So mischte sich das Rauschen der Flügel eines Engels unter die andern

Echo’s und sie waren nicht ganz von dieser Erde, sondern unter ihnen

war dieser Hauch vom Himmel. Auch Seufzer des Windes, die über ein

kleines Gartengrab wehten, mischten sich darunter und Lucie vernahm

sie durch die stille Luft, wie die kleine Lucie mit komischem Ernst

sich ihrer Morgenaufgabe widmend oder zu Füßen ihrer Mutter eine Puppe

anputzend in den Zungen der beiden Städte plauderte, in deren Leben das

ihrige verwebt war.

Selten gaben die Echo’s die Schritte Sydney Cartons zurück. Höchstens

ein halb Dutzendmal des Jahres machte er von seinem Vorrechte Gebrauch,

uneingeladen zu kommen, und saß unter ihnen den ganzen Abend lang. Er

kommt nie von Wein erhitzt. Und etwas Anderes flüstern von ihm die

Echo’s, was ächte Echo’s zu allen Zeiten geflüstert haben.

Hat ein Mann wirklich ein Weib geliebt, sie verloren und sie dann

tadellos -- obgleich unverändert -- als Gattin und Mutter gekannt, so

werden ihre Kinder stets eine seltsame Sympathie mit ihm haben -- ein

instinctartiges zartes Mitleiden mit ihm. Welch verborgene Fiber in der

Seele dabei angerührt werde, kann kein Echo verkünden; aber es ist an

dem und es war auch hier der Fall. Carton war der erste Fremde, welchen

die kleine Lucie ihre runden Aermchen entgegenstreckte, und wie sie

heranwuchs, behauptete er seinen Platz bei ihr. Der Kleine hatte fast

noch zuletzt von ihm gesprochen. „Der arme Carton! Küßt ihn von mir!“

Mr. Stryver machte sich Platz unter den Juristen wie eine große

Maschine, die sich durch trübes Wasser vorwärts arbeitet, und zog

seinen nützlichen Freund hinter sich her wie ein in’s Schlepptau

genommenes Boot. Da ein in solcher Lage befindliches Boot gewöhnlich

sehr hin- und hergeworfen wird und meistens unter Wasser ist, so hatte

auch Sydney ein feuchtes Leben zu führen, aber leichte und starke

Gewohnheit, die leider in ihm viel leichter und stärker war als das

anstachelnde Gefühl von Ehre oder Schande, machte es für ihn zum

rechten Leben; und er dachte nicht mehr daran aufzuhören, des Löwen

Schakal zu sein, als ein wirklicher Schakal daran denken würde ein Löwe

zu werden. Stryver war reich, hatte eine blühende Wittwe mit Vermögen

und drei Knaben geheirathet, die nichts besonderes Glänzendes an sich

hatten, als das glatte Haar ihrer runden Köpfe.

Diese drei jungen Herren hatte Mr. Stryver, aus jeder Hautpore

Gönnerschaft der beleidigendsten Art ausschwitzend, vor sich her wie

drei Schafe nach der stillen Ecke in Soho getrieben und sie Luciens

Gatten als Schüler angeboten mit den zartfühlenden Worten: „Heda, hier

sind drei Portionen Butterbrod und Käse für Ihr eheliches Pickenick,

Darnay!“ Die höfliche Zurückweisung dieser drei Portionen Butterbrod

und Käse hatte Mr. Stryver mit großer Entrüstung erfüllt, von der er

später bei der Erziehung der jungen Herren Nutzen zog, indem er ihnen

einprägte, sich vor dem Stolze von Bettlern, gleich jenem Schulmeister,

zu hüten. Auch pflegte er bei seinem schweren Wein Mrs. Stryver von

den Künsten zu erzählen, mit welcher Mrs. Darnay ihn voreinst zu

fangen versucht und wie er durch seine Schlauheit und Festigkeit

dieses Gefangenwerden verhindert habe. Einige seiner Bekannten vom

Kings-Benchgericht, die gelegentlich seinen schweren Wein und die Lüge

zu kosten bekommen, entschuldigten die letztere damit, daß er sie

so oft erzählt habe, daß er sie selbst glaube -- jedenfalls eine so

unverbesserliche Erschwerung eines ohnedies schon schweren Verbrechens,

daß sie rechtfertigen würde, einen solchen Verbrecher an einen

angemessenen abgelegenen Ort zu schaffen und ihn dort abseits zu hängen.

Diese waren unter den Echo’s, welche Lucie manchmal nachdenklich,

manchmal lachend und ergötzt, aber immer im Genuß stillen Glückes

in der wiederhallenden Ecke hörte, bis der sechste Geburtstag ihres

Töchterchens kam. Aber auch andere Echo’s hatten während dieser ganzen

Zeit aus der Ferne drohend herübergerollt, und gerade jetzt um die Zeit

dieses Geburtstags nahmen sie einen grauenhaften Ton an, als bräche in

Frankreich ein schweres Unwetter mit fürchterlich stürmischer See los.

Eines Abends, Mitte Juli 1789, kam Mr. Lorry noch spät von Tellsons

und setzte sich neben Lucie und ihren Gatten in das dunkle Fenster.

Es war eine schwüle wetterdrohende Nacht und sie dachten alle Drei an

die längstvergangene Sonntagsnacht, wo sie an demselben Fenster den

Blitzen zugesehen hatten.

„Ich fing schon an zu denken, daß ich die Nacht bei Tellsons würde

zubringen müssen,“ sagte Mr. Lorry, indem er die braune Perrücke von

der Stirn zurückschob. „Wir haben heute so viel zu thun gehabt, daß wir

gar nicht wußten, was wir zuerst anfangen oder wohin wir uns wenden

sollten. Es herrschen solche Besorgnisse in Paris, daß man uns mit

Vertrauen geradezu überläuft! Unsere Kunden drüben scheinen nicht im

Stande zu sein, uns ihr Vermögen schnell genug anzuvertrauen. Es ist

offenbar unter ihnen eine Manie ausgebrochen, es herüber nach England

zu senden.“

„Das hat ein schlimmes Aussehn,“ sagte Darnay.

„Ein schlimmes Aussehn, sagen Sie, lieber Darnay? Ja! aber wir wissen

nicht, welcher Grund dafür vorhanden ist. Die Menschen sind so

unverständig! Einige von uns bei Tellsons werden alt und wir können uns

wirklich nicht ohne gehörige Veranlassung aus dem gewöhnlichen Schritt

bringen lassen.“

„Aber Sie wissen, wie düster und drohend der Horizont aussieht,“ sagte

Darnay.

„Das weiß ich recht wohl,“ stimmte Mr. Lorry bei, bemüht sich zu

überreden, daß seine gewöhnliche Gutmüthigkeit für diesen Abend zur

Säure geworden sei. „Aber ich bin entschlossen, nach dieses langen

Tages Last übler Laune zu sein. Wo ist Manette?“

„Hier ist er!“ sagte der Doctor, der gerade jetzt in das dunkle Zimmer

trat.

„Es freut mich, daß Sie zu Hause sind; denn diese übereilten Geschäfte

und die schlimmen Gerüchte, mit welchen ich den ganzen Tag zu thun

gehabt habe, haben mich ohne Grund ängstlich gemacht. Sie gehen doch

nicht aus -- hoff’ ich?“

„Nein; ich will eine Partie Triktrak mit Ihnen spielen, wenn Sie Lust

haben,“ sagte der Doctor.

„Ich glaube nicht, daß ich Lust habe, wenn ich aufrichtig sein darf.

Ich bin heute Abend nicht in Verfassung, es mit Ihnen aufzunehmen. Ist

die Theestunde noch nicht vorüber, Lucie?“

„Natürlich haben wir auf Sie gewartet.“

„Ich danke Ihnen, meine Gute. Ist das liebe Kind schon zu Bett?“

„Es ist zu Bett und schläft ruhig.“

„Das ist recht; Alles gesund und wohl! Ich weiß nicht, weshalb hier

etwas Anderes als Gesundheit und Wohlsein sein sollte -- Gott sei Dank!

Aber ich habe mich den ganzen Tag über so geärgert und ich bin nicht

mehr so jung, wie ich war! Thee, meine Gute? Danke Ihnen. Jetzt nehmen

Sie Ihren Platz in dem Kreise ein und dann wollen wir stillsitzen und

den Echo’s zuhören, über die Sie Ihre Theorie haben.“

„Keine Theorie; es war eine Phantasie.“

„Eine Phantasie denn, mein kluges Weibchen,“ sagte Mr. Lorry und klopfte

ihr liebkosend auf die Hand. „Aber es sind ihrer sehr viele und sie

sind sehr laut -- nicht wahr? Hören Sie nur!“

Ungestüm, toll und gefährlich sind die Schritte, wenn sie sich in

Jemandes Leben drängen -- Schritte, die, einmal roth gefärbt, nicht

leicht wieder rein zu machen sind, -- die Schritte, wie sie weit weg in

St. Antoine toben, während der kleine Kreis an dem dunkeln Fenster in

London sitzt.

St. Antoine war an diesem Morgen ein ungeheures schwarzes Hin- und

Herwogen von Vogelscheuchen gewesen und über den Wogen dieses Meeres

funkelte es häufig hell, wie Klingen und Bayonnette von Stahl in der

Sonne glänzen. Ein fürchterliches Gebrüll erscholl aus der Kehle

St. Antoine’s und ein Wald nackter Arme regte sich in der Luft, wie

verdorrte Baumäste in einem Wintersturm und jede Hand hielt krampfhaft

eine Waffe oder den Schein einer Waffe gepackt, welche die Tiefe

ausspie, Niemand konnte sagen wie weit her.

Wer die Waffen vertheilte, woher sie kamen, durch wessen Vermittelung

sie zu Dutzenden auf einmal wie eine Art Blitze über die Köpfe des

Gewühles hinfuhren, hätte Niemand in dem Gedränge sagen können;

aber Flinten wurden vertheilt und auch Patronen, Pulver und Kugeln,

Stangen von Eisen und Holz, Messer, Aexte, Piken, jede Waffe, welche

zornwüthender Scharfsinn entdecken oder ersinnen konnte. Leute, die

nichts anderes finden konnten, mühten sich mit blutenden Händen ab,

Steine und Ziegel aus der Mauer zu reißen. Jeder Puls und jedes Herz in

St. Antoine war in hoher Fieberhitze. Jedes lebendige Geschöpf daselbst

hielt das Leben für nichts und war mit einer wahnwitzigen Leidenschaft

erfüllt, es hinzuopfern.

Wie ein Wirbel kochenden Wassers einen Mittelpunkt hat, so bewegt sich

alles dieses Gewühl im Kreise um Defarge’s Weinladen herum und jeder

Menschentropfen in dem Kessel zeigt eine Neigung, nach dem Mittelpunkte

hingezogen zu werden, wo Defarge, schon ganz schwarz von Pulver und

Schweiß, Befehle gab, Waffen vertheilte, diesen Mann zurückstieß, einen

Andern hervorzog, Einen entwaffnete, um den Andern zu bewaffnen und in

dem dichtesten Gewühl thätig war.

„Bleib in meiner Nähe, Jacques Drei!“ rief Defarge; „und Ihr Beide,

Jacques Eins und Zwei, stellt euch Jeder an die Spitze von so viel

Patrioten als Ihr zusammenbringen könnt. Wo ist meine Frau?“

„Hier bin ich!“ -- sagte Madame ruhig wie immer, aber für heute nicht

mit dem Strickstrumpf beschäftigt. Die entschlossene rechte Hand

Madames hielt eine Axt anstatt der friedlichen Stricknadeln und in

ihrem Gürtel stak ein Pistol und ein langes scharfes Messer.

„Wo gehst Du hin, Frau?“

„Vor der Hand mit Dir,“ sagte Madame. „Bald wirst Du mich an der Spitze

von Frauen sehen.“

„Vorwärts also!“ -- rief Defarge mit weithin hallender Stimme.

„Patrioten und Freunde, wir sind bereit! Nach der Bastille!“

Mit einem Gebrüll, welches klang, als ob der Athem von ganz Frankreich

das verabscheute Wort gesprochen, erhob sich das lebendige Meer Welle

für Welle bis in die tiefsten Tiefen und fluthete hin nach jenem

Punkte. Die Sturmglocke läutete, Trommeln schallten, das Meer wüthete

und donnerte an seinen neuen Strand und der Angriff begann.

Tiefe Gräben, eine doppelte Zugbrücke, feste steinerne Mauern, acht

große Thürme, Kanonen, Flinten, Feuer und Rauch. Durch das Feuer

und durch den Rauch -- in dem Feuer und in dem Rauch (denn das Meer

warf ihn gegen eine Kanone und in dem Augenblick war er ein Kanonier

geworden) arbeitete Defarge aus dem Weinschank wie ein mannhafter

Soldat zwei heiße Stunden lang.

Tiefer Graben, eine Zugbrücke, feste steinerne Mauern, acht

große Thürme, Kanonen, Flinten, Feuer und Rauch. Eine Zugbrücke

gewonnen! „An’s Werk, Kameraden, an’s Werk! An’s Werk, Jacques

Eins, Jacques Zwei, Jacques Tausend, Jacques Zweitausend, Jacques

Zweihundertfünfzigtausend! Im Namen aller Engel und Teufel -- was Ihr

lieber habt --; an’s Werk!“ -- So rief Defarge aus dem Weinschank immer

noch an seiner Kanone, die längst heiß geworden war.

„Mir nach, Weiber!“ -- rief Madame, seine Frau. „Was? wir können so

gut todtschlagen, wie die Männer, wenn der Platz einmal genommen ist.“

Und um sie schaarten sich mit schrillem blutdürstigen Geschrei Haufen

von Frauen, verschiedenartig bewaffnet, aber alle gleichbewaffnet mit

Hunger und Rachedurst.

Kanonen, Flinten, Feuer und Rauch; aber immer noch der tiefe Graben,

die letzte Zugbrücke, die festen steinernen Mauern und die acht großen

Thürme. Leichte Störungen in dem wüthenden Meer entstanden durch

die hinstürzenden Verwundeten. Blinkende Waffen, lodernde Fackeln,

qualmende Wagenladungen, feuchtes Stroh, harte Arbeit an Barrikaden

in allen Richtungen, Geheul, Gewehrsalven, Verwünschungen, Tapferkeit

ohne Ende, Kanonendonner und Flintengeknatter und das wüthende Toben

des lebendigen Meeres; aber immer noch der tiefe Graben und die letzte

Zugbrücke, die festen steinernen Mauern und die acht großen Thürme und

immer noch Defarge aus dem Weinschank an seiner Kanone, die durch den

Dienst von vier heißen Stunden doppelt heiß geworden ist.

Eine weiße Fahne auf der Festung und eine Verhandlung -- das läßt

sich undeutlich erkennen durch den wüthenden Sturm, der nichts hörbar

werden läßt, -- und plötzlich steigt das Meer höher und höher und spült

Defarge aus dem Weinschank über die heruntergelassene Zugbrücke an den

festen steinernen Außenmauern vorbei und mitten unter die acht großen

Thürme, die sich ergeben haben.

So unwiderstehlich war die Gewalt des ihn vorwärtstragenden Oceans,

daß er eben so wenig Athem schöpfen oder den Kopf umdrehen konnte,

als ob er in der Brandung des Südmeeres gekämpft hätte, bis er in dem

vorderen Hofe der Bastille wieder festen Fuß faßt. Hier erkämpft er

seinen Platz an einer Mauerecke und schaut um sich. Jacques Drei stand

fast unmittelbar neben ihm; Madame Defarge, immer noch an der Spitze

einiger ihrer Frauen, war weiter voraus sichtbar, das Messer in der

Hand. Ueberall Tumult, Jauchzen, betäubende und wahnwitzige Verwirrung,

rasendes Toben und doch eine wüthende stumme Pantomime.

„Die Gefangenen!“

„Die Acten!“

„Die geheimen Kerker!“

„Die Marterwerkzeuge!“

„Die Gefangenen!“

Von allen diesen Rufen und tausend unzusammenhängenden anderen

hörte man; „Die Gefangenen!“ -- am öftersten und deutlichsten

heraus aus dem Meere, das hereintoste als gäbe es eine Ewigkeit von

Menschen eben so gut wie von Zeit und Raum. Als die vordersten Wogen

vorüberschossen und die Gefangenwärter mit fortrissen und sie alle

mit augenblicklichem Tode bedrohten, wenn nur ein einziger geheimster

Winkel unaufgeschlossen bliebe, legte Defarge seine starke Hand auf die

Brust eines dieser Männer -- eines Mannes mit einem grauen Kopf, der

eine brennende Fackel in der Hand hatte -- sonderte ihn von den übrigen

und brachte ihn zwischen sich und die Mauer.

„Zeigt mir den Nordthurm!“ -- sagte Defarge. „Rasch!“

„Ich will Euch getreulich hinführen,“ entgegnete der Mann. „Aber es ist

Niemand dort.“

„Was heißt Einhundert und Fünf, Nordthurm?“ -- fragte Defarge. „Rasch!“

„Was es heißt, Monsieur?“

„Ist damit ein Gefangener bezeichnet oder ein Kerker? Oder wollt Ihr,

daß ich Euch todtschlage?“

„Schlagt ihn todt!“ -- krächzte Jacques Drei, der dicht herangetreten

war.

„Monsieur! es ist ein Gefängniß.“

„Führt mich hin!“

„So kommen Sie diesen Weg.“

Jacques Drei, mit dem gewöhnlichen gierigen Ausdruck um Mund und Augen

und offenbar darüber getäuscht, daß das Zwiegespräch eine Wendung nahm,

die kein Blut versprach, hielt Defarge’s Arm gepackt, wie dieser den

Arm des Gefangenwärters gepackt hielt. Sie hatten während des Gesprächs

ihre drei Köpfe dicht zusammengesteckt und selbst so konnten sie kaum

einander verstehen -- so fürchterlich war das Toben des lebendigen

Meeres, wie es in die Festung eingebrochen war und die Höfe, Gänge

und Treppen überschwemmt hatte. Auch draußen rings herum schlug es

an die Mauern mit dumpfem Donner, aus welchem gelegentlich ein paar

vereinzelte Jubelrufe hervorbrachen und wie Wellenstaub in die Luft

flogen.

Durch düstere Gewölbe, wohin das Tageslicht nie gedrungen war, vorbei

an unheimlichen Thüren finsterer Löcher und Käfige, gruftartige Treppen

hinab und steile beschwerliche Stiegen von Stein und Ziegeln wieder

hinauf, die ausgetrockneten Wasserfällen ähnlicher waren als Treppen,

gingen Defarge, der Gefangenwärter und Jacques Drei festgeschlossen

Arm in Arm mit aller möglichen Eile. Hie und da, vorzüglich zu Anfang,

jagten einzelne Wogen der Ueberschwemmung an ihnen vorbei, aber als das

Abwärtssteigen vorbei war und sie auf steinerner Wendeltreppe einen

Thurm hinaufklimmten, waren sie allein. Hier eingeschlossen von den

dicken Mauern und Gewölben hörten sie von dem Sturm in der Festung

draußen nur ein fernes gedämpftes Rauschen, als ob das Getöse, in dem

sie sich eben noch befunden, fast ihren Gehörsinn vernichtet hätte.

Der Gefangenwärter machte an einer niedrigen Thüre Halt, steckte einen

Schlüssel in ein klirrendes Schloß, öffnete die Thüre langsam und

sagte, als sie sich Alle bückten und hineintraten:

„Einhundert und Fünf, Nordthurm!“

Hoch oben in der Mauer befand sich eine kleine mit einem schweren

Eisengitter verschlossene Oeffnung mit einem gemauerten Schirm

davor, sodaß man nur den Himmel erblicken konnte, wenn man sich tief

bückte und dann hinaufsah. Ein kleines nur wenige Fuß tiefes Kamin

mit schweren eisernen Stäben davor; ein Haufen alter weißgrauer

Holzasche auf dem Herde; ein Stuhl, ein Tisch und ein Strohlager: vier

geschwärzte Wände und ein verrosteter Eisenring in einer derselben.

„Leuchtet langsam an den Wänden hin, daß ich sie sehen kann,“ sagte

Defarge zu dem Gefangenwärter.

Der Mann gehorchte und Defarge folgte dem hellen Scheine sorgsam mit

den Augen.

„Halt! -- Sieh her, Jacques!“

„A -- M,“ krächzte Jacques Drei, wie er gierig las.

„Alexander Manette,“ sagte ihm Defarge in’s Ohr, indem er den

Buchstaben mit seinem von Pulver geschwärzten Zeigefinger folgte. „Und

hier hat er geschrieben: Ein armer Arzt. Und jedenfalls hat er auch

diesen Kalender in den Stein gekritzelt. Was habt Ihr in der Hand? Ein

Brecheisen? Gebt her!“

Er hatte immer noch den Ladestock seiner Kanone in der Hand. Jetzt

vertauschte er ihn rasch gegen das Brecheisen und schmetterte mit

wenigen Schlägen den wurmzerfressenen Stuhl und Tisch in Stücke.

„Haltet die Fackel höher!“ -- sagte er zornig zu dem Gefangenwärter.

„Jacques, suche sorgfältig unter diesen Stücken nach. Und wart! Hier

ist mein Messer! (Er warf es ihm hin.) Schneide das Bett auf und suche

im Stroh. Ihr da! Haltet die Fackel höher!“

Mit einem drohenden Blick auf den Gefangenwärter kroch er auf den Herd,

sah den Schornstein hinauf, klopfte an seine Wände mit dem Brecheisen

und schüttelte an den eisernen Stäben davor. Nach einigen Minuten fiel

etwas Kalk und Staub herab, dem er mit dem Kopfe auswich; und darin und

in der alten Holzasche und in vier Spalten im Schornstein, welche seine

Waffe gefunden oder gemacht hatte, suchte seine Hand sorgfältig.

„Nichts im Holze und nichts im Stroh, Jacques?“

„Nichts!“

„So wollen wir sie in der Mitte der Zelle auf einen Haufen sammeln. So!

Ihr da -- zündet ihn an!“

Der Gefangenwärter zündete den kleinen Haufen an, der hoch und heiß

emporloderte. Sie ließen es fortbrennen, bückten sich wieder, um

durch die niedrig gewölbte Thür zu kommen und kehrten nach dem Hofe

zurück. Erst allmälig auf dem Rückweg schienen sie das Gehör wieder zu

bekommen, bis sie wieder mitten in dem tosenden Meere waren.

Das Meer brandete und wogte hoch auf und wollte Defarge wieder haben.

St. Antoine rief laut nach seinem Weinschenken, damit er der Hauptmann

der Wache über den Commandanten sei, der die Bastille vertheidigt und

das Volk todtgeschossen hatte. Anders konnte der Commandant nicht

nach dem Stadthaus vor Gericht gebracht werden. Anders würde der

Commandant entweichen und das Blut des Volkes (das nach vieljähriger

Werthlosigkeit plötzlich einigen Werth bekommen hatte) ungerächt

bleiben.

In dem heulenden Meer von Leidenschaft und Wuth, das der finstere

alte Officier in seinem grauen Rock mit rothen Aufschlägen ganz

einzuschließen schien, gab es blos eine ganz ruhige Gestalt und dieß

war die Gestalt eines Weibes. „Seht -- dort ist mein Mann!“ rief

die Frau aus und wies auf ihn mit der Hand. „Seht Defarge!“ Sie

stand unbeweglich dicht neben dem finstern alten Officier und blieb

unbeweglich neben ihm stehen; blieb unbeweglich dicht neben ihm durch

die Straßen, wie Defarge und die Uebrigen ihn fortschleppten; blieb

unbeweglich dicht neben ihm, wie er seinem Ziele nahe war und Einer ihm

von hinten einen Schlag versetzte; blieb unbeweglich dicht neben ihm,

als der seit Langem gesammelte Regen von Stößen und Schlägen schwer

niederfiel; war so dicht neben ihm, als er todt zusammensank, daß sie

plötzlich lebendig geworden ihren Fuß auf sein Genick setzte und ihn

mit dem scharfen lange bereit gehaltenen Messer den Kopf abschnitt.

[Illustration: ~Der Sturm bricht los.~]

Die Stunde war gekommen, wo St. Antoine seine schreckliche Idee zur

Ausführung brachte, Menschen als Laternen in die Höhe zu ziehen,

um zu zeigen, was er sein und thun konnte. St. Antoines Blut war in

Wallung gekommen und das Blut der Tyrannei und der Herrschaft mit

eiserner Hand war geflossen -- geflossen die Stufen des Stadthauses

hinab, wo der Leichnam des Commandanten lag -- geflossen unter dem

Schuh der Madame Defarge, wo sie ihn auf die Leiche gesetzt hatte,

um diese besser köpfen zu können. „Laßt die Laterne herunter!“ rief

St. Antoine, nach dem er sich mit wildem Blick nach einer neuen

Todesart umgesehen; „hier müssen wir einen seiner Soldaten als Wache

zurücklassen!“ Die hängende Schildwache war an ihrem Posten und das

wüthende Meer wogte weiter....

Das Meer von schwarzen und drohenden Wassern und zerstörendem

Gegeneinanderwogen, dessen Tiefe noch unergründet und dessen Kräfte

noch unbekannt sind. Das erbarmungslose Meer von leidenschaftlich

bewegten Gestalten, Stimmen der Rache und Gesichtern, die in Leiden so

hart geworden sind, daß der Finger des Mitleids keinen Eindruck mehr

auf sie machen kann.

Aber in dem Ocean von Gesichtern, auf welchen sich jede wilde und

grimmige Leidenschaft im lebendigsten Ausdruck zeigte, befanden sich

zwei Gruppen von Gesichtern -- von sieben Gesichtern jede -- die so

grell von den übrigen abstachen, daß noch kein Meer merkwürdigere

Wraks auf seinen Wogen getragen hat. Sieben Gesichter von Gefangenen,

plötzlich befreit von dem Sturme, der ihre Gruft gesprengt, wurden

hoch über den übrigen getragen; Alle erschrocken, verwirrt, verwundert

und erstaunt, als ob der jüngste Tag gekommen wäre und die rings um

sie Jauchzenden verlorne Seelen wären. Andere sieben Gesichter wurden

noch höher getragen -- sieben Leichengesichter, deren niedergesunkene

Augenlider und halb sichtbare Augen den jüngsten Tag erwarteten.

Gefühl- und regungslose Gesichter, aber mit einem etwas versteckten

Ausdruck -- nicht ganz ohne Ausdruck; Gesichter, die aussahen, als ob

sie jetzt nur in grauenhaften Schweigen verharrten, um seiner Zeit

wieder die heruntersinkenden Augenlider aufzuschlagen und mit blutlosen

Lippen Zeugniß abzulegen: ~Du hast es gethan!~

Sieben befreite Gefangene, sieben blutige Köpfe auf Piken, die

Schlüssel der von einem ganzen Volke verfluchten Festung mit den

acht starken Thüren, einige entdeckte Briefe und andere Andenken an

Gefangene aus alter Zeit, die längst an gebrochenem Herz gestorben

sind -- Solches und Aehnliches tragen die lauthallenden Schritte

St. Antoines durch die Straßen von Paris Mitte Juli Eintausend

siebenhundert und neunundachtzig. Möge der Himmel die Phantasie Lucie

Darnay’s täuschen und diese Schritte fern -- fern von ihrem Leben

halten! Denn sie sind ungestüm, wahnwitzig und gefährlich; und in den

Jahren, so lange nach dem Auseinandergehen des Fasses vor Defarge’s

Weinschank, sind sie nicht so leicht wieder rein zu waschen, wenn sie

einmal roth gefärbt sind.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Die Fluth steigt immer noch.

Der hohläugige St. Antoine hatte nur eine Jubelwoche gehabt, in welcher

er seine karge Portion von kargem und bittern Brode -- so weit möglich

-- mit brüderlichen Umarmungen und Beglückwünschungen gewürzt hatte,

als Madame Defarge wie gewöhnlich wieder hinter dem Ladentisch saß und

über die Gäste die Aufsicht führte. Madame Defarge trug keine Rose im

Kopftuch; denn die große Brüderschaft der Spione war in dieser einen

kurzen Woche ausnehmend scheu geworden, sich der Barmherzigkeit des

Heiligen anzuvertrauen. Die über die Straße hängenden Laternen hatten

sich einen unheimlich elastischen Schwung angewöhnt.

Zwei Städte · 第 20 / 36 段