Dich darauf verlassen, ich behaupte meinen Platz gegen Dich.“
Jede sprach in ihrer Sprache; keine verstand die andere; Beide waren
voll gespannter Aufmerksamkeit, um aus Blicken und Geberden zu
errathen, was die unverständlichen Worte sagten.
„Es ist nicht gut für sie, wenn sie sich in diesem Augenblicke vor
mir versteckt,“ sagte Madame Defarge. „Gute Patrioten wissen, was Das
zu bedeuten hat. Ich muß sie sprechen. Sagt ihr, daß ich sie sprechen
will. Hört ihr?“
„Und wenn Deine Augen Schraubenschlüssel wären,“ erwiderte Miß Proß,
„und ich eine englische Bettstelle, so solltest Du nicht einen Splitter
von mir locker kriegen. Nein, Du bösartige, fremde Katze; ich kann es
mit Dir aufnehmen.“
Madame Defarge verstand natürlich nicht die Worte der anderen; aber sie
sah doch so viel, daß man ihr Trotz bot.
„Einfältiges Weib!“ sagte Madame Defarge mit Stirnrunzeln. „Ich
beruhige mich nicht bei einer Antwort von Dir. Ich muß sie sprechen.
Entweder sage ihr, daß ich sie sprechen will, oder tritt weg von der
Thür und laß mich hinein!“ Dies sagte sie mit einem zürnenden Wink
ihrer Hand, Platz zu machen.
„Ich hätte mir nicht gedacht,“ sagte Miß Proß, „daß ich jemals wünschen
sollte, Deine unsinnige Sprache zu verstehen; aber ich gäbe Alles, was
ich besitze, außer den Kleidern, die ich auf dem Leibe habe, wenn ich
wüßte, ob Du die Wahrheit ahntest oder einen Theil davon.“
Keine ließ nur für einen einzigen Augenblick die andere aus den Augen.
Madame Defarge hatte sich noch nicht von der Stelle bewegt, wo sie
gestanden als Miß Proß sie zuerst gewahr geworden war; aber jetzt trat
sie einen Schritt näher.
„Ich bin eine Engländerin,“ sagte Miß Proß weiter, „ich bin desperat.
Ich kümmere mich kein englisches Zweipfennigstück um mich. Ich weiß,
je länger ich Dich hier fest halte, desto besser ist es für mein
Herzblättchen. Ich lasse Dir nicht eine Hand voll von Deinen schwarzen
Haaren auf dem Kopfe, wenn Du mich mit einem Finger anrührst.“
So sprach Miß Proß mit einem Kopfschütteln und einem Blitzen in ihren
Augen zwischen jedem raschen Satz, und jedem raschen Satz in einem
Athem. So sprach Miß Proß, die nie in ihrem Leben einen Schlag geführt
hatte.
Aber ihr Muth war von der leicht gerührten Art, daß er ihr nicht
zurückzuhaltende Thränen in die Augen brachte. Das war ein Muth, den
Madame Defarge so wenig begriff, daß sie ihn für Schwäche hielt. „Ha,
ha!“ lachte sie, „armseliges Weib! was bist Du werth! Ich wende mich
jetzt an den Doctor.“ Dann erhob sie ihre Stimme und rief laut: „Bürger
Doctor! Frau Evrémondes! Kind Evrémondes! irgend jemand, nur nicht
diese lächerliche Thörin, antworte der Bürgerin Defarge!“
Vielleicht das Schweigen, das jetzt eintrat, vielleicht ein Etwas in
dem Ausdruck von Miß Proß’ Gesicht, vielleicht eine plötzliche Ahnung,
unabhängig von Allem, was sie sonst sah, flüsterte Madame Defarge
zu, daß sie fort seien. Drei von den Thüren machte sie rasch auf und
blickte hinein.
„Diese Zimmer sind alle in Unordnung, man hat in Eile gepackt, es liegt
allerlei auf dem Boden zerstreut. Es ist Niemand in dem Zimmer hinter
Euch. Laßt mich hinein sehen!“
„Nie!“ sagte Miß Proß, welche die Aufforderung so vollkommen verstand,
wie Madame Defarge die Antwort.
„Wenn sie nicht in jenem Zimmer sind, so sind sie fort und können
verfolgt und zurückgebracht werden,“ sagte Madame Defarge sich selbst.
„Solange Du nicht weißt, ob sie in diesem Zimmer sind, oder nicht,
weißt Du nicht was Du thun sollst,“ sprach Miß Proß zu sich, „und Du
sollst es nicht erfahren, wenn ich es Dir verwehren kann; und ob Du es
weißt oder nicht weißt, sollst Du doch hier nicht wegkommen, solange
ich Dich halten kann.“
„Ich habe mich noch von Nichts aufhalten lassen, ich zerreiße Dich in
Stücken, aber weg von dieser Thür mußt Du,“ sagte Madame Defarge.
„Wir sind allein, im obersten Stock eines hohen Hauses, in einem
einsamen Hofe, es ist sehr unwahrscheinlich, daß uns Jemand hört und
ich bitte Gott um Kraft Dich hier fest zu halten, wo jede Minute, die
Du hier bist, hunderttausend Guineen für mein Herzblatt werth ist,“
sprach Miß Proß.
Madame Defarge ging auf die Thür zu. Miß Proß, von der Eingebung des
Augenblickes getrieben, packte sie mit beiden Armen um den Leib und
hielt sie fest. Vergeblich sträubte sich und schlug Madame Defarge;
mit der kraftvollen Zähigkeit der Liebe, die immer so viel stärker ist
als der Haß, hielt Miß Proß sie fest und hob sie sogar während des
Ringens in die Höhe. Die beiden Hände der Madame Defarge schlugen und
zerkratzten ihr Gesicht; aber Miß Proß, den Kopf niedrig haltend, hielt
sie fest um den Leib und klammerte sich an sie mit der Verzweiflung
einer Ertrinkenden.
Bald hörten Madame Defarges Hände auf zu schlagen und fühlten
nach ihrem Gürtel. „Es ist unter meinem Arm,“ sagte Miß Proß mit
halberstickter Stimme, „Du sollst es nicht heraus kriegen. Ich bin
stärker als Du, Gott sei Dank. Ich halte Dich fest, bis einer von uns
Beiden in Ohnmacht fällt oder stirbt!“
Madame Defarges Hand war in ihrem Busen. Miß Proß blickte auf, sah was
es war, schlug darnach, schlug einen Blitz und einen Knall heraus und
stand allein -- blind vom Rauche.
Alles Dies dauerte nur eine Sekunde. Wie sich der Rauch verzog, eine
unheimliche Stille zurücklassend, schwand er hinaus in die Luft, wie
die Seele des wüthenden Weibes, dessen Körper leblos auf den Fußboden
lag.
In der ersten Angst und im ersten Schrecken ihrer Lage, ging Miß Proß
der Leiche im Vorbeigehen so weit als möglich aus dem Wege und lief die
Treppe hinab um unnütze Hülfe zu rufen. Zum Glück dachte sie an die
möglichen Folgen ihres Thuns Zeit genug, um sich anders zu besinnen und
wieder umzukehren. Es war schrecklich wieder in die Stube zu gehen;
aber sie ging hinein und wagte sich selbst in die Nähe der Leiche, um
ihren Hut und ihre anderen Sachen zu holen. Nachdem sie sich draußen
auf der Treppe angekleidet, schloß sie die Thür zu und nahm den
Schlüssel mit. Alsdann setzte sie sich ein paar Augenblicke auf die
obersten Stufen um Athem zu schöpfen und zu weinen, und dann stand sie
auf und eilte fort. Zum Glücke hatte sie einen Schleier an ihrem Hute,
oder sie hätte kaum über die Straße gehen können, ohne angehalten
zu werden. Ebenfalls zum Glücke war sie von Natur so eigenthümlich
in ihrer Erscheinung, daß Ungewöhnliches bei ihr weniger auffiel,
als bei anderen. Es war gut so; denn die Finger der Wüthenden hatten
ihr Gesicht zerkratzt, ihr Haar war zerzaust und ihre hastig und mit
aufgeregten Händen angelegten Kleider waren nach allerlei Richtungen
gezogen und gezerrt.
Als sie über die Brücke ging, warf sie den Schlüssel in den Fluß. Sie
kam einige Minuten vor ihrem Begleiter an der Kirchthüre an und mußte
dort warten. Ach, dachte sie, wenn man den Schlüssel in einem Netze
gefunden, wenn man ihn erkannt, wenn man die Thür geöffnet und die
Leiche entdeckt hätte, wenn ich am Thore angehalten, ins Gefängniß
geschickt und des Mordes angeklagt würde! Inmitten dieser aufregenden
Gedanken, erschien der Begleiter, nahm sie in den Wagen auf und fuhr
mit ihr fort.
„Ist Lärm auf der Straße?“ fragte sie.
„Der gewöhnliche Lärm,“ gab Mr. Cruncher zur Antwort und sah sie an,
erstaunt über die Frage und ihr Aussehen.
„Ich höre Sie nicht,“ sagte Miß Proß. „Was sagten Sie?“
Vergeblich wiederholte Mr. Cruncher seine Antwort noch einmal. Miß Proß
konnte ihn nicht hören.
-- So will ich mit dem Kopf nicken, dachte Mr. Cruncher, jedenfalls
wird sie Das sehen. Und sie sah es.
„Ist jetzt Lärm auf der Straße?“ fragte Miß Proß noch einmal nach
kurzer Weile.
Wieder nickte Mr. Cruncher mit dem Kopfe.
„In einer Stunde taub geworden,“ sagte Mr. Cruncher nachdenklich und
mit sehr beunruhigtem Gemüth; „was ist ihr zugestoßen?“
„Mir ist“ sprach Miß Proß, „als wäre ein Blitz und ein Knall gewesen
und dieser Knall wäre das Letzte, was ich in meinem Leben hören würde.“
„Wenn Das nicht ein curioser Zustand ist,“ sagte Mr. Cruncher, mehr
und mehr verwundert. „Was mag sie nur zu sich genommen haben um ihren
Muth aufrecht zu erhalten? Hört! da kommen diese schrecklichen Karren
gerumpelt! Das können Sie doch hören, Miß?“
„Ich kann Nichts hören,“ sagte Miß Proß, die an der Bewegung seines
Mundes sah, daß er sprach, „ach guter Jerry, erst war ein großer
Krach und dann eine große Stille und diese Stille scheint fest und
unveränderlich zu sein, eine Stille, die nie wieder aufhören soll, so
lange mein Leben dauert.“
„Wenn sie nicht das Rumpeln dieser schrecklichen Karren hört, die jetzt
dem Ziele ihrer Reise sehr nahe sind,“ sagte Mr. Cruncher mit einem
Blicke über die Schulter, „so ist meine Meinung, daß sie wahrhaftig nie
wieder Etwas auf dieser Welt hören wird.“
Und wirklich war sie von dieser Zeit an taub.
Fünfzehntes Kapitel.
Die Schritte verhallen für immer.
Die Straßen von Paris entlang rumpeln die Todtenkarren hohl und
schwer. Sechs Karren führen den Wein des Tages der Guillotine zu. Alle
gierige und unersättliche Ungeheuer, welche die menschliche Phantasie
jemals ersonnen hat, sind in dieser einen Gestalt, Guillotine,
verschmolzen. Und doch giebt es in Frankreich, mit seiner reichen
Verschiedenartigkeit an Boden und Klima keinen Halm, kein Blatt,
keine Wurzel, keinen Zweig, kein Pfefferkorn, das unter natürlicheren
Bedingungen gereift wäre, als dieser Schrecken gereift ist. Zerdrücke
die Menschheit noch einmal unter ähnlichen Hämmern und sie wird von
selbst dieselben gequälten Gestalten und Formen anzunehmen suchen. Säet
dieselbe Saat habgieriger Ausschweifung und Tyrannei und sicherlich
wird sie wieder dieselbe Frucht nach ihrem Ursprung tragen.
Sechs Karren rumpeln durch die Straßen. Verwandle sie wieder zu
Dem, was sie waren, mächtige Zauberin Zeit, und sie werden sich
darstellen als die Karossen unumschränkter Monarchen, die Equipagen
von Feudalherren, die prächtigen Toiletten geschminkter Jesabels, die
Kirchen die nicht „meines Vaters Haus“ sind, sondern Diebeshöhlen,
die Hütten von Millionen halbverhungerten Bauern! Nein; die große
Zauberin, welche in erhabener Ruhe die vorbestimmte Ordnung des
Schöpfers ausarbeitet, verändert nie seine Gestaltungen. Wenn du durch
den Willen Gottes in diese Gestalt gewandelt worden, sagen die Seher
zu den Verzauberten in dem weisen, arabischen Mährchen, so bleibe so!
Aber wenn du diese Gestalt nur durch eine vorübergehende Beschwörung
empfangen hast, so nimm deine frühere wieder an! Unveränderlich und
hoffnungslos rumpeln die Karren vorüber.
Wie die Räder der sechs Karren sich umdrehen, scheinen sie eine lange
krumme Furche unter dem Volke in den Straßen zu ziehen. Raine von
Gesichtern werden zu beiden Seiten aufgeworfen und die Pflüge gehen
ruhig weiter. So gewöhnt sind die regelmäßigen Bewohner der Häuser
an das Schauspiel, daß in manchen Fenstern keine Leute stehen und
in anderen die Beschäftigung der Hände gar nicht unterbrochen wird,
während die Augen die Gesichter in den Karren betrachten. Hie und da
ist Besuch um das Schauspiel zu sehen; alsdann zeigt der Inwohner
des Zimmers fast mit der Selbstgefälligkeit des Directors einer
öffentlichen Anstalt, oder eines autorisirten Erklärers diesen Karren
und jenen Karren und scheint zu erzählen, wer gestern d’rin saß und wer
vorgestern.
Von denen in den Karren sehen einige diesen und allen anderen
Erscheinungen auf ihrer letzten Fahrt mit gleichgültig stierem Auge zu;
andere mit einem Rest von Theilnahme am menschlichen Treiben. Einige
lassen den Kopf in stummer Verzweiflung sinken; andere wieder sind so
auf ihr Aussehen bedacht, daß sie auf die Menge Blicke werfen, wie sie
in Theatern und auf Bildern gesehen haben. Mehrere machen die Augen zu
und denken, oder suchen ihre herumschweifenden Gedanken zusammen. Nur
Einer, ein elendes Geschöpf von halbverrücktem Aussehen, ist von Furcht
und Todesangst so gebrochen und berauscht, daß er singt und zu tanzen
versucht. Kein einziger von Allen wendet sich mit Blick oder Geberde an
das Mitleid des Volkes.
Eine Wache von einigen Reitern umgiebt die Karren und öfters sehen
Gesichter zu ihnen empor und erkundigen sich bei ihnen. Es scheint
immer dieselbe Frage zu sein; denn nach der Antwort drängt sich immer
das Volk um den dritten Karren. Die Reiter neben diesem Karren zeigen
mit ihrem Säbel häufig auf einen Mann. Alles will wissen wo er ist; er
steht hinten im Karren und sieht herab auf ein Mädchen, das neben ihm
sitzt und seine Hand hält und mit dem er spricht. Die übrige Umgebung
kümmert ihn nicht und er unterhält sich fortwährend mit dem Mädchen. In
der langen St. Honoré-Straße wird hie und da Geschrei gegen ihn laut.
Wenn er sich überhaupt davon bewegen läßt, so ist es blos zu einem
stillen Lächeln, wie er sein Haar ein wenig lockerer um sein Gesicht
schüttelt. Er kann sein Gesicht nicht berühren, denn die Hände sind ihm
gebunden.
Auf der Vortreppe einer Kirche steht, in Erwartung der Karren, der
Spion. Er blickt in den ersten: er ist nicht drin. Er blickt in den
zweiten: er ist nicht drin. Er fragt sich schon, hat er mich geopfert?
als sein Gesicht bei dem Erblicken des dritten Karrens sich aufhellt.
„Welches ist Evrémonde?“ fragt ein Mann hinter ihm.
„Der dort. Hinten im Karren.“
„Der seine Hand dem Mädchen gegeben hat?“
„Ja.“
Der Mann schreit: „Nieder mit Evrémonde! Unter die Guillotine alle
Aristokraten.“
„Nieder mit Evrémonde.“
„Still, still!“ bittet ihn der Spion schüchtern.
„Warum soll ich nicht, Bürger?“
„Er bezahlt seinen Einsatz; in fünf Minuten ist es vorbei. Laßt ihn in
Frieden fahren.“
Da aber der Mann fortfuhr zu schreien: „Nieder mit Evrémonde!“ wendet
sich ihm für einen Augenblick Evrémondes Gesicht zu. Jetzt sieht auch
Evrémonde den Spion, sieht ihn aufmerksam an und fährt vorüber.
Es ist gleich drei Uhr und die durch das Volk gepflügte Furche wendet
sich, um auf den Hinrichtungsplatz auszumünden. Die Raine, die zu
beiden Seiten aufgeworfen worden, fallen jetzt wieder zusammen und
schließen sich hinter dem letzten Pfluge, wie er vorbei ist, denn alle
folgen nach der Guillotine. Ihr gegenüber sitzen auf Stühlen, wie in
einem öffentlichen Garten, wo Concert ist, eine Anzahl Frauen, eifrig
mit Stricken beschäftigt. Auf einen der vordersten Stühle steht der
Racheengel und sieht sich nach der Freundin um.
„Therese!“ ruft sie in ihrer gellenden Stimme. „Wer hat sie gesehen?
Therese Defarge!“
„Sie hat noch nie gefehlt,“ sagt eine Strickschwester neben ihr.
„Nein; und sie wird auch heute nicht fehlen,“ sagt der Racheengel
ärgerlich. „Therese!“
„Lauter,“ empfiehlt die andere.
Ja! Lauter, Racheengel, viel lauter und dennoch wird sie dich
schwerlich hören. Noch lauter, Racheengel, vielleicht mit einem Fluche
verstärkt und doch wirst du sie kaum herbei schaffen. Schicke andere
Frauen aus um sie zu suchen, wo sie verweilt; und obgleich deine Boten
Schreckliches gethan haben, ist es doch fraglich, ob sie freiwillig
weit genug gehen werden, um sie zu finden.
„Wie ärgerlich!“ rief der Racheengel aus und stampfte mit dem Fuße;
„und da kommen die Karren! und Evrémonde wird in einem Nu hingerichtet
sein und sie ist nicht da! Hier habe ich ihr Strickzeug in der Hand und
ihr leerer Stuhl steht neben mir. Ich möchte vor Verdruß und Aerger
weinen!“
Wie der Racheengel von seiner Höhe herabsteigt, um Dies zu thun, fangen
die Karren an, sich ihrer Ladung zu entledigen. Die Priester der
heiligen Guillotine haben ihr Gewand angethan und stehen bereit. Krach!
-- ein Haupt wird in die Höhe gehalten und die Strickerinnen, die kaum
aufgeblickt haben um es vor einer Sekunde anzusehen, wo es noch denken
und sprechen konnte, zählen Eins.
Der zweite Karren entleert sich und fährt weiter; der dritte kommt
heran. Krach! -- und die Strickerinnen, die sich ihrer Arbeit nicht
stören lassen, zählen Zwei.
Der vermeintliche Evrémonde steigt aus und die Nähterin wird gleich
hinter ihm herabgehoben. Er hat beim Heraussteigen ihre geduldige Hand
nicht losgelassen, sondern hält sie immer noch, wie er versprochen hat.
Sanft wendet er sie so, daß sie der Maschine, die sich fortwährend
rasselnd auf und nieder bewegt, den Rücken zukehrt, und sie sieht ihm
dankend ins Gesicht.
„Ohne Euch, lieber Fremder, wäre ich nicht so gefaßt; denn ich bin von
Natur ein armes kleines Geschöpf von zaghaftem Herzen; noch wäre ich im
Stande gewesen meine Gedanken zu ihm zu erheben, der den Tod erlitten
hat, damit wir heute Hoffnung und Trost haben. Ich glaube der Himmel
hat Euch mir gesendet.“
„Oder auch mir,“ sagte Sydney Carton. „Wendet Eure Augen nicht von mir,
liebes Kind, und achtet auf weiter Nichts.“
„Ich achte auf Nichts, so lange ich Eure Hand halte. Ich werde auf
Nichts achten, wenn ich sie los lasse, wenn es schnell geht.“
„Es wird schnell gehen. Fürchtet Euch nicht.“
Die Beiden stehen in dem immer dünner werdenden Gedränge der Opfer,
aber sie sprechen als ob sie allein wären. Auge in Auge, Hand in Hand,
Herz an Herz, sind sich diese beiden Kinder der allgemeinen Mutter,
sonst so weit getrennt und so verschieden von einander, auf der dunkeln
Straße zum Tode begegnet, um mit einander nach der Heimath zu gehen und
an ihrem Busen zu ruhen.
„Edler und großmüthiger Freund, wollt Ihr mir eine letzte Frage
erlauben? Ich bin sehr unwissend und es beunruhigt mich -- ein klein
wenig.“
„Sagt mir was es ist.“
„Ich habe eine Base, meine einzige Verwandte und eine Waise, wie
ich, der ich sehr gut bin. Sie ist fünf Jahre jünger als ich und sie
wohnt auf einem Pachtgute, unten im Süden. Armuth hat uns auseinander
gerissen und sie weiß nicht, was aus mir geworden ist -- denn ich
kann nicht schreiben -- und wenn ich’s könnte, wie sollte ich es ihr
mittheilen! es ist besser so, wie es ist.“
„Ja, ja; es ist besser so, wie es ist.“
„Was ich gedacht habe, wie wir hierher fuhren und was ich immer noch
denke, wie ich in Euer freundliches und doch muthiges Gesicht sehe, das
mich so aufrecht erhält, ist Folgendes: -- wenn die Republik wirklich
den Armen gut thut und sie weniger zu hungern brauchen, und sie in
jeder Weise weniger leiden, so kann sie lange leben; sie kann sogar zu
hohen Jahren kommen.“
„Was weiter, liebe Schwester?“
„Meint Ihr“ -- die Augen die so voll stiller Duldung gewesen, füllten
sich mit Thränen und die Lippen öffnen sich etwas weiter und zittern
ein wenig -- „meint Ihr, daß es mir lange vorkommen wird, während ich
auf sie in dem bessern Lande warte, wo, vertraue ich, Ihr und ich
barmherzige Aufnahme finden werden.“
„Es kann nicht sein, Kind; dort giebt es keine Zeit und keinen Kummer.“
„Ihr tröstet mich so sehr! ich bin so unwissend. Soll ich Euch jetzt
küssen? Ist der Augenblick da?“
„Ja.“
Sie küßt seinen Mund; er küßt sie; sie geben sich feierlich den Segen.
Die abgezehrte Hand zittert nicht, wie er sie los läßt; das stille
Gesicht trägt keinen andern Ausdruck als den lieblicher, hoffender
Standhaftigkeit. Sie geht ihm zunächst voraus -- ist hinüber; die
Strickerinnen zählen: Zweiundzwanzig.
„Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubet, der wird
ewiglich leben, ob er auch stürbe; wer aber lebet und glaubet an mich,
der wird nimmermehr sterben.“
Das Murmeln vieler Stimmen, das Emporrecken vieler Gesichter, das
Drängen von den äußersten Rändern des Gewühls, so daß es in einer Masse
vorwärts wogt, wie eine große Meereswelle, sind alle wie ein Blitz
vorüber. Dreiundzwanzig.
* * * * *
Sie sagten von ihm in der Stadt an jenem Abend, daß es das friedlichste
Menschengesicht gewesen, das jemals dort erblickt worden. Manche
setzten hinzu, daß er erhaben und prophetisch ausgesehen.
Eines der bemerkenswerthesten Opfer desselben Beiles -- eine Frau --
hatte nicht lange vorher am Fuße desselben Schaffots um Erlaubniß
gebeten, die Gedanken, die sie erfüllten, niederschreiben zu dürfen.
Hätte er seine Gedanken aussprechen können, und sie waren prophetisch
-- so hätten sie so gelautet:
„Ich sehe Barsad und Cly, Defarge, den Racheengel, die Geschworenen,
die Richter, lange Reihen von neuen Tyrannen die nach der Vernichtung
der alten entstanden sind, durch dieses selbige vergeltende Instrument
untergehen, ehe diese Blutzeit vorüber ist. Ich sehe eine schöne Stadt
und ein glänzendes Volk aus diesem Abgrunde sich erheben, und in
seinen Kämpfen wahrhaft frei zu sein, in seinen Siegen und Niederlagen
durch eine lange, lange Reihe von Jahren, das Böse dieser Zeit und der
Vergangenheit, deren natürlicher Sprößling die Gegenwart ist, allmälich
Sühne für sich thun und verschwinden.
„Ich sehe die Menschenleben, für die ich mein Leben hingebe, in
friedlichem und segenspendendem Glücke in dem England, das ich nie
wieder sehen werde. Ich sehe ~sie~, mit einem Kinde an der Brust,
das meinen Namen trägt. Ich sehe ihren Vater, alt und gebeugt, aber
sonst wieder hergestellt und allen Menschen ein hülfreicher Arzt und
mit sich im Frieden. Ich sehe den guten Alten, ihren langjährigen
Freund, nach Ablauf von zehn Jahren ihnen sein ganzes Vermögen
vermachen und ruhig hinüber gehen zu seinem Lohne.
„Ich sehe, daß ich ein Heiligthum in ihren Herzen und in den Herzen
ihrer Nachkommen noch nach Menschenaltern inne habe. Ich sehe sie,
eine alte Matrone, mich bei der Wiederkehr dieses Tages beweinen. Ich
sehe sie und ihren Gatten nach vollendeter Laufbahn nebeneinander in
ihrer letzten irdischen Ruhestätte liegen, und ich weiß, daß keines der
beiden Herzen das andere mehr geehrt und heilig gehalten, als diese
beiden mich.
„Ich sehe das Kind, das an ihrer Brust lag und meinen Namen trug,
zum Manne werden, und sich glücklich auf der Lebenslaufbahn vorwärts
arbeiten, die einst die meinige war. Ich sehe ihn so siegreich am Ziele
stehen, daß mein Name durch den Glanz des seinigen berühmt wird. Ich
sehe die Flecken, die ich darauf brachte, verschwinden. Ich sehe ihn,
als den ersten unter gerechten Richtern und geehrten Männern, einen
Knaben meines Namens mit einer Stirn die ich kenne und goldenem Haar an
diese Stelle führen -- die dann freundlich aussehen wird und frei von
jedem entstellenden Flecken dieses Tages -- und ich höre ihn, wie er
dem Kinde mit weicher und zitternder Stimme meine Geschichte erzählt.
„Was ich thue ist etwas viel, viel Besseres, als ich jemals gethan; die
Ruhe zu der ich eingehe ist viel seliger, als ich sie jemals gekannt
habe.“
~Ende.~
Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber in Leipzig.
Die Liebe.
Von
J. Michelet
Mitglied der französischen Akademie.
Deutsche, vom Verfasser autorisirte Ausgabe,
übersetzt von
F. Spielhagen.
Zweite durchgesehene Auflage.