„Ich bin die Auferstehung und das Leben, spricht der Herr, wer an mich

glaubet der wird ewig leben, ob er auch stürbe: und wer lebet und

glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“

Jetzt wo die Straßen still waren und die Nacht sich eingestellt hatte,

klangen die Worte aus dem Widerhall seiner Schritte und aus der Luft.

Vollkommen ruhig und gefaßt sprach er sie manchmal vor sich hin wie er

seines Weges ging; aber er hörte sie immer.

Die Nacht verging und wie er auf der Brücke stand und dem Wasser

lauschte, das an den Uferrändern der Insel von Paris plätscherte,

wo die malerische Verwirrung von Häusern und Dom hell im Mondlichte

schien, kam kalt der Tag und sah wie ein Leichengesicht aus dem Himmel

herunter. Da wurde die Nacht mit dem Mond und den Sternen blaß und

starb, und für eine kurze Zeit schien die Schöpfung der Herrschaft des

Todes übergeben zu sein.

Aber die herrliche Sonne ging auf und schien diese Worte, welche die

ganze Nacht ihn umklungen hatten mit ihren langen und hellen Strahlen

gerade und warm ihm in’s Herz zu senden. Und wie er voll Ehrfurcht

das Auge zum Himmel erhob, schien sich eine Lichtbrücke zwischen ihm

und der Sonne durch die Luft zu wölben, während der Strom unter ihm

funkelte.

Die starke Strömung, so schnell, so tief und so sicher, war in der

Morgenstille wie ein gleich gestimmter Freund. Er ging den Fluß entlang

weit von den Häusern, und schlummerte in dem warmen Sonnenscheine am

Ufer ein. Als er wieder erwachte und aufstand, blieb er noch eine

kleine Weile stehen und sah einem Wirbel zu, der sich zwecklos bis der

Strom ihn verschlang drehte, um ihn hinaus in’s Meer zu tragen. --

„Gleich mir!“

Ein Boot mit einem Segel von der Farbe eines halbgebleichten, todten

Blattes kam jetzt langsam den Fluß herunter, trieb vor ihm vorbei und

verschwand in der Ferne. Wie auch die Furche, die es im Wasser gezogen,

verschwunden war, schloß er das Gebet um barmherzige Erwägung seiner

Fehler und Irrthümer, das sich aus seinem Herzen losgerungen, mit den

Worten: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“

Mr. Lorry war bereits ausgegangen als er zu ihm kam und es war leicht

zu vermuthen, wo der gute Alte war. Sydney Carton trank nur eine Tasse

Kaffee, aß ein wenig Brot und begab sich, nachdem er sich gewaschen und

die Wäsche gewechselt, nach dem Gerichtssaal.

Dort war schon Alles lebendig und laut, als das schwarze Schaf -- vor

dem viele scheu zurückwichen -- ihn in eine dunkle Ecke unter den

Zuschauern drängte. Mr. Lorry war da und _Dr._ Manette war da. Sie

war da, und saß neben ihrem Vater.

Als man ihren Gatten hereinführte, sah sie ihn mit einem Blick an, so

tröstend, so ermuthigend, so voll bewundernder Liebe und zärtlichem

Mitleid und doch so muthvoll um seinetwillen, daß er ihm das gesunde

Blut in das Antlitz rief, seine Blicke strahlen machte und sein Herz

mit neuem Leben erfüllte. Wäre Jemand dagewesen um die Wirkung ihres

Blickes auf Sydney Carton zu beobachten, so hätte er genau dieselben

Folgen gesehen.

Vor diesem ungerechten Gericht gab es keine, oder so gut wie keine

Ordnung im Verfahren, welche dem Angeklagten angemessenes Gehör

sicherte. Es hätte gar keine solche Revolution stattfinden können,

wenn alle Gesetze, Formen und Ceremonien nicht erst so ungeheuerlich

mißbraucht worden wären, daß die selbstmörderische Rache der Revolution

von selbst auf den Gedanken kam, sie alle in den Wind zu schlagen.

Die Augen Aller wendeten sich auf die Geschworenen. Dieselben

gesinnungstüchtigen Patrioten und guten Republikaner, wie Gestern

und Vorgestern und Morgen und Uebermorgen. Hervorstechend war einer

unter ihnen, ein Mann mit einem gierigen Gesicht, dessen Finger sich

beständig um seine Lippen bewegten und dessen Aussehen die Zuschauer

sehr befriedigte. Ein mordlustiger, cannibalenhaft aussehender,

blutdürstiger Geschworener war dieser Jacques Drei von St. Antoine. Die

ganze Jury sah aus wie eine Jury von Hunden, eingeschworen um Wild zu

verurtheilen.

Aller Augen wendeten sich nun auf die fünf Richter und den öffentlichen

Ankläger. Dort war heute keine Milde zu erwarten. Grausame,

unnachgiebige, mörderische Geschäftsgesichter. Dann suchte jedes Auge

ein anderes Auge im Gedränge und wechselte mit ihm einen beifälligen

Blick; und Köpfe nickten sich einander zu, bevor sie mit gespannter

Aufmerksamkeit sich vorwärtsdrängten.

Charles Evrémonde, genannt Darnay. Gestern freigelassen, von Neuem

angeklagt und wieder verhaftet. Anklage ihm gestern Nacht übergeben.

Verdächtig und angeklagt als Feind der Republik, Aristokrat, Mitglied

einer Tyrannenfamilie, eines Geschlechts das geächtet, weil es seine

abgeschafften Privilegien zur schändlichen Bedrückung des Volkes

gebraucht. Charles Evrémonde, genannt Darnay, in Folge dieser Aechtung

unbedingt todt vor dem Gesetz.

So ungefähr in ebenso wenig oder weniger Worten sprach der öffentliche

Ankläger. Der Präsident fragte, ob der Angeklagte offen oder geheim

denuncirt sei?

„Offen, Präsident.“

„Von wem?“

„Von drei Stimmen. Ernest Defarge, Weinschenk in St. Antoine.“

„Gut.“

„Therese Defarge, seine Frau.“

„Gut.“

„Alexander Manette, Arzt.“

Ein großer Lärm entstand im Saale und in demselben sah man _Dr._

Manette blaß und zitternd von seinem Platz aufspringen.

„Präsident, ich protestire mit Entrüstung gegen diese Angabe als eine

Fälschung und einen Betrug. Ihr wißt, daß der Angeklagte der Gatte

meiner Tochter ist. Meine Tochter und die zu ihr gehören sind mir

lieber als das Leben. Wo und wer ist der falsche Verschwörer, welcher

sagt, daß ich den Gatten meines Kindes anklage?“

„Seid ruhig, Bürger Manette. Der Autorität des Gerichts den Gehorsam

verweigern, würde Euch selbst außerhalb des Gesetzes stellen. Was Ihr

da sagt vom theurer sein als Euer Leben, so kann einem guten Bürger

Nichts so theuer sein wie die Republik!“

Lauter Beifall begrüßte diese Zurechtweisung. Der Präsident klingelte

und begann mit Wärme von Neuem.

„Wenn die Republik von Euch das Opfer Eures eigenen Kindes verlangte,

so hättet Ihr keine andere Pflicht, als es zu opfern. Hört auf das, was

der Ankläger zu sagen hat. Bis dahin schweigt.“

Wüthender Beifall ertönte ringsum. _Dr._ Manette nahm seinen

Platz ein während er sich mit zitternden Lippen umschauete; seine

Tochter drängte sich dichter an ihn heran. Der gierige Mann unter den

Geschworenen rieb sich die Hände und brachte dann von Neuem die Finger

an den Mund.

So wie die Ruhe soweit hergestellt worden war um eine Fortsetzung des

Verfahrens möglich zu machen, ward Defarge aufgerufen, der in kurzen

Worten auseinander setzte, daß er als bloßer Knabe noch im Dienste des

Doctors gestanden, als dieser verhaftet worden, und dann über seine

Befreiung und über den Zustand in welchem ihm der Doctor nach seiner

Freilassung übergeben worden, berichtete. Darauf folgte noch ein kurzes

Verhör, denn das Gericht verrichtete seine Arbeit schnell.

„Ihr habt gute Dienste bei der Einnahme der Bastille geleistet, Bürger?“

„Ich glaube.“

Hier kreischte ein aufgeregtes Weib aus dem Gedränge heraus: „Ihr waret

dort einer der besten Patrioten. Warum soll man es nicht sagen? Ihr

bedientet an jenem Tage ein Geschütz und waret unter den ersten die in

das verwünschte Nest eindrangen. Patrioten, ich spreche die Wahrheit!“

Es war der Racheengel, der, stürmisch gelobt von dem lauten Beifall der

Zuhörer, sich so in die Verhandlung mischte.

Der Präsident klingelte; aber der Racheengel, durch die ihm zu Theil

gewordene Aufmunterung warm geworden, kreischte: „was geht mich die

Klingel an!“ wofür er wiederum rauschendes Lob erntete.

„Erzählt dem Gericht, was Ihr an jenem Tage in der Bastille gethan

habt, Bürger.“

„Ich wußte,“ sagte Defarge, während er hinab auf seine Frau sah, die

unten an den Stufen stand, auf die er getreten war und ihn fest im

Auge behielt; „ich wußte daß dieser Gefangene, von dem ich spreche,

in einer Zelle, genannt 105 Nordthurm, gesessen hatte. Ich wußte

das von ihm selbst. Er kannte sich selbst bei keinem andern Namen

als 105 Nordthurm, als er unter meiner Obhut Schuhe machte. Als ich

meine Kanone an jenem Tage bediente, nahm ich mir vor, wenn wir den

Platz einnehmen sollten, die Zelle zu untersuchen. Wir nahmen ihn

ein. Mit einem Mitbürger, der sich unter den Geschworenen befindet,

begebe ich mich, von einem Kerkermeister geleitet, nach der Zelle.

Ich durchsuche sie ganz genau. In einem Loch im Schornstein, wo ein

Stein herausgearbeitet und wieder hineingesetzt worden, finde ich ein

beschriebenes Papier. Dies ist das beschriebene Papier. Ich habe es

mir zur Obliegenheit gemacht, mehrere Proben der Handschrift _Dr._

Manette’s zu besichtigen. Dies ist die Handschrift _Dr._ Manette’s. Ich

lege dies Papier, geschrieben von der Hand des _Dr._ Manette in die

Hände des Präsidenten.“

„Man lese es vor.“

Unter tiefstem Schweigen, wobei der vor Gericht gestellte Gefangene

zärtlich seine Gattin ansah, seine Gattin nur ihre Augen von ihm

abwendete, um mit bekümmerter Theilnahme ihren Vater zu betrachten,

_Dr._ Manette seinen Blick auf den Vorleser geheftet hielt, Madame

Defarge die ihrigen nie von dem Gefangenen abwendete, Defarge mit

seinem Auge nie das schon im Vorgenusse schwelgende Auge seiner Frau

verließ, und alle anderen Blicke sich gespannt auf den Doctor wendeten,

der Niemanden ringsum sah, ward das Papier verlesen.

Zehntes Kapitel.

Das Wesen des Schattens.

„Ich, Alexander Manette, unglücklicher Arzt, geboren in Beauvais

und später wohnhaft in Paris, schreibe diese traurige Geschichte in

meiner Jammerzelle in der Bastille im letzten Monat des Jahres 1767.

Ich schreibe es auf den Raub, in seltenen Zwischenräumen, unter jeder

Schwierigkeit. Ich gedenke es in der Schornsteinwand zu verstecken, wo

ich langsam und mühsam einen sicheren Platz für dasselbe hergestellt

habe. Dort findet es vielleicht eine mitleidige Hand, wenn ich und

mein Schmerz unter der Erde sind. Ich schreibe diese Worte nur mit

einem verrosteten Nagel und mit abgeschabtem Ruß aus dem Schornstein,

untermischt mit Blut, im letzten Monat des zehnten Jahres meiner

Gefangenschaft. Hoffnung ist ganz aus meiner Brust verschwunden. Ich

weiß aus schrecklichen Symptomen die ich an mir bemerkt habe, daß mein

Geist nicht lange mehr ungeschwächt bleiben wird, aber ich erkläre

feierlich, daß ich gegenwärtig noch im vollen Besitz meiner geistigen

Kräfte bin -- daß mein Gedächtniß gut und zuverlässig ist -- und

daß ich die Wahrheit schreibe, so wahr ich für diese, meine letzten

niedergeschriebenen Worte, mögen sie von menschlichen Augen gelesen

werden oder nicht, vor dem ewigen Gott Rechenschaft ablegen muß.

„In einer bewölkten Mondscheinnacht in der dritten Woche des Decembers

(ich glaube es war der zweiundzwanzigste dieses Monats) im Jahre 1757,

ging ich um frische Luft zu schöpfen auf einem abgelegenen Theile

des Seine-Quais ungefähr eine Stunde Wegs von meiner Wohnung in der

Straße der medicinischen Schule spazieren, als ein Wagen sich mir

in sehr raschem Laufe näherte. Wie ich zur Seite trat um den Wagen

vorbeizulassen, da er mich sonst hätte umfahren können, sah ein Kopf

zum Fenster heraus und eine Stimme rief dem Kutscher zu zu halten.

„Der Wagen hielt, sowie der Kutscher die Pferde zügeln konnte, und

dieselbe Stimme rief mich beim Namen. Ich antwortete. Der Wagen war

jetzt mir soweit voraus, daß zwei Herren Zeit hatten die Kutschenthür

zu öffnen und auszusteigen ehe ich sie erreichte. Ich bemerkte, daß

beide in Mäntel gehüllt waren, wie es schien um nicht erkannt zu

werden. Wie sie nebeneinander, nicht weit von dem Wagentritt, standen,

bemerkte ich auch, daß sie beide von meinem Alter sein mochten, oder

eher jünger und daß sie sich sehr ähnlich waren im Wuchs, in der

Haltung, in der Stimme und soweit ich sehen konnte, auch im Gesicht.

„„Sie sind _Dr._ Manette?“ sagte der Eine.

„„Ja.“

„„_Dr._ Manette, früher in Beauvais,“ sprach der Andere; „„der

junge Arzt, ursprünglich ein geschickter Chirurg, der seit den letzten

paar Jahren in Paris zu solchem Ruf gelangt ist?“

„„Meine Herren,“ gab ich zurück, „„ich bin der _Dr._ Manette von

dem sie in so schmeichelhaften Ausdrücken sprechen.“

„„Wir waren in Ihrer Wohnung,“ sagte der Erste, „„und da wir nicht so

glücklich waren Sie dort zu finden und hörten, daß Sie wahrscheinlich

in dieser Gegend spazieren gingen, fuhren wir hierher in der Hoffnung

Ihnen zu begegnen. Wollen Sie gefälligst in den Wagen steigen?“

„Die Manier beider war gebieterisch und während des eben erwähnten

Gesprächs hatten sich beide so gestellt, daß sie zwischen mir und der

Wagenthür standen. Sie waren bewaffnet. Ich nicht.“

„„Meine Herren,“ sagte ich, „„verzeihen Sie mir; aber ich erkundige

mich gewöhnlich, wer mir die Ehre erweist, meine Hülfe in Anspruch

zu nehmen und von welcher Beschaffenheit der Fall ist, wo ich Hülfe

leisten soll.“

„Die Antwort die ich darauf von dem erhielt, der als Zweiter gesprochen

hatte, war: „„Doctor, Ihre Clienten sind Leute vom Stande. Was die

Beschaffenheit des Falls betrifft, so sagt uns unser Vertrauen auf Ihre

Kunst, daß Sie denselben viel besser durch eigene Anschauung kennen

lernen werden, als wir ihn Ihnen beschreiben können. Genug. Wollen Sie

gefälligst in den Wagen steigen?“

„Ich konnte Nichts thun als mich fügen und stieg schweigend ein.

Beide folgten mir und der Letzte sprang herein, nachdem der Tritt

aufgeklappt war. Der Wagen ward gewendet und fuhr mit der früheren

Schnelligkeit davon.

„Ich wiederhole diese Unterredung genau so, wie sie vor sich ging. Ich

bezweifle nicht, daß sie Wort für Wort dieselbe war. Ich beschreibe

Alles genau so, wie es sich zutrug und zwinge meinen Geist, nicht

von seinem Gegenstande abzuschweifen. Wo ich die Zeichen mache, die

hier folgen, breche ich vor der Hand ab und verberge meine Papiere im

Versteck. ****

„Der Wagen hatte die Straße bald hinter sich, fuhr zur Nord-Barriere

hinaus und auf der Landstraße weiter. Ohngefähr drei Viertelstunden vor

der Barriere -- ich schätzte damals die Entfernung nicht ab, aber bei

einer spätern Gelegenheit -- lenkte der Wagen von der Hauptstraße ab

und hielt gleich darauf vor einem einsam gelegenen Hause. Wir stiegen

alle Drei aus und gingen auf einem weichen, feuchten Fußwege durch

einen Garten, wo ein vernachlässigter Springbrunnen übergelaufen war,

nach der Hausthür. Auf das Schellen mit der Glocke ward sie nicht

sofort geöffnet und einer meiner Führer schlug den Mann, der an die

Thür kam, mit einem schweren Reithandschuh ins Gesicht.

„Es war nichts in dieser Handlung, was meine besondere Aufmerksamkeit

erregte; denn ich hatte gemeine Leute öfter wie Hunde schlagen

sehen. Aber der Andere von den Brüdern, der ebenfalls ärgerlich

war, schlug den Mann auch und dabei waren die Brüder in Haltung und

Aussehen so vollkommen gleich, daß ich jetzt gewahr wurde, es waren

Zwillingsbrüder.

„Schon wie wir am äußern Thor (das verschlossen war und das einer der

Brüder, um uns einzulassen, geöffnet und dann von Neuem zugeschlossen

hatte) abgestiegen waren, hatte ich ein lautes Schreien von einem obern

Zimmer her gehört. Man führte mich geradewegs nach diesem Zimmer; das

Schreien wurde immer lauter, wie wir die Treppe hinauf stiegen, und ich

fand eine Kranke im hitzigen Fieber auf einem Bett liegen.

„Die Kranke war ein Weib von großer Schönheit und jung; jedenfalls

nicht viel über Zwanzig. Ihr Haar war wirr und zerzaust und ihre Arme

mit Schärpen und Taschentüchern niedergebunden. Ich bemerkte, daß diese

Binden alle von Herrenkleidern herrührten. Auf einer derselben, einer

mit Fransen besetzten Schärpe für einen Festanzug, sah ich ein adliches

Wappen und den Buchstaben _E_ eingestickt.

„Ich sah dies in der ersten Minute, wo ich vor der Kranken stand; denn

in ihren ruhelosen Bewegungen hatte sie sich auf dem Rande des Bettes

auf das Gesicht gelegt, das Ende der Schärpe in den Mund bekommen und

lief Gefahr zu ersticken. Mein Erstes war, meine Hand auszustrecken, um

ihr freies Athmen zu verschaffen, und wie ich die Schärpe auf die Seite

schob, fiel mein Blick auf die Stickerei in dem Zipfel.

„Ich wendete sie sanft um, legte meine Hände auf ihre Brust, um sie zu

beruhigen und sah ihr in’s Gesicht. Ihre Augen standen weit offen und

waren ganz verstört, und sie stieß fortwährend durchdringendes Geschrei

aus und wiederholte die Worte: „Mein Mann, mein Vater und mein Bruder!“

und zählte dann bis zwölf und sagte: „„still!“ Einen Augenblick und

nicht länger hielt sie inne, um zu horchen, und dann fing sie wieder an

zu schreien und wiederholte die Worte: „„Mein Mann, mein Vater und mein

Bruder!“ und zählte bis zwölf und sagte „„still!“ Immer in derselben

Ordnung und in derselben Weise. Es fand auch keine Unterbrechung statt

außer der einzigen, regelmäßigen kurzen Pause und immer wieder fing die

Reihe der Schmerzensrufe von vorn an.“

„„Wie lange hat dies gedauert?“ fragte ich.

„Zur Unterscheidung will ich die Brüder den älteren und den jüngeren

nennen; mit dem Aelteren meine ich denjenigen, der die meiste Autorität

ausübte. Der Aeltere antwortete jetzt: „„seit ungefähr dieser Stunde in

letzter Nacht.“

„„Sie hat einen Mann, einen Vater und einen Bruder?“

„„Einen Bruder.“

„„Ich spreche nicht mit ihrem Bruder?“

„Er antwortete mit großer Verachtung: „„Nein.“

„„Ihre Gedanken müssen neuerlich mit der Zahl 12 zu thun gehabt haben?“

„Der jüngere Bruder warf ungeduldig ein: „„mit 12 Uhr.“

„„Sehen Sie, meine Herren,“ sagte ich, während ich immer noch die

Hände auf ihrer Brust ruhen ließ, „„wie unnütz ich so, wie sie mich

hergebracht haben, hier bin. Wenn ich gewußt hätte, was ich hier finden

würde, hätte ich mich versorgen können. So geht unwiederbringliche Zeit

verloren. In diesem abgelegenen Hause sind jedenfalls keine Arzneien zu

haben.“

„Der ältere Bruder sah den jüngern an, welcher gleichgültig zur Antwort

gab: „„es ist ein Medizinkasten hier“ und ihn aus einem Alkoven brachte

und auf den Tisch stellte. ****

„Ich machte einige von den Fläschchen auf, roch daran und brachte den

Stöpsel an die Lippen. Wenn ich etwas Anderes als narkotische Arzneien,

die für sich schon Gift waren, hätte anwenden können, so durfte ich

diese nicht gebrauchen.“

„„Trauen Sie den Arzneien nicht?“ sagte der jüngere Bruder.

„„Sie sehen, Monsieur, daß ich von ihnen Gebrauch machen will,“ gab

ich zur Antwort und sagte weiter Nichts. Mit großer Schwierigkeit

und nach vielen Bemühungen gelang es mir der Kranken die gewünschte

Dosis einzuflößen. Da ich sie nach einiger Zeit wiederholen wollte

und ihre Wirkung beobachten mußte, setzte ich mich neben das Bett

nieder. Als Aufwärterin diente ein verschüchtertes und gedrücktes

Weib (die Frau des Mannes, der uns geöffnet hatte), das in einer Ecke

stand. Das Haus war feucht und verfallen, mittelmäßig ausgestattet

-- offenbar vor kurzem erst und nur vorübergehend bewohnt. Die

Fenster waren mit dicken, alten Tapeten zugenagelt um den Schall des

Schreiens abzudämpfen. Dieses dauerte immer noch in seiner regelmäßigen

Reihenfolge fort, das Geschrei: „„mein Mann, mein Vater und mein

Bruder!“ das Zählen bis 12 und „„still!“ Die Kranke raste so heftig,

daß ich mir nicht getraute die Binden von den Armen zu entfernen;

aber ich hatte nachgesehen, daß sie nicht schmerzten. Das Einzige,

was mich bei dem Fall ermuthigte, war, daß meine Hand auf der Brust

der Leidenden so viel besänftigenden Einfluß hatte, daß minutenlange

Unterbrechungen in den krampfhaften Bewegungen des Körpers eintraten.

Auf das Geschrei machte dies keinen Eindruck; kein Pendel konnte

regelmäßiger sein.“

„Weil meine Hand diese Wirkung hervorrief, hatte ich wol eine halbe

Stunde neben dem Bett gesessen und die beiden Brüder waren im Zimmer

geblieben, bevor der Aeltere sagte:

„Es ist noch ein anderer Kranker da.“

„Ich erschrak und sagte: „„ist es ein dringender Fall?“

„„Es ist besser Sie sehen selbst nach,“ gab er gleichgültig zur Antwort

und nahm einen Leuchter. ****

„Der andere Kranke lag in einem Hinterzimmer, zu dem eine zweite Treppe

führte, eigentlich in einer Art Bodenraum über einem Stalle. Ein Theil

desselben war mit einer niedrigen Gypsdecke versehen; das Uebrige

war oben offen bis zu dem Hahnebalken des Daches und nur einzelne

Balken vertraten die Stelle der Decke. In diesem Theile lagen Heu und

Stroh, Reißbündel als Feuerholz und ein Haufen Aepfel im Sande. Ich

hatte durch diesen Theil zu gehen um in den andern zu gelangen. Mein

Gedächtniß ist genau und treu. Ich stelle es in diesen Einzelnheiten

auf die Probe und sehe sie alle in dieser meiner Zelle in der Bastille

fast am Ende des zehnten Jahres meiner Haft, wie ich sie in jener Nacht

sah.

„Auf einem Heubündel auf dem Boden, mit einem Kissen unter dem Kopf

geschoben lag ein hübscher Bauernbursch -- ein halber Knabe noch von

kaum 17 Jahren. Er lag auf dem Rücken, die Zähne fest zusammengebissen,

die rechte Hand auf die Brust gepreßt und mit den funkelnden Augen

gerade in die Höhe sehend. Ich konnte nicht entdecken wo die Wunde

war, wie ich neben ihm niederkniete und mich über ihn beugte; aber

ich konnte sehen, daß er an einer Wunde von einem scharfen spitzen

Instrument starb.

„„Ich bin Arzt, armer Junge,“ sagte ich. „„Laß mich Deine Wunde

untersuchen.“

„„Ich mag sie nicht untersuchen lassen,“ gab er zur Antwort; „„laßt sie

sein.“

„Sie war unter seiner Hand und ich besänftigte ihn so, daß er mir die

Hand wegzunehmen gestattete. Die Wunde war ein Degenstich, zwanzig oder

vierundzwanzig Stunden alt, aber kein Arzt hätte ihn retten können,

wenn auch sofort darnach gesehen worden wäre. Er näherte sich jetzt

rasch seinem Ende. Wie ich meine Augen auf den älteren Bruder heftete,

sah ich wie er auf diesen hübschen, sterbenden Burschen herabblickte,

als wäre er ein verwundeter Vogel oder ein Hase, oder ein Kaninchen;

durchaus nicht als ob er ein Mitmensch wäre.

„„Wie ist dies zugegangen, Monsieur?“ sagte ich.

„„Ein wahnwitziger Hund von einem Bauer, ein Leibeigener, zwang meinen

Bruder den Degen zu ziehen und ist von meines Bruders Degen gefallen --

wie ein Cavalier.““

„Keine Spur von Mitleid, Schmerz oder menschlichem Mitgefühl war

in dieser Antwort zu hören. Der Sprecher schien zuzugeben, daß es

unangenehm sei, daß diese andere Art von Creatur hier im Sterben lag

und daß es besser gewesen, wenn er in dem gewöhnlichen dunkeln Lauf

seines Ungezieferlebens gestorben wäre. Er war ganz unfähig Mitleid mit

dem Knaben oder seinem Schicksale zu fühlen.

„Die Augen des Burschen hatten sich langsam ihm zugewendet, als er

gesprochen hatte und richteten sich jetzt langsam auf mich.

„„Doctor, sie sind sehr stolz, diese Edelleute; aber wir gemeines Volk

sind manchmal auch stolz. Sie berauben uns, beleidigen uns, prügeln

uns, schlagen uns todt, aber dennoch bleibt uns manchmal ein klein

wenig Stolz übrig. Sie -- haben Sie sie gesehen, Doctor?“

„Man hörte das Schreien hier, obgleich durch die Entfernung gedämpft.

Er bezog sich darauf, als ob sie in diesem Raume läge.

„Ich sagte: „„ich habe sie gesehen.“

„„Es ist meine Schwester, Doctor. Diese Edelleute haben ihre

schändlichen Rechte auf die Schamhaftigkeit und Tugend unserer

Schwestern viele Jahre lang ausgeübt, aber wir haben noch gute Mädchen

unter uns. Ich weiß es und von meinem Vater habe ich es auch sagen

hören. Sie war ein gutes Mädchen. Sie war Braut eines guten jungen

Mannes; eines seiner Pächter. Wir waren alle seine Pächter -- dieses

Mannes der dort steht. Der Andere ist sein Bruder, der Schlimmste eines

schlimmen Geschlechts.“

„Nur mit der größten Schwierigkeit sammelte der Knabe körperliche

Kraft genug um zu sprechen; aber seine Seele sprach mit schrecklichem

Nachdruck.

Zwei Städte · 第 30 / 36 段