abspannender Rast, kein Abmessen der Zeit. Obgleich Tage und Nächte so
regelmäßig ihren Kreislauf verfolgten, als damals, wo die Zeit noch
jung war und aus Abend und Morgen der erste Tag ward, gab es doch keine
andere Zeitrechnung. Der Sinn dafür ging in dem rasenden Fieber eines
ganzen Volkes verloren, ganz so wie es in dem Fieber eines einzelnen
Kranken geschieht. Jetzt ward das unnatürliche Schweigen einer ganzen
Stadt unterbrochen, und der Scharfrichter zeigte dem Volke den Kopf
des Königs -- und jetzt, es schien fast in demselben Athemzuge, den
Kopf seiner schönen Gemahlin, deren Haar in acht langen Monaten
eingekerkerter Wittwenschaft voller Jammer und Noth grau geworden war.
Und dennoch, gehorsam dem seltsamen Gesetz des Widerspruchs, welches
in allen solchen Fällen herrscht, war die Zeit lang, während sie so
rasch vorbei sauste. Ein Revolutionsgericht in der Hauptstadt und
vierzig oder fünfzigtausend Revolutionsausschüsse über das ganze
Land verbreitet; ein Verdächtigengesetz, welches alle Sicherheit für
Freiheit oder Leben wegnahm, und jeden Guten und Unschuldigen in die
Hand jedes Schlechten und Schuldigen gab; Gefängnisse, vollgestopft
von Leuten, die kein Verbrechen begangen hatten und kein Gehör erlangen
konnten; alles dieses wurde festbegründete Ordnung und sich von selbst
verstehendes Herkommen, und schien alter Brauch zu sein, bevor es
viele Wochen alt war. Vor allem wurde das Auge mit einem scheußlichen
Anblick so vertraut, als hätte es ihn vom Anfang der Welt an alle Tage
gesehen -- mit dem Anblick des scharfen Frauenzimmers, genannt _La
Guillotine_!
Es war der allgemein beliebte Gegenstand für Scherze; sie war das beste
Mittel für Zahnweh, sie war ein unfehlbarer Schutz vor dem Grauwerden
der Haare, sie gab der Gesichtsfarbe eine eigenthümliche Zartheit, sie
war das Nationalrasirmesser, welches sehr glatt rasirte; wer _La
Guillotine_ küßte, gukte durch das Fensterchen, und nießte in den
Sack. Sie war das Zeichen der Wiedergeburt des Menschengeschlechts. Sie
trat an die Stelle des Kreuzes. Kleine Guillotinen trugen Leute auf der
Brust, von welchen das Kreuz verschwunden war, und man beugte sich vor
der Guillotine und glaubte an sie, wo man das Kreuz verleugnete.
Sie hatte so viele Köpfe abgeschlagen, daß ihr Gestell und die Stelle,
wo sie am meisten wüthete, von Blut durchtränkt war. Sie wurde
auseinander genommen, wie ein künstliches Spielzeug für einen jungen
Teufel, und wieder zusammengesetzt, wo man sie brauchte. Sie brachte
den Beredtsamen zum Schweigen, schlug den Mächtigen nieder, vernichtete
die Schönen und Guten. Zweiundzwanzig Freunden von hohem Ansehen im
öffentlichen Leben, einundzwanzig Lebendigen und einem Todten, hatte
sie an einem Morgen in ebenso viel Minuten die Köpfe abgeschlagen. Der
oberste Beamte, der sie in Bewegung setzte, hatte den Namen des starken
Mannes im alten Testament geerbt; aber so bewaffnet war er stärker als
sein Namensvetter und blinder, und trug alltäglich die Thore von Gottes
eignem Tempel fort.
Unter diesem Schrecken und dem Gezücht, das davon lebte, wandelte der
Doctor in ruhiger Fassung einher -- voller Vertrauen in seine Macht,
vorsichtig ausdauernd in seinem Ziel, nie bezweifelnd, daß er Luciens
Gatten schließlich retten werde. Aber der Strom der Zeit schoß so
stark und tief vorbei, und riß die Zeit so ungestüm mit sich fort, daß
Charles bereits ein Jahr und drei Monate im Gefängniß schmachtete,
als der Doctor immer noch so voll ruhiger Zuversicht war. So viel
bösartiger und wüthender war die Revolution in diesem Decembermonat
geworden, daß die Flüsse im Süden sich von den Leichen der während
der Nacht gewaltsam Ertränkten verstopften, und unter der südlichen
Wintersonne Gefangene in Reihen und Vierecken niedergeschossen
wurden. Immer noch wandelte der Doctor unter den Greueln mit ruhiger
Fassung dahin. In dem Paris jener Zeit war Niemand besser als er
bekannt; Niemand war in einer seltsameren Stellung. Schweigsam,
menschenfreundlich, unentbehrlich im Hospital und Gefängniß, seine
Kunst gleichmäßig unter Mördern und Opfern ausübend, war er ein Mann
für sich. In der Ausübung seiner Kunst schied ihn das Aussehen und die
Geschichte des Bastillegefangenen weit von allen andern Menschen. Er
wurde nicht verdächtig oder in Frage gestellt, ebenso wenig als ob er
vor etwa achtzehn Jahren auferstanden wäre, oder als Geist sich unter
den Sterblichen bewegte.
Fünftes Kapitel.
Der Holzmacher.
Ein Jahr und drei Monate. Während dieser ganzen Zeit war Lucie jede
Stunde jedes Tages nicht sicher, ob nicht am nächsten Morgen das Haupt
ihres Gatten unter der Guillotine fallen würde. Jeden Tag rollten durch
die gepflasterten Straßen schwerfällig die Karren mit Verurtheilten
angefüllt. Schöne Mädchen, glänzende Frauen mit braunen, schwarzen
und grauen Locken; Jünglinge; kräftige Männer und Greise; Edelleute
und Bauern; lauter rother Wein für _La Guillotine_, alltäglich
an’s Tageslicht gebracht aus den dunkeln Kellern der scheußlichsten
Gefängnisse und ihr durch die Straßen zugeführt, damit sie ihren
verzehrenden Durst lösche. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder
Tod; -- letzterer am allerleichtesten von dir zu schaffen, o Guillotine!
Wenn das plötzliche Eintreten des Unglücks und die brausenden Räder der
Zeit die Tochter des Doctors so betäubt hätten, daß sie den Ausgang
in thatloser Verzweiflung abgewartet hätte, so wäre es ihr wie vielen
andern gegangen. Aber von der Stunde an, wo sie in der Dachkammer
Saint Antoine das weiße Haupt an ihren frischen Busen gedrückt, war
sie ihren Pflichten treu geblieben. Sie war ihnen am treuesten in der
Prüfungszeit, wie es bei allen im Stillen guten und loyalen Herzen
immer sein wird.
Sobald sie in ihrer neuen Wohnung sich eingerichtet hatten, und ihr
Vater von Neuem alltäglich seinem Berufe lebte, ordnete sie den kleinen
Haushalt genau so als ob ihr Gatte bei ihnen sei. Alles hatte seinen
bestimmten Ort und seine bestimmte Zeit. Der kleinen Lucie gab sie so
regelmäßig Unterricht, als wären sie alle in ihrem englischen Heimwesen
vereinigt. Die kleinen Kunstgriffe, mit welchen sie sich selbst in
einen Schein des Glaubens hineinheuchelte, daß sie bald wieder bei
einander sein würden -- die kleinen Vorbereitungen für seine baldige
Wiederkehr, das Hinsetzen seines Stuhles, und das Hinlegen seiner
Bücher -- diese und Abends das inbrünstige Gebet für einen geliebten
Gefangenen insbesondere unter den vielen Unglücklichen im Kerker und
im Schatten des Todes -- waren fast die einzigen ausgesprochenen
Erleichterungen, die sie ihrem schweren Herzen gönnte.
In ihrem Aussehen veränderte sie sich wenig. Die einfachen dunkeln
Kleider, fast wie Trauertracht, in welchen sie und ihr Kind
einhergingen, waren so schmuck und gut gehalten, wie die prächtigern
Kleider glücklicherer Tage. Sie verlor an Farbe, und der alte Ausdruck
der Spannung war fortwährend und nicht gelegentlich auf ihrem Gesicht
zu sehen, im Uebrigen blieb sie sehr hübsch und anmuthig. Manchmal,
wenn sie des Nachts den Vater küßte, brach der Schmerz hervor, den
sie den ganzen Tag unterdrückt hatte, und sie sagte ihm, daß er unter
dem Himmel ihr einziger Verlaß sei. Er antwortete immer entschlossen:
„Nichts kann ihm geschehen, ohne daß ich es weiß, und ich weiß daß ich
ihn retten kann, Lucie.“
Sie hatten noch nicht viele Wochen ihr neues Leben geführt, als ihr
Vater eines Abends beim Nachhausekommen zu ihr sagte:
„Meine Gute, es ist im Gefängniß ein hohes Fenster, zu welchem Charles
um drei Uhr Nachmittags manchmal Zutritt finden kann. Wenn er hin
gelangen kann -- was von vielen Ungewißheiten und Zufälligkeiten
abhängt, -- könnte er, glaubt er, Dich auf der Straße sehen, wenn Du
Dich an einen gewissen Ort stellst, den ich Dir zeigen kann. Aber,
meine arme Lucie, Du wirst ihn nicht sehen können, und selbst wenn es
der Fall wäre, wäre es gefährlich für Dich ein Erkennungszeichen zu
geben.“
„O, zeige mir die Stelle, Vater, und ich will jeden Tag hingehen.“
Von dieser Zeit an wartete sie dort in jeder Witterung zwei Stunden.
Mit dem Glockenschlag Zwei war sie dort, und um Vier ging sie
resignirten Gemüthes nach Hause. Wenn es nicht zu naß oder zu kalt für
ihr Kind war, nahm sie es mit, zu andern Zeiten war sie allein; aber
sie blieb keinen einzigen Tag aus.
Die Stelle war die dunkle und schmutzige Ecke eines krummen Gäßchens.
Die Hütte eines Mannes, der Brennholz zersägte, war das einzige Haus an
diesem Ende; alles übrige war Mauer. Am dritten Tage ihres Hinkommens
nahm er Notiz von ihr.
„Guten Tag, Bürgerin.“
„Guten Tag, Bürger.“
Diese Form der Anrede war jetzt durch Decret vorgeschrieben. Sie
war schon vor einiger Zeit unter den gesinnungstüchtigen Patrioten
freiwillig eingeführt worden, war aber jetzt für Jedermann Gesetz.
„Gehen wieder hier spatzieren, Bürgerin?“
„Wie Sie sehen, Bürger!“
Der Holzmacher, der ein kleiner Mann von lebhaftem Geberdenspiel war
(er war früher einmal Straßenarbeiter gewesen), sah hinauf nach dem
Gefängniß, deutete mit dem Finger hin, hielt dann seine zehn Finger vor
das Gesicht, um Eisenstäbe darzustellen, und blickte lachend hindurch.
„Aber es ist nicht meine Sache,“ sagte er und sägte weiter.
Am nächsten Tag erwartete er sie, und redete sie an sowie sie kam.
„Was! wieder hier spatzieren gehen, Bürgerin?“
„Ja, Bürger!“
„Ah! und mit einem Kinde. Deine Mutter, nicht wahr, kleine Bürgerin?“
„Soll ich ja sagen, Mama?“ flüsterte die kleine Lucie, und drängte sich
dichter an die Mutter.
„Ja, liebes Kind.“
„Ja, Bürger.“
„Ach! aber es ist nicht meine Sache. Meine Arbeit ist meine Sache.
Sehen Sie meine Säge! Ich nenne sie meine kleine Guillotine. La la la!
la la la! und runter ist sein Kopf!“
Das abgesägte Stück Holz fiel zu Boden, wie er sprach, und er warf es
in einen Korb.
„Ich nenne mich den Samson der Brennholz-Guillotine. Sehen Sie wieder
her! Lu lu lu; lu lu lu! und runter ist ~ihr~ Kopf! Jetzt ein
Kind. La la la; la la la! und runter ist ~sein~ Kopf. Die ganze
Familie!“
Lucien überlief ein Schauder, wie er noch zwei Holzstücke in den Korb
warf, aber wenn sie überhaupt herkommen wollte, während der Holzmacher
arbeitete, mußte sie in seinem Gesichtsbereich sein. Daher redete sie
ihn von nun an stets zuerst an, und gab ihm oft ein Trinkgeld, das er
gern annahm, um ihn bei guter Stimmung zu erhalten.
Er war ein neugieriger Bursch, und manchmal, wenn sie ihn über dem
Hinsehen auf die Gefängnißdächer und Gitter und im Erheben ihres
Herzens zu ihrem Gatten ganz und gar vergessen hatte, entdeckte sie
plötzlich, daß er, die Knie auf die Bank gestützt und die Säge ruhen
lassend, sie betrachtete. „Aber es ist nicht meine Sache!“ sagte er
meistens bei diesen Gelegenheiten, und fing rasch wieder zu sägen an.
In jedem Wetter, im Schnee und in der Kälte des Winters, in den
schneidenden Winden des Frühlings, im heißen Sonnenschein des Sommers,
im Regen des Herbstes, und wieder im Schnee und in der Kälte des
Winters, verbrachte Lucie alltäglich zwei Stunden auf dieser Stelle;
und jeden Tag beim Fortgehen küßte sie die Gefängnißmauer. Ihr Gatte
sah sie (wie sie von ihrem Vater erfuhr) vielleicht alle fünf- bis
sechsmale; zuweilen zwei- oder dreimal hintereinander; zuweilen aber
auch eine Woche oder vierzehn Tage gar nicht. Es war genug, daß er sie,
wenn alles gut ging, sehen konnte und sah, und auf diese Möglichkeit
hin hätte sie die ganze Woche lang jeden Tag bis zum Abend ausgeharrt.
So verging die Zeit bis zum December, unter dessen Schrecken ihr
Vater ruhigen Muthes einher ging. Eines Nachmittags als es ein wenig
schneiete, traf sie an ihrer gewöhnlichen Ecke ein. Es war ein Tag
wilden Jubels und ein Festtag. Auf dem Hinweg hatte sie die Häuser
mit kleinen Piken, auf welche kleine rothe Mützen gesteckt waren,
geschmückt gesehen; auch mit dreifarbigen Bändern und mit der überall
sichtbaren Inschrift (dreifarbige Buchstaben waren die beliebtesten)
„Eine und untheilbare Republik, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
oder Tod!“
Die elende Bude des Holzmachers war so klein, daß ihre ganze Fläche
für diese Inschrift sehr kärglichen Raum darbot. Er hatte sie jedoch
sich von Jemanden schreiben lassen, der „Tod“ mit höchst unangemessener
Schwierigkeit hineingequetscht hatte. Auf dem Dache prangte Pike und
Mütze, wie es sich für einen guten Bürger geziemte, und in einem
Fenster stand seine Säge, von der Aufschrift seine „kleine heilige
Guillotine“ genannt -- denn das Volk hatte jetzt das große scharfe
Frauenzimmer kanonisirt. Sein Laden war geschlossen, und er war nicht
da, was eine Erleichterung für Lucien war, und ihr gestattete allein zu
bleiben.
Aber er war nicht weit weg, denn gleich darauf hörte sie das Lärmen
und Brüllen eines sich nähernden Menschenhaufens, das sie mit Bangen
erfüllte. Einen Augenblick später strömte ein wildes Gewühl um die
Ecke der Gefängnißmauer, und in der Mitte desselben sah man den
Holzmacher mit dem Racheengel Hand in Hand. Es konnten nicht weniger
als fünfhundert Menschen sein, und sie tanzten wie fünftausend Dämonen.
Sie hatten keine andere Musik, als ihren eigenen Gesang. Sie tanzten
nach dem beliebten Revolutionslied in einem wilden Takt, der einem
Zähneknirschen im Einklange glich. Männer und Frauen tanzten mit
einander, Frauen tanzten mit einander, Männer tanzten mit einander, wie
der Zufall sie zusammengeführt hatte. Anfangs war es blos ein Gewühl
von rothen Mützen und schlechten wollenen Lumpen, aber wie die Straße
voll wurde und der Tanz sich Lucien näherte, wurde das schauerliche
Gespenst einer toll gewordenen Tanztour unter dem Haufen sichtbar. Die
Einzelnen avancirten, retirirten, schlugen sich einander an die Hände,
packten einander bei dem Kopfe, drehten sich allein im Kreise, faßten
einander und drehten sich paarweise, bis viele von ihnen erschöpft
hinsanken. Während diese liegen blieben, gaben sich die Uebrigen die
Hand, und alle tanzten im Kreise herum; dann löste sich der Reigen,
und in besonderen Kreisen von Zweien und Vieren drehten sie sich
weiter, bis alle auf einmal still standen, wieder anfingen, in die
Hände klatschten, sich packten und fortrissen, und dann in umgekehrter
Richtung fortwirbelten. Plötzlich blieben sie wieder stehen, fingen mit
einem neuen Takt an, bildeten Reihen die Straße entlang, und schossen
mit tiefgesenkten Köpfen, und hoch in die Luft gehobenen Händen, wild
heulend von dannen. Es war so in vollstem Sinne ein gefallener Tanz
-- ein ehedem unschuldiges Ding, das jetzt jeder Teufelei anheim
gegeben war -- eine ehedem gesunde Zerstreuung, jetzt zu einem Mittel
geworden, das Blut zu entzünden, die Sinne zu verwirren, und das Herz
zu verhärten. Die Grazie, die sich dabei noch zeigte, machte es nur
um so häßlicher, denn sie verrieth, wie verkehrt und verderbt alle
von Natur guten Dinge werden können. Der in diesen Tanz entblößte
Jungfrauenbusen, der fast noch dem Kindesalter angehörige hübsche
Kopf, der sich in dem Wahnwitz erhitzte, der zarte Fuß, der in diesem
Sumpf von Blut und Schmutz tänzelte, waren Typen der aus den Gliedern
gerenkten Zeit.
Das war die Carmagnole. Wie sie vorübersauste und Lucie mit Schrecken
erfüllt und verwirrt in der Thür des Holzmachers stehen blieb,
schwebten die Schneeflocken so ruhig herunter, und lagen so weich und
weiß da, als ob das Ding nie gewesen wäre.
„Ach, mein Vater!“ denn er stand vor ihr, als sie die Augen wieder
aufschlug, die sie eine Secunde mit der Hand zugedeckt hatte, „ein so
entsetzliches, schlimmes Schauspiel.“
„Ich weiß, meine Liebe, ich weiß. Ich habe es viele Male gesehen.
Beruhige Dich! keiner von ihnen würde Dir ein Leid zufügen.“
„Ich bin meinetwegen nicht unruhig, Vater. Aber wenn ich an meinen
Gatten denke, und an die Barmherzigkeit dieser Leute --“
„Er wird sehr bald von ihrer Barmherzigkeit absehen können. Ich verließ
ihn, als er zum Fenster hinaufkletterte, und ich komme es Dir zu sagen.
Es kann uns hier Niemand sehen. Du kannst dort nach jenem höchsten
schrägen Dach eine Kußhand schicken.“
„Ich thue es, Vater, und schicke ihm meine Seele mit hinauf!“
„Du kannst ihn nicht sehen, meine arme Lucie?“
„Nein. Vater,“ sagte Lucie mit heißen Thränen ihre Hand küßend, „nein.“
Schritte im Schnee. Madame Defarge. „Ich grüße Sie, Bürgerin,“ vom
Doctor. „Ich grüße Sie, Bürger.“ Dies im Vorbeigehen. Nichts weiter.
Madame Defarge ist verschwunden wie ein Schatten über den weißen Weg.
„Gieb mir den Arm, liebe Lucie. Geh seinetwegen mit heiterem und
muthigem Gesicht von hier fort. Das war gut gemacht!“ Sie hatten
den Ort verlassen; „es ist nicht umsonst. Charles ist für Morgen
vorgeladen.“
„Für Morgen!“
„Es ist keine Zeit zu verlieren. Ich bin gut vorbereitet, aber es sind
Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, die nicht ergriffen werden konnten,
bevor er nicht wirklich vor Gericht gefordert war. Er hat die Ladung
nicht bekommen, aber ich weiß, daß er sie noch in dieser Stunde
erhalten, und nach der Conciergerie gebracht werden wird; ich habe
frühzeitige Nachrichten. Du fürchtest Dich nicht?“
Sie konnte kaum antworten, „ich vertraue auf Dich.“
„Du kannst das unbedingt thun. Die Ungewißheit ist nun bald vorüber,
mein Herz; Du wirst ihn binnen wenigen Stunden wiedersehen; ich habe
ihn mit jedem möglichen Schutz umgeben. Ich muß Lorry sprechen.“
Er hielt inne. Man hörte ein dumpfes Rollen von Wagen in der Nähe.
Beide wußten nur zu gut, was es bedeutete. Eins. Zwei. Drei. Drei
Karren fuhren dahin über den weichen Schnee, mit ihrer dem Tode
geweiheten Ladung.
„Ich muß Lorry sprechen;“ wiederholte der Doctor, indem er mit ihr in
einer andern Richtung fortging.
Der wackere alte Herr war immer noch auf seinem Vertrauensposten,
hatte ihn überhaupt nie verlassen. Er und seine Bücher wurden häufig
über confiscirtes und zum Nationalgut geschlagenes Eigenthum zu Rathe
gezogen. Was er den Eigenthümern retten konnte, rettete er. Es gab
keinen unter den Lebenden, der besser bei dem aushielt, was Tellsons in
Verwahrung hatten, und zu schweigen verstand.
Ein trüber roth und gelber Himmel, und ein von der Seine aufsteigender
Nebel verkündete die nahende Dunkelheit. Es war fast Nacht, als sie die
Bank erreichten. Der stattliche Palast Monseigneurs war ganz und gar
verödet und verlassen. Ueber einem Haufen Staub und Asche im Hofe las
man die Inschrift: „National-Eigenthum. Eine und untheilbare Republik.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod.“
Wer mochte das sein bei Mr. Lorry -- der Besitzer des Reitüberrockes
auf dem Stuhle -- der nicht gesehen werden durfte? Von welchem neuen
Ankömmling kam er heraus, aufgeregt und überrascht, um seinen Liebling
in die Arme zu schließen? Wem wiederholte er ihre gestammelten Worte,
als er mit gehobener Stimme, und den Kopf nach der Thür des Zimmers
wendend, aus dem er gekommen war, sagte: „Nach der Conciergerie
gebracht und für Morgen vorgeladen!“
Sechstes Kapitel.
Triumph.
Das gefürchtete Tribunal von fünf Richtern, dem öffentlichen Ankläger
und den kurz weg sich entschließenden Geschworenen, saß jeden Tag.
Jeden Abend erließen sie ihr Requisitionsverzeichniß, das von den
Schließern der verschiedenen Gefängnisse ihren Gefangenen vorgelesen
ward. Der stehende Schließerwitz war: „Ihr da drinnen, kommt heraus,
und hört die Abendzeitung vorlesen!“
„Charles Evrémonde, genannt Darnay!“
So begann endlich die Abendzeitung in La Force.
So wie ein Name gerufen war, stellte sich sein Besitzer auf eine
Denjenigen vorbehaltene Stelle, welche auf der verhängnißvollen Liste
verzeichnet standen. Charles Evrémonde, genannt Darnay, hatte Grund
die Sitte zu kennen; er hatte Hunderte so verschwinden sehen.
Der Schließer von aufgedunsenem Aussehen, der zum Lesen eine Brille
trug, sah über dieselbe hinweg, um sich zu vergewissern, daß er
auf seinen Platz getreten war, und las das Verzeichniß zu Ende,
wobei er bei jedem Namen eine ähnliche kurze Pause machte. Es waren
dreiundzwanzig Namen, aber nur zwanzig meldeten sich dazu; denn einer
von den vorgeladenen Gefangenen war in dem Gefängniß gestorben und
vergessen worden, und zwei waren bereits guillotinirt und ebenfalls
vergessen. Das Verzeichniß wurde in dem gewölbten Raume verlesen,
wo Darnay in der Nacht seiner Ankunft die versammelten Gefangenen
gesehen hatte. Diese waren sämmtlich in der Metzelei umgekommen; jedes
Menschenkind, um das er sich seither gekümmert, und das er seither
hatte scheiden sehen, war auf dem Schaffot gestorben.
Es wurden einige Worte des Lebewohls und der Freundschaft gewechselt,
aber der Abschied war bald vorüber. Es war ein alltägliches Ereigniß,
und die Gesellschaft von La Force war mit Vorbereitungen zu
Pfänderspielen und einem kleinen Concert für diesen Abend beschäftigt.
Sie drängten sich an die Gitter und vergossen dort Thränen, aber es
waren zwanzig Rollen in der beabsichtigten Abendunterhaltung neu zu
besetzen, und die Zeit war nur kurz bis zur Schlußstunde, wo die
gemeinsamen Zimmer und Corridore den großen Hunden überlassen wurden,
welche dort während der Nacht Wache hielten. Die Gefangenen waren
durchaus nicht gefühllos oder hartherzig; ihr Benehmen entstand nur in
Folge der Bedingungen des Lebens jener Zeit. Ebenso, obgleich mit einem
feinen Unterschied, war eine Art Begeisterung oder Rausch, der einige,
wie wohl bekannt ist, verlockt hat, unnöthiger Weise die Guillotine
herauszufordern, und durch sie zu sterben, nicht bloße Prahlerei,
sondern manchmal Ansteckung der merkwürdig erschütterten öffentlichen
Stimmung. In Pestzeiten fühlen sich manche Menschen im geheimen von der
Krankheit angezogen, und fühlen einen entsetzlichen Drang, daran zu
sterben. Und wir alle haben in unserer Brust ähnliche Wunder verborgen,
die nur auf die geeigneten Umstände warten, um geweckt zu werden.
Der Weg nach der Conciergerie war kurz und dunkel; die Nacht in ihren
von Ungeziefer behafteten Zellen war lang und kalt. Am andern Morgen
erschienen funfzehn Gefangene vor den Schranken, ehe Charles Darnay
aufgerufen ward. Alle Funfzehn wurden verurtheilt, und ihr Proceß hatte
keine anderthalb Stunde gedauert.
Charles Evrémonde, genannt Darnay, erschien endlich vor Gericht.
Seine Richter saßen in Federhüten auf der Bank; aber die grobwollene
rothe Mütze und die dreifarbige Cocarde waren der im Uebrigen
vorherrschende Kopfputz. Wenn er die Geschwornen und die lärmende
Zuhörerschaft betrachtete, hätte er meinen können, daß die gewöhnliche
Ordnung der Dinge verkehrt sei, und die Verbrecher über die ehrlichen
Leute zu Gericht säßen. Der niedrigste und grausamste Pöbel einer
Stadt, die nie ohne eine Masse von niedrigen, grausamen und bösartigen
Elementen ist, spielte die Hauptrolle, mischte sich lärmend in die
Verhandlung, theilte Beifall und Tadel aus, und beschleunigte das
Resultat ohne daß ihm Jemand hemmend in den Weg trat. Von den Männern
war der größte Theil auf verschiedene Weise bewaffnet: von den Frauen
trugen einige Messer, andere Dolche, einige aßen und tranken, während
sie zusahen, viele strickten. Unter diesen letztern befand sich eine,
die, während sie arbeitete, ein Stück gestricktes Zeug in Vorrath unter
dem Arme hatte. Sie saß in der vordersten Reihe neben einem Manne,
den er seit seiner Ankunft im Thore nicht wieder gesehen, den er aber
sogleich als Defarge erkannte. Er bemerkte, daß sie ihm ein- oder
zweimal in’s Ohr flüsterte, und daß sie seine Frau zu sein schien;
aber was ihm an den beiden Gestalten am meisten auffiel, war, daß sie,
obgleich sie in seiner nächsten Nähe saßen, ihn niemals anblickten.
Sie schienen mit trotziger Entschlossenheit auf Etwas zu warten, und
sahen die Geschwornen an, aber sonst Niemanden. Unter dem Präsidenten
saß Doctor Manette in seiner gewöhnlichen einfachen Tracht. So weit der
Gefangene sehen konnte, waren er und Mr. Lorry außer dem zum Gericht
gehörigen Personen die Einzigen, welche ihre gewöhnlichen Kleider
trugen, und nicht in der Carmagnolentracht einhergingen.
Charles Evrémonde, genannt Darnay, ward von den öffentlichen Anklägern
vor Gericht gestellt als Emigrant, dessen Leben kraft des Decretes,
welches alle Emigranten bei Todesstrafe verbannte, der Republik
verfallen war. Es war gleichgültig, daß das Decret nach seiner Rückkehr
nach Frankreich erlassen war. Hier war er, und dort war das Decret; er
war in Frankreich festgenommen worden, und man verlangte seinen Kopf.
„Schlagt ihm den Kopf ab!“ brüllte die Zuhörerschaft. „Er ist ein Feind
der Republik!“