Als man ihn fortführte, lies ihn seine Frau los und sah ihm nach mit

zum Gebet gefalteten Händen und mit einem strahlenden Ausdruck auf

ihrem Antlitz, in welchem selbst ein tröstendes Lächeln war. Als er

durch die Gefangnenthür verschwand, wendete sie sich um, legte ihren

Kopf zärtlich an ihres Vaters Brust, versuchte zu sprechen und sank

bewußtlos zu seinen Füßen nieder.

Da trat aus der dunkeln Ecke, die er nie verlassen hatte, Sydney Carton

hervor und hob sie auf. Nur ihr Vater und Mr. Lorry waren bei ihr. Sein

Arm zitterte als er sie in die Höhe hob und ihren Kopf unterstützte.

Aber in seinem Gesicht sprach sich nicht blos Mitleid aus, -- es lag

auch ein Anflug von Stolz darin.

„Soll ich sie nach einem Wagen tragen? Ich fühle ihre Last nicht.“

Er trug sie leichten Schrittes nach der Thür und legte sie mit

zärtlicher Sorgfalt in eine Kutsche. Ihr Vater und ihr alter Freund

stiegen hinein und er nahm neben dem Kutscher Platz.

Als sie den Thorweg erreichten, wo er vor wenigen Stunden noch

gestanden um sich im Dunkeln auszumalen, auf welche Steine des rauhen

Pflasters sie den Fuß gesetzt, hob er sie wieder aus dem Wagen und trug

sie die Treppe hinauf in ihre Wohnung. Dort legte er sie auf ein Lager,

wo ihre Tochter und Miß Proß über sie weinten.

[Illustration: ~Nach der Verurtheilung.~]

„Bringen Sie sie nicht zum Bewußtsein,“ sagte er leise zu der

Letzteren, „sie befindet sich besser so; bringen Sie sie nicht zu sich,

so lange sie nur an Ohnmachten leidet.“

„Ach Carton, Carton, lieber Carton!“ rief die kleine Lucie, indem sie

ihn in einem leidenschaftlichen Ausbruche des Schmerzes mit ihren

Aermchen umschlang. „Jetzt, wo Du gekommen bist, wirst Du gewiß Etwas

thun um Mama zu helfen und Papa zu retten! Ach siehe sie nur an, lieber

Carton! Kannst Du, von allen Leuten, die sie lieb haben, ertragen, sie

so zu sehen?“

Er beugte sich über die Kleine herab und legte ihre blühende Wange an

sein Gesicht. Dann schob er sie sanft bei Seite und betrachtete ihre

bewußtlos daliegende Mutter.

„Ehe ich gehe,“ sagte er und stockte. -- „Darf ich sie küssen?“

Man erinnerte sich später, daß, als er sich über sie beugte und ihre

Stirne mit seinen Lippen berührte, er halblaut einige Worte gesprochen.

Die kleine Lucie, die ihm zunächst stand erzählte später, und erzählte

noch ihren Enkeln, als sie eine schöne alte Dame war, daß sie ihn sagen

hörte: „ein Leben das Sie lieben.“

Als er hinaus in das nächste Zimmer gegangen war, wendete er sich

plötzlich zu Mr. Lorry und ihren Vater um, die ihm folgten und sagte zu

letzterem:

„_Dr._ Manette, Sie hatten noch gestern großen Einfluß; machen Sie

noch einen Versuch. Diese Richter und alle diese Machthaber sind Ihnen

sehr befreundet und für Ihre Dienste sehr dankbar; nicht wahr?“

„Nichts, was sich auf Charles bezog blieb mir verborgen. Ich hatte die

stärksten Zusicherungen, daß ich ihn retten würde; und es gelang mir.“

Er gab die Antwort in großer Unruhe und sehr langsam.

„Versuchen Sie noch einmal. Es sind nur wenige kurze Stunden bis morgen

Nachmittag, aber machen Sie den Versuch.“

„Ich gedenke den Versuch zu machen. Ich will keinen Augenblick zögern.“

„Das ist gut. Ich habe erlebt, daß Energie wie die Ihrige große Dinge

ausgerichtet hat -- obgleich,“ setzte er zugleich mit einem Lächeln

und einem Seufzer hinzu, „noch nie so große Dinge. Aber machen Sie den

Versuch! So wenig werth das Leben ist, wenn wir es schlecht anwenden,

so ist es doch diese Bemühung werth. Wenn das nicht der Fall wäre,

kostete es kein Opfer es hinzugeben.“

„Ich gehe auf der Stelle zu dem Ankläger und dem Vorsitzenden,“ sagte

_Dr._ Manette, „und noch zu anderen, die ich lieber nicht nennen

will. Ich will auch schreiben und -- aber halt! es ist eine öffentliche

Festlichkeit und Niemand wird vor Dunkelwerden zu Hause zu finden sein.“

„Das ist wahr. Nun, es ist im besten Falle eine verzweifelte Hoffnung

und nicht viel verzweifelter, wenn sie bis Dunkelwerden aufgeschoben

wird. Ich möchte gern wissen, was Sie ausrichten; obgleich ich sagen

muß, ich hoffe nichts! Wann denken Sie diese Leute gesehen zu haben,

_Dr._ Manette?“

„Unmittelbar nach Dunkelwerden, hoffe ich. In den nächsten ein oder

zwei Stunden.“

„Es wird bald nach Vier finster. Nehmen wir die längste Frist an. Wenn

ich um 9 Uhr zu Mr. Lorry komme, werde ich dann von unserm Freunde oder

von Ihnen selbst hören können, was Sie ausgerichtet haben?“

„Ja.“

„Ich wünsche Ihnen viel Glück!“

Mr. Lorry folgte Sydney nach der Saalthür, legte die Hand auf seine

Schulter als er gehen wollte, und veranlaßte ihn dadurch sich

umzudrehen.

„Ich habe keine Hoffnung,“ sagte Mr. Lorry mit gedämpfter und

bekümmerter Stimme.

„Ich auch nicht.“

„Wenn einer von diesen Männern, oder alle geneigt wären ihm das Leben

zu lassen -- was eine starke Voraussetzung ist; denn was ist ihnen sein

oder jedes anderen Menschen Leben! -- so bezweifle ich, daß sie es,

nach der Demonstration im Gerichtssaale, wagen dürften.“

„Das thue ich auch. In diesem Geheul hörte ich den Fall des Beiles.“

Mr. Lorry lehnte sich mit dem Arm gegen das Thürgewände und legte sein

Gesicht darauf.

„Lassen Sie den Muth nicht sinken,“ sagte Carton sehr sanft, „weinen

Sie nicht. Ich bestärkte _Dr._ Manette in diesem Vorsatze, weil

ich fühlte, daß der Gedanke daran ihr eines Tages tröstlich sein würde.

Sonst könnte sie denken: „„sein Leben wurde leichtsinnig hingegeben“

und das könnte ihr Kummer machen.“

„Ja, ja, ja“ entgegnete Mr. Lorry, und trocknete sich die Augen, „Sie

haben Recht. Aber er wird sterben; es ist keine Hoffnung mehr.“

„Ja. Er wird sterben; es ist keine Hoffnung mehr,“ gab Carton zurück.

Und ging mit festem Schritte die Treppe hinab.

Zwölftes Kapitel.

~Nacht.~

Sydney Carton stand auf der Straße, ohne recht zu wissen, wohin er

gehen sollte. „In Tellsons Comptoir um 9 Uhr,“ sagte er nachdenklich.

„Ist es gut, wenn ich mich unterdessen zeige? Ich glaube. Es ist das

Beste, daß diese Leute wissen es ist ein Mann wie ich bin, hier. Es

ist eine gute Vorsichtsmaßregel und kann eine nothwendige Vorbereitung

sein. Aber ruhig, ruhig! Ich muß es erst ausdenken.“

Er hemmte seine Schritte, die sich bereits seinem Ziele zugewendet

hatten, ging noch einigemal in der bereits dunkel werdenden Straße auf

und ab und verfolgte den Gedanken bis in seine letzten Consequenzen.

Sein erster Eindruck ward nur bestätigt. „Es ist das Beste,“ sagte er

zuletzt, „wenn diese Leute wissen, daß ein Mann wie ich bin, hier

ist.“ Und er wendete seine Schritte St. Antoine zu.

Defarge hatte sich bei Gelegenheit der Gerichtsverhandlung „Inhaber

eines Weinschanks in der Vorstadt St. Antoine“ genannt. Für einen der

die Stadt kannte war es nicht schwer, sein Haus zu finden, ohne weiter

zu fragen. Nachdem sich Carton seiner Lage vergewissert, verließ er

wieder diese engeren Straßen, speiste bei einem Restaurant und sank

nach dem Essen in einen gesunden Schlaf. Zum ersten Male seit vielen

Jahren hatte er kein starkes Getränk genossen. Seit gestern Nacht

hatte er nichts getrunken als ein paar Glas leichten, dünnen Wein, und

vorige Nacht hatte er den Branntwein langsam auf Mr. Lorry’s Heerd

ausgegossen, wie Jemand, der damit nichts mehr zu thun hat.

Es war 7 Uhr als er erfrischt aufwachte, und auf die Straße hinaustrat.

Auf dem Wege von St. Antoine blieb er vor einem Ladenfenster stehen, wo

sich ein Spiegel befand und band sein loses Halstuch etwas anders, zog

sich den Rockkragen zurecht und ordnete sein Haar. Als er damit fertig

war, suchte er Defarge’s Weinschank auf und trat ein.

Es war zufällig kein Gast im Laden als Jaques Drei mit den ruhelosen

Fingern und der krächzenden Stimme. Dieser Mann, den er unter

den Geschwornen gesehen hatte, stand vor dem kleinen Ladentische

in Gespräch mit den beiden Defarge’s. Der Racheengel nahm an der

Unterhaltung Theil, wie ein ordentliches Mitglied der Wirthschaft.

Als Carton eintrat, Platz nahm und (in ziemlich schlechtem Französisch)

ein Glas Wein verlangte, warf Madame Defarge erst einen achtlosen

Blick auf ihn, dann einen aufmerksameren, und dann einen noch

aufmerksameren, und trat dann selbst an seinen Tisch und fragte ihn,

was er bestellt habe.

Er wiederholte was er schon gesagt hatte.

„Engländer?“ fragte Madame Defarge, indem sie fragend ihre dunkeln

Augenbrauen in die Höhe zog.

Nachdem er sie angesehen, als ob er selbst ein einzelnes französisches

Wort nur langsam verstände, gab er mit seinem früheren, stark

ausgeprägten, fremden Accent zur Antwort: „Ja Madame, ja. Ich bin

Engländer.“

Madame Defarge kehrte an den Ladentisch zurück um den Wein

einzuschenken, und als er eine Jakobinerzeitung nahm und sich stellte,

als ob er mit schwerem Bemühen sie zu verstehen versuchte, hörte er sie

sagen: „ich schwöre es euch, ganz wie Evrémonde.“

Defarge brachte ihm den Wein und sagte ihm „guten Abend.“

„Wie?“

„Guten Abend.“

„Ah! guten Abend, Bürger,“ sagte er und schenkte dabei sein Glas ein.

„Ah! und guter Wein. Es lebe die Republik!“

Defarge trat an den Ladentisch zurück und sagte: „er sieht ihm

allerdings ein Wenig ähnlich.“ Madame erwiderte mit Entschiedenheit:

„ich sage Dir, er sieht ihm sehr ähnlich.“ Jaques Drei bemerkte

friedenstiftend: „Das kommt daher, daß Ihr soviel an ihn denkt,

Bürgerin.“ Der liebenswürdige Racheengel setzte lachend hinzu: „ja

meiner Treu! und Du freuest Dich so sehr darauf ihn morgen noch einmal

zu sehen!“

Carton folgte den Zeilen und Worten seiner Zeitung mit langsamem

Zeigefinger und aufmerksamem und in sich versunkenem Gesicht. Sie

lehnten alle mit den Armen auf dem Ladentische und steckten, leise

sprechend, die Köpfe zusammen. Nach einem Schweigen von einigen

Augenblicken, während welchem sie ihn Alle angesehen hatten, ohne daß

er sich dadurch in seiner Lectüre stören ließ, setzten sie ihr Gespräch

fort.

„Es ist richtig, was Madame sagt,“ bemerkte Jaques Drei. „Warum

aufhören? Darin liegt viel Wahres. Warum aufhören?“

„Nun ja,“ warf Defarge ein, „aber einmal aufhören muß man doch. Im

Grunde ist die Frage immer noch wo?“

„Mit der Ausrottung,“ sagte Madame.

„Prächtig,“ krächzte Jaques Drei. Auch der Racheengel gab höchst

befriedigt seine Zustimmung.

„Ausrottung ist ein guter Grundsatz, Frau,“ sagte Defarge etwas

beunruhigt; „im Allgemeinen sage ich Nichts dagegen. Aber dieser Doctor

hat viel gelitten; Ihr habt ihn heute gesehen; Ihr habt sein Gesicht

beobachtet, wie das Papier gelesen ward.“

„Ich habe sein Gesicht beobachtet!“ wiederholte Madame verächtlich und

zornig. „Ja, ich habe sein Gesicht beobachtet. Ich habe gesehen, daß es

nicht das Gesicht eines wahren Freundes der Republik ist. Er mag sein

Gesicht in Acht nehmen.“

„Und Du hast den Schmerz seiner Tochter gesehen,“ sagte Defarge in

begütigendem Tone, „der schrecklicher Schmerz für ihn sein muß!“

„Ich habe seine Tochter gesehen!“ wiederholte Madame; „ja, ich habe

seine Tochter gesehen, mehr als einmal. Ich habe sie heute beobachtet

und habe sie zu andern Zeiten beobachtet. Ich habe sie beobachtet im

Gerichtssaal und ich habe sie auf der Straße beim Gefängniß beobachtet.

Ich brauche nur den Finger aufzuheben --!“ Sie schien ihn aufzuheben

(Cartons Augen verließen die Zeitung nicht) und ihn mit einem Klirren

auf dem Tisch vor sich fallen zu lassen, als ob das Beil gefallen wäre.

„Die Bürgerin ist herrlich!“ krächzte der Geschworene.

„Sie ist ein Engel,“ sagte der Racheengel und umarmte sie.

„Was Dich betrifft,“ fuhr Madame in unversöhnlichen Tone zu ihrem

Gatten gewendet, fort, „so würdest Du, wenn es von Dir abhinge -- was

glücklicher Weise nicht der Fall ist -- noch heute diesen Mann retten.“

„Nein!“ protestirte Defarge. „Nicht wenn es durch Indiehöhenehmen

dieses Glases geschehen könnte! Aber ich würde dabei stehen bleiben.

Ich sage, hört hier auf.“

„Seht Ihr also, Jaques,“ sagte Madame Defarge zornig „und siehe auch Du

mein Racheengel! Jetzt hört! Wegen anderer Verbrechen als Tyrannen und

Volksbedrücker habe ich dieses Geschlecht seit langer Zeit auf meinem

Register verurtheilt zur Vernichtung und Ausrottung. Fragt meinen Mann,

ob es nicht an dem ist.“

„Es ist an dem.“ sagte Defarge ohne gefragt zu werden.

„Im Anfang der großen Tage, als die Bastille fiel, findet er das

heutige Papier und bringt es mit nach Hause. Und mitten in der Nacht,

wo hier alles fort und alles draußen zugeschlossen ist, lesen wir es

hier auf dieser Stelle bei dem Scheine dieser Lampe. Fragt ihn, ob es

nicht an dem ist.“

„Es ist an dem,“ stimmte Defarge bei.

„Diese Nacht sage ich ihm, als wir das Papier gelesen haben und die

Lampe ausgebrannt ist, und der Tag über diese Laden und durch diese

eisernen Gitter hereinscheint, daß ich nun ein Geheimniß mitzutheilen

habe. Fragt ihn, ob es nicht an dem ist.“

„Es ist an dem,“ stimmte Defarge wieder bei.

„Ich theile ihm dieses Geheimniß mit. Ich schlage mit diesen beiden

Händen diese Brust, wie ich es jetzt thue und sage zu ihm. „„Defarge,

ich ward unter den Fischern am Meeresstrand erzogen und diese von

den beiden Evrémondes so schwer verletzte Bauernfamilie, von der

dieses Papier erzählt, ist meine Familie. Defarge, diese Schwester

des tödtlich verwundeten Knaben war meine Schwester, dieser Gatte war

meiner Schwester Gatte, dieses neugeborne Kind war ihr Kind, dieser

Bruder war mein Bruder, dieser Vater war mein Vater, diese Todten

sind meine Todten und diese Ladung, sich wegen dieser Sachen zu

verantworten, habe ich geerbt. Fragt ihn, ob es an dem ist.“

„Es ist an dem,“ stimmte Defarge noch einmal bei.

„Dann gebietet dem Sturme und dem Feuer Stillstand,“ entgegnete Madame,

„aber nicht mir.“

Ihre beiden Zuhörer schienen einen köstlichen Genuß in dem

todtbringenden Charakter ihres Hasses zu finden -- Carton konnte fühlen

wie bleich ihr Gesicht war, ohne sie zu sehen -- und beide zollten ihr

hohe Lobsprüche. Defarge, eine schwache Minorität, sagte einige Worte

zur Erinnerung an die mitleidige Gemahlin des Marquis, aber brachte von

seiner Frau weiter nichts heraus, als eine Wiederholung ihrer letzten

Antwort: „gebiete dem Sturme und dem Feuer Stillstand; nicht mir!“

Gäste traten ein und die Gruppe löste sich auf. Der englische Gast

bezahlte, was er genossen hatte, zählte das Geld, was er herausbekam,

nach, ohne sich damit zurecht finden zu können, und fragte als Fremder

nach dem Wege nach dem Nationalpalast. Madame Defarge brachte ihn bis

an die Thür, nahm seinen Arm und wies ihm die Richtung. Der englische

Gast dachte dabei, daß es eine gute That sein könnte, diesen Arm zu

packen, ihn empor zu heben, und scharf und tief darunter zu stoßen.

Aber er ging seines Weges und war bald in dem Schatten der

Gefängnißmauer verschwunden. Zur bestimmten Stunde kam er aus demselben

hervor um wieder in Mr. Lorry’s Zimmer zu erscheinen, wo er den alten

Herrn in ruheloser Angst auf- und abgehend fand. Er sagte, er wäre bis

vor kurzem bei Lucien gewesen und hätte sie nur auf wenige Minuten

verlassen, um der Verabredung gemäß hier zu sein. Ihr Vater war,

seitdem er das Bankhaus gegen 4 Uhr verlassen, nicht wiedergesehen

worden. Sie hatte einige schwache Hoffnung, daß seine Vermittlung

Charles retten könnte; aber sie war sehr schwach. Er war jetzt mehr als

fünf Stunden vom Hause weg: wo konnte er sein?

Mr. Lorry wartete bis Zehn; da aber _Dr._ Manette nicht

zurückkehrte und er Lucien nicht allein lassen wollte, so kamen sie

überein, daß er wieder zu ihr gehen und um Mitternacht noch einmal nach

dem Bankhause kommen sollte. Unterdessen wollte Carton allein bei dem

Feuer auf den Doctor warten.

Er wartete und wartete und die Uhr schlug Zwölf; aber _Dr._

Manette kehrte nicht zurück. Mr. Lorry kam wieder und brachte keine

Kunde von ihm. Wo konnte er sein?

Sie besprachen noch diese Frage und waren fast geneigt den Schatten

einer Hoffnung auf seine verlängerte Abwesenheit zu bauen, als sie ihn

auf der Treppe hörten. So wie er in das Zimmer trat war es offenbar,

daß Alles verloren war.

Ob er wirklich bei Jemandem gewesen war, oder ob er während dieser

ganzen Zeit die Straßen durchwandert hatte, ist nie bekannt geworden.

Wie er dastand und sie anstierte, wendeten sie sich mit keiner Frage an

ihn; denn sein Gesicht sagte ihnen Alles.

„Ich kann sie nicht finden,“ sagte er, „und ich muß sie haben. Wo ist

sie?“

Kopf und Hals waren bloß und wie er einen hülflosen Blick ringsum

schweifen ließ, zog er seinen Rock aus und ließ ihn auf den Fußboden

fallen.

„Wo ist meine Bank? Ich habe sie überall gesucht und kann sie nicht

finden. Wo habt Ihr meine Arbeit hingethan? Die Zeit drängt: ich muß

die Schuhe fertig machen.“

Sie sahen sich einander an und die letzte Hoffnung entschwand aus ihrem

Herzen.

„Bitte, bitte!“ sagte er mit weinerlicher Stimme; „gebt mir meine

Arbeit.“

Da er keine Antwort erhielt, raufte er sich das Haar und stampfte mit

dem Fuße auf den Boden, wie ein Kind das seinen Willen nicht hat.

„Quälen Sie nicht einen armen, unglücklichen Mann,“ bat er dann mit

einem herzzerreißenden Aufschrei; „geben Sie mir meine Arbeit! Was soll

aus uns werden, wenn diese Schuhe heute Nacht nicht fertig werden?“

Von Sinnen, rein von Sinnen!

Es war so offenbar nutzlos ihm verständig zuzusprechen, oder zu

versuchen ihn zu sich zu bringen, daß jeder von den Beiden, wie auf

Verabredung, eine Hand auf seine Schulter legte und ihn durch das

Versprechen, sie wollten ihm seine Arbeit schaffen, bewogen, vor dem

Feuer Platz zu nehmen. Er sank in den Stuhl, stierte in die Kohlen und

fing an zu weinen. Als ob Alles, was seit der Dachstubenzeit geschehen

war ein flüchtiger Traum gewesen, sah Mr. Lorry ihn zu derselben

Gestalt zusammenschrumpfen, die Defarge unter seiner Obhut gehabt hatte.

Gerührt und zugleich erschrocken über diesen plötzlichen Zusammensturz,

wie sie alle beide waren, hatten sie doch nicht Zeit sich solchen

Empfindungen hinzugeben. Seine alleinstehende Tochter, ihrer letzten

Hoffnung und Stütze beraubt, sprach zu mächtig zu ihnen. Wieder sahen

sie sich wie verabredet mit einem und demselben Worte auf den Lippen

an. Carton sprach zuerst:

„Die letzte Hoffnung ist hin; sie war nicht groß. Ja; es ist das Beste

Sie bringen ihn hin zu ihr. Aber wollen Sie, bevor Sie gehen, mir noch

für einen Augenblick aufmerksames Gehör schenken? Fragen Sie nicht nach

dem Warum der Bedingungen die ich stellen werde, und des Versprechens

das ich zu fordern gedenke; ich habe einen Grund -- einen triftigen

Grund.“

„Ich bezweifele es nicht,“ gab Mr. Lorry zur Antwort. „Fahren Sie fort.“

Die Gestalt auf dem Stuhle zwischen ihnen wiegte sich unterdessen

stöhnend vorwärts und rückwärts. Sie sprachen in demselben Tone, wie

wenn sie des Nachts bei einem Krankenbette wachten.

Carton bückte sich um den Rock aufzuheben, der fast unter seinen Füßen

lag. Während er dies that, fiel ein Brieftäschchen heraus, in welchem

der Doctor gewöhnlich seine Tagesbesuche verzeichnete. Carton hob es

auf und fand ein zusammengebrochenes Papier darin. „Wir sollten Das

wohl ansehen?“ sagte er. Mr. Lorry nickte zustimmend. Er schlug es

auseinander und rief aus. „Gott sei Dank!“

„Was ist es!“ fragte Mr. Lorry begierig.

„Einen Augenblick! ich komme gleich darauf. Erstlich,“ er steckte die

Hand in die Tasche und brachte ein anderes Papier heraus, „hier ist das

Certificat, welches mir erlaubt, diese Stadt zu verlassen. Sehen Sie

es an. Sie sehen -- Sydney Carton, ein Engländer?“

Mr. Lorry hielt es aufgeschlagen in seiner Hand und sah in sein ernstes

Gesicht.

„Heben Sie es bis Morgen für mich auf. Ich sehe ihn morgen, wie Sie

wissen und es ist besser ich nehme es nicht mit in’s Gefängniß.“

„Warum nicht?“

„Ich weiß nicht; es ist mir lieber so. Jetzt nehmen Sie dies Papier,

das _Dr._ Manette in seiner Tasche trug. Es ist ein ähnliches

Certificat, welches ihn und seine Tochter und ihr Kind in den Stand

setzt zu jeder Zeit zum Thor hinaus und über die Grenze zu kommen.

Nicht wahr?“

„Ja!“

„Vielleicht hat er es sich gestern als letzte und äußerste

Vorsichtsmaßregel verschafft. Von welchem Tage ist es datirt? aber

das thut nichts zur Sache; sehen Sie nicht erst nach; legen Sie es

sorgfältig zu meinem und zu Ihrem Paß. Jetzt merken Sie wohl auf!

Erst in den letzten paar Stunden wurde ich ungewiß, ob er einen

solchen Erlaubnißschein hätte oder haben könnte. Er ist gut bis er

zurückgenommen wird. Aber er kann zurückgenommen werden und ich habe

Grund zu glauben, daß Dies sehr bald geschehen wird.“

„Sie sind nicht in Gefahr?“

„Sie sind in großer Gefahr. Sie sind in Gefahr einer Anklage von Madame

Defarge. Ich weiß es von ihren eigenen Lippen. Ich habe heute Abend

von dieser Frau Aeußerungen belauscht, welche mir ihre Gefahr als

sehr nahe und bedrohlich darstellten. Ich habe keine Zeit verloren

und seitdem mit dem Spion gesprochen. Er bestätigt meine Befürchtung.

Er weiß, daß ein Holzhacker, der nicht weit von dem Gefängniß wohnt,

mit den Defarges in Verbindung steht und von Madame Defarge verhört

worden ist und ihr gesagt hat, daß er gesehen hätte, wie ~sie~“

-- er nannte nie Luciens Namen -- „mit Gefangenen Zeichen und Signale

gewechselt hat. Es ist leicht vorauszusehen, daß der Vorwand der

gewöhnliche sein wird, eine Gefängnißverschwörung, und daß ihr Leben

auf dem Spiele steht -- und vielleicht das ihres Kindes -- und

vielleicht das ihres Vaters -- denn man hat beide mit ihr an jenem Orte

gesehen. Machen Sie kein so entsetztes Gesicht. Sie können sie noch

Alle retten.“

„Der Himmel gebe es, Carton! aber wie?“

„Das will ich Ihnen gleich sagen. Es kommt ganz auf Sie an und es kann

auf keinen bessern Mann ankommen. Diese neue Anklage wird jedenfalls

erst nach dem morgenden Tage eingereicht werden; wahrscheinlich

erst zwei oder drei Tage später; noch wahrscheinlicher eine Woche

später. Sie wissen, es ist ein todteswürdiges Verbrechen ein Opfer

der Guillotine zu betrauern. Sie und ihr Vater würden unzweifelhaft

sich dieses Verbrechens schuldig machen, und diese Frau (deren

Unversöhnlichkeit und Ausdauer im Haß ich gar nicht beschreiben kann)

würde warten, um damit noch ihre Sache zu verstärken und den Erfolg

doppelt sicher zu machen. Sie folgen mir?“

„So aufmerksam und mit so viel Vertrauen auf Das, was Sie sagen, daß

ich für den Augenblick selbst dieses Unglück vergesse,“ erwiederte er,

auf den Doctor deutend.

„Sie haben Geld, und können für die schnellsten Mittel, die Küste zu

erreichen, sorgen. Ihre Vorbereitungen, nach England zurückzukehren,

sind schon seit einigen Tagen vollendet. Morgen beizeiten halten Sie

Ihre Pferde bereit, daß sie um 2 Uhr Nachmittags reisefertig dastehen.“

„Es soll geschehen!“

Es lag Etwas so inbrünstiges und Muth einflößendes in seinem Tone,

daß die Stimmung auf Mr. Lorry überging und er so rasch war wie ein

Jüngling.

„Sie sind ein Mann von edlem Herzen. Sagte ich nicht, daß wir uns auf

keinen bessern verlassen könnten? Theilen Sie ihr noch heute Abend

mit, was Sie von der Gefahr wissen, die sie und ihr Kind und ihren

Vater bedroht. Heben Sie letzteres besonders hervor; denn sie würde ihr

schönes Haupt gern und willig neben dem ihres Gatten unter das Beil

legen.“ Seine Stimme zitterte einen Augenblick; dann fuhr er ruhiger

fort. „Um ihres Kindes und ihres Vaters willen prägen Sie ihr die

Nothwendigkeit ein, mit diesen Beiden und mit Ihnen zu dieser Stunde

Paris zu verlassen. Sagen Sie ihr, es sei ihres Gatten letzte Anordnung

gewesen. Sagen Sie ihr, daß mehr darauf ankommt, als sie zu glauben

oder zu hoffen wagen darf. Sie glauben, daß ihr Vater, selbst in diesem

traurigen Zustande, sich ihr fügen wird; meinen Sie nicht?“

„Ich bin dessen überzeugt.“

„Ich dachte mir es. Treffen Sie in aller Stille und Vollständigkeit

alle diese Vorbereitungen hier im Hofe so, daß Sie sogar alle schon im

Wagen sitzen. Sowie ich komme, nehmen Sie mich auf und fahren fort.“

„Ich warte also unter allen Umständen auf Sie?“

„Sie haben mein Certificat mit den übrigen, wie Sie wissen und heben

mir meinen Platz auf. Warten Sie blos darauf, daß mein Platz besetzt

ist und dann nach England!“

„Nun, dann hängt doch nicht alles von einem alten Manne ab, sondern ich

werde einen jungen und eifrigen Mann neben mir haben,“ sprach Mr. Lorry

und drückte seine eifrige, aber doch so ruhige und feste Hand.

Zwei Städte · 第 32 / 36 段