Der Präsident klingelte, um das Geschrei zu beschwichtigen, und fragte

den Gefangenen, „ob es nicht wahr sei, daß er viele Jahre in England

gelebt habe?“

„Allerdings war dies der Fall.“

„Ob er nicht damals ein Emigrant gewesen? Wie er sich genannt habe?“

„Nicht Emigrant im Sinne und Geiste des Gesetzes, hoffe er.“

„Warum nicht?“ wünschte der Präsident zu wissen.

„Weil er freiwillig einen Titel und eine Stellung aufgegeben, die ihm

Abneigung eingeflößt, und sein Vaterland verlassen habe -- er erlaube

sich zu bemerken, bevor das Wort Emigrant in seinem gegenwärtig von dem

Gericht angenommenen Sinne in Gebrauch gewesen sei -- um lieber von

seiner eignen Arbeit in England, als von der Arbeit eines überbürdeten

Volkes in Frankreich zu leben.“

„Welche Beweise er dafür habe?“

Er nannte die Namen von zwei Zeugen. Theophil Gabelle und Alexander

Manette.

„Aber er habe sich in England verheirathet?“ erinnerte ihn der

Präsident.

„Allerdings, aber nicht mit einer Engländerin.“

„Mit einer Bürgerin von Frankreich?“

„Ja, von Geburt.“

„Ihr Name und ihre Familie!“

„Lucie Manette, einzige Tochter des Doctor Manette, des guten Arztes,

der dort sitzt.“

Diese Antwort machte einen glücklichen Eindruck auf die Versammlung.

Ausrufe zum Wohle des wohlbekannten guten Arztes erschütterten den

Gerichtssaal. So launenhaft war das Volk bewegt, daß sofort Thränen aus

mehreren grausamen Augen rollten, die eben noch den Gefangenen wüthend

angestiert hatten, als brennten sie vor Ungeduld, ihn auf die Straße

hinauszuschleppen und todt zu schlagen.

Auf diesen wenigen Schritten seines gefährlichen Weges hatte

Charles Darnay seinen Fuß genau nach Doctor Manette’s wiederholten

Verhaltungsbefehlen gesetzt. Derselbe vorsichtige Rathgeber lenkte

jeden Schritt, der noch vor ihm lag, und hatte jeden Zoll seines Weges

vorbereitet.

Der Präsident fragte „warum er nach Frankreich, gerade zu diesem

Zeitpunkte, und nicht früher zurückgekehrt sei?“

„Er sei nicht eher zurückgekehrt,“ gab er zur Antwort, „einfach

weil er keine andern Subsistenzmittel, außer den aufgegebenen in

Frankreich, besessen habe; während er in England sich durch Unterricht

ertheilen in der französischen Sprache und Literatur ernährt habe.

Er sei zurückgekehrt auf die dringende und schriftliche Bitte eines

französischen Bürgers, der ihm gemeldet habe, sein Leben sei durch

seine Abwesenheit gefährdet. Er sei zurückgekehrt, um das Leben eines

Bürgers zu retten, und auf jede persönliche Gefahr hin Zeugniß für die

Wahrheit abzulegen. Sei dies ein Verbrechen in den Augen der Republik?“

Der Pöbel rief voller Begeisterung „nein“ und der Vorsitzende schellte,

um Schweigen zu erlangen, was ihm nicht gelang, denn er fuhr fort zu

schreien „nein“ bis er nach eigenem Belieben aufhörte.

Der Präsident verlangte den Namen dieses Bürgers zu wissen? Der

Angeklagte erklärte dieser Bürger sei sein erster Zeuge. Er berief

sich auch zuversichtlich auf den Brief des Bürgers, den man ihn am

Thore abgenommen und den man jedenfalls unter den vor dem Vorsitzenden

liegenden Papieren finden werde.

Der Doctor hatte Sorge getragen und sich versichert, daß er dort

war -- und in diesem Stadium der Verhandlung wurde er vorgelegt und

verlesen. Der Vorsitzende rief den Bürger Gabelle auf, damit er sich

zu dem Briefe bekenne, und er that es. Bürger Gabelle deutete mit

außerordentlicher Zartheit und Höflichkeit an, daß er in Folge des

Geschäftsdranges, unter welchem das Gericht in Folge der großen Zahl

der von ihm zu verurtheilenden Feinde der Republik lebe, einigermaßen

in seinem Gefängnisse in der Abtei vergessen worden -- thatsächlich

fast ganz aus den patriotischen Erinnerungen des Gerichts verschwunden

sei -- bis vor drei Tagen, wo man ihn vorgeladen und ihn auf die

Erklärung der Geschwornen, daß nach ihrer Ansicht die Anklage, soweit

sie ihm gelte, durch die freiwillige Stellung des Bürgers Evrémonde,

genannt Darnay, beantwortet sei, in Freiheit gesetzt habe.

Die Reihe im Verhör kam zunächst an _Dr._ Manette. Seine große

persönliche Beliebtheit und die Bestimmtheit seiner Antworten machten

einen bedeutenden Eindruck; aber als er fortfuhr, als er erzählte, daß

der Angeklagte nach seiner Befreiung aus so langer Kerkerhaft sein

erster Freund gewesen, daß der Angeklagte in England geblieben sei,

und seine Tochter und ihn während ihrer Verbannung mit aufopfernder

Liebe unterstützt habe; daß er, weit entfernt von der aristokratischen

Regierung dieses Landes mit wohlwollenden Augen betrachtet zu werden,

von derselben als ein Feind Englands und ein Freund der vereinigten

Staaten vor Gericht gestellt worden -- wie er diese Umstände mit

dem größten Takt und der unmittelbaren Kraft der Aufrichtigkeit und

Wahrheit darstellte, wurden die Geschwornen und das versammelte Volk

eines Sinnes. Endlich, als er sich mit Namen auf Monsieur Lorry,

einen mitanwesenden Herrn aus England, bezog, der gleich ihm Zeuge

bei dieser englischen Gerichtsverhandlung gewesen und seine Aussage

darüber bestätigen könne, erklärten die Geschwornen, sie hätten genug

gehört und seien bereit abzustimmen, wenn der Vorsitzende ihre Stimmen

entgegen nehmen wolle.

Jede Abstimmung (die Geschwornen stimmten laut und einzeln ab) begrüßte

der Pöbel mit jauchzendem Beifall. Alle Stimmen waren zu Gunsten des

Angeklagten und der Vorsitzende erklärte ihn für frei.

Jetzt begann einer jener außerordentlichen Auftritte, in welchen

der Pöbel zuweilen seiner Launenhaftigkeit oder seinen bessern

Regungen der Großmuth und Barmherzigkeit Genüge that, oder die es

als eine Art Gegenrechnung gegen sein hoch aufgelaufenes Conto von

blutiger Grausamkeit betrachtete. Niemand kann jetzt entscheiden,

welchen Beweggründen solche außerordentliche Auftritte zuzuschreiben

waren; wahrscheinlich ein Gemisch von allen dreien, wobei der zweite

vorherrschte. Kaum war das freisprechende Urtheil ausgesprochen,

als Thränen so reichlich flossen, wie zu andern Zeiten Blut und der

Gefangene so viel brüderliche Umarmungen von so vielen Personen

beiderlei Geschlechts als ihn erreichen konnten, auszuhalten hatte,

daß er nach so langer und angreifender Einkerkerung in Gefahr kam vor

Erschöpfung in Ohnmacht zu sinken; deshalb nicht weniger, weil er recht

gut wußte, daß dieselben Leute unter dem Einfluß einer andern Strömung

mit derselben Wuth auf ihn losgestürzt wären, um ihn in Stücke zu

zerreißen und diese in den Straßen zu verstreuen.

Erst als man ihn entfernte, um den andern Angeklagten Platz zu

machen, sah er sich von diesen Liebkosungen für den Augenblick

befreit. Zunächst erschienen fünf zusammen vor Gericht, angeklagt als

Feinde der Republik, weil sie derselben nicht durch Wort oder That

beigestanden hatten. So eilig war das Gericht, sich und die Nation für

die verlorne Gelegenheit zu entschädigen, daß diese fünf, verurtheilt

binnen vierundzwanzig Stunden zu sterben, herunterkamen, ehe er den

Ort verlassen hatte. Der erste derselben sagte es ihm mit den in den

Gefängnissen üblichen Zeichen für den Tod -- einem erhobenen Finger --

und sie setzten alle laut hinzu „lange lebe die Republik!“

Bei diesen fünf hatte allerdings keine Zuhörerschaft die Verhandlungen

verlängert; denn als er und Doctor Manette aus dem Thorwege

heraustraten, war dort ein großer Volkshaufe versammelt, unter dem sich

jedes Gesicht, das er im Gerichtssaal gesehen, zu befinden schien --

mit Ausnahme von zweien, nach denen er sich vergeblich umschaute. Als

er heraustrat, stürzte der Haufen wieder auf ihn zu, weinte, umarmte

und jauchzte vor Wahnwitz, bis sogar der Strom, an dessen Ufer das

tolle Schauspiel vor sich ging, toll zu werden schien, wie das Volk an

seinem Gestade.

Sie setzten ihn auf einen Lehnsessel, den sie entweder aus dem

Gerichtssaal selbst oder aus einem der Zimmer oder Gänge des Gebäudes

geholt hatten. Ueber den Sessel hatten sie eine rothe Fahne geworfen

und an die Rückenlehne eine Pike mit einer rothen Mütze darangebunden.

Selbst des Doctors Bitte konnte nicht verhindern, daß er in diesem

Triumphsessel auf den Schultern der Menge nach Hause getragen ward,

während ein wildes Meer rother Mützen ihn umwogte und aus den

stürmischen Wogen zuweilen solche Gesichter emporwarf, daß er sich mehr

als einmal fragte, ob er etwa nicht recht bei Sinnen sei und in dem

Karren nach der Guillotine fahre.

Wie im Traume fühlte er sich von dannen getragen, während sie jeden,

dem sie begegneten umarmten und triumphirend auf den vom Tode

Geretteten wiesen. So trugen sie ihn in den Hof des Gebäudes, wo er

wohnte. Ihr Vater war vorausgeeilt, um Lucie vorzubereiten und als ihr

Gatte vor sie trat, sank sie ihm bewußtlos in die Arme.

Als er sie an sein Herz drückte und ihr schönes Antlitz abwendete von

den lärmenden Volkshaufen, daß seine Thränen und ihre Lippen sich

ungesehen mit einander verschmelzen könnten, fingen einige von den

Untenstehenden zu tanzen an. Augenblicks fielen auch alle Uebrigen

in den Tanz ein und in dem ganzen Hofe wirbelte die Carmagnole. Dann

setzten sie in den leeren Stuhl ein junges Mädchen aus dem Gewühl, um

sie als Freiheitsgöttin von dannen zu tragen und dann, wie der Haufe

sich in die benachbarten Straßen ergoß und das Gestade des Flusses

entlang und über die Brücke, zog die Carmagnole sie alle in ihren

Wirbel und riß sie mit fort.

Nachdem Charles Darnay des Doctors Hand gedrückt, wie er siegesbewußt

und stolz vor ihm stand, nachdem er Mr. Lorry die Hand gedrückt,

der von dem Kampf gegen die wüthende Fluth der Carmagnole athemlos

hereintrat; nachdem er die kleine Lucie geküßt, die man zu ihm

hinaufgehoben, damit sie die Aermchen um seinen Hals lege; und

nachdem er die immer eifrige und getreue Proß umarmt, die das Kind

emporgehoben, nahm er seine Gattin in seine Arme und trug sie hinauf in

ihre Zimmer.

„Lucie! geliebtes Herz! ich bin in Sicherheit.“

„O, geliebter Charles, laß uns Gott dafür danken auf meinen Knieen, wie

ich ihn darum gebeten habe.“

Voller Ehrfurcht beugten sie sich vor dem Herrn. Als sie wieder in

seinen Armen lag sagte er zu ihr:

„Und jetzt rede mit deinem Vater, Geliebteste. Kein anderer Mann in

ganz Frankreich hätte thun können, was er für mich gethan hat.“

Sie legte ihr Köpfchen an die Brust ihres Vaters, wie vor langer,

langer Zeit sein greises Haupt an ihrem Busen geruht hatte. Er fühlte

sich glücklich, daß er ihr so hatte vergelten können, er war belohnt

für sein Leiden, er war stolz auf seine Kraft. „Du darfst nicht so

schwach sein, liebes Herz,“ nickte er ihr zu; „Du darfst nicht so

zittern. Ich habe ihn gerettet.“

Siebentes Kapitel.

Ein Klopfen an der Thür.

„Ich habe ihn gerettet.“ Das war keiner von den Träumen in die er sich

oft wieder verirrt hatte; es war Wirklichkeit. Und doch zitterte seine

Gattin und eine unbestimmte aber schwere Angst bedrückte sie.

Die ganze Luft ringsum war so schwül und finster, die Massen waren

so leidenschaftlich rachgierig und launisch, Unschuldige mußten so

fortwährend auf unbestimmten Verdacht oder durch tückische Bosheit den

Tod erleiden, es war so unmöglich zu vergessen, daß viele, die eben so

schuldlos waren, wie ihr Gatte, und anderen eben so theuer als er ihr

war, Tag für Tag dem Schicksal verfielen, von dem er gerettet worden,

daß ihr Herz sich nicht so erleichtert fühlen konnte, als es eigentlich

hätte der Fall sein sollen. Die Dämmerung des Winternachmittags trat

schon ein und selbst jetzt noch rollten die schauerlichen Todtenkarren

dumpf durch die Straßen. Sie folgte ihnen mit dem Auge des Geistes und

suchte ihn unter den Verurtheilten; und dann drängte sie sich dichter

an ihn, den sie mit ihren Armen umschlungen hielt, und zitterte nur um

so mehr.

Ihr Vater, wenn er ihr Trost zusprach, zeigte eine mitleidige

Ueberlegenheit über dieses schwache Frauenherz, die wunderbar zu sehen

war. Kein Dachstübchen mehr, kein Schuhmacher, kein Einhundertfünf,

Nordthurm! Er hatte die Aufgabe gelöst, die er sich gestellt hatte,

sein Versprechen war erfüllt, er hatte Charles gerettet. Nun konnten

sich alle auf ihn stützen.

Ihr Haushalt war in der bescheidensten Art: nicht nur weil dies in

diesen Zeiten das Sicherste war, sondern auch weil sie nicht reich

waren und Charles während seiner Haft für sein schlechtes Essen und

für seine Bewachung und zum Unterhalt der ärmeren Gefangenen viel

Geld hatte bezahlen müssen. Theils deshalb und theils um keinen Spion

im Hause zu haben, hielten sie keine Bedienung; der Bürger und die

Bürgerin, die an dem großen Thorweg Pförtnerstelle vertraten, halfen

gelegentlich aus; und Jerry -- ihnen von Mr. Lorry fast ganz überlassen

-- gehörte so gut wie zum Haushalt und schlief jede Nacht dort.

Es war eine Verordnung der einen und untheilbaren Republik mit dem

Motto: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod,“ daß an der

Thür oder Thürpfoste jedes Hauses der Name jedes Inwohners lesbar in

Buchstaben von einer gewissen Größe in einer gewissen, angemessenen

Höhe vom Fußboden angeschrieben stehen müsse. So verzierte denn auch

Mr. Jerry Crunchers Name die Thürpfoste unten, und wie der Nachmittag

sich dem Abend zuneigte, erschien der Besitzer dieses Namens selbst,

nachdem er einem Maler zugesehen, von dem _Dr._ Manette den Namen

Charles Evrémonde, genannt Darnay, zu den übrigen hatte hinzufügen

lassen.

Bei dem Mißtrauen und der Furcht, die damals Jedermann beherrschte, war

man in den unschuldigsten Dingen vorsichtig. In dem kleinen Haushalt

des Doctors wurden wie in vielen andern die Lebensbedürfnisse für den

nächsten Tag jeden Abend in kleinen Quantitäten und in verschiedenen

kleinen Läden gekauft. Keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und so

wenig als möglich Gelegenheit zu geben, von sich reden zu machen und

beneidet zu werden, war Jedermanns Wunsch.

Seit einigen Monaten hatten Miß Proß und Mr. Cruncher gemeinschaftlich

die Einkäufe besorgt, wobei erstere das Geld unter ihrer Obhut hatte,

Letzterer den Korb trug. Jeden Nachmittag um die Zeit, wo man die

Straßenlaternen anbrannte, traten sie diesen Dienstgang an und brachten

die nöthigen Einkäufe mit nach Hause. Obgleich Miß Proß durch ihr

langes Verweilen in einer französischen Familie die französische

Sprache hätte so gut verstehen können, wie ihre eigene, wenn sie Lust

dazu gehabt hätte, so hatte sie doch eben nicht Lust dazu; demnach

verstand sie nicht mehr von „dem Unsinn“ (wie sie es zu nennen

beliebte) als Mr. Cruncher. Daher pflegte sie, wenn sie etwas einkaufen

wollte, dem Verkäufer ein Substantiv ohne die mindeste Rücksicht auf

die Natur des gewünschten Artikels an den Kopf zu werfen und wenn es

zufälligerweise nicht der Name der verlangten Waare war, sich darnach

umzusehen, sich des Gegenstandes zu bemächtigen und daran festzuhalten,

bis der Handel geschlossen war. Um das Geschäft zu Ende zu führen,

hielt sie stets als Gegengebot für den verlangten Preis einen Finger

weniger in die Höhe als der Kaufmann, ohne die mindeste Rücksicht

darauf zu nehmen, ob er viel oder wenig forderte.

„Nun, Mr. Cruncher,“ sagte Miß Proß, deren Augen vor Glückseligkeit

roth waren: „wenn Sie fertig sind, bin ich auch fertig.“

Mit heiserer Stimme stellte sich Jerry Miß Proß zu Diensten. Sein

Rost war schon längst ganz und gar abgeschliffen, aber die starrenden

Spitzen seines Haares hatte nichts abfeilen können.

„Wir brauchen heute Alles mögliche,“ sagte Miß Proß, „und werden viel

zu thun haben. Unter andern brauchen wir Wein. Schöne Toaste mögen

diese Rothköpfe trinken, was für Wein wir ihnen immer einschenken

mögen.“

„Sie werden ziemlich ebenso viel wissen, Miß, sollte ich meinen, ob sie

Ihre Gesundheit trinken oder die des Schwarzen.“

„Wer ist das?“ fragte Miß Proß.

Mit einiger Schüchternheit erklärte Mr. Cruncher ihr, daß er den Gott

sei bei uns meine.

„Ach,“ sagte Miß Proß, „man braucht gar keinen Dolmetscher, um zu

wissen was diese Kerle meinen. Sie meinen nur Eines, und das ist

Mauserei und mitternächtiger Mord.“

„Still, gute Proß! ich bitte Sie, seien Sie vorsichtig!“ sprach Lucie.

„Ja, ja, ja, ich will vorsichtig sein,“ sagte Miß Proß; „aber unter uns

kann ich doch wohl sagen, daß ich hoffe, sie werden uns nicht mit ihren

nach Zwiebeln und Tabak riechenden Umarmungen auf der Straße ersticken.

Herzblättchen, rühren Sie sich ja nicht von dem Feuer, bis ich zurück

bin! Nehmen Sie den lieben Mann in Acht, den Sie wieder gewonnen haben

und entfernen Sie Ihr hübsches Köpfchen nicht von seiner Schulter, bis

Sie mich wieder sehen! Darf ich mir eine Frage erlauben, _Dr._

Manette, ehe ich gehe?“

„Ich glaube Sie können sich diese Freiheit nehmen,“ gab der Doctor

lächelnd zur Antwort.

„Um Gottes Willen sprechen Sie mir nicht von Freiheit; wir haben gerade

genug davon,“ sagte Miß Proß.

„Still, gute Proß! Schon wieder?“ bat Lucie.

„Nun mein Herz,“ sagte Miß Proß mit emphatischem Kopfnicken, „das

Kurze und das Lange davon ist, daß ich eine Unterthanin seiner

allergnädigsten Majestät König Georg III. bin;“ Miß Proß machte bei dem

Namen einen Knix; „und als solche habe ich den Grundsatz: Verwirr ihr

tückisch Sinnen, ihr mörderisch Beginnen, Damit wir ihn gewinnen, Heil,

unserm König, Heil.“

Mr. Cruncher wiederholte in einem Anfall von Loyalität in heiserem Baß

Miß Proß Worte, wie in der Kirche.

„Es freut mich, daß Sie so viel vom Engländer in sich haben, obgleich

ich wünschte, Sie hätten sich nicht durch Erkältung die Stimme

verdorben,“ sagte Miß Proß beifällig. „Aber die Frage, _Dr._

Manette: Ist Aussicht vorhanden“ -- das gute Geschöpf pflegte stets zu

thun, als ob es das, was ihnen Allen große Sorge machte, sehr leicht

nehme und brachte es so gelegentlich zur Sprache -- „ist Aussicht

vorhanden?“

„Ich fürchte, noch nicht. Es wäre noch gefährlich für Charles.“

„Hm, hm, hm!“ sagte Miß Proß und unterdrückte mit heiterem Gesicht

einen Seufzer, wie sie einen Blick auf ihres Lieblings goldenes Haar

warf, das im Feuerschein glänzte, „dann müssen wir Geduld haben und

warten; das ist Alles. Wir müssen den Kopf hoch halten und vorsichtig

kämpfen, wie mein Bruder Salomo zu sagen pflegte. Nun Mr. Cruncher! --

Nicht von der Stelle, Herzblättchen!“

Sie gingen und ließen Lucien und ihren Gatten, ihren Vater und das

Kind bei einem hellen Feuer zurück. Mr. Lorry wurde binnen Kurzem

vom Comptoir erwartet. Miß Proß hatte die Lampe angezündet, aber sie

abseits in eine Ecke gestellt, damit sie ungestört den Feuerschein

genießen könnten. Die kleine Lucie saß neben ihrem Großvater und hatte

die Händchen um seinen Arm geschlungen und er fing eben an ihr in einem

Tone, der sich nicht viel über ein Flüstern erhob, eine Geschichte von

einer großen mächtigen Fee zu erzählen, die eine Kerkermauer aufgethan

und einen Gefangenen befreit hatte, der einmal der Fee einen Dienst

geleistet. Alles war still und heimlich und Lucie fühlte sich ruhiger,

als sie seit langer Zeit gewesen.

„Was ist das!“ rief sie auf einmal aus.

„Liebes Kind!“ sagte ihr Vater, indem er seine Erzählung unterbrach und

seine Hand beruhigend auf die ihrige legte, „beherrsche dich. In welch

aufgeregtem Zustande Du bist! Die geringste Sache -- ein Nichts --

erschreckt Dich. ~Dich~, Deines Vaters Tochter?“

„Vater, ich glaubte fremde Schritte auf der Treppe zu vernehmen,“

entschuldigte sich Lucie mit blassem Gesicht und unsicherer Stimme.

„Liebes Kind, es ist todtenstill auf der Treppe.“

Wie er dies sagte schlug man heftig an die Thür.

„Ach, Vater, Vater. Was kann das sein! Verstecke Charles. Rette ihn!“

„Aber Kind,“ sagte der Doctor, indem er aufstand und seine Hand auf

ihre Schulter legte, „ich ~habe~ ihn gerettet. Wie schwach Du bist

Lucie! Laß mich hinausgehen.“

Er nahm die Lampe, ging durch die zwei dazwischenliegenden Zimmer und

machte die Thüre auf. Man vernahm Waffengerassel und laute Schritte und

vier rauhe Männer in rothen Mützen mit Säbel und Pistolen bewaffnet,

traten ein.

„Bürger Evrémonde, genannt Darnay,“ sagte der Erste.

„Was sucht ihr?“ gab Darnay zur Antwort.

„Ich suche ihn. Wir suchen ihn. Ich kenne Euch, Evrémonde; ich habe

Euch heute vor Gericht gesehen. Ihr seid von Neuem der Gefangene der

Republik.“

Die Vier umringten ihn wie er dastand und Frau und Tochter ihn

umschlungen hielten.

„Sagt mir wie und warum ich wieder verhaftet sein soll?“

„Ihr habt nur nach der Conciergerie zurückzukehren und werdet es morgen

erfahren. Ihr seid auf morgen vorgeladen.“

Doctor Manette, den dieser Besuch so versteinert hatte, daß er mit

der Lampe in der Hand da stand, wie eine Statue, bestimmt sie zu

halten, wurde nach diesen Worten wieder lebendig, stellte die Lampe

hin, trat vor den Sprechenden, faßte ihn nicht unsanft vorn an seinem

rothwollenen Hemd an und sagte:

„Ihr kennt ihn, sagt Ihr. Kennt Ihr mich?“

„Ja, ich kenne Euch, Bürger Doctor.“

„Wir kennen Euch alle, Bürger Doctor,“ sagten die andern Drei.

Er sah sie zerstreut nach der Reihe an und sprach nach einer Pause mit

halbgedämpfter Stimme:

„Wollt Ihr dann mir eine Frage beantworten? Wie geht es zu?“

„Bürger Doctor,“ sagte der Erste zögernd; „er ist von der Section St.

Antoine angeklagt. Dieser Bürger,“ setzte er hinzu, auf den Zweiten der

Eingetretenen deutend, „ist aus St. Antoine.“

[Illustration: ~Das Klopfen an der Thür.~]

Der Bezeichnete nickte mit dem Kopfe und wiederholte:

„Er ist von St. Antoine angeklagt.“

„Welches Vergehens wegen?“ fragte der Doctor.

„Bürger Doctor,“ sagte der Erste so zögernd wie vorher, „fragt nicht

weiter. Wenn die Republik Opfer von Euch verlangt, so werdet Ihr als

guter Patriot Euch gewiß glücklich schätzen, sie zu bringen. Die

Republik geht Allem vor, der Wille des Volks ist Gesetz. Evrémonde, wir

haben Eile.“

„Noch ein Wort,“ bat der Doctor. „Wollt Ihr mir sagen, wer ihn

angeklagt hat?“

„Es ist gegen die Vorschrift,“ entgegnete der Erste; „aber Ihr könnt

den von St. Antoine dort fragen.“

Der Doctor sah diesen an, der unruhig die Füße bewegte, sich den Bart

rieb und endlich sagte:

„Eigentlich ist es gegen die Vorschrift, aber er ist angeklagt --

und schwer -- von dem Bürger und der Bürgerin Defarge. Und noch von

Jemandem.“

„Wer ist das?“

„Fragt ~Ihr~, Bürger Doctor?“

„Ja.“

„Dann,“ sagte der von St. Antoine mit einem seltsamen Blick, „werdet

Ihr morgen Antwort erhalten. Jetzt bin ich stumm.“

~Ende des dritten Theiles.~

Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.

Boz (Dickens)

Sämmtliche Werke.

Hundertundsechster Band.

Zwei Städte.

Vierter Theil.

Leipzig

Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

1860.

Zwei Städte.

Eine Erzählung in drei Büchern.

Von

Boz (Charles Dickens).

Mit

Sechszehn Illustrationen von Hablot K. Browne.

Ans dem Englischen von Julius Seybt.

Vierter Theil.

Leipzig

Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

1860.

Achtes Kapitel.

~Gute Karte.~

In glücklicher Unbekanntschaft mit dem neuen Schicksalsschlag zu

Hause, ging Miß Proß durch sehr enge Straßen auf der neuen Brücke

über den Fluß, während sie beständig innerlich die verschiedenen

Einkäufe herzählte, die sie zu machen hatte. Mr. Cruncher mit dem Korb

ging neben ihr. Sie blickten beide rechts und links in die meisten

der Läden, an denen sie vorbeigingen, beobachteten mit vorsichtigem

Auge alle Volkshaufen, und wichen jeder allzu aufgeregten Gruppe von

Sprechenden aus. Die Abendluft war rauh und kaum verstattete der Nebel

über dem Flusse, auf welchem flackernde Lichter schimmerten und lautes

Getöse erdröhnte, die Boote zu erkennen, die den Gewehre für die Armee

der Republik anfertigenden Schmieden zur Werkstätte dienten. Wehe dem

Manne, der dieser Armee Streiche spielte oder unverdiente Beförderung

darin erlangte! Besser für ihn, wenn sein Bart niemals gewachsen wäre,

denn das Nationalrasirmesser rasirte ihn glatt weg.

Zwei Städte · 第 27 / 36 段