»Das macht: er ist eifersüchtig, Nicolo!« sagte wieder einer, »und

mißgönnt Bologna den Anblick seiner Schönen.«

»Er hat wohl Grund dazu«, erwiederte der Angeredete, »wenn das

Angesicht der Dame hält, was ihre reizende Gestalt verspricht.«

»O, hebt den Schleier!« riefen sie, und hatten das Ansehen, als

wollten sie Joconda näher treten.

Wie die Erschreckte sich dichter an ihren Begleiter anschmiegte, so

stieß der mit gewaltiger Faust den, der sich zumeist herangedrängt

hatte, zu Boden, und ein deutscher Fluch entfuhr seinen Lippen, indem

er durch die nun wieder geöffnete Bahn weiter schritt. Einen

Augenblick waren die Zudringlichen zurückgewichen, aber die Überzahl

und das Gelage, von dem sie kamen, machte sie kühn, und mit dem Ruf:

»Wie! die deutsche Bestie will uns schlagen und wider ergangenes

Gesetz beleidigen?« drängten sie sich auf's neue heran und vertraten

den Weg.

Da reckte sich Bruno in die Höhe und drohend rief er, daß es laut

erscholl: »Ha, ihr welschen Hunde, wem sein Leben lieb ist, der lasse

uns hindurch!« Und es würde ihn wohl keiner aufgehalten haben, wenn er

allein gewesen wäre, aber, wie er die Zitternde an seinem Arme fühlte,

so stund er unschlüssig, ob er jetzt das Äußerste thun sollte seinen

Gegnern gegenüber, die fortfuhren, durch Toben und Schreien sich Muth

zu machen. Inzwischen war vom entstandenen Gelärme die Straße an

beiden Seiten in Aufruhr gebracht. Lichter erschienen, Fenster und

Thüren wurden aufgethan und eine Menge Neugieriger strömte herbei.

Da sah Bruno den Augenblick höchster Noth gekommen; während rings um

ihn das Wuthgeschrei wider den Deutschen die Luft erfüllte, umfaßte er

fest Joconda, entschlossen, sich mit Gewalt hindurchzuschlagen. Aber

das wäre sonder Zweifel Beider Verderben gewesen, wenn nicht da vom

Thor aus Rettung gekommen wäre. Denn da dort Adelbert und seine Leute,

die mit Eifer nach dem Wege suchten, von dem Bruno zu ihnen stoßen

sollte, nun hörten, wie sich von da Geschrei erhub und vernahmen den

Ruf wider den Deutschen, so drangen sie eilend in die Stadt hinein.

Sie sprengten unter das Gedränge, und unter ihren Hieben rechts und

links stoben die Welschen auseinander. Die nun Bruno bedrängten, wie

sie das neue Getümmel hinter sich hörten und die streitbaren Stimmen

der Deutschen, wandten sie sich, die Meisten, um zu entfliehen,

Etliche, um sich zur Wehre zu setzen. Da gewannen die beiden

Flüchtigen, auf die nun Keiner mehr Acht hatte, Raum, und froh der

ihnen ungedacht gewordenen Hülfe eilte Bruno dem Thore zu.

Wohl wankten Joconda's Schritte an seiner Seite, aber er wies sie hin

auf die Nähe ihres Zieles, und die Hoffnung belebte ihre sinkende

Kraft. Nun traten sie unter den Bogen des Thores. Aus dem dichten

Dunkel, das da herrschte, sah Bruno's scharfes Auge, wie von draußen

eine Gestalt ihnen entgegenschritt. Als sie zum Thore hinaus traten,

gieng diese Gestalt hart an ihnen vorüber in das Dunkel des Thores,

das die Beiden eben hinter sich ließen.

Eilig waren die Schritte der sich Begegnenden, und der Abendhimmel,

wenn auch vom Mondenlicht erhellt, war regentrüb; so konnte Bruno das

Angesicht des an ihm Vorübergehenden nur einen Augenblick sehen. Er

hatte nicht Acht darauf, denn sein Gemüth war auf Anderes gerichtet,

und doch war es ihm, als hätte er in diese Augen schon geblickt.

Verstummte da nicht plötzlich der Hall der im Thorbogen dröhnenden

Schritte hinter ihm? Als er zurücksah im Weiterschreiten, stund, so

schien es ihm, im Thor noch immer die Gestalt, als sähe sie ihm nach.

Etwa hundert Schritt vom Thor am Wege war eine vorlängst verfallene

Kapelle. Allda sollte Adelbert mit den Rossen und Knechten halten.

Als Bruno dort Niemand fand, denn sie waren Alle, da der Streit sich

in der Stadt erhoben, von da gewichen, so rief er laut das Wort, bei

dem sie unter einander übereingekommen waren sich zu erkennen, wie man

pflegt, wenn man zu Felde liegt. Alsbald erscholl die Antwort näher

vom Thor her und Bruno gedachte da die Rosse zu finden. Er wandte sich

also zurück und ließ indeß Joconda an der Kapelle. Da er unweit dem

Thore war und auch schon den Tritt der Rosse hörte, die herzu gebracht

wurden, sah er wieder dieselbe Gestalt von vorhin im Schatten des

Thores und noch an derselben Stelle und wieder war's, als suchte sie

nach ihm. Da zerriß eine Wolke und das Mondenlicht ergoß sich hell.

Wie es mit voller Klarheit Bruno beleuchtete, der hier außen vor der

Stadt die Larve von seinem Angesicht gethan hatte, drang an sein Ohr

aus dem Dunkel des Thores ein Aufschrei, den er nimmer vergessen hat;

es war ein Schrei des heftigsten Zornes und auch der unsäglichsten

Trauer. Und mit diesem Aufschrei löste sich die Gestalt aus der

Finsterniß der Beschattung, darin sie bis jetzt geharrt, und stürzte

ungestüm auf Bruno zu, der eilend sich den Rossen näherte, welche

jetzt ihm zugeführt wurden. Er wandte sich und sah in des Anstürmenden

Angesicht. Nicht länger als bis man eins zählt, sah er hinein. Aber er

ward von einem Blick getroffen, der so gethan war, daß vor ihm ein

Teufel aus der untersten Hölle hätte zur Umkehr oder der hehrste der

heiligen Engel zu Fall und Verstockung gebracht werden können.

»Bruno!« hörte er sich rufen. Aber er sagte nichts und packte mit

mächtigem Griff den sich zwischen ihn und die Rosse Drängenden. Da hub

sich ein Arm gegen ihn und ein Dolch blitzte im Mondlicht. Doch im Nu

hatte Bruno den Stahl der Hand entwunden, die ihn führte, und stieß

ihn tief in seines Gegners Brust. »Schwester!« rief der mit

versagender Stimme und brach lautlos zusammen.

Starr stund Bruno, in der Hand die Waffe, mit welcher der tödtliche

Streich geschehen war.

Die Mahnung der Knechte, sich zu eilen, und ihr Ruf, daß das Fräulein

käme, brachte ihn zu sich.

Geschwind verhüllte Bruno des Erschlagenen Angesicht, und als Joconda

neben ihm stund und zitternd auf die klaffende Wunde deutete, da sagte

er. »Es galt mein Leben und das Gelingen unserer Flucht, Joconda, oder

seines. -- Hinweg, hinweg!«

Doch auch seine Stimme bebte und war tonlos, und er fühlte eine eisige

Kälte in seinem Gebein.

»Hinweg, hinweg!« riefen da wieder die Knechte und vom Thor her hörte

man Getümmel.

Noch wenige Augenblicke, und die hurtigen Rosse trugen die Fliehenden

auf verschlungenen Wegen durch die Nacht. Bald hatten sie die Stadt

weit hinter sich. Aber Bruno war's noch immer, als schlüge das Brausen

der empörten Volksmenge laut und lauter an sein Ohr und würden die

Sturmglocken gezogen und ihre ehernen Stimmen riefen vernehmlicher und

immer vernehmlicher: »Mord, Mord!«

Es ist nicht noth, Diether, Dir von den Tagen zu berichten, die nun

folgten, welcherlei sie gewesen sind für die Beiden: Tage der Flucht,

Gefahr und Noth.

Bologna's Rath und Volk forderte Rache für den Friedensbruch und die

Blutthat. Bruno's Leben ward in ihre Hand gegeben, er ward all' seiner

Güter beraubt und schlagen durft' ihn, wer ihn fände. Mit großem

Verlangen trachtete er darum aus Welschland hinweg und auch weil er

keine Ruhe fand unter dem Himmel dort und die welsche Zunge Pein schuf

seinen Ohren; wenn er nur erst wieder deutsche Tannen ersähe und

deutschen Laut vernähme, wähnte er, würde sein Gemüth sich entledigter

fühlen und frei. Unter großen Mühseligkeiten ward die Flucht gethan.

Aber endlich kamen sie an in deutschem Lande und fanden Rast und

Bergung auf der Burg Adelberts. Allda gedachte Bruno zu harren, ob

etwa der Sache Rath würde und seine Freunde für ihn Gnade erwirkten

beim Kaiser. Aber als der Sommer herum war, gelangte Zeitung an ihn,

daß das Urtheil wider ihn bestätiget und all' sein Lehn vom

kaiserlichen Vogt eingenommen wäre. Da zeigte es sich, was die treue

Liebe eines Weibes vermag. Joconda schien nur das Ungemach zu fühlen,

was Bruno bereitet war; ja sie theilte seine Sorgen, als trüge sie den

größeren Theil der Schuld daran, und über das eigene Elend ließ sie

nie eine Klage laut werden. Da ward seine Seele durch solche Geduld

mächtig ermuthigt und durch ihre Zuversicht, darin sie nicht wankte,

daß bessere Tage nahe wären. Aber so oft sie ihre Rede zu ihrem Bruder

hinkehrte, was wohl täglich geschah, und dabei gedachte, wie gewißlich

sie hoffte, er würde ihr noch verzeihen; und wenn sie dann fragte, ob

von ihm noch keine Kunde gekommen: dann trat vor Bruno's Seele

jedesmal das blutige Bild des Erschlagenen und jenes Wort ward wieder

laut in seinem Herzen, das die Sturmglocken Bologna's ihm nachgerufen

hatten in der Nacht, da die Flucht geschah. -- Dann wandte er sich und

sein Blick ward finster und immer finsterer, je beweglicher sein Weib

ihm Trost zusprach; denn sie wähnte, das sehnende Verlangen der

Freundschaft nach Guido und ihr heimliches Entfliehen beschwerte ihm

den Muth also. Bruno aber, wie oft er's auch beschlossen hatte, und

wie gewiß er erkannte, daß es einmal geschehen müßte, gewann das Herz

nicht, ihr zu sagen von Guido's Tod.

So kam der Herbst heran, und wie den Beiden der gute Bote noch immer

verzog, so wollte Joconda nicht länger leiden, daß Bruno ferner in

träger Ruhe seine Tage versäße und allein fremder Hülfe harrete. Wenn

er selber sein Vermögen brauchte, so würd' es nicht vergeblich sein;

oder warum sollte für ihn kein Mitleid vorhanden sein, der bis dahin

so werth gehalten worden und dessen Ritterdienste dem Kaiser selber

nicht unbekannt geblieben. Und weil zu der Zeit ihnen Kunde geworden

war, daß die Majestät zu Costnitz Hof hielt, so lag Joconda ihrem

Gemahl mit vielen Bitten an, dahin zu ziehen, als Bittender seine

Sache zu betreiben, Sühne zu bieten und Gnade zu suchen. Es war schier

ihm eine Bußfahrt, die da ihm zu thun vorhanden war, und schwer ward

es ihm, den stolzgewohnten Sinn dahin zu kehren. Denn er mußte ohne

Geleit ziehen und verhohlen, daß es nicht schiene, als gedächte er

sich wider das Urtheil mit Gewalt zu setzen, das ihm gesprochen war.

Sein Weib wollte nicht von ihm weichen in keiner Fährniß und Noth und

zog mit ihm. Das geschah ihr zum Leide. Denn da sie auf dem Wege

waren, kam ihre Stunde. In großen Schmerzen gelangte sie, von Bruno

geführt, in eine Höhle, die sie da erspähten, denn sie wanderten im

Waldgebirg. Allda genas sie eines Sohnes. Als Bruno mit Weh und Wonne

das feine Knäblein in seinen Armen hielt, da hatte es ein Mal,

gestaltet wie eine blutende Wunde. Er erschrack des Anblickes, doch

sagt' er nichts.

Wie groß nun die Noth in jener Höhle war, läßt sich leicht ermessen,

und Bruno, da er sah, daß er ihm und den Seinen anstatt Honigs lauter

Gallen erlesen hatte, hub an, seinem Leben feind zu werden. Der Fürst

der Höllenschlünde sandte ihm einen bösen Geist des Unmuths und der

Ungeduld.

Da ward auch Joconda ihm nicht mehr zum lichten Engel, das Banner der

Hoffnung, des Heils und der Ehre ihm fürzutragen. Selber im Elend zu

sein und im Ungemach auszuharren ohne Murren, hatte sie ihr hoher Sinn

gelehrt und ihre starke Herzensliebe; aber da sie das Kind, das sie

gewonnen, in gleiches Weh verschlungen sah, verzagte sie, und gegen

die mütterlichen Sorgen aufrecht zu bleiben, gebrach ihr die Kraft. Da

hört Bruno sie oft, über ihr Kind gebeugt, weinen und desselben

jammerhaftes Loos beklagen. Dann trat er nicht hinzu, ihr Trost zu

sagen mit liebem Wort, sondern er wandte sich hinweg mürrisch, daß sie

vor ihm ihren Jammer ausließe, der wohl gleich sehr zu klagen hätte

oder mehr. Und einst in solcher Stunde, da sie ihres Bruders gedachte,

und wie er ihrer Noth sich gewißlich erbarmen würde, da murmelte er,

die Hoffnung auf Guido wäre verloren.

Joconda sah ihn fragend an.

»Der Todte, dessen Anblick vor Bologna's Thor Dich erschreckte« -- hub

er an, und finster waren seine Brauen zusammengezogen, da er redete.

»War mein Bruder?« schrie sie auf.

Bruno nickte und sah zur Erde.

»Und Deine Hand war's, die ihn schlug?« keuchte sie schwer athmend und

richtete sich hoch empor.

»Die Liebe zu Dir bezwang mich also, daß ich's that,« sagt' er, düster

blickend wie vorhin.

»So Fluch Deiner Liebe!« hört' er sie rufen, und schrecklich klang

ihre Stimme. -- »Fluch Deiner Liebe, Fluch jeder Augenweide, damit ich

geschmückt war, sie zu wecken, und Fluch jeglichem Wort und Lächeln,

dadurch das höllische Band sich knüpfte!«

»Halt ein, Joconda!« rief Bruno entsetzt. »Du fluchst Dir und unserem

Kinde dort.«

Da war sie mit einem Sprunge hin zum schlafenden Knaben, riß ihn vom

Lager und umschlang ihn fest mit ihren Armen. So stund sie drohend,

der Löwin gleich, die ihr Junges vertheidigt. »Nimmer soll dies Kind,

das Deine Blutthat mit dem Kainsmal des Brudermordes gezeichnet hat,

Dich mit dem süßen Vatersnamen rufen lernen, den Du mit Trug und Mord

Dir erschlichen; und zuvor müssest Du mich erschlagen wie meinen

Bruder, ehe Deine Mörderhände je wieder den Knaben berühren oder

mich.«

Er wagte nicht, sich ihr zu nähern, noch Antwort zu geben auf ihre

wilden Worte; ihre Blicke schienen ihm wie Blitze, daß er nicht zu ihr

aufzusehen vermochte. Aber flehend streckte er seine Arme aus nach

ihr.

Da stürzte sie, als litte ein Grauen sie nicht mehr nahe bei ihm, ehe

er's hindern konnte, an ihm vorbei hinaus in die Wildniß.

Als er mit Schrecken ihr nacheilte und sie mit Namen rief, wandte sie

sich und rief: »Wag's, mir zu folgen, so wird der Abgrund hier zu

meinen Füßen mich und das Kind zerschellen.«

Und er zweifelte nicht, wie er sie sah, daß sie thun würde nach ihren

Worten. -- Als ob eine neue Kraft ihr verliehen wäre, klomm sie

behende, dem gescheuchten Wilde gleich, den Bergeshang hinan, und

droben auf vorspringendem Felsgestein sah sie noch einmal hernieder,

bog ihr Haupt, das wirr das schwarze Haar, vom Winde aufgelöst,

umwehte, zurück und reckte ihren Arm abwehrend gegen den Genossen

ihrer Schuld. Dann hub sie das Kind, das sie trug, hoch gegen den

Himmel und war verschwunden. --

Bruno hat Tage und Nächte nach ihr gesucht, gerufen, geweint; aber nur

die Felsenwände hallten ihren Namen zurück. Er hat sie nie wieder

gesehen, noch erfahren, ob die Beiden in der Einöde des Gebirgs

verschmachtet oder den wilden Thieren des Waldes zum Raub geworden

sind, oder ob die Mutter sich und ihrem Kinde eine Ruhstatt gefunden

hat. Da hat auch Bruno seinen Namen erlöschen lassen im Gedächtniß der

Menschen und für sein Theil erkannt, sich ganz zu Gott zu gesinden und

sein Herz zur Buße zu kehren, daß er der Hölle im Tode entfliehen

möchte.

Die Höhle aber nieden St. Wigbert's Kirchlein mit der Klause, darin

jetzt ich hause, Diether, die ist's, darin sich zutrug, was ich Dir

erzählte, und hier auf dem Gestein, da wir sitzen, sah Bruno sein Weib

zum letzten Mal mit der Gebärde des Grauens vor ihm und des Flehens um

Erbarmen zu Gott für ihr Kind. Und der Ring, den Du fandest, ist

Joconda's; sie hat ihn hier von sich gethan, das Siegel und Zeichen

ihrer schuldvollen Gemeinschaft. --

Und nun weißt Du, Diether, warum ich Dich bat, der armen Seele vor

Gott zu gedenken, von der Du sagtest, da Du den Reif erblicktest und

das Thierlein daneben.«

Allhier endet die von Brun erzählte Geschichte.

»Gnade der milde Christ nach seiner Gütigkeit denen Allen, so in

Unglück gerathen sind -- und uns!« sagt' ich, und gar sehr war ich

bewegt im Herzen von der Geschichte, die ich gehört hatte.

Wohl trieb's mich, noch ferner mit Brun davon zu reden, und von Bruno,

was denn aus ihm geworden, ob er noch lebe und wo er weile. Aber ich

ersah, der Alte wollte ungefragt sein, denn er stund auf und sagte:

»Auf, Diether! -- Schon ist Mitternacht vorüber, denn sieh, der Mond

neigt sich auf seiner Bahn dort den Bergen zu. Kühl hat sich der

Nachtwind aufgemacht und der Thau fällt stark. Lang' schon solltest

Du, junger Knabe, unter Dach geborgen sein.«

Und so stieg er mir voran den Bergeshang abwärts. Wie wir schweigend

giengen und über uns die Wipfel der Tannen rauschten, bald lauter,

bald leiser und sich gegen einander bogen, und unter uns die Wellen

brausten, jetzt heller klingend, jetzt dumpfer murmelnd, war mir's,

als erzählten auch sie sich in der Sommernacht die traurige Mär' von

dem ewigen Geheimniß des Menschenherzens, das wähnet, das Paradies zu

gewinnen, und die Schmerzen der Hölle sich bereitet.

Bald lag ich auf meinem Lager drinnen in der Klause. Ich weiß nicht,

wie mir da geschah und ob ich schon eingeschlafen war oder just die

Augen zum Schlummer sich senkten: ich sah Brun nahe bei mir stehen und

unverwandt mich betrachten.

Zuweilen beugte er sich hernieder und bewegte seine Hand, mich zu

berühren. Dann wich er wieder ein wenig zurück, als scheute er sich zu

thun, wozu doch sein Sinn ihn zog, oder er fürchtete, ich möchte

erschreckt werden und erwachen. Nach einer Weile ließ er ab von diesem

Streit. Aber eine größere Unruhe schien in seiner Seele sich

anzuheben. Es war, als ob mein Anblick davon die Ursache wäre. Er sah

noch einmal lang' nach mir hin, schauderte dann jählings zusammen und

sank in seinen Sitz nieder, sein Angesicht von mir gewendet und mit

beiden Händen verhüllend.

»Nein, nein, HErr!« hört' ich ihn murmeln. »Nicht dieses Bild jetzt

neben die süße Erinnerung!«

Ein breiter Strahl des Mondes drang durch das dichte Gitter der Bäume

draußen und das kleine Fenster und glitt durch den engen Raum hin zur

Wand dem Alten gegenüber. Wie es dort hell das Bild der Gottesmutter

umspielte, ward sein Blick, da er sein Haupt wieder erhob, dorthin

gelenkt. Irgend etwas an dem Bilde mußte ihn erschrecken. Denn er

erzitterte auf's Neue. Und doch konnt' er nicht widerstehen, dahin zu

blicken, was der lichte Schein ihm wies.

»Und Du drohest immer wieder«, sagt' er dabei mit Flüstern, »und ewig

blutet die Wunde?«

Da sah ich ihn aufspringen und das Schwert aus der Seite des Bildes

ziehen, darin es stak. Er trat damit in das Licht und ließ den Stahl

darin blitzen.

»Ja«, rief er dann mit leisem Stöhnen, »sie sind noch immer da -- die

blutigen Flecken, und keine Zeit hat Rost genug, sie zu verzehren!«

Und jetzt schwang er die Waffe mit wilder Gebärde, und es hatte das

Ansehen, als wollt' er sie gegen sich selber richten und es schüfe ihm

Mühe, davon abzulassen, und ich hört' ihn dabei klagen: »Verloren all'

-- all' verloren!«

»Hilf, Herr!« dacht' ich. »Er ist von Sinnen kommen!« und richtete

mich in die Höh'.

Da wandt' er sich und wie er mich ersah, schüttelte er heftig sein

Haupt, streckte die Arme gegen mich und rief mit drohender Stimme: »Du

da? Du bist der Bringer schrecklicher Dinge! Du weckst auf zur

Mitternacht, was mit Mühe begraben war!«

Und als ich weiten Auges und sprachlosen Staunens voll nach ihm

blickte, rief er wieder: »Sieh nicht so her mit diesen Augen! Es ist

nicht! Es ist Lug auch dies, und nimmer heilt die Wunde!«

Aber plötzlich sprang er auf mich zu, und, eh' ich's hindern konnte,

hatte er von meiner Schulter das Linnen gestreift, das ich trug. Als

er, die Waffe in der Hand, sich dicht über mich beugte, wähnt' ich

nicht anders, denn daß der Rasende mich morden wollte. Und ich schrie

laut.

Im selben Augenblick aber war er zur Seite meines Lagers in die Knie'

gesunken und seine Arme hielten mich umschlungen. »O Gott, o Gott!«

rief er mit einer Stimme, weich wie die eines Kindes. Und seine Hand

strich mir kosend über Stirn und Wangen und seine Thränen tropften auf

mich nieder. »Schlaf, Diether, schlaf!« sprach er wieder, »kein

Schrecken des Ortes müsse Dir nahen, und Engel des Friedens müssen

Dich beschirmen.«

Darnach ergriff er meiner Hände eine und hielt sie an sein Herz, als

würde von der Berührung der Sturm sich legen in seiner Seele. Als er

so gethan, beharrte er eine Weile, wie mich däuchte, im Gebet,

bekreuzigte dann sich und mich, stund auf und gieng der Thür zu. Bevor

er hinausschritt, kehrte er sich noch einmal zu mir und sagte wieder:

»So schlaf denn, Diether! und zürne dem Alten nicht um sein wirres

Wesen, damit er Dich erschreckt hat; Du siehst, es ist vorüber.«

Aber wie hätt' ich nach dem Allen vermocht, jetzt nach seinem Wunsch

zu thun. Mich trieb's dem Alten nach zu seh'n. Ich erblickt' ihn

durch's Fenster, wie er ein nahes Gestein erstieg, unter dem das

Wasser breiter und stiller dahinfloß als anderwärts. Dort stund er

eine kurze Weile unbeweglich und warf die Waffe, die er mit sich

genommen, hinab in die Tiefe. Vorgebückt sah er ihr nach, wo sie

versunken war. Dann gieng er festen Schrittes die Höhe hinan. Ich

konnte nicht ersehen, wohin er seinen Weg nahm.

Aber da ich leise das Fenster geöffnet hatte und, wie ich mich

hinauslehnte, den ersten bleichen Schimmer des Tages über die Berge

aufdämmern sah, tönt' es wie ferner Gesang in mein Ohr. Und bald

unterschied ich heilige Klänge und Orgelton.

Da trat ich hinaus.

Laut und lauter ertönte der Gesang und deutlicher erscholl der

Orgelton; und jetzt schwangen sich die Töne auf, wie nächtliche Nebel

aus der Tiefe zu lichten Morgenwolken werden, und ich hörte

vernehmlich den Lobgesang St. Ambrosii. Aus voller Brust stimmt' auch

ich ein und sang die sel'gen Klänge mit. Da schienen mir die

Waldvöglein, die davon erwachten, auch mit uns Gott zu loben in ihrer

Weise; und wie ich hinaufsah nach St. Wigbert's Kirchlein, gieng der

erste Sonnenstrahl über sein Dach, die nächtlichen Schatten entflohen

und ich grüßte das süße Licht.

Sechstes Kapitel.

Widerstreit.

Gewißlich ist's nichts Sonderliches, daß ein müßiger Mann den

Sonnenstrahl betrachtet, der durch's Fenster strömt und die Stäublein

darin, wie sie hin und wieder schweben. Und ich durfte müßig sein in

jener Nachmittagsstunde, da ich im Chor unserer Kirche ins Gestühl

niedersaß dem Bilde gegenüber, das ich eben vollendet hatte. Es war

die Nachmittagsstunde eines heißen wolkenlosen Sommertages, unlange

vor dem Feste St. Johannis Baptistae; auch in der Kirche war die Luft

fast schwül, draußen regte sich kein Laub, und nur das Flattern

geängsteter Schmetterlinge unterbrach die Stille, die durch die Wärme

aus ihren Puppen heute hervorgelockt sein mochten und nun, die

Freiheit suchend, gegen die Scheiben flogen, oder auch, weil sie die

bunten Gläser für leuchtende Blüthen hielten. Sonderliches also war es

nicht, daß ich malmüder Mann der sommerlichen Ruhe rings umher

behaglich mitgenoß, die Hände ineinander gelegt hielt und den

spielenden Sonnenstrahl betrachtete, der drüben vom Fenster her hart

neben mir auf das Schnitzwerk am Gestühle gieng. Doch ich betrachtete

ihn und betrachtete ihn auch wieder nicht. Mein Auge blieb daran

haften, aber meine Gedanken thaten nicht also. Er war ihnen wie eine

Brücke, auf der sie die Fahrt nahmen, woher er kam: hinaus in die

Weite. Allda besuchten sie manche wohlbekannte Stelle. Es war, als ob

derselbe Sonnenstrahl sie ihnen beleuchtete, den jetzt meine Augen

hier in der Kirche vor sich sahen.

»Zeuch in Frieden zurück in Dein Kloster!« hatte Brun gar freundlich

zu mir gesagt zur Letze, da wir schieden, und hatte wie zum Segen

seine Hand erhoben. -- »Zeuch zurück, Diether, in Deinen Frieden, und

auch die Erinnerung an all' das, was Du auf Deiner Fahrt hier bei mir

und anderswo erlebt, störe ihn Dir nicht! Jeder Tag hat seinen Ruf zu

gewohnter Pflicht. Überhöre keinen; und in solchem Gottesdienst wird

Dir allzeit die Gegenwart freundlich bleiben auch im Ernst und in der

Mühe, sie wird Dir nicht verleidet werden durch ungeduldiges

Hinausschweifen in die Zukunft, noch wird, was in der Vergangenheit

hinter Dir liegt, Dein Wünschen und Wähnen zu eig'ner Qual gefangen

nehmen!« Dann hatt' er mir auch gesagt, ich sollte die Aventiure, so

mir begegnet war, und all' meine Fahrt als das ansehen, wozu sie mir

auch ursprünglich bestimmt gewesen: als etwas, das nicht mich

angienge, mein Sinnen und Meinen, sondern allein nur meine Kunst, mit

ihr desto besser Gott zu dienen.

Nach solchem Rath hatt' ich denn treulich gethan, und mich däuchte, er

war mir trefflich gediehen.

Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit · 第 8 / 17 段