als ein tiefes Meer des Verderbens, gleich gefährlich, ob's den blauen
Himmel spiegelt oder schäumt und braust, voll Untreue, Gewalt und
Tücken? Und was hat Dein Abt anders gethan, als Dich hinausgescheucht
wie einen Vogel, der nicht schwimmen kann, auf die weite See?«
»Ihr seht wohl«, sagt' ich bescheiden, »von Eurer Klause die Welt zu
ungünstig an und urtheilet zu hart über sie, weil Ihr sie nicht
genugsam kennet in Eurer Abgeschiedenheit.«
»Hoho!« rief er, bitter lachend, »ich kenne sie nicht? Ich kenne sie
nicht?« und sah in's Feuer, als könnt' ihm das gar etwas Anderes
bezeugen. -- »Du hast ihr Wesen wohl heut' schon lieb gewonnen beim
ersten Ausflug?« wandt' er sich dann fragend an mich, »fühlst Dich
schon wohl darin?«
»Ich weiß darauf nicht zu antworten«, erwiedert' ich, »aber Ihr thut,
dünkt mich, zu viel, wenn Ihr die Welt schlecht nur der Untreue
zeihet. Ich hab' wohl befunden von ungefähr, daß sie auch der Treue
die Probe hält.« Und so erzählt' ich ihm mit Wärme, was ich von den
armen Köhlerleuten heute gesehen hatte und wie sie durch ihre treue
Liebe gegen einander so glücklich wären in aller Dürftigkeit. »Die
hegen«, schloß ich, »gewiß kein Falsch gegen einander.«
»Weißt Du das für gewiß?« fragt' er wieder. »Hat ihre Treue schon die
letzte Versuchung bestanden? Wenn die Noth bis zu Hunger und Blöße
steigt; wenn Siechthum und Jammer Heimrecht gewonnen haben bei ihnen,
wenn ihre Ehe zur klirrenden Kette geworden ist, welche ohne Hoffen
Mann und Weib an die Marterbank des gemeinsamen Elends schmiedet und
wenn die Kinder vergeblich Brot heischen, für Vater und Mutter
unablässige Mahner ihrer Noth und Mehrer derselben: dann siehe zu, ob
Ungeduld, Mißtrauen, Überdruß, die Unholde, der Lieb' und Treue noch
nicht das letzte Herzblut ausgesogen haben. Ja, wenn dann noch Mann
und Weib sich zum Trost da sind, die Kinder den Eltern zum Labsal der
Liebe, zu Dank und Gehorsam, -- dann magst Du sagen, sie haben Treue
gehalten. Und bis dahin, und wenn sie noch alsdann und immerdar sie
hielten«, fuhr er ergriffen fort, »wird sie ihnen doch zehn Tropfen
Bitterniß einschenken neben einem Tröpflein Süße. Denn wo eine Quelle
ist, daraus dem Menschen reine Wonne zufließen könnte, da leidet
solches der Welt Lauf nicht und wirft Gift hinein. Vielleicht brennt
Junker Schlapphahn schon morgen die Hütte nieder, bloß zur Kurzweil
und aus Ärger, daß ihm ein Fang entgangen ist. Dann wird den Mann
nicht sein eignes, aber seines Weibes und seiner Kinder Elend
unglücklich machen, und das um so mehr, je treuer er sie liebt.«
Er hielt inne und fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wollt'
er sich der Erregung, mit der er gesprochen hatte, entledigen. Darauf
fügt' er ruhiger hinzu: »Diether, ich bleib' dabei, Dein Abt ist ein
Unweiser, daß er Dich so unbesorgt in die Welt gesandt hat.«
»Aber«, warf ich munter ein, »Brun, laßt die Welt so bös sein, wie sie
mag. Was gilt mir das, der ich in ihr weder streiten, noch arbeiten,
noch freien, noch ihres Theils sein will in keinerlei Weise, auch im
Geringsten nicht ein Verlangen danach trage, als der ich dem Kloster
von Kind an verlobt bin.«
Da sah er mich ernst, fast schwermüthig an und sagte: »Diether, hör'
nur zu! Wodurch die Welt die Leute schlimm macht und gottlos und
unglücklich, das wohnet inwendig in eines jeglichen Menschen Herzen.
Da schläft es und regt sich nicht, und er weiß nichts davon, bis die
Welt es aufweckt und stärkt. Sie thut es mit gar lieblicher Stimme,
denn Alles, was süß und sanft thut dem Herzen, was wonnig ist und
holdselig, das nennt sie ihm mit Namen und verheißt es ihm. Aber wenn
er dessen am frohsten zu werden gedenkt, dann muß er erfahren, daß sie
auch das Verderben groß gezogen, das ihn um Fried' und Freude bringt.
Lang und schwer ist hernachmals der Weg zurück zu finden, und Mancher
kommt um unterwegs. Darum ist's besser, es bleibt Beides unerprobt,
der Welt Lust und der Welt Leid, denn sie lohnet jenes mit diesem
allzu hart, und recht erwogen, ist ihre Wonne ihres Wehes nicht
werth.«
Mir war's, als seufzte er leise bei diesen Worten.
»Nun denn«, sagt' ich wie vorhin, »ich hab' diesen Dingen noch wenig
nachgesonnen, acht's auch nicht für wohlgethan, denn sie helfen nur
zur Herzensschwere, wie mich dünkt. Aber unter Gottes Schutz gedenke
ich getrost gen Speyer zu ziehen, dort meine Sache zu beschicken und
denselben Muth und Sinn heimzubringen, mit dem ich ausgezogen bin aus
unserm Kloster.«
»Du thätest besser«, sprach er, »so Du umkehrtest und ließest den Abt
ohne das Conterfey. Du sagtest ihm, Deine Seele müßte Dir mehr gelten,
als das Bild.«
»Das würde mir übel stehen«, sagt' ich fast unwillig, »und mich zum
Gelächter machen im ganzen Convent.«
»So will ich Dir noch einen Rath geben«, fuhr er fort, als wollt' er
mich durch Scherz begütigen, »sieh zu, daß Du ihn besser befolgst.
Bleib hier und siedle bei St. Wigbert's Kirchlein. Wir leben hier in
Verborgenheit und edler Freiheit mit einander, bis Du mir mein Grab
gräbst und mich hineinbettest. Wie? Du sagst nicht mit Freuden ja und
mißkennest solche Ehre? So verbeut Dir Brun jede Ausrede und will, daß
Du Dich auf's Ohr legest und schlafest.«
Damit stund er auf und achtete nicht weiter auf mich.
Wirklich war ich so müde, daß sich meine Augen willig senkten und ich
bald entschlief. Aber zu vielerlei und zu Neues hatte ich an diesem
ersten Wandertage durchlebt, als daß mein Schlaf hätte traumlos sein
können. Sonderlich des Alten eindrucksvolle Gestalt stund immer wieder
mir vor der Seele; bald rauh, bald milde erschien er mir, wie ich ihn
am Tage gesehen hatte. Zuletzt war mir's, als führ' ich mit ihm über
ein strudelndes Wasser und er spräche zu mir: »Das ist die Welt!
Willst Du sie kennen lernen, so spring hinein und wag' es zu
schwimmen.« Da warf er die Ruder weg, und unser Kahn tanzte in immer
engeren Kreisen dem Abgrunde zu. Ich bat ihn flehentlich, mich und
sich zu retten und wollte seine Knie' umfassen. Im Schlaf mocht' ich
da wohl eine heftige Bewegung gemacht haben, denn ich erwachte. Doch
wie! saß er da nicht noch immer an den letzten Gluthen des
verglimmenden Feuers?
Ich behielt den Anschein des Schlafens und sah ihm zu.
Vor sich hatte er eine geöffnete Truhe, die er aus der Kluft
hervorgeholt haben mochte, und mit Staunen sah ich, wie er daraus
gestickte Zeuge, Schapel, Schleier, Spangen von großer Kostbarkeit
hervorlangte. Nur für einen Augenblick kam mir der Gedanke, ich könnte
in die Höhle eines Räubers gerathen sein. Denn das waren nicht die
Blicke der Habgier, mit denen er die Kleinode betrachtete. Vielmehr
drückte sich ein tiefer Gram aus in seinem Angesicht, wie er mit
zögernden Händen ein Stück nach dem anderen herausnahm und sorglich
wieder an seinen Ort legte. Endlich schien er gefunden zu haben, was
er suchte. Es war ein Bündlein von vergilbten Blättern. Es mochten
Handschriften oder Briefe sein; denn ich sah, wie er sich zu lesen
anschickte. Aber reichte das Licht nicht zu oder waren seine Augen
trübe, er ließ die Hand, welche das Blatt hielt, auf die Knie' sinken.
Da entfiel dem Papier etwas, wie eine verwelkte Rose. Hastig hub er
sie auf, als wäre die arme Blume ein großer Schatz. Er sah sie lange
an, öfters seufzend, und sein Haupt sank ihm tief auf die Brust. Da
verlosch das Feuer, und das mildere Mondenlicht fiel durch das Fenster
in die Zelle. Seine Strahlen umflossen den Regungslosen. »Er ist
eingeschlafen«, dacht' ich. Aber im flimmernden Mond blinkten
reichliche Thränen die Furchen seiner Wangen hinab in seinen Bart, und
was ich anfangs für das Rauschen ferner Wipfel gehalten hatte, war
sein leises Schluchzen.
»Tröst' ihn, lieber Heiland, in seinem Leide«, betet' ich da in meinem
Herzen, »und gib Deine Gnad' uns Allen!«
Und damit entschlief ich.
Drittes Capitel.
Irrfahrt.
Des andern Tages früh, da ich mich wieder auf den Weg machte, wollte
mich Brun doch nicht allein ziehen lassen, sondern er geleitete mich
eine gute Strecke. Das that er, nicht bloß, weil er besorgte, ich
möchte aus der Irre, in die ich gestern gerathen war, die rechte
Straße allein nicht wieder finden, sondern auch, daß ich an ihm einen
Schutz hätte gegen Fährlichkeiten. »Denn«, sagt' er, »hier herum ist
das Wegelagern nicht selten, und wer sicher durchziehen will und
ungekränkt an Hab und Leben, der sollt's, wenn er nicht selbst wohl
bewehrt ist, nicht wagen ohne Geleit. Da und dort auf den Bergen ragen
stolze Burgen, drin hausen gestrenge Ritter, wie man sie heißt, die
aber das Rauben treiben wie ihr Handwerk.«
»Ich hab' wohl wenig zu fürchten, Brun«, sagt' ich gutes Muthes, »daß
mich dieser kampflichen Gesellen einer anrenne, der ich unbeschwert
von Gut und Habe meines Weges ziehe. Was sollte man an mir armem
Klösterling gewinnen, so man mich fienge?«
»Man könnt' Dich doch für einen Andern halten, als Du bist, Diether,
wie auch ich Dich mißkannte, als Du mich ansprachst. -- Daß ich da so
rauh mit Dir fuhr,« setzte er freundlich hinzu, »muß Dich nicht irren:
es war aus guter Meinung geschehen. Denn sieh, so schlimm ist
heutzutage die Welt, daß auch ein Einsiedel sein löblich Thun mit
großer Vorsicht und Heimlichkeit betreiben muß, als hätte er dabei ein
bös Gewissen. Weil ich nämlich, was sich hier in Wald und Bergen
zuträgt, und das Gehen und Kommen der Herren, ihr Liegen und Kriegen,
Frieden und Fehde gut genug erkunde, so bin ich den redlichen Leuten,
die hierdurch in Frieden fahren wollen, gern zu Rath und Warnung
bereit. Sie kennen mich wohl auch und haben mich erprobt. So werd' ich
oft beschickt, daß man mich fragt, ob's wohl stehe im Gebirg oder
nicht. Aber ich darf Keinem trauen, der mir nicht Bürgschaft gibt, daß
er sicher ist und kein Schelm, von den Geiern hier herum abgesandt,
die mir längst auf der Lauer sind.«
»So habt Ihr auch an mir Euch als Helfer und Berather treulich
bewiesen und meinen armen Dank wohl verdient«, sagte ich, indem ich
seine Hand ergriff, »und nimmer werd' ich Euer vergessen.«
Da schlug er ein, sah mich gar gütig an und sagte: »Ist das Dein
Ernst, Diether, so hab' Du allerwege ein Vertrauen zu mir. Es mag sich
wohl fügen, daß es Dir eine Freud' ist oder ein Trost, zu denken, es
lebe Einer, der Dir von Herzen gern diente, weil er Dir von Herzen
gern das Beste gönnt -- hauset er auch gleich einsam und hat nicht
Macht, Gut, noch Ehre in der Welt. Vielleicht ist's Dir dann lieb, den
Weg zu wissen, der durch den Wald fern zu St. Wigbert führt, und Du
verlangst, sein Kirchlein Dir winken zu sehen und in der Klause Deinen
getreuen Eckhart, den alten Brun. -- Nun, Jüngling, fahr' wohl! Die
Landstraße, die da entlang sich zieht, heißt uns scheiden. Aber in
aller Ferne bleibt's dabei: Brun gedenkt und, willst Du zu ihm, harret
Dein immerdar.«
Ich wollt' ihm nochmals danken zum Abschied, aber er wollt's nicht
haben, drückte mir liebreich und herzhaft die Hand und gieng.
Ich sah ihm nach, bis er hinter den Tannen des Waldpfades verschwunden
war, der ihn in seine Siedelei zurückleitete.
Dann gieng auch ich wohlgemuth meine Straße. --
Ob wohl am jüngsten Tage, wenn zum Endegerichte die Bücher werden
aufgeschlagen werden, darin eines Jeglichen Thun beschrieben ist,
welcherlei es gewesen ist bei Leibesleben, die Tage und Zeiten auch
werden leere Blätter weisen, an die wir uns wenig erinnern, weil uns
darin nichts Sonderliches begegnet ist, und dahingegen die, an denen
unsere Gedanken vor andern haften und unseres Herzens Sinn, auch dort
werden mit großen Buchstaben eingezeichnet sein? Dem hab' ich manchmal
nachgesonnen, und unsere Vernunft muß wohl also schließen. Und doch
kann es leichtlich anders sein; denn ich achte, oft ohne daß wir's
merken und spüren, nimmt unser Herz ein Saatkörnlein auf, das
unvermerkt Wurzel darinne treibt, und dessen Frucht, bitter oder süße,
unser ewiges Schicksal entscheidet. Hinwieder mag von hoher Lust und
tiefem Leid, darin unser Herz gestanden hat, daß es durch's ganze
Leben deß nicht vergißt so lang' es schlägt, keine Spur uns nachfolgen
in die zukünftige Welt, wie man dem Wasser des stillen Gebirgsee's
nichts ansieht von dem Gebraus des Sturzbaches, der ihn nährt.
Solcher Betrachtungen zu gedenken, dazu bewegt mich die Erinnerung an
das, was mir weiter auf meiner Wanderschaft begegnete. Sie gieng auch
in einem solchen Wechsel hin zwischen dem, was man schnell vergißt und
was fest in der Seele haftet. So trug sich mir in den zween nächsten
Tagen, nachdem ich von Brun geschieden, nichts Sonderliches zu, und
schon hoffte ich in Tagesfrist in Heidelberg zu sein, allwo ich eine
Weile zur Rast in Herberge bei den Benedictiner Brüdern liegen sollte.
Aber gar unerwartet und plötzlich wurde ich von meinem Ziele
abgelenkt, und wie das geschah, das steht noch so deutlich vor meiner
Seele, als hätt' ich's gestern erlebt.
Der Tag war trüb', und ein kalter Wind trieb mir feinen Regen in's
Angesicht. Ich hüllte mich dichter in mein langes Gewand und
beförderte meinen Gang. Da hörte ich hinter mir Schritte wie von
Nacheilenden und ward gewahr, daß sie mir schleunig näher kamen. Ich
wandte mich und erblickte ein gar seltsames Paar: zween Gesellen, von
denen Jeder für sich verwunderlich genug anzusehen war, noch mehr
aber, wenn man ihn zugleich mit seinem Gespons betrachtete. Denn die
Beiden hielten sich in Allem das Widerspiel. War der Eine lang und
fast dünn, von schwarzem Haar, das tief auf die Schultern fiel, und
schmalen Wangen, so war der Andere gar kurz und wohl bei Leib', und
das runde Haupt mit ganz rothem Kraushaar saß ihm dicht auf dem
breiten Nacken. Nicht minder war die Tracht, in der sie daherzogen,
sonderbarlich anzusehen. Der Lange trug einen knappen, blauen Rock mit
silberglänzenden großen Knöpfen, der kaum bis unter die Hüften
reichte, mit buntfarbigen Schleifen hin und wieder ausgeziert. Auf dem
Scheitel saß ihm eine Kappe von gleicher Farbe mit langem
Federschmuck, von Wind und Wetter übel zerzaust. Seine Hosen aber
waren gelb und eng anliegend; an der Seite hieng ihm ein kurzes
Schwert, wie die Bauern tragen, wenn sie bewehrt sind. Der Kleine
hingegen trug einen großen, braunen Hut mit so mächtiger Krempe, als
wär's der vom wilden Jäger selber, und seine kurze Gestalt erschien
noch breiter durch einen dunkelrothen, faltenreichen Mantel, der ihm
vom Halse bis zu den Knieen herunterhieng.
Wie ich die Beiden mit steigender Verwunderung betrachtete, hatten sie
mich bald eingeholt. Der Kurze Schwenkte mir zum Gruß seinen Hut
entgegen und rief:
»Ja, wohlgethan, daß Ihr bleibt stehn!«
Darauf setzte der Andere ein:
»Selb dreie wöll'n wir fürder gehn.«
Damit waren sie mir zur Seite, und ich fand mich in ihrer Mitte
wandelnd, als wären sie mir Geleitsmänner. Vielleicht sahen sie mir's
an, daß ich bedenklich war über ihre Gesellschaft und halb
entschlossen, mich ihrer so oder so zu erwehren. Darum war sonderlich
der Kleine geschäftig, Wechselrede in Gang zu bringen. Ich war zu
arglos und, was ich an meinen beiden Gefährten sah und von ihnen
erfuhr, mir zu neu, daß Ihre Begleitung mir nicht erträglich und nicht
auch bald erwünscht gewesen wäre.
»Ihr seid gewiß ein heilig Mann«,
sagte der Kleine, und sah wie prüfend zu mir auf.
»Man sieht's an Euerm Kleid Euch an.«
»Ja«, erwiederte ich, »einem heiligen Stande gehöre ich an und bin dem
Kloster zugesprochen.«
Da versetzte der mit dem blauen Rock gar ernsthaft:
»Ein selig Leben ist Euch beschieden,
Voll guter Sicherheit und Frieden,«
und sprach das in einem Ton, als hätt' er solch Glück aus eigener
Erfahrung wenig erprobt.
Sogleich rief ihm der Andere zu, als wollt' er ihn trösten:
»Was mancher Mann zumeist begehrt,
Wenn er's erlangt, hält er's nicht werth.«
Dann wandte er sich zu mir und sagte: »Mein Geselle da hat die
Regenlaune; allemal, wenn's unhold Wetter gibt, ist er so.
Scheint aber erst die Sonne frei,
Dann singt er and're Melodei!
Nicht, Bruder? Ah, ob er's wohl kann auf Saitenspiel?«
Damit strich er mit der Gerte, die er in der Hand hatte, hinter mir
vorbei seinem Gesellen auf den Rücken, und ich hörte die Saiten einer
Fiedel erklingen, die da, wie ich nun merkte, wohl eingehüllt am Bande
hieng.
»Mißschaffen ist dein Scherz und Schimpf!«
murrte ärgerlich der Gestrichene; aber der Andre lachte dazu und rief:
»Ei, nimm ihn auf mit Gunst und Glimpf!«
»Ich denke«, sagte ich da, »weil Ihr von mir erkundet habt,
welcherlei Stande ich angehöre, so hab' ich wohl auch ein Recht, nach
dem Eurigen zu fragen. Doch das ist nicht noth; denn wiewohl ich mich
wenig auf der Welt Brauch und ihre Sitten verstehe, so fehl' ich gewiß
nicht der Wahrheit, wenn ich dafür halte, daß Ihr fahrende Spielleute
seid. Aus den gereimten Sprüchen und der Fiedel schließ' ich das.«
»O, wohlgerathen«, rief lustig der Kleine, »ist Euch das _Studium
logices_. Euer Syllogismus ist demantfest. Und doch traft Ihr nicht
haarscharf das Ziel. Fahrende sind wir, das ist wahr, aber Spielende
nicht zumal, das gieng Euch fehl'. Wer die Braut hat, der ist der
Bräutigam; wer die Fiedel trägt, der ist der edlen Sang- und
Klangkunst Adept.
Der Tannhäuser wird er genannt,
Ich aber Klingsohr von Ungarland.«
»Und was ist +Eure+ Kunst?« fragt' ich ihn.
Da blinzelte er mich mit den Augen schlauen Blickes an, sah dann in
den grauen Himmel und spitzte den Mund, als besänn' er sich, ob er mir
eine gerade Antwort geben sollte. Darauf blieb er plötzlich stehen und
schien zu horchen. Der Andere that desgleichen und fragte:
»Sag', Bruder, hörst du ichtes was?«
worauf Klingsohr nach kurzer Weil':
»Nein, nichts! -- Doch laßt uns eilen baß.«
»Ja«, fuhr er im Gehen zu mir fort, indem er ausschritt, was seine
kurzen Beine vermochten, »die Kunst, die ich übe, ist eine hohe Kunst
und eine nützliche Kunst und hat viel' Liebhaber im Volk. 'S ist aber
auch eine gefährliche Kunst und wird arg befehdet von den
Hochgelahrten. Eure Heiligen und Scholastici zählen sie nicht unter
die sieben freien Künste. Ich möcht' ihrer auch gern ledig sein. Aber
was hilft's! Jeder Vogel muß bei seinem Liede bleiben. Frau Aventiure
ist mir nicht günstig gewesen und hat zu sagen und singen mich nicht
gelehrt, wie den da.«
»Aber Ihr reimet doch, als wäret Ihr Worte zu stellen wohl geübt?«
»Macht der Gewohnheit und Freundschaft! Des Tannhäusers edle Gabe ist
mir ein wenig zu Gut gekommen. Wenn man die Singekunst so liebt, wie
ich, da muß die Gesellschaft solchen Meisters wohl Etwas nütze sein.
Was ich vermag, das ist allein
Von seiner Kunst ein Wiederschein.
Doch Ihr habt«, setzte er hinzu, »in Eurem Brevier von solchen Dingen
allen nichts gefunden und begehrt ihrer nicht.«
»Da ist denn die Reihe des Fehlens an Euch gekommen, Meister
Klingsohr!« sagt' ich munter, »denn auch ich übe eine Kunst, und mit
all' meinem Denken trag' ich Lust zu ihr.«
Da sahen mich Beide verwundert an und Klingsohr fragte: »Welche
ist's?«
»Zwar sollt' ich dem Klingsohr nicht offenbaren, was er mir hehlt«,
erwiederte ich. »Doch will ich's sagen: Zum Tannhäuser dem Singer hat
Diether der Maler sich gesellt.«
»So wohl uns, daß wir uns trafen!« rief Klingsohr, streckte mir seine
Hand entgegen, und der Tannhäuser reichte mir seine. »Wir drei gehören
zusammen, ob Kutte, Wams oder Mantel; wir sind eines Ordens. He,
Bruder Tannhäuser, nimm Deine Fiedel und streich eins auf!«
Der aber sagte:
»In Regen und Wind des Fiedelns pflegen,
Heißt unterm Schnee nach Veiglein fegen.«
»Wohl«, rief da der Kurze, »so will ich ein neu Lied singen von den
drei jungen Gesellen, die sie in Augsburg henken wollten, wie sie
zusammen entrannen und hernach in England der eine Bischof, der
andere« --
»Sagt mir doch lieber«, unterbrach ich ihn, »was Eure Kunst sei!«
»Warum sollt' ich's nicht«, erwiederte er, wenn's Euch, Malbruder, zu
wissen lieb ist? Kennt Ihr die schwarze Magia?«
»Alle guten Geister!« rief ich und schlug ein Kreuz. »Das ist ja eine
Teufelskunst!«
»Die treib' ich ja auch nicht«, rief das Männlein und lachte unbändig.
»Sie ist ja durch kaiserlich und päpstlich Recht verpönt und
vermaledeit. Der +weißen+ Magia bin ich ein Jünger.«
Wie ich ihn fragend und befremdet ansah, fuhr er fort: »Das nimmt Euch
Wunder, daß ein Biedermann die weiße Magia bekennt, und Albertus
Magnus ist doch durch sie hoch zu Ehren gekommen? Macht +das+ den
Unterschied, daß ich Jedermann, Bürger und Bauer und Knecht und Magd,
wer's begehrt, die Wohlthaten meiner Kunst erweise? Hätt' ich nur die
Instrumenta und wäre in jungen Jahren länger hinter's Latein gesessen
-- ich wollt' Euch einen redenden Kopf machen, der sollt' Euch noch
weit andere Geheimnisse sagen, als Albertus' seiner.«
»Dann thätest Du besser«, spottete der Tannhäuser, »Du ließest den
Kopf und schüfest uns einen Wintergarten, wie der Kölner Meister, mit
warmer Sommerluft. Aber Deine weiße Meisterschaft läßt uns noch im
Aprilen frieren.«
»Ei«, sagte gekränkt der Kleine, »Dir wär's doch in keinem Wege recht
zu machen. Hast Du nicht warm gesessen bei der Frau Venus? Und doch
hat Du's nicht behagt im Hörselberg.«
»Ach, Narrethei!« rief der Tannhäuser, »samt Deiner Frau Venus und
Hörselberg! Wollt' lieber, ich hätte jetzo was Gares zu kosten und was
Wärmendes auf dem Leib.« Dabei schüttelt' er sich verdrießlich die
Tropfen von der Mütze ab.
»Frau Nachtigall, hat sie keine Speis',
Schweigt oder singt nach Spatzenweis'.«
Er dauerte mich und ich sagte: »Mir ist's gar leid, daß Ihr nicht
besser vor'm Unwetter bewahrt seid. Wie wohl thut mir doch heut' mein
langes Wollenkleid!«
»Oh!« sagt' er und sah es fast begehrlich an,
»Im warmen Kleid und sichern Nest
Den Mönchen Gott nichts mangeln läßt.«
»Freilich«, hub wieder der Kleine an, »fahrende Meister müssen sich
alles Glückwechsels versehen: gestern willkommen und heut' schabab. Da
heißt's oft:
Duck Dich Hännsl, laß übergahn!
Unwetter will seinen Willen han!
Sprich auch diesen Spruch jetzt, Gutgesell! Da hilft nichts Anderes.
Denn zum Wärmenden auf Deinen Leib ist hier kein Rath;
Aber Gares zu kosten, das mag wohl sein,
Hab' auch nicht die Meinung, mich zu kastei'n.
Wir wollen eine Mahlzeit halten, die lecker ist, und St. Bernhardt
selber wird mir die Gutthat danken, die ich an seinem Jünger thue. Wir
sind auf der Wanderung gebrüdert und haben Alles gemein. Seid erst bei
Klingsohr zu Gast und dann gebt Acht, ob seine Kunst Dank verdient!«
»Ist's Eure Magie, die uns letzen wird?« fragt' ich ihn.
»Gewißlich sie«, rief er lachend, »und immer die weiße! Gleich sollt
Ihr deß gewahr werden.«
Nun führte der Weg an einem verlassenen Steinbruch vorbei, der manche
Wölbung darbot, wo man vor Wind und Regen wohl gesichert war. Da hatte
auch alsbald Klingsohr die zum Lager geschickteste erkürt und hieß uns
folgen. Als wir angelangt waren, sprang er auf einen Stein, der da
lag, und sagte im Befehlston:
»Nun kommt herfür aus Eurer Haft!
Sollt Euch nicht mehr verstecken.
Beweist Eure edle Kraft und Saft!
Wir wollen schmecken und schlecken.«
Damit hockte er etwas von seinem Rücken, das schier einem gewaltigen
Buckel geglichen hatte, und langte drei Gänse hervor, die an ihren
Hälsen zusammengebunden waren, wie man pflegt, wenn man sie
geschlachtet zu Markte bringt. »Sind Sie nicht weiß«, fragte er mich
vergnügt, »wie die Kunst, die sie mir eingebracht? Und fett dazu! Sie
drückten mich schier, daß ich nicht mehr ausschreiten konnte. Aber
harret! Eine soll's nicht mehr thun, 's müßte denn im Magen sein.«