Madame Defarge saß mit über einander geschlagenen Armen im

Morgensonnenschein und schaute in den Weinladen und in die Straße

hinein. In beiden standen verschiedene Gruppen von ärmlichem und

schmutzigem Aussehen herum, aus deren Gesichtern aber zugleich

das Bewußtsein, etwas zu gelten, herausblickte. Die zerlumpteste

Nachtmütze, die schief über dem von Kummer und Noth todtbleichen

Gesichte hing, sprach deutlich genug: Ich weiß, wie schwer es mir, dem

Träger dieser Mütze, geworden ist, das Leben zu erhalten; aber weißt

du auch, wie leicht es mir, dem Träger dieser Mütze, geworden ist, dir

das Leben zu nehmen? Jeder nackte magere Arm, der bisher ohne Arbeit

gewesen ist, kann jetzt jeden Augenblick zu dieser Arbeit greifen,

wenn er nur will. Die Finger der strickenden Weiber zucken krampfhaft

mit dem Bewußtsein, daß sie zerreißen können. St. Antoine hat ein

anderes Aussehen gewonnen; hunderte von Jahren war es ihm eingehämmert

worden und die letzten vollendeten Schläge hatten den richtigen

Ausdruck mit gewaltiger Deutlichkeit herausgebracht.

Madame Defarge war sich dessen bewußt mit der unterdrückten Billigung,

wie sie bei der Führung der Frauen von St. Antoine zu wünschen war.

Eine von der Schwesterschaft strickte neben ihr. Die kleine, eher

runde Frau eines heruntergekommenen Gewürzhändlers und Mutter von zwei

Kindern hatte sich als zweite Führerin bereits den Ehrennamen des

Racheengels erworben.

„Horch!“ -- sagte der Racheengel. „Horch! Wer kommt?“

Als ob ein Pulverfaden von der äußersten Grenze des St.

Antoine-Viertels bis an den Weinschank gelegt und jetzt plötzlich

angezündet worden wäre, fliegt ein sich rasch verbreitendes Gemurmel

heran.

„Es ist Defarge,“ sagt Madame. „Still Patrioten!“

Defarge tritt athemlos herein, nimmt die rothe Mütze vom Kopfe und

sieht sich um.

„Hört -- Ihr Alle!“ -- sagt Madame. „Hört auf ihn!“

Defarge stand keuchend vor einem Hintergrund neugieriger Augen und

offener Mäuler, der sich draußen vor der Thür gebildet hatte; alle

Gäste im Weinschank waren aufgesprungen.

„Sprich, Mann! Was giebt es?“

„Neues aus der andern Welt!“

„Wie so?“ -- rief Madame verachtungsvoll. „Aus der andern Welt?“

„Erinnert Ihr Euch Alle an den alten Foulon, der den Hungernden sagte,

sie könnten Gras essen -- und der gestorben und zur Hölle gefahren ist?“

„Wir Alle,“ tönte es aus allen Kehlen.

„Die Nachrichten sind von ihm. Er ist unter uns!“

„Unter uns?“ -- tönte es wieder aus der allgemeinen Kehle. „Und todt?“

„Nicht todt! Er fürchtete sich so sehr vor uns -- und mit Grund -- daß

er sich für todt ausgeben und für sich ein großes Leichenbegängniß

ausrichten ließ. Aber sie haben ihn lebendig in einem Versteck in der

Provinz aufgefunden und ihn hergebracht. Ich habe ihn eben jetzt als

Gefangenen auf dem Wege nach dem Stadthause gesehen. Ich habe gesagt,

daß er Grund hatte uns zu fürchten. Sprecht Alle: hat er Grund?“

Armer alter Sünder von mehr als siebzig Jahren, wenn du es nie gewußt

hättest, so hättest du es jetzt gefühlt in deinem innersten Herzen,

wenn du das antwortende Geheul vernommen hättest!

Eine Pause tiefen Schweigens folgte. Defarge und seine Frau sahen

einander fest an. Der Racheengel bückte sich und man hörte eine Trommel

klappern, wie sie dieselbe unter dem Ladentische hervorholte.

„Patrioten!“ rief Defarge mit entschlossener Stimme, „sind wir fertig?“

Augenblicklich stak das Messer der Madame Defarge in ihrem Gürtel; die

Trommel rasselte auf der Straße, als ob sie und ein Trommler durch

Zauberei zu einander geflogen wären; und der Racheengel eilte mit

entsetzlichem Geschrei und ihre Arme um den Kopf bewegend wie vierzig

Furien auf einmal von Haus zu Haus, um die Kameradinnen zu rufen.

Die Männer waren schrecklich anzusehn in dem blutdürstigen Zorn, mit

welchem sie aus den Fenstern heraussahen, zu den Waffen griffen, die

Jeder bei der Hand hatte, und auf die Straße stürzten; aber der Anblick

der Frauen machte das Blut der Kühnsten gerinnen. Sie verließen die

häuslichen Beschäftigungen, zu denen sie in ihrer Entblößung und

bittern Armuth noch Veranlassung hatten, ließen ihre Kinder, ihre Alten

und ihre Kranken auf dem bloßen Fußboden halb verhungert und nackt

kauern und eilten hinaus mit fliegendem Haar und reizten mit wildestem

Geschrei und wildesten Geberden sich und Andere zum Wahnsinn. „Der

Schurke Foulon gefangen, Schwester! Der alte Foulon gefangen, Mutter!

Der Schuft Foulon gefangen, Tochter!“ Dann brach ein anderer Haufe in

die Mitte von diesen, schlug sich die Brüste, raufte sich das Haar aus

und kreischte: „Foulon am Leben, Foulon, der den Hungernden rieth, Gras

zu essen? Foulon, der meinem alten Vater sagte: Er könnte Gras essen,

als ich ihm kein Brod geben konnte! Foulon, der meinem Säugling sagte:

Er könnte Gras trinken, als diese Brüste vom Darben vertrocknet waren!

O Mutter Gottes -- dieser Foulon! O Himmel, unsre Noth! Höre mich,

mein verhungertes Kind! Höre mich, mein todter Vater: Ich schwöre auf

meinen Knieen hier auf diesem Steine, Euch an Foulon zu rächen! Gatten,

Brüder und Söhne, gebt uns das Blut Foulons! Gebt uns den Kopf Foulons!

Gebt uns das Herz Foulons! Gebt uns Leib und Seele Foulons! Zerreißt

Foulon in Stücke und scharrt ihn ein, damit Gras aus ihm wachsen möge!“

Mit diesem Geschrei wirbelten Schaaren von Frauen zu blinder Wuth

gereizt herum, schlugen -- ohne Unterschied zwischen Freund und Feind

zu machen -- um sich, bis sie vor Leidenschaft in Ohnmacht sanken und

vor dem Zertretenwerden nur von den Männern gerettet wurden, die zu

ihnen gehörten.

Dessenungeachtet ward kein Augenblick verloren; -- kein Augenblick!

Dieser Foulon befand sich auf dem Stadthaus und konnte freigelassen

werden. Niemals, wenn St. Antoine wußte, was für Noth, Unrecht und

Schmach er selbst hatte erdulden müssen! Bewaffnete Männer und Frauen

strömten so rasch aus dem Quartier und nahmen selbst die letzte Hefe

mit solcher Anziehungskraft mit sich fort, daß nach einer Viertelstunde

kein menschliches Geschöpf mehr in St. Antoine’s Schooß zu sehen war,

als ein paar alte Mütterchen und die schreienden Kinder.

Nein. Sie machten jetzt Alle den Gerichtssaal gepreßt voll, wo dieser

böse und häßliche alte Mann jetzt war, und flossen über in den freien

Platz und in die Straße in der Nachbarschaft. Die beiden Defarge’s,

Mann und Frau, der der Racheengel und Jacques Drei waren unter den

Vordersten und nicht weit von ihm im Gerichtssaal.

„Seht!“ rief Madame und wies mit dem Messer auf ihn. „Seht den alten

Schurken mit Stricken gebunden. Das war ein schöner Einfall, ihm einen

Büschel Gras auf den Rücken zu binden. Haha! Das war ein schöner

Einfall. Er mag es jetzt fressen!“ Madame nahm ihr Messer unter den Arm

und klatschte in die Hände, wie im Theater.

Da die Leute unmittelbar hinter Madame Defarge die Ursache ihrer

Befriedigung den hinter ihnen Stehenden mittheilten und diese

sie wieder Andern verkündeten und diese Anderen noch Anderen,

so durchhallte alsbald alle benachbarte Straßen ein rauschendes

Händeklatschen. In ähnlicher Weise wurden während zwei bis drei Stunden

langweiliger Gerichtsverhandlungen, in welchen mancher Scheffel voll

Wörterspreu geworfelt wurde, Madame Defarge’s häufige Aeußerungen der

Ungeduld mit wunderbarer Schnelligkeit in die Ferne getragen. Dies

war um so leichter, als verschiedene Leute, die mit erstaunlicher

Gewandtheit an der Außenseite des Gebäudes heraufgeklimmt waren und

zu den Fenstern hereinsahen, Madame Defarge recht gut kannten und als

Telegraph zwischen ihr und den Menschenmassen draußen dienten.

Endlich stieg die Sonne so hoch, daß sie einen freundlichen Strahl, wie

ein Zeichen der Hoffnung oder des Schutzes, unmittelbar auf das Haupt

des greisen Gefangenen warf. Das war zu viel; in einem Augenblick war

die Schranke von Staub und Spreu, die so lange gehalten hatte, in alle

vier Winde zerstreut und Saint Antoine hatte ihn!

Man wußte es sogleich bis an die äußersten Grenzen des Gewühles.

Defarge war blos über eine Schranke und einen Tisch gesprungen und

hatte den Unglücklichen in eine tödtliche Umarmung geschlossen --

Madame Defarge war gefolgt und hatte einen der Stricke, mit denen

er gebunden war, um ihre Hand geschlungen -- der Racheengel und

Jacques Drei waren noch nicht heran und die Männer an den Fenstern

noch nicht in den Gerichtssaal heruntergeschossen wie Raubvögel von

ihrem hohen Horste -- als schon durch die ganze Stadt das Geschrei zu

erschallen schien: „Bringt ihn heraus! An die Laterne!“ Niedergeworfen

und emporgerissen, den Kopf zuvorderst auf die Stufen des Gebäudes,

jetzt auf den Knieen, jetzt auf den Beinen, jetzt auf dem Rücken,

geschleift und geschlagen und halb erstickt von den Bündeln Gras und

Stroh, die hunderte von Händen ihm in’s Gesicht stießen, -- zerrissen,

zerschlagen, keuchend, blutbedeckt, aber immer um Gnade bittend und

flehend; -- jetzt sich leidenschaftlich gegen sein Schicksal wehrend

mit einem kleinen freien Raume ringsum, wie die Leute sich einander

rückwärts zogen, um ihn besser sehen zu können; -- dann als ein

todter Klotz durch einen Wald von Beinen gezogen, schleppte man ihn

nach der nächsten Straßenecke, wo eine der verhängnißvollen Laternen

hing und hier ließ ihn Madame Defarge los -- wie eine Katze eine

Maus losläßt -- und sah ihn still und gefaßt an, während die Andern

Alles fertig machten und er sie um Erbarmen anflehte. Die ganze Zeit

über kreischten ihn die Weiber voller Leidenschaft an und die Männer

forderten voller Grimm, ihn mit Gras im Munde zu hängen. Einmal zogen

sie ihn hinauf und der Strick riß und sie fingen ihn mit Geheul in den

Armen auf; zum zweiten Male zogen sie ihn hinauf und der Strick riß und

sie fingen ihn mit Geheul in den Armen auf; dann war der Strick gnädig

und hielt ihn und sein Kopf stak bald auf einer Pike mit Gras genug im

Munde für St. Antoine, -- um bei dem Anblick desselben zu tanzen.

Das war noch nicht das Ende von der Arbeit dieses Tages, denn St.

Antoine brüllte und tanzte sein zorniges Blut so in die Hitze, daß es

wieder aufkochte, als er gegen Abend vernahm, daß der Schwiegersohn

des Ermordeten, auch ein Bedrücker und Feind des Volkes, mit einer

Wache von fünfhundert Mann blos an Reiterei nach Paris gekommen. Saint

Antoine schrieb seine Verbrechen auf große Papierbogen, bemächtigte

sich seiner -- hätte ihn aus dem Herzen einer Armee gerissen, um Foulon

Gesellschaft zu leisten! -- setzte seinen Kopf und sein Herz auf Piken

und trug die drei Eroberungen des Tages mit entmenschtem Geheul durch

die Straßen.

Nicht vor dunkler Nacht kehrten die Männer und Frauen zu den

schreienden und ohne Brod gelassenen Kindern zurück. Dann wurden die

ärmlichen Bäckerladen von langen Reihen belagert, die Alle geduldig

warteten, um schlechtes Brod zu kaufen; und während sie mit leeren

Magen warteten, vertrieben sie sich die Zeit mit beglückwünschenden

Umarmungen wegen der Siege des Tages und mit wiederholtem Genusse durch

Erzählen derselben. Allmälig verloren sich diese Gruppen zerlumpter

Leute, und dann begannen dürftige Lichter in hohen Fenstern zu scheinen

und dürftige Feuer wurden auf der Straße angemacht, an welchen Nachbarn

in Gemeinschaft kochten und dann vor der Thüre zu Abend aßen.

Es war ein kärgliches und ungenügendes Abendessen ohne Ahnung von

Fleisch oder der meisten andern Zuthat, als schlechtes Brod. Aber

menschliche Gemeinschaft flößte den steinharten Lebensmitteln

einigen Nahrungsstoff ein und wußte einige Funken von Heiterkeit

herauszulocken. Väter und Mütter, die ihren vollen Antheil an den

schlimmsten Blutthaten gehabt hatten, spielten gemüthlich mit ihren

abgemagerten Kindern, und Liebende mit einer solchen Welt um sich und

vor sich liebten und hofften.

Es war fast Morgen, als die letzte Gruppe Gäste Defarge’s Weinschank

verließ und Mr. Defarge zu Madame, seiner Frau, mit heiserer Stimme

sagte, als er die Thür verriegelte: „Endlich ist es gekommen, Frau!“

„Nun ja!“ -- entgegnete Madame. „Beinahe.“

St. Antoine schlief; die Defarge’s schliefen; selbst der Racheengel

schlief mit seinem heruntergekommenen Gewürzkrämer und die Trommel

ruhte. Die Stimme der Trommel war die einzige Stimme in St. Antoine,

welche Sturm und Blutvergießen nicht ermüdet hatte. Der Racheengel, als

Hüter der Trommel, hätte sie wecken und ihr dieselben Töne entlocken

können, wie vor der Einnahme der Bastille und vor dem Tode des alten

Foulon; aber anders war es mit den heiseren Stimmen der Männer und

Frauen von St. Antoine.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Feuer!

Es war eine Veränderung über das Dorf gekommen, wo der Brunnen

plätscherte und wo der Straßenarbeiter täglich hinausging, um aus

den Steinen auf der Landstraße die paar Bissen Brod herauszuklopfen,

welche seine arme unwissende Seele und seinen armen abgezehrten Körper

nothdürftig zusammenhielten. Das Gefängniß auf der Klippe sah nicht

mehr so herrisch wie früher darein. Es waren Soldaten als Wache darin,

aber nicht viele; es waren Officiere da, um die Soldaten zu bewachen,

aber keiner wußte, was seine Leute thun würden -- außer etwa, daß sie

wahrscheinlich nicht thun würden, was er ihnen beföhle.

Weit und breit sah man zu Grunde gerichtetes Land, das nichts als

Wüstenei war. Jedes grüne Blatt, jeder Gras- und Getreidehalm war so

zusammengeschrumpft und dürftig, wie die elende Bevölkerung. Alles war

entnervt, entmuthigt, gedrückt und gebrochen. Wohnungen, Einzäunungen,

Hausthiere, Männer, Weiber und Kinder und der Boden, der sie trug --

Alles ausgesogen und unfruchtbar geworden.

Monseigneur (oft als Individuum ein sehr würdiger Herr) war ein

Segen für die Nation, gab Allem einen ritterlichen Ton, war ein

elegantes Beispiel eines üppigen und glänzenden Lebens und noch viel

mehr ähnlicher Art; dessenungeachtet hatte Monseigneur als Stand auf

die eine oder andere Weise die Sachen auf diesen Punkt gebracht.

Merkwürdig daß die Schöpfung, ausdrücklich für Monseigneur gemacht,

sich so bald so ganz und gar ausquetschen läßt! Es muß doch etwas

Kurzsichtiges in den Anordnungen des Ewigen sein! So war es aber

doch; und da der letzte Tropfen Blut aus den Steinen herausgepreßt

und die letzte Schraube der Folter so oft gedreht worden war, daß sie

zu Schanden ging und sich drehte und drehte, ohne Etwas zu drücken,

so fing Monseigneur an, vor einer so gemeinen und unerklärlichen

Erscheinung davon zu laufen.

Aber das war nicht die Veränderung, die über dieses Dorf und viele

andere ähnliche Dörfer gekommen war. Seit zwanzig Jahren und länger

hatte Monseigneur es gedrückt und aufgesogen und es selten mit seiner

Gegenwart beehrt, als um die Freuden der Jagd zu genießen, die

bald im Hetzen der Leute, bald im Hetzen des Wildes bestanden, zu

dessen Erhaltung Monseigneur -- sehr erbaulich -- weite Strecken zur

unbebauten Wüstenei werden ließ. Nein. Die Veränderung bestand mehr in

dem Erscheinen fremder Gesichter gemeiner Art, als in dem Verschwinden

der vornehmen classischen und auch anderweitig seligen und beseligenden

Gesichtszüge Monseigneurs.

Denn in diesen Zeiten sah wohl der Straßenarbeiter, wie er einsam

im Staube arbeitete und sich selten mit dem Gedanken quälte, daß er

Staub sei und wieder Staub werden müsse, sondern viel häufiger mit dem

Gedanken beschäftigt war, wie wenig er zum Abendessen habe und wie viel

mehr er essen würde, wenn er es hätte -- in diesen Zeiten sah wohl

der Straßenarbeiter, wie er die Augen von seiner einsamen Arbeit erhob

und in die Landschaft hinausblickte, eine rauhe Gestalt zu Fuße sich

nähern, wie sie früher selten in diesen Gegenden gesehen wurde, jetzt

aber häufig war. Wie sie noch näher kam, bemerkte der Straßenarbeiter

ohne Verwunderung, daß es ein zottelhaariger Mann von fast barbarischem

Aussehen war, lang, in hölzernen Schuhen, die sogar dem Straßenarbeiter

zu plump vorkamen, mit finstern schwarzgebranntem Gesicht, beschmutzt

von dem Schlamm und Staub vieler Landstraßen, feucht von den sumpfigen

Ausdünstungen vieler tiefen Gründe, bestreut mit den Dornen und

Blättern und dem Moos vieler Schleichpfade durch die Wälder.

Ein solcher Mann kam über ihn wie ein Gespenst in der Mittagsstunde des

Julitages, wie er auf einem Steinhaufen unter einem Erdrücken saß, der

ihm einigen Schutz vor einem Hagelschauer gewährte.

Der Mann sah ihn an, sah das Dorf in der Tiefe an, die Mühle und das

Gefängniß auf der Klippe. Als er diese Gegenstände in sich aufgenommen,

sagte er in einem Dialekt, der eben noch verständlich war:

„Wie gehts, Jacques?“

„Alles wohl, Jacques!“

„Die Hand her!“

Sie gaben sich die Hände und der Mann setzte sich auf den Steinhaufen.

„Kein Mittagsessen?“

„Nichts als Abendessen jetzt!“ sagte der Straßenarbeiter mit hungrigem

Gesicht.

„Es ist die Mode,“ grollte der Andere. „Ich finde nirgends ein

Mittagsessen.“

Er holte eine schwarzgerauchte Pfeife hervor, stopfte sie, machte Feuer

mit Stahl, Stein und Schwamm und zog an der Pfeife, bis sie in heller

Gluth war. Dann hielt er sie plötzlich vor sich hin und ließ etwas

hineinfallen, was er zwischen Zeigefinger und Daumen hatte und was

aufflammte und mit einem Rauchwölkchen verpuffte.

„Die Hand her!“ Der Straßenarbeiter mußte es diesmal sagen, nachdem er

die ganze Manipulation beobachtet hatte. Sie reichten sich wieder die

Hände.

„Heute Nacht?“ sagte der Straßenarbeiter.

„Heute Nacht!“ sagte der Mann, indem er die Pfeife in den Mund steckte.

„Wo?“

„Hier!“

Er und der Straßenarbeiter saßen auf dem Steinhaufen und sahen sich

schweigend einander an, während der Hagel zwischen ihnen durchfuhr, bis

der Himmel über dem Dorfe wieder hell wurde.

„Zeigt mir’s!“ -- sagte nun der Reisende, indem er nach dem Kamm des

Hügels ging.

„Seht hin!“ -- entgegnete der Straßenarbeiter mit ausgestreckter Hand.

„Ihr geht hier hinab und gerade durch die Straße und am Brunnen

vorbei“ --

„Zum Teufel mit alle dem!“ unterbrach ihn der Andere und ließ sein

Auge über die Landschaft schweifen. „~Ich~ gehe durch keine Straße

und an keinem Brunnen vorbei. Also weiter!“

„Weiter also! Ungefähr zwei Stunden jenseits des Kammes jenes Hügels

hinter dem Dorfe.“

„Gut. Wann hört Ihr auf zu arbeiten?“

„Mit Sonnenuntergang.“

„Wollt Ihr mich wecken ehe Ihr nach Hause geht? Ich bin zwei Nächte

gewandert, ohne zu schlafen. Ich rauche meine Pfeife aus und werde dann

schlafen wie ein Kind. Wollt Ihr mich wecken?“

„Gewiß!“

Der Wanderer rauchte seine Pfeife aus, steckte sie in die Brust,

zog die schweren Holzschuhe aus und legte sich rücklings auf den

Steinhaufen. Einen Augenblick darauf lag er in tiefem Schlafe.

Während der Straßenarbeiter seine staubige Arbeit fortsetzte und die

weiter ziehenden Hagelwolken Streifen von hellem Himmel durchblicken

ließen, denen silberne Streifen auf der Landschaft entsprachen,

schien der kleine Mann (der jetzt eine rothe Mütze trug anstatt der

frühern blauen) von der Gestalt auf dem Steinhaufen ganz verzaubert

zu sein. Seine Augen wendeten sich so oft dorthin, daß er seinen

Hammer nur mechanisch gebrauchte und sehr wenig von Statten brachte.

Das sonnenverbrannte Gesicht, Haar und Bart so zottig und schwarz,

die grobwollene Mütze, der fremdartige Anzug von selbst gesponnenen

wollenen Stoff und rauhen Fellen, die ursprünglich mächtige aber von

schmaler Kost abgezehrte Gestalt und das mürrische und verzweifelte

Zusammenpressen der Lippen im Schlafe flößte den Straßenarbeiter ein

Grauen ein. Der Wanderer war weit gereist und seine Füße waren wund

und seine Knöchel blutig gerieben; seine großen Schuhe, mit Blättern

und Gras gestopft, hatten ihm den langen Weg schwer gemacht und in

seine Kleider waren Löcher gerathen. Der Straßenarbeiter bückte sich

über ihn und versuchte zu sehen, ob er Waffen versteckt in der Brust

oder sonst wo trage; aber vergebens, denn er schlief mit Armen, die

eben so entschlossen über seine Brust gekreuzt waren, als er den Mund

geschlossen hielt. Befestigte Städte mit ihren Palisaden, Wachthäusern,

Thoren, Gräben und Zugbrücken erschienen dem Straßenarbeiter als so

viel Luft gegenüber dieser Gestalt. Und wie er seine Augen von ihr zu

dem Horizonte emporhob und sich umschaute, sah seine Phantasie ähnliche

Gestalten, von keinem Hindernisse aufgehalten, über ganz Frankreich

nach gemeinsamem Mittelpunkte wandern.

Der Mann schlief fort, gleichgültig gegen Hagelschauer und schönes

Wetter dazwischen, gegen Sonnenschein auf sein Gesicht und Schatten,

gegen die ihn schlagenden Klümpchen von trübem Eis und gegen die

Diamanten, in welcher die Sonne sich verwandelte, bis die Sonne tief in

Westen stand und der Himmel glühte. Nun nahm der Straßenarbeiter sein

Arbeitszeug zusammen, um in das Dorf hinunter zu gehen und weckte den

Andern.

„Gut!“ sagte der Wanderer und lehnte sich auf seinen Ellenbogen in die

Höhe. „Zwei Stunden jenseits des Kammes jenes Hügels?“

„Ungefähr.“

„Ungefähr. Gut!“

Der Straßenarbeiter ging nach Hause, begleitet von dem Staube vor oder

hinter ihm, je nachdem der Wind sich wendete und war bald am Brunnen,

wo er sich unter die magern Kühe mischte, die dorthin zum Tränken

gebracht wurden und denen er sogar mit zuzuflüstern schien, während

er dem ganzen Dorfe halblaut erzählte. Als das Dorf sein kärgliches

Abendmahl genossen, schlich es sich nicht zu Bett wie gewöhnlich,

sondern trat wieder vor die Thür und blieb dort. Das Flüstern steckte

auf eine merkwürdige Weise an, und als das Dorf nach Dunkelwerden sich

um den Brunnen versammelte, zeigte es sich auch seltsam angesteckt

von der Leidenschaft, nur nach einer Richtung erwartungsvoll an den

Himmel zu blicken. Mr. Gabelle, Hauptbeamter des Ortes, wurde unruhig,

trat allein hinaus auf sein Hausdach und blickte nur nach dieser einen

Richtung, betrachtete hinter den Schornsteinen hervor die finster

werdenden Gesichter unten am Brunnen und ließ den Küster, der die

Kirchenschlüssel in Verwahrung hatte, sagen: es dürfte bald vielleicht

Veranlassung kommen, die Sturmglocke zu läuten.

Die Nacht wurde dunkler. Die Bäume und das alte Château, die es von der

gemeinen Welt abschlossen, rauschten in einem sich erhebenden Winde,

als ob sie den schweren dunkeln Steinmassen drohten. Der Regen lief

ungestüm die steinernen Stufen der beiden Treppenfluchten hinauf und

schlug an die große Pforte wie ein schneller Bote, der die darinnen

wecken will; einzelne Windstöße fuhren durch die Halle unter den alten

Jagdspießen und Messern herum und eilten klagend die Treppen hinauf und

schüttelte die Vorhänge des Bettes, in welchem der verstorbene Marquis

geschlafen hatte. Von Osten, Westen, Norden und Süden, durch die Wälder

kamen vier schwer einherschreitende ungekämmte Gestalten, das hohe

Gras niedertretend und durch die Zweige brechend und traten vorsichtig

in den Hof, wo sie sich begegneten. Vier Lichter zeigten sich dort

plötzlich und bewegten sich in verschiedenen Richtungen fort und Alles

war wieder finster.

Aber nicht lange. Gleich darauf fing das Château in seltsamer Weise an

bei seinem eigenen Schimmer sichtbar zu werden, als ob es leuchtend

würde. Dann spielte ein züngelndes Flämmchen hinter der Vordermauer,

suchte sich durchsichtige Stellen aus und zeigte sich, wo Balustraden,

Bogen und Fenster waren. Dann loderte es empor und wurde breiter und

heller. Bald brachen die Flammen aus einem Dutzend der großen Fenster

hervor und die aus starrem Schlaf erweckten steinernen Gesichter

stierten aus Feuersgluth heraus.

Stimmen wurden um das Haus laut von den wenigen Leuten, die dort

geblieben waren, und ein Pferd wurde gesattelt, auf dem ein Reiter in

die Nacht hinaussprengte. Er ritt in wilder Hast durch die Finsterniß

und machte erst Halt am Brunnen im Dorfe und das schaumbedeckte

Roß stand vor Mr. Gabelle’s Thür. „Hülfe, Gabelle! Hülfe, Hülfe!“

Ungeduldig läutete die Sturmglocke; aber andere Hülfe (wenn das eine

war) gab es nicht. Der Straßenarbeiter und zweihundertundfunfzig

vertraute Freunde von ihm standen mit übereinander geschlagenen Armen

am Brunnen und sahen sich die Feuersäule am Himmel an. „Das muß

vierzig Fuß hoch sein,“ sagten sie mit ingrimmigem Frohlocken, und

Keiner bewegte nur einen Finger.

Der Reiter vom Château und das schaumbespritzte Roß sprengten weiter

durch das Dorf und den felsigen Abhang hinan zu dem Gefängniß auf der

Klippe. An dem Thore stand eine Gruppe von Offizieren und sah dem

Feuer zu, abseits von ihnen eine Gruppe Soldaten. „Hülfe, Ihr Herren

Offiziere! das Château brennt; werthvolle Gegenstände können noch durch

rechtzeitige Hülfe gerettet werden. Hülfe! Hülfe!“

Die Offiziere blickten hin nach den Soldaten, welche dem Feuer zusahen,

ertheilten keine Befehle und gaben achselzuckend und sich ärgerlich in

die Lippen beißend zur Antwort: „Es muß brennen!“

Zwei Städte · 第 21 / 36 段