Darauf macht' er sich an's Küchenwerk und nahm uns dabei ganz

weidlich in seinen Dienst. Während er die Gans rupfte und zum Braten

bereitete, mußte ihm sein Geselle Handreichung thun, der auch, wie ich

sah, in solchen Dingen wohl geübt war. Ich ward ausgeschickt, indeß

zum Feuer Holz herbei zu holen. Dazu gab mir der Tannhäuser sein

breites Schwert, und weil ringsum der Wald dicht war, so hatt' ich

nach kurzer Weile zum Brennen genug herzutragen. Der Singmeister hatte

bald ein Feuer angezündet, und die Flamme schlug hell empor. Sie

verbreitete in unserem Winkel eine willkommene Wärme und sollte unsern

durchnäßten Kleidern zu Gute kommen. Klingsohr und ich spreiteten

unsere Mäntel und der Spielmann sein Wams vor der Gluth zum Trocknen

aus und rückten selber an ihr zusammen so nah, als wir konnten. Es war

mir lustig den Beiden zuzuschauen, mit welchem Eifer sie zurüsteten.

Bald war der Magus mit der Gans zu Stand, daß sie zum Braten fertig

war. »Hier noch das Leberlein und hier die Zwiebel (er nahm sie aus

seinem Ranzen) selbander hinein«, sagt' er; »jetzt geschwind Nadel und

Zwirn, -- so ist's gethan; -- nun kann sie rösten.« Damit schürte er

das Feuer, wie er's haben wollte.

»Das ist auch eine feine Meisterschaft, die Ihr versteht«, sagt' ich

lobend.

»Was nützte sie, wenn ich sie nicht üben könnte!« gab er zur Antwort.

»An des heiligen römischen Reiches Truchseß selber wäre sein Amt

verloren, trügen nicht Jäger und Metzger und Bauer und Müller ihm die

Küche voll.«

»O«, sagt' ich scherzend, »ich merke wohl, Ihr wollt nur Eure

magischen Künste ausstreichen, und wahr ist's, das hätt' ich nie

gedacht, daß sie Gänse an den Spieß zu bringen vermag. Aber nun seh'

ich's mit eigenen Augen.«

»Ja, und sollt's schmecken mit eigener Zunge, das ist die Hauptsach'.

Euer Heiliger muß sich freuen, wie man Euer auf der Wanderung pflegt.«

»Mein Treu«, rief da der Fiedler dazwischen und wandte, wie der

Andere ihn anwies, die Gans um, die schon ganz lieblich zu duften sich

anschickte. »Eine Schand' ist's, wenn ich gedenke, wie unmild

dahingegen die Singekunst heuer gelohnet wird. Man will unser nicht

mehr in Klöstern und Burgen, und die Städter, seit sie reich werden,

fangen selbst an, gar zierlich und fürnehm zu singen, und weil sie's

umsonst herklimpern, verachten sie uns aus Geiz; bleibt nur das

gemeine Volk für uns, sperrt's Maul auf, weint und lacht, wie man's

haben will, das ist Alles!«

»Drum auch«, sagte der Kleine, »sollst Du Dich gesegnen, daß wir

zusammen fahren. Sind wir nicht noch immer ehrlich verbrüdert gewesen?

Sei's Gans oder Ferkel, sei's Huhn oder Hahn,

Zusammen wird Alles und Jedes verthan!

Jetzt wend' sie um!« Und frohmüthig rieb er sich die Hände.

»Wie aber vermögt Ihr's denn«, fragt' ich wieder, »Eure magische Kunst

so in Ehren und gutem Lohn zu erhalten, daß sie Euch Beiden zuträgt?«

»Sie hieße nicht Magia, wenn sie nicht Geheimniß wäre. Euch,

geistlicher Kunstbruder, sei's genug, daß Ihr wisset: die weiße ist

unverboten und gibt ehrliche Nahrung.« Dabei blinzelte er wieder gar

listig mit den Augen mich an und lachte. »Nur den Spruch merkt Euch

wohl:

Wer sich der Welt gelieben will,

Muß halten ihrem Treiben still;

Denn will er wider ihre Art,

So macht er bald allein die Fahrt.

Und jetzo, Bruder«, ermunterte er seinen Gesellen, »derweil der

Braten schmort und die Kleider trocknen, nimm die Fiedel zur Hand und

spiel'!«

Da langte der Fiedler seine Geige her, stimmte die Saiten und ließ

dann den Bogen über dieselben springen, daß die Töne wie Funken

heraussprühten. Darnach hub er auch an zu singen ein Lied, das zu der

fröhlichen Weise wohl stimmte; aber ernst und traurig gieng es

hernach, und schwermüthig endete es also:

»Auf den Bergen zergieng der Schnee,

Die Brünnlein, sie rieseln ohn' Ende:

O Vater und Mutter, Ihr seht mich nimmermeh',

Muß sterben im Elende. --

Gottes Wille, der muß ergehn.«

Noch einmal holt' er dazu aus seiner Fiedel lauten und wilden Klang

hervor, als wär's ein Wehgeschrei. Dann verhallten seine Töne langsam

und leise. Ich war der Singekunst Freund immer gewesen und hatte der

Sequenzen und Leisen Kraft in der Kirche oft an mir erfahren. Aber

dieses Fiedlers Gewalt über meine Seele war anderer Art. Seines

Spieles Lust wie Leid ergriffen mich gleich sehr, aber sie verwirrten

mich auch. Es war nicht die gewohnte Bahn, auf die sein Spiel mich

zog, und doch erweckte es in mir einen Wiederhall -- ich wußt' mir

nicht zu deuten, wie? --

»Heb' aber an, Bruder!« rief da Klingsohr, »leg nicht weg die Fiedel.

Hast da unserem geistlichen Gast schier das Herz im Leib' umgekehrt

mit Deinem Lied, wie ich merke. Noch eins! Und eine Weise, die sanfter

eingeht!« Der Andere stimmte seine Fiedel wieder zurecht, und jetzt

giengen seine Töne ebenen Weg. Dies war sein Lied:

»Des Herzens Schwere zu verjagen,

Gab ich es ganz der Minne hin;

Hört' ich doch viel die Meister sagen

Von ihr als Leidverleiderin.

Da hub sich's an in mir zu lenzen;

Doch schwand die Sälde allzujach, --

Denn ach, von allen bunten Kränzen

Blieb nur der Dorn im Herzen nach.

So mißgerieth mir all' mein Wähnen,

Und was ich wollt', gedieh mir schlecht.

Erst hochgemuth sein, dann in Thränen:

Das ist der Minne altes Recht.«

»'S ist auch in dem noch was vom Regenwetter«, meinte Klingsohr. »Und

doch bist Du unter Dach und überm Feuer brät die Gans. Wohlan thu sie

her! Ist sie nicht bräunlich und schön?« Und er betrachtete sie

wohlgefällig.

Plötzlich sah er auf. »Das ist nicht des Windes Geräusch«, murmelte er

bedenklich. »Ihr seid jung und behend, Bruder Diether. Springt dort

hinan, wo der Ausblick offen ist auf den Weg, den wir kamen, und

schaut, was sich naht.«

Was sollt' ich mich bedenken? Ich klomm mit Eil' die Höhe hinan, die

er mir angezeigt hatte. Als ich oben war, sah ich hinter der nächsten

Windung des Weges einen reisigen Haufen herankommen. Spieße und

Hellebarden konnt' ich wohl erkennen. Das rief ich den Beiden zu und

schickte mich an hinabzusteigen. Schon aber hört' ich sie unten sich

tummeln, und bevor ich noch die Hälfte des Weges zurück war, kamen sie

eilig hervor und liefen grad über den Weg dem Tannenwald zu, wo er

besonders dicht stund, als suchten sie dort eine Bergung. Fast lustig

war es anzusehen, wie sie all' ihr Geräth zusammengerafft hatten,

Jeder, was ihm die Hände gefaßt, wie sie auch die zwo Gänse nicht

vergessen, die der Kleine hinter sich her zog. Aber wie ward mir zu

Sinne, als ich den Fiedler sah mit meiner Kutte von dannen rennen! Das

schuf mir große Noth. »He, Freunde!« rief ich ihnen nach, »was soll

das? Was fliehet Ihr? Harret doch, daß ich mein Kleid anthue!« Und mit

höchster Eil' stieg ich hinab. Aber sie hörten nicht, noch hemmten sie

ihre Flucht, und ich erkannte, daß es mir ganz unmöglich wäre, sie

einzuholen. Denn mein Weg war behindert durch's Gestein, der ihrige

nicht. Da gerieth ich außer mir; denn ich sah, daß sie unredlich

handelten mit mir, und schrie aus allem Vermögen: »So wollet Ihr

treulos entlaufen, unehrliche Gesellen! Raubt mir mein Kleid, Schelme

und Unbiedermänner, die Ihr seid?«

Sie aber hielten nicht an, als bis sie den Waldsaum erreicht hatten.

Da blieben sie stehen, und, indem der Große meinen Rock anlegte, rief

der Kleine mir zu:

»O Freund, gedenk' der Sanftmuth Gebot!

Fürwahr uns zwingt wahrhafte Noth.

Wir sind um's Mahl mit einand' betrogen,

Von unserm Unstern fortgezogen.

Laßt Euch die Kutte nicht gereu'n!

Sie wird den Fiedler baß erfreu'n.«

Der aber fügte hinzu:

»Ich laß Euch mein blaues Wams zurück,

Es bring' Euch mehr als dem Fiedler Glück!«

Darauf sah ich den Magus dem Singer die Gänse aufhocken und hört' ihn

noch sagen:

»Sollt' ich die Gänslein liegen lân?

Mein' Treu, das wär' nicht wohlgethan!«

Er lupfte mir noch seinen Hut zum Abschied, und im nächsten Augenblick

waren sie behend in den Wald gedrungen und meinen Augen verschwunden.

Da stund ich, verlassener Diether, nun in großer Betrübniß, betrogen,

beraubt, in der Fremde, schalt meinem Unbedacht und war meiner Reise

gram. Aber was half Zürnen und Klagen! Frieren überkam mich in meinem

Leinen unter dem kalten Himmel. Die Noth zwang mich unter das

steinerne Überdach zurück; das Feuer brannte noch. Voll Unmuth stieß

ich die Gluth auseinander. Die verlöschende Flamme mahnte mich daran,

daß ich in dieser Einsamkeit nicht bleiben könnte und eilen müßte, ehe

der Abend käme. Unmöglich aber konnte ich ohne Kleid durch den Regen

hinaus. Da lag das blaue Wams; ich durfte nicht zaudern und that es

an. Mir war's, als verwunderte sich Stein und Baum selbst über mich

und ich würde doch nicht bedauert, sondern Fink und Meise und Alles,

was im Walde lebte, müßte mich verlachen. Das machte mich noch

unwirscher in meinem Gemüth. So trat ich hinaus und hatte nie ein

solches Mißfallen an mir selber.

Ehe ich noch wenige Schritte gethan hatte, hört' ich hinter mir lautes

Gelärm. Die Reisigen waren herangekommen.

»Wohl dran, Gesellen! Hier ist der Vögel einer. Fangt ihn geschwind!

Daß er uns nicht entwische, dafür will ich wohl sorgen, so wahr ich

Peter Krummholz bin, der Bäckerzunft Obermeister?«

Der so mit schriller Stimme schrie, daß ihm schier der Odem ausgieng,

saß auf einem Gaul, was wohl nothweise geschah. Denn er war so gar

fett, daß ihn gewißlich seine Füße nicht bis hieher getragen hätten.

Neben und hinter ihm giengen etwa zwölf Fußknechte mit Eisenhauben.

Etlichen fehlten auch Schilde nicht.

»Thut nicht so übel«, rief ich da, »daß Ihr einen Unschuldigen

angreifet! Ich bin nicht der, für den Ihr mich anseht, hab' weder Euch

noch sonst Keinem ein Leid zugefügt.«

Ich wollte ihnen noch ferner zureden, aber der auf dem Rosse schrie

noch viel ungeberdiger denn zuvor die Seinen an:

»Wohl dran, Gesellen, sage ich! Fangt mir den losen Buben! Ich kenn'

ihn wohl wieder am blauen Wams und dem schwarzen Langhaar. Wohl dran,

sag' ich noch einmal! Eine Kanne gut Bier Jeglichem, und wer ihn

zuerst angreift, zwo!«

Wie er sie so muthig auf mich hetzte und ihrer zween oder drei mit

vorgehaltenen Spießen auf mich drangen, als wär' ich ein schändlich

Wild, da überkam mich ein Grimm und meinen Sehnen wuchs die Kraft. Mit

mächtigem Prall stieß ich auf den Ersten, der auf mich einwollte, daß

er zurücktaumelte, und sprang an den Andern vorbei, die sich deß nicht

versahen, zurück zu unserer Feuerstätte, wo ich noch des Fiedlers

Schwert liegen wußte. Ich griff es auf, faßt' es fest und schrie ganz

außer mir: »Heran denn, wen's lüstet, seinen Lohn an mir zu

verdienen!«

Daß ich mich mit einem Gewaffen zur Wehr setzen würde, hatte sich

Keiner befahren, und so stunden sie einen Augenblick unentschlossen,

wie sie ihr Werk angreifen sollten. Da gedacht' ich, durch sie

hindurchzudringen und zu entrinnen. Des Einen Spieß hielt mich auf.

Ich schlug ihn seitwärts und überrannte den Mann. Aber der Stoß eines

Anderen traf mir den linken Arm und gab mir heftigen Schmerz. Alsbald

rannten sie Alle wider mich zusammen und es ward ein groß Getümmel.

Ihr Meister tobte mit bösen Worten und scharfem Kreischen, wie von

Sinnen, indeß ich mich mit meinem Eisen wehrte, wild um mich

schlagend. Denn so viel ich von mir wußte, wollt' ich eher mein Leben

lassen, als mich in ihre Hände geben. So wär' mir's auch allerdinge

ergangen bei der Übermacht meiner Feinde, und weil ich so ganz

ungeübt war zu streiten, wenn nicht Gott mit mir ein Anderes

beschlossen hätte.

Denn von Ungefähr trug sich's gewißlich nicht zu, daß just zu dieser

Zeit drei Reiter den Weg geritten kamen von der Richtung, nach der

meine Fahrt gieng. Es war ein rittermäßig angethaner Herr und zween

Knechte. Diese mochten von ihm, da er unseres Streitens ansichtig

geworden war, vorausgeschickt sein, denn sie sprengten, ohne daß Einer

vor Eifer und Gedrang ihr Nahen wahrgenommen hatte, weil aller Blicke

und Gebärden auf mich gerichtet waren, mit höchster Eil' und ungedacht

in den Haufen meiner Widersacher mitten hinein, daß männiglich vor

ihnen zurückwich.

»Städter sind's, Helmbold«, sagte der Eine zum Anderen und rief dann:

»Seid Ihr so unbescheiden oder so erhitzt gegen einander, daß Ihr es

wagen dürft, unserm gnädigen Herrn den Weg zu verlegen mit Eurem

Hadern?«

Da schrieen sie zumal, der Eine dies, der Andere das, indem sie auf

mich wiesen, und schlugen auf's Neue auf mich ein.

»Gebt Ruhe alsogleich!« geboten die Beiden da drohend, ritten durch

sie hindurch nahe an mich heran und schirmten mich so vor ihrer Wuth.

Als dergestalt Niemand an mich durfte, ward der Bäckermeister ganz

unsinnig auf seinem Roß und that des Tobens und Scheltens um so mehr.

Aber es währte nur eine kleine Weile, da kam der Ritter selbst heran,

ein ältlicher Herr, der etwas gebückt, aber noch gar fest im Sattel

saß.

»Bei Gottes Thron!« rief er und sah Krummholz und seinen Troß mit

Staunen an, »das sind Leute aus Waibstadt, das ist der ehrsamen

Bäckerzunft Obermeister!«

»Peter Krummholz, edler Herr«, antwortete der, sich verneigend, »bei

dem Ihr vor drei Jahren, als Ihr durch Waibstadt gen Basel zogt, zur

Herberge gelegen.«

»Wo mir Euer Töchterlein, -- heißt sie nicht Bärbel? -- den Willkomm

credenzte; ich entsinne mich deß wohl. Aber wie geschieht das, daß Ihr

hier auf meinem Grunde zu Felde liegt und wider Gesetz und Recht den

Frieden brechet? Hat nicht auch Eure Stadt mir in die Hand gelobt,

ihre Streitsachen gütlich zu vertragen, auch dieselben an mich zu

bringen, ob sie nicht beizulegen? Und nun find' ich, nachdem ich

wenige Zeit von dannen gewesen, daheim wieder den alten Hader, und auf

offener Landstraße am helllichten Tage!« Und unmuths schlug er sich

auf die Hüfte.

»Keine Streitsache ist es, Ew. Gnaden«, erwiederte der Bürger, sich

rechtfertigend, »unter uns oder mit unsern Nachbarn entstanden, um die

wir allhier bewehrt von Euch angetroffen werden, sondern ein

Schelmenstück, uns und gemeiner Sicherheit zum Schaden zugefügt. Das

begehren wir zu richten.«

Ehe er fortfuhr, weil die Luft ihm ausgegangen, rief ich, noch immer

im Zorn: »Ohne Urtheil und Spruch oder einige Ursach' haben sie mich

ganz Schuldlosen wie einen Schächer überfallen. Ich bitte aber Euer

Gnaden durch Gottes Marter, daß Ihr zur Beweisung meiner Sache mich

hören wollet; denn dieser da weiß auf jeglich Wort, das ich ihm sage,

nichts Anderes, als mit Wüthen und Toben auf mich zu hetzen, so er

doch fürgibt, gemeiner Sicherheit zu dienen.«

Ich wollte weiter reden, aber heftig brach der Bäckermeister wieder

los: »O wie listig der lose Bube plaudert! Das ist seine ausbündige

Kunst, sich mit Worten zu schmücken; aber sie soll, will's Gott! nun

am Längsten geschadet haben! -- Euer Gnaden kennet meine Tochter, das

Bärbel; hat Euch credenzet vor drei Jahren, eine feine Dirne und mein

einzig Kind. Sie hab' ich am letzten Andreastage des Schultheißen

Sohne verlobt, Mathias Kaulfuß, einem tugendhaften Jüngling. Vor vier

Tagen haben wir den Brautleuten die Hochzeit ausgerichtet und

dieselbige gestern mit einem Freudenmahl zu beschließen gedacht. Denn

unsere Freundschaft ist groß, und um des Schultheißen willen war der

Stadtobrigkeit und um meinetwillen der Bäckerinnung Ehr' und Ansehen

höchst nöthig zu wahren. Doch Ihr müßt wissen, edler Herr, in unserer

Stadt ist von Alters her leider zwischen den Bäckern und Metzgern viel

Verdrieß und Hinderung, welches Alles aber als Nichts zu rechnen ist

gegen die Feindschaft, die nun um sich gefressen. Denn Heinrich

Häsener, des Metzgergewerkes Obermeister, hat öftermalen bei mir um's

Bärbel für seinen Sohn werben lassen, auch öffentlich geprahlt, ich

müßt' sie ihm geben. Wie er's nun nicht erlangte, auch nicht hindern

konnte, daß Bärbel des Schultheißen Schwiegertochter ward, da hat er

sich hoch vermessen, er wolle uns mit seinem Anhang die Hochzeit

verderben. Darum mußten wir beweisen, daß wir auch trotz den Metzgern

etwas vermöchten.«

»Macht's kurz, Meister!« unterbrach ihn der Ritter. »Was geht Eure

Hochzeit diesen Handel hier auf der Straße an?«

»Sehr viel, Euer Gnaden! Gebt nur Acht! Denn wie Häsener und sein

Anhang uns in allen Stücken den Widerpart hielt, so kommt' er doch dem

Zulauf bei uns und der Ehre, die wir einlegten, im Geringsten Nichts

abbrechen. Denn wir hatten die Stadt-Zinkenisten, daß sie pfiffen und

bliesen bei der Heimholung und in meinem Haus; so hatten sie sich die

Stadtpfeifer von Bischofsheim verschrieben. Mit denen zogen sie den

Unsern nach und ließen sie gegen meinem Hause über in der Metzger

Gesellenstube aufspielen, so oft unsere Zinkenisten mit Blasen

anhuben. Aber die Pfeifer stunden bald ab, denn sie sahen, daß sie

gegen unsere Zinkenisten Nichts vermochten, sondern jedesmal übertönt

wurden. Gewißlich auch wären die Metzger endlich zum Gelach geworden

der ganzen Stadt, denn sie konnten mir nicht +einen+ Hochzeitsgast

abwendig machen. Aber gestern hat der üble Teufel, der an jeglichem

Tuck seine Freud' hat, zwei fahrende Landstreicher dahergeführt, den

Gauch da und seinen Gesellen; die haben ihnen das Spiel gewonnen. -- O

wartet ein klein wenig, Ew. Gnaden«, fuhr er aufgeregt fort und

entknöpfte seinen Brustlatz, »mir versetzt es schier die Luft, wenn

ich daran gedenke, aber ich will's Euch ganz nach der Wahrheit

berichten.«

»Das sei Euch gespart, Meister!« rief ihm der Ritter ungeduldig zu.

»Wenngleich man Euch die Hochzeit verdorben hat, könnt Ihr doch darum

Keinen wollen kampflich anrennen und schlagen, wie Ihr thut.«

»Das ist mir wohl wissend«, fuhr der Bäcker fort, hier stehen meine

zünftigen Gesellen alle, die sollen mir bezeugen, ob ich ein Einiges

aufbringe, das nicht nach der Wahrheit ist! Sind nicht die zween

fahrenden losen Leute auf den Markt gestanden gestern unter der

Metzger Geleite und haben mit ihrem losen Wesen schier Alt und Jung

nach sich gezogen? Der Eine nannte sich Klingsohr, mit Zauberspruch,

Arzeneiung und Teufelskunst, der brauchte kündlich Höllenlist. Der

Andere nannte sich Tannhäuser, strich die Fiedel so ausbündig und

wußte zu singen und zu sagen, was die Leute gern hören, von Walther,

König Rother, vom hörnenen Siegfried und allen Mären, die doch nicht

zur Gottseligkeit, noch zu ehrsamer Kunstübung dienen. Das ist der da

im blauen Rock! Ist nicht zu ihm Abends, als kaum der Brauttrunk

umgegangen war nach dem Schmaus, das junge Volk allsammt hinüber

gewichen in der Metzger Gesellenstube, wohin Häsener sie genöthigt

hatte, und konnte gar der Umtanz der Hochzeiter nicht gesprungen

werden, wie es doch Brauch ist, weil bei uns nur die Alten sitzen

geblieben waren auf der Bank und auch die nicht Alle! Und gar

trübselig und des Ärgers voll war uns der Hochzeit Ende schon in

früher Nachtstunde; die drüben aber hatten der Kurzweil und des

Springens kein Ende bei dieses Buben losen Künsten. Denn ein Gauch ist

er, wie der Andere, sag' ich, und ein Dieb. Während der Fiedler Aller

Ohren und Sinne auf sich lenkte, da hat er dem Teufelskünstler Raum

geschafft zu seinen Schelmenstücken. Sagt, meine Gesellen, sind nicht

heute Morgen alle drei Gänse aus meinem Stalle weg gewesen, die ich

den Winter über gefüttert? Hat nicht Catherin, die Magd, bekannt, sie

selbst habe den Klingsohr in den Hof hinter die Küch' geführt, weil er

fürgegeben, er wolle ihr da für ihren ungetreuen Liebsten die Nestel

knüpfen? Er ist entwischt, aber seinen Diebsgesellen haben wir durch

gutes Glück gefunden. Da steht er überführt, und seine Straf' soll

Andern, will's Gott, ein Exempel sein.«

Als ich des Beleidigten und Bestohlenen Rede hörte, erschrak ich über

die Maßen sehr, und meine Wuth wich großer Besorgniß; denn ich sah,

daß mein Kleid, das Feuer und des Mahles Zurüstung, meine wagende

Gegenwehr, Alles wider mich zeugte, und es entfiel mir mein Herz, da

ich daran gedachte, daß mir des Abtes Schrift und Brief, wodurch ich

mir freilich hätte leichtlich Glauben verschaffen können, samt der

Kutte geraubt waren.

Wohl mochte mir der Ritter ansehen, wie verstürzt ich war, als er mich

hart anredete:

»Du bist also der Tannhäuser?«

»Gewißlich, Herr, das ist mein Name nicht; Diether bin ich genannt«,

antwortet' ich ihm mit wenig kecklicher Stimme.

»Freilich bist Du so wenig der Tannhäuser selber, wie Dein Gefährte

der Klingsohr«, sagt' er. »Aber Du bist es doch, der sich vom Volke

also heißen läßt?«

»Ja, er!« riefen die Anderen zumal.

»Du bist es, der die alten Mären von Siegfried und den ruhmeswerthen

Helden zu sagen so wohl verstanden?«

Wieder bezeugten sie, es wäre Alles wahr, was der Obermeister von mir

berichtet hätte.

»Genug denn des Säumens!« sprach der Ritter und befahl seinen

Knechten, mich zu binden und zwischen ihren Rossen von dannen zu

führen.

»Ihr, ehrsamer Meister«, sagt' er zu Krummholz, »zieht in Frieden heim

mit Euren Leuten; den fahrenden Spielmann will ich bei mir in

Gewahrsam halten, ihn zu richten, wie ihm nach den Rechten

kaiserlicher Majestät für seine begangene Untugend gebührt. Und Ihr,

noch der Schultheiß, sorget nicht, daß es nicht nach Strenge geschehe.

Der Bärbel bringt meinen Gruß! -- Euch Allen freundlichen Dienst und

des reichen Gottes Geleit!«

Der Obermeister wagt' ihm nicht zu widerreden. -- Sie reichten sich

die Hände und schieden. Der Ritter hieß seine Knechte eilen und ritt

gemach voraus. Sie hatten bald meine Hände auf den Rücken gebunden und

trieben mich zwischen sich her. Die Städter blieben noch an der

Stätte, zu verschnaufen, ehe sie die Rückfahrt anhüben. »Gedenkt Eures

Verspruchs«, hört' ich noch die Gesellen zum Meister sagen, der

erwiederte: »Zwar es hat ihn Keiner gegriffen, doch das Bier sollt Ihr

haben, denn heut' bleibt die Zunft noch lange zusammen!«

Mit der Weile war der Abend hereingebrochen, aber er hatte den

wehenden Wind nicht zur Ruhe gebracht. Wundersam gestaltet flogen die

Wolken über uns, den Mond verbergend und von seinem Glanze röthlich

umsäumt. Schwere Tropfen schüttelten die rauschenden Buchen, die den

Waldweg überhiengen, den wir eingeschlagen hatten. Er war moosig und

von Baumwurzeln behindert, die, wenn ich sie vor mir sah, Schlangen

glichen, darüber hin sich windend. Schweigend zogen wir hindannen, und

ich hätte gute Muße gehabt, des Weiteren über mein Geschick

nachzudenken, und wie ich mich fürder am besten verhielte. Aber ich

vermochte nicht, meinen Gedanken zu gebieten; ich war wie mir selbst

entfremdet. Ich betrachtete genau die gebräunten Angesichter der

beiden Reiter, ihre Eisenhauben, Brünnen und die Falten ihrer wehenden

Mäntel. Ich horchte auf das Schnauben der Rosse, deren feuchten Odem

ich an meinen Wangen fühlte, auf das Geknirsch ihrer Gebisse, auf das

Gestampf ihrer Hufen. An das, was ich vor wenigen Stunden gethan und

erlebt hatte, gedacht' ich nicht, auch nicht, was mir ferner zu

erleiden vorhanden wäre. Nur als der Mond klar durch die Wolken trat

und mir hell in's Angesicht leuchtete desselben Glanzes, den er mir so

oft durch's kleine Fenster in meine Zelle gesendet hatte, wenn ich

nicht schlafen konnte, da gedacht' ich, ob auch wohl in der weiten

Christenheit Jemand zu finden wäre, der in dieser Stunde so

sorgenhaften und elenden Herzens zu ihm aufblickte, als der hier

gefangen durch die Nacht getrieben ward, und fast wie ein Schrecken

überkam's mich, daß ich das selber war, Diether von Maulbronn.

Viertes Kapitel.

Auf Elzeburg.

Das Elzewässerlein fließt im Gebirge durch ein freundliches

Wiesenthal gen den Neckar. Längs seinem Lauf ziehen sich Berge hin von

mäßiger Höhe, fast durchaus mit Buchen und andern Laubhölzern schön

geziert. Auf einem dieser Berge, der über seine Brüder in der

Nachbarschaft stattlich hervorragte, stund die Burg, dahin ich geführt

ward. Sie hatte von dem Flüßlein, das unten vorbeirauschte, den Namen,

und hieß Elzeburg. Auf ihr hausete der Reichsgraf und Bannerherr Herr

Eberhard, wie auch sein Geschlecht seit undenklichen Zeiten da

eingesessen war. Derselbe war immer unbeweibt gewesen, hatte in

jüngeren Jahren mit des Kaisers Kriegsvölkern viel zu Felde gelegen in

Welschland und stund bei der Kaiserlichen Majestät nicht bloß wegen

seines tapferen Muthes, sondern auch wegen seines kundigen Rathes in

hohen Ehren. Aber je älter er ward, desto weniger machte es ihm

Freude, wenn er zu Hofe reiten mußte, um allda große Welthändel zu

Recht bringen zu helfen, obwohl er gehorsamte, so oft er entboten

ward; sondern am liebsten weilte er in waldgrüner Einsamkeit auf

seiner Väter Burg, ringsum in der Gegend ein hoch angesehener, wohl

auch gefürchteter Herr.

Und wahr ist's: auf ein schön Stücklein Erde blickte man von der

Elzeburg nieder, sonderlich lustsam dem Auge zur Frühlingszeit, wie

ich es sah, wo allerlei bunte Blumen den Wiesengrund zierten und das

Elzewässerlein unter hellen Weiden und an dunklen Tannen vorbei in

munteren Sprüngen daher brausete. Vom Fenster des Erkerstübleins oben

im Thurm über dem Burgthor, wo mir die Wohnung zugewiesen war, konnte

das Auge weithin über die Berge in die Ferne schweifen, über den

rauschenden Wipfeln der Bäume den Nebelwolken zuschauen, wenn sie wie

Geister des Waldes aus dem Dickicht emporstiegen und bald sich

zusammenballten, bald auseinander stoben, oder auch mit der Weihe in

den klaren Himmel schweben und ohne Schranken sich fühlen in dem

grenzenlosen Raume.

Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit · 第 3 / 17 段