Fertig mit dem Ankauf einer kleinen Anzahl Küchenbedürfnisse und eines

Maßes Oel für die Lampe, dachte Miß Proß an den Wein den sie brauchte.

Nachdem sie einen forschenden Blick in verschiedene Weinläden geworfen,

blieb sie vor dem Schild „des guten Republikaners Brutus“ stehen, nicht

weit vom Nationalpalast, ehedem und später wieder die Tuilerien, das

ihr seinem Aussehen nach so ziemlich gefiel. Der Laden sah stiller

aus als die anderen, an denen sie bisher vorbeigekommen und war,

obgleich roth genug von Patriotenmützen, doch nicht so roth wie die

Uebrigen. Nachdem Miß Proß Mr. Cruncher zu Rathe gezogen und ihn von

gleicher Meinung gefunden, trat sie in seiner Begleitung in den „guten

Republikaner Brutus“ ein.

Nicht ohne einen forschenden Blick auf die qualmenden Kerzen, auf die

mit der Pfeife im Munde mit schmierigen Karten und gelben Dominosteinen

Spielenden, auf den rußgeschwärzten Arbeiter mit nackter Brust und

nackten Armen, der eine Zeitung vorlas, während die anderen zuhörten;

auf die Waffen die viele im Gürtel trugen, andere einstweilen

abgelegt hatten; auf die zwei oder drei mit dem Kopfe auf den Tische

Schlafenden, die in dem damals üblichen hochschultrigen kurzen,

zottigen, schwarzen Spenzer, in dieser Stellung wie schlafende Bären

oder Hunde aussahen, näherten sich die beiden Fremden dem Ladentisch um

zu kaufen was sie brauchten.

Als ihr Wein ausgemessen ward, verabschiedete sich ein Mann von einem

andern in einer Ecke und stand auf um zu gehen. Er mußte an Miß Proß

vorbei. Kaum hatte diese sein Gesicht erblickt, so stieß sie einen

Schrei aus und schlug die Hände zusammen.

[Illustration: ~Zwiefaches Erkennen.~]

In einem Augenblicke war die ganze Gesellschaft aufgesprungen. Daß

Jemand ermordet worden, weil er einem Andern nicht hatte recht geben

wollen, war das Wahrscheinlichste. Jedermann erwartete Jemanden auf den

Boden sinken zu sehen, sah aber nur einen Mann und eine Frau, die sich

mit weitaufgerissenen Augen anstarrten; der Mann dem ganzen äußeren

Ansehen nach ein Franzose und ein gesinnungstüchtiger Republikaner; die

Frau eine Vollblutengländerin.

Was die Zöglinge des „guten Republikaners Brutus“, als sie sich so

enttäuscht sahen, sagten, hätte für Miß Proß und ihren Beschützer

ebenso gut hebräisch oder chaldäisch sein können und wenn sie ganz Ohr

gewesen wären. Aber sie hatten in ihrem Erstaunen für Nichts Gehör.

Denn es muß hervorgehoben werden, daß nicht blos Miß Proß vor Erstaunen

und Aufregung außer sich war; sondern daß auch Mr. Cruncher -- obgleich

wie es schien auf seine eigene und besondere Rechnung -- sich vor

Verwunderung nicht fassen konnte.

„Was giebt’s?“ sagte der junge Mann, der Miß Proß gegenüber stand, in

ärgerlichem schroffem Tone (obgleich leise) und auf englisch.

„Ach Salomo, lieber Salomo!“ rief Miß Proß und schlug ihre Hände wieder

zusammen; „nachdem ich so viele Jahre nichts von Dir gesehen oder

gehört habe, Dich endlich hier zu finden!“

„Nenne mich nicht Salomo. Willst Du mir den Tod auf den Hals

schicken?“ fragte der Mann in verstohlener und verschüchterter Weise.

„Bruder, Bruder!“ rief Miß Proß mit hellen Thränen aus; „bin ich jemals

so hartherzig gegen Dich gewesen, daß Du mir so Etwas zutrauen kannst?“

„Dann halte Dein geschwätziges Maul,“ gebot Salomo, „und komm auf die

Straße hinaus, wenn Du mit mir sprechen willst? Bezahle Deinen Wein und

komm. Wer ist der da?“

Miß Proß schüttelte ihr liebendes und bekümmertes Haupt über ihren

keineswegs liebreichen Bruder und gab durch Thränen zur Antwort: „Mr.

Cruncher.“

„Er mag auch mit herauskommen,“ sagte Salomo. „Hält er mich für ein

Gespenst?“

Allem Anschein nach war Mr. Cruncher dieser Meinung, wenigstens nach

seinem Aussehen zu urtheilen. Er sagte jedoch kein Wort und Miß Proß,

die Tiefen ihres Strickbeutels mit großer Beschwerde durch ihre

Thränen durchforschend, bezahlte den Wein. Während sie dies that,

wendete sich Salomo an die Zöglinge des guten Republikaners Brutus und

sprach auf französisch einige erklärende Worte zu ihnen, die sie Alle

veranlaßten ihre früheren Plätze wieder einzunehmen und sich ihren eben

unterbrochenen Beschäftigungen von Neuem zu widmen.

„Nun, was willst Du von mir?“ fragte Salomo, als er an der dunkeln

Straßenecke stehen blieb.

„Wie hart von einem Bruder, von dem ich nie meine Liebe abgewendet

habe,“ rief Miß Proß aus, „mich so zu bewillkommnen und so kalt zu

bleiben.“

„Da. Hols der Kukuk! Da,“ sagte Salomo, und stieß mit seinem Mund auf

die Lippen der Schwester. „Bist Du nun zufrieden?“

Miß Proß schüttelte nur den Kopf und weinte stille Thränen.

„Wenn Du erwartest, daß ich überrascht sein soll,“ sagte ihr Bruder

Salomo, „so täuschest Du Dich; ich wußte daß Du hier warst; ich erfahre

nur von wenigen nicht, wenn sie nach Paris kommen. Wenn Du wirklich

nicht wünschest, mein Leben zu gefährden -- was ich halb für möglich

halten könnte -- so geh’ so bald als möglich Deinen Weg und laß mich

meinen gehen. Ich habe viel zu thun. Ich bin Beamter.“

„Mein englischer Bruder Salomo,“ sagte Miß Proß mit einem trauervollen

Aufblick ihrer thränenschweren Augen gen Himmel, „der in sich das Zeug

hatte einer der besten und größten Männer seines Vaterlandes zu werden,

ein Beamter unter Ausländern, und solchen Ausländern! Fast lieber hätte

ich den lieben Jungen in seinem --“

„Sagte ich’s nicht!“ unterbrach sie ihr Bruder heftig. „Ich wußte

es ja! Du willst mein Tod sein. Meine eigene Schwester wird mich

verdächtig machen. Gerade wie es mir anfängt besser zu gehen!“

„Der gnädige und barmherzige Himmel verhüte das!“ rief Miß Proß aus.

„Viel lieber möchte ich Dich nicht wiedersehen, lieber Salomo, obgleich

ich Dir immer von Herzen gut gewesen bin und es immer bleiben werde.

Sage mir nur ein liebreiches Wort und gieb mir nur die Versicherung,

daß keine Entfremdung zwischen uns herrscht und ich will Dich nicht

länger aufhalten.“

Gute Miß Proß! als ob die Entfremdung zwischen ihnen ihre Schuld

gewesen wäre. Als ob Mr. Lorry es nicht schon vor Jahren in der

stillen Ecke in Soho gewußt hätte, daß dieser kostbare Bruder ihr Geld

durchgebracht und sie dann sitzen gelassen hatte!

Er sagte jedoch das liebreiche Wort mit einer viel trotzigeren

Herablassung und Gönnermiene, als er hätte zeigen können, wenn das

thatsächliche Verhältniß zwischen den beiden gerade umgekehrt gewesen

wäre, so wie es stets überall geschieht, so groß die Welt ist, als Mr.

Cruncher die Hand auf seine Schulter legte und mit heiserer Stimme die

unerwartete und eigenthümliche Frage stellte:

„Hört ’mal! mit Verlaub! Heißt ihr eigentlich John Salomo, oder Salomo

John?“

Der Beamte wandte sich mit plötzlichem Mißtrauen gegen ihn. Er hatte

vorher kein Wort gesprochen.

„Na, sprecht nur!“ sagte Mr. Cruncher. „John Salomo oder Salomo John?

Sie nennt Euch Salomo und sie muß es wissen, da sie Eure Schwester ist.

Und ich weiß, daß Ihr John heißt, wißt Ihr. Welcher von den beiden

Namen kommt zuerst? und wie steht es mit dem Namen Proß? So hießt Ihr

nicht über dem Wasser.“

„Was meint Ihr?“

„Na ich weiß nicht alles, was ich meine; denn ich kann mich nicht

besinnen, wie Ihr über dem Wasser drüben geheißen habt.“

„Nicht?“

„Nein. Aber ich will schwören es war ein Name von zwei Sylben.“

„Wirklich?“

„Ja. Der andere Name war einsylbig. Ich kenne Euch. Ihr waret als Spion

Zeuge in Old Bailey. Wie hießt Ihr nur damals im Namen des Lügenvaters,

der Euer eigener Vater ist?“

„Barsad,“ fiel eine andere Stimme ein.

„Das ist der Name für eintausend Pfund!“ rief Jerry.

Der eben gesprochen hatte, war Sydney Carton. Er hatte die Hände

unter den Schößen seines Reitrocks auf den Rücken gelegt und stand so

nachlässig neben Mr. Cruncher, wie er sich in Old Bailey zu zeigen

pflegte.

„Erschrecken Sie nicht, meine gute Miß Proß. Ich überraschte gestern

Abend Mr. Lorry mit meiner Ankunft; wir kamen überein, daß ich mich

nirgendwo zeigen sollte bis Alles in Ordnung war oder bis ich mich

nützlich machen könnte; ich komme hierher, um ein paar Worte mit

Ihrem Bruder zu sprechen. Ich wollte Ihr Bruder betriebe ein besseres

Geschäft als dieser Mr. Barsad. Ihretwegen wünschte ich, Mr. Barsad

wäre kein Schaf der Gefängnisse.“

„Schaf der Gefängnisse“ war damals unter den Kerkermeistern ein

Spitzname für einen Spion. Der Spion, der blaß war, wurde noch blässer

und fragte ihn wie er wagen könnte --

„Das will ich Ihnen erklären,“ sagte Sydney. „Ich sah Sie zufällig, Mr.

Barsad, aus dem Conciergerie-Gefängnisse kommen, während ich mir vor

ein oder zwei Stunden die Mauern betrachtete. Sie haben ein Gesicht,

das auffällt, und ich habe ein gutes Gedächtniß für Gesichter. Daß

ich Sie dort sah, erweckte meine Neugier und da ich einen Grund habe

(der Ihnen nicht unbekannt ist), Sie mit dem Unglück eines jetzt sehr

unglücklichen Freundes in Verbindung zu bringen, so ging ich Ihnen

nach. Ich trat gleich hinter Ihnen in den Weinschank hier und setzte

mich in Ihre Nähe. Aus Ihrer ganz rückhaltlosen Unterhaltung und dem,

was unter Ihren Bewunderern von Mund zu Mund ging, ward es mir nicht

schwer zu errathen, womit Sie sich beschäftigen. Und allmälich bekam

das, was ich auf’s Geradewohl gethan hatte, einen gewissen Zweck, Mr.

Barsad.“

„Was für einen Zweck?“ fragte der Spion.

„Es wäre beschwerlich und vielleicht gefährlich ihn hier auf der Straße

auseinander zu setzen. Können Sie mir nicht ein paar Minuten zu einer

vertraulichen Unterredung schenken -- in Tellsons Bank vielleicht?“

„Drohen Sie?“

„O, sollte ich das gethan haben?“

„Warum soll ich also mit Ihnen gehen?“

„Wahrhaftig, Mr. Barsad, das kann ich Ihnen nicht sagen, wenn Sie es

nicht thun können.“

„Sie wollen es mir nicht sagen, Sir?“ fragte der Spion unentschlossen.

„Sie haben ganz das Richtige getroffen, Mr. Barsad. Ich will es Ihnen

nicht sagen.“

Cartons nachlässiges und doch bestimmtes Wesen kam seiner Raschheit und

Gewandtheit bei dem, was er im Geheimen vorhatte und bei einem solchen

Manne wie dieser war, mächtig zu Hülfe. Sein geübtes Auge sah es und

beutete es auf das Beste aus.

„Na, ich sagte Dir’s gleich,“ sagte der Spion mit einem vorwurfsvollen

Blick auf seine Schwester; „wenn mir daraus ein Unglück erwächst, so

bist Du daran schuld.“

„Ach kommen Sie nur, Mr. Barsad!“ rief Sydney aus. „Seien Sie nicht

undankbar. Ohne meine Achtung für Ihre Schwester, hätte ich vielleicht

nicht auf so angenehme Weise einen kleinen Vorschlag eingeleitet, den

ich Ihnen zu unserer gegenseitigen Zufriedenheit zu machen gedenke.

Gehen Sie mit mir nach der Bank?“

„Ich will hören was Sie zu sagen haben. Ja, ich will Sie begleiten.“

„Ich schlage vor erst Ihre Schwester bis an die Ecke Ihrer Straße zu

bringen. Erlauben Sie mir Ihren Arm, Miß Proß. Es ist für Sie nicht

gerathen um diese Zeit in dieser Stadt ohne Schutz auszugehen, und da

Ihr Begleiter Mr. Barsad kennt, will ich ihn mit zu Mr. Lorry nehmen.

Sind wir fertig? So wollen wir gehen!“

Nicht viel später, und noch bis an das Ende ihres Lebens erinnerte

sich Miß Proß, daß, wie sie ihre Hand auf Sydney’s Arm legte, und ihn

mit einem bittenden Blick ansah Salomo nichts zu Leide zu thun, ein

energischer Wille in seinem Arm und eine Art Begeisterung in den Augen

lag, die nicht nur im Widerspruch mit seinem sorglosen Wesen stand,

sondern auch den Mann veränderten und erhoben. Sie war damals mit

Besorgnissen um ihren Bruder, der ~ihre~ Liebe so wenig verdiente

und mit Sydney’s beruhigenden Versicherungen zu sehr beschäftigt, um

das, was sie sah, gehörig zu beachten.

Sie verließen sie an der Ecke der Straße und Carton schlug dann den Weg

nach Mr. Lorry’s Comptoir ein, das nur noch wenige Minuten entfernt

war. John Barsad oder Salomo Proß ging neben ihm.

Mr. Lorry hatte eben gegessen und saß vor einem gemüthlichen kleinen

Holzfeuer. Vielleicht sah er in den Flackern der Flamme das Bild des

jüngeren ältlichen Herrn von Tellsons, der nun vor vielen Jahren in die

glühenden Kohlen im König Georg in Dover geschaut hatte. Er sah sich

um als sie eintraten und zeigte sich überrascht, als er einen Fremden

erblickte.

„Miß Proß’ Bruder, Sir,“ sagte Sydney. „Mr. Barsad.“

„Barsad?“ wiederholte der alte Herr, „Barsad? ich muß den Namen kennen

-- und das Gesicht.“

„Ich sagte Ihnen Sie hätten ein Gesicht, das man nicht leicht vergißt,

Mr. Barsad,“ bemerkte Carton kühl. „Bitte nehmen Sie Platz.“

Als er selbst einen Stuhl nahm, half er Mr. Lorry’s Gedächtniß dadurch

nach, daß er zu Mr. Lorry mit gerunzelter Stirn sagte: „Zeuge bei

jener Gerichtsverhandlung.“ Mr. Lorry erinnerte sich nun sofort und

betrachtete seinen neuen Gast mit unverholenem Abscheu.

„Miß Proß hat Mr. Barsad als den zärtlichen Bruder erkannt, von dem Sie

gehört haben,“ sagte Carton, „und er hat die Verwandtschaft anerkannt.

Ich habe noch eine schlimmere Nachricht. Darnay ist von Neuem

verhaftet.“

Voll Bestürzung rief der alte Herr aus: „Was sagen Sie da! Ich verließ

ihn vor zwei Stunden in Sicherheit und frei, und will jetzt wieder zu

ihm gehen!“

„Trotzdem verhaftet. Wann ist es geschehen, Mr. Barsad?“

„Jetzt eben, wenn überhaupt.“

„Mr. Barsad ist die beste Autorität die man haben kann, Sir,“ sagte

Sydney, „und ich erfuhr es aus Mr. Barsad’s Aeußerungen gegen einen

Freund und Mitspion, bei einer Flasche Wein, daß die Verhaftung

stattgefunden. Er verließ die Gerichtsboten an der Thür und sah wie

der Portier sie einließ. Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß er wieder

verhaftet ist.“

Mr. Lorry’s geschäftsmännisches Auge las in dem Gesichte des

Sprechenden, daß es reiner Zeitverlust sei bei diesem Punkte zu

verweilen. Verwirrt, aber sofort fühlend, daß Etwas auf seine

Geistesgegenwart ankommen könnte, beherrschte er sich und hörte in

schweigender Aufmerksamkeit zu.

„Nun will ich hoffen,“ sagte Sydney zu ihm, „daß der Name und Einfluß

_Dr._ Manette’s ihm ebenso hülfreich sei morgen -- Sie sagten er

würde morgen vor Gericht erscheinen, Mr. Barsad?“ --

„Ja; ich glaube.“

„-- Ihm ebenso hülfreich sein wird, wie heute. Aber vielleicht ist

es nicht der Fall. Ich gestehe Ihnen, Mr. Lorry, ich bin in meiner

Zuversicht dadurch wankend geworden, daß _Dr._ Manette nicht die

Macht gehabt hat, seine Verhaftung zu verhindern.“

„Er hat vielleicht vorher Nichts davon gewußt,“ sagte Mr. Lorry.

„Gerade das ist sehr beunruhigend, wenn wir die eigenthümlichen

Verhältnisse bedenken, in denen er zu seinem Schwiegersohne steht.“

„Das ist wahr,“ mußte Mr. Lorry anerkennen, während er die Hand unruhig

an das Kinn legte und die Augen voller Unruhe und Sorge auf Carton

heftete.

„Mit einem Worte,“ sagte Sydney, „es ist eine verzweifelte Zeit,

wo verzweifelte Partien um verzweifelte Einsätze gespielt werden.

Der Doctor mag auf die Gewinnchance spielen; ich spiele auf die

Verlustchance. Keines Mannes Leben ist des Kaufens werth. Wer heute im

Triumph vom Volke nach Hause getragen wird, kann morgen verurtheilt

sein. Der Einsatz um den ich im schlimmsten Falle zu spielen

entschlossen bin ist ein Freund in der Conciergerie. Und der Freund,

den ich mir selbst zu gewinnen hoffe, ist Mr. Barsad.“

„Da müssen Sie gute Karten haben, Sir,“ sagte der Spion.

„Ich will sie einmal ansehen. -- Mr. Lorry, Sie kennen meine Schwäche;

geben Sie mir einen Schluck Branntwein.“

Er wurde gebracht und er trank ein Glas -- noch ein Glas -- und schob

dann die Flasche gedankenvoll bei Seite.

„Mr. Barsad,“ fuhr er in dem Tone eines Mannes fort, der wirklich das

Spiel, das er in der Hand hat, durchmustert; „Schaf der Gefängnisse,

Emissär republikanischer Ausschüsse, bald Schließer, bald Gefangener,

immer Spion und geheimer Angeber, hier um so werthvoller als Engländer,

da ein Engländer weniger den Verdacht der Bestechung in einem solchen

Charakter ausgesetzt ist, als ein Franzose, stellt sich seinen

Brodherren unter einem falschen Namen vor. Das ist ein sehr guter

Trumpf. Mr. Barsad, jetzt von der republikanischen französischen

Regierung angestellt, stand früher im Dienste der aristokratischen

englischen Regierung, des Feindes Frankreichs und der Freiheit. Das

ist ein sehr hoher Trumpf. Die Sache ist klar wie der Tag in diesem

Lande des Mißtrauens, daß Mr. Barsad, immer noch bezahlt von der

aristokratischen englischen Regierung, der Spion Pitts ist, der

verrätherische, an ihrem Busen sich wärmende Feind der Republik,

der englische Verräther und Anstifter alles Unheils, von dem soviel

gesprochen wird und der so schwer zu finden ist. Das ist ein Trumpf,

der gar nicht zu überstechen ist. Kennen Sie nun meine Karte, Mr.

Barsad?“

„Ich weiß nicht wie Sie sie spielen werden,“ entgegnete der Spion etwas

unruhig.

„Ich spiele mein As, Denunciation Mr. Barsads bei dem nächsten

Sectionscomité. Sehen Sie sich Ihre Karten an, Mr. Barsad, was Sie

dagegen haben. Nehmen Sie sich Zeit.“

Er griff nach der Flasche, schenkte sich abermals ein Glas Branntwein

ein und trank es. Er sah, daß der Spion zu fürchten anfing, er könnte

sich in eine Aufregung trinken, die ihn bewöge seine Anzeige sofort zu

machen. Wie er dies bemerkte, schenkte er sich noch ein anderes Glas

ein und trank es.

„Sehen Sie sich Ihre Karten genau an, Mr. Barsad. Nehmen Sie sich Zeit.“

Die Karten waren schlechter, als selbst Carton glaubte. Mr. Barsad

sah Verlustkarten, von denen Sydney Carton Nichts wußte. Gezwungen

sein ehrenhaftes Gewerbe in England aufzugeben, weil er gar zu

zuversichtlich und zu oft falsch geschworen, -- nicht weil man ihn

nicht mehr brauchte; unsere englischen Gründe uns der Oeffentlichkeit

und der Abwesenheit von Spionen zu rühmen, sind neuern Ursprungs --

war er über den Canal gegangen und hatte eine Anstellung in Frankreich

angenommen; zuerst als Versucher und Aushorcher unter seinen dortigen

Landsleuten; allmälich auch als Versucher und Aushorcher unter den

Eingeborenen. Er wußte, daß er unter der gestürzten Regierung als

geheimer Agent zum Spioniren in St. Antoine und dem Weinschank

Defarge’s gedient hatte; daß er von der wachsamen Polizei soviel

Einzelnheiten über _Dr._ Manette’s Einkerkerung, Befreiung

und Geschichte mitgetheilt erhalten, als er zur Anknüpfung einer

vertraulichen Unterhaltung mit den Defarges brauchte; daß er bei Madame

Defarge den Versuch gemacht und in glänzendster Weise abgefallen war.

Er erinnerte sich immer mit Furcht und Zittern, daß dieses schreckliche

Weib gestrickt hatte, während sie mit ihm sprach und ihn Unheil

verkündend angesehen hatte, wie sich ihre Finger bewegten. Er hatte

sie seitdem in der Section St. Antoine gesehen, wie sie immer und

immer wieder ihre gestrickten Register vorbrachte und Leute anklagte,

die dann unwiderruflich der Guillotine verfielen. Er wußte, daß jeder

der gleich ihm beschäftigt war, nie sicher war; daß Flucht unmöglich

sei; daß er unter den Schatten des Beiles festgebunden, und trotz

der niederträchtigsten Gefügigkeit und des schwärzesten Verrathes im

Dienste des herrschenden Schreckensregiments ein einziges Wort das Beil

zum Fallen bringen könnte. Einmal angeklagt und auf so schwere Gründe

hin, wie sie ihm jetzt einfielen, sah er voraus, daß das schreckliche

Weib, von deren erbarmungslosem Charakter er so viele Beweise gesehen,

gegen ihn das verhängnißvolle Register vorlegen und die letzte

Möglichkeit seiner Rettung vernichten würde. Abgesehen davon, daß alle,

die ihr Wesen im Heimlichen treiben, leicht einzuschüchtern sind,

hatte er schlechte Karten genug in seinem Spiele, um Grund zu haben

einigermaßen blaß zu werden, als er sie durchging.

„Ihre Karten scheinen Ihnen nicht besonders zu gefallen,“ sagte Sydney

mit der größten Ruhe. „Halten Sie die Partie?“

„Ich glaube, Sir,“ sagte der Spion kriechend, indem er sich an Mr.

Lorry wendete, „ich darf einen Herrn von Ihren Jahren und Ihrem

Wohlwollen bitten, diesem andern viel jüngeren Herrn vorzustellen, ob

er es unter irgend welchen Verhältnissen für seine Stellung passend

finden kann das erwähnte As zu spielen. Ich gebe zu, daß ich ein Spion

bin und daß spioniren als ein unehrenhafter Beruf betrachtet wird --

obgleich sich ihm Jemand widmen muß; aber dieser Herr ist kein Spion

und warum sollte er sich so weit erniedrigen, freiwillig die Rolle zu

übernehmen?“

„Ich spiele mein As, Mr. Barsad,“ sagte Carton, indem er die Antwort

auf sich nahm und nach der Uhr sah, „ohne mich im Mindesten zu bedenken

und in wenigen Minuten.“

„Ich hätte gehofft,“ sagte der Spion immer noch mit einem Blick auf Mr.

Lorry, um ihn womöglich in das Gespräch zu ziehen, „daß die Achtung,

welche sie beide Herren für meine Schwester fühlen“ --

„Ich könnte Ihrer Schwester keinen besseren Beweis von meiner Achtung

für sie geben, als wenn ich sie von ihrem Bruder endlich erlöste,“

sagte Sydney Carton.

„Meinen Sie wirklich, Sir?“

„Ich bin in diesem Punkte fest entschlossen.“

Das geschmeidige Wesen des Spions, das so seltsam von der zur Schau

getragenen Grobheit seiner Kleider und wahrscheinlich auch von seinem

gewöhnlichen Benehmen abstach, sah sich so vollständig geschlagen von

der Undurchdringlichkeit Cartons -- der ein Geheimniß für ehrlichere

und weisere Männer war -- daß er ganz und gar unsicher ward. Während er

noch unentschlossen dasaß fing Carton wieder an, immer noch als ob er

sein Spiel durchmusterte:

„Und wahrhaftig, wenn ich mir es näher überlege, sollte ich fast

meinen, ich hätte noch eine andere gute Karte hier, die ich noch nicht

aufgezählt habe. Dieser Freund und Mitspion, der wie wir sagten in der

Provinz angestellt ist; wer war das?“

„Ein Franzose. Sie kennen ihn nicht,“ sagte der Spion rasch.

„Ein Franzose?“ wiederholte Carton nachdenklich und als ob er gar nicht

auf ihn hörte, obgleich er das Wort wiederholte. „Hm; wohl möglich.“

„Er ist ein Franzose, auf mein Wort,“ sagte der Spion; „obgleich es

nicht von Wichtigkeit ist.“

„Obgleich es nicht von Wichtigkeit ist,“ wiederholte Carton in

derselben mechanischen Weise -- „obgleich es nicht von Wichtigkeit ist

-- nein, es ist nicht von Wichtigkeit. Nein. Und doch kenne ich das

Gesicht.“

„Ich glaube nicht. Ganz gewiß nicht. Es ist unmöglich,“ sagte der Spion.

„Unmöglich,“ sagte Sydney Carton, halblaut und nachdenklich vor sich

hin, während er sich noch ein Glas (es war zum Glück ein kleines)

einschenkte. „Unmöglich! Sprach gut Französisch. Aber doch mit einem

fremden Accent, wie mir vorkam.“

„Mit einem Accent aus der Provinz,“ sagte der Spion.

„Nein. Mit einem fremden Accent!“ rief Carton aus und schlug mit der

offenen Hand auf den Tisch, wie es auf einmal hell in ihm wurde. „Cly!

verkleidet, aber derselbe Mann. Wir hatten den Menschen in Old-Bailey

vor.“

„Diesmal übereilen Sie sich, Sir,“ sagte Barsad mit einem Lächeln, das

seiner Adlernase eine Extrawendung nach einer Seite gab; „hier räumen

Sie mir wirklich einen Vortheil über Sie ein. Cly (von dem ich jetzt,

da es so lange her ist, unverholen sagen kann, daß er mein Compagnon

war) ist seit mehreren Jahren todt. Ich habe ihn in seiner letzten

Krankheit gepflegt. Er ist in London begraben, auf dem Kirchhofe von

St. Pancratz im Felde. Seine damalige Unpopularität bei dem ungezogenen

Pöbel hielt mich ab seiner Leiche zu folgen, aber ich habe ihn mit in

den Sarg gelegt.“

Hier bemerkte Mr. Lorry von seinem Sitz aus einen höchst merkwürdigen,

spukhaften Schatten an der Wand. Seiner Entstehung nachgebend,

entdeckte er daß sein Ursprung ein plötzliches, außerordentliches

Emporsträuben und Steiferwerden aller ohne dies schon emporgesträubten

und steifen Haare auf Mr. Crunchers Haupt war.

„Lassen Sie uns verständig und billig sein,“ sagte der Spion. „Um Ihnen

zu zeigen wie sehr Sie sich irren und wie unbegründet Ihre Annahme ist,

will ich Ihnen ein Certificat über Cly’s Beerdigung vorlegen, das ich

zufällig in meinem Taschenbuche habe“ -- er holte es mit unruhiger Eile

aus der Tasche und machte es auf. „Da ist es, o sehen Sie es an, sehen

Sie es an! Sie können es in die Hand nehmen; es ist keine Fälschung.“

Hier sah Mr. Lorry, wie der Schatten an der Wand länger wurde und Mr.

Cruncher aufstand und vortrat.

Ungesehen von dem Spion stand er neben demselben und legte wie ein

Polizeidienergespenst die Hand auf seine Schulter.

„Diesen Roger Cly, Master,“ sagte Mr. Cruncher mit einem

undurchdringlichen Gesichte. „Den haben ~Sie~ in den Sarg gelegt?“

„Jawohl.“

„Wer hat ihn denn herausgenommen?“

Barsad sank in seinen Stuhl zurück und stotterte: „was wollt Ihr damit

sagen?“

„Ich will sagen,“ versetzte Mr. Cruncher, „daß er gar nicht d’rin

gewesen ist. Nein, ganz gewiß nicht! Ich will mir den Kopf abhacken

lassen, wenn er jemals d’rin gewesen ist.“

Der Spion sah die beiden Herren der Reihe nach an; beide betrachteten

mit sprachlosem Erstaunen Jerry.

Zwei Städte · 第 28 / 36 段