einen scheuen Blick auf die verschlossene Thür warf. „Wenn Sie Ihrer
Sache sicher sind; wenn Sie wirklich die Macht haben, welche Sie zu
besitzen glauben -- und ich glaube Sie haben sie -- so nennen Sie sich
diesen Teufeln und lassen sie sich von ihnen nach La Force bringen.
Es ist vielleicht zu spät, ich weiß das nicht, aber warten Sie keine
Minute länger!“
Doctor Manette drückte ihm die Hand, eilte baarhäuptig aus dem Zimmer
und war schon im Hofe, als Mr. Lorry wieder an das Fenster trat.
Sein langes weißes Haar, sein eigenthümliches Gesicht und die ungestüme
Zuversicht, mit der er die Waffen bei Seite schob, brachten ihn in
einem Augenblick bis mitten in den Haufen, wo der Schleifstein stand.
Ein paar Secunden lang war eine Pause, dann entstand ein Drängen,
und man vernahm ein Gemurmel und den unverständlichen Klang seiner
Stimme; und dann sah Mr. Lorry, wie er inmitten des dichten Haufens
mit dem Rufe „Hoch der Bastillengefangene! Hülfe für den Verwandten
des Bastillengefangenen in La Force! Platz dort vorn für den
Bastillengefangenen! Rettet den Gefangenen Evrémonde in La Force.“ und
tausend antwortenden Rufen hinausgetragen ward.
Er schloß die Jalousien wieder mit bangem Herzen, machte das Fenster
und den Vorhang zu, eilte zu Lucien und theilte ihr mit, daß ihr Vater
Beistand bei dem Volke gefunden habe und fort sei, um ihren Gatten zu
suchen. Er fand ihr Kind und Miß Proß bei ihr; aber es fiel ihm gar
nicht ein über ihren Anblick zu erstaunen, bis lange Zeit nachher, wie
er in solcher Stille, als dieser Nacht gestattet war, sie beobachtend
dasaß.
Unterdessen war Lucie in dumpfer Betäubung vor ihm auf den Fußboden
gefallen und hielt krampfhaft seine Hand fest. Miß Proß hatte das Kind
auf Mr. Lorry’s Bett gelegt und ihr Kopf war allmälig auf das Kissen
neben ihren kleinen Schützling gesunken. Ach die lange, lange Nacht,
mit dem Gestöhn der armen Lucie! Und ach, die lange, lange Nacht, ohne
daß ihr Vater mit Nachrichten zurück kam!
Noch zweimal in der Finsterniß läutete die Glocke und wieder strömten
Volkshaufen herein und der Schleifstein drehte sich und sprühte Funken.
„Was ist das?“ rief Lucie erschreckt. „Still! die Soldaten schleifen
ihre Säbel,“ sagte Mr. Lorry. „Das Haus ist jetzt Nationaleigenthum und
wird gewissermaßen als Waffenschmiede benutzt.“
Noch zweimal und nicht mehr, und das letzte Mal ging die Arbeit matt
und unterbrochen vor sich. Bald darauf begann der Tag zu grauen, und
er machte sich sanft von der ihn immer noch krampfhaft festhaltenden
Hand los und schaute wieder vorsichtig hinaus. Ein Mann, so mit Blut
befleckt, daß er ein schwer verwundeter Soldat hätte sein können, der
unter den Leichen auf einer Wahlstatt wieder zum Bewußtsein kommt,
stand von dem Pflaster neben dem Schleifstein auf und sah sich mit
verstörtem Blick um. Gleich darauf wurde der thatenmüde Mörder im
ungewissen Dämmerschein des Morgens eine der Kutschen Monseigneurs
gewahr, wankte auf die Prachtcarosse zu, stieg hinein und machte die
Thür hinter sich zu, um auf ihren üppigen Polstern auszuschlafen.
Der große Schleifstein, die Erde, hatte sich gedreht als Mr. Lorry
wieder hinaus sah, und die Sonne schien roth in den Hof. Aber der
kleinere Schleifstein stand dort einsam in der stillen Morgenluft mit
einem Roth darauf, welches die Sonne ihm nicht gegeben hatte und nicht
wegnehmen konnte.
Drittes Kapitel.
Der Schatten.
Eine der ersten Erwägungen, welche mit den Geschäftsstunden in dem
Geschäftsmanne Mr. Lorry sich geltend machte, war, daß er kein Recht
habe, Tellsons Geschäft durch Aufnahme der Gattin eines eingekerkerten
Emigranten unter dem Dache der Bank in Gefahr zu bringen. Sein
eignes Vermögen, seine Sicherheit und sein Leben hätte er ohne einen
Augenblick zu zögern für Lucien und ihr Kind auf’s Spiel gesetzt;
aber hier handelte es sich nicht um sein Eigenthum, und in dieser
Geschäftsangelegenheit war er im strengsten Sinne ein Geschäftsmann.
Zuerst dachte er an Defarge, den er in dem Weinschank aufsuchen und
über den sichersten Aufenthalt bei dem ungeordneten Zustand der Stadt
zu Rathe ziehen wollte. Aber dieselbe Erwägung, welche ihn auf diesen
Mann brachte, rieth auch wieder von ihm ab; denn er wohnte in dem am
meisten fanatisirten Viertel und war jedenfalls dort von großem Einfluß
und tief verstrickt in seine gefährlichen Umtriebe.
Da der Mittag kam und der Doctor noch nicht zurückkehrte und jede
Minute Verzug Tellsons mehr gefährden konnte, ging Mr. Lorry mit
Lucie zu Rathe. Sie sagte, daß ihr Vater davon gesprochen habe, in
diesem Viertel in der Nähe des Bankhauses eine Wohnung auf kurze Zeit
zu miethen. Da vom Geschäftsstandpunkte nichts dagegen einzuwenden
war und Mr. Lorry voraus sah, daß, selbst wenn alles mit Charles
gut ging und er wieder frei wurde, er doch keinesfalls die Stadt
verlassen könnte, so ging er aus, um eine solche Wohnung zu suchen
und fand eine passende weit hinten in einer abgelegenen Nebenstraße,
wo die geschlossenen Jalousien aller andern Fenster eines hohen
melancholischen Häuserblocks verkündeten, daß alles verlassen sei.
Nach dieser Wohnung brachte er sofort Lucien und ihr Kind und Miß
Proß, und richtete sie dort so comfortabel ein, als ihm selbst mit
Aufopferung seines eigenen Comforts möglich war. Er ließ ihnen Jerry,
als einen Mann zum Ausfüllen des Thorwegs, der einen tüchtigen Schlag
auf den Kopf aushalten konnte, und kehrte dann zu seinen eigenen
Geschäften zurück. Vielfach zogen Unruhe und schwere Sorgen seine
Aufmerksamkeit davon ab und langsam verstrich ihm der Tag.
Der Tag war zu Ende und mit ihm Mr. Lorry’s Arbeitsfähigkeit, als die
Bank geschlossen ward. Er war abermals in demselben Zimmer wie gestern
Abend allein, und überlegte was zunächst zu thun sei, als er Jemanden
die Treppe herauf kommen hörte. Wenige Augenblicke darauf stand ein
Mann vor ihm, der ihn mit einem scharf beobachtenden Blick beim Namen
nannte.
„Ihr Diener,“ sagte Mr. Lorry. „Kennen Sie mich?“
Es war ein kräftig gebauter Mann mit dunklem Lockenhaar, fünfundvierzig
bis fünfzig Jahre alt. Als Antwort wiederholte er ohne den Ton zu
verändern:
„Kennen Sie mich?“
„Ich habe Sie irgend wo gesehen.“
„Vielleicht in meinem Weinschank?“
Voller Spannung und Aufregung sagte Mr. Lorry „Sie kommen von Doctor
Manette?“
„Ja. Ich komme von Doctor Manette.“
„Und was sagt er? was schickt er mir?“
Defarge legte einen offenen Zettel in die ihm entgegengestreckte Hand.
Es stand darauf von des Doctors Hand geschrieben:
„Charles ist sicher, aber ich kann diesen Ort noch nicht mit Sicherheit
verlassen. Es ist mir die Vergünstigung zugestanden worden, dem
Ueberbringer ein paar Zeilen von Charles an seine Frau mitgeben zu
dürfen. Lassen Sie den Ueberbringer seine Frau sehen.“
Der Zettel war von La Force datirt vor einer Stunde.
„Wollen Sie mich nach der Wohnung seiner Frau begleiten,“ sagte Mr.
Lorry mit erleichtertem Herzen als er den Zettel laut gelesen hatte.
„Ja,“ entgegnete Defarge.
Mr. Lorry beachtete kaum bis dahin, in welch seltsam zurückhaltendem
und mechanischem Tone Defarge sprach, sondern setzte seinen Hut auf und
ging mit ihm hinunter auf den Hof. Dort fanden sie zwei Frauen; eine
mit Stricken beschäftigt.
„Wahrhaftig, Madame Defarge!“ sagte Mr. Lorry, der sie genau in
derselben Stellung vor ungefähr siebzehn Jahren verlassen hatte.
„Sie ist’s,“ bemerkte ihr Gatte.
„Geht Madame mit uns?“ fragte Mr. Lorry, als er sah, daß sie sich
ebenfalls in Bewegung setzte.
„Ja. Damit sie die Gesichter sehen und die Personen anerkennen kann. Es
geschieht ihrer Sicherheit wegen.“
Dem Buchhalter fing Defarge’s Art und Weise an aufzufallen, und er
heftete einen zweifelnden Blick auf ihn und ging voraus. Die beiden
Frauen folgten; die andere war der Racheengel.
Sie gingen durch die dazwischen liegenden Straßen so rasch als
möglich, stiegen die Treppe der neuen Wohnung hinauf, wurden von Jerry
eingelassen und fanden Lucien allein und in Thränen. Sie gerieth fast
außer sich über die Nachricht, welche Mr. Lorry ihr von ihrem Gatten
gab, und drückte mit Wärme die Hand, die ihr den Zettel brachte, nicht
ahnend was sie in der Nacht in der Nähe ihres Gatten gethan, und ohne
einen bloßen Zufall ihm hätte anthun können.
„Geliebteste -- fasse Muth. Ich befinde mich wohl und Dein Vater hat
Einfluß in meiner Umgebung. Du kannst hierauf nicht antworten. Küsse
unser Kind für mich.“
Weiter stand nichts auf dem Zettel. Es war jedoch so viel für die
Empfängerin, daß sie sich von Defarge an seine Frau wendete und eine
der strickenden Hände küßte. Es war eine leidenschaftliche, dankbare,
aus dem Herzen kommende Handlung, aber die Hand gab keine Antwort,
sondern fiel kalt und schwer wieder herunter und fing von Neuem an zu
stricken.
Es war etwas in der Berührung der Hand, was Lucien auffiel. Sie
wollte eben den Zettel in ihren Busen stecken und hielt inne, um
mit aufgescheuchtem Blick Madame Defarge anzusehen. Madame Defarge
erwiederte ihren Blick mit kaltem gleichgültigen Gesicht.
„Liebe Lucie,“ mischte sich Mr. Lorry erklärend ein, „es sind häufig
Volksaufläufe auf den Straßen; und obgleich es nicht wahrscheinlich
ist, daß sie jemals Sie beunruhigen werden, so wünscht doch Madame
Defarge diejenigen zu sehen, welche sie durch ihren Einfluß in solchen
Zeiten beschützen kann, um sie zu kennen. Ich glaube,“ sagte Mr. Lorry,
der in seinen beruhigenden Worten unsicher stecken blieb, als das
gleichgültig harte Wesen der drei Andern ihm mehr und mehr auffiel,
„ich glaube so verhält es sich, Bürger Defarge?“
Defarge warf einen finstern Blick auf seine Frau und gab keine andere
Antwort als ein mürrisch zustimmendes Brummen.
„Es wäre besser, liebe Lucie,“ sagte Mr. Lorry, um nichts zu versäumen
was gewinnen oder versöhnen konnte, „wenn Sie auch die Kleine
hereinkommen ließen, und unsere gute Proß. Unsere gute Proß, Defarge,
ist eine englische Dame und versteht nicht französisch.“
Die fragliche Dame, deren tief eingewurzelte Ueberzeugung es mit jedem
Ausländer mehr als aufnehmen zu können, nicht durch Noth oder Gefahr
zu erschüttern war, trat mit über einander geschlagenen Armen ein
und sagte auf englisch zu dem Racheengel, auf den ihre Blicke zuerst
fielen: „Du mit dem frechen Gesicht könntest mir wohl gefallen! ich
hoffe Du befindest Dich recht wohl!“ Sie bedachte auch Madame Defarge
mit einem britischen Husten, aber keine von Beiden beachtete sie
besonders.
„Ist das sein Kind?“ fragte Madame Defarge, indem sie zum ersten Male
in ihrer Arbeit inne hielt und mit der Stricknadel auf die kleine Lucie
deutete, als wäre sie der Finger des Schicksals.
„Ja, Madame,“ gab Mr. Lorry zur Antwort; „dies ist unseres armen
Gefangenen geliebte Tochter und einziges Kind.“
Der Madame Defarge und ihren Begleitern folgende Schatten schien so
düster und drohend auf das Kind zu fallen, daß die Mutter unwillkürlich
neben dasselbe auf den Fußboden niederkniete, und es an die Brust
drückte. Der Madame Defarge und ihren Begleitern folgende Schatten
schien dann düster und drohend auf Mutter und Kind zu fallen.
„Es genügt, Defarge,“ sagte Madame Defarge. „Ich habe sie gesehen. Wir
können gehen.“
Aber das zurückhaltende Wesen hatte drohendes genug -- nicht sichtbar
und zur Schau getragen, sondern undeutlich und mehr zu ahnen -- um
Lucien zu veranlassen zu sagen, während sie mit ihrer bittenden Hand
Madame Defarge’s Kleid anfaßte:
„Sie werden gut sein gegen meinen armen Gatten? Sie werden ihm nichts
Böses zufügen? Sie werden mich zu ihm bringen, wenn Sie können?“
„Mit Ihrem Gatten habe ich hier Nichts zu thun,“ entgegnete Madame
Defarge und sah mit einer nicht aus dem Gleichgewicht zu bringenden
Ruhe auf sie herab. „Blos die Tochter Ihres Vaters ist es, die mich
hieher führte.“
„So haben Sie um meinetwillen Erbarmen mit meinem Gatten. Um meines
Kindes willen! Es soll seine Händchen falten und Sie bitten, Erbarmen
zu haben. Wir fürchten Sie mehr als jene Andern.“
Madame Defarge nahm dies als eine Schmeichelei auf und sah ihren Mann
an. Defarge, der sich verlegen den Daumennagel zerbissen und sie
angesehen hatte, zog sein Gesicht in strengere Falten zusammen.
„Was schreibt Ihr Mann auf dem Zettel?“ fragte Madame Defarge mit einem
lauernden Lächeln. „Einfluß? Er sagt etwas von Einfluß?“
„Daß mein Vater in seiner Umgebung viel Einfluß hat,“ sagte Lucie,
indem sie den Zettel hastig aus den Busen hervorholte, aber ihre
besorgten Blicke nicht auf das Papier, sondern auf die Fragende heftete.
„Das wird ihn schon frei machen!“ sagte Madame Defarge. „Ganz gewiß.“
„Als Weib und Mutter,“ flehte Lucie sie aus tiefsten Herzen an, „bitte
ich Sie, Erbarmen mit mir zu haben, und die Macht, die Sie besitzen,
nicht gegen meinen schuldlosen Gatten, sondern für ihn zu verwenden!
O, denken Sie als ein Kind desselben großen Vaters an mich, denken Sie
meiner als Weib und als Mutter!“
Madame Defarge sah die Flehende so kalt wie vorhin an, und sagte dann
zu ihrer Freundin, dem Racheengel:
„Die Frauen und Mütter, die wir gesehen haben, seit wir so klein waren
wie dieses Kind, und kleiner noch, sind nicht sehr berücksichtigt
worden, wie ~ihre~ Männer und Väter in den Kerker geworfen wurden
und dort lange bleiben mußten? Haben wir nicht unser ganzes Leben lang
unsere Schwestern in sich und ihren Kindern Armuth, Nacktheit, Hunger,
Durst, Krankheit, Elend, Bedrückung und Vernachlässigung jeder Art
erleiden sehen?“
„Wir haben nichts anderes gesehen,“ entgegnete der Racheengel.
„Wir haben dies lange getragen,“ sagte Madame Defarge, zu Lucien
gewendet. „Urtheilen Sie selbst! Ist es wahrscheinlich, daß der Kummer
einer Frau und Mutter jetzt bei uns von vielem Gewicht sein würde?“
Sie begann wieder zu stricken, und ging hinaus; der Racheengel folgte.
Defarge bildete den Schluß und machte die Thüre zu.
„Muth, meine liebe Lucie,“ sagte Mr. Lorry, wie er sie aufhob. „Muth!
Muth! so weit geht alles gut -- viel, viel besser als es in letzter
Zeit vielen Armen gegangen ist. Fassen Sie Muth und danken Sie Gott.“
„Ich vergesse nicht Gott zu danken, hoffe ich, aber dieses schreckliche
Weib scheint einen Schatten auf mich und auf alle meine Hoffnungen zu
werfen.“
„Beruhigen Sie sich,“ sagte Mr. Lorry. „Woher die Muthlosigkeit in
diesem tapfern Herzchen? Es ist in der That ein Schatten! kein Wesen
darin, Lucie.“
Aber der Schatten, den das Benehmen dieser Defarges verbreitete, fiel
trotz alledem auch auf ihn, und in seinem innersten Herzen war er sehr
besorgt darüber.
Viertes Kapitel.
Eine Pause im Sturm.
_Dr._ Manette kehrte erst am Morgen des vierten Tages seiner
Abwesenheit zurück. So viel von dem was in jener schrecklichen Zeit
geschehen, als Lucien nur verschwiegen werden konnte, blieb ihr so
vollkommen fremd, daß sie erst viel später, als Frankreich und sie weit
von einander getrennt waren, erfuhr, daß elf hundert wehrlose Gefangene
beider Geschlechter und jedes Alters von dem Volke ermordet, vier Tage
und Nächte mit dieser Schreckensthat geschändet worden waren, und daß
die Luft, die sie einathmete, die letzten Seufzer der Erschlagenen
aufgenommen hatte. Sie wußte nur, daß ein Angriff auf die Gefängnisse
stattgefunden, daß alle politischen Gefangene in Gefahr gewesen waren,
und daß der Pöbel einige herausgeschleppt und ermordet hatte.
Mr. Lorry erzählte dem Doctor unter der Bedingung strengsten
Schweigens, auf der er nicht mit Nachdruck zu verweilen brauchte,
daß ihn der Menschenhaufe mitten durch das mordende Gewühl nach dem
Gefängniß La Force gebracht hatte. Dort im Gefängniß fand er ein
selbsternanntes Gericht sitzen, welchem man die Gefangenen einzeln
vorführte, und welches in rascher Folge Befehle ertheilte, sie
fortzuschaffen, um sie niederzumetzeln oder sie frei zu lassen, oder
(in seltenen Fällen) sie in ihre Zellen zurückzubringen. Von seinen
Führern vor dieses Gericht gebracht, hatte er sich demselben als
denjenigen genannt, der achtzehn Jahre lang im Geheimen und unverhört
Gefangener in der Bastille gewesen; und einer von den zu Gericht
Sitzenden war aufgestanden und hatte ihn recognoscirt, und dieser eine
war Defarge gewesen.
Darauf hatte er sich in den auf dem Tische liegenden Verzeichnissen
versichert, daß sein Schwiegersohn noch unter den lebenden Gefangenen
war, und hatte dem Gericht -- von welchem einige Mitglieder schliefen,
einige wachten, einige befleckt von Mord und einige rein, einige
nüchtern waren, und andere nicht -- die dringendsten Vorstellungen
gemacht, ihm Leben und Freiheit zu schenken. In den ersten tollen
Demonstrationen, mit denen er als ein ausgezeichnetes Opfer des
gestürzten Systems begrüßt worden war, hatte man ihm die Vorführung
und das Verhör Charles Darnay’s vor dem selbst eingesetzten Gericht
zugestanden. Er hatte auf dem Punkte gestanden, freigelassen zu werden,
als in der zu seinen Gunsten herrschenden Stimmung plötzlich eine dem
Doctor nicht verständliche Wendung eingetreten war, welche zu einer
kurzen geheimen Berathung geführt hatte. Der Vorsitzende hatte dann
Doctor Manette mitgetheilt, daß der Gefangene verhaftet bleiben müßte,
aber um seinetwillen für unverletzlich erklärt werden solle. Gleich
darauf war auf ein Zeichen der Gefangene wieder in das Innere des
Gefängnisses geschafft worden; aber der Doctor hatte so nachdrücklich
um Erlaubniß gebeten, da bleiben und sich versichern zu dürfen, daß
sein Schwiegersohn weder durch bösen Willen noch durch bösen Zufall
den Mordgesellen überliefert würde, deren Geheul vor dem Thore oft die
Verhandlungen übertönte, daß er die Erlaubniß erlangte und in der Nähe
des Blutgerichts verweilt hatte, bis alle Gefahr vorüber war.
Was er dort neben den kurzen Unterbrechungen von Essen und Schlafen
gesehen, soll unerzählt bleiben. Die wahnwitzige Freude über die
geretteten Gefangenen hatte ihn kaum weniger in Erstaunen gesetzt, als
die wahnwitzige Grausamkeit, mit der die anderen in Stücke zerhackt
wurden. Von einem Gefangenen erzählte er, der als frei von dem Gericht
entlassen wurde, den aber aus Irrthum ein Wüthrich beim Hinausgehen mit
der Pike verwundet hatte. Gebeten ihm beizuspringen und die Wunde zu
verbinden, war der Doctor zu demselben Thor hinausgegangen und hatte
ihn in den Armen einer Gesellschaft Samariter gefunden, die auf den
Leichen ihrer Opfer saßen. Mit einer Inconsequenz, die so ungeheuerlich
wie alles andere in dieser wie ein böser Traum verschwimmenden Nacht
war, hatten sie dem Arzt geholfen und den Verwundeten mit sanfter Hand
gepflegt -- hatten eine Tragbahre für ihn gemacht und ihn sorglich von
dannen getragen -- und dann wieder zu ihren Waffen gegriffen, und von
Neuem eine so gräßliche Metzelei begonnen, daß der Doctor sich die
Augen mit den Händen zugedeckt hatte und in Ohnmacht gesunken war.
Wie Mr. Lorry sich dieses erzählen ließ, und das Gesicht seines jetzt
zweiundsechzig Jahre alten Freundes beobachtete, entstand in ihm
eine bange Besorgniß, daß so schaudererregende Erlebnisse die alte
Gefahr zurückbringen könnten. Aber er hatte seinen Freund noch nie in
seiner gegenwärtigen Erscheinung gesehen; er hatte ihn nie in seinem
gegenwärtigen Charakter gekannt. Zum erstenmale fühlte jetzt der
Doctor, daß sein Leiden Stärke und Macht war. Zum erstenmale fühlte er,
daß er in diesem scharfen Feuer langsam das Eisen geschmiedet hatte,
womit er die Kerkerthür des Gatten seiner Tochter aufbrechen und ihn
befreien konnte. „Es hat alles zu einem guten Ziele geführt, mein
Freund; es war nicht alles rein verloren. Wie mein geliebtes Kind mir
geholfen hat, mich selbst wieder zu finden, will ich ihr jetzt helfen,
ihr das liebste was sie hat zurückzugeben; mit Gottes Hülfe will ich
es ausführen!“ so sprach _Dr._ Manette. Und als Jarvis Lorry die
funkelnden Augen, das entschlossene Gesicht, die ruhige selbstbewußte
Haltung des Mannes sah, dessen Leben, wie es ihm immer schien, wie eine
Uhr so viele Jahre still gestanden, und dann wieder mit einer Energie
zu gehen angefangen, die, während sein nützliches Wirken unterbrochen
war, geschlummert hatte, da glaubte er es.
Größeres als dem Doctor damals zu bekämpfen oblag, hätte vor seiner
Ausdauer nachgegeben. Während er an seinem Posten blieb als ein Arzt,
der mit Menschen jeder Art, mit Gefangenen und Freien, mit Reichen und
Armen, Guten und Schlimmen zu thun hat, benutzte er seinen persönlichen
Einfluß so klug, daß er sehr bald der inspicirende Arzt von drei
Gefängnissen und unter diesen von La Force war. Er konnte jetzt Lucien
versichern, daß ihr Gatte nicht länger allein saß, sondern sich unter
der allgemeinen Gesellschaft der Gefangenen befand; er sah ihren
Gatten allwöchentlich und überbrachte ihr unmittelbar von seinem Munde
zärtliche Botschaften; manchmal schickte er ihr einen Brief (obgleich
nie durch Vermittelung des Doctors), aber sie durfte ihm nicht wieder
schreiben; denn unter den vielen abenteuerlichen Besorgnissen vor
Verschwörungen in den Gefängnissen, wiesen die allerabenteuerlichsten
auf Emigranten hin, die Freunde und dauernde Verbindungen im Auslande
hatten.
Dies neue Leben des Doctors war allerdings ein sorgenvolles Leben; aber
der scharfblickende Mr. Lorry erkannte, daß ein neuer ihn aufrecht
erhaltender Stolz damit verbunden war. Nichts unzukömmliches hatte
dieser Stolz; es war ein natürliches und würdiges Gefühl; aber er
beobachtete ihn als eine Merkwürdigkeit. Der Doctor wußte, daß bisher
in den Gedanken seiner Tochter und seines Freundes seine Einkerkerung
sich nicht von seinen persönlichen Leiden und Schwächen hatte trennen
lassen. Jetzt war dies anders geworden und er wußte sich durch diese
alte Prüfung mit Kräften ausgestattet, von welchen sie Beide für
Charles Sicherheit und Freiheit erwarteten, und diese Veränderung hob
seinen Geist so, daß er die Anführung und Leitung übernahm und von
ihnen, als den Schwachen, verlangte ihm, als den Starken, zu vertrauen.
Die Stellung, welche er und Lucie früher gegen einander einnahmen,
war umgekehrt, aber nur wie die lebhafteste Dankbarkeit und Liebe
sie umkehren konnten, denn er hätte sich nur erhoben fühlen können,
ihr einen Dienst zu leisten, die ihm so viel geleistet hatte. „Ein
merkwürdiges Schauspiel,“ dachte Mr. Lorry in seiner liebenswürdig
schlauen Weise, „aber ganz natürlich und richtig; also übernehmen Sie
die Führung, bester Freund, und behalten Sie dieselbe; sie könnte nicht
in bessern Händen sein.“
Aber obgleich der Doctor keine Anstrengungen sparte, und nie zu
versuchen aufhörte Charles Darnay die Freiheit zu verschaffen, oder ihn
wenigstens vor Gericht zu bringen, so ging doch die allgemeine Strömung
der Zeit zu schnell und stark gegen ihn. Die neue Aera begann; der
König war gerichtet, verurtheilt und enthauptet; die Republik Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod, stand für Sieg oder Tod gegen die
Welt in Waffen; die schwarze Fahne wehete Tag und Nacht von den großen
Thürmen von Notre-Dame; dreihunderttausend Mann, aufgerufen sich gegen
die Tyrannen zu erheben, erhoben sich aus allen den verschiedenen
Landstrichen Frankreichs, als ob die Drachenzähne mit voller Hand
ausgesäet worden und überall, im Thal und auf den Bergen, auf dem Fels,
im Sand und im Schlamm, unter dem lächelnden Himmel des Südens, und
unter den Wolken des Nordens, in Wald und Haide, in Weinbergen und
Olivengärten, unter dem verkümmerten Gras und den Stoppeln, auf den
fruchtbaren Ufern der breiten Ströme, und dem Geröll des Seestrandes
Frucht getragen hätten. Welche Privatsorge konnte gegen die Sündfluth
des Jahres Eins der Freiheit Stand halten -- gegen die Sündfluth,
die von unten in die Höhe stieg, und nicht von oben kam, vor der die
Fenster des Himmels geschlossen waren, nicht offen standen!