ausgestiegen und steht am Kutschenschlage, von einer Gruppe Beamten
verhört. Sie gehen langsam um den Wagen herum und steigen gemächlich
auf denselben hinauf, um zu sehen was für Gepäck auf dem Dache liegt.
Das Landvolk steht umher, drängt sich an die Kutschenthüren und stiert
neugierig hinein; ein kleines Kind, auf dem Arme seiner Mutter,
streckt, von dieser angeleitet, seine Aermchen aus, damit es das Weib
eines Aristokraten berühre, der unter der Guillotine gestorben ist.
„Hier sind Eure Papiere, Jarvis Lorry.“
„Kann man abreisen, Bürger?“
„Man kann abreisen. Vorwärts Postillon! Glückliche Reise!“
„Lebt wohl, Bürger. -- Und die erste Gefahr wäre hinter uns!“
Das sind wieder die Worte Jarvis Lorry’s, wie er die Hände faltet und
zum Himmel blickt. Es ist Angst im Wagen und Weinen und das schwere
Athmen der bewußtlosen Reisenden.
„Fahren wir nicht zu langsam? Können wir sie nicht bewegen schneller zu
fahren?“ fragte Lucie angstvoll den Alten.
„Das würde zu sehr wie Flucht aussehen. Wir dürfen sie nicht zu sehr
treiben; es würde Verdacht erwecken.“
„Sehen sie sich um, ob wir verfolgt werden.“
„Die Straße ist frei, liebe Lucie. Bis jetzt werden wir nicht
verfolgt.“
Häuser zu zweien oder dreien, einsame Pachthöfe, verfallene Gebäude,
Färbereien, Gerbereien und ähnliches offenes Land, Alleen von laublosen
Bäumen, ziehen an uns vorbei. Das harte holprige Pflaster ist unter
uns, der weiche tiefe Schlamm zu beiden Seiten. Manchmal lenken wir in
den Schlamm hinüber, um von den Steinen weg zu kommen, die uns bis auf
die Knochen schütteln, und manchmal bleiben wir dort in tiefen Gleisen
und Löchern stecken. Die Qual unserer Ungeduld ist dann so groß, daß
wir in unserer verstörten Angst und Eile lieber aussteigen und laufen
oder uns verstecken möchten -- Alles, nur nicht Halt machen.
Hinter uns wieder offenes Land, ringsum wieder verfallene Gebäude,
einsame Pachthöfe, Färbereien, Gerbereien und ähnliches, Häuser in
Gruppen von zwei oder drei, Alleen von laublosen Bäumen. Haben diese
Leute uns hintergangen und fahren sie uns auf einem andern Wege zurück?
Ist das nicht derselbe Ort, den wir schon einmal sahen? Gott sei Dank,
nein. Ein Dorf. „Sehen Sie sich um, sehen Sie sich um ob wir verfolgt
werden! Still! das Posthaus.“
In Muße werden die vier Pferde ausgespannt; in Muße bleibt die
Kutsche auf der kleinen Straße stehen ohne Pferde und ohne alle
Wahrscheinlichkeit, daß sie jemals wieder in Bewegung kommen werde; in
Muße werden die neuen Pferde einzeln sichtbar; in Muße kommen auch die
neuen Postillone und binden langsam neue Knoten in ihre Peitschen; in
Muße zählen die alten Postillone ihr Geld, verrechnen sich und sind
unzufrieden mit dem Resultat. Während der ganzen Zeit schlagen unsere
übervollen Herzen mit einer Schnelligkeit, welche den schnellsten Lauf
des schnellsten Pferdes, das jemals geboren worden, übertreffen würde.
Endlich sitzen die neuen Postillone im Sattel und die alten sind hinter
uns. Wir sind durch das Dorf, den Berg hinauf, wieder hinab und fahren
durch die feuchte Niederung. Plötzlich fangen die Postillone an mit
lebhaften Geberden miteinander zu reden und die Pferde werden heftig
angehalten. Wir werden verfolgt!
„He da! im Wagen drinnen, he da!“
„Was giebts?“ fragte Mr. Lorry zum Fenster heraus.
„Wie viele, sagten sie?“
„Ich verstehe Euch nicht -- auf der letzten Post.“
„Wie viele heute unter der Guillotine?“
„Zweiundfünfzig.“
„Ich sagte es ja! eine schöne Zahl! mein Mitbürger hier, wollte blos
von Zweiundvierzig wissen; zehn Köpfe mehr sind schon des Habens werth.
Die Guillotine arbeitet schön. Ich liebe sie. Vorwärts. Vorwärts!“
Die Nacht breitete ihre dunkeln Schleier aus. Er bewegt sich wieder;
er fängt an lebendig zu werden und verständlich zu sprechen; er findet
sich wieder unter den Seinen; er fragt ihn bei seinem Namen, was er
in der Hand hat. O, hab’ Erbarmen, gnädiger Himmel und hilf uns! Seht
hinaus, seht hinaus, ob wir nicht verfolgt werden.
Der Wind fährt hinter uns her, und die Wolken fliegen uns nach, und der
Mond schwimmt hinter uns her, und die ganze stürmische Nacht scheint
uns zu verfolgen; aber soweit werden wir von nichts Anderem verfolgt.
Vierzehntes Kapitel.
Ausgestrickt.
Zu derselben Zeit, wo die Zweiundfünfzig ihr Schicksal erwarteten,
hielt Madame Defarge eine heimliche, nichts Gutes bedeutende Berathung
mit dem Racheengel und Jaques Drei von der revolutionären Jury. Nicht
im Weinschank berieth sich Madame Defarge mit diesen Ministern, sondern
unter dem Schuppen des Holzhackers, der früher Straßenarbeiter gewesen
war. Der Holzhacker selbst nahm nicht an der Conferenz Theil, sondern
hielt sich in einiger Entfernung, wie ein fern stehender Trabant, der
nicht sprechen oder seine Meinung sagen darf, ehe man ihn auffordert.
„Aber unser Defarge ist jedenfalls ein guter Republikaner?“ sagte
Jaques Drei, „nicht wahr?“
„Es giebt keinen besseren in Frankreich,“ betheuerte der zungenfertige
Racheengel mit schriller Stimme.
„Still, Racheengel,“ sagte Madame Defarge, indem sie mit leichtem
Stirnrunzeln ihre Hand der Sprechenden auf den Mund legte. „Laß mich
sprechen. Mein Mann, Mitbürger, ist ein guter Republikaner und ein
Mann voll Muth; er hat sich um die Republik wohl verdient gemacht und
besitzt ihr Vertrauen. Aber mein Mann hat seine Schwächen, und er ist
schwach genug, mit diesem Doctor Mitleid zu fühlen.“
„Es ist sehr schade,“ krächzte Jaques Drei, indem er zweifelnd den Kopf
schüttelte und mit seinen grausamen Fingern an seinem hungrigen Munde
spielte; „es ist nicht ganz wie ein guter Bürger; es ist zu beklagen.“
„Seht,“ sagte Madame, „mir ist dieser Doctor gleichgültig. Er mag
seinen Kopf behalten oder verlieren, ich kümmere mich nicht darum; mir
ist es einerlei. Aber die Evrémondes müssen alle ausgerottet werden und
das Weib und das Kind müssen dem Gatten und Vater folgen.“
„Sie hat einen schönen Kopf dazu,“ krächzte Jaques Drei. „Ich habe
blaue Augen und goldenes Haar dort gesehen und sie sahen reizend aus
als Sanson sie in die Höhe hielt.“ Der blutgierige Wüthrich sprach wie
ein Epikuräer.
Madame Defarge schlug die Augen nieder und dachte ein Wenig nach.
„Auch das Kind,“ bemerkte Jaques Drei mit nachdenklichem Genießen
seiner Worte, „hat goldenes Haar und blaue Augen. Und wir haben selten
ein Kind dort. Es ist ein hübscher Anblick!“
„Mit einem Worte,“ sagte Madame Defarge wieder aufblickend, „ich
kann meinem Manne in dieser Sache nicht trauen. Ich fühle nicht nur
seit letzter Nacht, daß ich ihm die Einzelheiten meiner Pläne nicht
mittheilen darf, sondern ich fühle auch, daß bei längerem Warten
Gefahr vorhanden ist, daß er sie warnt und daß sie entfliehen.“
„Das darf nicht sein,“ sagte Jaques Drei; „Niemand darf davon kommen.
Wir haben noch nicht halb genug wie es jetzt geht. Wir sollten jeden
Tag Hundertzwanzig haben.“
„Mit einem Wort“ fuhr Madame Defarge fort, „mein Mann hat nicht meinen
Grund diese Familie bis zur Ausrottung zu verfolgen, und ich habe nicht
seinen Grund mit diesem Doctor Mitleid zu fühlen. Ich muß daher für
mich handeln. Kommt her, kleiner Bürger.“
Der Holzhacker, der sie mit dem Respect und der Unterwürfigkeit
tödtlicher Furcht betrachtete, trat, mit der Hand an seiner rothen
Mütze, heran.
„Was diese Signale betrifft, kleiner Bürger,“ sagte Madame Defarge mit
Strenge, „die sie mit dem Gefangenen gewechselt hat; seid Ihr bereit
heute noch als Zeuge dafür aufzutreten?“
„Ja, ja, warum nicht!“ erklärte der Holzhacker. „Alle Tage, in jedem
Wetter von Zwei bis Vier, immer signalisirend, manchmal mit der
Kleinen, manchmal ohne dieselbe. Ich weiß, was ich weiß, mit meinen
Augen habe ich es gesehen.“
Während er sprach, machte er allerlei Geberden, wie in zufälliger
Nachahmung einiger wenigen von den vielen Signalen, die er nie gesehen
hatte.
„Offenbar Complot,“ sagte Jaques Drei. „Nicht zu bezweifeln!“
„Sind die Geschwornen sicher?“ fragte Madame Defarge, und sah ihn mit
einem düstern Lächeln an.
„Verlaßt Euch auf die patriotischen Geschworenen, Bürgerin. Ich stehe
für meine Mitgeschworenen.“
„Jetzt laßt uns noch einmal sehen,“ sagte Madame Defarge überlegend.
„Kann ich diesen Doctor für meinen Mann entbehren? Ich habe Nichts für
und Nichts gegen ihn. Kann ich ihn entbehren?“
„Er würde als ein Kopf zählen,“ bemerkte Jaques Drei mit gedämpfter
Stimme. „Wir haben wirklich nicht Köpfe genug; es wäre schade, sollte
ich meinen.“
„Er wechselte mit ihr Signale, als ich sie sah,“ erwiederte Madame
Defarge; „ich kann von den Einen nicht sprechen, ohne den Anderen zu
erwähnen; und ich darf nicht stumm sein und die ganze Sache diesem
kleinen Bürger hier überlassen. Denn ich bin kein schlechter Zeuge.“
Der Racheengel und Jaques Drei wetteiferten mit einander in
leidenschaftlichen Betheuerungen, daß sie die vortrefflichste und
bewunderungswürdigste aller Zeuginnen sei. Um nicht zurückzubleiben,
nannte sie der kleine Bürger „eine himmlische Zeugin.“
„Er muß sehen wie er fährt,“ sagte Madame Defarge. „Nein; ich kann ihn
nicht entbehren! Ihr seid beschäftigt um drei Uhr; Ihr geht zu der
Hinrichtung. -- Ihr?“
Diese letzte Frage galt dem Holzhacker, der hastig mit Ja antwortete
und die Gelegenheit ergriff um hinzuzusetzen, daß er der eifrigste
aller Republikaner sei und der unglücklichste aller Republikaner
sein würde, wenn ihm Jemand den Genuß raubte, seine Nachmittagspfeife
zu rauchen, und dabei dem drolligen Nationalbarbier zuzusehen. Er
betheuerte Dies mit soviel Nachdruck, daß man ihn in Verdacht hätte
haben können, (und vielleicht hatten ihn auch die schwarzen Augen der
Madame Defarge, die verächtlich auf ihn herabsah, in diesem Verdachte)
er hege jede Stunde des Tages seine kleinen besonderen Befürchtungen
für seine persönliche Sicherheit.
„Ich muß auch hin,“ sagte Madame. „Nachdem es vorbei ist -- sagen wir
um 8 Uhr Abends -- kommt ihr zu mir nach St. Antoine, und wir reichen
dann die Anzeige gegen diese Leute bei meiner Section ein.“
Der Holzhacker sagte, er werde sich stolz und geschmeichelt fühlen,
der Bürgerin Befehl auszuführen. Die Bürgerin blickte ihn an, er wurde
verlegen, wich ihrem Blicke aus, wie es ein Hündchen gethan haben
würde, zog sich unter sein Holz zurück und versteckte seine Verwirrung
hinter dem Griffe seiner Säge.
Madame Defarge winkte dem Geschwornen und dem Racheengel etwas näher
an die Thür zu kommen, und setzte ihnen dort ihre weiteren Pläne mit
folgenden Worten auseinander:
„Sie wird jetzt zu Hause sein und den Augenblick seines Todes erwarten.
Sie wird trauern und weinen. Sie wird in einem Gemüthszustande sein,
die Gerechtigkeit der Republik in Zweifel zu ziehen. Sie wird voller
Sympathien für ihre Familie sein. Ich werde zu ihr gehen.“
„Welch bewundernswerthes Weib, welch anbetungswürdiges Weib!“ rief
Jaques Drei entzückt aus. „Ach Herz meines Herzens!“ rief der
Racheengel und umarmte sie.
„Nimm Du mein Strickzeug,“ sagte Madame Defarge und legte es in die
Hände ihrer Adjutantin, „und halte es für mich bereit auf meinem
gewöhnlichen Platze. Sorge für meinen gewöhnlichen Stuhl. Geh geraden
Weges hin, denn es wird wahrscheinlich heute größerer Zulauf sein, als
gewöhnlich.“
„Ich führe mit Freuden die Befehle meiner Vorgesetzten aus,“ erwiederte
der Racheengel und küßte sie auf die Wange. „Du wirst nicht zu spät
kommen?“
„Ich werde vor dem Anfange dort sein.“
„Und ehe die Wagen ankommen. Sorge ja dafür, mein Herz, daß Du da bist
ehe die Wagen ankommen!“ rief ihr der Racheengel nach; denn sie war
schon auf der Straße draußen.
Madame Defarge winkte mit der Hand zum Zeichen, daß sie verstanden
hatte und sicher zur rechten Zeit da sein werde, und ging dann die
schmutzige Straße entlang und um die Ecke der Gefängnißmauer. Der
Racheengel und der Geschworene sahen ihr nach, voll von stillem
Lobe ihrer schönen Gestalt und ihrer ausgezeichneten sittlichen
Eigenschaften.
Es gab damals viele Frauen, auf welche die Zeit ihre entsetzlich
entstellende Hand legte; aber es war vor allen keine mehr zu fürchten,
als diese erbarmungslose Frau, welche jetzt durch die Straßen ging.
Von starkem und furchtlosem Charakter, scharfem und raschem Verstande,
großer Entschlossenheit, ausgestattet mit jener Schönheit, die nicht
nur ihrer Besitzerin Festigkeit und Unversöhnlichkeit einzuflößen
schien, sondern auch andere zu einer instinktmäßigen Anerkennung
dieser Eigenschaften brachte, war sie ein Charakter, wie er in dieser
wilden Zeit unter allen Verhältnissen zur Geltung kommen mußte. Aber
von Kindheit an über dem bitteren Gefühl erlittenen Unrechts brütend
und erfüllt von unversöhnlichem Haß gegen Eine Klasse, war sie durch
die Gelegenheit der Zeit zu einer Tigerin geworden. Sie war ohne alles
Mitleid. Wenn sie jemals diese Tugend besessen hatte, so war sie ganz
aus ihr verschwunden.
Es war ihr Nichts, daß ein Unschuldiger für die Sünden seiner Väter
sterben sollte; sie sah nicht ihn, sondern sie. Es war ihr Nichts, daß
seine Gattin eine Wittwe und seine Tochter eine Waise wurde; das war
unzureichende Strafe, weil sie ihre natürlichen Feinde und ihre Beute
waren und als solche kein Recht hatten zu leben. Ganz hoffnungslos
war es, sie zu erweichen, weil sie kein Mitleid kannte, nicht einmal
mit sich selbst. Wenn sie in einem der vielen Tumulte, an denen sie
betheiligt gewesen, auf der Straße erschlagen worden wäre, so hätte sie
sich gewiß nicht bemitleidet; ja, wenn man sie morgen zur Guillotine
verurtheilt hätte, so wäre sie mit keinem sanfteren Gefühle zum Tode
gegangen, als einem grausamen Wunsche mit dem, der sie in den Tod
schickte, den Platz zu tauschen.
Ein solches Herz trug Madame Defarge unter ihrem groben Kleide. So
sorglos es angelegt war, stand ihr das Kleid doch in einer gewissen
unheimlichen Weise und ihr dunkles Haar sah schön aus unter der
groben, rothen Mütze. In ihrem Busen versteckt war ein geladenes
Pistol. In ihrem Gürtel versteckt befand sich ein scharfes Messer.
So angethan und mit der Zuversicht eines solchen Charakters und der
geschmeidigen Sicherheit einer Frau einherschreitend, die in ihrer
Kindheit gewohnt gewesen, barfuß und barbeinig über den feuchten
Meeresstrand zu gehen, suchte Madame Defarge ihren Weg durch die
Straßen.
Als man vorige Nacht den Plan der Abreise der Kutsche ausgesonnen,
die in diesem Augenblicke gerade die Vervollständigung ihrer Ladung
erwartete, hatte die Schwierigkeit, Miß Proß mit darin aufzunehmen, Mr.
Lorry viel Kopfzerbrechen verursacht. Es war nicht blos wünschenswerth,
die Kutsche nicht so schwer zu belasten, sondern auch von der höchsten
Wichtigkeit, die von dem Durchsuchen und dem Verhör der Reisenden
beanspruchte Zeit bis auf das Aeußerste zu beschränken, da ihre
Rettung von der Ersparniß weniger Sekunden an diesem und jenem Orte
abhängen konnte. Zuletzt schlug er, nach sorgfältiger Erwägung, vor,
daß Miß Proß und Jerry, welche die Stadt zu allen Zeiten verlassen
konnten, um drei Uhr in dem leichtesten der damals üblichen Fuhrwerke
abreisen sollten. Nicht belästigt mit Gepäck, konnten sie die Kutsche
bald einholen, dann vorausfahren und auf den Stationen im Voraus
Pferde bestellen. So waren sie im Stande die Reise während der
kostbaren Nachtstunden, wo Verzug am Gefährlichsten war, erheblich zu
beschleunigen.
Da Miß Proß in dieser Anordnung die Hoffnung sah, in dieser drängenden
Noth wirkliche Dienste zu leisten, begrüßte sie dieselbe mit Freuden.
Sie und Jerry hatten die Kutsche abfahren sehen, hatten gewußt wer
es war, den Salomo brachte, hatten zehn Minuten in allen Qualen der
Spannung verlebt, und beendigten nun ihre Vorbereitungen um der Kutsche
zu folgen, während Madame Defarge, immer noch durch die Straßen
wandelnd, der im übrigen verlassenen Wohnung, wo sie jetzt zu Rathe
gingen, immer näher kam.
„Nun, was meinen Sie, Mr. Cruncher,“ fragte Miß Proß, deren Aufregung
so arg war, daß sie kaum sprechen oder stehen konnte, „was meinen
Sie dazu, wenn wir nicht von hier abfahren? Daß heute hier schon ein
anderer Wagen weggefahren ist, könnte Verdacht erwecken.“
„Meine Meinung, Miß, ist, daß Sie Recht haben,“ antwortete Mr.
Cruncher. „Und auch, daß ich zu ihnen halten will, im Recht oder im
Unrecht.“
„Furcht und Hoffnung für unsere liebe Herrschaft lassen mich so wenig
zum Bewußtsein kommen,“ fuhr Miß Proß mit hellen Thränen fort, „daß ich
außer Stande bin einen Plan zu fassen. Können Sie einen Plan fassen,
mein guter Mr. Cruncher?“
„Was meine zukünftige Lebensweise betrifft, Miß,“ entgegnete Mr.
Cruncher, „so hoffe ich es. Was den gegenwärtigen Gebrauch dieses
meines alten Kopfes betrifft, so glaube ich nicht. Wollen Sie mir den
Gefallen thun, Miß, sich zwei Versprechen und Gelübde zu merken, die
ich in dieser jetzigen Krisis machen möchte?“
„Ach, um des Himmels Willen,“ rief Miß Proß immer noch laut weinend,
„nur gleich heraus mit der Sprache, damit wir mit ihnen fertig werden.“
„Erstlich,“ sagte Mr. Cruncher, der am ganzen Leibe zitterte und mit
leichenblassem und feierlichem Gesicht sprach, „wenn unsere arme, gute
Herrschaft glücklich heraus ist, will ich es nie wieder thun, nie, nie
wieder thun!“
„Ich bin fest überzeugt, Mr. Cruncher,“ entgegnete Miß Proß, „daß Sie
es nie wieder thun werden, was es auch sein mag, und ich bitte Sie, es
nicht für nothwendig zu halten näher darauf einzugehen, was es ist.“
„Nein, Miß,“ gab Jerry zurück, „Sie sollen weiter Nichts davon hören.
Zweitens, wenn meine gute arme Herrschaft glücklich herausgekommen ist,
so will ich gar nie mehr Etwas gegen Mrs. Crunchers Rutschen sagen,
nie, nie wieder!“
„Was das immer für eine Wirthschaftseinrichtung sein mag,“ sagte Miß
Proß, indem sie versuchte sich zu fassen, „so bezweifle ich nicht, daß
es das Beste ist, Sie überlassen es ganz und gar Mrs. Crunchers eignem
Belieben -- ach meine gute Herrschaft!“
„Ich gehe soweit zu sagen,“ fuhr Mr. Cruncher mit einer beunruhigenden
Neigung, wie von einer Kanzel herunter zu predigen, fort -- „und merken
Sie sich meine Worte und überbringen Sie dieselben der Mrs. Cruncher
-- ich gehe sogar soweit, zu sagen, daß meine Meinung von dem Rutschen
sich verändert hat, und daß ich nur von ganzem Herzen hoffe, Mrs.
Cruncher rutschte zur gegenwärtigen Zeit.“
„Gewiß, gewiß! ich hoffe sie thut es, mein Guter,“ rief Miß Proß ganz
außer sich, „und ich hoffe, es entspricht allen ihren Erwartungen.“
„Verhüte der Himmel“ fuhr Mr. Cruncher mit vermehrter Feierlichkeit
und Langsamkeit und verstärkter Neigung zu predigen fort, „verhüte
der Himmel, daß Etwas, was ich jemals gesagt oder gethan habe, den
angelegentlichen Wünschen entgolten wird, die ich jetzt für meine
gute Herrschaft habe! Verhüte es der Himmel, wenn wir auch nicht alle
rutschen, um sie aus dieser schrecklichen Gefahr zu retten! Verhüte es
der Himmel, Miß! Verhüte es der Himmel!“ Das war Mr. Crunchers Schluß,
nachdem er sich vergeblich einige Zeit besonnen hatte, einen bessern zu
finden.
Und immer noch kam Madame Defarge, ihr Ziel durch die Straßen
verfolgend, näher und näher.
„Wenn wir jemals in unsere Heimath zurückkehren,“ sagte Miß Proß,
„so können Sie sich darauf verlassen, daß ich Mrs. Cruncher alles
mittheile, was ich von dem, was Sie so eindringlich gesagt haben, mir
erinnern kann und verstanden habe; und jedenfalls können Sie überzeugt
sein, daß ich bezeuge, wie ernstlich Sie es in dieser schrecklichen
Zeit gemeint haben. Aber jetzt lassen Sie uns überlegen! Mein
geschätzter Mr. Cruncher, lassen Sie uns überlegen!“
Und immer noch kam Madame Defarge, ihr Ziel durch die Straßen
verfolgend, näher und näher.
„Wenn Sie vorausgingen,“ sagte Miß Proß, „und ließen die Pferde und den
Wagen nicht hierher kommen, sondern wo anders auf mich warten, wäre Das
nicht das Beste?“
Mr. Cruncher meinte, es könne das Beste sein.
„Wo könnten Sie auf mich warten?“ fragte Miß Proß.
Mr. Cruncher war so verwirrt, daß er auf keine andere Oertlichkeit
kommen konnte, als auf das Temple-Thor. Ach, Temple-Thor war 100 Meilen
weit und Madame Defarge war schon sehr nahe.
„An der Thür der großen Kirche,“ sagte Miß Proß. „Wäre es viel aus
dem Wege, wenn ich an der Thür der großen Kirche, zwischen den beiden
Thürmen, einstiege?“
„Nein, Miß“, gab Mr. Cruncher zur Antwort.
„Dann seien Sie ein guter Mensch“ erwiederte Miß Proß, „und gehen
geraden Weges nach dem Posthaus und bestellen es so.“
„Ich möchte Sie nicht gerne verlassen, sehen Sie,“ sagte Mr. Cruncher
zögernd und den Kopf schüttelnd. „Man weiß nicht, was geschehen kann.“
„Der Himmel weiß, daß wir es nicht wissen,“ entgegnete Miß Proß,
„aber haben Sie meinetwegen keine Furcht. Warten Sie auf mich an der
großen Kirche um 3 Uhr und es ist jedenfalls besser, als wenn wir hier
einsteigen. Ich bin fest überzeugt davon. Der Himmel segne Sie, Mr.
Cruncher! Denken Sie nicht an mich, sondern an die Menschenleben, die
von uns beiden abhängen können!“
Dieser Schluß und daß Miß Proß ihm beide Hände in schmerzlichsten
Flehen entgegenstreckte, entschied Mr. Cruncher. Mit einem
ermuthigendem Kopfnicken ging er auf der Stelle fort um den Wagen
an den bezeichneten Ort zu bestellen, und überließ es ihr auf die
verabredete Weise zu folgen.
Eine Vorsichtsmaßregel vorgeschlagen zu haben, die bereits in
der Ausführung begriffen, war ein großer Trost für Miß Proß. Die
Nothwendigkeit ihr Aeußeres so einzurichten, daß ihre Aufregung keine
besondere Aufmerksamkeit auf der Straße auf sich zog, war eine andere
Erleichterung. Sie sah nach der Uhr und es war zwanzig Minuten über 2
Uhr. Sie hatte keine Zeit zu verlieren, und mußte sich gleich fertig
machen.
In ihrer großen Aufregung, von Furcht erfüllt durch die Einsamkeit
der verlassenen Zimmer und der halbeingebildeten Gesichter, die
hinter jeder offenen Thür hervor hereinblickten, holte Miß Proß ein
Waschbecken voll kaltes Wasser und fing an sich die Augen zu waschen,
die ganz dick und roth waren. Von ihren fieberhaften Befürchtungen
gequält, konnte sie es kaum ertragen, wegen des herunterfließenden
Wassers ein oder zwei Minuten lang nicht sehen zu können, sondern hielt
fortwährend inne und sah sich um, ob sie Niemand beobachte. In einer
dieser Pausen fuhr sie erschrocken zurück und schrie laut auf; denn sie
sah eine Gestalt im Zimmer stehen.
Das Waschbecken fiel zerbrochen zur Erde und das Wasser floß auf Madame
Defarge zu. Auf merkwürdigen, rauhen Wegen und durch viel vergossenes
Blut waren diese Füße diesem Wasser entgegen gekommen.
Madame Defarge sah sie kalt an und sagte: „wo ist die Gattin
Evrémondes?“
Es fiel Miß Proß ein, daß die Thüren sämmtlich offen standen und durch
ihr Offenstehen die Flucht verrathen könnten. Ihr Erstes war, sie
zuzumachen. Es waren ihrer vier im Zimmer und sie machte sie alle zu.
Dann stellte sie sich vor die Thür des Gemachs, welches Lucie bewohnt
hatte.
Madame Defarges dunkle Augen folgten ihr während dieser raschen
Bewegung, und hefteten sich auf sie, als sie fertig war. Miß Proß
war nichts weniger als schön; die Jahre hatten ihr schroffes,
eckiges Wesen nicht gemildert; aber sie war in ihrer Weise auch eine
entschlossene Frau, und sie maß Madame Defarge mit ihren Augen vom Kopf
bis zu den Füßen.
„Dem Aussehen nach könntest Du Lucifers Frau sein,“ sagte Miß Proß,
während sie verschnaufte. „Dennoch sollst Du mich nicht bewältigen. Ich
bin eine Engländerin.“
Madame Defarge sah sie geringschätzig an, aber doch mit einer Ahnung
von demselben Gefühle, daß Miß Proß erfüllte: daß sie kampfbereit
gegenüber stand. Sie sah eine energische, unnachgiebige, kräftige Frau
vor sich, wie Mr. Lorry vor vielen Jahren in derselben Gestalt ein Weib
mit starker Hand gesehen hatte. Sie wußte recht gut, daß Miß Proß die
treuergebene Dienerin der Familie war; Miß Proß wußte recht gut, daß
Madame Defarge der tückische Feind der Familie war.
„Auf meinem Wege dorthin,“ sagte Madame Defarge, mit einer leichten
Handbewegung nach dem Hinrichtungsplatze, „wo sie mir meinen Stuhl und
mein Strickzeug aufheben, komme ich herauf, um ihr meine Aufwartung zu
machen. Ich wünsche sie zu sprechen.“