Wohl fühlt' ich die Röthe mir in's Angesicht steigen bei solchen

Worten. Denn sie erinnerten mich an das, was ich ihm schon jetzt

verschwiegen hatte, und ich mußte gedenken, wie leichtlich seine Worte

anders lauten würden, hätt' ich ihm Alles erzählt. Um so mehr gieng

mir seine redliche Art zu Herzen, und dankerfüllt wagt' ich's, seine

Hand zu fassen, und sagte, indem ich sie küßte: »Da sei Gott für,

Brun! daß ich so mit frevlem Sinn hinwegtrachte aus dem heiligen

Stand, in den ich berufen bin, und Euer treues Mahnen vergesse.«

»So wohl Dir, Diether!« sagte da der Alte wieder, hielt mit einer Hand

die meine fest und legte die andere mir auf's Haupt. »So wohl Dir,

wenn Du Dein Leben lang vor dem schwersten Streit bewahrt bleibst, dem

mit Dir selber. Denn in seinem eignen Herzen hegt der Mensch seinen

schlimmsten Feind. Er ist übermächtig und in allen Listen geschickt.

Weh' dem Manne, der ihn erst aufgeregt hat! Bittere Schmerzen sind des

Überwundenen Theil. Wohl erwählen sich die Meisten unter den

Menschenkindern, lieber nachher zu büßen, als vorher dem Streit aus

dem Wege zu gehen. Sie achten's für leichter, aber der üble Teufel

betrügt sie darin allzumal.«

Wohl hört' ich's am Klang seiner Worte, daß er mit sonderlicher

Bewegung seines Gemüthes redete, und als wir nun aus dem Dunkel der

Laube hinaustraten, zeigte mir ein Blick in sein gefurchtes Angesicht,

daß er da mir von Schmerzen gesagt hatte, die ihm selber wohl bekannt

waren.

Alles war still ringsum. Nur das leise Gesumme der um die duftenden

Blüthen des Geisblattes schwirrenden Schmetterlinge nahebei und von

unten her das Rauschen des Wassers vernahm unser Ohr. Drüben streifte

das letzte Roth die Bergesspitzen, und über die Wiese senkte sich

braune Dämmerung, während droben die ersten Sterne erglommen, wie

Augen der seligen Engel Gottes sich aufschlagen, in denen die

Herrlichkeit seiner Schöpfung sich schöner wiederspiegelt.

Schweigend versenkte ich meinen Blick in die wonnesame Ruhe. Und auch

Brun stand ohne Regung und schaute hinaus, als eilten seine Blicke dem

schwindenden Lichte des Tages nach.

Noch hielt er mich bei der Hand. Als nach kurzer Weile der letzte

Abendschein von den Gipfeln der Berge verschwunden war, wandte er sich

zu mir.

»Diether!« sprach er, »laß uns selbander hinangehen, dem Bergwasser

nach. Nicht lange, so geht drüben der Mond auf, denn schon hellt sich

dort über den Bäumen der Himmel. Ich weile gern in seinem Licht auf

der Höhe, wenn unten das Thal im Schatten liegt.« Und er zeigte

hinauf.

Mit Freuden folgt' ich ihm, und wir stiegen den Pfad hart am Bach

hinan, der bald in Sprüngen von Gestein zu Gestein sich

hindurchzwängte, bald sanfter dahinglitt. Da ward zwischen uns wenig

geredet. Vielleicht waren von vorhin die Gedanken noch zu lebendig in

Brun's Seele. Und auch ich hatte meine Betrachtung. Ich gedachte, wenn

ich über mir zu den Sternen emporblickte: wie sie beständig in ihrer

ersten Pracht scheinen unverändert, so oft nur die Wolkendecken sich

vor ihnen hinwegthun; wie ich's dagegen nun erfahren, daß über das

menschliche Gemüth sich Schatten legen, von denen es nimmer geneset,

und dann trat vor meine Seele der Garten, den jetzt dieselbe gestirnte

Nacht umfieng, und ich wünschte, sie, die mich dort zum letzten Mal

gegrüßt hatte, möchte niemals weniger heiter zu den Lichtern droben

hinaufblicken, als diese zur Stunde hernieder zu ihr.

Rauher ward unser Weg, von manchem Felsblock behindert und so von Baum

und Gestrüpp beschattet, daß ohne des Alten Führung mein Fuß nicht

vermocht hätte, weiter zu dringen. Aber der leitete mich sicher bei

der Hand und zog mich ihm nach. So klommen wir empor, bis wir zu einer

moosigen Felsplatte kamen, von wo der Ausblick frei war in die

Waldeinsamkeit ringsum. Hier sah man weithin die Züge des Gebirges mit

endlosen Waldungen, gleich Wellen eines dunklen Meeres fern und ferner

sich dehnend, und unter uns das Kirchlein mit Brun's Clause und tiefer

das Wiesenthal. Alles lag da vor uns ausgebreitet im Dämmer der

Sommernacht. Da stieg drüben der Mond hinter den Bergen hervor und

erhellte die Höhe, die wir erstiegen hatten.

»Laß uns hier«, sagte Brun, indem er sich setzte, und mich einlud zu

thun wie er, »laß uns hier der Betrachtung pflegen und dazu das

Silentium halten! Ort und Stunde sind geschickt dazu.«

Nach diesen Worten verharrt' er schweigend und blickte in die Tiefe

vor uns hinunter, als stiegen von dort Gestalten zu ihm auf, dicht vor

seine Seele hin; je zuweilen wandt' er sein Haupt und fuhr mit der

Hand über Stirn und Angesicht, als begehrte er sie nicht länger zu

schauen und spräche zu ihnen: »Vorüber, vorüber!«

Wie er so, als mich däuchte, geschlossenen Auges da saß, im vollen

Mondlicht regungslos, und nur unterweilen im Hauche der Nacht sein

Barthaar sich bewegte, so mußt' ich denken beim Anblick der mächtigen

Felsblöcke umher, die durch eine Riesenhand hier zersprengt und

verstreut zu sein schienen: Er wie diese Steine, jetzt so friedlich

beglänzt vom sanften Mondlicht -- von welchen Stürmen und Ungewittern,

die über sie ergangen, könnten sie wohl berichten!

Immer tiefer indeß sanken unter uns die Schatten und immer höher

rückte der Bergeshang in den Glanz, der uns umfloß. Es war, als wollt'

er hienacht mit seinen Strahlen zwischen Farn- und Baumgezweig manche

feuchte Kluft besuchen, die sonst im ewigen Dunkel lag.

Da ich so dieses Spieles des freundlichen Lichts gewahrte, wie es

emsig immer weiter seine güldnen Fäden zog, siehe! da blitzte mir

etwas aus einer Höhlung nicht weit von uns entgegen, darin das

Mondenlicht sich hell und heller spiegelte, als hätt' es einen

unverhofften Fund gethan und wollte den mir mit Freuden zeigen.

Es waren nur wenige Schritte dahin und die Neugier trieb mich

hinzugehen. Ein gülden Ringlein lag da am wohlbeschirmten Ort und

seltsam beigesellt dicht neben eine Eidechse, als hätte sie des

Schatzes zu hüten. Da ich näher zusah, merkt' ich, sie war todt und

ihre Vorderfüße hatte sie gekreuzt über ihrer Brust. Ich wußte wohl,

daß Solches die Art dieser Thierlein ist, wenn sie gestorben sind,

aber es däuchte mich, als waltete hier mehr als ein Ungefähr, und Ring

und Thier wären Hüter +eines+ Geheimnisses.

Der Ausruf des Erstaunens, der mir entfuhr, ob dem unerwarteten

Anblick, weckte den Alten aus seinen Träumen. Auf seine Frage, was es

gäbe, brachte ich den Ring herbei und sagte ihm von der Eidechse hart

daneben, und wie es mir geschienen hätte, als wäre dieser Hort ihr und

sie könnte nicht von ihm lassen auch im Tode nicht, und hätt' an ihm

eine große Schuld auf sich; darum läge sie da so ausgestreckt mit

gekreuzten Armen gleich einer armen Seele, die Buße thut.

Mit Hast griff Brun nach dem Ringe und hielt ihn prüfend gegen das

Mondenlicht.

»Joconda!« rief er dann und ein Seufzer aus tiefstem Herzen gesellte

sich zu dem Namen. »Ach, und nie wird die arme Seele genug büßen um

Deinetwillen!«

»Euer Gemüth ist in große Bewegung gebracht durch den Ring«, sagt' ich

und trat zu ihm.

»Wohl, Diether!« erwiedert' er, nachdem er eine Weile schweigend vor

sich hin gesehen, »weiß ich um dies Kleinod. Frage nicht, wie ich's

erfahren. Besser vielleicht bliebe die Geschichte von ihm so jungen

Ohren verschwiegen; aber da das Licht dieser Mondnacht durch Dich

diesen Reif herwiedergebracht hat, sollst Du hören, wie sie sich

zutrug, und dann gedenk' auch Du in heil'gen Stunden der armen Seele,

von der Du sagtest, und bitte Gott im Himmel für sie, daß ihre Buße

recht gethan sei und ihm wohlgefalle!«

Wieder schwieg er eine kurze Weile. Dann winkt' er mir, mich zu ihm zu

setzen, und hub also an zu erzählen.

Die Geschichte, so Brun Diethern erzählte.

Es ist manches Jahr her, Diether, da lagen in Welschland deutsche

Kriegsvölker vor der Stadt Bologna. Aber sie konnten sie nicht

gewinnen, ob sie gleich die Stadt berannten und mit Einschließung

lange und hart ängstigten. Da mehrte sich die Erbitterung täglich auf

beiden Seiten, und wer weiß, wieviel Jammers und Elends da noch

zugefügt und erlitten wäre, wenn göttlicher Wille es nicht gnädig

abgewendet hätte. Denn die deutschen Herren, so das Heer führten,

hielten es endlich aus trefflichen Ursachen für wohlgerathener, die

entstandene Fehde gütlich zu vertragen. Und so ward denn den Städtern

entboten, daß sie, was Leute hohen Ansehens und klugen Raths wären,

aus den Ihren verordneten, damit man sich miteinander der Sachen

annähme, wie sie beizulegen.

Unter den deutschen Rittern, die da den Herren, wenn sie zur

Berathung zusammenkamen draußen im Lager oder drinnen in der Stadt, zu

Schutz und Beistand zugesellt wurden, war Einer, den Jedermann solcher

Ehre vor Andern für würdig auserkannte. Bruno war sein Name, er hatte

in allen Dingen, die dem Manne wohl stehen, den ersten Preis. Er war

edler Gestalt und reichen Gutes; sein Wuchs war hoch und sein Ansehen

stattlich und gebietend; sein Arm eben so tapfer zu streiten, wie sein

Geist hell und auch, wo es schwierige Entscheidung galt, das Richtige

zu treffen, geschwind. Dazu hatte er die sonderliche Gabe, die

Gemüther der Menschen, welche er wollte, für sich zu gewinnen und die

Vorzüge, die ihn zierten, so zu brauchen, daß sie in Andern nur

Bewunderung schufen und Freude ihrer mitzugenießen, und Willigkeit ihm

zu dienen. Darum war's kein Wunder, daß Bruno sich der Macht bewußt

war, die er über die Menschen hatte, noch, daß er ihrer brauchte. Sein

hochfliegender Geist war es nicht anders gewohnt, als daß seines

Gleichen sich ihm unterordnete. In so hohen Ehren und von jedem Glück,

dessen er begehrte, umgeben, war Bruno bis an den Mittag seines Lebens

gekommen. Aber gewohnt, Alles, wonach ihm sein Trachten stund, wie

spielend und nur zur Übung seiner überlegenen Kraft zu erreichen,

glänzte sein Angesicht noch im ungedämpften Feuer der ersten Jugend.

Doch, Diether, all' diese hohen Vorzüge waren ihm verliehen, nur um in

seinem Herzen die schlimmsten Kräfte groß zu ziehen, ihm selber

unbewußt, ihm zur Unseligkeit und Andern. In so langen Jahren des

Gelingens seiner Pläne und der aus seinem Thun wachsenden Ehre war er

sicher geworden, daß recht wäre, was ihm gut däuchte, und während er

Andere berieth und leitete, wachte er nicht über seine eigenen

Wünsche.

Die Zeit kam, ihn auf die Probe zu stellen, Diether! und Du wirst

sehen: er bestund die Probe nicht.

Unter den Edlen Bologna's war Einer auserlesen vor Allen. Wie die

Sonne am Frühlingstage heraustritt aus den Thoren des Morgenroths,

ihren Lauf zu beginnen mit Freuden, so schritt Guido, noch prangend im

Thau der ersten Jugend, die Bahn der Ehre und des ruhmvollen Thuns

hinan. Ihn konnte Niemand sehen, ohne ihn zu lieben. Und nur wenige

Male hatten Bruno und Guido bei den Berathungen, die zum Frieden

helfen sollten, sich gegenübergestanden, als der deutsche Mann mit

sonderlichem Wohlgefallen sich hingezogen fühlte zum welschen

Jüngling. Der aber war ihm bald mit der vollen Hingabe seines

jugendlich entflammten Herzens zugethan, und wiewohl die Beiden in

dem, worüber sie zu rathschlagen hatten, sich nur als Feinde

betrachten durften, so sah Bruno doch, wie der Jüngling mit

zunehmendem Eifer sich jegliche Gelegenheit zu freundschaftlicher

Zwiesprach erlas und wie er zu ihm aufsah, als dem Manne erfahrener

Ehre und erwiesen in jeder edlen ritterlichen Tugend. Solches sah

Bruno mit Freuden, und was er vermochte, des Jünglings Herz an sich zu

fesseln und sein Vertrauen zu gewinnen, davon unterließ er nichts,

denn er liebte ihn. Schöneren Bund sah man wohl selten, als da diese

Freundschaft erblühte zwischen den Beiden, gleichwie eine Blume sich

aufthut, lieblich im rauhen Nordsturm, und wenn, nachdem man Raths

gepflogen, Guido an Bruno's Seite durch Bologna's Straßen schritt, ihn

zu geleiten, so blieben wohl die Leute stehen, die vorübergiengen, und

sahen mit Bewunderung den Beiden nach.

Nicht lange, so erbat sich Guido vom Rath die Gunst, Bruno in sein

Haus zu führen, und weil er Bürgschaft leistete und die Hoffnung auf

nahen Vergleich und Frieden sich mehrte, so ward ihm solches

verwilligt. Er wohnte im weiten Palast allein mit seiner Schwester.

Seinem Schutz hatten die Eltern, die beide unlange an der Pest

gestorben waren, Joconda übergeben. Treuerer brüderlicher Hut ward nie

eine Schwester anvertraut, als die Liebe war, mit welcher Guido über

Joconda wachte, und wie zwei nachbarliche Pflanzen einem Licht

entgegenwachsen, gepflegt von einer Hand und genährt von einer Quelle,

so waren diese Geschwister. Oft schon hatte Guido zu Bruno von seiner

Schwester gesprochen, und wenn er ihrer gedachte, leuchtete sein Auge

von brüderlichem Stolz. Ja, Alles was von süßer Zärtlichkeit und

Weichheit in der Seele des Jünglings wohnte, ward mit +einem+ Namen

gerufen, mit dem Namen: Joconda. Von ihr hatte er Bruno auch gesagt,

daß sie aus Verabredung beider Väter mit einem Jünglinge zu Pisa

verlobt wäre, und daß, wenn ruhige Zeiten wiederkehrten, auf die

Hochzeit gedacht werden sollte.

Vornehmlich also, daß Bruno seine Schwester sehen möchte und sie ihn,

den Freund, den er sich gewonnen, führte Guido diesen in seines Vaters

Haus. O, wäre es doch nimmer geschehen, Diether! Oder wäre einer von

den Blitzen, die an jenem Abend bei Bruno's Rückkehr aus der Stadt vom

Himmel flammten, auf ihn herniedergezuckt! Freundlich war zwar das

Grüßen, das zwischen dem Freunde des Bruders und der Schwester

geschah, aber unsäglich Weh und großen Jammer hatte es hinter sich.

Und hätte Guido bei jenem ersten Gruß das sanfte Erröthen im Angesicht

seiner Schwester und in Bruno's das frohe Erstaunen über ihre große

Schönheit besser verstanden, fürwahr, er hätte sich nicht, wie er

that, des Anblicks im brüderlichen Stolz gefreut, sondern ganz andere,

schreckliche Weissagung darin erkannt.

Von Stund an war Bruno's Sinn von heftiger Liebe zu Joconda erfüllt

und allein darauf gerichtet, ihre Liebe sich zu gewinnen. Klugheit,

Ehre und Treue riefen ihm zu, abzulassen und nicht zu begehren, was

Gott ihm versagte. Denn heilig war Guido die Pflicht, dem Verlobten

die Schwester zu erhalten. Aber ein Sturzbach wäre mit einem Strohhalm

eher aufzuhalten gewesen, als Bruno's Gemüth mit allen Einreden der

Pflicht und des Gewissens vom Trachten nach dem, wovon es jetzt einzig

entflammt war. Nun erst däuchte er sich ein Ziel gefunden zu haben,

werth, all' seine Kräfte daran zu setzen, und wie er sich der Gewalt

der Leidenschaft, die ihn beseelte, ganz überließ, so zeigte auch

Liebe, die Zauberin, Alles, was er in ihrem Dienste that oder dachte,

in einem hellen, reizenden Lichte, aber die dunklen Abgründe seines

Herzens, aus denen sein Trachten hervorgieng, ließ sie ihn nicht

sehen; ja jeglich Hinderniß und jegliche Gefahr, welche auf dieser

seiner Bahn ihn bedrohte, steigerte nur mehr seinen verwegenen Muth.

Ohne Arg trat Joconda dem Freunde ihres Bruders gegenüber und voll

heiteren Vertrauens. Aus Wahrheit ihres Herzens stimmte sie in Guido's

Lob, wenn er Bruno's Tugend lobte, und wie sie immer sorgloser seinem

Worte lauschte und seines Kommens immer gewohnter ward, so ward sie

von der süßen Macht der Liebe bezwungen wie unvermerkt, und da sie das

Geheimniß ihres Herzens von dem Einzigen errathen sah und solches aus

Scheu ihrem Bruder verschwieg, da hub sich allererst auch ihre

Mitschuld an. Und von Stund an ward sie glücklich, als schwebt' ihr

Herz in Wonne, durch Bruno's Liebe, die dem Fluge des Adlers glich,

über alle Höhen sich schwingend -- und elend zugleich. Die Heimlichkeit

ihres Bundes und seine beständige Gefahr trieben ihr geängstet Herz

nur um so mehr, sich Bruno zu vertrauen und seiner Führung, dessen

Zuversicht und Kühnheit nur zu wachsen schien wie eines seines Auges

und seiner Hand sicheren Steuermanns, wenn er das Schiff durch tosende

Brandung lenkt.

Bald kamen sie heimlich zusammen zu süßer Zwiesprach. Wohl wußte

Bruno, daß er damit wider Ehre und Treue den Freund betrog, aber er

achtete es nicht und fuhr fort, den Arglosen zu täuschen.

Und wenn er wußte, sie harrte seiner, so galt ihm Nichts die Bedrohung

der feindlichen Wächter an den Thoren und ihr Geschoß, sondern

vermummt in der Dämmerung schlich er hindurch bis unter die Hallen der

Paläste und harrte seiner lieben Trauten.

Da hörte ihr Ohr manch süßes Wort, wenn er kam, und manch heißen

Schwur, wenn er von ihr schied, und die Todesgefahr, in der er

schwebte um ihretwillen und die er verlachte, drängte ihr Herz immer

näher an seines.

O! wohl mag der Jüngling sich hüten, wenn starke Leidenschaft ihn

beseelt, daß ihr Wirbel sein leicht erregtes Herz nicht überwältigt

und sein Lebensschifflein rettungslos in die Brandung reißt. Doch wehe

dem gereiften Manne, wenn die Liebe seines Herzens ihn von Pflicht und

Ehre scheiden! Er muß seinen Wünschen ganz entsagen oder er fällt der

finstern Macht anheim, die alle seine Tugenden verzehrt und alle seine

Kräfte in ihren Dienst nimmt, um ihn und durch ihn zu verderben.

So, Diether, ward Bruno's Liebe verderblich für Joconda, für Guido,

für ihn selbst!

Schuldvoll war diese Liebe schon mit ihrer ersten zarten Regung und

fluchvoll mußte sie endigen. Ihr stand kein Engel göttlichen Heiles

und göttlichen Schutzes zur Seite.

Die Fehde ward vertragen, der Friede geschlossen.

Just am Tage der Fastnacht ward er feierlich verkündigt. Die Thore

der Stadt wurden aufgethan und unter dem Geläute der Glocken erscholl

der Ruf der Freude von Deutschen und Welschen wie aus einem Munde. Da

überließ sich Jeglicher mit ganzem Herzen dem frohen Gefühle der

wieder erlangten Sicherheit, und die, so sich bis dahin so hart

befehdet hatten, zogen in munterem Gedränge verbrüdert durch die

Straßen der befreiten Stadt, und weil man so lange in Furcht gelebt

und der Freude entbehrt hatte, so war auf diesen Tag die Stadt zu

ausgelassener Lustbarkeit gerüstet. Da man Gott gedienet hatte und das

Tedeum in der Kirche St. Petronii verklungen war, wurde auf dem

Rathhause von den Herren Bologna's den edelsten unter den Rittern eine

stattliche Bewirthung gethan, indeß das Volk außen auf Straßen und

Plätzen seine Kurzweil hatte. Zum Abend sollte die Stadt, wie es in

Welschland Brauch ist an Freudentagen, mit Fackeln und bunten Lichtern

erleuchtet und zu Ehren der Fastnacht Schimpfspiel und Mummenschanz

gehalten werden. Daß nicht etwan von den Städtern den Deutschen,

welche hineinkamen, ein Übel geschähe, hatte der Rath jegliche

Störung des Friedens mit Todesstrafe bedroht; so war auch den

Deutschen verboten, die in der Stadt weilen wollten, an dem Tage

Waffen oder Wehre zu tragen.

So war da auf Aller Angesicht Freude und Jubel. Vor Andern erschienen

Bruno und Guido hochbeglückt, da sie sich trafen an der Kirchthür, als

man die heilige Messe gelesen. Droben im Festsaal saßen sie bei

einander und wie stolz schien Guido, allen den Herren es zeigen zu

können, welchen Freund er sich gewonnen habe! Und wahrlich! Bruno ward

da als ein Muster ritterlicher Tugend und höfischer Sitte auserkannt.

So edel war sein Wesen, so zierlich und klug seine Rede, daß Jedermann

im Saal auf ihn achtete.

»Treue und Freundschaft auf ewig!« rief ihm Guido zu, als man wieder

die Becher gefüllt hatte und ergriff seine Hand.

»So sei es!« that ihm der Angeredete Bescheid und schlug ein: »Treue

und Freundschaft auf ewig!«

Und indem sie sich mit den Augen zuwinkten, setzten sie die Becher an

die Lippen.

»Halt!« rief da Guido, dessen Herz vor Freude überwallte. »Harre noch,

Bruder, ehe Du trinkest den Trunk der Treue; es gilt noch ein Wort:

»Joconda!«

Und Bruno hörte dieses Wort, Diether, und er las seine Bedeutung in

der Seele des Jünglings, der es aussprach, aber er zögerte nicht und

rief den Namen auch und trank den Becher bis zur Neige.

Ward ihm denn die Frucht des Weinstocks nicht zum Feuer in seinen

Gebeinen, da er diesen Becher dem Bruder zutrank, den er an diesem

Tage so treulos zu betrügen entschlossen war? Erstarb ihm nicht jener

holde Name auf den Lippen, den er in einem Athem mit dem Bruder

auszusprechen wagte, obwohl er wußte, daß er damit schändlich log?

Aber Bruno's Angesicht blieb heiter wie zuvor und kein Laut seines

Mundes verrieth das Vorhaben, von dem sein Herz jetzt einzig erfüllt

war.

Als die Bewirthung zu Ende war, und man das Rathhaus verließ, gab er

vor, wegen nöthiger Geschäfte hinaus in's Lager zu müssen, und mit

trüglichem Wort ward er eins mit Guido, daß er ihn dort an bestimmter

Stelle aufsuchen möchte gegen Abend, dann selbander in die Stadt

zurückzukehren, das Fest zu beschauen und an der Lust des Volkes Theil

zu nehmen. So trennten sich die Beiden.

Bruno hatte einen Waffengenossen, der ihm in Allem ergeben war.

Adelbert wußte um Bruno's Liebe; er wußte auch, daß heute die Flucht

geschehen sollte, und gerne war er bereit, dazu zu helfen. Die Stadt

Bologna hat ein Thor, das ist vor andern klein, und Wenige ziehen

hindurch. Die Straßen, die dahin führen, sind gar enge und einsam, so

auch die Landstraße, wenn man das Thor hinter sich hat. Das däuchte

ihnen am sichersten da hindurch zu entkommen. Weil an dem Tage auch

unter den Rittern und Fußknechten einer auf den andern wenig Acht

hatte, denn nach der langen Belagerung überließ sich Jedermann der

ungewohnten Lust, und keiner mißgönnte sie ihm, so ward verabredet,

daß Adelbert mit Rossen und einem Häuflein Knechten, wenn es würde

völlig dunkel geworden sein, nach dem Thor S. Rocco aufbrechen und

allda seiner harren sollte.

Zur selben Stunde barg der tiefste Schatten eines Pfeilers der Kirche

des heiligen Petronius Bruno's vermummte Gestalt. Er hatte sich

angethan, als einer, der an der Lustbarkeit theilnehmen wollte, und

auch sein Angesicht war verlarvt. Er drückte sich hart an's Gemäuer

und regte sich nicht. Mit Eifer forschte sein Auge durch das Dunkel,

und so Schritte sich nahten, schlug sein Herz stärker, indeß sein Ohr

ohne Aufhören auf das Getön der Orgel und die Stimme des Priesters

drinnen in der Kirche lauschte, wo man die Vesper sang. Aber seine

Seele war da fern vom Verlangen nach Gott. Sie war nur bei der, die er

jetzt drinnen im Gotteshause wußte und mit der er eins geworden war,

heut zu entfliehen. Hier von dieser Stelle aus sollte es geschehen.

Der heilige Dienst war zu Ende. Hunderte giengen an dem Harrenden

vorüber, ohne sein zu achten, aber als jetzt zögernd und mit kaum

hörbaren Schritten eine verhüllte Gestalt sich nahte, so bewegte auch

er sich wie mit freudigem Schreck ihr einen Schritt entgegen.

Als er leise ihren Namen nannte und sie mit heißer Inbrunst umschlang,

fühlte er, wie sie zitterte, und da sie nach kurzem Geflüster jetzt

hinaustraten und das Licht festlich erhellter Häuser ihr Angesicht

traf, so fiel es ihm auf, wie bleich es war und wie schön. Der Stolz

und das Glück, solch ein Weib sich gewonnen zu haben, stählte seinen

Muth und sein Vertrauen zu sich; sein Gang war so sicher und sorglos,

als suchte er keine andere Fröhlichkeit als die, welcher die Menge

nachgieng, die an ihnen vorüber wogte. Manchen neckischen Zuruf mußte

er hören, wie man dergleichen treibt zu solchen Zeiten; er erwiederte

jeden Scherz mit Lachen und beschleunigte seine Schritte.

Schon hatten sie die Straßen, die am meisten belebt und am hellsten

erleuchtet waren, hinter sich; durch die engen Gassen, die heute noch

stiller waren denn sonst, kamen sie dem Roccothore näher. Bruno

mäßigte Joconda zu lieb seine Eile, denn nachdem sie bis dahin

unerkannt und unaufgehalten geblieben, war er keiner Hinderung ferner

gewärtig.

Da, als sie in die letzte Gasse einlenkten, die zum Thore führte,

that sich unweit von ihnen die Thür eines Hauses auf, und hervor kam

lärmend eine Schaar Vermummter mit Fackeln und Windlichtern als

solche, die auch noch zum Feste ziehen wollten. Der Ort, da die

Flüchtigen an ihnen vorüber mußten, war gar enge und so geriethen die

beiden in die helle Beleuchtung ihrer Lichter. Alsbald ward Bruno von

dem Kecksten unter ihnen angeredet.

»Eure Dame, Freund«, rief er, »wird's Euch wenig danken, daß Ihr sie

so früh hinwegführt vom Fest, das schönen Frauen so vieles zu schauen

gibt.«

»Kehrt um und kommt mit uns!« riefen die Anderen da und umringten die

Beiden, als wollten sie in ihre Mitte sie nehmen.

Da Bruno ihrer nicht achtete und ohne sich aufzuhalten weiter schritt,

so ward dadurch der Übermuth der trunkenen Gesellen nur noch mehr

erregt.

Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit · 第 7 / 17 段