Wie der Reiter hinaus durch das Dorf und durch die Straße

sprengte, illuminirte man im Dorfe. Der Straßenarbeiter und die

zweihundertundfunfzig vertrauten Freunde faßten den Gedanken zu

illuminiren wie ~ein~ Mann, liefen in alle Häuser hinein und

stellten Lichter hinter jede trübe Fensterscheibe. Der allgemeine

Mangel an Allem verursachte, daß man in einer etwas gebieterischen

Weise Lichter von Mr. Gabelle borgte; und als dieser Beamte einen

kurzen Augenblick sich widerwillig und säumig zeigte, bemerkte der

Straßenarbeiter, sonst so ehrerbietig gegen jede Autorität, daß

Kutschen gut wären, um Freudenfeuer anzuzünden und Postpferde gebraten

werden könnten.

Das Château blieb sich selbst überlassen und brannte fort. Ein

glühender Wind, geradewegs aus den höllischen Regionen kommend, fuhr

in die wilde Lohe hinein und schien das Gebäude wegzublasen. In dem

Auflodern und Niedergehen der Gluth sahen die steinernen Gesichter

aus, als verzögen sie sich vor Schmerz. Wie große Massen von Stein und

Balken niederstürzten, verdunkelte Qualm das Gesicht mit den beiden

Grübchen; dann trat es wieder aus dem Rauch hervor als wäre es das

Gesicht des hartherzigen Marquis, der auf dem Scheiterhaufen brannte

und mit den Flammen kämpfte.

Das Schloß brannte; die nächsten Bäume, von den Flammen ergriffen,

wurden versengt und schrumpften zusammen; ferner stehende Bäume, von

den vier wilden Gestalten angezündet, umgaben den brennenden Bau mit

einem neuen Wald von Rauch. Geschmolzenes Blei und Eisen kochte in dem

Marmorbecken des Brunnens; das Wasser vertrocknete, die Löschhorndächer

der Thürme verschwanden wie Eis in der Gluth und rannen in vier

gezackten Flammenbächen an der Wand herunter. Große Risse und Spalten

schossen in den festen Mauern ihre Zweige nach allen Richtungen, wie

eben entstandene Krystallisationen; betäubte Vögel flatterten herum

und stürzten in die Gluth; vier wilde Gestalten wanderten weiter nach

Osten, nach Westen, nach Norden und nach Süden die rauchumhüllten

Straßen entlang, geleitet von der Flamme, die sie angezündet, ihrem

nächsten Ziele zu. Das erleuchtete Dorf hatte sich der Sturmglocke

bemächtigt und läutete nach Beseitigung des rechtmäßigen Thürmers vor

Freuden.

Nicht nur das, sondern das Dorf, durch Hunger, durch das Feuer und

Glockengeläute einigermaßen verwirrt geworden, besann sich auf einmal,

daß Mr. Gabelle mit der Einsammlung von Pachtgeldern und Steuern zu

thun hatte -- obgleich Gabelle in der neuesten Zeit selbst sehr kleine

Abzahlungen von Steuern und Pachtgeldern gar nicht bekommen hatte --

und verlangte ungeduldig mit ihm zu sprechen. Als Mr. Gabelle den

wilden brüllenden Haufen sah, der sich vor seinem Hause versammelt

hatte, verriegelte er seine Thüre fest und zog sich zurück, um bei

sich Rath zu halten. Das Ergebniß dieser Conferenz war, daß Gabelle

sich abermals auf das Dach hinter den Schornstein zurückzog, diesmal

entschlossen, wenn man seine Thüre aufbräche (er war ein kleiner Mann

aus dem Süden von rachsüchtigem Temperament) sich kopfüber hinunter zu

stürzen und so ein oder zwei Mann todt zu schlagen.

Wahrscheinlich verbrachte Mr. Gabelle eine lange Nacht daselbst mit

der Aussicht auf das Schloß als Feuer und Licht, und dem Anschlagen an

seine Thür -- verbunden mit dem frohlockenden Geläute, als Musik, nicht

zu gedenken, daß ihm gegenüber vor dem Postgebäude eine Laterne hing,

die zu seinen Gunsten von ihrem Platze zu entfernen, das Dorf ungemein

viel Neigung zeigte. Ein prüfungsvoller Zustand, eine ganze Sommernacht

hindurch an dem Rande eines finstern Meeres zu stehen, bereit, den

Sprung hineinzuthun, auf den sich Mr. Gabelle gefaßt gemacht hatte.

Aber der Morgen, des Menschen Freund, graute endlich und die Lichter im

Dorfe waren ausgegangen und nun zerstreute sich glücklicher Weise das

Volk. Jetzt stieg auch Mr. Gabelle herunter, diesmal noch mit dem Leben

glücklich davon gekommen.

Im Umkreise von hundert Meilen und bei dem Schein anderer Feuer waren

in dieser Nacht und in andern Nächten andere Beamte weniger glücklich,

denn die aufgehende Sonne fand sie in voreinst friedlichen Straßen,

wo sie geboren und erzogen worden, erhenkt; und andere Dorf- und

Stadtbewohner waren weniger glücklich, als der Straßenarbeiter und

seine Genossen, denn die Beamten und Truppen wendeten sich mit Erfolg

gegen sie und henkten nun diese Partei. Aber die wilden Gestalten

gingen nach Osten, nach Westen, nach Norden und nach Süden festen

Schrittes, mochte geschehen was da wolle; und Wer immer aufgehängt ward

-- Feuer loderte. Die Höhe der Galgen, die es in Wasser verwandelt und

gelöscht hätten, konnte kein Beamter mit aller Kunst der Mathematik mit

Erfolg berechnen.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Vom Magnetfelsen angezogen.

In solchem wilden Treiben voll Mord und Brand waren drei stürmische

Jahre vergangen. Drei neue Geburtstage der kleinen Lucie hatte der

goldne Faden in das friedliche Gewebe ihres Lebens zu Hause gewoben.

Manche Nacht und manchen Tag hatten die Bewohner dieses stillen Hauses

den Echo’s in der Ecke mit Herzen gelauscht, welche ihnen sanken, als

sie die stürmischen Schritte vernahmen; denn die Schritte klangen

ihnen wie die Schritte eines Volkes unter einem rothen Banner und mit

dem Rufe: „Das Vaterland ist in Gefahr!“ zu wildem Wahnsinn bewegt

und von schrecklichem, zu lange anhaltendem Zauberbann in reißende

Thiere verwandelt. Monseigneur als Stand hatte sich losgesagt von der

merkwürdigen Erscheinung, nicht gehörig gewürdigt und in Frankreich so

wenig gebraucht zu werden, daß er beträchtliche Gefahr lief, dort fort

und zugleich aus dem Leben geschickt zu werden. Wie der Bauer in den

Mährchen, der mit unendlicher Mühe den Teufel citirt hat und bei seinem

Anblick so erschrickt, daß er dem ewigen Feinde keine Frage vorlegen

kann, sondern sofort ausreißt, so hatte auch Monseigneur, nachdem er

viele, viele Jahre lang kühnlich das Vaterunser rückwärts gelesen und

manchen andern mächtigen Zaubersegen gesprochen, um den Gottseibeiuns

heraufzubeschwören, ihn kaum in seinen Schrecken gesehen, als er in

seinem hochadeligen Selbst sich aus dem Staube machte.

Das glänzende _Oeil de boeuf_ war verschwunden oder es wäre der

Zielpunkt eines Orkans von nationalen Kugeln geworden. Es war nie ein

gutes Auge zum Sehen gewesen -- hatte lange in sich den Splitter von

Lucifers Stolz, Sardanapals Ueppigkeit und eines Maulwurfs Blindheit

gelitten -- aber es war ausgefallen und verschwunden. Der Hof von dem

exclusivsten innersten Kreis bis zu dem äußersten verrotteten Kreise,

von Intrigue, Feilheit und Heuchelei -- war ebenfalls verschwunden.

Das Königthum war weg, war in seinem Palast belagert und „suspendirt“

worden, als die letzten Nachrichten herüberkamen.

Der August des Jahres Eintausend siebenhundert und zweiundneunzig war

gekommen und Monseigneur war um diese Zeit nach allen vier Weltgegenden

zerstreut.

In London war natürlich das Hauptquartier und der große Sammelplatz für

Monseigneur Tellsons Bank. Geister sollen die Orte heimsuchen, wo ihre

Körper am meisten verkehrten, und Monseigneur, ohne eine Guinee, suchte

das Haus heim, wo ehedem seine Guineen zu sein pflegten. Außerdem war

es der Ort, wohin die zuverlässigsten Nachrichten aus Frankreich am

schnellsten kamen. Außerdem waren Tellsons ein nobles Haus und zeigten

sich sehr großmüthig gegen alte Kunden, die von ihrer hohen Stellung

herabgekommen waren. Ferner waren die Edelleute, welche noch bei Zeiten

das kommende Unwetter gewahr geworden und in Voraussicht von Plünderung

oder Confiscation vorsorglich Tellsons Rimessen gemacht hatten, dort

für ihre dürftigen Standesgenossen immer zu erfragen. Dazu kommt noch,

daß jeder neue Ankömmling aus Frankreich sich und seine Nachrichten

-- fast als verstände es sich von selbst -- bei Tellsons meldete.

Aus diesen vielen Gründen waren Tellsons damals -- was französische

Nachrichten betrifft -- eine Art von Hauptbörse; und dies war im

Publikum sowohl bekannt und es kamen dem zu Folge so häufig Nachfragen,

daß Tellsons manchmal die neuesten Nachrichten auf einen Zettel

schrieben und ihn in das Comptoirfenster steckten, damit Alle, welche

durch das Tempelthor kamen, sie lesen konnten.

An einem nebelfeuchten Nachmittag saß Mr. Lorry an seinem Pulte und

Charles Darnay stand neben ihm und unterhielt sich mit ihm halblaut.

Die Strafzelle, in welcher früher die Conferenzen mit dem „Hause“

stattfanden, war jetzt die Nachrichtenbörse und zum Ueberfließen voll.

Es war eine halbe Stunde ungefähr vor Schlußzeit.

„Aber wenn Sie auch der jüngste Mann unter den Lebenden wären,“ sagte

Charles Darnay mit einigen Zögern, „so müßte ich doch einwenden --“

„Ich verstehe. Daß ich zu alt bin?“ sagte Mr. Lorry.

„Schlechtes Wetter, eine lange Reise, Unsicherheit der Transportmittel,

Anarchie im Lande, eine Hauptstadt, die vielleicht selbst für Sie nicht

sicher ist --“

„Lieber Charles,“ sagte Mr. Lorry mit heiterer Zuversicht, „Sie

erwähnen einige Gründe gegen mein Hinreisen, nicht gegen mein

Hierbleiben. Es ist sicher genug für mich; Niemand wird sich um einen

alten Kerl von nahe an die Achtzig kümmern, wo es so viele Leute giebt,

um die sich zu kümmern es mehr der Mühe verlohnt. Was die Anarchie

in der Hauptstadt betrifft, so wäre ohne diese Anarchie eben keine

Veranlassung, Jemanden von unserm Hause hier an unser Haus dort zu

schicken, der die Stadt und das Geschäft von Alters her kennt und

Tellsons Vertrauen besitzt. Was die Unsicherheit und die Länge der

Reise und das Winterwetter betrifft, so möchte ich wissen, wer sich ein

paar Unbequemlichkeiten für Tellsons aussetzen soll, wenn ich es nach

so vieljährigem Dienste nicht thue?“

„Ich wollte, ich könnte selbst gehen,“ sagte Charles Darnay voller

Unruhe wie Einer, welcher laut denkt.

„Wahrhaftig! Sie sind mir ein seltsamer Rathgeber!“ rief Mr. Lorry aus.

„Sie möchten selbst hinübergehen? und Sie -- ein geborner Franzose? Das

nenne ich einen gescheidten Einfall!“

„Mein lieber Mr. Lorry! -- eben weil ich ein geborner Franzose bin,

ist mir der Gedanke (den ich jedoch hier nicht aussprechen wollte)

oft durch den Kopf gegangen. Man kann nicht umhin zu glauben, wenn

man einiges Mitgefühl mit diesem armen Volke gehabt und ihm einige

Opfer gebracht hat“ -- er sprach jetzt in seiner vorigen in Gedanken

versunkener Weise -- „daß man Gehör finden und so viel Einfluß gewinnen

könnte, um manches Schlimme zu verhindern. Erst gestern Abend, nachdem

Sie uns verlassen hatten und ich mit Lucien sprach.“ --

„Als Sie mit Lucien sprachen,“ wiederholte Mr. Lorry. „Ja. Ich wundere

mich, daß Sie sich nicht schämen, Lucien beim Namen zu nennen! Sie

möchten in einer solchen Zeit in Frankreich sein?!“

„Nun ich reise ja doch nicht hin,“ sagte Charles Darnay mit einem

Lächeln. „Es ist mehr am Platze, wenn Sie sagen: Sie wollen reisen.“

„Ich werde auch reisen; im vollen Ernste. Die Wahrheit ist, mein lieber

Charles,“ (Mr. Lorry warf einen Blick auf das „Haus“ im Hintergrunde

und sprach mit gedämpfter Stimme) -- „Sie können sich keinen Begriff

machen von der Schwierigkeit, mit welcher unser Geschäft arbeitet, und

von der Gefahr, in welcher unsere Papiere und Bücher drüben sind. Der

Himmel weiß, wie viele Leute schwer compromittirt werden könnten, wenn

einige unserer Documente in fremde Hände kämen oder vernichtet würden;

und das kann in jedem Augenblick geschehen, wie Sie wissen; denn wer

kann sagen, daß Paris heute nicht in Brand gesteckt oder morgen nicht

geplündert wird? Nun kann kaum Jemand anders als ich (ohne Verlust

kostbarer Zeit) eine einsichtige Auswahl unter ihnen vornehmen und sie

vergraben oder sie auf andere Weise in Sicherheit bringen. Und ich soll

still sitzen, wo Tellsons dies wissen und sagen -- Tellsons, deren

Brod ich diese sechszig Jahre gegessen habe -- weil meine Gelenke ein

bischen steif geworden sind? Was, Herr? Ich bin noch ein junger Bursch

im Vergleich mit einem halben Dutzend alter Knackse hier!“

„Wie ich Ihren Muth und Ihre jugendliche Frische bewundere, Mr. Lorry!“

„Ach -- Unsinn! Und lieber Charles,“ sagte Mr. Lorry wieder mit einem

Blick auf das Haus, „Sie müssen bedenken, daß es fast unmöglich ist,

gegenwärtig Etwas aus Paris herauszuschaffen -- gleichgültig was es

ist. Papiere und Kostbarkeiten wurden uns heute noch (ich spreche im

strengsten Vertrauen, ich darf es kaum Ihnen sagen) von den seltsamsten

Boten überbracht, die Sie sich denken können, und das Haupt eines jeden

derselben hing an einem einzigen Haar, wie er durch die Barrière ging.

Zu andern Zeiten gehen und kommen unsere Sachen so unbehindert, wie im

geschäftsmäßigen Alt-England. Aber jetzt wird Alles angehalten.“

„Und reisen Sie wirklich heute Nacht?“

„Ich reise wirklich heute Nacht; denn die Sache ist zu dringlich

geworden, um längern Verzug zu gestatten.“

„Und nehmen Sie keinen Begleiter mit?“

„Allerlei Leute sind mir vorgeschlagen worden; aber ich mag mit keinem

von ihnen etwas zu thun haben. Ich denke Jerry mitzunehmen. Jerry ist

seit langer Zeit regelmäßig Sonntag Abends meine Leibwache gewesen und

ich bin an ihn gewöhnt. Niemand wird Jerry in Verdacht haben, etwas

Anderes zu sein, als ein englischer Bulldogg oder eine andere Absicht

zu hegen, als auf Jeden loszufahren, der Hand an seinen Herrn legt.“

„Ich muß nochmals sagen, daß ich Ihren Muth und Ihre jugendliche

Frische von Herzen bewundere.“

„Ich muß nochmals sagen: Unsinn! Unsinn! Wenn ich diesen kleinen

Auftrag ausgeführt habe, so werde ich vielleicht Tellsons Vorschlag

annehmen, abzugehen und nach meiner Bequemlichkeit zu leben. Dann ist

Zeit genug, an’s Altwerden zu denken.“

Das Zwiegespräch hatten Beide an Mr. Lorry’s gewöhnlichem Pulte

geführt, wenige Schritte vor welchem Monseigneur voller Prahlerei über

die Art, wie er sich binnen Kurzem an dem Lumpenvolk rächen werde, in

dichtem Haufen stand. Es war zu sehr die Art Monseigneurs, in der Noth

als politischer Flüchtling -- und es war zu sehr die Art eingeborner

britischer Rechtgläubigkeit, von dieser schrecklichen Revolution zu

sprechen, als wäre sie die einzige Ernte unter dem Himmel, die nicht

gesäet worden wäre -- als ob nie etwas geschehen oder unterlassen

worden wäre, was dazu geführt hätte -- als ob Beobachter des Elends

von Millionen in Frankreich und der mißbrauchten und in unrechte Canäle

geleitete Hülfsquellen, die das Land hätte glücklich machen sollen, es

vor Jahren nicht schon unausweichlich hätte kommen gesehen und nicht

mit deutlichen Worten gesagt hätten, was sie sahen. Dieses Prahlen,

verbunden mit den ausschweifenden Plänen Monseigneurs, einen Zustand

der Dinge wieder herzustellen, der sich selbst zu Grunde gerichtet und

die Geduld von Himmel und Erde erschöpft hatte, war von einem jeden

Mann von gesundem Sinne, der die Wahrheit kannte, schwer zu ertragen,

ohne sich dagegen zu verwahren. Und solches Prahlen, das in seine Ohren

drang, wie eine störende Congestion des Bluts nach dem Kopfe, und eine

auf seine Seele drückende Sorge hatte Charles Darnay bereits unruhig

gemacht und erhielten ihn in diesem Zustande.

Unter den Sprechenden war Stryver von Kings-Bench-Bar nahe daran, vom

Staate mit hohem Amte betraut zu werden, und daher besonders laut. Er

erläuterte Monseigneur seine Pläne, das Volk in die Luft zu sprengen

und es vom Angesicht der Erde zu vertilgen und überhaupt ohne es

auszukommen, und noch viele andere Pläne zu ähnlichem Zweck, die in

ihrer Natur alle verwandt mit dem Plane waren, das Geschlecht der Adler

dadurch auszurotten, daß man ihnen Salz auf den Schwanz streute. Ihm

hörte Darnay mit besonderem Widerwillen zu; und Darnay war noch in

Zweifel, ob er gehen sollte, um nichts mehr zu hören, oder dableiben,

um seinen Protest einzulegen, als das, was geschehen sollte, allmälig

seine Gestalt annahm. Das „Haus“ trat zu Mr. Lorry und legte einen

beschmutzten und unerbrochenen Brief vor ihn auf das Pult mit der

Frage, ob er noch keine Spuren von der Person, an die er gerichtet,

entdeckt habe? Das „Haus“ legte den Brief so dicht vor Darnay hin,

daß er die Adresse sehen, um so rascher, als es sein eigner wahrer

Name war. Die Adresse lautete übersetzt: „Sehr dringlich. An Mr. den

ehemaligen Marquis St. Evrémonde aus Frankreich, zur Besorgung an die

Herren Tellson u. Comp., Bankiers in London. England.“

Am Hochzeitsmorgen hatte _Dr._ Manette an Charles Darnay die

einzige dringendste und ausdrücklichste Bitte gestellt, das Geheimniß

dieses Namens -- außer wenn er, der Doctor, ihn dieser Verpflichtung

entbinde, ein unverbrüchliches zwischen ihnen sein zu lassen. Niemand

sonst wußte, daß dies sein Name war, selbst seine Frau ahnte nichts;

Mr. Lorry konnte keine Ahnung haben.

„Nein,“ gab Mr. Lorry dem „Hause“ zur Antwort, „ich habe, glaube ich,

ihn Jedem der hier anwesenden Herren gezeigt, und Niemand kann mir

sagen, wo der Herr zu finden ist.“

Da die Zeiger der Uhr sich der Schlußstunde des Comptoirs näherten,

nahm der Strom der Gehenden die Richtung an Mr. Lorry’s Pult vorbei. Er

hielt den Brief fragend empor, und Monseigneur sah ihn an in der Person

dieses und jenes complottirenden und entrüsteten Refugiès; und Dieser

und Jener, und die Anderen alle hatten von dem nicht aufzufindenden

Marquis, englisch wie französisch etwas Geringschätziges zu sagen.

„Neffe, glaube ich, -- aber jedenfalls entarteter Nachfolger -- des

hochgeehrten Marquis, der ermordet wurde,“ sagte Einer. „Ich schätze

mich glücklich sagen zu können, daß ich ihn nie gekannt habe.“

„Eine Memme, die schon vor mehreren Jahren ihren Posten verlassen hat,“

sagte ein Anderer -- ein Monseigneur, der sich die Beine zu oberst und

halb erstickt in einem Heuwagen aus Paris hatte herausschaffen lassen.

„Von den neuen Lehren inficirt,“ sagte ein Dritter; -- „stand dann in

Opposition mit dem erlauchten Marquis, gab die Besitzungen auf als er

sie erbte, und überließ sie dem Lumpengesindel. Und das wird ihn jetzt

belohnen, wie er’s verdient, hoffe ich.“

„Was?“ tönte Stryvers kreischende Stimme. „Wirklich? Wäre es so ein

Kerl? Seht seinen niederträchtigen Namen an. Verdammt soll er sein!“

Darnay, außer Stand sich länger zu halten, legte Mr. Stryver die Hand

auf die Schulter und sagte:

„Ich kenne den Kerl.“

„Wirkich, beim Zeus?“ sagte Stryver. „Dann thun Sie mir leid.“

„Warum?“

„Warum, Mr. Darnay? Hören Sie nicht was er gethan hat? Fragen Sie nicht

warum in solchen Zeiten.“

„Aber ich frage, warum?“

„Dann sage ich Ihnen noch einmal, Mr. Darnay, Sie thun mir leid.

Es thut mir leid, Sie so außerordentliche Fragen stellen zu

hören. Hier ist ein Kerl der, von der pestilenzialistischen und

gotteslästerlichsten Teufelslehre inficirt, seine Besitzungen dem

elendesten Abschaum der jemals _en gros_ gemordet hat, überläßt,

und Sie fragen, warum es mir leid thut, daß ein Mann, der die Jugend

unterrichtet, ihn kennt? Nun, so will ich es Ihnen sagen. Ich beklage

es, weil ich glaube, ein solcher Lump kann ansteckend sein. Das ist

das, was ich meine.“

Seines Versprechens eingedenk, konnte Darnay sich nur mit größter Mühe

halten, und sagte. „Sie verstehen den Gentleman vielleicht nicht.“

„Ich verstehe ~Sie~ in die Ecke zu treiben, Mr. Darnay,“ sagte

Mr. Stryver, „und es soll geschehen. Wenn dieser Kerl ein Gentleman

ist, so verstehe ich ihn ~nicht~. Das können Sie ihm von mir

sagen mit meinem Compliment. Sie können ihm auch von mir sagen, daß

es mich wundert, warum er, nachdem er sein irdisches Hab und Gut und

seine Stellung diesem Mordgesindel überlassen bat, nicht an dessen

Spitze steht. Aber nein, Ihr Herren,“ sagte Mr. Stryver, indem er

sich im Kreise umsah und mit den Fingern schnalzte, „ich kenne die

Menschen einigermaßen, und sage Ihnen, daß Sie nie finden werden, daß

ein Kerl wie dieser Kerl sich der Barmherzigkeit so kostbarer Protegés

anvertrauen wird. Nein, meine Herren, nein, er wird sich so früh als

möglich aus dem Staube machen.“

Mit diesen Worten, und mehrmals mit den Fingern schnalzend,

bramarbasirte Mr. Stryver mit dem allgemeinen Beifall seiner Zuhörer

auf die Straße hinaus. Mr. Lorry und Charles Darnay blieben bei dem

allgemeinen Aufbruch in dem Comptoir allein an dem Pulte.

„Wollen Sie den Brief übernehmen?“ fragte Mr. Lorry. „Sie wissen wo er

abzugeben ist?“

„Ja wohl.“

„Wollen Sie dem Herrn auseinandersetzen, daß wir vermuthen, er sei auf

den bloßen Zufall, daß wir ihn befördern könnten, an uns geschickt

worden, und daß er einige Zeit hier gelegen hat?“

„Das will ich thun. Reisen Sie von hier aus nach Paris ab?“

„Von hier aus, um acht Uhr.“

„Ich komme noch einmal her, um von Ihnen Abschied zu nehmen.“

Sehr unzufrieden mit sich, und mit Stryver und den meisten andern

Menschen suchte Darnay so schnell als möglich die stillen Gegenden des

Tempels auf, wo er den Brief aufbrach und las. Er lautete wie folgt:

„Gefängniß der Abbaye, Paris, 21. Juni 1792.

Monsieur, ehemaliger Herr Marquis!

Nachdem ich lange unter den Bewohnern des Dorfes in Lebensgefahr

geschwebt habe, hat man mich mit groben Mißhandlungen und

Schmähungen festgenommen, und den ganzen langen Weg zu Fuß nach

Paris gebracht. Unterwegs habe ich viel gelitten. Das ist noch

nicht Alles; mein Haus ist zerstört -- dem Erdboden gleich gemacht

worden.

Das Verbrechen, wegen dessen ich eingekerkert bin, Monsieur, früher

Herr Marquis und wegen dessen ich vor Gericht erscheine und (ohne

Ihre großmüthige Hülfe) das Leben verlieren soll, ist, wie sie mir

sagen, Verrath an der Majestät des Volkes, insofern ich für einen

Emigranten thätig gewesen bin. Vergebens stellte ich ihnen vor,

daß ich, Ihren Befehlen gemäß, für das Volk und nicht gegen das

Volk thätig gewesen sei. Vergebens stellte ich ihnen vor, daß ich

vor der Beschlagnahme der Besitzungen der Emigranten die Steuern,

welche die Leute aufgehört hatten zu zahlen, erlassen habe, daß ich

keine Pachtgelder eingezogen, daß ich keine Klage angestrengt. Die

einzige Antwort ist, daß ich für einen Emigranten thätig gewesen

bin, und wer ist dieser Emigrant?

Ach, mein gnädigster Herr, früher Marquis, wo ist dieser Emigrant!

Ich rufe im Schlafe, wo ist er? Ich frage den Himmel, ob er nicht

kommen wird, um mich zu befreien! Keine Antwort. Ach mein Herr,

früher Marquis, ich lasse meinen Ruf über das Meer erschallen in

der Hoffnung, daß er vielleicht durch das große Bankierhaus Tellson

Ihr Ohr erreiche!

Um der Liebe des Himmels willen, um der Gerechtigkeit, der

Großmuth, der Ehre Ihres edlen Namens willen beschwöre ich Sie,

Monsieur, früher Herr Marquis, mir zu Hülfe zu kommen und mich zu

befreien. Mein Verbrechen ist, daß ich Ihnen treu gewesen bin. Ach,

gnädigster Herr, verlassen Sie mich nicht!

Aus diesem gräulichen Kerker, wo jede Stunde mich dem Tode

näher und näher bringt, übersende ich Ihnen, Monsieur, früher

Herr Marquis, die Versicherung meiner schmerzerfülltesten und

unglücklichen Dienstwilligkeit.

Ihr tiefbetrübter

~Gabelle~.“

Die in Darnay’s Gemüth schlummernde Unruhe wurde von diesem Brief

zum kräftigsten Leben geweckt. Die Gefahr eines alten und bewährten

Dieners, dessen einziges Verbrechen seine Treue gegen ihn und seine

Familie war, starrte ihn so vorwurfsvoll in’s Gesicht, daß er, wie er

überlegend im Tempelgarten auf und ab ging, fast sein Antlitz vor den

Vorübergehenden hätte verbergen mögen.

Er wußte recht gut, daß er in seinem Entsetzen über die That, mit

welcher die schlimmere That und der schlimme Ruf seines alten

Geschlechts geprunkt hatte, in seinem Argwohn gegen seinen Onkel und

in dem Abscheu mit welchem sein Gewissen den zusammenfallenden Bau

betrachtet hatte, den man ihm zumuthete zu stützen, halb gehandelt

hatte. Er wußte recht gut, daß in seiner Liebe zu Lucien sein

Zurücktreten von seiner gesellschaftlichen Stellung -- obgleich seinem

Geiste keineswegs etwas Neues -- übereilt und unverständig gewesen war.

Er wußte, daß er systematischer und umsichtiger hätte verfahren sollen

und daß er dies beabsichtigt hatte, daß es aber nie dazu gekommen war.

Zwei Städte · 第 22 / 36 段