie
hängt, genießen, als wären sie beständig gegenwärtig, und kein Herbst
drohte den Blüthen und keines Todes brauchten sie sich zu entsetzen;
damit mein' ich gar nicht, daß die, so einer edlen Kunst rechte Jünger
sind und mit solcher Gotteskraft begabt, Leid und Mühe in der Übung
solcher Gabe nicht kennen: der Wiederhall von der Menschheit Weh und
Wonne, ja von Himmel und Hölle ertönet wohl lauter in ihrem Herzen als
in anderen; aber das sag' ich, daß die Bilder der Dinge in ihrem
Gemüth sich spiegeln können in all' ihrem unterschiedlichen Licht und
Glanz, und dennoch das Herz davon nicht verwirrt wird, sondern in der
Stille bleiben kann und edlen Freiheit.
Also, ist mein Wähnen, geschah auch mir in jenen Wochen nach meiner
Wiederkunft, da ich das Bild malte im Chor vom englischen Gruß. Ohne
Absicht gerieth es mir da nach dem Bilde, das ich von den draußen
erlebten Maientagen in der Seele trug, und je eifriger ich allen Fleiß
zu meiner Arbeit kehrte, desto näher brachte sie mir das Erlebte, und
Vergangenheit und Gegenwart, Thun und Betrachtung flossen in Eins
zusammen und störten sich nicht. Da geschah's auch, daß, wie ich die
sel'ge Gottesmutter auf das Bild gebracht hatte, die hehre Fraue
Irmela's Züge an sich trug, und ich hielt's nicht für sündlich,
sondern setzte mit Freuden die Glorie um's Haupt aus lauterem Golde;
denn ich gedachte, daß wir ja auch das Heiligste nicht anders bilden
können, als indem wir Gottes Creatur dafür zum Gleichniß erkiesen. Ich
malte aber auch unter das Laub, so die heilige Maria überhängt, ein
Gezweig blühenden Flieders und zu der Lilie im Gefäß that ich ein Reis
mit röthlich schimmernden Apfelblüthen. Solches und Anderes fügt' ich
hinzu, nach dem Bildniß, das ich von Elzeburg mit mir gebracht hatte.
Als es nun Alles vollendet war, mit größerem Fleiß und eifrigerem
Trachten das Beste meines Vermögens zu thun, als ich je zuvor an ein
Bild gekehrt, däuchte mich's wohl gerathen und ich dachte: »Was
gilt's! Schwerlich hätte Abt Albrecht dem welschen Bilde, nach dem er
mich ausgesandt, eine bessere Zierde für unsere Kirche verdankt, als
er nun gewonnen hat!«
Mit solchen Gedanken saß ich nieder in's Gestühl an jenem Vormittag
mit dem Behagen Eines, der sein Werk vollbracht hat und nun ganz der
Ruhe genießt. Aber da zog der Sonnenstrahl meine Betrachtung hinweg
vom Bilde und lenkte sie hinaus, und zum ersten Mal nach meiner
Heimkunft, dünkt mich, stieg in mir die Frage auf, ob ich wohl für
immer von dieser bunten Welt draußen und von Elzeburg und ihrem
Ingesinde sollte geschieden bleiben. Irmela's Zuversicht kam mir in
Gedanken, die sie bezeugte, da sie mir beim Scheiden die Hand bot, daß
sie mich um die Sonnenwende zu Speyer wieder zu sehen gedächte, als
ihrem Ohm gesindet. Ich mußte auch gedenken, wie sie sagte, sie
verhoffe noch manche Lieder von mir zu hören und fröhliche. »Wie wird
sie sich verwundern«, dacht' ich, »wenn sie vernimmt, ich sei
entschwunden«, und ich fragte: »ob sie dann auch meiner Bitte sich
erinnern wird, die ich that, nimmer schlimm von mir zu halten?« Und
ich wünscht' es mir also. -- »St. Johannistag ist nahe«, dacht' ich
wieder, »nun wird das Mägdlein auf sein gen Speyer; leichtlich ist sie
schon allda. In der Kurzweil' und im fürstlichen Glanz des Hofes wird
sie die enge Burg am stillen Wiesenthal bald vergessen haben -- und,
eitler Diether, noch bälder Dich!«
Da wandte ich mich hinweg vom Sonnenstrahl, denn er, so schien's mir,
lockte meine Gedanken auf diese Bahn, und ich beschloß, solchem Sinnen
nicht ferner nachzuhangen. Brun's gedachte ich und seiner Mahnung, da
er mich von sich ließ; ich gedachte auch der traurigen Geschichte, die
er mir erzählt hatte. Wie war er doch selbst von ihr so bewegt worden
und wie eindringlich warnte sie mich! Am Tage nach jener Nacht, da ich
ihn so gar verändert und erschreckend gesehen, hatte er Alles dessen,
was er da gethan und gesprochen, nicht mehr gedacht, als wär' es von
ihm vergessen wie ein Fiebertraum, aber mit viel freundlichen Worten
hatte er meine Lust gelobt in's Kloster zurück und sie gemehrt. Auch
hatt' er mir gesagt: diesmal sollte unser Wiedersehen nicht aufgespart
bleiben, bis ich auf's Neue eine Verwandlung leiden und die Flucht
geben müßte, denn dann würd' er und gewißlich ich auch sie nimmer
wünschen; sondern um meinetwillen wollt' er unterweilen aus seiner
Waldestiefe herfürtauchen und mich heimsuchen im Kloster. Einem alten
Waldbruder würde der Convent den Eingang nicht versperren. Um den
Johannistag wollt' er mich sehen. Dessen gedacht' ich jetzt und wie
übelgethan es von mir wäre und Zeichen eines unverständigen Sinnes,
wenn ich des treuen Berathers vergäße, den ich mir gewonnen hatte, und
außer seiner Gunst von meiner Reise sonst noch etwas mehr begehrte,
als was sie mir droben für mein Bild eingebracht hatte. -- »So will
ich denn«, sagt' ich bei mir, »in dieser Sommerzeit nur des Alten
harren und sonst nichts suchen zu schauen von Allem, was jetzt das
Sonnenlicht mir gezeigt.«
Ich hatte mich wohl kaum erhoben und gedachte die Kirche zu verlassen,
als ich im Laienchor feste und eilige Schritte hörte, und gleich
darauf durch das Lettnerpförtlein Abt Albrecht und hinter ihm der
Prior sichtbar wurden. Er war immer ein Herr von wenig Worten, und so
mocht' er auch von Andern keins zum Überfluß hören. So fragt' er nach
kurzem Gruß allsogleich, wie's mir mit dem Bilde gerathen wäre. Ich
verneigte mich und wies hinauf. Er betrachtete das Werk aufmerksam und
rief dann nach kurzer Weile:
»Ei, Diether! Das ist Dir trefflich gerathen, und an dem Eifer, mit
dem Du daran geschafft hast, vermerke ich mit Freuden, wie fördersam
Dir die Reise gewesen ist. Zwar«, fuhr er fort, » ich sehe, Du hast
von dem Deinen hinzugethan, aber ausbündig herrlich muß das Muster
sein, nach welchem Dir hier dies Bild unserer lieben Frau gelungen
ist, und nicht zuviel nach meinem Wahn hat man mir die hohe Kunst des
welschen Meisters gerühmt.«
Und er betrachtete wieder das Bild.
»Wir sind wohl zufrieden mit Dir«, sagt' er dann noch, indem er sich
zu mir kehrte -- »erwarten nun aber, daß Du nicht minder Eifer und
Kunst an dem Werke beweisest, das Dir noch zu thun vorhanden ist.
Hier, weißt Du, sollen die heil'gen drei Könige fürgestellt werden
(und er zeigte auf die Stelle der Wand), wie sie gezogen kommen, den
Gottessohn anbeten und ihre Gaben opfern. Dies sei das Bild, Diether,
das Du nun angreifest. Und ohne Verzug! Denn wenn Du Profeß thust, muß
zu mehrerer Ehre solcher Feier all' diese heil'ge Zier von den Wänden
auf Dich herniedersehen, der durch Gottes Gabe und Gnade sie dahin
gebracht hat.«
»So eben zur Stunde, ehrwürdiger Vater«, sagt' ich bescheiden, »hab'
ich das Letzte dort am englischen Gruß gethan.«
»So ruhe heut«, sagt' er wieder, »und heb morgen mit den heil'gen drei
Königen an.«
»Noch weiß ich nicht, wie ich's am Besten angreifen mag, und die
Königliche Pracht fürzubilden dünkt mich schwer zu sein, der ich des
ritterlichen Wesens wenig erschaut habe.«
»Doch mancherlei davon, Diether, ist sonder Zweifel Deinem Auge kund
worden auf Deiner Fahrt, und wie hier am englischen Gruß der Gewinn
spürbar ist, den Deine Kunst aus Deiner Wanderung gezogen, so verhoff'
ich, wird auf dem Bild von den Weisen aus dem Morgenlande noch mehr
davon sichtbar werden. -- Wohlauf, Diether! sei Dir heute Freiheit
gewährt, durch Feld und Wald zu streifen. Brauch' solcher Muße, dem
Werke nachzusinnen, das Dir nun obliegt. Ist es nur erst in Deiner
Seele lebendig, so werden die Hände bald nachfolgen, es zu gestalten.
Nur zögere nicht und laß Deine Kraft nicht erlahmen. Was etwan durch
Dich von Gebhardus Episcopus aus Speyer mir entboten ist, darüber
sollst Du mir berichten, wenn ich Dich mit Nächstem darum vor mich
fordere. Denn zur Zeit liegt Anderes zu Recht zu bringen uns hart an.«
Damit winkt' er seinem Begleiter, hub zu Gruß und Segen die Hand gegen
mich, und als ich aufsah, schritten sie schon das Pförtlein hinaus,
durch das sie gekommen waren.
Da verließ auch ich die Kirche. Nach des Abtes Rath und dem Antriebe
meines eigenen Herzens eilt' ich die Klostermauern hinter mir zu
haben. Wacker waren meine Schritte, da ich den Weg hinan schritt gen
Bretten, und doch hatt' ich kein Ziel. Mich trieb's nur zur Bewegung,
und zu rasten wär' mir unmöglich gewesen. Und ob ich gleich mit allem
Fleiß mein Gemüth dahin zwang, über das Bild zu sinnen, das ich
allsofort zu malen anheben sollte, so gelang es mir damit nicht, meine
Gedanken zur Ruhe zu bringen und zum stillen Aufmerken, wie meine Hand
das Alles gestalten möchte. Sondern immer wieder schweiften sie hinaus
und zurück in die Welt, der ich ungedacht eine Weile zugesellt gewesen
war. Ja, das Sinnen über das Malwerk selber, so mir aufgetragen war,
half ihnen heute auf diesen Weg. Denn so oft ich mir die heiligen
Waller fürstellte mit ihrer reichen Pracht, und mit ihnen den reisigen
Troß; immer wieder waren es da Gestalten von Elzeburg, die dahin
zogen, zierlich geschmückt, und dann schienen sie mir mit ihren
Fähnlein zu winken, als grüßten sie herüber und riefen: »Irmela der
Herrin fahren wir entgegen!« Dann war's, als müßt' ich selber mich zu
ihnen gesinden und ich sähe mich da auch unter dem Troß.
Da sprach ich zu mir: »Diether, es taugt Dir heut hier außen nicht,
mach' Dich zurück in die Abtei, schleuß Dich ein in Deine Zelle, nimm
Kohle und Stift zur Hand, und hefte Dein Auge stracks nur auf's
Papier, so werden die schweifenden Gedanken zur Ruhe kommen!« Aber dem
Willen folgte die That nicht, und statt umzukehren, schritt ich
fürbaß, als würde ich vor mir stärker gelockt.
Nun machte der Weg, den ich zog, eine Wende und lenkte zwischen
felsigten Bergen in ein Thal hinein, das mit grünem Wiesenplan gar
freundlich sich vor meinen Blicken aufthat. Hier wandelt' ich zumeist
schon im Schatten, der die Hitze des allgemach sinkenden Sommertages
milderte, indeß droben auf den Höhen das röthliche Gestein, von hellem
Grün dicht belaubten Buchenwaldes umgeben, im Glanze der Sonne desto
leuchtender herniedersah. Mir zur Seite floß ein rauschendes Wasser.
Seine Wellen hüpften in Sprüngen dahin, als lüden sie mich ein
auszuschreiten ihnen nach, und wüßten mir noch Schönes zu zeigen. Und
fürwahr! darin trogen sie nicht. Denn nicht gar lange war ich das Thal
hindurchgezogen, da that sich mir ein Bild auf, unmaßen lieblich dem
Auge anzusehen. Hier waren die Bergzüge noch höher, aber sie stiegen
zu beiden Seiten sanfter hinan und hatten in ihre Mitte, als wollten
sie es beschirmen mit Riesenarmen, ein Dörflein genommen. Das hieng an
der Lehne eines waldigen Hügels, aus dem ein Felsen steil
emporstarrte. Auf diesem Felsen ragte eine bethürmte Burg, gar trutzig
über die Dächer unten hinausschauend in die Ferne, dem wachsamen
Hirten gleich, der sich bewehrt hat, seine Heerde vor dem Wolf zu
schirmen. So friedlich und sicher lagerten sich hier die Häuser an den
Bergeshang, der die Burg trug, dicht zusammengedrängt, und nur hie und
da lugte noch ein Dach weiter unten im Thal zwischen breitwipfligen
Nußbäumen hervor. Rebenpflanzungen und Ackerfelder bis oben an den
Waldrand der Berge, wohlbestellte Gärten und fette Weiden um's Dorf
her bezeugten, daß es diesem Winkel der Erde nicht am Segen des
Himmels, noch am Fleiß der Menschenhände fehlte.
Froh überrascht von dem unerwarteten Anblick hielt ich meine Schritte
an. Noch besser sein zu genießen, klomm ich einen Pfad hinan, der die
Höhe aufwärts führte zur Seite meines Weges. Da gewann ich bald vom
Vorsprung eines Felsens ein herrliches Lugaus. Burg und Dorf und
Gärten und Wiesen, in vielen Schlingungen vom fließenden Wasser
durchzogen, und weiterhin ringsum die Höhen, hier sanfter
anschwellend, dort schroffer emporsteigend, zumeist herrlich prangend
mit reifenden Saatfeldern und weitästigen Obstbäumen, dazu die
mächtigen Waldungen, die oben die Bergrücken bekrönten und auch, wo
Schluchten und Klüfte waren, bis unten zur Wiese sich hinabsenkten:
Dies Alles übersah ich nun mit einem Blick und es däuchte mich, als
schaut' ich ein Bild, gemalt von des besten Meisters Händen. Da zog
sich auch der Weg, den ich gegangen war, weiter zwischen Wiesen und
Gärten an dem Burgberg vorbei in das Dörflein hinein. Drüben, wo es zu
Ende war, ward er wiederum sichtbar, wie er zum Thal hinausführte, das
da als in einem Bogen sich abschloß. Die Straße theilte sich dort, so
daß ein Arm zur Rechten des Wassers blieb und mit diesem zugleich,
sich allgemach krümmend, hinter einem Berge verschwand, der da steil
aus dem Wiesengrunde emporstieg. Quer durch diesen Wiesengrund
linkswärts zweigte sich von dem ersten Weg ein zweiter ab; den führte
eine stattliche Brücke über das Flüßlein, und darnach schien er in das
Gebirg gen Mittag hinaufzuleiten. --
Wie ich so all' dies mit Muße von meiner Höhe aus betrachtete und
mich recht eine Freude durchdrang über die stille Herrlichkeit der
Gotteswelt vor mir, da ward mir's gewiß: Dies wäre mir nicht
vergeblich gezeigt. »Könntest Du«, sagt' ich zu mir, »Etwas ersinnen,
was wohlgefälliger anzuschaun wäre und würdiger, die Stätte
vorzustellen, da die heiligen Könige dem Gotteskinde und seiner Mutter
begegnen -- als hier dies bergumschlossene Gefild? He, Diether! Nun
präge Dir all' diese Augenlust recht tief ein in Dein Gemüth nach
Gestalt, Licht und Farbe; denn traun! wenn jetzt der Abendstern schon
erblinkte und schickte seine Strahlen von dort oben: auf eine minder
wonnesame Welt, wähn' ich, säh' er nicht hernieder, als damals der
Wunderstern, der über Bethlehem stille stund.« Solches sagt' ich zu
mir und ließ meinen Blick über Alles wandern, was da zur Weide vor ihm
ausgebreitet war. Drüben vom Abend her, wo der Weg hinausführte aus
dem Thal, quoll zwischen den Bergen, die dort ein wenig
auseinanderwichen, ein breiter Strom goldenen Lichtes herein und
streifte die Baumwipfel des Waldes und traf auch die Zinnen der Burg.
Von da, dacht' ich, sollte nun die reisige Schaar heranziehen, so die
Helden der Gottesminne geleitet, und wie würden sie voll Freude
jauchzen, wenn sie hier das Ziel ihrer Fahrt ersähen. Und wieder
stellten sich die Gedanken von vorhin ein, wie ein erwünschtes Ding es
doch wäre, wenn ich selber da heute so mitreiten könnte über Berg und
Thal, und zöge durch die geschmückte Welt zur Sommerzeit. --
Träumt' ich da, oder befieng ein Zauber meine Sinne, der mir zum
Spott vor's Gesicht brachte, was doch nicht war?! Denn siehe! Dort
drüben auf dem Wege zum Thal hinein kam's hervor, zuerst nur
undeutlich zu sehen zwischen den Waldbäumen, dann glänzend im
Sonnenlicht, ein reisiger Zug, stattliche Reiter voran und, wie ich am
blitzenden Zierrath erkennen konnte, den Mannen und Rosse trugen,
herrlich geschmückt. Wappenherolde schienen die Vordersten zu sein,
denn sie waren reich in Purpur und Gold gekleidet; sie trugen ein
Banner, und von den Häuptern ihrer Pferde nickten bunte Federbüsche;
ihnen folgten gewappnete Knechte zu Fuß und andere reitend auf Rossen,
die auf's Zierlichste aufgezäumt waren. Darnach kamen Ritter und
Herren, alle prächtig angethan, nicht gerüstet, sondern als hätten sie
sich einem Feste entgegengeziert und an Seide, an Sammet und an
köstlichen Fellen und Borten nichts gespart. Unter ihnen war auch
Einer, der saß gemächlich auf weißem Zelter: nach Hut und Gewand sah
er aus wie ein hoher geistlicher Herr; Diener führten sein Thier. Nach
diesen kamen Saumthiere, mit allerlei Gezeug und Geräth hochbeladen,
wie zur Lagerung und Hofhaltung, zu Gezelt und Küchenwerk bestimmt,
und letzlich zog ein bunter Haufe allerlei Volks hinterher, wie sich
allweg solcher Leute genug zusammenfinden, wo immer es etwas zu
schauen, vielleicht auch zu gewinnen gibt. So entfaltete sich dieser
Zug, aus dem Walde herfürkommend, und war nun ganz sichtbar auf dem
Wege, den er erfüllte.
Schon wähnt' ich, sie würden ihre Fahrt etwan hinein in's Dorf nehmen
und hinauf zur Burg oder an mir vorüber; aber da sie an die Scheide
des Weges gekommen waren, wandten sie sich linkswärts zur Brücke und
zogen da die Straße quer durch's Thal in das Gebirg' hinauf. Staunend
ruhte mein Auge auf all' der ritterlichen und lustsamen Pracht, wie
ich zuvor ihres Gleichen nie ersehen hatte, und haftete so viel
möglich an jedem Einzelnen, bis auch der Letzte aus dem Zuge hinter
den Bergen verschwunden war. Das war bald geschehen und drüben war mir
der Weg wieder so einsam wie vordem.
Wohl durft' ich mich da fragen, ob's Wirklichkeit gewesen wäre, was
ich erschaut oder nur Wahn und Einbildung. Doch solcher Zweifel ward
mir bald benommen, denn ich sah zween Knappen zurückkehren sogleich
darauf, und als solche, die zu einer Botschaft ausgeschickt sind, die
Straße heranreiten, welche in's Dorf führte. Sie mußten frohe Märe zu
bringen haben und selber frohen Muthes sein; denn Alt und Jung, so auf
der Dorfstraße zusammen kam, durfte die fremden Gäste fragen und
gewann, wie ich an dem Winken und Rufen der Leutlein wahrnahm, schier
guten Bescheid. Der eine der Beiden lenkte seitwärts hinan zur Burg,
der andere ritt weiter fürbaß.
Als ich sah, daß er den Weg zog, den ich gekommen war, und also an mir
vorüber mußte, stieg ich behend von meiner Warte hinab, und da er
nahte, schritt ich ihm entgegen, grüßte ihn mit Züchten und fragte, ob
er mich wohl bescheiden wollte, welcherlei Herren das gewesen wären,
die da mit also stolzer Pracht hindurchgezogen, und was wohl ihrer
Reise Ziel. Auch sagte ich noch dabei: ich hielte wohl, es müßten vor
Andern auserlesene Ritter sein, und gewißlich war's ein hohes
Freudenfest, dem sie in solchem Schmuck entgegenführen.
Da erwiederte der Gefragte: »Ihr habt meiner Treu mit Beidem das
Richtige getroffen, wenn anders eine Hochzeit ein Freudenfest ist und
ein Bischof und Grafen und Herren ihr Bestes thun, sie stattlich
auszurichten.«
Darnach sagt' er mir, daß sie von Speyer kämen, dahin die junge Braut
zu geleiten, welche Conrad, dem Neffen des Bischofs Gebhard, bestimmt
wäre. Der Bischof selber führte ihr den Bräutigam zu, und manch' Edler
wäre noch in seinem Gefolge. Hier unweit sollte die Begegnung
stattfinden und einen herrlichen Empfang wollte man der Braut und
ihrem Geleite bereiten. »Da wird es,« schloß er, »an Ehr' und
Herrlichkeit nicht fehlen, noch an edler Lustbarkeit und ritterlichem
Spiel, wie es Brauch ist in deutschen Landen, wenn man höfische Tugend
und milde Sitten beweisen will; so wird's auch Euch nicht reuen,
geistlicher Bruder, wenn Ihr anders Euch solchem Weltwesen nicht ganz
widersagt habt, da das Fest mitzuschauen und nach Eurem Theile seiner
Freude mit zu genießen. Gewiß! Ihr bringt genug der Erinnerung heim,
davon noch lange zu zehren hinter den Mauern Eures Klosters.«
Darauf trieb er sein Roß an und trabte von dannen. Das war mir leid,
denn was er mir berichtet hatte, gieng mir näher zu Herzen, als er's
denken konnte, und gerne hätt' ich von ihm noch mehr erfragt.
Aber der ritterliche Zug und was ich von ihm erkundet hatte, das kam
mir auf meinem Heimwege nicht aus dem Sinn. Wieder waren meine
Gedanken nach Speyer gelenkt, wo ich um diese Zeit auch weilen sollte,
wenn ich nicht von den Elzeburgern mich losgerissen hätte, und ich
fragte mich, ob Irmela wohl schon allda wäre mit ihrem Ohm oder ihr
diese hochzeitliche Fahrt gälte. Schalt ich mich dann wegen solchen
Fragens, das mir doch zu nichts diente als zur Mehrung meines
unruhigen Muthes, so half solche Scheltung nichts. Denn immer wieder
sah ich vor mir die Ritter und Mannen und plagte mich mit der Frage:
»Ist's Irmela, der sie entgegen ziehen?« --