Manette, es handelt sich um eine alte und sehr lange Erschütterung,
welche das Gemüth oder -- wie Sie es nennen, der Geist erlitten hat,
-- man weiß nicht wie lange, weil ich glaube, er selbst kann die Zeit
nicht berechnen, und es giebt kein anderes Mittel, sie zu erfahren. Es
handelt sich um eine Erschütterung, von der sich der Betreffende durch
einen Proceß erholt hat, von dem er sich keine Rechenschaft ablegen
kann -- wie ich ihn einmal öffentlich sehr eindringlich erzählen hörte.
Es handelt sich um eine Erschütterung, von der er sich so vollständig
erholt hat, daß er ein sehr geistvoller Mann ist, fähig, alle seine
Seelen- und Körperkräfte anzustrengen und beständig seine Kenntnisse,
die schon sehr bedeutend waren, zu vermehren. Aber leider! (er hielt
inne und holte tief Athem) hat er einen kurzen Rückfall gehabt.“
Der Doctor fragte mit gedämpfter Stimme. „Wie lange hat er gedauert?“
„Neun Tage und Nächte.“
„Wodurch zeigte er sich? Ich vermuthe,“ sagte er mit einem Blick auf
seine Hände, „in der Wiederaufnahme einer alten Beschäftigung aus
jener Zeit der Gemüthserschütterung?“
„So ist es.“
„Sagen Sie mir,“ fragte der Doctor bestimmt und gefaßt, obgleich in
demselben gedämpften Tone, „haben Sie ihn jemals früher bei dieser
Beschäftigung gesehen?“
„Einmal.“
„Und als er den Rückfall hatte, war er da in vielfacher oder in jeder
Hinsicht wie früher?“
„Ich glaube, in jeder Hinsicht.“
„Sie sprachen von seiner Tochter. Weiß seine Tochter etwas von diesem
Rückfall?“
„Nein. Er ist ihr verhehlt worden und ich hoffe, er wird ihr immer
verhehlt bleiben. Er ist nur mir bekannt und einer andern Person, der
ganz zu vertrauen ist.“
Der Doctor ergriff seine Hand und sagte halblaut: „Das war sehr gütig.
Das war sehr rücksichtsvoll!“
Mr. Lorry drückte ihm wieder die Hand und Beide schwiegen auf eine
Weile.
„Nun wissen Sie, lieber Manette,“ fuhr endlich Mr. Lorry in seiner
liebreichsten und schonendsten Weise fort, „ich bin ein bloßer
Geschäftsmann und unfähig, solche verwickelte und schwierige Sachen zu
beurtheilen. Ich besitze nicht die dazu nöthigen Kenntnisse und nicht
die nöthige Einsicht; ich bedarf des Rathes. Es giebt keinen Mann in
der Welt, bei dem ich auf guten Rath so sehr rechnen kann, wie bei
Ihnen. Sagen Sie mir, wie kommt dieser Rückfall? Ist ein zweiter zu
fürchten? Könnte eine Wiederholung verhindert werden? Wie ist ein
neuer Rückfall zu behandeln? Was sind überhaupt die Ursachen eines
solchen? Was kann ich für meinen Freund thun? Nie kann es Jemandem
mehr am Herzen gelegen haben, einem Freunde einen Dienst zu leisten,
als jetzt mir; wenn ich nur wüßte -- wie? Aber bei einem solchen Falle
tappe ich ganz im Dunkeln. Wenn Ihr Scharfblick, Ihre Kenntniß und Ihre
Erfahrung mir den rechten Weg zeigen könnte, so könnte ich vielleicht
viel thun; ohne Leitung und ohne Rath kann ich nur wenig thun. Bitte,
sprechen Sie mit mir die Sache durch; bitte, setzen Sie mich in Stand,
ein wenig klarer zu sehen und lehren Sie mich ein wenig nützlicher zu
sein.“
_Dr._ Manette saß nachdenklich da, als diese eindringlichen Worte
gesprochen worden und Mr. Lorry drängte ihn nicht.
„Ich halte es für wahrscheinlich,“ sagte der Doctor mit sichtlicher
Anstrengung, „daß der von Ihnen, werther Freund, beschriebene Rückfall
dem Betroffenen nicht ganz unvorhergesehen gekommen ist.“
„Hat er ihn gefürchtet?“ -- wagte Mr. Lorry zu fragen.
„Gar sehr.“ Er sagte dies mit einem unwillkürlichen Schauder. „Sie
haben keinen Begriff, wie schwer eine solche Befürchtung auf dem Gemüth
des Betreffenden lastet und wie schwer es ihm ist -- ja fast unmöglich
-- sich zu zwingen -- nur ein Wort über das, was ihn bedrückt, fallen
zu lassen.“
„Würde es ihn nicht sehr erleichtern,“ fragte Mr. Lorry, „wenn er es
über sich gewinnen könnte, sich während dieses heimlichen Brütens
Jemandem anzuvertrauen?“
„Ich glaube wohl. Aber wie ich Ihnen schon sagte, es ist fast
unmöglich. Ich glaube sogar, es ist in einigen Fällen ganz unmöglich.“
„Sagen Sie mir,“ sagte Mr. Lorry, indem er, nachdem Beide eine kleine
Weile geschwiegen hatten, wieder liebreich die Hand auf den Arm des
Doctors legte, „welcher Ursache würden Sie den Anfall zuschreiben?“
„Ich glaube,“ gab _Dr._ Manette zur Antwort, „die Ursache ist, daß
der Gedankengang und die Erinnerung, durch welche die Krankheit zuerst
entstanden ist, in ungewöhnlicher Weise wieder erweckt worden sind. Ich
glaube, daß Rückerinnerungen von der schmerzlichsten Art mit großer
Lebhaftigkeit wieder vor seine Seele getreten sind. Wahrscheinlich ist
sein Gemüth schon seit langer Zeit von einer dunkeln Furcht behaftet
gewesen, daß diese Erinnerungen wieder wach werden würden -- ich meine,
unter gewissen Umständen, bei einer gewissen Veranlassung. Er hat
versucht, sich darauf vorzubereiten, aber vergeblich; vielleicht hat
die Anstrengung, die er bei diesem Versuch gemacht hat, ihn weniger
befähigt, dem Anfall zu widerstehen.“
„Ob er wohl weiß, was während des Rückfalls geschehen ist?“ -- fragte
Mr. Lorry mit natürlichem Zögern.
Der Doctor sah sich rathlos im Zimmer um, schüttelte den Kopf und
antwortete mit gedämpfter Stimme: „Durchaus nicht!“
„Was nun die Zukunft betrifft,“ fing Mr. Lorry an.
„Was die Zukunft betrifft,“ sagte der Doctor, die Fassung wieder
gewinnend, „so habe ich große Hoffnung. Da es dem Himmel in
seiner Barmherzigkeit gefallen hat, ihn in so kurzer Frist wieder
herzustellen, so möchte ich die beste Hoffnung haben. Ich sollte
meinen, daß das Schlimmste vorbei sei.“
„Schön! Schön! Das ist guter Trost. Ich danke dem Himmel!“ -- sagte Mr.
Lorry.
„Ich danke dem Himmel!“ -- wiederholte der Doctor mit von Andacht
durchdrungenem Tone.
„Noch über zwei andere Punkte möchte ich unterrichtet sein,“ sagte Mr.
Lorry. „Darf ich fortfahren?“
„Sie können Ihrem Freunde keinen besseren Dienst leisten.“ Der Doctor
reichte ihm die Hand.
„Also der erste Punkt. Er liebt die Wissenschaften und ist von
ungewöhnlicher Energie; mit großem Eifer widmet er sich der Erwerbung
von Kenntnissen, dem Experimentiren und vielen andern Sachen. Sollte er
darin vielleicht zu viel thun?“
„Ich glaube nicht. Es ist vielleicht gerade bei ihm das
Charakteristische, beständig einer Beschäftigung zu bedürfen. Zum
Theil ist es ihm vielleicht angeboren, zum Theil eine Folge des
Seelenschmerzes. Je weniger er sich mit gesunden Dingen beschäftigte,
desto größer war die Gefahr, in eine ungesunde Richtung einzulenken. Er
hat es vielleicht selbst beobachtet und die Entdeckung gemacht.“
„Sie sind überzeugt, daß er sich nicht zu sehr anstrengt?“
„Ich glaube dessen ganz gewiß zu sein.“
„Lieber Manette, wenn er sich jetzt zu sehr anstrengte?“ --
„Lieber Lorry, ich bezweifle, daß dies leicht der Fall sein kann. Es
ist ein heftiger Zug nach einer Richtung gewesen und dieser bedarf
eines Gegengewichtes.“
„Entschuldigen Sie mich als zudringlichen Geschäftsmann. Nehmen wir für
einen Augenblick an, ~daß~ er sich zu sehr anstrengte; würde eine
Wiederkehr des Anfalls die Folge sein?“
„Ich glaube nicht... ich glaube nicht,“ sagte _Dr._ Manette mit
der Entschiedenheit des Ueberzeugtseins, „daß etwas Anderes als diese
eine Reihe von Ideenverbindungen ihn erneuern könnte. Ich glaube, daß
in Zukunft nur ein ganz ungewöhnliches Anschlagen dieser Saite ihn
erneuern kann. Nach dem, was geschehen ist, und nach seiner Genesung
kann ich mir nur sehr schwer eine so heftige Berührung dieser Saite
denken. Ich vertraue und glaube fast, daß die Umstände, unter denen der
Anfall wiederkehren könnte, erschöpft sind.“
Er sprach mit der Zurückhaltung eines Mannes, welcher weiß, welche
Kleinigkeit den künstlichen Organismus unseres Geistes in Unordnung
bringen kann, und doch mit der Zuversicht eines Mannes, der seine
Ueberzeugung langsam durch persönliche Leiden gewonnen hat. Es konnte
seinem Freunde nicht einfallen, diese Ueberzeugung zu erschüttern.
Er stellte sich getrösteter und ermuthigter, als er in Wirklichkeit
war, und kam jetzt auf den zweiten und letzten Punkt. Er fühlte, daß
es der schwierigste von allen war. Aber indem er sich an seine alte
Sonntagsmorgen-Unterredung und an Alles, was er in den letzten neun
Tagen gesehen, erinnerte, fühlte er, daß er ihn in Anregung bringen
~mußte~.
„Die Beschäftigung, der er sich unter der Herrschaft dieses so
glücklich geheilten Seelenleidens widmete,“ sagte Mr. Lorry mit einem
Räuspern, „war Schmiedearbeit, wollen wir sagen, Schmiedearbeit. Wir
wollen annehmen, um die Sache deutlich zu machen, daß er sich in seiner
schlimmen Zeit gewöhnt hatte, an einer kleinen Schmiede zu arbeiten.
Wir wollen sagen, daß man ihn unerwartet wieder an seiner Schmiede
gefunden. Ist es nicht zu beklagen, daß er sie bei sich behält?“
Der Doctor hielt die Hand vor die Augen und klopfte unruhig mit dem
Fuße auf den Boden.
„Er hat sie immer bei sich behalten,“ sagte Mr. Lorry mit einem bangen
Blick auf seinen Freund. „Wäre es aber nun nicht besser, wenn er sie
fortschaffte?“
Immer noch hielt der Doctor die Hand vor die Augen und klopfte mit dem
Fuß unruhig auf den Boden.
„Sie finden es nicht leicht, mir einen Rath zu ertheilen?“ sagte Mr.
Lorry. „Ich begreife wohl, daß es eine schwierige Frage ist. Und doch
meine ich“ -- und hier schüttelte er den Kopf und hielt inne.
„Sie sehen,“ sagte _Dr._ Manette nach einer Pause, „es ist sehr
schwierig, die Bewegungen zu erklären, welche im innersten Gemüthe
dieses armen Mannes sich geregt haben. Er sehnte sich mit so heißer
Leidenschaft nach dieser Beschäftigung und sie war ihm so willkommen
als sie kam; sie erleichterte jedenfalls seinen Schmerz so sehr
dadurch, daß sie ihn von der Qual des Nachdenkens über Vergangenheit
und Zukunft ablenkte, daß er seitdem den Gedanken nicht hat ertragen
können, sich ganz von ihr zu trennen. Selbst jetzt, wo -- wie ich
glaube -- er seine Sache für hoffnungsvoller hält, als je zuvor und von
sich sogar mit einer Art Zuversicht spricht, erfüllt ihn der Gedanke,
daß er die alte Beschäftigung brauchen und nicht bei der Hand haben
könnte mit einem plötzlichen Gefühl des Entsetzens gleich demjenigen,
was -- wie man sich vorstellen kann -- ein im Walde verirrtes Kind
empfindet.“
Er sah aus wie das Gleichniß, das er brauchte, als er die Augen erhob,
um Mr. Lorry anzusehen.
„Aber kann nicht -- bedenken Sie wohl, ich frage, um mich zu
unterrichten als ein einfacher Geschäftsmann, der nur mit so
materiellen Gegenständen wie Guineen, Schillingen und Banknoten zu thun
hat -- kann nicht das Beisichbehalten der Sache das Festhalten an dem
Gedanken nach sich ziehen? Wenn die Sache fortwäre, lieber Manette,
könnte da nicht auch die alte Furcht mit weichen? Kurz -- ist es nicht
eine Nachgiebigkeit an die Furcht, die Schmiede zu behalten?“
Es folgte eine andere Pause.
„Sie müssen auch wissen,“ sagte der Doctor mit zitternder Stimme, „daß
sie eine so alte Gefährtin ist.“
„Ich würde sie nicht behalten,“ sagte Mr. Lorry mit Kopfschütteln; denn
er wurde um so fester, jemehr er sah, daß der Doctor unruhig wurde.
„Ich würde rathen, sie zu opfern. Mir fehlt nur Ihre Erlaubniß. Ich bin
überzeugt, daß es nicht gut thut. Ich bitte Sie, geben Sie mir Ihre
Erlaubniß! -- Um seiner Tochter willen, lieber Manette.“
Es war sehr seltsam anzusehn, welch’ ein innerlicher Kampf ihn
erschütterte.
„Gut, so mag es in Ihrem Namen geschehen; ich gebe meine Einwilligung.
Aber ich würde sie nicht wegnehmen während seiner Anwesenheit. Ich
rathe, sie zu entfernen, wenn er nicht da ist; das Beste ist, er
vermißt seine alte Begleiterin, wenn er von einer Reise wiederkehrt.“
Mr. Lorry machte sich dazu verbindlich und die Conferenz hatte ein
Ende. Sie verbrachten den Tag auf dem Lande und der Doctor war ganz
wieder hergestellt. An den drei folgenden Tagen blieb er ganz derselbe
und am vierzehnten Tage reiste er ab, um sich zu Lucien und ihrem
Gatten zu begeben. Mr. Lorry hatte ihm vorher auseinandergesetzt,
welche kleine Täuschung er sich erlaubt hatte, um sein Schweigen zu
erklären und er schrieb in diesem Sinne an Lucie und sie schöpfte
keinen Verdacht.
Am Abend des Tags seiner Abreise begab sich Mr. Lorry mit einem
Hackmesser, einer Säge, einem Meißel und einem Hammer, begleitet von
Miß Proß mit einer brennenden Kerze, in des Doctors Zimmers. Dort bei
geschlossenen Thüren und in geheimnißvoller und schuldbewußter Weise
zerhackte Mr. Lorry die Schusterbank, während Miß Proß die Kerze hielt,
als ob sie Gehülfin bei einem Morde wäre -- wozu in der That ihr
grimmiges Gesicht nicht schlecht paßte. Darauf schritt man ohne Verzug
zum Verbrennen der Stücke an’s Küchenfeuer, und das Arbeitszeug, die
Schuhe und das Leder wurden im Garten begraben. So böse erscheinen
Zerstörungen und Geheimthun ehrlichen Gemüthern, daß Mr. Lorry und
Miß Proß während der Ausführung ihrer That und des Wegschaffens ihrer
Spuren fast wie Theilnehmer an einem schrecklichen Verbrechen sich
fühlten und auch so aussahen.
[Illustration: ~Die Mitschuldigen.~]
Zwanzigstes Kapitel.
Eine Bitte.
Als das junge Ehepaar von seiner Reise zurückkehrte, war der Erste,
der mit seinen Glückwünschen sich einstellte, Sydney Carton. Sie waren
noch nicht viele Stunden zu Hause, als er erschien. Weder in seinen
Lebensgewohnheiten, noch in seinem Aussehen, noch in seinen Manieren
hatte er sich gebessert; aber er hatte ein gewisses Aussehen rauher
Treue, welches Charles Darnay noch nicht an ihm beobachtet hatte. Er
benutzte eine Gelegenheit, um Darnay bei Seite in ein Fenster zu nehmen
und mit ihm zu reden, wo es Niemand hörte.
„Mr. Darnay,“ sagte Carton, „ich wünschte, wir wären Freunde.“
„Wir sind schon Freunde, hoffe ich.“
„Sie sind gütig genug, dies als bloße Redeformel zu sagen; aber ich
meine keine Redeform. In der That aber, wenn ich sage, ich wünschte wir
wären Freunde, so meine ich eigentlich auch das nicht so ganz.“
Charles Darnay, wie das nur natürlich war, fragte ihn in aller
Freundlichkeit, was er meine?
„Wahrhaftig,“ sagte Carton mit einem Lächeln, „ich finde viel leichter
das selbst zu begreifen, als es Ihnen begreiflich zu machen. Aber
ich will es versuchen. Sie erinnern sich an eine gewisse famose
Gelegenheit, wo ich betrunkener war, als -- als gewöhnlich.“
„Ich erinnere mich an eine gewisse famose Gelegenheit, wo Sie mich
zwangen zu gestehen, daß Sie getrunken hatten.“
„Ich erinnere mich auch daran. Der Fluch dieser Gelegenheit liegt
schwer auf mir, denn ich denke immer daran zurück. Ich hoffe, es wird
mir eines Tages, wenn alle Tage für mich zu Ende sind, angerechnet
werden! -- Werden Sie nicht unruhig; ich will keine Predigt halten.“
„Ich werde gar nicht unruhig. Es kann mich durchaus nicht beunruhigen,
wenn Sie Etwas ernst auffassen.“
„Ach!“ sagte Carton mit einer gleichgültigen Bewegung der Hand, als
ob er dies wegstreifte. „Bei der fraglichen Gelegenheit (eine von
einer langen Reihe -- wie Sie wissen) war ich unerträglich mit einem
Geschwätz von: Sie gern haben und nicht gern haben. Ich wünschte, Sie
könnten es vergessen.“
„Ich habe es längst vergessen.“
„Wieder eine bloße Redeform! Aber, Mr. Darnay, mir fällt das Vergessen
nicht so leicht, wie Sie es bei sich darstellen wollen. Ich habe es
keineswegs vergessen und eine meine Worte leicht hinnehmende Antwort
trägt nichts dazu bei, es mich vergessen zu machen.“
„Wenn Sie meine Antwort für leichthin gegeben halten, so bitte ich
um Verzeihung,“ sagte Darnay. „Ich wollte nur von einer Kleinigkeit
abkommen, die Ihnen zu meiner Verwunderung zu schwer auf der Seele
liegt. Ich erkläre Ihnen auf das Wort eines Gentleman, daß ich die
Sache längst vergessen habe. Guter Gott! was war dabei zu vergessen?
Hatte ich in dem großen Dienste, den Sie mir an jenem Tage leisteten,
nichts Wichtigeres zu behalten?“
„Was den großen Dienst betrifft,“ sagte Carton, „so fühle ich mich
verpflichtet, Ihnen zu gestehen, wenn Sie in dieser Weise davon reden,
daß es ein bloßer Advocaten-Effect war. Ich weiß nicht, daß ich mich
bekümmerte was aus Ihnen würde, als ich Ihnen diesen Dienst leistete.
-- Merken Sie wohl! Ich sage: Als ich ihn leistete; ich spreche von der
Vergangenheit.“
„Sie stellen die Verpflichtung als sehr leicht dar; aber ich will nicht
über Ihre Antwort böse sein.“
„Die reine Wahrheit, Mr. Darnay, glauben Sie mir! Doch ich bin von
meinem Zwecke abgekommen; ich sagte: ich wünschte, wir möchten Freunde
sein; nun kennen Sie mich: Sie wissen, daß ich aller höheren und
besseren Bestrebungen unfähig bin. Wenn Sie es bezweifeln, so fragen
Sie Stryver und er wird es Ihnen sagen.“
„Ich ziehe vor, mir meine eigene Meinung zu bilden, ohne ihn zu Hülfe
zu nehmen.“
„Gut! Jedenfalls wissen Sie, daß ich ein liederlicher Mensch bin, der
nie zu etwas Gutem nütze gewesen ist und sein wird.“
„Ich weiß nicht, was Sie ~sein werden~.“
„Aber ich weiß es und Sie müssen mein Wort dafür nehmen. Gut: Wenn es
Ihnen Nichts ausmacht, einen so nutzlosen Kerl und einen Kerl von so
zweideutigem Rufe gelegentlich hier ab- und zugehen zu sehen, so bitte
ich, mir zu erlauben, daß ich als privilegirte Person hier kommen und
gehen darf; daß man mich als ein nutzloses (und ich würde hinzusetzen,
wenn ich nicht eine Aehnlichkeit zwischen mir und Ihnen entdeckt hätte:
als ein nicht zur Zierde gereichendes) Stück Möbel betrachtete, das
alter Dienste wegen geduldet und nicht weiter beachtet wird. Ich glaube
nicht, daß ich die Erlaubniß mißbrauchen werde. Ich wette hundert gegen
Eins, daß ich sie schwerlich viermal des Jahres benutze. Aber ich
gestehe, es würde mir eine Befriedigung sein zu wissen, daß ich sie
hätte.“
„Wollen Sie’s versuchen?“
„Das heißt mit andern Worten: daß Sie mich ganz so betrachten wollen,
wie ich’s wünsche. Ich danke Ihnen, Darnay. Ich darf mir diese Freiheit
mit Ihrem Namen erlauben?“
„Ich sollte meinen, Carton.“
Sie schüttelten sich darauf die Hand und Sydney wendete sich weg. Eine
Minute später war er allem äußeren Anschein nach so sehr ein bloßes
Nebenstück wie je. Als er fort war und im Verlauf eines mit Miß Proß,
dem Doctor und Mr. Lorry zugebrachten Abends erwähnte Charles Darnay
diese Unterredung in allgemeinen Andeutungen und sprach von Sydney
Carton als ein Räthsel der Sorglosigkeit und Unbekümmertheit um die
Zukunft. Er sprach nicht von ihm in bitteren oder tadelnden Ausdrücken,
sondern wie Jemand, der ihn sah, wie er sich zeigte.
Er hatte keine Ahnung, daß seine hübsche junge Gattin sich darüber
Gedanken machen würde; aber als er später in ihr Zimmer zu ihr kam,
wartete sie auf ihn mit dem alten hübschen sinnenden Ausdruck auf der
Stirn.
„Wir machen uns heute Abend Gedanken?“ -- sagte Darnay, indem er seinen
Arm um sie legte.
„Ja, liebster Charles,“ gab sie ihm zur Antwort, indem sie ihn fragend
und aufmerksam ansah; „wir sind ziemlich nachdenklich heute Abend, denn
wir haben Etwas auf dem Herzen.“
„Was ist es, liebe Lucie!“
„Willst Du mir versprechen, mich nicht mit einer Frage zu bedrängen,
wenn ich Dich bitte, sie nicht zu stellen?“
„Ob ich es versprechen will? Was würde ich nicht meiner Lucie
versprechen?“
Ja, wahrhaftig! was hätte er ihr versagen können, wie er ihr mit der
einen Hand das goldne Haar von der Wange zurückstrich und die andere
auf das Herz legte, das für ihn schlug!
„Ich glaube, Charles, der arme Mr. Carton verdient mehr Rücksicht und
Achtung, als sich in den Worten, die Du heute von ihm brauchtest,
aussprach.“
„Wahrhaftig, mein Herz? Wie so?“
„Das ist eben das, was Du mich nicht fragen sollst. Aber ich glaube --
ich weiß, er verdient es.“
„Wenn Du es weißt, so genügt es. Was verlangst Du von mir, mein Leben?“
„Ich wollte Dich bitten, Liebster, immer sehr entgegenkommend gegen ihn
zu sein und sehr nachsichtig mit seinen Fehlern, wenn er nicht dabei
ist. Ich wollte Dich bitten zu glauben, daß er ein Herz hat, das er
selten, sehr selten zeigt und daß tiefe Wunden darin sind. Geliebter,
ich habe es bluten sehen.“
„Es schmerzt mich tief,“ sagte Charles ganz erstaunt, „daß ich ihm
irgendwie Unrecht gethan habe. Ich habe dies nie von ihm gedacht.“
„Lieber Mann, es ist so. Ich fürchte, er ist nicht anders zu machen;
es ist kaum zu hoffen, daß in seinem Charakter oder in seinen
Vermögensverhältnissen noch etwas zu bessern ist. Aber ich bin
überzeugt, daß er des Guten und selbst des Edeln und Großherzigen fähig
ist.“
Sie sah in der Reinheit ihres Glaubens an diesen verlornen Menschen so
schön aus, daß ihr Gatte sie jetzt stundenlang hätte anblicken können.
„Und ach! mein Herz,“ bat sie, indem sie ihn fester umschlang, das
Köpfchen an seine Brust legte und zu ihm emporblickte, „vergiß nicht,
wie stark wir sind in unserem Glück und wie schwach er ist in seinem
Elend.“
Die Bitte drang ihm in’s Herz.
„Ich werde es nie vergessen, liebes Herz! Ich werde es nie vergessen,
so lange ich lebe.“
Er beugte sich zu ihr hernieder, küßte den rosigen Mund und schloß
sie fest in seine Arme. Wenn ein einsamer Wanderer durch die dunkeln
Straßen jetzt ihr unschuldiges Bekenntniß hätte hören und die
Mitleidsthränen hätte sehen können, welche ihr Gemahl von dem sanften
blauen Auge wegküßte, die ihn so liebevoll ansahen, so hätte nicht zum
erstenmale sein Mund die Worte gesprochen:
„Gott segne sie ihres holdseligen Mitleids willen!“
Einundzwanzigstes Kapitel.
Wiederhallende Schritte.
Wie schon gesagt, war es eine wunderbare Ecke für Echo’s -- die Ecke,
wo der Doctor wohnte. Immer geschäftig den goldnen Faden aufrollend,
der ihren Gatten und ihren Vater und sie und ihre alte Haushälterin
und Gefährtin zu einem Leben ruhigen Glücks verband, saß Lucie in dem
stillen Hause in der gedämpft wiederhallenden Ecke und lauschte dem
Wiederhalle der Schritte von Jahren.
Zuerst gab es Zeiten, wo ihr -- obgleich sie sich vollkommen glücklich
als junge Gattin fühlte -- langsam die Arbeit aus den Händen sank und
ihre Augen sich trübten; denn es kam etwas in Echo’s, ein leichtes
Trippeln aus weiter Ferne -- fast noch nicht hörbar, was ihr Herz zu
sehr erzittern machte. Aufgeregte Hoffnungen und Zweifel -- Hoffnungen
auf eine Liebe, wie sie ihr noch unbekannt war, -- Zweifel, ob sie auf
der Erde bleiben würde, um dieses neue Glück zu genießen, stritten sich
in ihrer Brust. Unter den Echo’s klang es dann manchmal wie der Schall
von Schritten an ihrem eignen frühen Grabe, und der Gedanke an den
Gatten, der alsdann so allein zurückbleiben und sie so sehr bedauern
würde, füllte ihre Augen mit heißen Thränen.
Diese Zeit ging vorüber und eine kleine Lucie lag an ihrer Brust.
Dann vernahm man unter den nahenden Echo’s den Schall ihrer kleinen
Füßchen und ihrer kindlich plaudernden Stimme. Mögen stärkere Echo’s
noch so voll erschallen, -- diese hörte die junge Mutter an der Wiege
immer kommen. Sie kamen, und das schattige Haus wurde sonnig von dem
fröhlichen Lachen des Kindes und der göttliche Kinderfreund, dem sie
in ihren Sorgen das ihrige anvertraut hatte, schien das Kind in seine
Arme zu nehmen, wie er die Kinder vor Zeiten nahm, und machte es ihr zu
einer heiligen Freude.
Immer geschäftig den goldenen Faden aufrollend, der sie Alle
zusammenband, und freundliches Glück überall verbreitend, wohin sie
blickte, hörte Lucie in den Echo’s von Jahren nur wohlthuende und
tröstende Klänge. Der Schritt ihres Mannes klang kräftig und glücklich
unter ihnen; der ihres Vaters fest und gleichmäßig; ja selbst Miß
Proß, im Geschirr von Bindfaden, weckt den Wiederhall als feuriges Roß
mit der Peitsche gezüchtigt, schnaubend und die Erde stampfend, unter
der Platane im Garten! Selbst wenn man unter den übrigen Klänge des
Schmerzes vernahm, waren sie nicht bitter und verzweifelnd. Selbst wenn
goldenes Haar, wie ihr eigenes, wie ein Glorienschein auf einem Kissen
um das abgezehrte Gesicht eines Knaben lag und er mit strahlendem
Lächeln sagte: „Lieber Papa und liebe Mama! es schmerzt mich sehr, Euch
Beide zu verlassen und meine hübsche Schwester; aber man ruft mich
und ich muß fort!“ -- so waren es nicht lauter Thränen des Schmerzes,
welche die Wangen der jungen Mutter benetzten, als die kindliche Seele
von ihr schied. Man dulde sie und verbiete sie nicht. „Sie sehen meines
Vaters Antlitz.“ O Vater! gesegnete Worte!