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IRMELA
Eine Geschichte aus alter Zeit
von
Heinrich Steinhausen.
-- -- --
Achtzehnte Auflage.
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Titelbild von W. Steinhausen.
-- -- --
Leipzig 1899.
Verlag von E. Ungleich.
Eingang.
Die heitre Sonne des Pfingstsonntages im Jahre des HErrn 13.. sank
hinter die rebenbepflanzten Berge, welche von Westen her das liebliche
Thal einschließen, in dem die stattlichen Gebäude der wohlbekannten
Cisterzienser-Abtei Maulbronn sich erheben. Eben war der
Vespergottesdienst mit dem Magnificat beschlossen, das heute nicht nur
von den Brüdern im Chor, sondern auch von dem zahlreich versammelten
Volke im vorderen Theile der Kirche gesungen worden war. Nur Bruder
Diether ließ das Örglein noch nicht schweigen, vor dem er saß, und
drückte die breiten Tasten durch kräftige Schläge nieder, daß sich
langhallende Töne hören ließen, während das Gotteshaus sich leerte.
»Wie, schon All' hinaus?« sagte er, als er, nach kurzer Weile sich
umwendend, den ganzen Raum unten verlassen fand. »Sie haben halt Eil'
heut,« setzte er hinzu, »das Volk will des milden Maien genießen unter
der Linde, und die Confratres sind dem Refectorio am Pfingstabend auch
nicht feind. So wollen wir denn des Tönens genug sein lassen, uns mit
dem Paternoster segnen und von hinnen gehn!«
Während er bedächtig die Treppe herniederstieg, welche vom Orgelchor
in's Schiff führte, schritten die Mönche bereits nach Gefallen einzeln
oder zu mehreren gesellt dem Klostergarten zu oder wohin sonst einem
Jeden sein Sinn stand; denn nach Gewohnheit ward St. Bernhards Regel
heut nicht eben ängstlich befolgt und Abt Rothad war zu keiner Zeit
der Mann, von dem ein straffes Anziehen derselben zu besorgen war. So
war es denn auch bald im Kreuzgang einsam, der sich an die Kirche
gegen Mitternacht anschließt und im Viereck einen Friedhof umgibt, der
doch schon damals mehr einem mit Bäumen und Gesträuch wohlbepflanzten
Gärtlein glich.
Als Diether aus der nördlichen niederen Kirchenpforte in die
kunstreich gewölbten Gänge trat, däuchte ihn die abendliche Stille,
die ihn so mailich und freundlich anwehte, keineswegs unwillkommen,
sondern wie er langsam daherschritt und immer wieder zwischen den
Pfeilern still stehend zum blauklaren Himmel emporblickte und vor sich
auf die Pracht der Blüthen im frischen Grün, da war's, als leuchtete
die Lenzwonne auch aus seinen dunklen Augen, so froh schauten sie
darein, und als fühlte seine Brust mit der Jugend des Jahres auch die
Jugend des Herzens wieder, so freudig und kräftig hob sie sich. Dicht
neben ihm aus dem Gebüsch erscholl die Stimme einer Nachtigall. Er
blieb stehen und lauschte. Ihm schien's, als wäre das die Seele dieses
Maiabends, die wollte all' ihre reine und himmlische Freude ihm mit zu
empfinden geben. Sie schwieg. Aber als nach kurzer Weile ihre Töne
wieder erklangen, lang gezogen und klagend, da tauchten sie auch seine
Seele in sanfte Schwermuth und seine Gedanken wurden wie mit
freundlichem Zwange rückwärts gezogen; und wie um ihn her die
Dämmerung ihre ersten Schatten breitete, versank auch vor seinem
inneren Auge die Gegenwart allgemach und Blüthenduft und Abendstille
trieben ihn der Erinnerung längst vergangener Tage zu. So stößt ein
Kahn sanft vom beschatteten Ufer ab und gleitet auf kaum bewegter
Fluth dem Eilande zu, das dem Schiffer sonnig entgegenwinkt! --
Leise hatte er sich niedergelassen auf die steinerne Brüstung. Ein
Hauch der Abendluft rauschte durch den Garten und wehte wie kleine
Sterne weiße Blüthen des Flieders ihm auf Haupt und Gewand. Er blickte
auf, als wollt' er Jemand suchen, und »Irmela« klang es wie im Traume
von seinen Lippen. Der Name hallte wieder von den Pfeilern drüben. Er
horchte auf wie freudig erschrocken; aber gleich darauf, sich
besinnend, sah er lächelnd auf seinen Blüthenschmuck und verharrte
schweigend, in sich versunken. --
Da weckten ihn geräuschvolle Schritte; sie kamen von der vorderen
Thür, die in die westliche Seite des Kreuzganges führt. Er wandte sich
um und sah zwei junge Gesellen munter herbeieilen. Sie grüßten ihn
fröhlich und auch er hieß sie von Herzensgrund willkommen; war er doch
den Beiden von ganzer Seele zugethan, wie das Alter an der
wohlgezogenen Jugend seine Lust hat und wie der Lehrer seine Schüler
liebt, an denen seine Arbeit nicht umsonst ist. »Vater, Meister!« rief
der Eine, »Zürnet uns nicht, daß wir heute so spät erst nach Euch
Nachfrage thun. Mußten wir doch gewärtig sein, hätten es auch wohl
verdienet, Euer heut gar nicht mehr ansichtig zu werden. Aber der
wonnigliche Lenztag lockte uns in's Freie und so streiften wir durch
Wald und Feld, bis der Abend hereinbrach.«
»Wollten doch auch des Fiedlers Heiner neue Weisen mit anhören, der
sich in Hohenklingen auf dem Wiesenplan vernehmen ließ, fiel der
Andere ein, »aber als er zum Tanz aufspielte den Dörflern, da war es
hier Rupert nicht, der nicht mit mir von dannen wollte und wieder
Rupert nicht, der hernach mit des Klosterbauern flachszöpfiger Jutta
daherschwenkte.«
»Scherze nur!« unterbrach ihn der Gemeinte. »Es brauchte wenig
Überredungskunst, um Dir das Verweilen lieb zu machen. O, Meister!
haltet solches Geschwätz unserer Thorheit zu gut. Wir hätten zeitiger
bei Euch einsprechen sollen. Ihr waret einsam!«
»Daß Ihr junges Volk Euch doch so gern für unentbehrlich haltet uns
Alten!« versetzte Diether mit freundlichem Ernst. »Wüßtet Ihr, welch'
treffliche Gesellschaft ich gehabt habe, da Ihr kamt, so hättet Ihr
sicher mich darum geneidet.«
»Wer war denn bei Euch?« fragten die Beiden. »Wir sahen Niemanden!«
»Eine Fraue und gar holde«.
»Wie heißt sie?«
»Erinnerung! -- Sie hat mich sanft bei der Hand genommen und gern bin
ich ihr gefolgt.«
»So weiß ich auch, Vater«, sprach Waltram, Ruperts Geselle, »was Euch
so bewegt, daß Stimme, Auge und Gebärde davon zeugen. Das kommt von
den Gedanken, die inwendig in Euch Erinnerung lebendig gemacht hat.
Möcht' es Euch doch gefallen, auch uns davon zu erzählen. Der Abend
ist warm und still der Ort.«
»Wohl, ich will's thun!« erwiederte Diether willfahrend. »Und wie Ihr
just mich also angetroffen habt, so soll zu Euch mein Mund sich
aufthun von dem, was Erinnerung mir gewiesen und wovon ich bis diesen
Tag geschwiegen. Kommt! und laßt uns niedersitzen, wo dort die Halle
sich um den Steinbrunnen wölbt. -- Aber ob ich's wohl werde so
kurzweilig machen, wie Heiner seine Aventiuren?« fragte er scherzend
zu Rupert gewandt, als sie sich setzten.
»Ist's eine Aventiure?«
»So mögt Ihr sie wohl heißen!«
»Dann gebt ihr einen Namen!«
»Irmela!« sagte Diether nach kurzem Bedenken, »das soll ihr Name
sein.«
Diethers Geschichte,
von ihm selbst erzählt.
* * * * *
Erstes Capitel.
Meister Ulrich.
Das war vor Zeiten, da noch Abt Albrecht den Abtstab führte, ein viel
ander Wesen allhier im Kloster, als heutzutage. Er war ein gar
gestrenger Herr und manchem Novizen vergieng das Verlangen nach St.
Bernhards weißer Kutte, weil ihm des Heiligen Regel ein allzuschweres
Joch für die Schultern däuchte, und manch' Anderen, der gern geblieben
wäre, trieb der Abt selber hinweg. »Denn«, so pflegt' er zu sagen:
»Unmüßigkeit muß auch in der Muße suchen, wer in's Kloster taugen
will.« Und so mußt' es denn zu seinen Zeiten hergehen, wie im
Bienenkorb, wo Jedes emsig am Werke schafft, das ihm angewiesen ist,
von früh bis spät, nur daß unseres Volkes Meister seine Bienen gar
selten ausfliegen ließ und wenig darnach fragte, ob sie fröhlich
summten bei der Arbeit oder nicht. Für Jeden fand er was zu thun und
wußt' ihn an seinen Ort zu stellen, und dem Zaudern oder Widersprechen
war Niemand feinder als er. Und weil er allezeit etwas betrieb, was
ihm selbst am Herzen lag, so gab's auch immer Arbeit genug für Alle.
Dazumal ward des Klosters Gebäu mit Kirche und allem so stattlich
hergestellt, wie man sich heut dessen erfreut. Aber ohne viel Seufzen
gieng's bei Denen nicht ab, die sich des Bauwesens anzunehmen hatten.
Und der Abt nahm Keinen aus, so oder so mußte Jeglicher mitschaffen.
_Impendere curam, impendere substantiam, impendere et se ipsum._
Diesen Spruch unseres Ordensheiligen legte er oft seinen Mönchen vor,
wenn er sie im Capitelsaal um sich versammelt hatte, und sorgte
weislich dafür, daß sie durch Übung solches Spruches Verstand um so
besser inne würden.
Wie er dann die Trägen, Lässigen und die seinem scharfen Regiment
abhold waren, bald herausgefunden hatte, so verhehlten auch diese
unter einander ihren Groll nicht und hießen ihn, wenn sie von ihm
sprachen, nur immer: Monoceros. Ich fragte, was solches Namens Meinung
wäre. Da erfuhr ich: Monoceros sei ein bös Thier, gar ungeschlacht,
habe ob dem Haupte ein großes Horn, gewaltiglich damit um sich zu
stoßen. Ob dieser Auskunft entsetzt' ich mich schier und sah Abt
Albrecht darauf hin recht bedenklich und bänglich an. Doch konnt' ich
mich von ihm keines Bösen gewärtigen. Denn, wiewohl ich zu der Zeit
noch gar jung war, dazu ungeschickt und muthwillig nach Knabenart, so
war doch der gefürchtete Abt voll Gütigkeit gegen mich, und sein
Angesicht, wenn's noch so strenge sah, schaute sogleich freundlich
drein, wenn ich daher kam, mich ehrbarlich neigte und ihn grüßte:
_Salve, domine!_ Ja, er trug eine sonderliche Lieb zu mir und die that
mir gar wohl; denn ich war da fast ein schmächtig und schwächlich
Bürschlein, stak noch halb in den Kinderschuhen, und des Lernens, dazu
Bruder Berthold mich anhielt, den der Abt mir zum Magister bestellt
hatte, däuchte mich oft zu viel. Schon bei den ersten Schritten auf
der Bahn des Triviums vermeint' ich, es gienge nimmer weiter mit mir
und ich könnte über all' die Blöcke und Steine, so die Grammatik mir
in den Weg warf, gar nimmer hinwegklimmen. Dennoch verfuhr der Abt
nach Lindigkeit mit mir, auch wenn Magister Berthold über seinen
uneifrigen Scholaren sich hart beklagte; ja, der sonst Monoceros war,
begütigte den unzufriedenen Lehrer von meinetwegen.
»Geduldet Euch nur, Berthold«, sagt' er wohl, »und zwinget Dietherum
nicht allzu hart! Aus dem Schwarzaug schaut kein blöder Geist; er wird
wohl noch durch gelehrte Kunst unsers Klosters Zierde, wenn ihm erst
die Flügel gewachsen sind. Noch ist er ja gar zart und muß sich erst
festigen.«
Wie nun aber etliche Jahre herumgegangen waren, da hatte das
Dietherlein sich wohl gefestigt und war kräftig in die Höh' gewachsen,
aber von den Flügeln, die sein Geist ansetzen sollte, sich in die
gelehrte Kunst zu schwingen, war leider noch gar wenig zu spüren.
Dennoch blieb mir unser gestrenger Abt noch immer zugethan. Und das
gieng so zu.
Er hatte eine sonderliche Lust an allerlei Werk und Kunst, und wie er
vormals in Welschland gewesen war und sein Auge wohl gewöhnt war zu
erkennen, was Tugend hatte und Wissenschaft, so trachtete er auch
eifrig danach, sein Kloster zu schmücken. Nun hatte er damals Meister
Ulrich von Prag herbeigerufen, der war in der Malkunst trefflich
geschickt. Welche Freude hat an ihm der Abt gehabt; wie hat er ihn
aber auch angespannt und angetrieben, zu schildern und zu schaffen in
der Kirch' und im Capitelsaal und an andern Orten, wie Ihr das Alles
nun fertig sehet. Ihm wär' es schier am liebsten gewesen, Meister
Ulrich wäre gar nimmer von seinem Gerüste herabgekommen oder hätte
zehn Hände gehabt, und in jeder einen Pinsel.
Was aber Meister Ulrich mit meinem ausbleibenden gelehrten Eifer zu
thun hatte, das war dieses. Seitdem er bei uns schuf und bildete,
trachtete ich nur danach, um ihn zu sein und ihm zuzuschauen, wenn er
am Werk war. Da verbracht' ich denn, wo er an Wand und Decke zu malen
hatte und drüben im Abthaus, wo ihm ein helles Stüblein zur Werkstatt
hergerichtet war, am liebsten meine Zeit. Mit Bewunderung sah ich ihm
zu, wie unter seiner kunstreichen Hand Christus und Unsre Frau und
Engel und Heilige, ja Gott Vater selbst sichtbar wurden, wo zuvor eine
weiße Wand oder ein leeres Blatt gewesen war. Ich hatte immer meine
Augen an Gestalt und Farbe geweidet und Blumen und Blättlein, auch den
Wiesengrund, Baum und Berg fleißig betrachtet, nicht minder den Zug
der Wolken, den Glanz des Himmels. Nun dacht' ich oft: könntest du
doch auch so nachbilden, was ringsum ist; und oft betete ich zu St.
Niclas, meinem Schutzheiligen, er möchte für mich auch solche Kunst
erbitten, wie Meister Ulrich sie verstund. Der hatte mir auch bald
abgemerkt, wonach mich's verlangte, und so sagt' er einst: »Diether,
hast Du wohl auch Lust zu solcher Kunst, sie zu erlernen?«
»Gar gerne, Meister!« antwortete ich. »Wenn Ihr mich unterweisen
wolltet, und durch St. Niclasens Hilfe!«
Da sagt' er: »St. Niclas nicht, sondern St. Lucas Evangelista ist
dieser Kunst Patron. Der mag Dir wohl günstig werden, wenn Du fromm
bist. Aber unterweisen will ich Dich gern nach allem Vermögen.«
Und von Stund an durft' ich dann bei ihm nicht mehr müßig sein,
sondern mit Stift und Kohle wies er mich an gar sorgfältig. Das
geschah heimlich, wenn Niemand bei uns war, weil wir fürchteten, der
Abt möcht's nicht gerne wollen leiden.
Aber je heimlicher, je lieber!
Manche Stunde, die ich sonst draußen vertummelt hatte, die versaß ich
jetzt bei Meister Ulrich, auch manche, die mich hätte über den Büchern
Magister Berthold's finden sollen. Der fand denn um so häufiger
Ursach', mich zu tadeln.
»Du hast einen raschen Kopf«, sagt' er zu mir, »dringest geschwind ein
in den Verstand der Sachen; aber Du bleibst nicht im rechten Geleis,
bist nicht bedachtsam und ich bring' Dich nimmer durch's Quadrivium.
Diether, Du setzest nicht Deinen ganzen Eifer in die hohe
Wissenschaft! Ich glaube, Pragensis mit seinen Schildereien hat Dir's
angethan.« Ich schwieg und trieb mein' Sach' nur um so mehr verhohlen;
aber sie blieb's nicht lange so.
Denn einmal, als Ulrich dort in der Geißelkammer die Geschichte vom
reichen Mann malte, wie er in der Flamme Pein leidet, und Lazarum
droben in Abraham's Schooß, da war ich auch bei ihm, und weil's just
die Zeit am Tage war, in der nach der Cisterzienserregel die Brüder in
ihren Zellen der Betrachtung obliegen, so waren wir im Geringsten
nicht einer Störung gewärtig. Meister Ulrich hatte mich heißen einen
leinenen Kittel überthun, wie er selbst trug, wenn er mit Farben
umgieng; und da ich so in dieser Tracht vor ihm stund, hat er lachend
zu mir gesagt: »Nun trägst Du den Rock wie Unsereiner und ich hab'
Dich für unsern Heerbann angeworben; aber dem Kriegsmann frommt die
Rüstung allein nicht, er muß auch bewehrt sein. So geb' ich denn Dir
auch unsrer Mannen Speer und Spieß und verhoffe, Deine Hand wird
solchen allezeit mit Weisheit und Verstand Gott und Seinen Heiligen
zum Ruhme, unserer Zunft zu Ehren, den Guten zur Herzfreude führen.«
Damit fuhr er mir dreimal mit einem gar langen Pinsel über Rücken und
Haupt und händigte mir dann solches Gewaffen aus. Darauf sollt' ich,
wie er sagte, sogleich mit ihm die erste Ausfahrt thun, d. i., ich
mußte zu ihm auf sein Gerüst hinauf, allda ihm am Bilde zu helfen.
Aber weil er just dabei war, der Hölle Flammen herzustellen, darin die
armen Seelen brennen, so hieß er mich rechts hintreten, wo höher oben
die Seligen schweben.
»Es möcht'«, sagt' er dabei, »eine böse Vorbedeutung geben, wenn Du
mit der preislichen Kunst an so unseligem Ort anhübest. An die
schimmernden Wölklein droben sollst Du Dich machen, aus denen die
Engel herfürlugen.«
Mir klopfte schier das Herz vor Freuden, als dräng' ich selber in den
wahrhaftigen Himmel, wie ich die Leiter noch höher hinanstieg, um nach
seiner Anweisung am gemalten mitzuhelfen. Ich war bald mit großem
Eifer in mein Thun vertieft, als plötzlich die Thür in den Angeln
knarrte und laute Schritte die steinernen Stufen herniederkamen. Ich
erschrak; denn zwischen den Brettern hindurch, auf denen meine Leiter
stund, sah ich Abt Albrecht's hohe Gestalt und Magister Berthold
hinter ihm.
»Gebt Acht«, hört' ich diesen sagen, »hier ist er und sonst nirgends.«
»Wartet nur«, rief der Abt zorneifrig, »wartet nur; ich will ihn wohl
zu Euern Büchern treiben; will er denn keine Gelahrtheit lernen, so
soll er doch lernen fleißig sein! He Diether, bist hier? Albertus
Abbas hat mit Dir zu sprechen?«
Was half's! Ich konnt' ihm doch nicht entgehen. Zudem, wenn er so
scharf sprach, war es gefährlich, ihm ungefügig zu sein. So rief ich
denn: »Ja, Ew. Gnaden!« aus meinem Himmel, aber meine Stimme klang gar
nicht wie eines Seligen.
»Um aller Heiligen willen!« sprach der Abt. »Was schafft der da
droben. Sogleich komm hernieder und hurtig!«
Aber ich konnt' nicht behender; denn mir wankten die Kniee, als ich
auf den Sprossen der Leiter ihm näher kam. So trat ich denn vor ihn im
leinenen Überkleid mit vielerlei bunten Farben geziert wie eines
Stieglitzen, den Pinsel hinter mich haltend, und, wie ich meine, mit
gar erbärmlicher Miene.
»O der Possen«, begann er zu schelten, »in meinem Kloster; o des
Müßigganges, der solche verschuldet! _Otiositas mater nugarum, noverca
virtutum!_ Mißrathener Diether, jetzt sollst Du unsre Strenge fühlen,
denn unsre Güte hast Du mit solcher Verkehrtheit gelohnt! Du
versäumest das Deine und bist eine Störung und Hinderung für Meister
Ulrich obendrein. Fortan wirst Du besser in Zucht genommen werden und
Meister Ulrich wird Dein ledig sein.«
Wie ich das vernahm, da entfiel mir mein Herz; ich konnte nichts
erwiedern; mir war's, als würd' ich aus dem Paradies verwiesen. Da
aber ist Ulrich, mein lieber Meister, mein Engel worden, nicht der mit
dem hauenden Schwerte, den Eingang zu wehren, sondern wie einer, der
die Flügel um uns breitet, zu schirmen und zu erretten. Denn er trat
herfür, wagt' es und sprach:
»Wollet verzeihen, Ew. Gnaden, aber der Diether hier ist mir nie keine
Hinderung oder Störung gewesen noch hat er hier Müßiggangs gepflogen
oder Possenspiels. In dem Anzug, der Euch so befremdet, steht er wohl
mit Fug hier; denn wer beim Malen ist, sollte dem solch Kleid nicht
ziemen? Läßt es gleich bunt und scheckig, so bezeugt's damit die
Arbeit, so drin gethan wird. Und glaubt mir, Euch und dem Kloster
macht die Kunst keine Schand', die in Diether ist. -- Seht hier!«
Damit zeigte er dem Abt etliche Zeichnungen von mir, die bei der Hand
waren. Der nahm sie mit großem Erstaunen und seine Augen glänzten, wie
er die Blätter prüfte.
»Das hat Diether gemacht; das hat Diether gemacht?« fragt' er immer
wieder.
»Ja!« sagte Ulrich, »all' das hat Diether gemacht und, ich sag' Euch,
er wird noch ganz Anderes machen Euch zum Erstaunen, wenn Ihr ihn bei
mir laßt, daß er mein Schüler sei, so lang ich hier bin.«
»So nehmt ihn, nehmt ihn immer, lieber Meister!« rief der Abt ganz
freudig. »Sünde war's, solche Gottesgabe zu unterdrücken. Diether, nun
magst Du doch noch unseres Klosters Zierde werden; halt Dich recht und
nimm Deines Meisters Lehren Dich an! Wie es forthin mit Deinen
gelehrten Studien zu halten sein wird, das wollen wir mit Magister
Berthold des Weiteren besprechen; aber nun mach' Dich wieder an Deine
Arbeit! -- Ei, Meister, Ihr habt wacker geschafft die letzten Tage.
Und wie das leuchtet und lebt!« fuhr er fort, während er wieder
hinaufstieg.
Darauf giengen sie hinweg und wie sie an der Treppe waren, hört' ich
den Abt noch sagen: »Bruder Berthold, nun wachsen ihm doch noch die
Flügel, aber andere, als wir dachten. Wir können's nicht wehren,
wollen's auch nicht. Wenn Meister Ulrich Recht hätte! Eine Zierde des
Klosters! Ich hofft' es immer!«
Als sie hinaus waren, da sagte mein Meister: »So bist Du denn,
Diether, des Malerordens heut wirklich ein Jünger worden. Gott gnade
Dir dazu und alle Heiligen. Und zum guten Anfang wollen wir heut Abend
beim Klostermeier nach Gebühr in Elsinger einen Trunk thun!«
Aber Magister Berthold bracht' es auf, daß sie mich von diesem Tage
her scherzweise nur nannten: _Pencillatus_, d. i. Pinselheld.
So war ich nun Ulrich's Schüler und blieb es, so lang er bei uns war.
Das dauerte noch ganze zwei Jahre. Da zog er von dannen nach Speyer,
wohin Bischof Gebhard ihn gerufen, allda im Dom zu malen. Sein
Abschied geschah von uns mit großen Ehren und der Abt, der sehr wohl
mit all' seinen Werken zufrieden war, lohnte ihm reichlich. Mir aber
gieng am meisten sein Scheiden nah, und als ich ihn bis zur
Klostermühle am Teich drüben geleitet hatte, mochte ich noch nicht
umkehren. Er aber sprach:
»Diether, laß genug hier sein! Gott stärk' Dich in all' Deiner Kunst,
wie Du meine Freude gewesen bist diese ganze Zeit.«
»Gott laß' Euch immer fröhlich leben!« sagt' ich.
Drauf gaben wir uns die Hände, rissen uns von einander und Keiner sah
hinter sich.
Zweites Capitel.
Ausfahrt.
Seitdem mein Meister von uns geschieden war, mochte ein Jahr vergangen
sein. Die Zeit kam heran, da ich sollte das Gelübd' ablegen für unsern
Convent. Mich bewegte das nicht sonderlich, denn ich wußt's nicht
anders von Kindesbeinen an, als daß ich ein Mönch von St. Bernards
Orden werden sollte. Mir war's weder lieb noch leid, wenigstens
glaubt' ich's so. Inzwischen hatte ich meine Kunst fleißig geübt und
mit dem Vermögen dazu war die Lust daran größer geworden. Damit mein'
ich gar nicht, daß ich immer fröhlich gewesen wäre und guter Dinge von
ihretwegen, sondern oft machte sie mir einen sorgenhaften Sinn, als
wär' ich ihrer nicht werth und wäre Gott nicht dankbar genug für ihre
Gunst, die er mir zugewandt. Dazu machte sie mir die Einsamkeit lieb,
denn ich hatte keinen Genossen bei meiner Arbeit, und so sucht' ich
denn oft allein zu sein, auch wann ich Gesellschaft hätte haben
können. Denn da konnt' ich am besten den Gedanken nachhängen, die mit
leuchtenden und glänzenden Farben und himmlischen heiligen Gestalten
in meiner Seele aufstiegen, daß ich mich von Herzen daran erlabte und
ergetzte. So war ich denn um die Zeit des Lebens, wo die Kraft und
Lust der Jugend besonders laut zu werden pflegt, vielmehr stiller und
in mich gekehrter worden, denn zuvor. Sie merkten das im Kloster und
sagten: das wäre die Melancholia. Ich lachte ganz fröhlich dazu, denn
ich wußt' es besser.
Die heiligen Ostertage waren vorüber. Mit ihnen war der erste Frühling
in's Land gekommen. Der letzte Schnee war zergangen, und in den hellen
Strahlen der Sonne lächelte die Erde, wie ein erwachendes Kind die
Mutter anlacht, das sich die Wangen roth geschlafen hat. Von den
Äckern wehte der frische Erdgeruch, die Wiesen überzogen sich mit
jungem Grün und aus den Nußbäumen drüben pfiffen Abends und Morgens
mit lustigem Gelärme die heimgekehrten Staaren. Mit einem Wort: Es war
just so, wie es alle Jahr' ist, seit der Herr zu Noah gesprochen: es
soll nicht aufhören Sommer und Winter, und hat einen Bund darüber
gemacht. Aber mir sind jene ersten Frühlingstage aus sonderlicher
Ursach in Erinnerung geblieben.
Denn an einem solchen Tage war ich mit Lust seit langer Zeit zum
ersten Male durch Feld und Wald gestreift und kam heim mit frischem
Muth, als wäre meine Brust weiter worden von der Frühlingsluft, die
sie geschöpft, und schlüge mein Herz höher darin. Und doch wollt's mir
mit dem Malen nicht vorwärts rücken, als ich mich an das Bild machte,
das ich vor hatte. Das war im Brüderchor rechts über den Gefühlen, wo
mir der Abt eine gar große Arbeit zugewiesen. Ich sollt' ihm da
schildern an der Wand den engelischen Gruß, die Anbetung der heiligen
drei Könige und die Darstellung im Tempel, wie es jetzt Alles zu sehen
ist. Dazumal war ich mit der Verkündigung, die Unserer lieben Frau
geschieht, kaum über den Anfang hinaus, und weil ich die heilige
Jungfrau recht in die Maienwonne hineinsetzen wollte, so hatt' ich
mich, wenn in den kurzen Wintertagen des Bildes Entwurf mir gar nicht
zu Gefallen gerieth, immer auf den Lenz vertröstet, der sollte Leben
schaffen draußen in der Welt und hier auf dem Bilde. Nun hatt' ich ja
seinen Gruß empfangen und griff meine Arbeit mit allem Eifer an. Aber
meine Gedanken hafteten nicht daran.
»Es hat keinen Segen heut«, sprach ich da zu mir selbst, legte den
Pinsel weg und setzte mich vor den Lettner in's Gestühl.
Ich war wohl müde vom ungewohnten Gange, den ich im Freien gethan, und
so schlief ich ein. Da träumte mir, ich wandelte durch ein lieblich
Wiesenthal, allwo die Blumen im Morgenthau glänzten, und die Bäume
rauschten über dem Bach, der hart am Wege dahinfloß. Wie ich voll
Freude fürder schritt, sah ich vor mir einen seltsamen Wandersmann des
Weges ziehen. Sein Kleid war schneeweiß, seine Gestalt hoch, und wie
golden wehte sein Gelock im Morgenwinde. Ich eilte ihm nach und bot
ihm höfischen Gruß. Jung und holdselig war das Angesicht, das er mir
zuwandte. Er dankte mir meinen Gruß gar freundlich, doch wagt' ich
nicht, weiter ihn anzureden, so hochgemuth und feierlich war seine
Miene. Er aber erkannte mein Begehren und sagte: »Ich kenne Dich wohl,
Diether, aber Dein Weggeselle kann ich nicht sein; denn ich muß meines
Herrn Gebot eilend thun.«
Da sagt' ich: »Das muß ein reicher und milder Herr sein, der solche
Boten sendet; und selig mag wohl sein, wem von Euch Botschaft wird.«
»Du findest mich auch wohl wieder«, versetzte er, »wenn Du hier auf
diesem Wege beharrst; denn das ist die Straße, die ich ziehe in
Maientagen.«
Darauf verschwand er vor meinen Augen, als flög' er hinweg, und ich
betete an zur Erde; denn ich merkte, daß es ein Engel gewesen war, der
Gott an einem seiner Heiligen dienen wollte. Ich beschloß, da zu
harren, bis er wiederkehrte, um ihn dann zu bitten, daß er mich segnen
möchte. So setzt' ich mich nieder an des Baches Rand. Aber der fieng
an zu brausen und zu wallen von den Bergen her und stieg und trieb
mich hinweg. Er ward zum reißenden Strome, drin alle Blumen ertranken,
und sein Gischt verhüllte die Sonne. Ich schrie: »Wehe!« und entlief,
denn wie verderbliche Lindwürmer drangen die Wellen hinter mir her.
Die Angst weckte mich auf. Ich war nicht mehr allein. Der Abt stund
vor mir. Ich wollt' eilig aufstehen vor ihm. Aber er hieß mich sitzen
bleiben, ließ sich neben mich in den nächsten Chorstuhl und redete
mich ganz freundlich an:
»Diether«, sprach er, »ich sehe, Dir will's nicht mehr von der Hand
gehen mit Deiner Kunst, wie bisher. Ich glaub' wohl, daß nicht
Trägheit daran Schuld ist. Denn Fleiß allein thut's nicht bei so edlem
Werk. Der Wille ist da, aber Seele und Sinn wollen nicht mit der alten
Lust dahin, und wo die nicht gefüge sind, müssen wohl auch die Hände
feiern. Denn gezwungen gedeiht solche Gotteswirkung nicht. Nun hör'
ich, merk' es auch selbst zum Theil, daß Deine vorige Munterkeit
verschwunden und Du der Einsamkeit und des Sinnirens ein Liebhaber
worden bist. Wohl ziemt sich Dir ein ernster Sinn, und heilige
Betrachtung schickt sich für Dich, da Du bald dem Convent Dich für
immer geloben sollst. Aber weil ein Jeglicher dem Orden und der Kirche
mit der Gabe dienen muß, die er von Gott empfangen hat, so müssen wir
bedacht sein, Dich in Deiner Kunst zu fördern.«
»Wohlan, Diether«, fuhr er fort, »fast ist mir's lieb, daß Du mit
Deinem Bilde da nicht weiter gekommen bist, wie ich sehe. Denn heut'
hab' ich Nachricht empfangen aus Speyer, daß dahin zum Bischof ein
sonderlich köstliches Bild aus Welschland gebracht worden ist, darauf
die gebenedeite Gottesmutter so preislich und herrlich gemalt ist, wie
man ihres Gleichen noch nicht gesehen hat in deutschen Landen. Das
wäre nun ein löblich und rühmlich Ding und eine rechte Freude für
mich, wenn wir davon ein Conterfei hätten hier bei uns. Darum hab' ich
gleich an Dich gedacht, daß Du gen Speyer ziehest mit Briefen von mir,
dort vom Bild eine Copey nehmest und dieselbe Gestalt der heiligen
Jungfrau gebest hier auf Deinem Bilde. Da wirst Du zugleich Dein Auge
an vielen andern Werken Deiner Kunst weiden können, und ich bin gewiß,
Du kommst mit erneuerter Lust und erhöhter Kraft zurück. Daß ich Dich
aber in die Welt allein hinauslasse, die Du bisher noch weiter nicht
gesehen als eine Meile um's Kloster, das zeigt Dir, ein wie groß
Vertrauen ich zu Dir trage, daß Du beständig im Herzen haben wirst,
wie Du zu Gottes und Deines Klosters Ehre diese Fahrt thust. Und
weil's Dir«, setzte er lächelnd hinzu, »mit Stift und Pinsel nicht
mehr recht vorwärts will diese letzte Zeit, so mögen Wald und Feld und
Wiese und Flur Dir vielleicht nützer sein, Dich zu unterweisen, wenn
Du ziehest, wie auch St. Bernard gesagt hat: die Bücher, aus denen er
das Beste gelernet, seien die Bäume des Waldes.«
Während er so sprach, wußt' ich selbst nicht, was ich denken sollte.
Der Traum, den ich geträumt, stund vor meiner Seele lieblich und
zugleich schrecklich, als lockt' er und drohte auch zugleich. Aus dem
Kloster in die Welt hinaus hatte ich nie ein Verlangen gehabt, auch
die letzte Zeit keine Wanderlust, wie der Abt zu denken schien. Mich
wirrte die unerwartete Aussicht. Fast hätt' ich den Abt gebeten, mich
daheim zu lassen. Aber ich schämte mich dessen, weil es feigen und
stumpfen Sinn verrathen hätte. Und so sagt' ich bloß, als er geendet:
»Hochwürdiger Vater, ich will Euch gern gehorsamen in allen Stücken.«
»Ei, Diether«, rief er und klopfte mich auf die Schulter, »das ist für
Deinen Gehorsam wohl kein zu schweres Stück, das ich Dir auflege. Ich
wüßte Manchen im Convent, der thät es übergerne an Deiner Statt.« --
Darauf gebot er mir, mich zu rüsten und nach der Vesper zu ihm zu
kommen. Da wollt' er mir Briefe und Vollmacht geben und weitere
Anweisung. »Denn morgen in der Frühe«, sagt' er, »sollst Du von
dannen, und um die Pfingstzeit bist Du wieder da durch Gottes unsers
Heilands Gnade.«
Darauf reicht' er mir die Hand und gieng.
So schritt ich denn am anderen Morgen ganz früh wegfertig über den
Klosterhof, nachdem ich Abends zuvor von Allen Abschied genommen
hatte. Aber Mancher kam mir nach, mir zur Letze nochmal die Hand zu
drücken. Am Bronnen blieb ich stehen und sagte: »Laßt mich hier noch
einmal aus diesem guten Quell, dessen Rauschen und Plätschern ich so
oft mit Freuden betrachtet, mit meinem Reisebecher schöpfen, und wer
mit mir wünscht, daß ich ihn fröhlich wieder mit Euch trinke, wenn ich
heim bin, der thue mir Bescheid!«
Da trat Rigbold heran, der Bruder Kellermeister, und sagte: »Das ist
nicht Brauch, Diether, mit Wasser sich zuzutrinken. Hier hab' ich
Besseres, Dein Glas zu füllen, Liebfrauenmilch, geschöpft zu Worms am
Rheine. Du sollst den Wein haben zur Labe auf Deiner Fahrt.« Da
schenkt' ich ein, weil sie so wollten, und auch sie thaten einen Zug
und »Gott gesegn'es!« wünschten wir einander dabei. Darnach that mir
der Pförtner auf; ich gieng über die Brücke am Thor und war im Freien.
Rüstig stieg ich den Weg hinan, der gen Mitternacht aufwärts führt. Es
war noch dunkel und dämmerte kaum. Als ich oben auf der Höh' war,
hatt' es sich genug erhellt, daß ich rings umschauen konnte. Ich
wandte mich und sah das Kloster liegen im Thal, wie ich es zu tausend
Malen von hier aus betrachtet hatte. Nun lag doch die weite Welt vor
mir, und dennoch war mir's weh um's Herz, als ob's mich zurück sehnte.
Die ersten Strahlen der Morgensonne trafen da das Kirchdach und der
Wind trug das Geläut herüber, das zur Matutine rief. Mir war's, als
kläng' es anders wie sonst, lauter, feierlicher, und als wüßten die
Glocken, daß ich hier oben stünd', und wollten mir auch einen
Gottessegen herübertönen zum Abschied. Da sprach ich das Benedictus im
Stillen mit, winkte noch einmal hinab und zog landein.
Ich schritt tapfer aus. Im ersten Dorf, durch das ich kam, zogen die
Leute eben zur Arbeit auf's Feld. »Sie haben Alle ihr besonderes
Tagewerk«, dacht' ich da, »meines ist heute das Wandern.« Mit dem
erwachten Tage wuchs auch meine Wanderlust. Ich hatte meine Freude an
Allem, was ich hört' und sah, und fühlte mich gar nicht einsam. Die
hellen Wolken, die über mir herzogen, die Finken, die von den Bäumen
am Wege, die Ammern, die aus dem Wald her riefen, die ersten Blumen am
Rain, die ich mir zum Sträußlein pflückte, boten mir Gesellschaft
genug. Der Laubwald schimmerte im ersten, jungen Grün, als hienge ein
zarter Schleier über dem Gezweig. Da hindurch spielten die
Sonnenstrahlen gar lieblich, denn es war ein heiterer, wonnesamer
Frühlingstag.
Gegen den Mittag kam ich in ein Waldgebirge, wo der Weg in Krümmungen
an der Seite der Berge sich hinzog. Unten brauste ein Wasser; aber nur
zuweilen sah ich's durch das dunkle Grün der Bäume hervorblitzen. Denn
dicht und ragend stunden die Tannen rings umher, so daß sie, wo der
Weg eng war, schier ein Dach über mich bauten mit ihren Wipfeln. Die
Sonne war im Mittag, und ich hätte hier gerne gerastet, mein Mahl zu
halten. Schon gedacht' ich, dazu niederzusitzen, als ich vor mir nicht
gar ferne Stimmen hörte. Bald darauf ward ich eines Weibes ansichtig,
das auf dem Arm ein Kindlein trug, und ein anderes führte sie an der
Hand. Das weinte sehr und wollte sich gar nicht beschwichtigen lassen.
Da eilt' ich hinzu, grüßte und fragte das Weib, aus was Ursach' das
Mägdlein weinte und ob ich ihr helfen könnte. Da sagte sie: »'S ist
mein Töchterlein, lieber Gesell, Else heißt sie und büßt jetzo ihren
Willen. Da seitwärts hinunter steht unsere Hütte, und ich gehe jetzt
hinauf dorthin, wo Ihr den Rauch aufsteigen sehet. Der kommt von einem
Meiler; da ist mein Mann, der brennt Kohlen dorten für den gnädigen
Herrn, deß wir eigen sind. Es ist ein beschwerlicher Weg dahin; aber
Else wollt' nicht daheim bleiben; sie hat müssen mitgenommen sein. Ich
hab's ihr zuvor gesagt, daß ich sie nicht tragen könnt', wenn sie müd'
würde, weil ich das Büblein da auf dem Arm hab'. -- Bist still, Kind,
sonst kommst Du nimmer mit zu Deinem Vater.« Da nahm ich die Kleine
auf meinen Arm, redete ihr freundlich zu und hatte sie bald so
zutraulich, daß sie des Weinens und aller Furcht vergaß und freundlich
mich anlachte.
»Ihr versteht's, Euch die Kinder zu befreunden«, sagte das Weib, »denn
sonst geht Elslein ihrer Mutter nicht von der Hand im Angesicht eines
Fremden. Das Kind kommt gar selten unter die Leute.«
»So gehören wir wohl zusammen, Elslein«, rief ich ganz fröhlich, »denn
auch ich bin fremder Gesellschaft ungewohnt; und daß Du mich magst,
thut mir gar wohl!«
»Ja, mit Fug«, sagte die Frau, »denn Kinderlachen bringt Glück, und so
mag Euch auch wohl gerathen, was Ihr vorhabt.«
Nicht lange waren wir unter solchen Gesprächen vorwärts geschritten,
so kamen wir an eine Rodung, wo die Meiler dampften. Kaum hatte das
Kind den Vater erschaut, so mußt ich's vom Arme lassen, und lustig
sprang es dem Köhler entgegen. Da gab's zwischen den Leuten ein
freudiges Grüßen. Sie hielten das Mahl zusammen, ich setzte mich auch
dazu und wir theilten einander mit, was wir hatten. Sie sprachen von
ihrem Heimwesen, von ihren Sorgen, denn sie waren gar arm, und von
ihren Kindern. Ich hört' ihnen stille zu, denn wir waren das Alles
fremde Dinge. Aber wie traurig auch Manches war, was sie sprachen; ich
hätte sie nicht besser trösten können, wie sie selbst einander ihre
Last erleichterten durch die Herzlichkeit ihrer Rede. Und wie, nachdem
das Gratias gesprochen war, der Mann die Kinder beide auf seine Kniee
nahm, und sie ihn liebkosten, auch das Elslein nicht von ihm ließ, so
geschwärzt und rauh er aussah, und mir öftermals zurief: »Seht, das
ist mein Vater lieb!« da wußt' ich nicht, sollt' ich den armen Mann
oder die Kinder für glücklicher halten, und zum ersten Mal in meinem
Leben fragt' ich mich, ob ich wohl auch je von Mutter oder Vater so
gekoset worden wäre oder mit ihnen gekost hätte, und ich wünschte, es
möchte geschehen sein, ob ich auch deß nicht mehr gedenken könnte, und
die Hände, die mich gestreichelt, eben so arbeitshart gewesen wären,
wie dieser Eltern ihre.
»Nehmt's nicht für ungut«, sagte der Köhler, wie er mich so schweigend
sitzen sah, »daß ich Euch versäume. Ich sehe meine Herzkinder selten,
und so denken sie, es muß so sein.«
»Gott helf Euch«, sprach ich da, »daß Ihr sie immer so in Freuden
sehet, und lasse sie Euch und Eurem Weibe zur Freude gesetzt sein all'
Euer Leben lang.« Darnach gesegnet' ich sie, denn ich wollte weiter
ziehen, und auch Elslein reichte mir ihre Hand, sagte: »Wohlauf zur
Fahrt!« und lachte mir fröhlich zu.
Oft noch beim Weitergehen sah ich zurück nach dem Weibe und dem Manne
mit den Kindern auf seinen Knieen, und wie ich sie nicht mehr
erschauen konnte, tönte doch des Mägdleins Lachen mir im Herzen nach
hell und lieblich, wie eines silbernen Glöckleins Klingen beim
heiligen Amt, und ich sagte zu mir: »Wohlan, Diether, Kinderlachen
bringt Glück!«
Das war mir einsamem Wandersmann, wie es schien, an diesem Tage nicht
beschieden. Denn gegen Abend zog ein Wetter herauf mit einem
Sturmwind, der die gewaltigen Bäume schier zu entwurzeln drohte. Der
Himmel überzog sich mit finstern Wolken und schwere Regentropfen
fielen hernieder. Ich beschleunigte meine Schritte, weil das Kloster
von Thüngen, welches unseres Ordens ist und wo ich die Nacht herbergen
wollte, nicht mehr ferne sein konnte. Aber in dem wilden Gebirg'
verlor ich den rechten Weg. Ich hatte deß eine ganze Meile gar nicht
Acht, weil ich so in Hast lief; denn ein wüst Gewitter war
losgebrochen. Die Blitze flammten durch den dunkeln Wald und die
Donnerschläge hallten brüllend von den Bergen wieder. Dazu goß der
Regen in Strömen, daß auch die Tannen mit ihrem dichten Gezweig kein
Schirmdach mehr boten und ich über und über durchnäßt war. Doch fragt'
ich wenig darnach; denn wie ich merkte, daß ich irre gegangen, das
schuf mir größere Sorge. Ich war auf einen Weg gerathen, der Anfangs
abwärts führte, aber allgemach und in gleicher Richtung wie der, auf
dem ich bisher gezogen. Dann aber lenkt' er mich steiler hinab an das
Waldwasser und an dessen Rand entlang in ein Thal, das sich in
mancherlei Biegungen immer mehr verengte. Da war meine Wanderung
beschwerlich und voll Mühsal und ich däuchte mich gar verlassen in
dieser Wildniß. Dazu des Gewitters Zorn und des Wassers Getose! »Hilf
Gott«, sprach ich, »wo soll ich rasten bei solchem Wetter in der
Einöde, wenn die Nacht kommt?« Und ich dachte an das Vespergeläut im
Kloster, das alle Abend' die Brüder in Frieden zu Ruhe und Schutz
zusammenruft.
Aber horch! war's da nicht wirklich wie ein Läuten durch den Wald?
Jetzt vernahm ich's wieder; ich täuschte mich nicht. Wie mir das
tröstlich und lockend erscholl! Ich förderte meine Schritte, und bald
öffnete sich vor mir das Thal zu einer freien Halde.
Die Berge traten zurück wie in einen Kreis, und an dem Abhang des
einen stund freundlich winkend ein Waldkirchlein, von dem das Läuten
kam. Ich fand bald den Weg, der dahin führte. Wie ich ihn
eingeschlagen hatte, ließ allgemach das Unwetter nach. Der Donner
verstummte, der Sturm legte sich und sanft fiel der Regen. Auf einem
Felsenvorsprung in halber Höhe des Bergabhanges sah ich das Kirchlein
vor mir.
Zu seinen Füßen, seitwärts des Pfades, der hinaufleitete, ward eine
Klause sichtbar, von Holz erbaut, deren niederes Dach nur wenig aus
dem Gestein hervorlugte, an das sie sich lehnte. Ein Wässerlein
plätscherte von der Höhe daran vorbei und ergoß sich in Sprüngen auf
die Waldwiese, auf die das Blockhaus niedersah. Wie ich emporklomm,
strahlte das Thürmlein der Kirche, darin die Glocke hieng, im rothen
Schein der untergehenden Sonne, und darüber hin wölbte sich gegen
Morgen schimmernd und feierlich ein Regenbogen. Ich hielt meine
Schritte an und freute mich des lieblichen Scheideblickes, mit dem der
Tag zu Ruhe gieng. Wie ich so stund, vernahm ich von der Klause her
die Klänge einer Laute und dazu die sanft schwebende Weise dieses
Liedes:
Es liegt die Welt mit ihrem Glücke,
Ein fernes Eiland, hinter mir,
Und keine Fähre, keine Brücke,
Trägt jemals mich zurück zu ihr.
Ein ander Ziel hab' ich erlesen,
Deß Bild die Seele fest umschlingt.
Wie wird mein trübes Aug' genesen,
Wenn die ersehnte Küste winkt!
Schon rauscht der Kiel, die Segel blühen,
An's Steuer denn mit fester Hand,
Laß Stürme brausen, Blitze sprühen,
Doch endlich, Herr, mich rufen: Land!
Mir klang das Lied seltsam und fremd, voll Schwermuth und Freudigkeit,
voll Sehnsucht und Zuversicht. Aber es schien mir schön zu stimmen zu
dem heiteren Abend nach all' dem Sturm und bösen Wetter, und ich
dachte: »Das kann nur das Land der zukünftigen Seligkeit, die
himmlische Heimath, sein, darnach das Lied Verlangen trägt, und es ist
wohl ein fromm Herz, welches zu solchen Gedanken erweckt wird durch
den Bogen Gottes.«
So gieng ich mit gutem Vertrauen auf die Klause zu.
Aber ich ward fast entmuthigt, als ich ihren Bewohner ersah, der
unter der offenen Thür stund. Es war ein greiser Mann von gewaltigem
Wuchs, bekleidet mit einem Mantel von grobem Zeug, den ein Strick
zusammenhielt; unten sahen die Füße bloß hervor. Sein Haupt war
mächtig und von breiter Stirn; unter den überhangenden Brauen blickten
lebhaft die blauen Augen. Die Nase war vorspringend und gebogen, der
Mund von festen entschlossenen Lippen und sein Angesicht tief
gefurcht, als stünde da manch Geheimniß früherer Jahre geschrieben.
Ich merkte wohl, wie mein Anblick ihm wenig willkommen war; denn
forschend sah er mich an und bewegte sich nicht von der Stelle.
»Ehrwürdiger«, redete ich ihn an, »ein wegmüder Wandersmann, der in
die Irre gerathen ist, spricht Euch um Obdach an für diese Nacht.
Wollet ihm solche Bitte um Gottes Lohn nicht versagen!«
»Das da droben«, antwortete er, »ist St. Wigbert's Kirchlein, und die
ihm da in Andacht dienen wollen, denen helf' ich dazu und geleite sie.
Aber zu herbergen ist meines Amtes und meiner Neigung nicht.«
»So verdienet an mir«, sprach ich, »St. Wigbert's Fürsprach, in dessen
Bann und Schutz ich ohne meinen Willen geführt worden bin durch des
reichen Gottes Güte.«
»Du redest wie ein Pfaff«, sagt' er darauf, »und nach Deinem Kleid
möcht' man Dich für einen Mönch halten; aber Dein Haar fällt Dir lang
auf die Schultern, und Dein Auge blickt frei umher, als wär's nicht
eben gewohnt, sich demüthig zu senken. Die falsche Welt liebt sich
Gevögel mit allerlei Federn, auch wohl mit falschen, und sie ist weit
genug dazu.«
Da sagt' ich: »Ihr vertraut mir nun viel oder wenig, so will ich Euch
doch treulich berichten, wie es um meinen Weg steht, den ich ziehe«,
und so erzählt' ich ihm, von wannen ich käme und wozu der Abt mich
ausgesandt hätte.
»Dein Abt ist ein Narr«, rief er mir da zu, »Dich so jung und
unbehütet um solches Tandes willen aus dem Kloster zu stoßen, kurz ehe
Du gemöncht werden sollst, und weiß nicht, was er thut. Dort die
Stufen hinan ist eine Kluft, wohlverwahrt, und reichlich Moos zum
Lager darin, wo die Pilger zu rasten pflegen nach der Wallfahrt. Da
lagere Dich. Denn in meiner Zelle geht's nicht an, ich habe mir jede
Gesellschaft widersagt für immer. Sogleich komm' ich nach.«
»Daß Ihr meinen Abt scheltet und meine Kunst verachtet, das thut Ihr
ohne meinen Dank,« antwortet' ich gekränkt. »Aber ich bin müde und
will die Ruhe suchen, die Ihr mir erbietet.«
Darauf wandt' ich mich, zu gehen. Doch er kam mir nach und ergriff
meine Hand, indem er sagte: »Nu, nu, Junker Hochgemuth! Deine Kunst
bleibt unverachtet. Komm denn hinein zu mir, bist ja ganz kläglich
zugerichtet vom Wetter. Aber Dein Abt ist ein Narr! -- ich sag's,
Brun, St. Wigbert's Meßknecht und Einsiedel.«
Mir fiel es auf, als ich an seiner Seite gieng und er so redete, wie
freundlich der Klang seiner Stimme ward und wie mild sein Angesicht
drein sah gegen vorhin.
Der Raum seiner Klause, in die wir traten, war niedrig und eng. Sie
hatte außer der Thüre nur eine kleine Fensteröffnung zu Luft und
Licht. Schmucklos waren die Wände aus rohen Balken aufgerichtet: nur
über der Thür ein Crucifix und zwischen ihr und dem Fenster, das in
der schmalen Seitenwand angebracht war, unter einem hölzernen
Überdach das geschnitzte Bild unserer lieben Frau mit dem Schwert im
Herzen. Vor demselben stund ein eichener Tisch, kunstlos zugehauen und
ein Baumstumpf als Sitzschemel. Die dem Eingang gegenüberliegende Wand
der Hütte ward vom Gestein gebildet, das senkrecht abfiel. Darin war
eine Höhlung zu sehen, die zum Herde diente mit einem Sims, darauf
weniges Kochgeräth stand. Unten davor lag Holz bereit. Die Hälfte aber
dieser Felsenwand wich zurück zu einer Nische, die ganz schicklich als
eine Kemenate zur Lagerstatt gelten konnte. Sie verengte sich nach
hinten und schien tief in das Gestein hineinzudringen. So leicht das
Alles zu übersehen war, so konnt' ich's doch nur mit Mühe wahrnehmen;
denn das Abendroth, welches zum Fenster hineinblickte, war im
Versinken, und der Raum fast dunkel.
Aber bald lenkte mein Wirth mein ganzes Aufmerken auf sich und sein
Thun. Er tummelte sich geschäftig wie ein Schaffner für mich, und je
rauher zuweilen seine Rede war, um so sorgsamer mühte er sich.
»Setz' Dich da, Meister Irregang«, sagte er halb spottend, halb
ernstlich, indem er in die glimmenden Herdkohlen blies und dürres
Reisig darüber legte, »setz' Dich da auf den Klotz, der mir Bank,
Stuhl und Schemel zugleich ist. Weiß nicht, welches Sitzes Du in
Deinem Convent gewohnt bist; hätt'st Dir wohl einen weicheren gegönnt
zur Rast. -- Doch nein!« fuhr er nach kurzer Weile fort, als das helle
Feuer knisternd zu flackern anhub, »nein, junges Blut! rück' hier
heran an die Herdwärme. Denn es läßt, als ob Dich's fröre. -- Heilige
Mutter Gottes, wie bist Du durchnäßt! Hab's gar nicht so bemerkt,
welche Unbilden Dir zartem Knaben das Unwetter gethan hat. Wart', wie
Brun Dein pflegen wird.«
Damit gieng er nach hinten und brachte mir von dort trockne Kleider.
Er war mir selbst behilflich, mein naß Zeug abzuziehen, hängt' es
seitwärts gegen den Herd, half mir in's trockene Gewand und breitete
mir möglichst nah dem Herde, von Moos und mit Hilfe von wollenen
Decken, die er hervorholte, in der Nische, wo er seine Lagerstatt
hatte, ein Pfühl, darauf ich meine ermatteten Glieder gar gemächlich
ausstrecken konnte.
Ich dankt' ihm für all' seine Lieb'; ich fühlte, wie wohl sie mir
that. »Ja,« sagte er, indem er mir mit Wein, den er vorgelangt hatte,
meine brennenden Füße wusch, »das glaub' ich gern, daß dem Täublein
nun sanfter ist; mit all' seiner Kunst und des Abts Vollmachten dazu
sollt' es sich wohl wenig trösten, wenn jetzt Brun nicht hinausgelangt
und's in seine Arche genommen hätte.«
Daß er sich mit dem Erzvater Noah verglich, machte mich lachen; aber
es gieng mir nicht von Herzen. Vielmehr fühlt' ich, wie ich roth ward,
weil seine Rede mich an die ungefüge Antwort erinnerte, mit der ich
ihm draußen begegnet war. Sie that mir leid und ich sagt' ihm das.
»Wie heißest Du?« fragt' er mich drauf und hängte den Kessel über dem
Herdfeuer ein.
»Diether, ehrwürdiger Vater.«
»Wohlan, Diether, darum mach' Dir keine Sorgen. Aber von Deinem Abt
und Deiner Fahrt wollen wir hernach reden; da will ich auch an Dich
eine Frage thun. Jetzo merk' nur dies, daß ich Brun heiße, und so
magst Du mich nennen. Das ist genug. Und nun gedenke des Mahles, denn
es ist bereit.«
Drauf legt' er mir vor, was er hatte, Brot und Käs und von dem Brei,
den er gekocht hatte, und ein wenig Wein. Während ich aß und trank,
durft' ich nicht sprechen, denn er hatte mir _Silentium_ auferlegt mit
strenger Miene, als wären wir im Refectorium. Mir war sein Gebot ganz
recht, und mit Lust und Eifer that ich der Mahlzeit Bescheid. Er sah
mir freundlich und ermunternd zu und bedachte dabei das Feuer, das,
den ganzen Raum angenehm erhellend und erwärmend, den felsigten Kamin
hinaufschlug und den Schatten seiner Gestalt in wunderlichem Wechsel
an die Wand malte.
Als ich vollendet hatte, hieß er mich wieder meine vorige Lagerstätte
einnehmen, that die Zurüstung des Mahles beiseit und setzte sich mir
gegenüber an den Herd.
»Diether«, sagt' er da, »warum kam Dir vorhin das Lachen an?«
Ich ward ob der Frage verlegen, und zögernd erwiederte ich: »Wenn Ihr
die Wahrheit zu wissen begehrt, ehrwürdiger Vater« --
»Brun heiß ich,« unterbrach er mich ungeduldig.
»Wenn Ihr die Wahrheit zu wissen begehrt, Brun: es geschah, weil Ihr
Eure Klause hier der Arche Noä verglicht und mich mit dem Täublein,
das der Erzvater hineinnahm.«
»Und warum that denn dem Thierlein der Einlaß in den Kasten noth?«
fragt' er eindringlich.
»Weil draußen die Wasser der Sintfluth allum es bedrohten«, gab ich
zur Antwort.