„Ich will nichts für Sie thun,“ gab Defarge mit mürrischem Trotz zur

Antwort. „Meine Pflicht gehört dem Vaterlande und dem Volke. Ich bin

der geschworne Diener Beider, gegen Sie. Ich mag nichts für Sie thun.“

Charles Darnay fühlte wie nutzlos es war weiter in ihn zu dringen, und

außerdem war sein Stolz verletzt. Wie sie schweigend neben einander

herschritten, konnte er nicht umhin zu bemerken, wie sehr das Volk

daran gewöhnt war Gefangene durch die Straßen führen zu sehen. Selbst

die Kinder beachteten ihn kaum. Ein paar Vorübergehende sahen sich

um und einige drohten ihm mit der Faust als einem Aristokraten; im

Uebrigen war es nicht merkwürdiger, einen gut gekleideten Mann in’s

Gefängniß führen, als einen Arbeiter in seiner Arbeitsjacke auf Arbeit

gehen zu sehen. In einer engen, dunkeln und schmutzigen Straße, durch

welche sie kamen, sprach ein aufgeregter Redner von einem Stuhl zu

einer aufgeregten Zuhörerschaft von den Verbrechen des Königs und der

königlichen Familie gegen das Volk. Aus ein paar Worten, die er von den

Lippen dieses Mannes im Vorbeigehen erhaschte, erfuhr Charles Darnay

zuerst, daß der König eingekerkert sei, und die fremden Gesandten

sämmtlich Paris verlassen hätten. Auf der Reise (außer in Beauvais)

hatte er buchstäblich gar nichts erfahren. Die Escorte und die

allgemeine Wachsamkeit hatten ihn vollkommen isolirt.

Daß er jetzt von viel größeren Gefahren umringt war als sich entwickelt

hatten, wie er von England abreiste, wußte er natürlich jetzt. Daß

diese Gefahren sich rasch um ihn vermehrt hatten, und sich noch rascher

und rascher vermehren konnten, wußte er nun ebenso. Er konnte nicht

umhin, sich zu sagen, daß er diese Reise nicht angetreten haben würde,

wenn er die Ereignisse einiger wenigen Tage hätte voraussehen können.

Und dennoch waren seine bösen Ahnungen nicht so düster, wie sie bei dem

Lichte unserer spätern Zeit betrachtet, aussehen würden. So trübe die

Zukunft war, war sie doch eine unbekannte Zukunft und ihre Dunkelheit

erlaubte noch die Hoffnung der Ungewißheit. Von der entsetzlichen

Metzelei mehrerer Tage und Nächte, welche, bevor noch der Zeiger viele

Male das Zifferblatt umkreist hatte, ein großes blutiges Zeichen auf

die gesegnete Erntezeit setzen sollte, wußte er ebenso wenig, als

hätte sie erst in hunderttausend Jahren sein sollen. Das „scharfe

Frauenzimmer, vor Kurzem geboren und _La Guillotine_ getauft,“

war ihm oder der Masse des Volks kaum den Namen nach bekannt. Die

Greuelthaten, die bald verübt werden sollten, waren vielleicht nicht

einmal in den Köpfen derer, die sie verübten, geboren. Wie konnten sie

einen Platz finden in den Vorahnungen eines sanften Gemüthes?

Daß er in langer Haft und harter Behandlung und in grausamer

Trennung von Frau und Kind Unrecht werde erdulden müssen, sah er als

wahrscheinlich oder gewiß voraus, aber darüber hinaus fürchtete er

nichts Bestimmtes. Mit diesen Sorgen auf seiner Seele, schwer genug,

sie in einen unheimlichen Gefängnißhof mitzunehmen, kam er im Gefängniß

La Force an.

Ein Mann mit einem aufgedunsenen Gesicht öffnete das schwere Pförtchen,

welchem Defarge „den Emigranten Evrémonde“ vorstellte.

„Was der Teufel! wie viele sollen noch kommen!“ rief der Mann mit dem

aufgedunsenen Gesicht aus.

Defarge nahm den Empfangschein ohne den Ausruf zu beachten und

entfernte sich mit seinen beiden Patrioten.

„Was der Teufel, sag ich noch einmal!“ rief der Kerkermeister aus, der

jetzt mit seiner Frau allein war. „Wie viele sollen noch kommen!“

Die Frau des Kerkermeisters, die keine Antwort auf diese Frage hatte,

erwiederte blos: „Man muß Geduld haben, mein Guter!“ Drei Schließer,

welche auf ein Klingeln hereintraten, wiederholten den Rath und Einer

setzte hinzu „um der Liebe zur Freiheit willen“; was an diesem Ort wie

ein unpassender Schluß klang.

Das Gefängniß La Force war ein schauerliches Gefängniß, finster

und schmutzig, und mit einem schrecklichen Geruch von ungesundem

Schlaf darin. Es ist merkwürdig, wie bald sich der ekelhafte Dunst

eingekerkerten Schlafs in allen solchen Orten, die nicht gut gehalten

werden, bemerklich macht.

„Obenein zu geheimer Haft,“ murrte der Kerkermeister, wie er einen

Blick auf den Zettel warf. „Als ob es nicht schon zum Ueberlaufen voll

wäre.“

Uebellaunig reihete er das Papier zu vielen andern auf eine Nadel auf,

und Charles Darnay erwartete sein weiteres Belieben wohl eine halbe

Stunde lang, während welcher Zeit er abwechselnd in dem hochgewölbten

Raume auf und ab ging oder auf einer steinernen Bank ausruhte, denn

er wurde mit Absicht aufgehalten, damit der Oberschließer und dessen

Untergebene sich sein Aussehen gehörig einprägten.

„Folgen Sie mir, Emigrant,“ sagte der Kerkermeister endlich, indem er

nach einem Bund Schlüssel langte.

Durch das unheimliche Kerkerzwielicht folgte ihm der Gefangene durch

Corridore und mehrere Treppen hinauf, und mehrere Thüren schlugen

rasselnd hinter ihm zu, und wurden verschlossen, bis sie in ein

großes niedriges gewölbtes Zimmer kamen, gedrängt voll von Gefangenen

beiderlei Geschlechts. Die Frauen saßen an einem langen Tisch, lasen

und schrieben, strickten, näheten und stickten; die Männer standen

meistens hinter ihren Stühlen oder bewegten sich im Zimmer umher.

In dem unwillkürlichen Zusammendenken von Gefangenen mit entehrenden

Verbrechen und Schande fühlte sich der neue Ankömmling von dieser

Gesellschaft abgestoßen. Aber die alles übertreffende Unwirklichkeit

seines langen fast dem Traumleben angehörenden Rittes war, daß sie alle

auf einmal aufstanden und ihn mit aller Feinheit der damaligen Zeit und

mit der ganzen gewinnenden Anmuth und Höflichkeit der vornehmen Welt

begrüßten.

So seltsam getrübt war dieses Wesen durch das Kerkerleben und das

Kerkerdüster, so gespenstig wurde es in dem dagegen schreienden Schmutz

und Jammer, von dem es begleitet war, daß Charles Darnay sich vorkam,

als ob er in einer Gesellschaft von Todten stände. Lauter Gespenster!

das Gespenst der Schönheit, das Gespenst der Vornehmheit, das Gespenst

der Anmuth, das Gespenst des Stolzes, das Gespenst der Frivolität, das

Gespenst des Witzes, das Gespenst der Jugend, das Gespenst des Alters,

sie warteten Alle auf ihre Entfernung von dem unwirthlichen Strande und

sahen ihn an mit Augen, welche der Tod verändert hatte, den sie beim

Eintritt in diesem Raum gestorben waren.

Er blieb erstarrt stehen. Der neben ihm wartende Kerkermeister und

die andern sich im Zimmer herum bewegenden Schließer, die in der

gewöhnlichen Ausübung ihres Amtes gut genug ausgesehen haben würden,

sah so entsetzlich gemein aus neben den hier anwesenden bekümmerten

Müttern und blühenden Töchtern -- neben der Coquette, der jungen

Schönheit und der gereiftern vornehm erzogenen Frau -- daß die

Verkehrung aller Erfahrung und Wahrscheinlichkeit, welche dieses Bild

aus dem Schattenreich darstellte, den höchsten Grad erreichte. Gewiß

lauter Gespenster! Gewiß war der lange traumhafte Ritt eine Krankheit

gewesen, die ihn unter diese düstern Schatten gebracht!

„Im Namen der versammelten Leidensgefährten,“ sagte ein Herr von

höfischem Aussehen und Benehmen, indem er vortrat, „habe ich die Ehre

Sie in La Force willkommen zu heißen und mit Ihnen das Unglück zu

beklagen, das Sie zu uns gebracht hat. Möge es von kurzer Dauer sein!

Es wäre anderwärts eine Unhöflichkeit, ist es aber hier nicht, nach

Ihrem Namen und Stand zu fragen?“

Charles Darnay raffte sich auf und beantwortete die gestellte Frage in

so angemessenen Worten als er finden konnte.

„Aber ich hoffe,“ sagte der Herr, indem er den Oberschließer, welcher

nach dem anderen Ende des Zimmers ging, mit den Augen folgte, „Sie sind

nicht in geheimer Haft?“

„Ich weiß nicht was dieses Wort zu bedeuten hat, aber ich habe so sagen

hören.“

„O, wie schade! wir beklagen das so sehr! aber fassen Sie Muth;

verschiedene Mitglieder unserer Gesellschaft sind Anfangs in geheimer

Haft gewesen, aber es hat nur kurze Zeit gedauert.“ Dann, setzte

er mit lauterer Stimme hinzu: „es thut mir leid die Gesellschaft

benachrichtigen zu müssen -- in geheimer Haft.“

Ein Gemurmel der Theilnahme ließ sich vernehmen, als Charles Darnay

durch das Zimmer nach einer Gitterthür ging, wo der Schließer seiner

harrte und viele Stimmen -- aus denen die sanften und mitleidigen

Frauenstimmen vor allen hervorklangen -- gaben ihm gute Wünsche und

Trost mit. Er kehrte sich an der Gitterthür um, den innigsten Dank

seines Herzens auszusprechen; sie schloß sich hinter dem Kerkermeister

und die Erscheinungen verschwanden vor seinen Augen für immer.

Die Thür öffnete sich auf eine steinerne aufwärts führende Treppe. Als

sie vierzig Stufen gestiegen waren (der Gefangene von einer halben

Stunde zählte sie bereits), schloß der Kerkermeister eine niedrige

schwarze Thür auf und sie traten in eine leere Zelle. Die Luft war kalt

und feucht, aber der Raum war nicht finster.

„Ihre Zelle,“ sagte der Schließer.

„Warum werde ich allein eingesperrt?“

„Was weiß ich!“

„Kann ich Feder, Tinte und Papier kaufen?“

„Das steht nicht in meiner Instruction. Der Inspector wird Sie

besuchen, und den können Sie fragen. Vor der Hand können Sie sich Ihr

Essen kaufen und weiter nichts.“

Ein Stuhl, ein Tisch und eine Strohmatratze befanden sich in der Zelle.

Als der Schließer vor dem Fortgehen einen musternden Blick auf diese

Gegenstände und die vier Wände warf, kam eine wirre Phantasie über den

an die kalte Mauer sich lehnenden Gefangenen, daß dieser Schließer in

Gesicht und Leib so unnatürlich geschwollen wäre, daß er aussähe wie

ein Mann der ertrunken und mit Wasser angefüllt sei. Als der Schließer

fort war, dachte er in derselben wirren Weise, „nun bin ich allein als

wäre ich todt.“ Wie er dann stehen blieb, um die Matratze zu besehen,

wendete er sich mit Ekel davon ab und dachte: „Und hier in diesem

kriechenden Gewürm spukt der Zustand des Körpers nach dem Tode vor.“

„Fünf Schritte lang und viereinhalb Schritt breit, fünf Schritt lang

und viereinhalb Schritt breit, fünf Schritt lang und viereinhalb

Schritt breit.“ Der Gefangene ging auf und ab in seiner Zelle, maß sie

aus und das Brausen der Stadt tönte wie gedämpfte Trommeln, untermischt

mit einem wilden Geheul von Stimmen. „Er machte Schuhe, er machte

Schuhe, er machte Schuhe.“ Der Gefangene zählte wieder die Schritte und

schritt schneller, um seine Gedanken von dieser letzten Wiederholung

abzulenken. Die Gespenster, welche verschwanden, als das Pförtchen

sich schloß. Eine Gestalt war darunter, eine schwarz gekleidete Dame,

welche in einer Fenstervertiefung lehnte, und ein Sonnenstrahl fiel auf

ihr goldenes Haar und sie sah aus wie **. Um Gottes willen, laßt uns

weiter reisen durch die erleuchteten Dörfer, wo die Leute alle wach

sind! ** Er machte Schuhe, er machte Schuhe, er machte Schuhe. ** Fünf

Schritt lang und viereinhalb Schritt breit. Während solche abgerissene

Vorstellungen aus den Tiefen seines Geistes emporstiegen und in seinem

Kopfe wirbelten, schritt der Gefangene schneller und schneller auf

und ab, und zählte und zählte hartnäckig; und das Brausen der Stadt

veränderte sich so, daß es immer noch klang wie gedämpfte Trommeln,

aber das Rauschen und Brausen durchzogen klagende Stimmen die er kannte.

Zweites Kapitel.

Der Schleifstein.

Tellsons Bank im Quartier Saint Germain von Paris befand sich in dem

Flügel eines großen Hauses, zu dem man über einen von der Straße durch

eine hohe Mauer und ein starkes Thor abgeschlossenen Vorhof gelangte.

Das Haus gehörte einem großen Herrn, der darin gewohnt hatte bis er vor

den bösen Zeiten in den Kleidern seines eigenen Koches flüchtete und

glücklich über die Grenze kam. Ein vor Jägern fliehendes gehetztes Wild

war er immer noch in seiner Metempsychosis derselbe Monseigneur, der,

bevor er seine Chocolade an die hohen Lippen brachte, dazu die Kräfte

von drei starken Männern in Anspruch nahm, ohne den Koch zu rechnen.

Als Monseigneur fort war, und die drei starken Männer für die Sünde,

von ihm hohen Lohn bezogen zu haben, sich damit Absolution gaben,

daß sie mehr als bereit und willig waren, ihm auf dem Altar der

kommenden einen und untheilbaren Republik von Freiheit, Gleichheit,

Brüderlichkeit oder Tod, den Hals abzuschneiden, war Monseigneurs

Haus erst sequestrirt und dann confiscirt worden. Denn alles ging so

schnell und Decret folgte auf Decret mit so wilder Hast, daß jetzt am

dritten Abend des Herbstmonates September patriotische Gerichtspersonen

Monseigneurs Haus in Besitz genommen und es mit der dreifarbigen Fahne

bezeichnet hatten und in seinen Staatszimmern Branntwein tranken.

Ein Geschäftslocal in London wie Tellsons Geschäft in Paris hätte

das Haus bald von Sinnen und auf das Verzeichniß der Fallirten

gebracht. Denn was würde gesetzte englische Verantwortlichkeit und

Respectabilität gesagt haben zu Orangenbäumen in Kübeln in dem Vorhof

einer Bank, oder gar zu einem Cupido über dem Zähltisch? Und doch

gab es solche Dinge. Tellsons hatten den Cupido übertüncht, aber er

war immer noch erkennbar in der Decke, wo er, auf das sparsamste mit

Leinenzeug bedacht, von Früh bis Abends mit seinem Pfeil auf Gold

zielte -- wie er es ja sehr oft macht. In Lombardstreet in London

hätte dieser junge Heide unvermeidlich Bankerot zur Folge gehabt, und

dieselbe traurige Wirkung hätte ein verhangener Alkoven hinter dem

unsterblichen Knaben und ein in die Wand eingelassener Spiegel, und

endlich die durchaus nicht alten Commis hervorgebracht, welche auf die

leiseste Aufforderung öffentlich tanzten. Jedoch französische Tellson’s

konnten bei allen diesen Dingen vortrefflich bestehen, und so lange die

Zeit überhaupt zu ertragen war, hatte sich Niemand darüber entsetzt und

sein Geld aus der Bank gezogen.

Wie viel Geld in Zukunft aus Tellsons Bank gezogen und wie viel dort

verloren und vergessen liegen bleiben würde; was für Silberzeug und

Juwelen in Tellsons versteckten Koffern blind werden würden, während

die, welche sie dort niedergelegt hatten, im Gefängnisse schmachteten,

oder bald eines gewaltsamen Todes sterben sollten; wie viele Conti

bei Tellsons in dieser Welt nie abgeschlossen werden konnten und in

die andere Welt übertragen werden mußten, das konnte an diesem Abend

Niemand sagen, ebenso wenig wie Mr. Jarvis Lorry, obgleich er über

diese Fragen besorgt nachdachte. Er saß vor einem frisch angebrannten

Holzfeuer (das schlimme und unfruchtbare Jahr war vor der Zeit kalt)

und auf seinem ehrlichen und muthvollen Gesicht lag ein trüberer

Schatten, als die Hängelampe werfen oder ein Gegenstand im Zimmer

verzerrt wiedergeben konnte -- ein Schatten des Grausens.

Er bewohnte in seiner Treue für das Haus, von dem er ein Theil geworden

war, wie tief gewurzelter Epheu, Zimmer in der Bank. Sie erfreuten

sich in Folge der patriotischen Besitznahme des Hauptgebäudes einer

gewissen Art von Sicherheit, aber der wackere alte Herr dachte nie

daran. Alle solche Nebensachen waren ihm gleichgültig, wenn er nur

seine Pflicht that. Am anderen Ende des Vorhofes unter einer Colonade

befand sich ein Wagenschuppen, und es standen sogar noch einige

Kutschen Monseigneurs dort. An zwei von den Pfeilern waren zwei große

helllodernde Fackeln befestigt, und im Schimmer derselben stand unter

freiem Himmel ein großer Schleifstein: eine roh zugerichtete Maschine,

welche man aus einer nahen Schmiede oder anderen Werkstatt in Hast

hieher geschafft zu haben schien. Mr. Lorry war aufgestanden und hatte

aus dem Fenster einen Blick auf diese harmlosen Gegenstände geworfen;

aber ein Schauder überlief ihn und er kehrte wieder auf seinen Sitz vor

seinem Feuer zurück. Er hatte nicht nur das Glasfenster, sondern auch

die Jalousien davor geöffnet, und sie beide wieder zugemacht, und ein

Schauer überlief seinen ganzen Körper.

Von den Straßen jenseits der hohen Mauer und des festen Thores tönte

das gewöhnliche nächtliche Brausen der großen Stadt herüber, in welches

sich dann und wann ein unbeschreiblich unirdischer Ton mischte, als ob

ungewohnte Klänge haarsträubender Art hinauf zum Himmel tönten.

„Gott sei Dank,“ sagte Mr. Lorry und faltete die Hände, „daß Niemand

von denen, die meinem Herzen nahe stehen, heute Nacht in dieser

schrecklichen Stadt ist. Möge er sich aller derer erbarmen, die in

Gefahr sind!“

Bald darauf läutete die Glocke an dem großen Thor und er dachte „sie

sind wieder da!“ und lauschte. Aber es brach kein lärmender Haufe

in den Vorhof, wie er erwartet hatte, und er hörte das Thor wieder

zufallen und alles war still.

Die Unruhe und Bangigkeit, welche ihn befingen, erzeugten jene

unbestimmte Sorge um die Bank, die bei so hochgespannten Gefühlen eine

große Verantwortlichkeit von selbst zur Folge hat. Sie war wohl bewacht

und er stand auf, um die zuverlässigen Leute zu besuchen, welche

Wache hielten, als seine Thür plötzlich aufging und zwei Gestalten

hereinstürzten, deren Anblick ihm vor Erstaunen zurücktreten machte.

Lucie und ihr Vater! Lucie, die Arme ihm entgegenstreckend und mit

jenem alten Aussehen tiefen Ernstes so verstärkt, daß es schien als ob

es ihrem Gesicht ausdrücklich aufgeprägt wäre, um ihm in dieser einen

schweren Stunde ihres Lebens Kraft und Ausdruck zu verleihen.

„Was ist das!“ rief Mr. Lorry verwirrt und athemlos aus. „Was giebt es?

Lucie! Manette! was ist vorgefallen? was bringt Euch hierher? Was giebt

es?“

Mit starr auf ihn geheftetem Auge und bleichem und verstörtem Gesicht

stöhnte sie flehend in seinen Armen „ach, mein Freund! mein Gatte!“

„Ihr Gatte, Lucie?“

„Charles.“

„Was ist mit Charles?“

„Er ist hier.“

„Hier in Paris?“

„Er ist hier seit einigen Tagen -- seit dreien oder vieren -- ich

weiß nicht wie viel es sind -- ich kann meine Gedanken nicht sammeln.

Ein edelmüthiges Unternehmen hat ihn zu der Reise bewogen, ohne daß

ich davon wußte; man hat ihn am Thore angehalten und in’s Gefängniß

geschickt.“

Unwillkürlich schrie der Alte laut auf. Fast in demselben Augenblick

läutete die Glocke an dem großen Thore von Neuem und schreiend und

tobend hörte man einen Menschenhaufen sich in den Vorhof wälzen.

„Was ist das für ein Lärm?“ fragte der Doctor und stand auf, um an das

Fenster zu treten.

„Sehen Sie nicht hinaus!“ rief Mr. Lorry. „Sehen Sie nicht hinaus!

Manette, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, öffnen Sie das Fenster nicht!“

Der Doctor wendete sich um, mit der Hand auf dem Fensterwirbel und

sagte mit einem kühlen muthigen Lächeln:

„Lieber Freund, in dieser Stadt habe ich ein gefeites Leben. Ich bin

Gefangener in der Bastille gewesen. Es giebt keinen Patrioten in ganz

Paris -- in ganz Paris sage ich? in Frankreich, der, wenn er erfährt,

daß ich Gefangener in der Bastille gewesen bin, mich nur anrühren

würde, außer um mich mit Umarmungen halb zu ersticken, oder mich

im Triumphe auf den Schultern zu tragen. Mein altes Leiden hat mir

eine Macht verliehen, die uns zum Thore hereingebracht und uns dort

Nachrichten von Charles verschafft, und uns hierher geführt hat. Ich

wußte, daß es so sein würde; ich wußte, daß ich Charles aus aller

Gefahr retten könnte; ich sagte dies Lucie. Was ist das für ein Lärm?“

Er legte wieder die Hand an den Fensterwirbel.

„Sehen Sie nicht hinaus,“ rief Mr. Lorry in vollster Verzweiflung.

„Nein, gute Lucie, auch Sie nicht!“ Er umschlang sie mit seinen Armen

und hielt sie zurück. „Erschrecken Sie nicht so, Gute. Ich schwöre

Ihnen auf das Heiligste, daß ich von nichts Schlimmen weiß, was Charles

zugestoßen ist; daß ich nicht einmal eine Ahnung von seiner Anwesenheit

in dieser unseligen Stadt hatte. In welchem Gefängnisse ist er?“

„In La Force!“

„In La Force! liebe, liebe Lucie, wenn Sie jemals in Ihrem Leben ein

Mädchen von Herz und Brauchbarkeit gewesen sind -- und Sie waren

immer beides -- so müssen Sie sich jetzt fassen und genau so thun wie

ich Ihnen heiße; denn vielmehr hängt davon ab, als Sie sich denken

können oder ich Ihnen zu sagen vermag. Mit eigner Thätigkeit können Sie

heute Nacht für Charles nichts ausrichten; Sie dürfen um keinen Preis

ausgehen. Ich sage Ihnen dies, weil das, was ich von Ihnen um Charles

Willen verlangen muß, das Schwerste von Allem ist. Sie müssen von

diesem Augenblick an gehorsam und stumm sein, und sich still verhalten.

Sie müssen mir erlauben, Ihnen ein Hinterzimmer in diesem Hause

anzuweisen. Sie müssen Ihren Vater und mich auf zwei Minuten allein

lassen und dürfen, da es Leben und Tod giebt in der Welt, nicht zögern.“

„Ich will Ihnen unbedingt gehorchen. Ich sehe in Ihren Gesicht, daß Sie

wissen, es bleibt mir nichts anderes zu thun übrig. Ich weiß, daß Sie

es gut meinen.“

Der Alte küßte sie und schob sie in sein Zimmer und drehte den

Schlüssel hinter ihr um; dann eilte er zu dem Doctor zurück, öffnete

das Fenster und zum Theil die Jalousie, legte die Hand auf den Arm des

Doctors und sah mit ihm auf den Hof hinaus.

Sah hinaus auf einen Haufen Männer und Frauen; nicht zahlreich genug,

noch lange nicht, um den Hof zu füllen, nicht mehr als vierzig oder

fünfzig in Allem. Die, welche das Haus in Besitz genommen, hatten sie

zum Thorweg hereingelassen und sie waren hereingeströmt, um an dem

Schleifstein zu arbeiten, der offenbar für ihren Gebrauch hier als an

einem passenden und vom Gewühl entlegenen Ort aufgestellt war.

Aber solche entsetzliche Arbeiter und solche entsetzliche Arbeit!

Der Schleifstein hatte eine doppelte Kurbel, und diese drehten in

wahnwitziger Hast zwei Männer, deren Gesichter, wie ihr langes Haar

zurückflog, so oft das Drehen des Schleifsteins die Gesichter empor

brachte, einen gräßlicheren und wilderen Ausdruck trugen, als die

Gesichter der wildesten Wilden in ihrer gräulichsten Verkleidung.

Falsche Augenbrauen und falsche Schnurrbärte hatten sie sich aufgeklebt

und ihre scheußlichen Gesichter waren ganz von Blut und Schweiß bedeckt

und krampfhaft verzerrt von wüstem Heulen, und die von viehischer

Aufregung und Mangel an Schlaf aus dem Kopfe tretenden Augen leuchteten

in unheimlicher Gluth. Wie diese Wüthriche den Stein drehten und

drehten und ihre verfilzten Locken bald nach vorn über die Augen, bald

rückwärts auf die Schultern fielen, hielten einige Frauen ihnen Wein

an die Lippen, daß sie trinken möchten, und von dem niedertropfenden

Blut und dem niedertropfenden Wein, und dem Funkenregen, der aus dem

drehenden Stein herausstob, schien die ganze Atmosphäre Blut und

Feuer zu sein. Kein menschliches Wesen konnte das Auge in dem Haufen

entdecken, das unbefleckt von Blut war. Einer den Andern drängend,

um an den Schleifstein zu gelangen, standen bis an die Hüften nackte

Männer, denen Arm und Brust mit Blut beschmiert waren; Männer in

allerlei Lumpen, mit Blut auf diesen Lumpen; Männer, in teuflischer

Lust geputzt mit Spitzen und Seidenzeug und Band von Frauenkleidern,

alles befleckt und getränkt mit Blut. Aexte, Messer, Bayonnette, Säbel,

die alle zum Schärfen an den Schleifstein gebracht wurden, waren roth

von Blut. Einige hatten sich die schartigen Säbelklingen mit Streifen

Leinwand oder Fetzen von Kleidungsstücken an die Hand fest gebunden,

und auch diese Bänder, so verschieden sie waren, waren alle in dieselbe

Farbe getaucht. Und wie die von Tollwuth erfüllten Besitzer dieser

Waffen sie aus dem Funkenregen herausrissen und fort auf die Straße

stürzten, glänzte dieselbe rothe Farbe in ihren tollwüthigen Augen; --

Augen, welche mit einer gut gezielten Kugel zu versteinern jeder noch

nicht entmenschte Zuschauer zwanzig Jahre seines Lebens gegeben hätte.

Alles dieses sahen sie in einem Augenblick, wie ein Ertrinkender oder

jedes Menschenkind in jacher Todesgefahr eine Welt sehen könnte, wenn

sie da wäre. Sie traten von dem Fenster zurück und der Doctor blickte

fragend in seines Freundes todtenbleiches Gesicht.

Zwei Städte · 第 24 / 36 段