Nothwendigkeit, immer beschäftigt zu sein; die raschen Veränderungen
und Unruhen der Zeit, die sich so hastig drängten, daß die Ereignisse
dieser Woche die unreifen Pläne der vorigen vernichteten und die
Ereignisse der folgenden Woche Alles neu gestalteten, waren -- wie er
recht gut wußte -- die Verhältnisse, denen er eben nachgegeben hatte
-- nicht ohne Sorge, aber doch ohne beständigen und nachhaltigen
Widerstand. Daß er auf einen Augenblick zum thätigen Eingreifen
gewartet und daß im Wirbel der Ereignisse die Zeit vorübergegangen
war und der Adel Frankreich in Schaaren verließ, sein Eigenthum mit
Beschlag belegt und zerstört und sein Namen abgeschafft wurde, war ihm
so gut bekannt, wie es nur der neuen Gewalt in Frankreich bekannt sein
konnte, die ihn vielleicht deshalb anklagte.
Aber er hatte Niemanden gedrückt, er hatte Niemanden eingekerkert;
so wenig er mit Härte auf die Zahlung dessen, was ihm zugestanden,
gedrungen, daß er alles dies freiwillig aufgegeben und sich durch eigne
Kraft eine neue Stellung in der Welt erobert hatte, die ihm Brod gab.
Mr. Gabelle hatte die heruntergekommene und überschuldete Besitzung
nach schriftlichen Verhaltungsbefehlen verwaltet, die ihn anwiesen, die
armen Leute zu schonen, ihnen das Wenige zu geben, was zu geben war --
im Winter so viel Brennholz und im Sommer so viel Getreide, als die
drängenden Gläubiger übrig ließen -- und jedenfalls hatte er seiner
Sicherheit wegen diesen Umstand documentarisch festgestellt, so daß er
jetzt zu Tage kommen mußte.
Diese Rücksichten begünstigten den verzweifelten Entschluß, den
Charles Darnay zu fassen begonnen hatte, nämlich nach Paris zu reisen.
Ja. Wie den Schiffer in der alten Sage hatten die Winde und Strömungen
ihn in den Bereich des Magnetfelsens getrieben und dieser zog ihn
an und er mußte folgen. Alles, was vor seine Seele trat, trieb ihn
rascher und rascher und mit immer steigender Kraft der erschrecklichen
Anziehungskraft in die Arme. Die in seiner Seele schlummernde Unruhe
war gewesen, daß in seinem unglücklichen Vaterlande schlechte Werkzeuge
für schlechte Ziele arbeiteten und daß Derjenige, welcher nicht
umhin konnte zu wissen: er sei besser als Jene, nicht dort war um zu
versuchen, ob er etwas thun könnte, dem Blutvergießen Einhalt zu thun
und die Forderungen der Barmherzigkeit und Menschlichkeit zur Geltung
zu bringen. Diese halb unterdrückte und halb ihm Vorwürfe machende
Sorge hatte ihn dazu gebracht, einen Vergleich zwischen sich und dem
wackern alten Herrn anzustellen, in dem das Pflichtgefühl so stark war;
und unmittelbar auf diesen ihm so nachtheiligen Vergleich waren die
geringschätzigen Aeußerungen Monseigneurs, die ihn tief verletzten,
und die Stryvers, die aus alten Gründen doppelt verletzend für ihn
waren, gefolgt. Darauf war Gabelle’s Brief gekommen, der Anruf an seine
Gerechtigkeit, seine Ehre und seinen guten Namen von Seiten eines
unschuldigen in Todesgefahr schwebenden Gefangenen.
Sein Entschluß war gefaßt. Er mußte nach Paris.
Ja. Der Magnetfelsen zog ihn an und er mußte vorwärts segeln bis er
auf die Klippe lief. Er wußte von keinem Felsen; er sah kaum eine
Gefahr. Die Beweggründe, aus denen er gehandelt hatte, wie er gethan,
selbst wenn er es nur halb gethan, zeigten ihm sein Thun in einem
Lichte, das ihn über die möglichen Folgen beruhigte. Dann erschien vor
seinen Augen der herrliche Traum, Gutes thun zu können, der so oft die
sanguinische Täuschung guter Menschen ist, und er sah sich sogar im
Besitz von genügendem Einfluß, um diese wild gewordene Revolution, die
so stürmische Pfade wandelte, zu leiten.
Wie er mit bereits gefaßtem Entschluß auf- und abging, überlegte er,
daß weder Lucie noch ihr Vater vor seiner Abreise etwas erfahren
durften. Lucien mußte der Trennungsschmerz erspart bleiben; und ihr
Vater -- immer abgeneigt, sich mit den gefährlichen Erinnerungen aus
alter Zeit zu beschäftigen -- durfte den Schritt erst als einen bereits
geschehenen, über den jeder Zweifel beseitigt ist, erfahren. Wie viel
von der Halbheit seiner Lage ihrem Vater in Folge der Abgeneigtheit
desselben, alte Erinnerungen an Frankreich in seiner Seele zu wecken,
zuzuschreiben war, besprach er jetzt nicht bei sich. Aber auch dieser
Umstand hatte Einfluß auf seinen Entschluß.
Er ging, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, auf und ab bis es Zeit
war, wieder zu Tellsons zu gehen und von Mr. Lorry Abschied zu nehmen.
Gleich nach seiner Ankunft in Paris wollte er seinen alten Freund
aufsuchen; aber jetzt durfte er von seiner Absicht nichts wissen.
Ein Wagen mit Postpferden stand vor der Thür des Geschäfts und Jerry
reisefertig daneben.
„Ich habe den Brief abgegeben,“ sagte Charles Darney zu Mr. Lorry.
„Ich konnte nicht einwilligen, Sie mit einer schriftlichen Antwort zu
belästigen, aber vielleicht nehmen Sie eine mündliche mit.“
„Das will ich -- und gern, wenn es nicht gefährlich ist.“
„Durchaus nicht, obgleich Sie an einen Gefangenen in der Abbaye
gerichtet ist.“
„Wie heißt er?“ fragte Mr. Lorry mit dem geöffneten Taschenbuche in der
Hand.
„Gabelle.“
„Gabelle. Und was habe ich an den armen Gabelle im Gefängniß
auszurichten?“
„Einfach: „„daß er den Brief empfangen hat und kommen wird.““
„Eine Zeit genannt?“
„Er wird morgen Abend seine Reise antreten.“
„Jemandes Namen zu nennen?“
„Nein.“
Er half Mr. Lorry, sich in eine Anzahl Ueberröcke und Mäntel einhüllen
und begleitete ihn aus der warmen Atmosphäre des alten Comptoirs hinaus
in die neblige Luft von Fleetstreet.
„Lucien und der kleinen Lucie meinen zärtlichsten Gruß!“ sagte Mr.
Lorry beim Abschied; „und nehmen Sie sich ja recht in Acht bis ich
wieder komme.“ Charles Darnay schüttelte den Kopf und lächelte
zweifelnd wie der Wagen von dannen fuhr.
Diese Nacht (es war der 14. August) blieb er spät auf und schrieb
zwei Briefe voller Innigkeit; -- den einen an Lucien, in welchem er
ihr auseinandersetzte, welch eine unumgängliche Pflicht ihn nach
Paris treibe und warum er fest vertraue, dort für seine Person keine
Gefahr zu laufen; -- den andern an den Doctor, welcher Lucien und
ihr geliebtes Kind seiner Obhut anempfahl und mit den stärksten
Versicherungen von denselben Gegenständen sprach. Beiden schrieb er,
daß er unmittelbar nach seiner Ankunft zum Beweis seiner Sicherheit
Briefe abschicken werde.
Es war ein schwerer Tag -- dieser Tag, zum erstenmal mit einem
Geheimniß vor seinen Lieben unter ihnen zu verweilen. Es hielt schwer,
den unschuldigen Betrug aufrecht zu erhalten, von dem sie auch nicht
das Mindeste ahneten. Aber ein zärtlicher Blick auf seine glückliche
und geschäftige Gattin befestigte ihn in dem Entschluß, ihr von dem
Bevorstehenden nichts zu sagen (er war halb dazu geneigt gewesen, so
seltsam erschien es ihm, etwas ohne ihre stille Beihülfe zu thun)
und der Tag ging rasch vorüber. Zu zeitiger Abendstunde umarmte er
sie und ihre kaum weniger geliebte Namensschwester, nahm unter dem
Vorwand baldiger Rückkehr flüchtigen Abschied und trat dann mit
schwerem Herzen in den dicken Nebel der Straße hinaus. Die unsichtbare
Kraft zog ihn jetzt rasch an sich heran und alle Strömungen und Winde
gingen entschieden in dieser Richtung. Er übergab seine beiden Briefe
einem zuverlässigen Boten mit dem Befehl, sie eine halbe Stunde vor
Mitternacht -- und nicht eher -- abzugeben, nahm Postpferde nach Dover
und trat seine Reise an.
„Um der Liebe des Himmels willen, um der Gerechtigkeit, der Großmuth,
der Ehre Ihres adeligen Namens willen!“ Mit diesem Ausruf des armen
Gefangenen stärkte er manchmal seinen sinkenden Muth, als er Alles,
was ihm auf Erden theuer war, verließ und widerstandslos auf den
Magnetfelsen zutrieb.
Drittes Buch.
Des Sturmes Wüthen.
Erstes Kapitel.
Zu geheimer Haft.
Der Reisende der im Jahre 1792 von England nach Paris sich begab, kam
langsam vorwärts. Mehr als zur Genüge schlechte Wege, schlechte Wagen
und schlechte Pferde hätten ihn aufgehalten, wenn auch der gestürzte
und unglückliche König von Frankreich noch in allem seinem Prunk auf
dem Throne gesessen hätte; aber der Wechsel der Zeiten hatte noch
andere Verhältnisse als diese geschaffen. In jedem Thor der Städte und
in jedem Einnahmehause der Dörfer stand eine Schaar von Bürgern und
Patrioten mit ihren Nationalgewehren in höchst schußbereitem Zustand,
die alle Kommenden und Gehenden anhielt, sie der Kreuz und der Quer
fragte, ihre Papiere besichtigte, nach ihren Namen in selbst angelegten
Verzeichnissen suchte, sie zurückschickte oder gehen ließ, oder sie
anhielt und in’s Gefängniß steckte, wie es ihr launenhaftes Urtheil
oder ihre Einbildung zum Besten der einen und untheilbaren Republik und
für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod! für gut fand.
Charles Darnay hatte nur wenige Meilen auf seiner Reise in Frankreich
zurückgelegt, als er zu bemerken anfing, daß auch ihm in diesem Lande
keine Hoffnung auf Rückkehr mehr leuchtete, bevor er nicht in Paris
als guter Bürger anerkannt worden. Was jetzt immer geschehen mochte,
er mußte seine Reise zum Ziele führen. Kein ärmliches Dorf schloß sich
hinter ihm, kein gewöhnlicher Schlagbaum senkte sich hinter ihm über
den Weg, von denen er nicht wußte, daß sie neue eiserne Thore in der
Reihe derer waren, welche sich zwischen ihm und England schlossen. Die
allgemeine Wachsamkeit umgab ihn so vollkommen, daß wenn er in einem
Netz gefangen gewesen oder nach dem Orte seiner Bestimmung in einen
Käfig geschafft worden wäre, er sich des Verlustes seiner Freiheit
nicht vollständiger hätte bewußt sein können.
Diese allgemeine Wachsamkeit hielt ihn nicht nur auf der
Landstraße zwanzigmal auf einer Station an, sondern hemmte auch
sein Vorwärtskommen zwanzigmal dadurch, daß man ihm nachritt und
zurückholte, ihm vorausritt und für sein Angehaltenwerden sorgte, oder
mit ihm ritt und über ihn Wache hielt. Er hatte bereits mehrere Tage
unterwegs in Frankreich zugebracht, als er in einer kleinen Stadt an
der Landstraße, immer noch weit von Paris, todtmüde zu Bett ging.
Nichts als die Vorzeigung von Gabelles betrübten Brief aus seinem
Gefängniß in der Abbaye hätte ihn so weit bringen können. An der
Thorwache dieses kleinen Ortes hatten sie so viel Schwierigkeiten
gemacht, daß er fühlte, in seiner Reise mußte jetzt ein kritischer
Wendepunkt eintreten. Und es überraschte ihn daher verhältnißmäßig sehr
wenig, als er in dem kleinen Gasthaus, wohin man ihn bis zum Morgen
gewiesen hatte, in der Mitte der Nacht geweckt wurde; geweckt von einem
schüchternen Mitglied der Ortsbehörde und drei bewaffneten Patrioten in
grobwollenen rothen Mützen und mit Pfeifen im Munde, die sich auf das
Bett setzten.
„Emigrant,“ sagte der Beamte, „ich werde Sie unter Escorte nach Paris
schicken.“
„Bürger, ich verlange nichts mehr als nach Paris zu gelangen, obgleich
ich die Escorte entbehren könnte.“
„Still geschwiegen!“ murrte eine Rothmütze und schlug mit dem
Flintenkolben auf die Bettdecke. „Still geschwiegen, Aristokrat!“
„Es ist so wie der gute Patriot sagt,“ bemerkte der schüchterne Beamte.
„Sie sind ein Aristokrat und müssen eine Escorte haben -- und müssen
dafür bezahlen.“
„Ich habe keine Wahl,“ sagte Charles Darnay.
„Wahl! Hört ihn nur!“ rief dieselbe grollende Stimme der Rothmütze
wieder. „Als ob es keine Begünstigung wäre, Schutz vor der Laterne zu
finden!“
„Es ist immer so, wie der gute Patriot sagt,“ bemerkte der Beamte.
„Stehen Sie auf und ziehen Sie sich an, Emigrant.“
Darnay gehorchte und wurde nach der Thorwache zurückgebracht, wo andere
Patrioten in rothen Mützen bei einem Wachtfeuer rauchten, tranken
und schliefen. Hier bezahlte er schweres Geld für seine Escorte und
mußte dann mit derselben um drei Uhr früh auf der regendurchweichten
Landstraße weiter. Die Escorte bestand aus zwei berittenen Patrioten
in rothen Mützen mit dreifarbigen Cocarden, und bewaffnet mit
Gewehren und Säbeln aus dem Nationaleigenthum. Die Patrioten hatten
Darnay in der Mitte, welcher sein eigenes Pferd lenkte; aber am Zaume
desselben war ein Strick befestigt, den einer der Patrioten um die Hand
geschlungen hatte. In diesem Aufzuge traten sie die Reise an, während
der kalte Regen ihnen in’s Gesicht schlug und ritten mit schleppendem
Trott über das schlechte Straßenpflaster der Stadt und hinaus auf die
Landstraße, die nur einen Morast bildete. Ohne einen anderen Wechsel
als in der Gangart der Pferde legten sie so im knietiefen Schlamm die
Meilen zurück, die sie noch von der Hauptstadt trennten.
Sie reisten in der Nacht, machten ein oder zwei Stunden nach
Tagesanbruch Halt und lagen still bis zur Abenddämmerung. Die beiden
Patrioten waren so dürftig gekleidet, daß sie Stroh um ihre nackten
Beine wickelten und auf die zerlumpten Schultern Stroh legten,
um sie vor der Nässe zu schützen. Abgesehen von der persönlichen
Unannehmlichkeit so begleitet zu werden, und von Besorgnissen für
die Gegenwart, welche der Umstand erweckte, daß einer der Patrioten
chronisch betrunken war und mit seinem Gewehr sehr leichtsinnig umging,
ließ Charles Darnay trotz des ihm aufgelegten Zwanges keine ernstliche
Furcht in seiner Brust emporkommen; denn er redete sich ein, daß dies
nichts zu thun haben könnte mit der Gerechtigkeit einer individuellen
Sache, die noch nicht vorgebracht war und mit Vorstellungen die,
bestätigt von dem Gefangenen in der Abtei, noch zu machen waren.
Aber als sie die Stadt Beauvais erreichten -- es war gegen Abend und
die Straßen waren voller Leute -- konnte er sich nicht verhehlen,
daß die Dinge einen sehr beunruhigenden Anstrich annahmen. Unheil
verkündende Gesichter umdrängten ihn, als er vor dem Posthaus abstieg,
und viele Stimmen riefen laut aus dem Gewühl: „Nieder mit dem
Emigranten!“
Eben im Absteigen begriffen, setzte er sich wieder in den Sattel als
den sichersten Platz und sagte:
„Emigrant, meine Freunde! seht Ihr mich nicht hier in Frankreich aus
eignem freien Willen?“
„Ihr seid ein verfluchter Emigrant,“ schrie ein Hufschmidt und drängte
sich mit dem Hammer in der Hand wüthend in den Vordergrund; „und Ihr
seid ein verfluchter Aristokrat!“
Der Postmeister stellte sich zwischen diesen Mann und den Zaum des
Reiters (den jener offenbar im Auge hatte) und sagte besänftigend:
„Laßt ihn; laßt ihn! er wird in Paris gerichtet.“
„Gerichtet!“ wiederholte der Hufschmidt und schwang den Hammer. „Ja!
und verurtheilt als Verräther.“ Ein diesen Worten beistimmendes Geheul
ertönte aus der Menge.
Dem Postmeister wehrend, welcher das Pferd in den Hof lenken wollte
(der betrunkene Patriot saß ruhig im Sattel und sah zu, den Strick um
die Hand gewickelt) sagte Darnay, sowie er seine Stimme vernehmbar
machen konnte:
„Ihr täuscht euch oder ihr seid getäuscht worden, gute Freunde. Ich bin
kein Verräther.“
„Er lügt!“ rief der Schmidt. „Er ist ein Verräther seit dem Decret.
Sein Leben ist dem Volke verfallen. Sein verfluchtes Leben ist nicht
mehr sein!“ In dem Augenblick, wo Darnay in den Augen der Menge sah,
daß sie im Begriff stand auf ihn loszustürzen, lenkte der Postmeister
sein Pferd in den Hof, die Escorte schloß sich ihm dicht an, und der
Postmeister verschloß und verriegelte die wackeligen Thorflügel. Der
Hufschmidt schlug mit dem Hammer dagegen und der Volkshaufen heulte,
aber weiter geschah nichts.
„Was ist das für ein Decret, von dem der Schmidt sprach?“ fragte Darnay
den Postmeister als er ihm gedankt hatte und im Hofe neben ihm stand.
„Ein Decret welches den Verkauf des Emigranteneigenthums anordnet.“
„Wann erlassen?“
„Am Vierzehnten.“
„Den Tag meiner Abreise von England!“
„Jedermann sagt, es wäre blos eins von mehreren und andere würden
nachfolgen -- wenn sie nicht schon da sind -- welche alle Emigranten
verbannen und die zurückkehrenden zum Tode verurtheilen. Das war es was
er meinte, als er sagte, Ihr Leben gehörte nicht mehr Ihnen.“
„Aber diese Decrete sind noch nicht da?“
„Was weiß ich!“ sagte der Postmeister mit einem Achselzucken; „sie
können da sein oder auch nicht. Es ist alles einerlei. Was wollen Sie
mehr?“
Sie schliefen auf einer Streu unter dem Dach bis Mitternacht und
brachen dann wieder auf als die ganze Stadt im Schlafe lag.
Unter den vielen an gewöhnlichen Dingen zu bemerkenden seltsamen
Veränderungen, welche diesem seltsamen Ritt einen traumartigen
Charakter gaben war nicht die mindeste, daß fast Niemand zu schlafen
schien. Nachdem sie lange und einsam öde Landschaften entlang
geritten waren, erreichten sie eine Gruppe armseliger Hütten, nicht
in Dunkel gehüllt, sondern von Lichtern erglänzend, deren Bewohner
mitten in der stillen Nacht in gespensterhafter Weise um einen
verdorrten Freiheitsbaum tanzten, oder sich aufgestellt hatten und
ein Freiheitslied sangen. Zum Glück jedoch schlief man diese Nacht in
Beauvais so fest, daß sie sicher aus dem Thor gelangen konnten und
sie befanden sich bald von Neuem auf der einsamen Landstraße. Sie
ritten durch die frühzeitig eingetretene Nässe und Kälte dahin, an
ausgesogenen Feldern vorbei, welche dieses Jahr keine Frucht getragen,
und an rauchgeschwärzten Trümmern ausgebrannter Häuser vorüber und
der einsame Ritt erhielt eine gelegentliche Abwechselung durch das
plötzliche Hervorbrechen von Patriotenpatrouillen, welche auf allen
Straßen Wache hielten und mit allen Vorüberreisenden ein Verhör
anstellten. Mit Tagesanbruch standen sie endlich vor den Mauern von
Paris. Das Thor war geschlossen und stark bewacht, als sie an dasselbe
heranritten.
„Wo sind die Papiere des Gefangenen?“ fragte ein entschlossen
aussehender Mann, dem Ansehen nach ein Vorgesetzter, den die Wache
herausgerufen hatte.
Charles Darnay, dem das unangenehme Wort natürlich auffiel, machte dem
Sprechenden bemerklich, daß er ein freier Reisender und französischer
Bürger sei, geleitet von einer Escorte, welche ihm der anarchische
Zustand des Landes aufgezwungen und die er bezahlt habe.
„Wo sind die Papiere des Gefangenen?“ fragte dieselbe Person ohne im
mindesten auf ihn zu achten.
Der betrunkene Patriot hatte sie in der Mütze und gab sie hin. Als
der Andere Gabelle’s Brief überlas, zeigte er einige Verwirrung und
Ueberraschung und sah Darnay mit großer Aufmerksamkeit an.
Er verließ jedoch Escorte und Escortirten ohne ein Wort zu verlieren,
und ging in die Wachtstube; unterdessen hielten sie immer noch im
Sattel draußen vor dem Thore.
Charles Darnay sah sich während dieser Pause um und bemerkte, daß das
Thor von einer gemischten Wache von Soldaten und Patrioten besetzt
war, von denen jedoch die letzteren an Zahl bedeutend überwogen; auch
fiel ihm auf, daß, während Wagen vom Lande mit Lebensmitteln und
für ähnlichen Verkehr leicht genug Einlaß fanden, das Hinauskommen
selbst für die harmlosesten Leute sehr schwer war. Ein bunter Haufen
von Männern und Weibern, zu geschweigen von Thieren und Fuhrwerken
mancherlei Art, wartete auf das Oeffnen des Thores; aber so genau wurde
nach Namen und Herkunft der Personen gefragt, daß sie nur einzeln und
sehr langsam hinaus gelangten. Einige dieser Leute wußten, daß sie noch
so lange würden warten müssen, ehe man sie in’s Verhör nahm, daß sie
sich auf die Erde ausstreckten, um zu schlafen oder zu rauchen, während
andere mit einander sprachen oder herumstanden. Die rothe Mütze und
die dreifarbige Cocarde waren allgemein sowohl bei Männern wie bei
Frauen.
[Illustration: ~Zu geheimer Haft.~]
Als Darnay auf diese Weise wohl eine halbe Stunde gewartet hatte, trat
wieder die vorige Autoritätsperson heraus und befahl der Wache das Thor
zu öffnen. Dann übergab er der Escorte einen Empfangsschein für den
Escortirten und forderte ihn auf abzusteigen. Das that Darnay, und die
beiden Patrioten, sein müdes Pferd am Zügel führend, machten kehrt und
ritten von dannen, ohne einen Fuß in die Stadt zu setzen.
Darnay folgte seinem Führer in eine nach schlechtem Wein und Tabak
riechende Wachtstube, wo verschiedene Soldaten und Patrioten,
schlafend oder wachend, betrunken oder nüchtern, oder in verschiedenen
neutralen Zuständen zwischen Schlafen und Wachen, Trunkenheit und
Nüchternheit, herumstanden und lagen. Die Erleuchtung der Wache, halb
von den verlöschenden Oellampen der Nacht und halb von dem trüben Tage
herrührend, war von entsprechend ungewissem Character. Einige Register
lagen auf einem Pulte und ein Offizier von gemeinem finstern Aussehen
saß vor denselben.
„Bürger Defarge,“ sagte er zu Darnay’s Begleiter, als er einen Zettel
nahm, um darauf zu schreiben, „ist dies der Emigrant Evrémonde?“
„Das ist er.“
„Ihr Alter, Evrémonde?“
„Siebenunddreißig.“
„Verheirathet, Evrémonde?“
„Ja.“
„Wo verheirathet?“
„In England.“
„Richtig. Wo ist Ihre Frau, Evrémonde?“
„In England.“
„Richtig.“
„Sie sind in das Gefängniß La Force consignirt, Evrémonde.“
„Gerechter Himmel!“ rief Darnay. „Nach welchem Gesetz und wegen welchen
Vergehens?“
Der Offizier sah einen Augenblick von seinem Zettel auf.
„Wir haben neue Gesetze, Evrémonde, und neue Vergehen seitdem Sie hier
waren.“ Er sagte das mit einem harten Lächeln und schrieb weiter.
„Ich bitte Sie zu bemerken, daß ich freiwillig hierher gekommen bin,
veranlaßt durch diese schriftliche Bitte eines Landsmannes, die vor
Ihnen liegt. Ich verlange weiter nichts als Gelegenheit ihm ohne
Aufschub zu Hülfe zu kommen. Ist das nicht mein Recht?“
„Emigranten haben keine Rechte, Evrémonde,“ lautete die gleichgültige
Antwort. Der Offizier schrieb bis er fertig war, überlas noch einmal
was er geschrieben, streute Sand darauf, und übergab den Zettel Defarge
mit den Worten „zu geheimer Haft.“
Defarge winkte dem Gefangenen mit dem Papier, ihn zu begleiten. Der
Gefangene gehorchte und eine Wache von zwei Patrioten begleitete ihn.
„Sind Sie es,“ fragte Defarge mit gedämpfter Stimme als sie die Stufen
vor der Wache herab und nach der Stadt hineingingen, „der die Tochter
Doctor Manette’s, ehemaligen Gefangenen in der Bastille, die nicht mehr
ist, geheirathet hat?“
„Ja,“ gab Darnay mit überraschtem Blick zur Antwort.
„Ich heiße Defarge und besitze einen Weinschank im Quartier Saint
Antoine. Vielleicht haben Sie von mir gehört.“
„Meine Frau kam in Ihr Haus, um ihren Vater abzuholen. Ja!“
Das Wort Frau schien in Defarge eine düstere Erinnerung zu wecken,
und er fuhr mit plötzlicher Ungeduld auf: „Im Namen des scharfen
Frauenzimmers das eben geboren und _La Guillotine_ getauft worden
ist, warum kommen Sie nach Frankreich?“
„Sie haben eben erst gehört warum. Glauben Sie nicht daß es wahr ist?“
„Schlimm genug für Sie, wenn es wahr ist,“ sagte Defarge, der während
er sprach die Stirn runzelte und gerade vor sich hinsah.
„Ich sehe wohl, ich bin hier verloren. Alles ist hier so völlig anders
geworden und geschieht so plötzlich und in so unbilliger Weise, daß ich
unbedingt verloren bin. Wollen Sie mir eine kleine Hülfe leisten?“
„Nein.“ Defarge sprach immer noch, während er gerade vor sich hinsah.
„Wollen Sie mir eine einzige Frage beantworten?“
„Vielleicht. Je nachdem sie ist. Fragen Sie nur.“
„Werde ich in dem Gefängniß, in welches man mich so ungerechter Weise
wirft, noch einigen freien Verkehr mit der Außenwelt haben?“
„Das werden Sie sehen.“
„Soll ich darin, im Voraus verurtheilt, und jedes Rechts zu meiner
Vertheidigung beraubt, begraben liegen?“
„Das werden Sie sehen. Aber was liegt daran? Andere Leute haben in
ähnlicher Weise in früheren Zeiten in schlimmeren Gefängnissen gelegen.“
„Aber nicht durch meine Schuld, Bürger Defarge.“
Defarge sah ihn blos finster an, und ging in hartnäckigem Schweigen
neben ihm her. Je tiefer er in dieses Schweigen versank, desto
schwächer wurde die Hoffnung -- so dachte Darnay wenigstens -- daß er
sich erweichen lassen würde. Er beeilte sich daher fortzufahren.
„Es ist für mich von der größten Wichtigkeit (Sie wissen, Bürger,
sogar besser als ich, von welcher Wichtigkeit) daß ich Gelegenheit
bekomme, Mr. Lorry von Tellsons Bank, einem Herrn aus England, der
gegenwärtig in Paris ist, die einfache Thatsache ohne weitere Bemerkung
mitzutheilen, daß ich im Gefängniß La Force sitze. Wollen Sie das für
mich thun?“