alle diese höheren Wesen mit uns gemeinen Hunden thun -- ohne Erbarmen
von ihm besteuert, gezwungen ohne Lohn für ihn zu arbeiten, gezwungen
unser Korn auf seiner Mühle zu mahlen, gezwungen Heerden von seinen
zahmen Vögeln mit der kümmerlichen Frucht unserer Felder zu füttern,
während wir bei Lebensstrafe nicht ein einziges Huhn für uns selbst
halten durften, ausgeplündert und ausgesaugt bis zu dem Grade, daß,
wenn wir einmal ein Stückchen Fleisch hatten, wir es bei verschlossener
Thür und zugemachten Laden voller Angst aßen, damit seine Leute
es nicht sähen und es uns wegnähmen -- ich sagte, wir wurden so
ausgesaugt, und niedergehetzt und gepeinigt, daß unser Vater sagte,
es sei eine schreckliche Sache ein Kind in die Welt zu setzen und wir
sollten lieber beten, daß unsere Weiber unfruchtbar blieben und unser
elendes Geschlecht ausstürbe!“
„Ich hatte vorher nie das Gefühl des Unterdrücktseins wie eine Flamme
hervorbrechen sehen. Ich hatte vermuthet, daß es irgendwo bei dem Volke
verborgen schlummern müsse; aber ich hatte es nie hervorbrechen sehen,
bis ich es bei diesem sterbenden Knaben sah.
„„Aber doch verheirathete sich meine Schwester, Doctor. Der Arme
kränkelte damals und sie heirathete ihren Geliebten, damit sie ihn in
ihrer Hütte pflegen könnte -- in unserer Hundehütte, wie sie dieser
Mann nennen würde. Sie war noch nicht viele Wochen verheirathet, als
dieses Mannes Bruder sie sah und Gefallen an ihr fand und dieser Mann
bat, sie ihm zu leihen -- denn wozu sind Ehemänner unter uns da! Er war
bereitwillig genug, aber meine Schwester war gut und tugendhaft und
haßte seinen Bruder mit einem nicht minder starken Hasse als ich. Was
thaten diese beiden nun um ihren Mann zu bewegen, sie zu bereden, ihm
den Willen zu thun?“
„Die Augen des Knaben die bis jetzt mich angesehen hatten, wendeten
sich jetzt langsam dem andern zu und ich sah in den beiden Gesichtern,
daß Alles wahr war. Selbst jetzt noch in dieser Bastille kann ich die
beiden entgegengesetzten Arten von Stolz sehen; bei dem Cavalier lauter
nachlässige Gleichgültigkeit; bei dem Bauer lauter niedergetretenes
Gefühl und leidenschaftliche Rache.
„„Sie wissen, Doctor, daß es zu den Rechten dieser Edelleute gehört
uns gemeine Hunde in Karren einzuspannen, und mit uns zu fahren. So
spannten sie ihn ein und fuhren mit ihm. Sie wissen es ist eins von
ihren Rechten, uns die ganze Nacht in ihren Gärten wachen zu lassen
um die Frösche zum Schweigen zu bringen, damit ihr edler Schlaf nicht
gestört werde. Sie ließen ihn die ganze Nacht hindurch im ungesunden
Nebel wachen und schickten ihn des Morgens wieder in das Geschirr.
Aber er ließ sich nicht bewegen. Nein! Als sie ihn eines Mittags
ausspannten, damit er esse -- wenn er Etwas zu essen finden konnte --
schluchzte er zwölfmal, einmal für jeden Schlag der Glocke, und starb
an ihrem Busen.“
„Nichts als der Entschluß alles erlittene Unrecht zu erzählen, hätte
den Knaben noch am Leben erhalten können. Er zwang die sich sammelnden
Schatten des Todes zurück, wie er seine geballte rechte Faust zwang
geballt zu bleiben und die Wunde zuzuhalten.
„„Dann entführte sie der Bruder mit der Erlaubniß und selbst mit der
Hülfe dieses Mannes; trotz dem, was sie seinem Bruder gesagt haben muß
-- und was das war wird Ihnen nicht lange unbekannt bleiben, Doctor
-- sein Bruder nahm sie zu sich zu seinem Kurzweil auf einige Tage.
Ich sah sie auf der Straße vorbeifahren. Als ich die Nachricht nach
Hause brachte, brach meines Vaters Herz; er sprach nie eines der Worte,
welche es erfüllten. Ich brachte meine junge Schwester (denn ich habe
noch eine), an einen Ort außer dem Bereich dieses Mannes und wo sie
wenigstens ~ihm~ nie lehnspflichtig sein wird. Dann spürte ich den
Bruder hier auf und stieg vorige Nacht ein -- ein gemeiner Hund, aber
mit den Degen in der Hand. -- Wo ist das Dachfenster? Es muß hier herum
sein?“
„Das Zimmer verdunkelte sich vor seinem Blick; die Welt schloß sich
enger um ihn zusammen. Ich sah mich um und bemerkte, daß das Heu und
Stroh auf dem Fußboden zertreten war, als ob ein Kampf stattgefunden
hätte.
„„Sie hörte mich und kam hereingestürzt. Ich gebot ihr uns nicht zu
nahe zu kommen, bis er todt sei. Er kam und warf mir erst einige
Stücken Geld hin; dann schlug er mit der Peitsche nach mir. Aber
ich, obgleich ein gemeiner Hund, schlug ihn so, daß er den Degen
ziehen mußte. Er mag ihn in noch so viele Stücke brechen, den Degen,
den er mit meinem gemeinen Blute gefärbt hat; er zog ihn um sich zu
vertheidigen -- wehrte sich mit seiner ganzen Kunst um sein Leben.“
„Mein Blick war erst vor wenigen Secunden auf einen zerbrochenen Degen
unter dem Heu gefallen. Es war ein Cavalierdegen. An einer andern
Stelle lag ein alter Degen, wie ihn die Soldaten tragen.
„„Jetzt richten Sie mich auf, Doctor; richten Sie mich auf. Wo ist er?“
„Er ist nicht hier,“ sagte ich, in der Meinung, daß er von dem Bruder
spreche.
„Er! so stolz diese Edelleute sind, fürchtet er sich doch vor meinem
Anblicke. Wo ist der Mann der hier war? Wenden Sie ihm mein Gesicht zu.“
„Ich that es, indem ich den Kopf des Knaben auf mein Knie legte. Aber
für den Augenblick mit außerordentlicher Kraft ausgestattet, stand er
ganz auf und zwang mich dasselbe zu thun, sonst hätte ich ihn nicht
stützen können.
„„Marquis,“ sagte der Knabe mit hocherhobener rechter Hand und mit
den weitgeöffneten Augen ihn ansehend, „„für den Tag, wo für alle
diese Sachen Rechenschaft abgelegt werden muß, lade ich Euch und die
Eurigen bis zu dem Letzten Eures schlimmen Geschlechts vor, Euch wegen
dieser Thaten zu verantworten. Ich zeichne Euch mit diesem blutigen
Kreuze zum Gedächtniß meiner Ladung. Auf den Tag, wo für alle diese
Thaten Rechenschaft abgelegt werden muß, lade ich Euren Bruder, den
Schlimmsten Eures schlimmen Geschlechts, vor, sich noch besonders wegen
dieser Thaten zu verantworten. Ich zeichne ihn mit diesem blutigen
Kreuze zum Gedächtniß meiner Ladung.“
„Zweimal griff er mit der Hand nach der Wunde in die Brust und machte
mit dem Zeigefinger ein Kreuz in die Luft. Mit noch erhobenen Finger
blieb er eine Weile stehen, und wie die Hand niedersank, sank er mit
ihr und ich legte seine Leiche auf den Fußboden hin. ****
„Als ich wieder an das Bett des jungen Weibes trat, fand ich es ganz
in derselben Reihenfolge wie vorhin und ohne die mindeste Linderung im
Fieber phantasirend. Ich wußte, daß dies viele Stunden dauern könnte
und wahrscheinlich mit dem Schweigen des Todes enden würde.
„Ich gab ihr die frühere Dosis noch einmal ein und blieb neben dem Bett
sitzen, bis die Nacht weit vorgerückt war. Das Durchdringende ihres
Geschreies nahm nie ab, nie wurden ihre Worte weniger deutlich und nie
ordneten sie sich in einer anderen Folge. Immer lauteten sie: „„mein
Mann, mein Vater und mein Bruder! Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs,
sieben, acht, neun, zehn, eilf, zwölf. „Still!“
„Dies dauerte 26 Stunden von der Zeit an, wo ich sie zuerst gesehen.
Ich war zweimal gekommen und gegangen und saß wieder neben ihr, als sie
schwächer zu werden anfing. Ich that was ich unter diesen Verhältnissen
thun konnte und allmälig sank sie in eine Lethargie und lag wie todt da.
„Es war, als ob nach einem langen und schrecklichen Unwetter Wind und
Regen sich endlich gelegt hätten. Ich band ihre Arme los und rief die
Frau mir beizustehen um sie in die gehörige Lage zu bringen und die
Kleider, die sie zerrissen hatte, zu ordnen. Jetzt erst bemerkte ich,
daß sie in einem Zustande war, wo vor kurzem erst Mutterhoffnungen in
ihr entstanden waren; und nun verlor ich die wenige Hoffnung, die ich
bis dahin noch gehabt hatte.
„„Ist sie todt?“ fragte der Marquis, den ich immer noch den älteren
Bruder nennen werde, wie er gestiefelt und gespornt vom Pferde in das
Zimmer trat.
„„Nicht todt,“ sagte ich; „„aber sie liegt im Sterben.“
„„Welche Lebenskraft diese gemeinen Menschen besitzen!“ sagte er und
blickte mit einiger Neugier auf die Sterbende herab.
„„Es liegt eine wunderbare Kraft im Schmerz und in der Verzweiflung,“
gab ich zur Antwort.
„Er lachte erst und runzelte dann die Stirn. Er schob mit dem Fuß einen
Stuhl neben den meinigen, befahl der Frau hinauszugehen und sagte mit
gedämpfter Stimme:
„„Doctor, ich fand meinen Bruder in diese Verlegenheit verwickelt
und empfahl ihm, Ihre Hülfe in Anspruch zu nehmen. Ihr Ruf ist groß
und als junger Mann, der noch eine Zukunft vor sich hat, werden Sie
wahrscheinlich Ihr eigenes Interesse nicht aus den Augen setzen.
Was Sie hier gesehen haben sind Sachen, die man sehen, aber nicht
besprechen darf.“
„Ich lauschte dem Athem der Kranken und vermied es, eine Antwort zu
geben.
„„Beehren Sie mich mit Ihrer Aufmerksamkeit, Doctor?“
„„Monsieur,“ sagte ich; „„in meinem Berufe werden Mittheilungen von
Patienten immer als Vertrauenssache betrachtet.“ Ich war vorsichtig in
meiner Antwort; denn was ich gesehen und gehört hatte, machte mich sehr
unruhig.
„Ihr Athem wurde so leise, daß ich nach dem Puls und nach dem Herzen
fühlte. Es war gerade noch Leben in ihr, und nicht mehr. Als ich
mich umsah, fand ich, daß beide Brüder mich mit gespannten Blicken
beobachteten. ****
„Das Schreiben wird mir so schwer, die Kälte ist so streng, ich bin
so voller Angst entdeckt und in eine unterirdische, finstere Zelle
gebracht zu werden, daß ich diese Erzählung abkürzen muß. Mein
Gedächtniß ist wie immer noch so treu wie zu Anfang; es kann sich jedes
Wortes, das zwischen mir und diesen Brüdern gewechselt ward erinnern
und könnte es niederschreiben.
„Sie schleppte sich noch eine Woche hin. Gegen das Ende konnte ich,
wenn ich das Ohr dichter an ihre Lippen legte, ein paar Silben
verstehen, die sie an mich richtete. Sie fragte mich, wo sie sei, und
ich sagte es ihr; wer ich sei, und ich sagte es ihr. Vergeblich fragte
ich sie nach ihrem Familiennamen. Sie schüttelte den Kopf auf dem
Kissen und behielt ihr Geheimniß, wie der Knabe.
„Ich hatte keine Gelegenheit ihr eine Frage vorzulegen bis ich den
Brüdern gesagt hatte, sie sei ihrem Ende nahe und könnte nicht noch
einen Tag erleben. Bis dahin hatte, obgleich die Kranke nur wußte,
daß die Frau und ich da waren, stets einer oder der andere der Brüder
argwöhnisch hinter dem Vorhange zu Häupten des Bettes gesessen, so
lange ich da war. Aber als es soweit gekommen war, schien es ihnen
gleichgültig zu sein, was ich noch mit ihr sprechen könnte; als ob --
der Gedanke kam mir in den Sinn -- ich auch im Sterben läge.
„Ich bemerkte stets, daß sich ihr Stolz empfindlich davon verletzt
fühlte, daß der jüngere Bruder (wie ich ihn nenne) den Degen mit
einem Bauersmann, und noch dazu mit einem bloßen Knaben, gekreuzt
hatte. Die einzige Erwägung, welche wirklich die Seele der Brüder zu
belästigen schien, war, daß dies höchst entwürdigend für die Familie
und lächerlich sei. So oft ich den Blicken des jüngeren Bruders
begegnete, sagte mir sein Ausdruck, daß er einen tiefen Groll gegen
mich hege, weil ich diesen Umstand von dem Knaben erfahren hatte. Er
war geschmeidiger und höflicher gegen mich als der ältere; aber dies
sah ich. Ich sah auch, daß ich in den Augen des älteren ein Stein des
Anstoßes war.
„Meine Kranke starb zwei Stunden vor Mitternacht -- der Zeit nach nach
meiner Uhr fast in derselben Minute, wo ich sie zuerst gesehen. Ich war
allein bei ihr als ihr armes junges Haupt sanft auf eine Seite sank und
alle ihre irdischen Leiden und Schmerzen vorbei waren.
„Die Brüder warteten in einem Zimmer im Erdgeschoß, voller Ungeduld
fortzureiten. Während ich allein neben dem Bett saß, hatte ich gehört,
wie sie mit der Reitpeitsche an die Stiefeln schlugen und auf- und
abgingen.
„„Endlich ist sie todt?“ sagte der ältere als ich eintrat.
„„Sie ist todt,“ sagte ich.
„„Ich wünsche Dir Glück, Bruder,“ waren seine Worte als er sich
umdrehte.
„Er hatte mir vorher schon Geld angeboten, das ich nicht angenommen
hatte. Er legte mir jetzt eine Rolle Geld in die Hand. Ich nahm sie,
legte sie aber auf den Tisch. Ich hatte mir die Sache überlegt und war
entschlossen Nichts zu nehmen.
„„Bitte, entschuldigen Sie,“ sagte ich; „„unter diesen Verhältnissen,
nein.“
„Sie sahen einander an, aber erwiderten meine Verbeugung, als ich mich
vor ihnen verneigte und wir schieden, ohne daß einer von uns nur ein
Wort weiter sprach. ****
„Ich bin müde, müde, müde -- niedergedrückt von so vielem Jammer. Ich
kann nicht lesen, was ich mit dieser abgezehrten Hand geschrieben habe.
„Am nächsten Morgen in der Frühe wurde die Rolle Geld in einem Kästchen
mit meiner Adresse darauf an meiner Thür abgegeben. Ich hatte vom
ersten Augenblicke mir ernstlich überlegt, was ich thun sollte. An
diesem Tage entschloß ich mich in einem Privatschreiben an den Minister
zu berichten, bei was für Patienten und an welchem Orte man meine
Hülfe in Anspruch genommen; mit einem Worte, alle Umstände anzugeben.
Ich wußte was Hofeinfluß war und welche Vorrechte der Adel hatte und
erwartete, daß man von der Sache nie wieder hören werde; aber ich
wollte mein Gewissen einer Last entledigen. Ich hatte die Sache streng
geheim gehalten, selbst vor meiner Frau; und auch dies beschloß ich in
meinem Briefe zu melden. Eine wirkliche Gefahr für mich fürchtete ich
nicht; aber ich wußte, daß es Andern gefährlich werden könnte, wenn sie
wußten, was ich wußte.
„Ich war diesen Tag sehr in Anspruch genommen, und konnte meinen Brief
diesen Abend nicht beenden. Um ihn zum Schlusse zu bringen, stand ich
nächsten Morgen lange vor meiner gewöhnlichen Zeit auf. Es war der
letzte Tag des Jahres. Der Brief lag eben vollendet vor mir, als man
mir meldete, daß eine Dame mich zu sehen wünsche. ****
„Die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, geht jeden Tag mehr über meine
Kräfte. Es ist so kalt, so finster, meine Sinne sind so stumpf und die
düstere Stimmung die mich bedrückt ist so schrecklich.
„Die Dame war jung, einnehmend und schön, aber nach ihrem Aeußeren
nicht bestimmt, lange zu leben. Sie stellte sich mir als die
Gattin des Marquis A. Evrémonde vor. Ich brachte den Titel, mit
welchem der Bauerbursche den älteren Bruder angeredet hatte mit dem
Anfangsbuchstaben, den ich auf der Schärpe gestickt gesehen, in
Verbindung und kam unschwer zu dem Schlusse, daß ich diesen Edelmann
vor sehr kurzer Zeit gesehen hatte.
„Mein Gedächtniß ist immer noch zuverlässig, aber ich kann die Worte
unserer Unterredung nicht niederschreiben. Ich argwöhne, daß ich
strenger beobachtet werde als bisher, und weiß nicht, zu welcher Zeit
man mich beobachtet. Sie hatte die Hauptthatsachen der traurigen
Geschichte ihres Gatten und daß man mich zu Rathe gezogen theils
errathen, theils entdeckt. Sie wußte nicht, daß das Mädchen todt war.
Sie hatte gehofft, wie sie mir mit großer Betrübniß sagte, ihr heimlich
die mitfühlende Theilnahme eines Frauenherzens zu zeigen. Sie hatte
gehofft, den Zorn des Himmels von einem Hause abzulenken, das seit
langen Jahren dem schwerduldenden Volke verhaßt war.
„Sie hatte Gründe, zu glauben, daß noch eine jüngere Schwester lebte,
und ihr heißester Wunsch war, dieser Schwester zu helfen. Ich konnte
ihr weiter Nichts sagen, als daß wirklich eine solche Schwester
vorhanden sei; weiter wußte ich Nichts. Gerade in der Hoffnung, daß ich
ihr den Namen und den Aufenthalt der Schwester angeben könnte, hatte
sie sich unter dem Siegel des Vertrauens an mich gewendet. Während ich
bis zu dieser traurigen Stunde beide nicht kenne. ****
„Die Zettel gehen mir aus. Einer wurde mir gestern mit einer Drohung
weggenommen. Ich muß meine Aufzeichnung heute zu Ende bringen.
„Sie war eine gute Dame, von einem mitleidigem Herzen und nicht
glücklich in ihrer Ehe. Wie konnte Dies auch sein! Der Bruder
mißtrauete ihr und haßte sie, und wendete allen seinen Einfluß gegen
sie; sie fürchtete ihn und fürchtete auch ihren Gatten. Als ich sie
hinunter bis an die Thür begleitete, saß ein Kind, ein hübscher Knabe
von zwei bis drei Jahren in ihrem Wagen.
„„Seinetwegen, Doctor,“ sagte sie, und wies mit thränenden Augen auf
ihn, „„möchte ich soviel gut machen, als ich mit meinen schwachen
Kräften kann. Es kann ihm sein Erbe sonst nie zum Segen gereichen. Ich
habe eine Ahnung, daß wenn keine andere Sühne der Schuld dargebracht
wird, man es ihm eines Tages anrechnet. Was ich mein nennen kann -- es
ist wenig mehr als ein paar Juwelen -- soll er -- es soll das erste
Gebot seines Lebens sein, -- mit dem Mitleid und dem tiefen Bekümmerniß
seiner todten Mutter dieser schwer verletzten Familie geben, wenn die
Schwester entdeckt werden kann.“
„Sie küßte den Knaben und sagte, ihn liebkosend: „„es ist um Deiner
selbst willen, lieber Sohn. Du wirst es thun, Charles?“ Der Knabe
erwiderte mit frischem Muthe: „„Ja!“ Ich küßte ihr die Hand und sie
schloß ihn in ihre Arme und fuhr, ihn liebkosend, fort. Ich habe sie
nie wieder gesehen.
„Da sie den Namen ihres Gatten in der Meinung gesagt hatte, daß ich ihn
kenne, erwähnte ich ihn in meinem Briefe weiter nicht. Ich siegelte
meinen Brief und gab ihn noch an demselben Tage selbst ab, da ich ihn
keinen andern Händen anvertrauen wollte.
„An diesem Abend, den letzten Abend des Jahres, klingelte ein Mann in
schwarzem Anzuge an meiner Thür, verlangte mich zu sprechen und folgte
leise meinem Bedienten, Ernest Defarge, einem jungen Burschen, die
Treppe hinauf. Als mein Bedienter in das Zimmer trat, wo ich mit meiner
Gattin saß -- o meine Gattin, Geliebte meines Herzens! meine schöne,
junge englische Gattin! -- sahen wir den Mann, den er an der Hausthür
zurückgelassen zu haben glaubte, stumm hinter ihm stehen.
„„Ein dringender Fall in der Straße St Honoré,“ sagte er. Er würde mich
nicht lange aufhalten, ein Wagen wartete auf mich.“
„Er brachte mich hierher, er brachte mich in mein Grab. Als ich aus
dem Hause heraus getreten war, warf man mir von Hinten ein schwarzes
Tuch über das Gesicht und zog es fest über den Mund zusammen und band
mir die Arme. Die beiden Brüder kamen aus einer dunkeln Ecke über die
Straße herüber und identifizirten mich mit einer einzigen Handbewegung.
Der Marquis zog aus seiner Tasche meinen Brief hervor, zeigte ihn mir,
verbrannte ihn an dem Lichte einer Laterne, die ihm ein Bedienter
hinhielt und trat die glimmende Asche mit dem Fuße aus. Kein Wort
ward gesprochen. Man brachte mich hierher, man brachte mich in mein
lebendiges Grab.
„Wenn es Gott gefallen hätte, es während all’ dieser schrecklichen
Jahre dem harten Herzen eines dieser Brüder einzugeben, mir Nachricht
von meinem geliebten Weibe zukommen zu lassen -- mir nur ein einziges
Wort zu sagen, ob sie lebendig oder todt sei, so hätte ich glauben
können, daß er sie noch nicht ganz verlassen hätte. Aber jetzt glaube
ich, daß das Blutzeichen des Kreuzes verhängnißvoll für sie ist und daß
sie an seiner Gnade keinen Theil haben. Und sie und ihre Nachkommen
bis zum Letzten ihres Geschlechts klage ich, Alexander Manette,
unglücklicher Gefangener in dieser letzten Nacht des Jahres 1767 in
meiner unerträglichen Seelenqual den Zeiten an, wo für alle diese Dinge
Rechenschaft gegeben werden muß. Ich klage sie an vor dem Himmel und
vor der Erde.“
Wuthgeheul ertönte, als dieses Document zum Schluß gelesen war. Es war
ein wildes, leidenschaftliches Geheul, aus dem nichts herauszuhören
war, als die Gier nach Blut. Die Erzählung weckte die rachgierigsten
Leidenschaften der Zeit und es gab kein Haupt in der Nation, das dieser
Rache nicht gefallen wäre.
Wozu noch vor diesem Gericht und diesem Publicum hervorheben, wie die
Defarges das Papier nicht mit den andern in der Bastille gefundenen
Denkschriften veröffentlicht, sondern es behalten hatten, um die
rechte Zeit abzuwarten? Wozu noch hervorheben, daß der Name dieser
verabscheuten Familie längst von St. Antoine in den Bann gethan und
in das verhängnißvolle Register gestrickt war? Der Mann lebte nicht,
dessen Tugenden und Verdienste ihn an diesem Tage und an dieser Stelle
gegen eine solche Anklage aufrecht erhalten hätten.
Und um so schlimmer war es für den Angeklagten, daß der Ankläger
ein wohlbekannter Bürger, sein eigener vertrauter Freund, der Vater
seiner Gattin war. Eine der wahnwitzigen Begierden der Volksmasse galt
Nachahmungen der zweifelhaften öffentlichen Tugenden des Alterthums
und Opfern des eignen Ich’s auf dem Altar des Volks. Als daher der
Vorsitzende sagte (sonst hätte sein eigener Kopf auf seiner Schulter
gewackelt), daß der gute Arzt der Republik sich durch Ausrottung einer
verhaßten Aristokratenfamilie noch verdienter um die Republik mache,
und daß er jedenfalls ein wonniges Gefühl heiliger Freude empfinden
würde, indem er seine Tochter zur Wittwe und ihr Kind zu einer Waise
machte, da herrschte wilde Aufregung, patriotische Inbrunst im Saale,
keine Spur menschlichen Mitgefühls.
„Viel Einfluß hat der Doctor hier, nicht wahr?“ sagte Madame Defarge
halblaut vor sich hin und lächelte den Racheengel an. „Rettet ihn nur,
Doctor, rettet ihn!“
Bei jeder Abstimmung eines Geschworenen brauste es wie wildes
Meerestosen durch den Saal. Noch eine Stimme und noch eine Stimme.
Immer lauteres Tosen.
Einstimmig verurtheilt. Von Herzen und der Abstammung nach ein
Aristokrat, ein Feind der Republik, ein notorischer Volksbedrücker.
Zurück in die Conciergerie und den Tod binnen vierundzwanzig Stunden!
Elftes Kapitel.
Dämmerung.
Die unglückliche Gattin des Unschuldigen, der zum Tode verurtheilt
worden, sank unter dem Spruch zusammen, als wäre sie tödtlich
getroffen. Aber kein Laut kam über ihre Lippen; und so stark war die
Stimme in ihr, welche ihr vorstellte, daß sie vor Allen in der Welt ihn
in seinem Jammer aufrecht halten müsse und ihn nicht vermehren dürfe,
daß diese Stimme sie selbst von diesem Schlage rasch wieder emporhob.
Da die Richter an einer öffentlichen Straßenfestlichkeit Theil zu
nehmen hatten, vertagte sich das Gericht. Der Lärm und die rasche
Bewegung des sich durch viele Ausgänge leerenden Saales hatte noch
nicht aufgehört, als Lucie, Nichts als Liebe und Tröstung im Gesicht,
aufrecht dastand und die Arme nach ihrem Gatten ausstreckte.
„O, wenn ich ihn anrühren könnte! Wenn ich ihn nur einmal umarmen
könnte! Ach gute Bürger, wenn ihr soviel Mitleid mit uns haben wolltet!“
Es war außer den zweien von den vieren, die den Angeklagten gestern
verhaftet hatten, nur noch ein Schließer da, und Barsad. Die Zuhörer
waren alle hinausgeströmt um das Schauspiel auf den Straßen anzusehen.
Barsad schlug den Uebrigen vor, „laßt sie ihn umarmen; es ist ja nur
ein Augenblick.“ Stillschweigend gaben die Andern ihre Einwilligung und
sie geleiteten sie über die Bänke im Saale nach einer erhöheten Stelle,
wo er, wenn er sich über die Schranken der Anklagebank vorbog, sie in
seine Arme schließen konnte.
„Leb’ wohl, Liebling meiner Seele. Meinen letzten Segen auf Dein Haupt.
Wir werden uns wiedersehen, wo die Müden Ruhe finden.“
Das waren die Worte ihres Gatten als er sie an seine Brust schloß.
„Ich kann es tragen, lieber Charles. Der Herr hält mich aufrecht; gräme
Dich nicht um meinetwillen. Einen letzten Segen für unser Kind.“
„Ich schicke ihn durch Dich. Ich küsse es durch Dich. Ich sage ihm
Lebewohl durch Dich.“
„Mein Gatte. Nein! Noch einen Augenblick!“ Er riß sich von ihr los.
„Wir werden nicht lange getrennt bleiben. Ich fühle, daß dies bald
mein Herz brechen wird; aber ich werde meine Pflicht thun, so lange es
geht, und wenn ich sie verlasse, so wird Gott unserer Tochter Freunde
erwecken, wie er sie mir erweckt hat.“
Ihr Vater war ihr gefolgt und wäre vor Beiden auf die Knie gefallen,
wenn ihn nicht Darnay bei der Hand gefaßt und ausgerufen hätte:
„Nein, nein! was haben Sie gethan, daß Sie vor uns knieen sollten!
Wir wissen jetzt, welchen Kampf Sie vor Zeiten zu bestehen hatten.
Wir wissen jetzt, was Sie zu dulden hatten, als Sie meine Herkunft
argwöhnten und als Sie Gewißheit darüber erhielten. Wir wissen jetzt,
welche natürliche Antipathie Sie ihretwegen bekämpften und besiegten.
Wir danken Ihnen aus vollem Herzen und mit all unserer Liebe und
Pflicht. Der Himmel sei mit Ihnen!“
Des Vaters einzige Antwort war, mit den Händen in die weißen Haare zu
fahren und sie mit lautem Jammern zu ringen.
„Es konnte nicht anders sein,“ sagte der Gefangene, „Alles hat so
zusammengewirkt wie es gekommen ist. Es war das stets vergebliche
Bestreben meiner armen Mutter Gebot nachzukommen, was mich zuerst in
verhängnißvolle Berührung mit Ihnen brachte. Aus so Bösem konnte nie
Gutes kommen, und ein glücklicheres Ende lag nicht in dem Wesen eines
so unglücklichen Anfangs. Trösten Sie sich und verzeihen Sie mir. Der
Himmel segne Sie!“