Wie sie dabei fragend und bittend mich anblickte, hätt' ich sie von

Herzen gern ihres Wunsches gewährt. Aber ich sagte bloß: »Die Laute zu

schlagen, bin ich gänzlich unkundig.«

»Nun denn«, fuhr sie fort, »so mögt Ihr Eure Lieder bloß singen, und

wenn ich eine Weise wohl aufgefaßt habe, so gedenk' ich selbst die

Griffe zu finden, die sich dazu schicken. Wagt nur immer mich in Eure

Schule zu nehmen!«

Da mußt' ich mir mit einer List helfen:

»Gerne, Jungfräulein! Aber wisset, daß es wider Recht und Brauch

unserer Kunstbrüderschaft ist, unsere Lieder so bar mit der Stimme

hinauszusingen, ohne daß Saitenklang dazu ertönt.«

»Das ist ein seltsam Recht«, erwiederte sie darauf verwundert, »das

Ihr da aufgerichtet habt. Doch«, setzte sie munter hinzu, »ist's Euch

ein Ernst, mich Eurer Singekunst froh werden zu lassen, so soll Euer

Recht und Brauch weder Euch noch mir leid sein. Ich will Euch lehren

die Laute schlagen, und, deß bin ich gewiß, ein Meister wie Ihr, wird

bald vermögen auf ihr zu spielen zu jedem Liede, das Ihr singet. Doch

könnet Ihr wohl unterdessen von Euren Liedern etwelche mir

aufschreiben, und an denen ich Gefallen finde, das sollen die sein,

deren Weise ich hernach zuerst von Euch zu hören gedenke.«

»Was aber«, fragt' ich, »wird aus »_Sifride wie der erzogen wart_« und

den Aventiuren darnach?«

»O«, sagte sie beschwichtigend, »seid deß unbesorgt. Die sollen nicht

versäumet werden, dürfen es auch nicht, um meines Ohms willen. Aber

jedesmal, wenn wir mit ihnen ein gut Stück vorwärts gekommen sind und

es verdrießt Euch nicht, so fangen wir an mit Lautespielen.«

Solch' Begehren des Mägdleins war mir lieb und auch leid. Lieb war es

mir, weil ich gedachte an ihrem Spiel und Gesang Freude zu haben, leid

aber, weil ich besorgte, ich würde nun mit meinen zwo Aventiuren um so

geschwinder am Ende sein, wenn ihr Sinn erst eifrig nach meinen

Liedern stünde, und weil ich, je gelehrigerer Schüler ich ihr ward, um

so bälder ihr Lehrer werden sollte. Denn wie sollte ich als der

bestehen?

Aber ungedacht gerieth mir Irmela's Singelust durch meine Malkunst zum

Heile. Denn einst, als die Stunde unseres Schulhaltens gekommen, war

ich durch Helmbold zu ihr draußen in den Garten beschieden worden. Da

waren auf grünem Rasen mit wohlgepflegten Beeten, auf denen

buntfarbige Primeln und schlanke Narzissen blühten, ein weitästiger

Apfelbaum, der stund voll rother Blüthenknospen recht wie mit

unzähligen Sträußlein geschmückt. Im Halbkreis um diesen Baum war wie

eine grüne Wand dichtes Gebüsch von Flieder gezogen, der dem Ort in

der heißen Jahreszeit Kühlung und Schatten lieh. Dahin hatte Irmela

Tisch und Stühle bringen lassen und dort sollt' ich ihrer warten. Ein

gar lieblicher Platz war es, den sie für unser Schulhalten ausersehen

hatte. Denn man sah über Blumen und Rasen vorn über die Wipfel der

Obstbäume, mit denen stufenweise der sich hinabsenkende Garten des

Burghofes bepflanzt war, weit hinauf und hinab in das Thal, wie da das

Elzewässerlein bald aus dem Grün hervorblitzte, bald hinter dem Laube

der Uferbäume sich verbarg, und frei konnte zugleich der Blick

hinüberschauen in's Gebirg. So saß man dort uneingeengt und doch

ungesehen und heimelich.

Mit rechter Lust schaute ich in die heitere Welt hinaus, die nah und

fern so friedlich vor mir lag, und daß wir unser Werk so mitten in der

Lenzlust treiben sollten, machte mich recht herzensfroh, und dem

Mägdlein wußt' ich's im Stillen Dank. Da sich von ungefähr ihr Kommen

verzögerte, nahm ich das große, schön gebundene Buch, das schon bereit

lag, in die Hand und schlug es auf. Bald fand ich die Blätter, auf

denen Lieder und Sprüche der besten Singer zu lesen waren. Ich staunte

nicht wenig über die meisterliche Kunst, mit der da in Wort und Reim

gefaßt war, was des Menschen Herz zumeist bewegt, und immer wieder auf

neue Weise, wie wohl die Vöglein alle im Mai dieselbe Lenzwonne

singen, doch aber jedes in seiner sonderlichen Art.

»Reicher Gott!« dacht' ich, »wie mag dir das gute Mägdlein so hohe

Kunst zutrauen und wie könnt' ich sie je erlernen; sie muß von Gott

verliehen sein.«

Während ich so der Muße genoß, sah ich auch die Feder schon bereit

liegen, und das Tintenfäßlein stund dabei. Ich nahm sie in die Hand

und schrieb, wo Irmela zuletzt aufgehört hatte, oben auf das nächste

Blatt in den zierlichsten Buchstaben, die ich vermochte, was nun

weiter folgte: »_Von Sifride wie der erzogen wart._« Ich that zu

mehrerem Schmuck manchen Zug hinzu fein und geschwungen, wie ich's in

den besten Schriften unserer Klosterbücherei gesehen hatte. Damit war

ich noch beschäftigt, als das Mägdlein herzutrat.

Noch seh' ich die schlanke Gestalt, wie sie voll kindlich

jungfräulicher Heiterkeit durch die Blumen schritt, mit Aufmerksamkeit

hie und da vor einer neu entfalteten Blüthe ihrer Frühlingsbeete

stille stund oder eine schimmernde Narzisse, die sie in der Hand

hatte, gegen die Sonne hielt und in die Betrachtung des leuchtenden

Blumensterns mit dem gelb-purpurnen Kern sich versenkte. Mir war's nun

erst, als wüßten Laub und Blüthen um mich her, wem zur Freude sie von

Gott so schön geschmückt wären, und ich gedachte, daß es am Anfang

auch ein Garten gewesen, in den unser Herrgott die unschuldigen

Menschen setzte.

»Ich hab' Euch harren lassen heute«, sagte sie zu mir nach

freundlichem Gruß, als sie vor mir stund. »Aber ich denke, der Lenz

macht's heute hier außen so schön, daß einem wintermüden Menschen die

Weile schwerlich zu lang wird. Um so fleißiger, gebt Acht, werd' ich

Euch nun beim Schreiben sein. Doch seht«, rief sie mit Verwunderung,

als sie in das Buch sah, »Ihr seid nicht müßig gewesen; wie kunstreich

Ihr schreiben könnt! ich wähne, ein Maler vermöcht's nicht besser in

eines Kaisers Brevier.«

Da sagt' ich: »Wenn es Euch gefällt, Jungfräulein, so könnt' ich des

Schreibens Mühe Euch wohl ersparen und mit eigner Hand die Aventiure

in's Buch bringen, so gut ich's vermag. Während dem könnt Ihr die

Laute spielen, und beim Schreiben würde mir das Hören Eures Spiels

wohl nützlich sein, daß ich hernach Eurer Unterweisung desto besser zu

folgen vermag.«

»Nicht wegen der Muße für mich«, erwiederte sie, »sondern um Eurer

preislichen Schrift willen, die ich dem Buch wohl gönne, nehm' ich

gern Euer Erbieten an.«

Und so geschah's denn von dem Tag an, daß ich die Feder führte. Weil

mir aber aus glaublicher Ursach' Eile nicht am Herzen lag und ich

zugleich das Mägdlein erfreuen wollte, so that ich all' mein Bestes an

dem Buch. Ich brauchte zur Niederschrift nicht allein Rohr und Feder,

sondern auch Pinsel und Farbe, die ich mir von Irmela erbat oder

selber nach Malergewohnheit bereitete. Was waren das für selige

Stunden in jenen Maientagen im Garten unter dem blühenden Apfelbaum!

Fröhlicher hat wohl nie Keiner Unmuße gehabt, noch größere,

herzlichere Lust zu seiner Arbeit getragen. Ist es ein Wunder, daß ich

der Sorge um die Zukunft, wie es weiter mit mir werden sollte, gerne

vergaß und, unbekümmert um den morgenden Tag, ganz nur dem heutigen

lebte und dem reinen Glück, das er mir brachte? Gieng da, mir selbst

nicht bewußt, eine Änderung in meinem Gemüth vor sich, so konnte sie

bös nicht sein; denn nie zuvor hatte ich höhere Freude an meiner Kunst

gehabt und ernsteren Eifer auf sie gewendet, als da ich wußte: ihr

Auge ruhte mit Wohlgefallen auf meinem Schaffen. Die ganze herrliche

Gotteswelt um mich her sprach deutlicher zu mir, und es war, als ob

das inwendige Vermögen meiner Seele eine neue Kraft gewonnen hätte.

Heller strahlte mir die Sonne, leuchtender schien mir der Frühling,

und wie von einem Gefühl stiller aber starker Freude am Leben und

allen Werken des HErrn ward mein Gemüth beschwingt. Daß solches Alles

eine Folge von dem Eindruck war, den das liebliche Wesen des Mägdleins

auf mich machte, war mir nicht verborgen. In ihrer Nähe hätte kein

Mensch traurig bleiben können oder Arges hegen! Und an der

Anhänglichkeit, mit welcher alles Ingesinde in der Burg ihr zugethan

war, konnte man die Macht der Unschuld und Güte ersehen, zumal wenn zu

ihr holde Gestalt und fröhliche Jugend sich gesellt. Keiner hätt' es

vermocht, sie zu betrüben, und Helmbold, dem der Graf (er hatte bald

nach meiner Ankunft wieder die Burg verlassen) ihren Dienst

zugewiesen, sah das Amt, das ihm vertraut war, als seine höchste Ehre

und Freude an. Von ihm erfuhr ich, daß Irmela schon in früher

Kindheit, da sie Waise geworden, von ihrem Ohm aufgenommen und zwar

fern von der großen Welt, aber mit aller Sorgfalt und Liebe

unterrichtet und erzogen wäre. Alsdann betheuerte der Alte, wie mit

ihr ein neuer Tag des Glücks für Alle, sonderlich für den Grafen in

der abgeschiedenen Burg aufgegangen wäre und wie trübselig es hergehen

würde auf Elzeburg, wenn das Fräulein einmal da nicht mehr weilte. Und

gewiß ein edler Freiersmann würde sich bald genug finden, wenn sie nur

erst hinausgeführt sein würde in die Welt, die sie bis jetzt nur gar

wenig gesehen.

So war denn auch sie wie ich ohne Vater und Mutter aufgewachsen und

in der engsten Umgebung, und bei aller Verschiedenheit sonst, kam doch

darin die Gestalt ihres und meines Lebens überein. Wohl gern hätt' ich

ihr die Wahrheit über mich gesagt; und daß sie von mir, wenn auch

unfreiwillig, getäuscht ward, that mir oftmals leid, und der Vorwurf

darüber legte sich je zuweilen wie der einzige Schatten jener hellen

Maienzeit über meine Seele. Aber ich konnt's doch nimmer über's Herz

bringen, ihren immer sich gleich bleibenden heiteren Sinn durch eine

Mittheilung zu betrüben, die sie an ihrer Arglosigkeit irre machen

mußte. Zudem wär' es mir schrecklich gewesen, ihren Zorn zu tragen.

War es dennoch unrecht von mir, daß ich mir den Trug, in den man mich

hineingestoßen hatte, gefallen ließ, ja hernach zu scheinen selber

fortfuhr, was ich nicht war: so weiß ich's nicht und will's nicht

widerfechten. Gutes und Schlimmes sind durch eine tiefe Kluft von

einander geschieden, aber in des Menschen Gemüth liegt oft Beides gar

nahe bei einander.

Indessen wuchs ich täglich mehr in den Singerstand hinein, dem ich

zugewiesen war; mit dem Lauteschlagen gelang es mir zu größlichem Lobe

meiner Lehrmeisterin und, wie ich fand, zu meiner eignen Freude; ja es

regte sich in mir auch die Lust, selbst ein Lied zu ersinnen nach der

Art derer, die in Irmela's Buche geschrieben stunden und eine Weise

dazu zu suchen. Doch dies that ich heimlich, damit das Mägdlein an der

Versicherung, die ich ihr, um Zeit zu gewinnen, gegeben hatte, nicht

ohne Noth irre würde. Aber da sie öftermalen in mich drang, aus dem,

wie sie meinte, großen Vorrath meiner Kunst doch endlich ihr etliche

Probestücklein herfürzulangen, so durft' ich nicht gänzlich ungefüge

sein, noch ihr Mißtrauen erwecken.

»Laßt mich doch nun einmal die Worte eines Liedes hören«, bat sie

einst, als ich Griffel und Pinsel zusammenlegte, womit ich die

Siegfrieds-Aventiure nach Kräften geziert hatte, »das Ihr auf Euren

Fahrten sonderlich gerne gesungen habt oder das von den Leuten Euch

zumeist Beifall eingetragen.«

Da erwiedert' ich: »Jungfräulein, laßt mich darüber sinnen und morgen

will ich Eurem Wunsch genügen, wie ich kann.«

Tags darauf bracht' ich ihr, zierlich auf ein Blättlein geschrieben,

ein Lied, das ich erdacht hatte.

So giengen die Worte:

»Ein Vöglein sang so wohl hienacht

Und lockt' und rief;

Ich hatt' des Sanges wenig Acht

Und schlief und schlief.

Doch mir im Traume bracht' er nah

Ein süßes Bild;

Ach, all mein Sehnen wurde da

Gestillt, gestillt.

Doch es zerfloß im Morgenlicht;

In Fern und Näh'

Irr' ich nun um und ruhe nicht

Und späh' und späh'. --

Mach wieder, süßes Vögelein,

Den Träumer froh:

Wo wohnest Du, in welchem Hain,

Ach wo, ach wo?

Vom Suchen bin ich worden krank --

Sag' an, sag' an:

Wann hör' ich wieder Deinem Sang,

Ach wann? ach wann?«

»Wohl«, sagte sie zufrieden, als sie zu Ende gelesen hatte. »Die Worte

gefallen mir, und wenn auch die Weise eben klingt, so will ich das

Lied von Euch lernen. -- Ich denke«, fuhr sie fort, »Ihr müsset nun

bald vermögen, zu jeglichem Ton, den Ihr singet, die Laute erklingen

zu lassen. Wollt Ihr's nicht jetzt versuchen?«

Als wollte sie mir Frist geben, mich besser zu besinnen, beugte sie

sich wieder zu dem Werke, das sie unter den Händen hatte. Es war ein

köstlich Gewand, wie wohl die Leute im Gefolg eines edlen Herrn

tragen. Wie mir nun alles Besinnen nicht geholfen hätte, dem Mägdlein

vorzusingen, was ich selber noch nicht vermochte, ich aber in Noth

war, was ich auf ihre Bitte erwiedern sollte, ohne ihre

Unzufriedenheit zu erregen, so fiel mein Blick auf das kunstreiche

Thun ihrer feinen Hände. Um denn vielleicht ihre Gedanken abzulenken,

fragt' ich sie nach dem Werk, das sie da schuf, für wen und wozu es

wohl bestimmt wäre. Da sah sie mich fest an und sagte: »Ja, Meister

Diether! solltet von uns Beiden nur Ihr ein Geheimniß haben?«

Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig, faßte mich aber und fragte

mit verwunderter Miene zurück: »Jungfräulein, welches?«

»Wie, Lehrmeister!« hub sie da wieder an, »Ihr wähnet doch nicht, daß

ich meine, Ihr habt mir damals Eures Nichtsingens wahren Grund gesagt?

Gewiß, einen solchen Brauch des Singerstandes gibt es nicht und wenn

ja, warum solltet Ihr hier auf Elzeburg daran gebunden sein! Nein, mit

dem Singen, das Ihr mich nicht wollt hören lassen, hat es eine

besondere Bewandniß.«

»Nun ja!« erwiedert' ich noch immer nicht ohne Unruhe des Gemüthes,

»weil es doch vergeblich ist, Euch etwas vorzuwenden: daß ich mit

Singen Euch nicht zu Willen gewesen bin bisher, die eigentliche

Ursach' davon hab' ich Euch verschwiegen. Doch zürnet mir darum nicht,

denn es ist nicht aus Leichtfertigkeit geschehen oder Eigensinn.«

Da lachte sie in ihrer Weise, sah mich ganz fröhlich an und sagte

begütigend: »Seid deß sorgenohne, Meister! Bin ich gleich Evens

Tochter, so gelüstet's nach Eurem Geheimniß mich nicht so sehr, wie

Ihr zu denken scheint, noch plagt mich irgend ein böser Argwohn. Aber

nun sagt mir zur Stunde: wann werd' ich Euch das Lied zur Laute singen

hören, das Ihr mir aufgeschrieben? Oder bindet Euch etwan ein Gelübde,

daß Ihr der Übung Eurer Kunst auf Elzeburg völlig widersagt habt? --

Wenn's nicht der Fall ist, Meister Diether«, setzte sie hinzu und

schickte sich wieder zu ihrer Arbeit, »so laßt mich auf Euer Singen

nicht länger harren, als bis Ihr das Geheimniß hiervon -- sie wies auf

ihr Werk hin -- erfahren habt. Noch bleibt's Euch eines und«, schloß

sie scherzend, »geduldet Euch, so gut Ihr könnt.«

Es war, denk' ich, nur wenige Tage nach diesem Gespräch, als wir an

der gewohnten Stelle uns wieder gegeneinander über saßen. Durchsichtig

im Strahl der hellen Junisonne leuchtete das grüne Laub, das uns

überhieng, und wo es den Himmel durchließ, schimmerte er in tiefem

glänzendem Blau; um uns her blühten die ersten Rosen und mischten

ihren Duft mit dem des Flieders. Weithin lag die Welt vor uns in

ruhiger Pracht und nur zuweilen schwebte der leise Schatten einer

Wolke über Thal und Gebirg, die selbst glänzend das Licht der

Junisonne zugleich wiederstrahlte und milderte, wie die Cherubinen die

Herrlichkeit der göttlichen Majestät abglänzen zugleich und verhüllen,

deren Thron sie umgeben.

Ja, es war über alle Gottescreatur jene friedliche und selige Ruhe

ausgebreitet, wie sie wohl ein schwacher Wiederschein sein mag des

Schöpfungssabbaths am Anfang, den Gott der HErr heiligte und segnete,

da Er selber ruhte und die Morgensterne Ihn lobten und Ihm zujauchzten

alle Kinder Gottes. Nur das Gesumme der nimmer ruhenden Immen und im

Sonnenschein spielender Thierlein mit buntem Flügelkleid traf unser

Ohr und zuweilen vom Thal herauf der Ruf der Ammer, der immer so wohl

in die Sommerstille hineintönt.

Wir saßen schweigend, Jeder über seinem Werk. Doch konnt' ich's nicht

lassen, unterweilen mit Bewunderung zu ihr hinüberzublicken, wie sie

gesenkten Hauptes mit kunstreichen Fingern gar emsiglich den zarten

Faden zog.

Da erscholl ganz nah aus dem Gebüsch der laute Gesang der Nachtigall.

So lieblich-plötzlich ward die vorige Stille unterbrochen, daß wir

Beide unwillkürlich aufsahen und lauschten. Wie mit frohem Jubel

klangen zuerst hell die Töne, danach wandelten sie sich wie in ein

dumpfes Schluchzen und verhallten endlich langsam und leise.

Schweigend sah Irmela vor sich hin, dann sagte sie nachdenklich: »Wer

doch der Vogelsprache kundig wäre, wie Salomo!«

»Vielleicht«, versetzte ich, »machten uns ihre Geheimnisse selten

froh.«

»Aber die der Nachtigall zu verstehen«, meinte das Mägdlein, »dünkt

mich doch ein selig Ding sein. Sie ist doch alles Gesanges Meisterin.

-- Habt Ihr auch davon gehört, Meister Diether, daß sie mit der Gewalt

ihrer Töne ihre Brut hervorlocke aus dem Ei in Licht und Leben, und

also dies Vöglein selber sein Dasein der Macht des süßen Gesanges

verdanke?«

»Wohl hab' ich davon gehört«, sagt' ich. »Die Creatur Gottes ist

überall voll tiefer Wunder.«

Ein Windhauch rauschte durch die Büsche und schüttete die Fülle weißer

Fliederblüthen just über das liebe Mägdlein, so daß sie vom Haupt bis

hernieder zu den Füßen mit den schimmernden Sternlein bestreut ward.

»Seht«, rief ich da, wie sie mit Lächeln sich betrachtete, »hat sich

das nicht wunderbar gefügt, und sollen wir nicht wähnen: Frau

Nachtigall habe Euch grüßen wollen und habe die duftenden Blüthen

ermahnt, ein Gleiches zu thun? Euch huldigt heute der Frühling auf's

Beste!«

»Nun wahrlich«, sagte sie darauf heiter, »wer ließe solchen Schnee im

Lenz sich nicht gefallen? Er ist eine Erinnerung an den rauhen Winter,

die nimmer Wehe thut. Zu Rom, so ward mir erzählt, haben sie eine

Kirche, die trägt von »der h. Maria zum Schnee« ihren Namen.

Vielleicht, Meister, mag es Euch thöricht dünken: aber ich stelle mir

da die hehre Gottesmutter auch so im Blüthenschnee für, und es scheint

mir ein gar lieblich Bild.«

Wie ward ich ungedacht durch solche Rede gemahnt an meine Sache! Ein

gepriesenes Bild Unsrer lieben Frau heimzubringen in's Kloster war ich

ausgezogen und auf wie andere Bahn war ich nun gerathen! Drob erschrak

ich; und doch, vermochte irgend ein Meister mir ein Bild gegenüber zu

stellen, für Sinn und Seele zu so hoher Freude der Betrachtung als

diese liebliche Gestalt des Mägdleins vor mir? War ich denn ausgesandt

nach einem hochpreislichen Gegenstand edler Kunst -- konnt' ich in der

Welt ein edler Ziel finden, als ich hier angetroffen hatte? So ergriff

mich denn der Wunsch, des Mägdleins Bild, wie ich es vor mir

erschaute, nach Vermögen fest zu halten, wär' es auch nur zu eignem

Erinnern. Denn ach! Damals fiel es mir schwerer als sonst auf das

Herz, daß es von Elzeburg geschieden sein mußte, und ich schon zu

lange hinausgeschoben hatte, was doch unabwendig war.

Gern war es das Mägdlein bereit, daß ich mich sogleich anschickte,

wie Ort und Zeit es zuließ, ihr Bildniß zu entwerfen. Während ich mit

Stift und Pinsel geschäftig war, Alles, wie ich es sah, das Mägdlein,

die Pracht des Gartens um sie her und den hellen Himmel über ihr in

allen Treuen auf mein Papier zu bringen, pflog sie nach ihrer Art

munterer Rede. Aber mir wuchs unter meinem Thun die Herzensschwere.

Immer lauter tönte in meiner Seele der Ruf: »Diether, was weilest du

noch hier, besinne dich, wer du bist, und mach dich hinweg!« -- immer

drückender legte sich die Frage auf mein Gemüth: wie ich

hinwegzuziehen vermögen würde, ohne auf Elzeburg die Leute, sonderlich

Irmela, an mir irre zu machen. Ich fand da keinen Ausweg und nur das

Gefühl blieb zurück, daß das Bildniß, an dem ich da schaffte, den

Abschied bedeutete, den ich nehmen mußte aber nicht zu sagen wagte. So

von mancherlei Gedanken bestürmt, förderte ich schweigend mein Werk

und hinter meinem eifrigen Thun suchte ich vor dem Jungfräulein meinen

sorgenhaften Sinn zu verbergen. Aber sie war wohl in meinen Mienen der

ungewohnten Traurigkeit gewahr worden, und so ward auch sie

schweigsam. Wie in stilles Wundern versunken, sah sie vor sich nieder,

wenn ich meinen Blick auf sie richtete, um ihr Conterfey zu gewinnen.

Die Nachmittagssonne war nun mehrere Stunden gen Abend gerückt, als

ich es, so weit es nöthig war, vollendet hatte. Ich reichte ihr das

Bild.

»So will ich ihm denn auch seine Unterschrift setzen!« sagte sie,

nachdem sie es betrachtet hatte. Sie nahm den Griffel, schrieb damit

auf das Blatt und gab es mir zurück. Ich las: »Irmela zum Schnee!«

»Ja!« rief ich bewegt, »so walte es der reiche Gott vom Himmel, daß

nie kein andrer Schnee in die Lenzzeit Eures Lebens falle als der Euch

so mit duftenden Blüthen bestreut, und unselig immer sei die Hand, die

Euch auch nur Eine zerdrückt, an der Ihr Freude habt.«

»So wohl mir Eures Wunsches«, sagte sie ruhig. »Ich denk' auch nicht,

daß ich Jemand wüßte, von dem mir Harm kommen sollte.«

»Und auch von mir, Jungfräulein«, sprach ich da, »denket das nimmer!«

»Nur wenn Ihr Euren Verspruch nicht haltet von wegen des Liedes, den

Ihr mir gabt«, sagte sie lachend. -- »Doch nun, Meister«, fuhr sie

fort, »laßt mich auch die Aventiure sehen, die Ihr zuletzt in das Buch

niedergeschrieben und mit Eurer Kunst geziert habt.«

Sie trat zu mir herüber und beugte sich über die Blätter. Es war die

Aventiure: _Wie Sifrid Kriemhilde alrêrste ersach_. Da stunden die

Worte:

Der Held in seinem Muthe war da hocherfreut.

Er trug in seinem Herzen Liebe sonder Leid,

Daß er der schönen Ute Tochter sollte sehn:

Minniglicher Weise sie grüßte Siegfrieden schön.

Als er die Hochgemuthe vor sich stehen sah,

Da erglühte seine Farbe; die Schöne sagte da:

»Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut.«

Da ward ihm von dem Gruße wohl erhöhet der Muth.

Wie sie das las, hatte von ungefähr ihre Hand die meine über dem Buch

berührt, ich spürte ihren Odem an meiner Wange und fühlte das Geflecht

ihrer Haare an meinem Schlaf. Aber das währte nur einen kurzen

Augenblick; es war, als hätte ich nur geträumt. Wieder stund sie vor

mir in voriger Ruhe, ihr Angesicht ein klarer Spiegel ihres schuldlos

heiteren Gemüthes, nur daß es mir schien, als hätte sich der

Lieblichkeit ihres Wesens eine gebietende Hoheit zugesellt.

»Ich muß nun eilen, Meister«, sagte sie freundlich. »Der Abend kommt

und schon zu lange wird man droben meiner harren.«

Mit Aufmerken meiner ganzen Seele sah ich ihr nach, wie sie die

Laubgänge des Gartens dahin wandelte und die Stufen zur Burghofspforte

leichtschreitend hinanstieg. Dann erhub auch ich mich. Aber ich gieng

zögernd und langsam wie Einer, der sich zu einem Entschluß gedrängt

sieht, von dem Neigung und Wunsch ihn zurückhalten. Wie sehr diese mir

zum Bleiben auf Elzeburg riethen, so lang es gieng, und auch hinwieder

wie stark Pflicht und Treue mich hinwegmahnten, beides war mir heute

wie von ungefähr vor die Seele gehalten. Es war ein schmerzlicher

Widerstreit in ihr. Aber wagt auch eines Jünglings Muth und Wille in's

Unerreichbare die Fahrt, so war mir doch, sobald ich nur ein Wenig

mich besann, diese ganze Welt, in die mich unversehens ein Irrthum

geworfen, auf ewig verschlossen: nur unter fremdem Namen hatt' ich

hier eine Stätte und auf der weiten Erde nur +eine+ Heimath, das

Kloster, in dem ich erzogen und für das ich bestimmt war. War es nicht

die höchste Zeit, mich dahin wieder aufzumachen und mir genügen zu

lassen wie an des Mägdleins Bilde, das ich durch eine freundliche

Fügung erlangt hatte, so am Bild all' meines Erlebnisses -- nämlich an

seiner Erinnerung?

Solches bedacht' ich oben in meinem Gemach, dahin ich mich begeben

hatte, und heute noch nahm ich mir vor von dannen zu ziehen, sollte es

auch fluchtweise geschehen müssen. Aber leider die Einsicht in das,

was uns das Beste zu thun ist, und der Wille, ihr zu folgen, bringt

nicht auch das Herz zur Ruhe, und solches sein Widersprechen, sei es

nun seiner Schwäche oder seines Trotzes ein Beweis, dünkt mich des

menschlichen Elends häufigster Ursprung.

Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit · 第 5 / 17 段