So sah ich nun mit gar trüben Blicken, unterm Fensterbogen sitzend, in

das Thal und über die Berge hin, welche die heitere Sonne mit goldnem

Dufte bekrönte. Eine Landschaft, die wir zum ersten Male erschauen,

prägt sich tief in unser Gemüth, aber ich wähne: tiefer noch haftet

der Anblick in der Seele, von dem uns die Ahnung sagt: er erfreut uns

zum letzten Mal. -- Zum letzten Mal! welch' tiefe Schwermuth von

solchem Wort über unsere Seele fließt, das erfuhr ich in jener stillen

Abendstunde. Aber siehe! da gerieth mir die Kunst, die ich auf

Elzeburg von dem Mägdlein erlernt hatte zu erquicklichem Trost. Manche

Weise, die ich von ihr vernommen, schwebte mir über die Lippen, und

ungesucht, als vernähme sie mein Ohr, kamen mir auch die Töne zu dem

Liede, das ich für Irmela aufgeschrieben hatte.

Schon senkten sich unten über das Wiesenthal tiefer die Schatten und

der kühler von den Bergen her wehende Hauch mahnte mich an den

vergehenden Tag, und daß, wenn der nächste anbräche, ich von hinnen

sein müßte. Da man schon seit lange sich von mir keiner Flucht

gewahrte, so ward ich auch nicht mehr gehalten wie ein Gefangener, und

ich konnte gewiß sein, daß manche Stunde vergehen würde, bevor man

sich von meinetwegen beunruhigte. Nur das Bild des Mägdleins nahm ich

zu mir und war entschlossen, nach dem Abendimbiß mir eine Gelegenheit

zum unbemerkten Enteilen zu ersehen.

Da trat Helmbold in's Gemach.

»Ich bin Euch«, sprach er nach freundlichem Gruß, »ein Bringer

unerwarteter und, wie ich wähne, froher Zeitung, auch komm' ich Euch

als Bote nicht mit leeren Händen. Seht hier die Gabe, die Euch das

Fräulein reichen läßt zugleich als Lohn, den Euch mein Herr, der Graf,

bestimmt hat für den Dienst, mit dem Ihr ihm zu Willen gewesen seid.«

Dabei reichte er mir eben das Gewand dar, das ich Irmela hatte

zurüsten sehen. Wie ich's verwundert und verwirrt in Händen hielt,

fuhr Helmbold fort: »Die Zeitung ist aber diese, daß Briefe gekommen

sind vom Grafen, darin er anzeigt, daß er gen Speyer zieht, allda

längere Zeit zu verweilen, und daß er dabei aus besonderer Ursach

seine Nichte an den Hof des Bischofs zu führen gedenkt. Euch nun,

Meister, will er Eurer Haft allhier entlassen haben und gibt Euch frei

-- und daß Ihr Euch hinfort so schlimmen Gesellen entzieht, als die

waren, mit denen man Euch betroffen hat vor Waibstadt, brauch' er Euch

nicht zu mahnen. Wäret Ihr aber des fahrenden Wesens satt, so wolle er

Euch als Schreiber in seinen Dienst nehmen, weil er ein Vertrauen zu

Euch gewonnen, und von wegen Eurer sonderlichen Kunst, mit Feder und

Schrift umzugehen, Euch ehrlich halten. -- Wenn Ihr dann, Meister,

solch' gnädig Anerbieten annehmet, so sollet Ihr mit mir und etlichen

Knechten zusammen zu ihm stoßen in Bretten, allwo er jetzo in

kaiserlichen Geschäften weilt und Eures Dienstes sogleich brauchen

kann. Aber eiligen Auftrag hab' ich von ihm und so dürfen wir nicht

säumen; noch heute müssen wir reiten. Habt Ihr doch nun nicht umsonst

von mir gelernet im Sattel sitzen.«

»Guter Helmbold«, erwiedert' ich, »es ist so; Eure Botschaft ist mir

hochwillkommen. Ich ziehe mit Euch. Über Anderes, was ich meine und

sinne, laßt mich zu Euch reden, wenn wir auf der Fahrt sind.«

»Wohl denn«, versetzte er darauf, indem er noch im Gehen auf das mir

geschenkte Gewand deutete, »so macht Euch fertig; sobald der Troß

zugerüstet ist, müssen wir auf sein!«

Schon drang der Wiederhall der Geschäftigkeit, die bald in der Burg

laut ward, in mein Ohr und mahnte auch mich zur Eile. Schnell legte

ich das Kleid an, das mir so unerwartet zum Lohne geworden war.

Darnach trieb es mich noch einmal, die Stätten der Burg zu besuchen.

Wo die Leute mich sahen, riefen sie mir gutes Wort zum Abschied zu;

denn sie hatten schon erfahren, daß ich mitzöge. Ich kam an die

Gartenpforte, öffnete sie und stieg die Stufen hinab. Die Sonne war

nun lang hinunter und das Dämmerlicht der Juninacht umhüllte Laub und

Blüthen. Süßer Duft hauchte mir aus den Blumen entgegen, und die

Blätter, die ich streifte, netzten mir die Schläfe mit kühlem Thau.

Ohne Widerstand zog es mich hin zur gewohnten Stelle. Dort saß ich

nieder und sah hinaus in die nächtliche Stille. Tiefer Friede wehte

mich von aller Gottes-Creatur an. Mir war es, als ob Ferne und Nähe

zusammenflössen in Eines und jegliche Creatur gerne ihre eigne

Schönheit verbärge, damit nur die Macht, Weisheit und Güte des Ewigen

verherrlicht würde, der sie alle zu seiner Ehre geschaffen. Da

gedacht' ich daran, daß es auch des Menschen bestes Theil und reinste

Seligkeit wäre, für sich nichts zu sein und zu begehren, sondern nur

ganz in Gott zu ruhn; ich gedachte daran, daß für alle Herzensfreude,

die mir je geworden, ich Ihm die Ehre schuldig wäre, und daß ich Ihm

gerne dienen wollte nach Seinem Willen in allem Gehorsam.

Über solchem Sinnen gewahrte ich vor mir auf dem Tisch die Laute des

Mägdleins. Aus dem Dunkel um mich her trat ihr Bild glänzend vor meine

Seele. Ich nahm die Laute zur Hand und stimmte zu ihr die Weise von

vorhin an. So wenig auch ich daran gedacht hatte, als das Lied

entstanden war, so flossen nun meine Herzensgedanken mit Wort und

Weise zusammen, und wohl von Grund der Seele klang es hinaus in die

Stille:

Mach' wieder, süßes Vögelein,

Den Träumer froh;

Wo wohnest Du, in welchem Hain,

Ach wo? ach wo?

Vom Suchen bin ich worden krank,

Sag' an, sag' an!

Wann hör' ich wieder Deinen Sang,

Ach wann? ach wann?

Ja, zum Traumbild, das der Erwachte doch nicht vergißt, ward Alles,

was ich hier erlebt hatte, und der wachende Träumer fühlte, es würde

ihm nie wieder erscheinen!

Nun war der volle Mond über das Gebirge emporgestiegen; von seinem

Licht erblichen die Sterne am wolkenlosen Himmel, aber ringsumher

erblitzten in seinem Strahl auf Blättern und Blüthen viel tausend

Tropfen. So war mir hier Irmela erschienen und hatte über meine Seele

und über die Welt um mich her ein mildes, verklärendes Licht

gebreitet. Leise trat ich hinaus in den vollen Schein. Da vernahm ich

leichte Schritte, und dort, umglänzt vom leuchtenden Gestirn, trat sie

selbst hervor wie ein schimmerndes Traumbild. Als sie auf mich zukam,

nahte ich mich ihr mit ehrerbietigem Gruß und dankte ihr für die

reiche Gabe, mit der sie mich erfreut hatte.

»Meister«, sagte sie gütig, »es ist nur die Antwort auf Eure Frage um

mein Geheimniß. Und ob Ihr wohl Eures behalten habt, so seid Ihr doch

nun auch Eures Verspruchs ledig, denn wie er lautete, so habt Ihr auf

Euer Singen mich jetzt nicht länger harren lassen. Ich hörte droben

Euer Lied und das eben lockte mich hierher. Wohlklingend ist die

Weise, die Ihr als die erste mir gesungen habt, doch gar traurig.«

»Es hat auch die letzte sein sollen, Jungfräulein!« erwiedert' ich.

»Ihr wißt, ich scheide heut' von Elzeburg.«

»Aber doch nicht für immer«, fuhr sie fort. »Ich denke, Ihr bleibt

fortan in meines Oheims Dienst und schon in Speyer nach wenigen Wochen

verhoff' ich Euch bei ihm zu finden; denn zum Johannisfest hat er mich

dorthin beschieden.«

»Wär' es aber doch vom waltenden Gott anders gefügt«, sagt' ich

wieder, »denn ungewiß von einem Tag zum anderen ist des Menschen

Vornehmen, so vergesset, Jungfräulein, nicht meiner Bitte und denket

nimmer Arges von mir!«

Da reichte sie mir die Hand und sprach: »Das versprech' ich Euch,

Meister Diether! Aber ich achte, Ihr seid zu besorglich und habt wohl

noch Euer unsicher fahrend Leben im Sinn. Nein, noch manch Lied hoff'

ich Euch singen zu hören und manch fröhliches.«

»Das walte der reiche Gott, daß frohen Gesanges immer Euer Sinn

begehre!« rief ich da.

»Gott und Seine Engel geleiten Euch!« gab sie zurück, ihre Hand löste

sich aus der meinigen und flüchtigen Schrittes eilte sie durch die

Schattenwege der Pforte zu. Dort im hellen Mondenlicht sah ich sie

noch einmal sich wenden, mir den Scheidegruß zu winken. Dann war ich

allein. --

Um Mitternacht brachen wir auf zur Fahrt, so viel ihrer Helmbold zur

Reise sich ausersehen hatte. Der Hof hallte wieder von den Rufen der

Scheidenden. Als wir durch das Thor über die Brücke zogen, stieß der

Thürmer in's Horn und der Gesang erscholl: »In Gottes Namen fahren

wir.«

Unten im Thal ließ ich die Anderen hindann reiten und blieb an der

Lichtung zurück, von wo aus man die Burg droben liegen sah. Hell

erglänzten Dächer und Zinnen im Spiegellicht des Mondes. Aber wo aus

kleinem Fenster durch tiefen Schatten ein Lichtschein herniederdrang,

dahin richtete ich unverwandt meinen Blick.

Darauf lenkte ich mein Roß herum und sang leise im Weiterreiten:

Sag' an, sag' an!

Wann hör' ich wieder Deinen Sang,

Ach wann? ach wann?

Fünftes Capitel.

Heimfahrt.

Unsere Reise führte uns ebendenselben Weg zurück, auf dem ich vor

wenigen Wochen unter vermeldeten sonderbarlichen Umständen und wider

meinen Willen gen Elzeburg gebracht war. Kein Wunder wär's gewesen,

wenn ich das nicht bemerkt hätte; denn wie gar anders sah mich heut'

die Welt an und ich sie! Aber wenn auch der liebe Mond so viel

heiterer vom wolkenlosen Himmel durch das Laubdach der Bäume zu mir

herniedersah denn damals, als ich fast erschrak bei seinem Anblick,

und sein heller Schein schier lauter lichte Bilder vor meine Augen

brachte: die vom sommerlichen Nebel silbern erschimmernden Waldwiesen,

den fröhlichen Zug meiner mannlichen Reisegesellen und endlich mich

selber hoch zu Roß und zierlich geschmückt: ich erkannte wohl die

Stätte meines vormaligen trübseligen Abenteuers wieder und dachte nur

bei mir selber ganz fröhlich: »Was gilt's, die Welt hier außen hat

seitdem Pracht angezogen und ich auch!«

Weil denn nun bei mir allerdinge beschlossen war, (auch mir der

Gedanke nicht kam, es könnte nicht geschehen) in mein Kloster

heimzukehren, so überließ ich mich der stattlichen Freiheit, deren ich

hie genoß, mit rechter Lust, und je ferner Elzeburg hinter uns wich,

desto mehr wich auch meine nachdenksame Schweigsamkeit, und ich

gesellte mich den Andern zu, ritt und redete mit ihnen, als wär' ich

des Dinges längst gewohnt.

»He!« rief da Helmbold mir zu und lenkte sein Roß an meine Seite; »das

thut mir heut' noch sanft, daß wir Euch dazumal nicht haben entwischen

lassen; denn, Meister Diether, man ersieht's wohl, Euch geliebt's viel

mehr mit Graf Eberhard's Leuten hier durch den grünen Wald zu reiten,

als bei den Waibstädtern zu liegen. Und traun! uns auch. Ihr seid uns

Allen ein werther Reisegesell', und auch ein wackerer Reitersmann seid

Ihr worden.«

Das bekräftigten die Anderen einmüthig, und Einer sagte, solcher

Gewalt und Gefangenschaft, wie ich sie erlitten hätte, würd' er auch

nicht gram sein.

Da entstund ein Gelächter, und ich lachte auch und sagte: »Mit den

Städtern wär' ich wohl noch allein fertig worden und von der

Waibstädter Herberge frei geblieben ohne die Elzeburger.«

»Ja freilich«, sagte Helmbold wieder, »frei wie der Vogel in der Luft

und das Wild im Busch immer auf der Flucht ohne Nest und Rast!«

»O«, erwiederte ich munter, »Ihr scheltet mir mein früher Leben zur

Ungebühr; es war ganz anders, als Ihr denket und weit so elend nicht.«

»Hört Ihr's?« rief da Helmbold wieder. »Er hat die Lust zum fahrenden

Wesen noch in den Gliedern, und gebt Acht, 's ist ihm schon leid auf

des Grafen Roß, schliche lieber zu Fuß.«

»Hm«, sagt' ich ärgerlich, »was nicht reitet, das gilt Euch nichts.«

»Ein Mann, sitzt er nur hoch zu Pferd,

Dünkt zwier sich mehr als Andre werth!«

»So ist's recht!« rief da Helmbold wieder mit Lachen. »Jetzt, Diether,

kommt Ihr auf Eure Kunst. Und weil sie trefflich geschickt ist, den

Weg zu kürzen, so ist's billig, daß wir des Singemeisters in unserer

Mitte genießen. Hebt denn an und laßt uns etwas hören!«

Da stimmten sie alle zu: »Ja, Diether! singt uns vor und herzhaft.«

Weil sie also anhielten, einen Gesang zu heischen, so that ich ihnen

den Willen und sang

Das Lied vom Schützen Oswald.

»Und hätt' ich gegriffen ihn nicht in der Schlucht

Mit Listen: noch wär' ich vor ihm auf der Flucht;

Geweiht

War dem Tode zu jeglicher Zeit,

Was lebend sein Pfeil zum Ziel sich ersah,

Ob fern, ob nah:

Den Hirsch im Sprung und den Aar im Flug,

Herr Oswald der Schütz traf ihn gut genug.

Nun liegt er gefangen im tiefen Thurm,

Umkrächzt von den Krähen, umheult vom Sturm,

Und aus

Stach ich ihm (baß schmeckt nun der Schmaus

Und ungekränkt trag' ich die Grafenkron')

Die Augen zum Hohn;«

Graf Otto ruft's laut. »Ich sag's Euch mit Fug,

Herr Oswald der Schütze traf gut genug.«

Und der Graf ruft wieder, »daß Wahrheit dies:

Auf, holt mir den Schützen hervor vom Verließ!

Wohlan!

Herr Oswald, du blinder Mann,

Deine Augen zwar sind Dir nun nimmer zu Dank,

Doch das Ohr merkt den Klang.

Nun hab' mir wohl Acht, wie ich schlage den Krug,

Ziel', Oswald, und schieß und triff gut genug!«

Und Oswald lauscht, wo der Klang herkam,

Er lauscht auch, woher er die Stimme vernahm.

Die Hand,

Schon hat sie den Bogen gespannt --

Hui, schwirrt von der Sehne der Pfeil durch den Saal!

Mit Geschrei sinkt zu Thal

Graf Otto, getroffen in's Herz. »'S war kein Trug,

Weh, Oswald du Schütze, trafst gut genug!«

Als ich geendet hatte, bezeugten sie Alle: Ja, das wär' ein tapfer

Lied! und den Sänger lobten sie ausbündig und sagten auch dabei, es

wäre doch eine auserwählte Kunst, der ich gedienet hätte.

Unter so gethaner Kurzweil gieng die Nacht bald herum und weil wir

auch im Reiten nicht laß gewesen waren, so hatten wir, als wir früh

das Morgenlied anstimmten: »Der Tag vertreibt die finstre Nacht«,

schon manch' gute Meile hinter uns. Den Tag über, der sehr heiß ward,

hielten wir Rast, und erst mit der Abendkühle saßen wir wieder auf.

Alle aus dem Troß sahen mich an als einen der Ihren und ich hielt mich

auch so. Zwar dacht' ich öftermalen, mich Helmbolden zu offenbaren und

gefügen Abschied von ihnen zu nehmen, wie ich mir solches zu thun auch

von Anfang der Reise an vorgesetzt hatte. Aber es war immer, als

könnt' ich den Weg zu solchem Geständniß gegen ihn nicht finden, und

eh' ich mich's versah, war er oder ein Anderer mit einer Scherzrede

dazwischen, auf welche ich dann auch (der frohe Muth trieb mich dazu)

die scherzende Antwort nicht schuldig blieb. Und so sah ich's denn zum

zweiten Mal licht Morgen werden, als ich zwar Albrecht's Abtei ein

erheblich Theil näher war denn Tage zuvor, aber dafür noch ebenso fest

auf des Grafen Pferd saß und so dicht unter seine Leute gemengt, daß

ich schier selber nicht wußte, wie ich mir heraushelfen sollte und

beinah' wünschte, es sprengte uns wieder unversehens eine Aventiure

auseinander, wie vormals den fahrenden Leuten und mir geschehen war.

Aber dergleichen begab sich nichts, und weil wir just wieder durch

dichten Wald ritten, den ich von Brun's Begleitung her wohl wieder

erkannte, so gedacht' ich hier, da es doch einmal geschehen müßte,

mich von ihnen zu reißen und für's Erste zu Brun zu entfliehen. Ich

erspähte mir also die Gelegenheit und ritt, als geschäh' es von

Ungefähr, dem Troß eine gute Strecke voraus, wo der Weg sich krümmte,

bis ich vor ihrer Aller Augen entschwunden war. Da saß ich eilend ab,

band mein Roß an den Ast des nächsten Baumes und sprang flugs waldein,

wo Gebüsch und Gezweig am dichtesten mich verbargen. Zuvor aber hatte

ich unvermerkt an den Sattelknopf meines Thieres ein Blättlein

geheftet, darauf mein Abschiedsspruch zu lesen stund:

Nicht weiter folgt Euch Diether mehr,

Und sang

Er je, trugt Ihr darnach Begehr,

Zu Dank,

So forschet nicht --

Dieweil er schied

Mit Weh --

Wohin?

Ihn ruft die Pflicht,

Ernst klingt das Lied:

»Ade;

Fahr' hin!«

Es mochte gegen Mittag sein, als ich auf verschlungenen Waldpfaden

endlich in die Schlucht gelangt war, von der ich wußte, daß von da St.

Wigbert's Kirchlein nicht fern wäre. Wie war ich froh, da sich die

Halde vor mir aufthat und die beblümte Wiese mit dem muntern

Bergwässerlein, und mir von drüben das Ziel meiner Flucht

entgegenwinkte. Wohl klopfte mein Herz stärker, je näher ich die Höhe

zur Klause hinanstieg, und die Unruhe meines Gemüths wuchs in der

Erwartung, welcherlei Weise mich Brun empfangen würde, wenn er zuerst

meiner ansichtig werden würde in dieser Umwandlung. Darum hielt ich

mir selbst recht eifrig seine freundliche Zusage vor die Seele, mit

der er von mir schied, daß er all'zeit mit willigem Herzen mich

aufnehmen wolle, und was er sonst Liebreiches damals zu mir gesprochen

hatte.

Und so schritt ich getrost der Klause zu. Aber wie erschrak ich, als

ich plötzlich hinter dichtem Gerank von Waldreben und Geisblatt, das

sich der Alte seitwärts seiner Behausung zu einer Sommerlaube zurecht

gezogen hatte, seine Stimme hörte, laut und fast heftig wie von

Jemand, dem die Einsamkeit das Reden mit sich selbst zur Gewohnheit

gemacht hat.

»Wohl gesprochen, St. Augustine! _Pereant omnia et dimittantur haec

vana et inania! conferamus nos ad solam inquisitionem veritatis! Vita

haec misera, mors incerta_.«[A]

[Fußnote A: Hinweg mit all' diesen eitlen und leeren Dingen! Die

Wahrheit allein laßt uns suchen. Dies Leben ist elend, die Todesstunde

ungewiß.]

»Hilf Gott!« sagt' ich da zu mir selbst mit Bangen, »ich höre mein

Urtheil; wie werd' ich vor ihm besteh'n, wenn er so gemuthet ist!« Und

zögernd schritt ich vorwärts, während er fortfuhr lateinisch zu reden,

wie vorhin.

Als ich seiner ansichtig ward, saß er tiefgebückt über ein großes

Buch, darin er eifrig las, als straft' und vermahnt' er daraus sich

selbst. Ich stund beinah' vor ihm und noch immer hatt' er mein Kommen

nicht wahrgenommen. Endlich wagt' ich's und sprach, aber zaghaft kam

es heraus:

»Gelobt sei Jesus Christus!«

»In Ewigkeit, Amen«, fuhr er fort und hielt mit seinem Finger die

Stelle im Buche fest, bei der ich ihn unterbrochen hatte. Dann erst

sah er auf.

»Wie!« rief er da mit höchstem Erstaunen, und schob das Buch zur

Seite. »Du, Diether? Du selbst? Bist Du's wirklich? Dich seh' ich

wieder und in solchem Aufzug! Treibst Du Mummenschanz mitten zur

Sommerzeit; oder bist Du so bald bezaubert, der Du Dich so sicher

däuchtest, als ich Dich warnte?«

»Und wie zierlich der Knabe aussieht«, fuhr er fort, nachdem er mich

wieder und wieder betrachtet, »ein Herzog könnt' sich mit Dir sehen

lassen, so er Dich in seinem Gefolg' hätte, und mit Dir zu Hofe ziehn.

Aber nicht zu mir, Diether, mußt Du als ein solcher kommen, wenn Du

gelobt sein willst.«

Streng sah er mich an, und dennoch war mir's, als hätt' er ein

Wohlgefallen an mir.

»Ihr thut mir Unrecht, Brun«, sagt' ich da, und trat ihm einen Schritt

näher, »Ihr thut mir zur Wahrheit Unrecht, wenn Ihr wähnet, ich komme

im Übermuth zu Euch und zeige mich Euch in diesem höfischen Kleide,

weil ich bethört sei von der Welt Eitelkeit. Sondern gedenket, wie Ihr

einst selbst Eure Klause mit des Erzvaters Noä Arche verglichet, da

Ihr mir Verirrtem eine Rast hier schufet vor des Wetters Ungestüm.

Heut' gleich' ich dem Täublein, das draußen nirgend haften kann, mehr

denn damals, und bitte, schleußt vor dem Flüchtigen Euer Fenster nicht

zu!«

»Aber«, sagte der Alte hinwieder mit einem scharfen Blick auf mich,

»Du hast das Ansehen nicht, als hätte Dir die Welt bei Deinem ersten

Ausflug übel gelohnt und reute Dich der Dank, der Dir von ihr

geworden.«

»O, Brun!« versetzte ich darauf. »Vergönnt mir nur bei Euch wenige

Tage zu weilen und mich zu bergen; ein Anderes begehr' ich nicht. Und

wenn ich Euch werde berichtet haben, was mir begegnet ist, so werdet

Ihr selbst erkennen, wie ich aus Noth in dieses Kleid gekommen bin und

nicht aus Fürwitz, und Ihr werdet mir heim helfen, wohin mein Sinn

steht, in's Kloster.«

»Wie?« fragt' er mit Staunen. »In's Kloster begehrst Du zurück?«

»Ja, ich!« betheuert' ich; »heim gen Maulbronn.«

»Nun, Diether!« sprach da Brun, derweil er aufstund und sich

anschickte, mich in seine Hütte zu geleiten. »Traun! Seltsames muß

sich zugetragen haben, oder Du bist in Deinen Jahren gewitzigter als

Viele, wenn in so wenigen Wochen die Welt Dich Unerfahrenen auf ihren

Kloben pfeifen konnte, aber nicht länger Dich festhalten, und Du schon

gelernt hast, ihres Wesens überdrüssig zu sein. Manch' Einer lernt's

mit grauen Haaren kaum! Doch komm und pflege Dein! Du sollst mir

hernach erzählen. Und vor wem Du Dich auch zu bergen hast, sorge Dich

nicht. St. Wigbert's Schutz ist gut, wem der einmal zugesagt worden

ist.«

So war ich denn den Tag über in seiner Klause, und sanft that mir da

die Ruh. Mein Wirth trug auf's Beste Sorge für mich und spähte

fleißig, ob sich Jemand nahte. Aber den Waldpfad entlang ward nichts

sichtbar, als etwa ein Wild, das zum Äsen der Lichtung zuschritt aus

dem Dickicht; und außer durch das Geschrei des Hähers oder der Weihe

droben in der blauen Luft und den Gesang der Waldvögel aus dem

Erlengebüsch am Bach und dessen Rauschen ward die Stille der

Einsamkeit durch Nichts unterbrochen.

Über das, was mit mir vorgegangen, vermied Brun jede Frage. Aber als

der Abend hereingekommen war und der Alte droben zur Vesper geläutet

hatte, rief er mich hinaus und führte mich in seine Sommerlaube. Dort

hieß er mich erzählen, was ich erlebt hätte, seit ich von ihm gezogen

wäre. Da berichtete ich die Aventiure mit den zween Fahrenden, und wie

ich durch sie um Klosterkleid und Briefe gekommen; ich schilderte

meinen Strauß mit den Städtern, wie sie an mich wollten und ich mich

ihrer erwehrte, ich erzählte auch darnach von Elzeburg, wie ich wäre

dahin gebracht worden, wie sie mich für einen fahrenden Singemeister

gehalten hätten und wie ich zuletzt mir anders nicht Rath's gewußt,

als von der Heerstraße hier zu ihm zu entweichen, daß ich bei ihm, so

viel es Noth wäre, stille läge und darnach ungesäumt heimkehrte, woher

ich ausgesandt.

Als so mit der Erzählung mein Gemüth all' den Dingen nachgieng, wie

sie sich zugetragen, wurden sie selbst in meiner Seele wieder

lebendig, als erlebt' ich sie zum zweiten Male. So trachtete ich denn

auch darnach, was ich zu schildern hatte, mit rechtem Nachdruck meinem

Zuhörer fürzustellen. Der, merkt' ich wohl, hatte so Seltsames zu

hören sich nicht versehen, und so bezeugt' er mit Blick und Gebärde,

welchen Antheil er am Erzählen nähme und am Erzähler. Ja, ich

berichtete Alles, nur Eines, ich war mir selber nicht wissend, welche

Scheu mich davon abhielt, verschwieg ich ihm. Ich sagt' ihm nichts von

Irmela und meinem Schulhalten, sondern nur, wie ich hätte müssen die

Aventiure von Sifride niederschreiben für Herrn Eberhard. Da Brun den

Namen des Grafen zum ersten Mal vernahm und den seiner Burg, so

horcht' er auf, schien es mir, aber er sagte nichts.

Als ich zu Ende war, sah er mich noch eine Weile schweigend an und wie

mit prüfendem Aufmerken, und wieder wundert' ich mich, wie milden

Glanzes seine Augen blicken konnten, die doch zu Zeiten so gewaltig

ernst und strenge, ja finster hinter den Brauen hervorsahen, die sie

tief überdeckten.

»Diether«, hub er darnach an, »Du bist unverbrüchlich dem Kloster

zugesprochen?«

Seine Frage kam mir unerwartet und es geschah wohl mit gar

zweifelhafter Miene, daß ich zu ihm aufblickte.

»Bescheide mich immer«, sagte er ruhig weiter, »was Du von Deinem

Verlöbniß weißt.«

»Nur das«, erwiedert' ich, »daß man mir immer gesagt hat, wie ich noch

gar jung als hilfeloser Findling vom Abt um Gottes Willen aufgenommen

und zuerst zu Leuten, die des Klosters eigen waren, ausgethan worden

sei. Hernach bin ich zu den Brüdern gekommen und für St. Bernhard's

Orden ausersehen, dem ich auch, wie sie mir sagen, nach heiligen

canonischen Rechten versprochen bin.«

»Wohlan, Diether!« sagte Brun wieder, »ich merke wohl, Du bist durch

Gottes Walten ohne Dein Wollen und Zuthun von Deiner Bahn gelenkt.

Danke dem reichen Christ, daß Du so geschwind Dich auf den Weg

zurückgefunden hast, der Dir der vertraute ist von Kindesbeinen an.

Dank ihm auch dafür, daß Du, so wechselsvoll diese Fahrt für Dich

gewesen ist, dennoch in Deinem Sinnen und Meinen nicht ein Anderer

worden bist, denn zuvor. Aber begehre nie ein Mehreres von der Welt zu

sehen! Bist Du jetzt noch unbetrogen geblieben und ungeblendet, so hat

sie wohl andere Larven, die noch süßer lächeln, aber die Hölle hinter

sich haben. Darum, Jüngling, zeuch zurück in Deinen Frieden, und ich

will Dir wohl dazu helfen. -- Sollte sich's aber«, fuhr er fort,

»anders befinden, als ich halte, und Du hegst ein heimlich Verlangen

zurück in das Wesen, dem Du entronnen bist, und Dein waglicher Sinn

ist Dir erweckt, o Diether, so vertrau' auch dann Dich mir an und

hehle mir nichts!«

Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit · 第 6 / 17 段