„Mit Gottes Hülfe, ja! Versprechen Sie mir auf das Feierlichste, daß

Sie sich durch nichts bestimmen lassen einen andern Weg einzuschlagen,

als wir uns jetzt versprochen haben zu wählen.“

„Durch nichts, Carton.“

„Erinnern Sie sich morgen an die Worte: die geringste Abweichung von

dem verabredeten Plane, oder der geringste Verzug -- aus welchem Grunde

es immer sei -- kann verursachen, daß nicht ~ein~ Leben gerettet

werden kann und viele Leben unvermeidlich geopfert werden müssen.“

„Ich werde ihrer gedenken. Ich hoffe meinen Theil getreulich

auszuführen.“

„Und ich hoffe dasselbe zu thun. Nun leben Sie wohl!“

Obgleich er Dies mit einem ernsten Lächeln sagte und sogar die Hand

des Alten an seine Lippen drückte, schied er doch noch nicht von ihm.

Er half ihm die sich immer noch vor dem verlöschenden Feuer wiegende

Gestalt soweit zu wecken, daß man ihr einen Mantel umthuen und einen

Hut aufsetzen und sie zum Fortgehen bewegen konnte, um die Bank und die

Arbeit zu suchen, nach der sie so kläglich verlangte. Er ging auf die

andere Seite der Gestalt und geleitete sie bis in den Hof des Hauses,

wo das betrübte Herz -- so glücklich in jener denkwürdigen Zeit, wo

er ihm sein eigenes verödetes Herz enthüllt hatte -- die schreckliche

Nacht durchwachte. Er blieb noch allein ein paar Augenblicke in dem

Hofe stehen und blickte hinauf zu dem lichterhellten Fenster ihres

Zimmers. Ehe er fortging, sendete er noch ein segnendes Wort hinauf und

ein Lebewohl.

Dreizehntes Kapitel.

Zweiundfünfzig.

In dem schwarzen Gefängniß der Conciergerie erwarteten die

Verurtheilten des Tages ihr Schicksal. Es waren so viele, wie es

Wochen im Jahre giebt. Zweiundfünfzig sollten an diesem Nachmittag den

Lebensstrom der Stadt hinunter in die grenzenlose, ewige See schwimmen.

Ehe sie ihre Zellen verlassen hatten, waren schon neue Bewohner

derselben bezeichnet; ehe ihr Blut sich mit dem gestern vergossenen

Blute vermischt hatte, war das Blut, das morgen sich mit den ihrigen

vermischen sollte, bereits ausgesucht.

Zweiundfünfzig waren abgezählt. Von dem Generalpächter von siebenzig

Jahren, dessen Reichthümer sein Leben nicht erkaufen konnten, bis zur

Nähterin von zwanzig, deren Armuth und Unbedeutendheit sie nicht zu

retten im Stande war. Physische Krankheiten, durch menschliche Laster

und Versäumnisse erzeugt, suchen sich Opfer jeden Standes aus; und

die schreckliche moralische Seuche, geboren von unsagbaren Leiden,

unerträglichem Druck und herzloser Gleichgültigkeit, traf ebenfalls

ohne Unterschied.

Charles Darnay, allein in seiner Zelle, hatte sich mit keiner

schmeichelnden Selbsttäuschung getröstet, seitdem er aus der

Gerichtssitzung zurück war. In jeder Zeile der vorgelesenen Erzählung

hatte er sein Todesurtheil gehört. Er hatte vollständig begriffen,

daß ihn kein persönlicher Einfluß retten, daß er in Wirklichkeit von

Millionen verurtheilt war und daß Einzelne nichts für ihn thun könnten.

Dennoch war es nicht leicht, mit dem Gesicht seiner geliebten Gattin

noch frisch vor ihm, sich gefaßten Sinnes auf Das vorzubereiten, was

seiner wartete. Das Band, das ihn mit dem Leben verknüpfte, war stark

und es war sehr, sehr schwer zu lösen; allmälich und nach langen

Bemühungen hier ein wenig gelockert, schloß es sich dort um so fester;

und wenn er seine ganze Kraft gegen die eine Hand wendete und diese

nachgab, schloß sich die andere wieder. Es herrschte auch ein wildes

Treiben in allen seinen Gedanken, ein stürmisches und erhitztes Bewegen

in seinem Herzen, das Resignation nicht dulden wollte. Wenn er sich

für einen Augenblick resignirt fühlte, schienen seine Gattin und sein

Kind, die ihn überleben sollten, dagegen Protest zu erheben und die

Entsagung zu einem selbstischen Gefühl zu machen.

Aber dies Alles war blos ein Anfang. Es dauerte nicht lange, so

stellte sich die Erwägung ein, daß keine Schande in dem Schicksal sei,

dem er entgegen ging, daß jeden Tag Viele denselben Weg, ungerecht

verurtheilt, wandelten und ihn mit festem Schritte gingen. Zunächst

kam der Gedanke, daß es von höchster Wichtigkeit für den zukünftigen

Seelenfrieden der Theueren, die er auf der Erde zurückließ, sei, ruhige

Fassung zu zeigen. So wurde allmälich sein Gemüth ruhiger und gerieth

in eine Stimmung, wo seine Gedanken sich viel höher erhoben und er

Trost von Oben holen konnte.

Bevor es am Abend seiner Verurtheilung dunkel geworden, war er so

weit auf seinem letzten Wege gekommen. Man hatte ihm gestattet,

Schreibmaterialien und ein Licht zu kaufen, und er setzte sich hin um

zu schreiben bis zu dem Zeitpunkt, wo das Licht in den Gefängnissen

ausgelöscht werden mußte.

Er schrieb einen langen Brief an Lucien, in welchem er ihr erzählte,

daß er von ihres Vaters Haft nichts gewußt, bis er davon durch sie

gehört, und daß es ihm ebenso wenig wie ihr selbst bekannt gewesen, daß

sein Vater und sein Oheim Schuld an diesem Unglück gewesen, bis das

Papier verlesen worden. Er hatte ihr bereits auseinandergesetzt, daß es

ihr Vater -- warum, sei jetzt wohl einzusehen -- zur einzigen Bedingung

bei ihrer Verlobung gemacht und es sich an ihrem Hochzeitsmorgen noch

besonders habe versprechen lassen, ihr den Namen zu verheimlichen,

den er aufgegeben hatte. Um ihres Vaters willen bat er sie, niemals

nachzuforschen, ob ihr Vater das Vorhandensein des Papieres vergessen,

oder ob er daran erinnert worden durch die Geschichte aus dem Tower,

an jenem längst vergessenen Sonntage unter dem lieben Platanenbaume im

Garten. Wenn er eine bestimmte Erinnerung an dasselbe gehabt, so sei er

jedenfalls überzeugt gewesen, daß es mit der Bastille verbrannt sei,

als er es unter den Reliquien von Gefangenen, welche die Stürmenden

dort gefunden und welche in allen Zeitungen beschrieben worden, nicht

erwähnt gefunden hatte. Er bat sie -- obgleich er hinzusetzte, daß

er recht wohl wisse wie überflüssig das sei -- ihren Vater damit zu

trösten, daß sie ihm bei jeder Gelegenheit in der schonendsten Weise

die Wahrheit einpräge, daß er nichts gethan habe, weßwegen er sich

begründete Vorwürfe zu machen habe, sondern stets um ihrer beider

willen in Selbstvergessenheit voran gegangen sei. Nachdem er sie noch

einmal gebeten, sich seiner letzten dankbaren Liebe und seines Segens

ewig zu erinnern und ihren Schmerz zu überwinden, um für ihr geliebtes

Kind zu sorgen, beschwor er sie nächst diesem, ihren Vater zu trösten.

An diesen schrieb er in derselben Weise; aber er sagte ihm noch, daß

er ausdrücklich seine Gattin und sein Kind seiner Obhut übergebe. Und

er sagte ihm Dies sehr eindringlich in der Hoffnung, ihn dadurch vor

Niedergeschlagenheit oder einem gefährlichen Rückfall in den alten

Zustand, der nur zu sehr zu befürchten war, zu bewahren.

Mr. Lorry legte er alle seine Lieben an’s Herz und setzte seine

irdischen Angelegenheiten auseinander. Nachdem dies mit vielen

Aeußerungen dankbarer Freundschaft und warmer Zuneigung geschehen, war

Alles fertig. An Carton dachte er nicht ein einziges Mal. So voll war

seine Seele von den Anderen.

Er hatte Zeit diese Briefe zu beenden, bis die Lichter ausgelöscht

wurden. Als er sich auf sein Strohbett streckte, glaube er mit dieser

Welt abgeschlossen zu haben.

Aber sie winkte ihn zurück in seinem Schlummer und zeigte sich ihm in

leuchtenden Gestalten. Frei und glücklich, wieder in dem alten Hause

in Soho (obgleich es ganz anders aussah als das wirkliche Haus), in

unerklärlicher Weise befreit und der Sorgen entledigt, war er wieder

mit Lucien vereint und sie sagte ihm, daß alles ein Traum und er nie

fortgewesen sei. Eine Pause des Vergessens und dann hatte er geduldet

und dann war er wieder bei ihr, todt und in Frieden und doch war

kein Unterschied in ihnen. Noch eine Pause der Vergessenheit und er

wachte in düsterer Morgenstunde auf, ohne zu wissen wo er war und was

geschehen, bis es ihm wie ein Blitz durch den Kopf fuhr, dies ist mein

Sterbetag!

So war er durch die Stunden zu dem Tage gekommen, wo die zweiundfünfzig

Köpfe fallen sollten. Und jetzt, wo er gefaßt war und hoffte, seinem

Ende mit ruhigem Heldenmuthe entgegen gehen zu können, nahmen seine

wachenden Gedanken eine neue Richtung an, die sehr schwer zu bewältigen

war.

Er hatte nie das Instrument gesehen, das ihm das Leben nehmen sollte.

Wie hoch es über dem Boden war, wie viele Stufen es hatte, wo man

ihn hinstellen und wie man ihn anfassen würde, ob die Hände, die ihn

anfaßten, roth gefärbt sein würden, nach welcher Seite man ihm das

Gesicht wenden, ob er vielleicht der Erste oder Letzte sein würde:

diese und viele ähnliche Fragen, von seinem Willen ganz und gar

unabhängig, drängten sich ihm unzählige Male auf. Mit Furcht hatten

sie nichts zu thun: er war sich keiner Furcht bewußt. Sie rührten

eher von einem merkwürdigen, sich immer wieder aufdringenden Wunsche

her, zu wissen was zu thun sei, wenn die Zeit kam; ein Wunsch, der in

riesenmäßigem Mißverhältniß zu den wenigen kurzen Augenblicken stand,

auf die es sich bezog; ein verwundertes Fragen, welches mehr dem Regen

eines anderen Geistes in dem seinigen, als ihm selbst angehörte.

Die Stunden vergingen, wie er auf- und abging, und die Thurmglocken

schlugen die Stunden, die ihm nie wieder schlagen sollten. Neun Uhr war

vorbei für immer, Zehn vorbei für immer, Elf vorbei für immer, Zwölf

sollte zum letzten Male schlagen. Nach einem harten Kampfe mit der

excentrischen Stimmung, die ihm zuletzt zu schaffen gemacht, hatte er

sie überwunden.

Er ging auf und ab und wiederholte sich halblaut ihre Namen. Der

schwerste Kampf war vorüber. Er konnte auf- und abgehen, frei von

störenden Gedanken und für sich und für sie beten.

Zwölf für immer vorüber.

Man hatte ihm gesagt, die letzte Stunde werde Drei sein und er wußte,

daß man ihn etwas früher abholen würde, da die Wagen schwer und langsam

durch die Straßen rumpelten. Deßhalb beschloß er an Zwei als an die

Stunde zu denken, und sich in der Zwischenzeit so zu stärken, daß er

hernach im Stande sei andere zu stärken.

Regelmäßig, mit über der Brust gekreuzten Armen auf- und abgehend, ein

ganz anderer Mann wie der Gefangene der in La Force auf- und abgegangen

war, hörte er ohne Ueberraschung, wie es Eins von ihm weg schlug. Die

Stunde war so lang gewesen, wie die meisten anderen Stunden. Dem Himmel

fromm dankbar für seine wiedergewonnene Fassung, dachte er: nur noch

~eine~ Stunde, und wendete sich, um wieder auf- und abzugehen.

Draußen vor der Thür, in dem gemauerten Gange, hörte man Schritte. Er

blieb stehen.

Der Schlüssel klirrte im Schloß und wurde umgedreht. Ehe die Thür

aufging, oder wie sie aufging, sagte ein Mann mit gedämpfter Stimme

auf Englisch: „er hat mich hier nie gesehen; ich bin ihm aus dem Wege

gegangen. Gehen Sie allein hinein; ich warte hier. Verlieren Sie keine

Zeit!“

Die Thür wurde rasch geöffnet und wieder zugemacht und vor ihm stand,

ruhig, gefaßt, mit einem Lächeln auf dem Gesicht und den Finger warnend

auf den Lippen, Sydney Carton.

Es lag etwas so helles, so strahlendes und merkwürdiges in dem

Ausdrucke seines Gesichts, daß der Gefangene für den ersten Augenblick

ungewiß war, ob die Erscheinung nicht ein Geschöpf seiner Phantasie

sei. Aber er sprach und es war seine Stimme; er ergriff die Hand des

Gefangenen und es war der Druck einer wirklichen Hand.

„Von allen Menschen auf der Welt hätten Sie mich am wenigsten zu sehen

erwartet?“ sagte er.

„Ich konnte nicht glauben, daß Sie es wären. Ich kann es jetzt kaum

glauben. Sie sind nicht verhaftet?“ Diese Befürchtung kam ihm plötzlich

in den Sinn.

„Nein. Ich besitze zufällig eine Macht über einen der Schließer hier

und durch Anwendung derselben stehe ich vor Ihnen. Ich komme von ihr --

von Ihrer Gattin, lieber Darnay.“

Der Gefangene drückte ihm feurig die Hand.

„Ich überbringe eine Bitte von ihr.“

„Welche?“

„Eine höchst ernste, dringende und nachdrückliche Bitte, an Sie

gerichtet in dem rührendsten Tone der Ihnen so theueren Stimme, deren

Sie sich so gut erinnern.“

Der Gefangene wendete sein Gesicht halb weg.

„Sie haben keine Zeit zu fragen, warum ich sie bringe und was sie zu

bedeuten hat; ich habe keine Zeit es Ihnen zu sagen. Sie müssen sie

erfüllen -- ziehen Sie Ihre Stiefeln aus und ziehen Sie dafür meine an.“

Es stand ein Stuhl an der Wand der Zelle hinter dem Gefangenen. Mit

Blitzesschnelle hatte Carton ihn hineingedrückt und stand vor ihm in

Strümpfen.

„Ziehen Sie meine Stiefeln an, rasch, rasch!“

„Carton, es ist kein Entfliehen hier möglich; es ist nicht

durchzuführen. Sie werden nur mit mir sterben. Es ist Wahnwitz.“

„Es wäre Wahnwitz, wenn ich Sie aufforderte zu entfliehen; aber thue

ich Das? Wenn ich Sie auffordere zu dieser Thür hinauszugehen, so sagen

Sie mir es ist Wahnwitz und bleiben Sie. Tauschen Sie mit mir die

Halsbinde und den Rock. Unterdessen gestatten Sie mir dies Band von

Ihren Haaren loszubinden und Ihre Haare auseinander zu schütteln wie

diese!“

Mit wunderbarer Raschheit und mit einer Kraft des Willens und der That,

die wunderbar erschien, zwang er ihm alle diese Veränderungen auf. Der

Gefangene war in seinen Händen wie ein kleines Kind.

„Carton! lieber Carton! es ist Wahnwitz. Es ist nicht durchzuführen, es

kann nicht geschehen; es ist versucht worden und immer fehl geschlagen.

Ich bitte Sie durch Ihren Tod nicht die Bitterkeit des meinigen zu

vermehren.“

„Fordere ich Sie auf, lieber Darnay, zur Thür hinaus zu gehen? so wie

ich Das thue, sagen Sie Nein. Hier ist Feder und Tinte und Papier auf

dem Tische. Ist Ihre Hand ruhig genug zum Schreiben?“

„Sie war es als Sie eintraten.“

„So schreiben Sie, was ich Ihnen vorsage. Rasch, Freund, rasch!“

Darnay drückte die Hand vor seine brennende Stirn und setzte sich an

den Tisch. Carton, die rechte Hand in der Brust, stand dicht neben ihm.

„Schreiben Sie genau, was ich Ihnen vorsage.“

„An wen adressire ich es?“

„An Niemanden.“

Carton hatte immer noch die Hand in der Brust.

„Datire ich es?“

„Nein.“

Der Gefangene blickte bei jeder Frage auf. Carton, mit der Hand in der

Brust neben ihm stehend, sah auf ihn herab.

„„Wenn Sie sich““ diktirte Carton, „„der Worte erinnern, welche wir vor

langer Zeit mit einander gesprochen haben, so werden Sie dies leicht

begreifen, wenn Sie es sehen. Ich weiß Sie erinnern sich derselben. Es

liegt nicht in Ihrer Art zu vergessen.““

Er zog die Hand aus der Brust, aber gerade jetzt blickte der Gefangene

in seiner wirren Verwunderung auf und die Hand blieb, Etwas gefaßt

haltend, stecken.

„Sie haben geschrieben „„zu vergessen?““ sagte Carton.

„Ja. Ist das eine Waffe in Ihrer Hand?“

„Nein, ich bin nicht bewaffnet.“

„Was haben Sie in der Hand?“

„Sie sollen es gleich wissen. Schreiben Sie weiter; es sind nur noch

wenige Worte. Er diktirte wieder. „„Ich danke Gott, daß die Zeit

gekommen ist, wo ich sie beweisen kann. Daß ich es thue verursacht

mir weder Schmerz, noch Reue.““ Wie er diese Worte, die Augen auf

den Schreibenden geheftet, sprach, brachte er die Hand langsam und

vorsichtig bis dicht an das Gesicht des Schreibenden.

Die Feder fiel Darnay aus der Hand und er blickte verstört um sich.

„Was ist das für ein Dunst?“ fragte er.

„Dunst?“

„Etwas, das an mir vorbeigeschwebt ist?“

„Ich habe Nichts bemerkt; es kann hier nicht sein. Nehmen Sie die Feder

wieder und schreiben Sie. Rasch, rasch!“

Als ob sein Gedächtniß geschwächt, oder sein Geist gestört wäre, machte

der Gefangene eine Anstrengung seine Aufmerksamkeit zu sammeln. Wie er

Carton mit bewölkten Augen und kürzeren Athemzügen ansah, blickte ihn

dieser -- die Hand wieder in der Brust -- fest in’s Gesicht.

„Rasch, rasch!“

Der Gefangene beugte sich noch einmal über das Papier.

„„Wenn es anders gewesen wäre““; Cartons Hand bewegte sich von neuem

vorsichtig und langsam niederwärts; „„so hätte ich nie die längere

Gelegenheit benutzt. Wenn es anders gewesen wäre““; die Hand war

vor dem Gesichte des Gefangenen, „„so hätte ich nur um so mehr zu

verantworten. Wenn es anders gewesen wäre““ -- Carton sah nach der

Feder und bemerkte, daß sie nur noch unlesbare Zeichen auf das Papier

machte.

Er bewegte die Hand nicht wieder nach der Brust. Der Gefangene sprang

mit vorwurfsvollen Blick auf, aber Cartons Hand lag dicht und fest auf

seinen Nasenlöchern und sein linker Arm hatte ihn um die Hüfte gefaßt.

Einige kurze Augenblicke versuchte er schwach sich des Mannes zu

erwehren, der gekommen war um sein Leben für ihn hinzugeben; aber nach

vielleicht einer Minute lag er bewußtlos auf dem Boden.

Rasch, und ohne zu zögern zog Carton die Kleider des Gefangenen an,

kämmte sein Haar zurück und band es mit dem Bande, das der Gefangene

getragen hatte. Dann rief er leise: „Dort draußen, herein! herein!“ und

der Spion erschien.

„Seht Ihr ihn?“ sagte Carton aufblickend, wie er auf einem Knie neben

dem Bewußtlosen kniete und ihm das Papier in die Brust schob; „ist Eure

Gefahr sehr groß?“

„Mr. Carton,“ gab der Spion, furchtsam mit dem Finger schnippend, zur

Antwort, „das ist in dem Geschäftsdrange hier die Gefahr für mich

nicht, wenn Sie Ihren ganzen Plan getreulich ausführen.“

„Macht Euch keine Sorge um mich. Ich halte treu aus, bis zum Tode.“

„Das müssen Sie auch, Mr. Carton, wenn die Zahl 52 richtig sein soll.

Wenn Sie sie in diesem Anzuge vollzählig machen, habe ich keine Furcht.“

„Fürchtet Nichts! ich werde bald außer Stande sein Euch zu schaden und

die übrigen werden, will’s Gott, bald weit weg von hier sein. Jetzt

ruft Leute und bringt mich nach dem Wagen.“

„Sie?“ sagte der Spion voller Unruhe.

„Ihn, mit dem ich getauscht habe. Ihr geht zu demselben Thore hinaus,

zu dem wir hereingekommen sind?“

„Natürlich.“

„Ich war schwach und angegriffen, als ich kam und bin jetzt, wo ihr

mich fortbringt, noch angegriffener. Der Abschied hat mich überwältigt.

So Etwas ist hier oft, nur zu oft geschehen. Rasch, ruft Leute!“

„Ihr schwört, mich nicht zu verrathen?“ sagte der zitternde Spion, als

er noch einmal stehen blieb.

„Mensch, Mensch!“ entgegnete Carton und stampfte mit dem Fuße; „habe

ich noch nicht feierliche Eide genug geschworen dies durchzuführen,

daß Ihr jetzt die kostbaren Augenblicke verschwendet? Bringt ihn

selbst nach dem Hofe, den Ihr kennt, schafft ihn selbst in den

Wagen, zeigt ihn selbst Mr. Lorry; sagt ihm selbst, ihm kein anderes

Wiederbelebungsmittel, als frische Luft zukommen zu lassen und meiner

Worte und seines Versprechens von gestern Abend zu gedenken und von

dannen zu fahren!“

Der Spion entfernte sich und Carton setzte sich an den Tisch und

stützte den Kopf in die Hände. Der Spion kehrte gleich darauf mit zwei

Männern zurück.

„Ah, ah, ah!“ sagte einer derselben, als er den auf den Boden

Gesunkenen sah. „So betrübt zu erfahren, daß sein Freund einen Gewinn

in der Lotterie der heiligen Guillotine gezogen hat?“

„Ein guter Patriot,“ sagte der andere, „könnte kaum betrübter sein,

wenn der Aristokrat eine Niete gezogen hätte.“

Sie hoben den Bewußtlosen auf, legten ihn auf eine Tragbahre, die sie

vor der Thür stehen hatten und bückten sich um ihn fortzutragen.

„Die Zeit ist kurz, Evrémonde“, sagte der Spion in warnendem Tone.

„Ich weiß es,“ gab Carton zur Antwort. „Tragt Sorge für meinen Freund,

bitte ich Euch nochmals, und verlaßt mich.“

„So kommt,“ sagte Barsad zu dem anderen. „Tragt ihn hinunter!“

Die Thür schloß sich und Carton war allein. Mit gespanntester

Aufmerksamkeit horchend, lauschte er auf jeden Ton, der Verdacht oder

Allarm anzeigen könnte. Man vernahm keinen. Man hörte Schlüssel sich

drehen, Thüren rasseln, Tritte durch entlegene Gänge schallen, aber

kein ungewöhnliches Geschrei oder Lärmen machte sich vernehmlich. In

einer kleinen Weile athmete er freier auf, setzte sich an den Tisch und

horchte wieder, bis es zwei Uhr schlug.

Töne vor denen er sich nicht fürchtete, denn er errieth was sie

bedeuteten, machten sich jetzt hörbar. Mehrere Thüren wurden

hintereinander geöffnet und zuletzt seine eigene. Ein Schließer, mit

einem Verzeichniß in der Hand, blickte herein, sagte blos „folgt mir,

Evrémonde!“ und er folgte ihm in eine große dunkele Halle. Es war ein

trüber Wintertag und die Dunkelheit drinnen und draußen machte, daß

er die anderen die hereingebracht wurden, um hier gebunden zu werden,

nicht gut erkennen konnte. Einige standen, Einige saßen, Einige

jammerten und gingen ruhelos auf und ab; aber das waren wenige. Die

große Mehrzahl war ruhig und stumm, und sah starr auf den Boden.

Wie er an der Wand in einer dunkeln Ecke stand, während noch einige

von den Zweiundfünfzig nach ihm hereingebracht wurden, blieb einer

im Vorbeigehen bei ihm stehen, um ihn als Bekannten zu umarmen. Ein

angstvoller Gedanke, entdeckt zu werden, fuhr ihm durch die Seele;

aber der andere ging weiter. Ein paar Augenblicke später stand ein

schwächlich gebautes Mädchen, mit lieblichem, aber abgezehrtem Gesicht,

auf welchem keine Spur Farbe sichtbar war, und großen, weit offenen,

geduldigen Augen von der Bank auf, wo er sie sitzen gesehen hatte, und

trat an ihn heran.

„Bürger Evrémonde,“ sagte sie, und berührte ihn mit ihrer kalten Hand.

„Ich bin eine arme kleine Nähterin und war mit Euch in La Force.“

Er murmelte vor sich hin: „richtig. Ich vergesse weshalb Ihr angeklagt

waret?“

„Wegen Verschwörung. Obgleich der gerechte Himmel weiß, daß ich

unschuldig bin. Ist es wahrscheinlich? Wer soll auf den Einfall kommen

mit einem armen, schwachen Geschöpf, wie ich bin, zu complotiren?“

Das trübe Lächeln, mit dem sie dies sagte, rührte ihn so, daß Thränen

seine Augen füllten.

„Ich fürchte mich nicht, zu sterben, Bürger Evrémonde, aber ich habe

Nichts gethan. Ich sterbe nicht ungern, wenn die Republik, welche uns

Armen soviel Gutes bringen soll, durch meinen Tod gewinnt; aber ich

begreife nicht, wie das zugehen soll, Bürger Evrémonde. Ein so armes,

kleines schwaches Ding!“

Als das letzte auf Erden, wofür sein Herz warm und sanft fühlen sollte,

trat ihm dieses arme Mädchen entgegen.

„Ich hörte Ihr wäret freigelassen, Bürger Evrémonde, ich hoffte es sei

wahr?“

„Ich war frei. Aber man hat mich wieder verhaftet und verurtheilt.“

„Wenn ich mit Euch fahre, Bürger Evrémonde, wollt Ihr mir dann erlauben

Eure Hand zu nehmen? Ich fürchte mich nicht, aber ich bin klein und

schwach und dies wird mir mehr Muth geben.“

Wie die geduldigen Augen ihm ins Gesicht blickten, sah er darin sich

erst Zweifel und dann Staunen ausdrücken. Er drückte die abgezehrte,

jugendliche Hand und legte die Finger an die Lippen.

„Ihr sterbt für ihn?“ flüsterte sie.

„Und für seine Frau und sein Kind. Still! Ja.“

„Oh, wollt Ihr mir erlauben, Eure wackere Hand zu nehmen, Fremder?“

„Still! Ja, arme Schwester; bis zuletzt.“ --

Dieselben Schatten die auf das Gefängniß fallen, fallen zu

derselben Stunde des frühen Nachmittags auf die Barriere, mit dem

Menschengedränge um dieselbe herum, als eine Paris verlassende Kutsche

vorfährt, um examinirt zu werden.

„Wer ist d’rin? Papiere!“

Die Papiere werden herausgegeben und gelesen.

„Alexander Manette, Arzt. Franzose. Welcher ist es? Das ist er; dieser

hülflose, halbe Worte murmelnde, in halben Irrsinn versunkene alte

Mann.“

„Allem Anscheine nach ist der Bürger Doctor nicht recht bei Sinnen? Das

Revolutionsfieber ist viel zu hitzig für ihn gewesen?“

„Viel zu hitzig.“

„Ha! viele leiden daran. Lucie. Seine Tochter. Französin. Welche ist

sie?“

„Das ist sie.“

„Muß wohl sein. Lucie, Gattin Evrémondes; nicht wahr?“

„He! Evrémonde hat eine Bestellung anders wohin. Lucie, ihr Kind. Die

Kleine da?“

„Sie und keine andere.“

„Gieb mir einen Kuß, Evrémondes Kind. Jetzt hast Du einen guten

Republikaner geküßt; Etwas Neues in Deiner Familie; vergiß es nicht!

Sydney Carton, Advocat. Engländer. Welcher ist es?“

„Er liegt dort in der Ecke des Wagens.“ Auf ihn zeigt man den Fragenden.

„Allem Anscheine nach ist der englische Advocat ohnmächtig geworden?“

„Man hofft er werde sich in frischer Luft wieder erholen. Er ist

schwach von Gesundheit und der Abschied von einem Freunde, der sich das

Mißfallen der Republik zugezogen hat, hat ihn sehr erschüttert.“

„Weiter Nichts? Das ist nicht viel! Viele haben sich das Mißfallen

der Republik zugezogen und müssen zu dem kleinen Fenster hinaussehen.

Jarvis Lorry, Bankier. Engländer. Welcher ist es?“

Zwei Städte · 第 33 / 36 段