Abend, da ich im Stüblein oben allein war, wenig Verlangen. Schweigend
hatten sie mich dahinauf gebracht und die Thür zugeschlossen. Herrn
Eberhards war ich nicht mehr ansichtig geworden. Zur Nachtkost stand
ein Imbiß auf dem Tisch, aber ich mocht' ihn nicht anrühren. Und so
saß ich verdrossenen Gemüths vor dem Feuer, das im Kamin des weit in
die Stube vorgebauten Schornsteins mir zur Erwärmung angezündet war.
Nach einer Weile verdroß mich doch diese meine Verdrießlichkeit
selbst.
»Diether«, so schalt ich mich, »bist Du nicht bei Deinen Jahren und
bei aller Kunst und Gabe, die Du hast, ein recht blödes, hilfeloses
Kind? Nun Dir der Abt nicht befiehlt, auch Brun Dir nicht rathen kann,
so willst Du gleich am Ende sein mit Witz und Wissen? Verzehrest Dich
und grämest Dir die Stunden hinweg mit Zürnen und Murren, weil Du von
Gäuchen Dich hast überlisten lassen und hernach mit Dreinschlagen Dir
auch nicht hast helfen können! Frisch an's Werk und brauch' Deinen
Kopf, wie Du mit Gott Dir am klüglichsten heraushelfest aus dieser
Noth, darein Deine Unbedachtsamkeit Dich gebracht hat!«
Damit schickte ich mich an, darüber zu sinnen, wie ich morgen dem
Grafen am besten begegnen möchte, wenn ich zur Verhörung vor ihm
stünde. Denn daß ich solches zu gewarten hätte, war mir gewiß. Recht
als ob es gälte, eine _chria_ für Magister Berthold zu Stand zu bringen
mit _Protasis_, _Aetiologia_, _Amplificatio_ und _Conclusio_, legt' ich mir
eine wohlgefügte Rede zurecht, mit beweglichen Worten trefflich
geziert und mit manchem guten Sprüchlein durchflochten. Und als ich
Alles und Jedes gehörig überdacht hatte, war ich damit so gar
zufrieden, daß ich mich wunderte über meine Thorheit, daß ich je hätte
denken können: es würde mir nicht ein Leichtes sein, mich als den
Klösterling auszuweisen, der ich war, und den Fahrenden von mir zu
thun, deß Kleid ich trug.
Sonderlich wohl gefiel mir die Anrede, mit der ich anzuheben
gedachte: »Weislich sonder Zweifel, gnädiger Herr!« so wollt' ich vor
ihn treten, »weislich haben die wohlerfahrenen Alten den Spruch
gethan, daß keine Sache so übel gerathe, sie habe denn auch etwas
Gutes bei sich, daran der verständige Mann sich halten könne. Das ist
auch in dieser unfrohen Aventiure mein mächtiger Trost. Denn welches
Beistandes und welcherlei Rechtfertigung sollt' ich Gekränkter mich
nicht von Eurer Lindigkeit, Weisheit und Gerechtigkeit versehen und
wie sollt' ich unter ihre Fittiche aus aller Fährniß und Verlästerung
nicht gerne geflüchtet sein?«
Dieser Vorspruch däuchte mich trefflich gestellt und ich wiederholte
ihn öftermalen, auf daß ich ja keines Wortes verfehlen möchte.
Nach solcher Hirnarbeit war mir ganz sänftiglich zu Muth und schon
gedacht' ich mich zum Schlaf auf's Pfühl zu strecken, als es mir
schwer auf die Seele fiel, daß ich der Gebetszeiten dieses Tages keine
gehalten und nicht einmal aus den Brevierblättern, die sie im Kloster
mir mitgegeben, den Heiligen erfragt hatte, dem der Tag zugehörte. »So
konnt' ich auch seiner Fürbitte nicht gewarten«, dacht' ich und griff
hurtig nach dem Brustlatz, das Brevier herfürzulangen. Aber das war ja
mit dem Rock dahin und sammt des Abtes Briefen den Fahrenden zur Beute
geworden! Doch sieh'! auch die Tasche von Klingsohrs Wamse war nicht
leer. Ich zog etliche arg vergilbte Blätter daraus hervor von gutem
alten Pergamen. Sie waren zierlich beschrieben, wie man in der
Klostermuße der Schreibkunst pflegt; aber da war nichts darin, womit
ein Christenmensch seiner Seele zum Heil um die Matutin oder Vesper
dem waltenden Gott und Seinen Heiligen diesen mag, sondern Geschichten
stunden darin, deren gleichen ich zuvor nie gehört hatte noch gedacht,
daß sie jemals geschrieben wären. War's Anfangs nichts als Neugierde,
die mich zu lesen trieb, so zwang mich bald die Gewalt der Dinge, die
da berichtet waren, und die Kraft der Worte, die so mit Macht das Ohr
trafen, daß ich nicht ablassen konnte, weiter zu lesen. Es war da
zuerst eine Aventiure, »_wie Kriemhilde troumte!_« auf die eine andere
folgte: »_von Sifride wie der erzogen wart_« und endlich stund noch zu
lesen: »_wie Sifrid Kriemhilde alrêrste ersach_«. Aber wie die letzte
Aventiure sich begab, davon erfuhr ich nichts, wenngleich ich über dem
Lesen leichtlich die ganze Nacht versessen hätte, denn das Feuer im
Kamin verlosch allgemach und der Vorrath, es zu nähren, war zu Ende.
Lange sah ich wie träumend in die verglimmende Gluth. Mir war's, als
erblickt' ich den schnellen Sigfried und die anderen Recken und sähe
sie auf- und niederschweben in dem emporsteigenden röthlichen Rauch.
Ich sah Alles, was ich gelesen hatte, leibhaftig und wußte doch, daß
kein Anderer neben mir etwas davon erblicken würde -- nur von
Kriemhilden konnt' ich nichts ersehen, wenngleich es mir war, als ob
ich sie wohl erkennen würde, wenn sie neben den Andern erschiene.
Als die letzte Kohle erblindete, verschwanden auch die Gesichte und
ich besann mich wieder auf mich selbst.
»Hilf Himmel!« rief ich da, »thörichter Diether, Dich plagen wohl gar
Klingsohrs magische Künste noch! Was gehen Dich die Ritter und
Aventiuren an, der Du geistlich bist und allhier ein gefangener Vogel
in fremden Federn. Wie Du Dich wieder hinaufschwingst aus Deinem Netz
und in das Nest zurückfleuchst, das St. Bernhard Dir gebaut hat, das
laß Deine Sorge sein!«
Und so gieng ich zur Ruhe.
Also gethan ist des Menschen unbeständig Gemüth, daß auch des liebsten
Gutes Genieß uns endlich verleidet würde, wenn wir nicht unterweilen
sein entbehren müßten, und wenn er immer währte, würde selber der
wonnigliche Mai uns verdrießen; so lacht uns auch die liebe Sonne
freudenheller nicht an vom blauen Himmelsdach, als wenn sie sich mit
ihm eine Weile hinter dichtem Regengewölk gleich wie hinter einer
grauen Wand verborgen hat. Das fühlt' ich anderen Tages nicht bloß an
mir selber, sondern ich merkt's auch den Andern auf Elzeburg an, so
viel ich ihrer sah. Wie wohl war mir zu Muthe, als ich früh morgens
Thal und Höhe im lichten Sonnenschein durch's Fenster glänzen sah!
Weißer, zarter Nebel dampfte aus Wiese und Wald, aber der warme Strahl
zerstreute ihn bald und kein Wölkchen stund am Himmel. So tief blau
und spiegelklar wölbte der sich über die Erde hin, als hätte er sie
voll Liebe näher zu sich emporgezogen, damit sie seiner Klarheit
besser genießen möchte; und recht voll Wonne lag sie an seiner warmen
Brust und all' die unzähligen Tröpflein an Halmen und Zweigen, die in
der Sonne erfunkelten, erschienen mir wie Freudenthränen der irdischen
Creatur, die da fühlte, die selige Zeit des vollen Frühlingssegens sei
nun gekommen.
Daß solcherlei Gedanken auch durch Herrn Eberhards Seele giengen an
jenem Morgen, das, däuchte mich, war ihm anzusehen, als ich in der
Frühstunde unten im Saale auf sein Erfordern vor ihn geführt ward. Er
saß am Fenster beim Frühstück im hohen Gestühl, gemächlich
zurückgelehnt. Über die Berge und durch das kaum belaubte Gezweig des
Nußbaums, der im Burggarten nahe dem Gemäuer stund, schickte die Sonne
ihren warmen Strahl in's Gemach und schaute dem Burgherrn voll in's
Angesicht. Schon stund ich eine Weile in der Thür, der Anrede harrend,
währenddem sein Haupt noch immer mit Wohlbehagen dem Licht des jungen
Tages und der weichen Frühlingsluft zugekehrt blieb, die durch das
Fenster hereinströmte. Endlich schien er sich zu erinnern, daß er
Helmbold geboten hatte, mich vor ihn zu bringen.
»Ei sieh!« rief er, indem er, sich umwendend, mir winkte näher zu
kommen, »Meister Tannhäuser! -- Gelt, Diether! heut' läßt's sich
drauß' besser an für die fahrende Kunst als im unholden Wetter
gestern«, und er wies mit der Hand in die fröhliche Welt hinaus. »Nun
freilich, das Schweifen ist Dir für's Erste verlegt. Und doch sei deß
nicht gar zu betrübt. -- Auch auf der Elzeburg läßt's sich ganz
wohlgemuth hausen«, setzte er behaglich hinzu; »gibt's auch hier nicht
alltag Gänsebraten, so darf Dir zwischen Zurüsten und Niedersitzen
doch Niemand, auch kein Waibstädter nicht, das Mahl verderben.«
Jetzt, glaubt' ich, wäre der rechte Augenblick gekommen, meinen Spruch
anzuheben, und so sagt' ich, recht mit der Betonung, wie in der
Rhetorica ich's gelehrt worden:
»Weislich, sonder Zweifel, gnädiger Herr! haben die wohlerfahrenen
Alten gesagt, daß kein Ding so übel gerathe, es habe denn auch etwas
Gutes bei sich, daran der verständige Mann sich halten könne. Dies ist
auch in dieser unfrohen Aventiure mein mächtiger Trost. Denn welches
Beistandes und welcher Rechtfertigung sollte ich Gekränkter -- --«
»Laß genug sein, Diether!« unterbrach mich da der Graf. »Spar' Deine
Worte; sie sind Dir hier nicht von nöthen. Denn Du brauchst Dich
keines Übels auf Elzeburg zu befahren. Vielmehr (und hier sah er mich
ernster an) laß es Dich dünken, es sei Dir wohlgerathen, daß ich von
Ungefähr gezogen kam und Dich den Waibstädtern entriß. Denn mein'
Treu! sie hätten Dir Dein Gefiedel zu Bärbel's Hochzeit übel gelohnt.
Thurm und Stock wäre Dein Singerlohn gewesen. Hier bist Du allerdinge
gefangen und das mit Recht; aber, so Du Dich fügst, soll Dir Deine
Kunst hier wohl zu Danke sein.«
»Ach! gnädiger Herr«, bat ich da, »wollet doch nicht dafür halten,
daß, was die Städter wider mich geredet haben, etwas Anderes als
vermaledeite Lügen seien, und laßt Euch sagen, daß ich ebensowenig
ihnen die Hochzeit gestört habe, als ich gewißlich kein Fahrender noch
der Singekunst kundig bin, wovon ich allsogleich Euch überführen
werde, so Ihr mich nach Eurer Gütigkeit weiter hören wollt.«
»Bei Gottes Thron!« fuhr Herr Eberhard da heftig auf. »So gedenkst Du
noch immer durch Läugnen Dich herauszuwinden? Kein Wort mehr davon!
sag' ich. Und das ist die Meinung. Du bekennst Dich frei offen zu
Deiner Kunst und willigst ein, auch auf Elzeburg mit ihr zu dienen,
oder Du wirst noch heut' nach Waibstadt zurückgeführt und dort acht'
ich für gewiß, wird Krummholz und sein Anhang reichlich dafür sorgen,
daß Du bald ein Liedlein zu singen anhebst, aber aus einem neuen Tone
und einem gar kläglichen.«
Und unmuthig wandte er sein Angesicht wieder von mir ab, dem Fenster
zu.
Da merkt' ich wohl, daß ich mich meiner Chria nicht länger trösten
könnte und ihre Kraft besser unversucht ließe. Darum fragt' ich ihn
bloß ganz kleinmüthig:
»Gnädiger Herr! Was ist es, das Ihr von mir nothhaftem Mann begehrt?«
»Nichts«, erwiedert er gelassener, »als worüber, wenn Du gefügen
Sinnes bist, Du eitel Freude haben mußt. Dieselbe Kunst, die Dich in
Noth gebracht, soll Dir auch heraushelfen. Gerade dessen begehr' ich,
was Du, dummer Mann, zum eigenen Schaden hehlen willst. Deine Mären
und Aventiuren, um die sie Dir in Waibstadt gram worden sind, sollen
auf Elzeburg Dich und Andere erfreuen.«
»Ach Herr«, betheuerte ich und legte die rechte Hand auf die Brust,
»zürnet nicht! Aber ich habe nie von keiner Märe und dergleichen zu
singen und zu sagen gewußt.«
»Gut denn!« rief er unwillig und gebot dann seinem Knecht: »Fort,
Helmbold, mit ihm nach Waibstadt und zwar noch heut', sobald ich über
ihn an den ehrsamen Rath daselbst werde geschrieben haben! Sitz bald
auf und bind' ihn an's Pferd, daß er Dir nicht entwischt!«
Da stund mir denn sonder Frage ein jammerhaft Geschick bevor. Aber in
dieser höchsten Noth hat, wie ich wähne, meiner heiligen Patrone einer
an mich gedacht und von Gott gewirkt, daß da zu eben dieser Frist die
Thür aufgieng und ein Mägdlein leichten Schrittes hereintrat, Helmbold
und auch mir zunickte und fröhlich Herrn Eberhard entgegeneilte, mit
heller, munterer Stimme ihn begrüßend. Wie sie den Arm um seine
Schulter legte und sich zu ihm niederbeugte, ihn zu küssen, bemerkte
ich wundernd, wie goldig ihr das Haar im Sonnenstrahl um ihr Haupt
floß; und ob ich gleich ihr Angesicht nicht sehen konnte, so wußt' ich
doch, wie Herr Eberhard zu ihr aufblickte, daß sie die rechte
Maiensonne war, die über die Herbst- und Winterszeit seines Lebens den
herzerquickenden Schein des Glücks und der Freude breitete.
Daß ich aber glaubte, durch Gottes Fügung wäre das Mägdlein gerade
jetzo hereingetreten, um meinetwillen, das geschah darum, weil bei dem
klaren Ton ihrer Stimme mir Kriemhildens wieder vor die Seele trat,
wie ich gestern sie mir vorgestellt hatte. Und siehe! da ich an das
Pergamen mit den drei Aventiuren oben gedachte, schien ich mir auch
gefunden zu haben, wie ich die mir jetzt drohende Gefahr von mir
wenden könnte. War's nur die Sorge um Krummholtzens Rache oder war's
auch zugleich etwas vom Gelust der Jugend am Seltsamen: ich beschloß,
ihnen den Willen zu thun und mich für das auszugeben, wofür sie mich
haben wollten. In jener Stunde wenigstens däuchte es mich der einzige
kluge Rath. Die Wahrheit konnten sie ja jeder Zeit erfahren, wenn sie
es möglich machten, sie ihnen beizubringen. Sie wollten sie jetzt
nicht hören, und ihre Sache war es, die Täuschung zu verantworten, zu
der sie mich zwangen. Hatte nicht auch David, der hohe Gottesheld,
sich verstellt vor dem Philisterkönig aus zwingender Noth?
Und so trat ich denn, da inzwischen Helmbold schon sich bereit
gemacht hatte, mich hinwegzuführen, zögernd einen Schritt vor,
verneigte mich und sprach: »Mit Verlaub, gnädiger Herr, wenn Ihr denn
befehlet, so will ich nach Vermögen mit meinen Mären Euch zu Diensten
sein; allein schicket mich nur nicht gen Waibstadt, denn vor den
Städtern grauset's mir.«
»Das war vernünftig geredt«, sagte begütigt der Graf. »Auch wär's eine
ausbündige Thorheit, schier befremdlich an einem aus dem gewitzten
Volk der fahrenden Brüderschaft, wenn Du bei Deinem Starrsinn
verharret wärest. Doch ich wußte wohl, daß Du Dich noch darauf
besinnen würdest, was Dir das Klügste zu thun ist. -- Und hier,
Irmela«, sagte er und ergriff des Mägdleins Hand, »siehe, das ist
Diether, Dein Singemeister, von dem ich Dir gesagt. Wohlan, heiß ihn
willkommen und hab' wohl Acht, daß Du fleißig von ihm lernest, was zu
behalten Freude macht.«
»Seid mir Gottwillkommen, Meister Diether, auf Elzeburg!« redete mich
da das Mägdlein an und ihr freundlich Grüßen that mir gar wohl. Es war
mir, als gewänn' ich davon eine Freudigkeit zu dem Amt, das sie mir
aufgezwungen hatten, und sagte getrost:
»Habt Dank, Jungfräulein, und seid gebeten fürlieb zu nehmen mit
meiner Kunst; denn sie ist geringen Vermögens.«
Da lachte Herr Eberhard laut: »Ei Diether, so magst Du aus Höflichkeit
reden; aber daß Du mit Mären zu wenig vermagst, darum haben die
Waibstädter Dich nicht verklagt. Deß also sei sorgenohne und vermeld'
uns sogleich, welcher guten Aventiure Du zuerst Dich annehmen willst,
daß meine Nichte sie von Dir höre.«
Ich besann mich nicht lange und antwortete: »_Wie Kriemhilde troumte_«,
so es Eures Gefallens ist.«
»Ei wohl, Diether!« rief er erfreut. »Das ist eine gute alte
Aventiure, und die hernach folgen, sind es auch. Ach, ich hörte sie
einst in meinen jungen Jahren oft und gern. Da stunden dergleichen
Geschichten bei Rittern und Herren in hohen Ehren und selber des
Kaisers Pfalz herbergte die Singer, die ihrer wohl konnten. Jetzt
schämt man sich ihrer zu Hof und begehrt feinerer Kunst. Ich aber lobe
und liebe mir die alte. Und wenn Du, Irmela, zur Winterszeit Deinem
alten Ohm die langen Abende mit Lesen aus alten Büchern kürzest, dann
sollst Du unterweilen auch die alten Mären mich hören lassen, wie ich
einst sie vernahm, und ich weiß, sie werden mich erfreuen, wie
dazumal. Sorg' nur, daß Du Alles wohl aufschreibest, was und wie er
Dir's sagt! -- Und Du, Diether, merk' Dir's wohl: je früher Du mit
Deinen Aventiuren zu Ende kommst, um so bälder bist Du Deines Dienstes
hier entledigt und magst ziehen, wohin Du willst.«
So war ich denn zu des Mägdleins Lehrmeister gar unversehens bestellt
und wußte nicht, wie mir das gerathen würde. Denn worin ich hätte
unterweisen können, darin durft' ich's nicht, und was ich lehren
sollte, das hatte ich selbst nicht gelernt. Doch ich tröstete mich mit
meinem Pergamen und dachte, wie so manch' ein Hochgelahrter auch
nichts vermöchte der Welt zu Dank, wenn er nicht allezeit seine
Weisthümer aus der Bücherei erborgen könnte.
Soll ich nun berichten, wie mir's auf Elzeburg weiter ergieng, so
wundre ich mich darüber, wie doch so oft Neid getragen wird von den
Alten gegen die Jungen um der fröhlichen Hoffnungen willen für die
Zukunft, mit denen diese in trübnißvoller Gegenwart sich leichtlich zu
trösten und selber über große Widerwärtigkeit hochgemuth sich
hinwegzuschwingen vermöchten; wohingegen das Alter leider gewitzigt
worden sei, von den kommenden Tagen so wenig zu erwarten, wie die
gegenwärtigen ihm Genüge gebracht haben. Dem gegenüber will mich's
immer bedünken, daß dem Alter die Erinnerungen an entwichene Tage zu
gleicher Hilfe an der Hand sind, als der Jugend die Hoffnungen auf
bessere künftige, ja zu noch größerer. Denn unser Herrgott hat dem
menschlichen Herzen eine wundersame Kraft geschaffen, daß ihm jegliche
hohe Freude oder tiefe Trübniß, je weiter sie zurückweichen in die
Vergangenheit, allgemach hinaufrücken in ein stilles, sanftes Licht,
wie es nicht Sonne, nicht Mond und liebe Sterne auf die Erde zu
schicken vermögen. Sondern ich achte: es strahlt aus der Tiefe des
menschlichen Gemüths, dahinein Gott es versenkt hat aus der
unsichtbaren Welt. Darum streift alles Wichtige, an das wir
zurückdenken, mit der Zeit immer mehr das irdische Wesen ab und
leuchtet endlich über uns in keinem minderen Glanz und Schimmer, als
das noch Unerlebte, was die Hoffnung oft mit trügerischem Glanz vor
die Seele stellt. So sehen wir ja auch Gold und Purpur und alle
Farben, womit die Sonne den Himmel zu zieren vermag, erst dann in
ihrer Pracht, wenn sie selbst nicht mehr am Himmel steht, und schauen
nach dem süßen Licht am liebsten, wenn der Tag hinunter ist.
Also stehen auch die längst geschwundenen wenigen Tage, die ich auf
Elzeburg war, so oft ich ihrer gedenke, in beständiger Gegenwart mir
vor der Seele, als genöß' ich ihrer noch: der frischen Morgenluft, die
mir um's Haupt wehte und in Lebensfreude die junge Brust dehnte, wenn
ich mit Helmbold in's Thal herniederreiten durfte und in den Wald
hinein auf bethauten Wegen; des süßen Duftes der Linde, unter der ich
oftmals saß im Burggarten zur Mittagszeit, wenn die Bienen darin
summten mit freudigem Gebraus, oder des Abends, wenn die Läuber leise
rauschten im sanften Mondenschein. Ach, es hat Alles und Jedes seine
Spur zurückgelassen in meiner Seele und ist ihr unverloren. --
Meine Unterweisungen, mit denen ich des Burgherrn junger Nichte zu
dienen hatte, nahmen noch in den ersten Tagen ihren Anfang. Da mußt'
ich hinunter in den Saal kommen und ihr gegenüber niedersitzen an
einen großen Tisch, allwo sie meiner schon wartete. Sie hatte ein
großes Buch vor sich mit vielen guten Sprüchen und Liedern
unterschiedlicher Singer zum Theil beschrieben. Dahinein sollten nun
auch durch Irmela meine Mären kommen, wie sie das Mägdlein von mir
hören würde. Darum saß sie auch da zum Werk bereit, die Feder in ihrer
zierlichen Hand.
Mir war doch, da ich mich vor dem Fräulein sah, nicht muthiger zu Sinn
als vor Abt Albrecht im Capitelsaal und ich fühlte, ob ich gleich
vermied sie anzuschauen, daß sie mein linkisch Wesen wohl bemerkte.
Als ich nun vor mich hinsah auf den Tisch, das Buch und die Feder in
ihrer Hand und mich besann, wie ich am besten anfangen möchte, sagte
sie, indem sie die Feder tränkte und das Buch zurechtlegte, bescheiden
aber im Geringsten nicht scheu oder furchtsam:
»Hebet nun an, Meister Diether, wenn's Euch geliebt, und sprechet
recht langsam jegliche Zeile mir vor, damit ich im Schreiben nicht aus
Übereilung mißthue, und mir die Buchstaben wohl gerathen. Denn in
diesem Buch muß Alles ohne Tadel und löblich sein. Auch mag ich viel
lieber beim Schreiben der Unmuße mehr haben, als daß mich darnach beim
Lesen die ungleiche und übelgerathene Schrift verdrieße.«
Dies sagte mir das Mägdlein gar sehr nach Wunsch. Denn weil ich,
solange sie mich für einen fahrenden Singer hielten, doch nicht gar zu
wenig Ehre einlegen wollte mit meiner Kunst, so hielt ich's für
ungeziemend, nur aus meinem Pergamen fürzulesen als der Ungeübten
Einer. Daher hatt' ich, so viel ich behalten konnte, von der ersten
Aventiure gelernet. Nun war mir das freilich ja ein Trost, daß mir
Zeit gegönnet ward, mich auf Jegliches wohl zu besinnen und daß mein
Vorrath nicht gar zu bald zu Ende gehen sollte; denn wie ich mir
helfen möchte, sobald mein geheimes Ölkrüglein droben, aus dem ich
schöpfte, leer geworden sein würde: deß wußte ich keinen Rath.
So erwiedert' ich denn: »Gerne, Jungfräulein, wie Ihr gebietet.«
Und danach hub ich an: »Ez troumte Kriemhilden in tugenden der sie
pflac« und wie ich's eben oben weiter erlernet hatte. Ich sprach ganz
bedächtiglich und, indem ich auf ihr Schreiben Acht hatte, nur immer
dann ein weiteres Wort, wenn ich sah, daß sie mit dem vorhergehenden
fertig war. Ihre Sorgfalt zu betrachten, mit der sie Jegliches
bedachte, und ihren Eifer, mit dem sie die Buchstaben zog, machte mir
große Freude, und der Fleiß, mit dem sie Alles recht zierlich
herzurichten trachtete, erregte auch mich, aufzumerken auf das Werk.
Und so kam es wohl, daß ich zu meiner Aventiure etwas hinzuthat, was
die Niederschrift angieng: »Hier setzet ab, dieses Wort rückt näher
heran, denn die Zeile wird lang« und Anderes mehr. Wie sie erfand, daß
mein Rath allerorten das Richtige traf, hielt sie inne im Schreiben
und fragte mich: »Ihr scheinet wohl erfahren in der Schreibekunst?«
Ich antwortete: »Guter Lehre darin habe ich genug gehabt!«
Da sah sie mich verwundert an und sagte: »Das hätt' ich nicht gedacht,
daß Ihr Muße gefunden zu solch sitzender Kunst.«
So langsam nun auch ich Kriemhildens Traum in das Buch Wort nach Wort
niedertröpfeln ließ, so war ich doch nach wenigen Tagen unserer
Schulzeit damit zu Ende, und wie Ute, die Mutter, den Traum gedeutet
hat von einem Manne, den Kriemhilde zu Lieb und Leide gewinnen sollte
und wie, um Beides zu meiden, die hehre Frau immer bleiben wollte ohne
Recken-Minne, -- das war nun Alles im Buch geschrieben. »O weh,«
dacht' ich da, als ich meine Kanzlerin das letzte Wort niederschreiben
sah, »wie willst Du bestehen, wenn Dein Kunstvorrath so schnell zu
Ende geht? Da wird Deine zweite Noth hier größer werden als die erste.
Zum Wenigsten heut nimmst Du die zweite Aventiure nicht mehr vor.«
Das that auch nicht Noth, denn Irmela, wie sie das letzte Wort
geschrieben, legte die Feder weg, that das Buch zu und sagte:
»Erzählet mir doch, Meister Diether, wie das nachher sich zutrug mit
Kriemhilden und ob denn wirklich Ute sie wahr beschieden hat.«
Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig; denn ich sollte das Mägdlein
einen Weg führen, den ich selber nie gegangen war, von dem ich auch im
Geringsten die Richtung nicht wußte. Ich faßte mich aber und sagte:
»Nein Jungfräulein, das geht nicht an. Die Geschichte ist überlang und
jegliche Aventiure muß in ihrer Ordnung unverrückt bleiben. Jetzt
folgt die »_von Sifride wie der erzogen wart!_« Auch möcht' Euch das
mühevolle Schreiben verdrießlich werden, wenn Ihr allbereits am Anfang
des Fortgangs und Endes kundig seid.«
Da versetzte Irmela lachend: »Mit Verlaub, Meister, aber Ihr irret,
wenn Ihr denket, daß ich an diesen Mären so groß Gefallen habe und
heftig verlange zu wissen, was sich weiter zugetragen hat. Wollt Ihr
es noch verschweigen, so thut es immerhin. Wär's nicht um meinen Ohm,
der daran so größliche Freude hat, ich schriebe wohl Anderes in dieses
Buch. Solche Kunst mit Worten, die bloß zu sagen sind, acht' ich nicht
groß; wo die Worte nach einer Weise gehen, die zu singen ist, das ist
mir die rechte Kunst. Und, Meister Diether, wenn Ihr mich von Euren
Liedern hören ließet und ich könnt' etliche, die mir zumeist gefielen,
von Euch erlernen, das wäre mir lieb. Eurer Fiedel freilich seid Ihr
ledig, aber nähmet Ihr die Laute zu Eurem Singen, so wäre mir das zu
größerem Nutzen: ich gäb' Euch die meinige in die Hand, und ich
vertrau' wohl, daß ich die Griffe Euch bald würde nachthun können.«