„Ich will’s Euch sagen,“ versetzte Jerry, „Pflastersteine und Erde habt

Ihr in dem Sarge begraben. Kommt ~mir~ nicht mit Eurer Geschichte,

Ihr hättet Cly begraben. Das war reiner Leim. Ich und zwei andere

wissen es.“

„Woher wißt Ihr es?“

„Was geht das Euch an? Teufel,“ prahlte Mr. Cruncher, „mit Euch habe

ich es also von alter Zeit her zu thun wegen Eurer schändlichen

Betrügereien an ehrlichen Gewerbsleuten! Ich will Euch bei der Kehle

packen und erdrosseln für eine halbe Guinee.“

Sydney Carton, der mit Mr. Lorry bei dieser neuen Wendung vor Staunen

verstummt war, forderte jetzt Mr. Cruncher auf, sich zu mäßigen und

sich zu erklären.

„Ein andermal, Sir,“ entgegnete dieser ausweichend „es ist jetzt keine

gute Zeit zum Erklären. Wobei ich bleibe, ist, daß er recht gut weiß,

daß Cly niemals im Sarge gelegen hat. Wenn er nur mit einem Wort von

einer einzigen Silbe behaupten will, er hätte d’rin gelegen, so packe

ich ihn entweder an der Kehle und erdrossele ihn für eine halbe Guinee“

-- Mr. Cruncher wiederholte das, als ob es ein ganz großmüthiges

Anerbieten sei -- „oder ich gehe fort und zeige ihn an.“

„Hm! eins ist gewiß,“ sagte Carton. „Ich habe noch eine Trumpfkarte,

Mr. Barsad. Unmöglich können Sie hier, in diesem wüthenden Paris,

wo Argwohn die Luft erfüllt, eine Anklage überleben, wenn Sie im

Verkehr mit einem andern aristokratischen Spion stehen, der dieselben

Antecedenzien hat wie Sie, und bei dem außerdem der verdächtige

Umstand zu bedenken ist, daß er sich todt gestellt hat, und wieder

lebendig geworden ist! Ein Complot in den Gefängnissen, angezettelt

von dem Ausländer gegen die Republik. Eine hohe Karte -- eine sichere

Guillotinenkarte! Halten Sie die Partie?“

„Nein!“ entgegnete der Spion. „Ich gebe sie auf. Ich gebe zu, daß wir

so unpopulär bei dem zuchtlosen Pöbel waren, daß ich nur auf die Gefahr

hin, in einer Pferdeschwemme ertränkt zu werden, England verlassen

konnte, und daß Cly so hin und her gehetzt ward, daß er ohne diesen

Betrug gar nicht lebendig fortgekommen wäre. Aber wie dieser Mann weiß,

daß es ein Gaukelspiel war, ist mir ein Wunder über alle Wunder.“

„Zerbrecht Euch nicht den Kopf über diesen Mann,“ entgegnete der

streitfertige Mr. Cruncher; „es wird Euch Mühe genug machen diesem

Herrn Eure Aufmerksamkeit zu schenken. Und merkt’s Euch noch einmal!“

-- Mr. Cruncher ließ sich nicht abhalten seine Großmuth etwas auffällig

zur Schau zu tragen -- „ich packe Euch an der Kehle und erdrossele

Euch für eine halbe Guinee.“

Der Spion wendete sich von ihm an Sydney Carton und sagte mit mehr

Entschiedenheit: „wir müssen zum Abschluß kommen. Ich muß bald auf

meinen Posten und meine Zeit pünktlich einhalten. Sie sagten, Sie

hätten mir einen Vorschlag zu machen; wie lautet er? Ich erkläre Ihnen

von vorn herein, es nützt Ihnen Nichts, zuviel von mir zu verlangen.

Verlangen Sie Etwas von mir in meiner amtlichen Stellung, was meinen

Kopf in außerordentliche Gefahr bringt, so will ich mein Leben lieber

auf die Chancen einer abschläglichen, als einer zustimmenden Antwort

wagen. So würde ich meine Wahl treffen. Sie sprachen von Verzweiflung.

Wir alle hier sind verzweifelt. Vergessen Sie nicht! ich kann Sie

anklagen, wenn ich es für gut finde und ich kann mich durch steinerne

Mauern hindurchschwören und Andere können das auch. Nun sagen Sie, was

wollen Sie von mir?“

„Nicht sehr viel. Sie sind Schließer in der Conciergerie?“

„Ich sage Ihnen ein für allemal, es ist durchaus kein Entweichen

möglich,“ sagte der Spion fest.

„Warum sagen Sie mir Etwas wonach ich nicht gefragt habe? Sie sind

Schließer in der Conciergerie?“

„Zuweilen.“

„Sie können es sein wann Sie wollen?“

„Ich habe zu allen Zeiten freien Zutritt dort.“

Sydney Carton schenkte noch ein Glas Branntwein ein, goß es langsam auf

die Asche aus und sah zu wie sich die Flüssigkeit verlief. Als der

letzte Tropfen den Boden erreicht hatte, stand er auf und sagte:

„Soweit haben wir von diesen beiden Herren gesprochen, weil ich

wünschte, daß die Stärke meines Spiels nicht blos uns zweien bekannt

sei. Kommen Sie hier in das dunkele Zimmer, wo ich noch ein letztes

Wort mit Ihnen zu sprechen habe.“

Neuntes Kapitel.

Das Spiel ist gemacht.

Während Sydney Carton und der Spion in dem dunklen Nebenzimmer waren

und so leise miteinander verhandelten, daß man auch keinen Ton hörte,

sah Mr. Lorry Jerry mit nicht geringem Zweifel und Mißtrauen an. Die

Art, wie dieser ehrliche Gewerbsmann sich dabei benahm, war nicht

geeignet, Vertrauen einzuflößen; er wechselte das Bein auf welchem

er stand so oft, als ob er fünfzig dieser Gliedmaßen hätte und sie

alle nacheinander versuchte; er besah sich die Fingernägel mit sehr

verdächtiger Aufmerksamkeit; und so oft er Mr. Lorry’s Blick begegnete,

befiel ihn der eigenthümliche, trockene Husten, der die hohle Hand

vor den Mund zu führen pflegt und selten, wenn jemals, eine mit

vollkommener Offenheit des Charakters verbundene Schwäche ist.

„Jerry,“ sagte Mr. Lorry, „tretet näher.“

Mr. Cruncher näherte sich ihm seitlings, die eine Schulter vor.

„Was seid Ihr noch gewesen außer Ausläufer?“

Nach einigem Nachdenken, begleitet von einem gespannten Blick auf

seinen Gönner, kam Mr. Cruncher auf den glänzenden Einfall zu

antworten: „agriculturischer Charakter.“

„Ich habe eine schlimme Ahnung,“ sagte Mr. Lorry und drohte ihm zürnend

mit dem Zeigefinger, „daß Ihr das respectable und große Haus Tellson

als falsches Schild benutzt habt und einer ungesetzlichen Beschäftigung

der verworfensten Art nachgegangen seid. Wenn das der Fall gewesen ist,

so erwartet nicht, daß ich ein gutes Wort für Euch einlege, wenn wir

nach England zurückkehren. Wenn es der Fall gewesen ist, so erwartet

nicht, daß ich Euer Geheimniß achte. Ich kann nicht dulden, daß

Tellson’s hintergangen werden.“

„Ich hoffe, Sir,“ bat der beschämte Mr. Cruncher, „daß ein alter Herr

wie Sie, dem ich die Ehre gehabt habe Ausläuferdienste zu leisten bis

ich grau davon geworden bin, sich es zweimal überlegen wird, selbst

wenn es an dem wäre -- ich sage nicht daß es ist, eben selbst wenn

es wäre. Und was dabei zu bedenken ist, daß, wenn es wäre, selbst

dann nicht alle Schuld auf eine Seite fiele. Es sind zwei Seiten bei

der Sache. Es könnte Aerzte geben zur gegenwärtigen Stunde, die ihre

Guineen verdienen, wo ein ehrlicher Gewerbsmann nicht seinen Dreier

verdient. -- Dreier! Nein, noch nicht seinen halben Dreier -- halben

Dreier! Nein, noch nicht seinen Vierteldreier -- die ihr Bankconto

haben wie Dampf bei Tellsons, und verstohlen mit ihren medicinischen

Augen den Gewerbsmann anzwinkern, während sie aus der Bank kommen und

in ihren Wagen steigen -- Ah! auch mit Dampf, wenn nicht noch mit

mehr. Na, das hieße auch Tellsons hinter’s Licht führen. Denn man kann

nicht zur Gans Sauce geben und zum Gänserich keine. Und dann kommt

Mrs. Cruncher oder kam wenigstens in der Altenglandzeit und würde

morgen bei der ersten Veranlassung gegen das Geschäft in einer Weise

rutschen, die ruinirlich wäre -- rein ruinirlich. Während die Weiber

dieser Aerzte nicht rutschen -- die lassen’s bleiben! oder wenn sie

rutschen, rutschen sie wegen mehr Patienten und wie kann man die Einen

haben ohne die Anderen? Und dann sorgen die Leichenbesorger und die

Kirchspielschreiber, und die Todtengräber, und die Privatwächter (alle

geizig und alle dabei) dafür, daß ein Mann nicht viel dabei verdient,

selbst wenn es so wäre. Und das Wenige, was ein Mann verdient würde

ihm nie gedeihen, Mr. Lorry. Ja, es würde ihm nie gedeihen; er möchte

immer gern das Geschäft aufgeben, wenn er nur wüßte wie er herauskommen

sollte, wenn er einmal d’rin ist -- selbst wenn es so wäre.“

„Pfui!“ sagte Mr. Lorry, der trotzdem den Verbrecher mit milderem Auge

ansah. „Schon der Gedanke empört mich, wenn ich Euch ansehe.“

„Um was ich Sie eben demüthig bitten wollte, Sir,“ fuhr Mr. Cruncher

fort, „selbst wenn es so wäre, und ich sage nicht, daß es so ist“ --

„Keine Hinterzüge,“ sagte Mr. Lorry.

„Nein, ganz gewißlich nicht,“ entgegnete Mr. Cruncher, als ob seinen

Gedanken oder seinem Thun nichts ferner läge -- „ich sage nicht, daß

es so ist -- um was ich Sie demüthig bitten wollte ist Folgendes. Auf

dem Stuhle wissen Sie, dort bei dem Temple-Thor drüben, sitzt mein

Junge, auferzogen und aufgewachsen um bald ein Mann zu sein, der Ihnen

Botenlaufen und Alles für Sie thun kann, bis Ihre Hacken sind, wo jetzt

Ihr Kopf ist, wenn Sie es sonst wünschen. Wenn es so wäre, was ich noch

gar nicht sage, (denn ich will keine Hinterzüge machen, Sir,) so lassen

Sie diesen Jungen seines Vaters Stelle einnehmen und für seine Mutter

sorgen; verrathen Sie den Vater dieses Jungen nicht -- thuen Sie es

nicht, Sir, und lassen Sie den Vater einen ordentlichen Gräber werden,

und wieder gut machen, was er schlecht gemacht hat durch Ausgraben --

wenn es so wäre -- indem er sie ordentlich und richtig einscharrt und

ein verfluchter Kerl sein will, wenn er sie wieder ausgraben läßt.

Das, Mr. Lorry,“ sagte Mr. Cruncher, und wischte sich die Stirn mit

dem Rockärmel ab, zum Zeichen, daß er sich dem Schlusse seiner Rede

näherte, „das ist’s, um was ich Sie bitten wollte, Sir. Der Mensch kann

hier nicht ersehen wie schrecklich es zugeht, was Subjecte ohne Köpfe

betrifft -- Gott! reichlich genug vorhanden, um den Preis herunter

zu drücken bis auf’s Trägerlohn und kaum das, -- ohne seine ernsten

Gedanken zu bekommen. Und das wären meine Gedanken, wenn es so wäre und

ich bitte Sie nicht zu vergessen, daß ich das, was ich gesagt habe, in

der guten Sache gesagt habe, wo ich hätte schweigen können.“

„Das wenigstens ist wahr,“ sagte Mr. Lorry. „Schweigen wir jetzt

davon. Vielleicht werdet Ihr noch meine Fürsprache haben, wenn Ihr sie

verdient und in Werken bereut -- nicht in Worten. Ich brauche keine

Worte mehr.“

Mr. Cruncher fuhr mit den Knöcheln an die Stirn, als Sydney Carton und

der Spion aus dem dunkeln Nebenzimmer erschienen. „Leben Sie wohl, Mr.

Barsad!“ sagte der erstere; „unsere Verabredung ist getroffen und Sie

haben Nichts weiter von mir zu fürchten.“

Er setzte sich auf einen Stuhl vor dem Kamin, Mr. Lorry gegenüber. Als

sie allein waren, fragte Mr. Lorry, was er ausgerichtet habe?

„Nicht viel. Wenn es mit den Gefangenen schlimm gehen sollte, habe ich

mir für einmal Zutritt zu ihm gesichert.“

Auf Mr. Lorry’s Gesicht sprach sich traurige Enttäuschung aus.

„Es ist Alles, was ich thun konnte,“ sagte Carton. „Zuviel verlangen

hieße dieses Mannes Kopf unter das Beil bringen und wie er selbst sagt,

es könnte ihm nichts Schlimmeres geschehen, wenn wir ihn denuncirten.

Das war offenbar die schwache Seite unseres Spiels. Dem läßt sich nicht

abhelfen.“

„Aber Zutritt zu ihm,“ sagte Mr. Lorry, „wenn es schlimm vor Gericht

gehen sollte, kann ihn nicht retten.“

„Das habe ich nie gesagt.“

Mr. Lorry’s Augen suchten allmälig das Feuer; seine Theilnahme für

Lucien und der schwere Schlag dieser zweiten Verhaftung, schwächten

sie allmälig; er war jetzt ein alter Mann, in der letzten Zeit von

vielem Kummer bedrückt, und Thränen rollten seine Wangen herab.

„Sie sind ein guter Mensch und ein treuer Freund,“ sagte Carton in

einem andern Tone als bisher. „Verzeihen Sie, wenn ich Ihre Bewegung

bemerke. Ich könnte nicht meinen Vater weinen sehen und achtlos dabei

sitzen. Und ich könnte Ihren Schmerz nicht mehr achten, wenn Sie mein

Vater wären. Doch dieses Unglück ist Ihnen erspart.“

Obgleich er diese letzten Worte mit einem Anklang seiner gewöhnlichen

blasirten Weise sprach, war doch sowol im Tone seiner Stimme, wie in

seiner Rührung so viel ächtes Gefühl und Achtung, daß Mr. Lorry, der

ihn nie von seiner bessern Seite gesehen, ganz davon überrascht war. Er

reichte ihm die Hand und Carton drückte sie sanft.

„Um wieder auf den armen Darnay zu kommen,“ sagte Carton. „Sagen Sie

~ihr~ nichts von dieser Zusammenkunft oder dieser Verabredung. Es

würde ~sie~ nicht in den Stand setzen ihn zu sehen. Sie könnte

glauben, es sollte im schlimmsten Falle dazu dienen ihm die Mittel

zukommen zu lassen, dem Urtheil vorzugreifen.“

Mr. Lorry hatte daran nicht gedacht und er warf auf Carton einen

raschen Blick, um zu sehen ob er so etwas im Sinne habe. Es schien so;

er gab den Blick zurück und verstand ihn offenbar.

„Sie könnte sich tausenderlei denken,“ sagte Carton, „und jeder dieser

Gedanken würde nur ihre Seelenangst vermehren. Sprechen Sie nicht zu

mir von ihr; wie ich Ihnen sagte, als ich zuerst zu Ihnen kam: es ist

besser, daß ich sie nicht sehe. Auch ohne das kann ich ihr die kleinen

Hülfen leisten, zu denen sich vielleicht Gelegenheit findet. Sie gehen

jedenfalls zu ihr? Ich bedaure sie aufrichtigst.“

„Ich gehe jetzt hin.“

„Das freut mich. Sie hängt so fest an Ihnen und verläßt sich so fest

auf Sie. Wie sieht sie aus?“

„Bekümmert und unglücklich, aber sehr schön.“

„Ach!“

Es war ein langer, schmerzdurchdrungener Ton, wie ein Seufzer -- fast

wie ein Schluchzen. Es veranlaßte Mr. Lorry’s Augen Carton anzusehen,

dessen Gesicht dem Feuer zugewendet war. Ein Licht oder ein Schatten

(der alte Herr hätte nicht sagen können, welches von beiden) verschwand

von demselben so rasch, wie an einem stürmischen und doch schönen

Tage ein Lichtwechsel über einen Wiesenhang fliegt, und er hob den

Fuß um eins der kleinen brennenden Holzscheite, das von dem Heerde

fallen wollte, zurückzuschieben. Er trug den weißen Reitrock und

die Stolpenstiefeln, die damals Mode waren und der Gegensatz dieser

hellen Tracht zu seinem langen braunen, zwanglos und fast ungeordnet

um das Gesicht hängendem Haar, machte ihn sehr blaß aussehend. Seine

Unbekümmertheit um Feuerschaden war merkwürdig genug, um Mr. Lorry zu

einem warnenden Wort zu veranlassen; er hatte den Stiefel immer noch

auf die sprühenden Kohlen des brennenden Scheites gesetzt, als es unter

dem Gewicht seines Fußes zerquetscht wurde.

„Ich hatte es vergessen,“ sagte er.

Mr. Lorry mußte ihn wieder ansehen. Wie er die Angegriffenheit der

von Natur schönen Züge bemerkte, konnte er nicht umhin, an den den

Gefangenengesichtern eigenen Ausdruck zu denken, der ihm ja jetzt so

oft vor Augen kam.

„Und Ihre Geschäftsobliegenheiten hier sind jetzt zu Ende, Sir?“ sagte

Carton jetzt zu ihm.

„Ja. Wie ich Ihnen gestern Abend sagte, als Lucie so unerwartet kam,

habe ich endlich Alles hier gethan, was gethan werden konnte. Ich

hoffte sie in vollkommener Sicherheit zurückzulassen und dann von Paris

abzureisen. Ich habe meinen Passirschein. Ich war reisefertig.“

Beide schwiegen.

„Sie können auf ein langes Leben zurücksehen, Sir,“ sprach Carton

endlich sinnend.

„Ich stehe in meinem 78. Jahre.“

„Sie sind Ihr ganzes Leben lang von Nutzen gewesen; ausdauernd und

beständig beschäftigt; mit Vertrauen, mit Achtung und Verehrung

angesehen?“

„Ich bin Geschäftsmann gewesen seitdem ich Mann bin. Ja, ich kann wohl

sagen schon als Jüngling.“

„Und sehen Sie, welche Stelle Sie mit 78 Jahren einnehmen. Wie viele

Leute werden Sie vermissen, wenn sie leer ist!“

„Ein einsamer alter Junggeselle,“ gab Mr. Lorry kopfschüttelnd zur

Antwort. „Niemand wird mir eine Thräne nachweinen.“

„Wie können Sie das sagen? Würde ~sie~ nicht um Sie weinen? und

ihr Kind nicht?“

„Ja, ja, Gott sei Dank. Ich nahm’ es nicht so genau mit meinen Worten.“

„Es ist ein Grund, Gott dafür zu danken; nicht?“

„Gewiß, gewiß.“

„Wenn Sie heut Nacht zu Ihrem einsamen Herzen sagen müßten „„ich

habe die Liebe und Zuneigung, die Dankbarkeit oder Achtung keines

menschlichen Wesens gewonnen; kein Herz denkt zärtlich an mich; Niemand

erinnert sich meiner wegen eines Dienstes oder einer Hülfe die ich

ihm geleistet habe!““ so wären Ihre 78 Jahre achtundsiebenzig schwere

Flüche; würde das nicht der Fall sein?“

„Sie haben Recht, Mr. Carton; es würde so sein.“

Sydney sah wieder in das Feuer und fuhr nach einer Pause von einigen

Augenblicken weiter fort:

„Ich möchte Ihnen wol eine Frage vorlegen: -- scheint Ihnen Ihre

Kindheit weit zurück zu liegen? Erscheinen Ihnen die Tage, wo Sie

auf Ihrer Mutter Schoos saßen, als Tage einer längst entschwundenen

Vergangenheit?“

Auf seinen herzlicheren Ton eingehend gab Mr. Lorry zur Antwort.

„Vor zwanzig Jahren, ja; gegenwärtig Nein. Denn wie ich dem Ende

immer näher komme, wandere ich im Kreise und der Anfang tritt mir

immer näher. Es scheint dies eine der freundlichen Erleichterungen

und Vorbereitungen des Abgangs zu sein. Mein Herz kennt jetzt viele,

lange Zeit schlummernde Erinnerungen an meine hübsche junge Mutter (und

ich so alt jetzt!) und an die Tage, wo das, was wir die Welt nennen,

mir noch nicht so wirklich erschien und meine Fehler noch nicht zur

Gewohnheit geworden waren.“

„Ich verstehe das Gefühl!“ rief Carton aus, und eine helle Röthe flog

über sein Gesicht. „Und Sie fühlen sich besser davon?“

„Ich hoffe es.“

Carton brach hier das Gespräch ab, indem er aufstand und dem andern

seinen Ueberrock anziehen half; „aber Sie,“ sagte jetzt Mr. Lorry, „Sie

sind noch jung.“

„Ja,“ sagte Carton. „Ich bin nicht alt, aber die Art wie ich jung

gelebt habe, war nicht der Weg zum Altwerden. Genug von mir.“

„Und gewiß auch von mir,“ sagte Mr. Lorry. „Gehen Sie aus?“

„Ich will Sie bis an ihre Hausthür begleiten. Sie kennen ja meine

Lust am Herumstreifen und meine Ruhelosigkeit. Wenn ich mich lange

Zeit in den Straßen herumtreiben sollte, so machen Sie sich keine

Sorge; ich werde früh schon wieder da sein. Sie gehen morgen in die

Gerichtssitzung?“

„Ja, leider.“

„Auch ich werde da sein, aber unter den Zuschauern. Mein Spion

verschafft mir einen Platz. Nehmen Sie meinen Arm, Sir.“

Mr. Lorry that dies und sie gingen die Treppe hinab und traten auf die

Straße. Wenige Minuten brachten sie an Mr. Lorry’s Bestimmungsort. Dort

verließ ihn Carton, blieb aber in einiger Entfernung stehen und kehrte

nach dem Thorweg zurück, als er geschlossen war, und legte die Hand

daran. Er hatte gehört, daß sie jeden Tag nach dem Gefängniß ging.

„Hier ist sie herausgekommen“ sagte er, „diesen Weg ist sie gegangen,

diese Steine muß sie oft betreten haben. Ich folge ihrem Wege.“

Es war 10 Uhr Nachts als er vor dem Gefängniß La Force, wo sie

hundertmal gestanden hatte, ankam. Ein kleiner Holzhacker, der seinen

Laden zugemacht hatte, rauchte vor demselben seine Pfeife.

„Guten Abend, Bürger,“ sagte Sydney Carton im Vorbeigehen stehen

bleibend; denn der Mann sah ihn forschend an.

„Guten Abend, Bürger.“

„Was macht die Republik?“

„Ihr meint die Guillotine? Es geht nicht schlecht. Dreiundsechszig

heute. Wir müssen bald auf ein volles Hundert kommen. Samson und seine

Leute klagen manchmal, sie würden müde. Ha, ha, ha! er ist ein so

drolliger Kerl, dieser Samson. Solch’ ein Barbier!“

„Geht Ihr oft hin?“ --

„Ihn rasiren zu seh’n? Immer. Jeden Tag. Solch’ ein Barbier! Ihr habt

ihn arbeiten sehen?“

„Nie.“

„So geht ja hin und seht zu, wenn er einmal volle Arbeit hat. Denkt es

Euch nur, Bürger, er rasirte heute Dreiundsechszig in weniger als zwei

Pfeifen! In weniger als zwei Pfeifen. Auf Ehrenwort!“

Wie das grinsende kleine Ungeheuer die Pfeife in die Höhe hielt, die er

rauchte um zu zeigen, wie er die Zeit des Scharfrichters controllirte,

fühlte Carton einen so lebhaften Wunsch in sich rege werden, ihn todt

zu seinen Füßen niederzustrecken, daß er sich weg wendete.

„Aber Ihr seid kein Engländer,“ sagte der Holzhacker, „obgleich Ihr wie

ein Engländer angezogen seid.“

„Doch“, sagte Carton, indem er wieder still stand und sich über die

Achsel umsah.

„Ihr sprecht wie ein Franzose.“

„Ich habe früher hier studiert.“

„Ah ha, ein vollkommener Franzose! Gute Nacht, Engländer.“

„Gute Nacht, Bürger.“

„Aber vergeßt ja nicht hinzugehen und Euch den drolligen Kerl

anzusehen,“ rief ihm der kleine Mann noch nach. „Und nehmt eine Pfeife

mit!“

Sydney war kaum um eine Ecke, so blieb er mitten auf der Straße unter

einer düster brennenden Laterne stehen und schrieb mit dem Bleistift

Etwas auf einen Zettel. Dann ging er mit dem entschlossenen Schritt

eines Mannes, der seinen Weg recht gut kennt, durch mehrere dunkele und

schmutzige Gassen -- viel schmutziger als gewöhnlich; denn selbst die

vornehmsten Straßen blieben in dieser Schreckenszeit ungereinigt --

und blieb vor einem Apothekerladen stehen, den der Besitzer eben mit

eigenen Händen schließen wollte. Es war ein kleiner trüber, eckiger

Laden in einer krummen, bergaufgehenden Straße, gehalten von einem

kleinen, trüben, eckigen Manne.

Mit einem „Guten Abend, Bürger“ trat Carton an den Ladentisch und gab

dem Apotheker den Zettel. „Hui!“ pfiff dieser leise, als er ihn las.

„Hi, hi, hi!“

Sydney Carton beachtete dies nicht und der Chemiker sagte:

„Für Euch, Bürger?“

„Für mich!“

„Ihr werdet Sorge tragen sie nicht unter einander zu mischen, Bürger?

Ihr wißt was die Folgen sind, wenn sie untereinander kommen?“

„Vollkommen.“

Der Apotheker bereitete verschiedene Pulver und übergab sie ihm in

kleinen Packetchen. Er steckte sie einzeln in die Brusttasche seines

Leibrocks, zählte das Geld dafür auf den Tisch und verließ gelassenen

Schrittes den Laden. „Es ist vor Morgen nichts mehr zu thun,“ sagte er

zum Monde aufblickend. „Ich kann nicht schlafen.“

Es war nicht der alte, verletzend blasirte, oder an sich selbst

verzweifelnde Ton, mit dem er diese Worte sprach. Er sprach vielmehr

in der mit sich abgeschlossenen Weise eines müden Wanderers, der nach

langer anstrengender Irrfahrt endlich den richtigen Weg gefunden hat

und sein Reiseziel vor sich sieht.

Vor langer Zeit, als er unter seinen Mitschülern als ein Jüngling von

großen Hoffnungen berühmt gewesen, war er seines Vaters Leiche gefolgt.

Seine Mutter war schon vor Jahren gestorben. Die feierlichen Worte,

die der Geistliche an seines Vaters Grab gelesen, traten jetzt, wie er

durch die dunkeln Straßen in dem schweren Schatten der Nacht ging,

während hoch über ihm die Wolken hastig über den Mond flogen, vor seine

Seele. „Ich bin die Auferstehung und das Leben, sagt der Herr, wer an

mich glaubet der soll ewig leben, ob er auch stürbe: und wer da lebet

und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“

In einer, von der Guillotine beherrschten Stadt, in nächtlicher

Einsamkeit, mit natürlicher Theilnahme an dem Schicksale der

Dreiundsechszig, welche an diesem Tage hingerichtet worden und an das

der Opfer des morgenden Tages, die ihr Schicksal in den Gefängnissen

erwarteten, und der Opfer noch so vieler zu erwartenden Morgen, war

die Ideenverbindung, welche ihm diesen Spruch in’s Gedächtniß brachte

leicht zu finden. Er suchte sie nicht, sondern wiederholte den Spruch

und ging weiter.

Mit einem feierlichen Interesse an den erleuchteten Fenstern, wo Leute

schlafen gingen, ein paar stille Stunden hindurch die sie umgebenden

Schrecken vergessend; an den Thürmen der Kirchen, wo keine Gebete

zum Himmel drangen, denn so weit auf dem Wege zur Selbstvernichtung

war im Volke die Reaction durch lange Jahre priesterlichen Truges,

priesterlichen Plünderung und Ausschweifung zurückgeprallt; an den

entlegenen Friedhöfen, jetzt, wie über dem Eingang stand „dem ewigen

Schlummer gewidmet“; an den übervollen Kerkern; und an den Straßen,

durch welche die Verurtheilten schockweise zu einem Tode fuhren, der so

alltäglich und handgreiflich geworden war, daß das Volk an all dieses

blutige Arbeiten der Guillotine nicht einmal eine Gespenstersage zu

knüpfen wußte; mit einem feierlichen Interesse an dem ganzen Leben und

Sterben der Stadt, die allmälich in die kurze nächtliche Unterbrechung

ihres täglichen Wüthens versank, ging Sydney Carton wieder über die

Seine, um die helleren Straßen aufzusuchen.

Man sah nur wenige Kutschen; denn wer in Kutschen fuhr ward leicht

verdächtig, und Vornehmheit setzte auf den Kopf eine rothe Nachtmütze

und zog schwere Schuhe an und ging zu Fuß. Aber die Theater waren alle

gefüllt und die Leute strömten in heiterer Stimmung heraus, wie er

vorbeiging, und begaben sich plaudernd nach Hause. An der Thür eines

der Theater stand ein kleines Mädchen mit einer Mutter, die einen

Uebergang über die Straße durch den Schmutz suchten. Er trug die Kleine

hinüber und bat sie, ehe der schüchterne Arm sich von seinem Hals los

machte, um einen Kuß.

Zwei Städte · 第 29 / 36 段