„Nein. Das war etwas Anderes. Es stand vor meinem gestörten

Gesichtssinn, aber es bewegte sich nie. Das Phantom, welchem mein

Geist nachging, war ein anderes und mehr der Wirklichkeit angehörendes

Kind. Von seiner äußern Erscheinung weiß ich weiter nichts, als daß es

ein Ebenbild seiner Mutter war. Die andere Gestalt sah eben so aus --

wie du auch -- aber sie war nicht dieselbe. Kannst Du mich begreifen,

Lucie? Wohl kaum? Ich glaube fast, du hättest ein einsamer Gefangener

sein müssen, um diese subtilen Unterschiede zu verstehen.“

Sein gesammeltes und ruhiges Wesen konnte nicht verhindern, daß sie

ein Schauer überlief, wie er so versuchte, seine alten Stimmungen zu

zergliedern.

„In dieser friedlichern Stimmung habe ich mir sie im Mondschein

gedacht, wie sie zu mir kam und mich fortführte, um mir zu zeigen, daß

ihr häusliches Leben als Gattin voll liebreicher Erinnerungen an ihren

Vater war. Mein Bildniß hing in ihrem Zimmer und sie schloß mich in ihr

Gebet ein. Sie führte ein thätiges, freudiges und nützliches Leben;

aber mein unglückliches Schicksal ward darüber nie vergessen.“

„Ich war dieses Kind, lieber Vater. Ich war nicht halb so gut; aber in

meiner Liebe war ich es.“

„Und sie zeigte mir ihre Kinder,“ sagte der Arzt von Bauveais, „und

sie hatten von mir erzählen hören, und man hatte sie gelehrt, mich

zu bemitleiden. Wenn sie vor einem Staatsgefängniß vorbeigingen,

hielten sie sich fern von seinen dräuenden Mauern und blickten zu dem

vergitterten Fenster hinauf und sprachen nur flüsternd. Sie konnte mich

nie befreien; ich bildete mir immer ein, daß sie mich zurückbrächte,

nachdem sie mir alle diese Dinge gezeigt hatte, aber alsdann sank ich,

durch heiße Thränen erleichtert, auf meine Knie und segnete sie.“

„Ich bin das Kind, hoffe ich, geliebter Vater. Ach Herzensvater, willst

du mich eben so innig für den morgenden Tag segnen?“

„Lucie! ich rufe diese alten Stimmungen zurück, weil ich heute Grund

habe, dich inniger zu lieben, als Worte sagen können, und Gott für mein

großes Glück zu danken. Meine Gedanken, auch wenn sie sich am höchsten

verstiegen, sind nie dem Glücke nahe gekommen, das ich bei Dir gekannt

habe und das unsrer wartet.“

Er umarmte sie, empfahl sie feierlichst dem Himmel und dankte diesem

demüthig, daß er sie ihm geschenkt habe. Bald darauf gingen sie in’s

Haus.

Es war Niemand zur Trauung eingeladen als Mr. Lorry; es war nicht

einmal eine andere Brautjungfer da, als die unschöne Miß Proß. Die

Verheirathung sollte keine Veränderung in ihrem Wohnorte nach sich

ziehen; durch Miethung der obern Räume, die früher dem apokryphischen

unsichtbaren Miethsmann gehörten, hatten sie sich im Stande gesehen,

die Wohnung zu vergrößern und mehr wünschten sie nicht.

_Dr._ Manette war während des bescheidenen Abendessens sehr

heiter. Nur drei Personen waren bei Tisch und Miß Proß war die dritte.

Er bedauerte, daß Charles nicht da war; war mehr als halb geneigt,

Einwendungen gegen die wohlgemeinte kleine Verschwörung, welche ihn

fernhielt, zu machen, und trank liebevoll auf seine Gesundheit.

So kam für ihn die Zeit, Lucien gute Nacht zu sagen, und sie trennten

sich. Aber in der Stille der dritten Morgenstunde kam Lucie wieder

herunter und schlich sich in sein Zimmer -- nicht frei von unbestimmten

Besorgnissen. Alles war ruhig; und er schlummerte, das weiße Haar

malerisch über das Kissen ausgebreitet und die Hände ruhig auf der

Decke liegend. Das Licht, welches sie nicht brauchte, stellte sie in

eine ferne Ecke in den Schatten, trat dann an das Bett und drückte ihm

einen Kuß auf die Lippen; dann blieb sie über ihn gebeugt stehen und

betrachtete ihn.

In seinem schönen Gesicht hatten die bittern Thränen der Gefangenschaft

Spuren zurückgelassen; aber er deckte sie mit so entschiedenem

Willen zu, daß sie sich selbst in seinem Schlummer nicht verriethen.

Ein merkwürdigeres Gesicht in seinem ruhigen, entschlossenen und

vorsichtigen Kampf mit einem unsichtbaren Gegner war in den ganzen

weiten Reichen des Schlummers in dieser Nacht nicht zu finden.

Sie legte schüchtern ihre Hand auf die geliebte Brust und sprach ein

Gebet, daß sie immer so treu an ihm halten möchte, als ihre Liebe sich

sehnte und seine Leiden verdienten. Dann zog sie ihre Hand zurück,

küßte ihn noch einmal auf den Mund und ging. So kam der Sonnenaufgang

und die Schatten von dem Laube der Platane bewegten sich auf seinem

Gesicht so leise, wie sich ihre Lippen für ihn betend bewegt hatten.

Achtzehntes Kapitel.

Neun Tage.

Der Hochzeitstag fing mit hellem Sonnenschein an und sie standen Alle

fertig vor der geschlossenen Thür von dem Zimmer des Doctors, wo er

mit Charles Darney sprach. Sie standen im Begriff, nach der Kirche zu

gehen; die schöne Braut, Mr. Lorry und Miß Proß -- für welche Letztere

das Ereigniß durch ein allmähliches Aussöhnen mit dem Unvermeidlichen

unbedingte Seligkeit gewesen wäre, ohne die im Hintergrund ihres

Geistes lauernde Erwägung, daß ihr Bruder Salomo der Bräutigam hätte

sein sollen.

„Also dazu,“ sagte Mr. Lorry, welcher die Braut nicht genug bewundern

konnte und um sie herumgegangen war, um sie in ihrem einfachen hübschen

Anzuge von jeder Seite recht ordentlich anzusehen -- „also dazu,

meine liebe Lucie, habe ich Sie als ganz kleines Kind über den Kanal

gebracht! Du meine Güte! Wie wenig dachte ich mir damals, was ich that.

Wie wenig ahnete ich das hohe Verdienst, welches ich mir um meinen

Freund, Mr. Charles, erwarb.“

„Sie beabsichtigten es nicht,“ bemerkte die prosaische Miß Proß, „und

wie konnten Sie es wissen? Unsinn!“

„Wirklich? Gut denn; aber weinen Sie nicht,“ sagte der sanfte Mr. Lorry.

„Ich weine nicht,“ sagte Miß Proß; „Sie weinen.“

„Ich, meine gute Proß?“ (Mr. Lorry war jetzt so weit gekommen,

gelegentlich mit ihr scherzen zu dürfen).

„Sie weinten eben noch; ich habe es gesehen und wundere mich nicht

darüber; ein solches Geschenk von Silberzeug -- wie Ihres -- reicht

hin, um in jedes Auge Thränen zu bringen. Es ist keine Gabel und kein

Löffel im Kasten,“ meinte Miß Proß, „über den ich gestern Abend, wie

das Silberzeug ankam, nicht geweint hätte, bis ich nicht mehr sehen

konnte.“

„Ich fühle mich sehr geschmeichelt,“ sagte Mr. Lorry, „obgleich ich --

auf Ehre! -- nicht die Absicht hatte, diese kleinen Erinnerungszeichen

irgend Jemandem unsichtbar zu machen. Mein Gott! das ist eine

Gelegenheit, welche Einen über Alles, was man verloren hat, nachdenken

macht. Gott, Gott, Gott! zu denken, daß es jeden Tag seit fast funfzig

Jahren eine Mrs. Lorry hätte geben können!“

„Durchaus nicht!“ warf Miß Proß ein.

„Sie meinen, es hätte nie eine Mrs. Lorry geben können?“ fragte der

Herr dieses Namens.

„Bah!“ entgegnete Miß Proß; „Sie waren schon in der Wiege ein

Hagestolz.“

„Na, auch das klingt wahrscheinlich,“ bemerkte Mr. Lorry, indem er die

Perrücke über dem freundlichen Gesicht zurecht rückte.

„Und Sie waren zum Hagestolz bestimmt“ fuhr Miß Proß fort, „ehe Sie in

die Wiege gelegt wurden.“

„Dann meine ich“ sagte Mr. Lorry, „bin ich höchst schäbig behandelt

worden, und hätte man mir doch wenigstens eine Stimme bei der Wahl

meiner zukünftigen Stellung gestatten sollen. Genug! Nun, meine liebe

Lucie“ sagte er, indem er beruhigend den Arm um sie legte, „ich höre

im nächsten Zimmer, daß sie kommen und Miß Proß und ich, als zwei

förmliche Geschäftsleute, möchten gern die letzte Gelegenheit benutzen,

um Ihnen etwas zu sagen, was Ihrem Herzen gut thun wird. Sie lassen

Ihren guten Vater in Händen zurück, welche für sein Wohl so ernstlich

und liebevoll, wie Sie selbst, sorgen werden; es soll alle mögliche

Rücksicht auf ihn genommen werden; während der nächsten vierzehn

Tagen, wo Sie in Warwickshire, oder dessen Nachbarschaft sind, müssen

selbst Tellsons vergleichsweise vor Ihnen zurücktreten. Und wenn nach

Ablauf dieser vierzehn Tage er zu Ihnen und zu Ihrem geliebten Gatten

kommt, um Ihnen während der andern vierzehn Tage in Wales Gesellschaft

zu leisten, sollen Sie sagen, daß wir Ihnen denselben in der besten

Gesundheit und der glücklichsten Stimmung geschickt haben. Jetzt höre

ich Jemandes Schritt sich der Thüre nähern. Gestatten Sie mir, ein

geliebtes Kind mit einem altmodischen Hagestolzsegen zu küssen, bevor

dieser Jemand Sie für sich in Anspruch nimmt.“

Einen Augenblick lang hielt er das liebliche Gesicht zwischen den

beiden Händen, um sich noch einmal den wohlbekannten Ausdruck auf

der Stirn zu betrachten, und legte dann das schöne goldne Haar an

seine kleine braune Perrücke mit einer ächt innigen Liebe und einem

Zartgefühl, welche, wenn solche Dinge altmodisch sind, so alt waren wie

Adam.

Die Thür von des Doctors Zimmer ging auf und er trat mit Charles Darnay

heraus. Er war so todtenbleich -- was nicht der Fall gewesen war, als

sie mit einander in das Zimmer gegangen waren -- daß man auf seinem

Gesichte auch keine Spur von Farbe sah. Aber in der Gefaßtheit seines

Wesens war er unverändert, außer daß dem scharfen Blick Mr. Lorry’s

eine schattenhafte Andeutung nicht unbemerkt blieb, daß der alte

Ausdruck scheuen Zurückweichens und bangen Grauens vor Kurzem über ihn

hinweggegangen war wie ein kalter Wind.

Er gab seiner Tochter den Arm und führte sie die Treppe hinab an den

Wagen, den Mr. Lorry zu Ehren des Tages gemiethet hatte. Die Uebrigen

folgten Alle in einem zweiten Wagen, und bald waren in einer nahen

Kirche, wo keine fremden Augen neugierig zuschauten, Charles Darnay und

Lucie Manette zu einem glücklichen Ehepaare vereint.

Außer den herben Thränen, welche durch das Lächeln der wenigen

Versammelten glänzten, als die Ceremonie vorbei war, funkelten einige

schöne Juwelen -- kaum erlöst aus der finstern Nacht einer der Taschen

Mr. Lorry’s -- an der Hand der Braut. Sie kehrten zum Frühstück nach

Hause zurück und Alles ging gut, und im gehörigen Verlauf der Zeit

mischte sich das goldne Haar, das sich in der Dachstube in Paris unter

die silbernen Locken des Schuhmachers gemengt hatte, wieder mit ihnen

im Morgensonnenschein auf der Thürschwelle bei’m Scheidegruß.

Es war ein schwerer Abschied, obgleich nicht auf lange Zeit. Aber ihr

Vater tröstete sie und sagte endlich, indem er sich sanft aus ihren

Armen losmachte: „Nehmen Sie sie, Charles! Sie ist die Ihrige!“ Und

aufgeregt winkte ihm ihre Hand noch aus dem Kutschenfenster zu -- und

sie war fort!

Da die stille Ecke kein Sammelplatz der Unbeschäftigten und Neugierigen

war und die Vorbereitungen sehr einfach gewesen waren, blieben der

Doctor, Mr. Lorry und Miß Proß ganz allein zurück. Als sie in den

willkommenen Schatten der kühlen alten Halle zurückkehrten, bemerkte

Mr. Lorry, daß eine große Veränderung in dem Doctor vorgegangen, als

ob der dort emporgehobene goldene Arm ihm einen vergifteten Streich

versetzt hätte.

Er hatte sich natürlich großen Zwang angethan und darauf war ein

Rückschlag nur zu erwarten. Aber es war der alte scheue verlorene

Blick, der Mr. Lorry beunruhigte; und als sie oben angekommen waren

und der Doctor in zerstreuter Weise sich an den Kopf griff und

niedergedrückt und schlaff in sein Zimmer schlich, mußte Mr. Lorry an

Defarge, den Weinschenken, und die Fahrt durch die sternenhelle Nacht

denken.

„Ich glaube“ flüsterte er Miß Proß nach reiflicher und sorgenerfüllter

Ueberlegung zu, „ich glaube, es ist das Beste, wir reden ihn jetzt gar

nicht an und stören ihn überhaupt nicht. Ich muß einmal nach Tellsons

sehen; ich werde daher jetzt hingehen und gleich wieder da sein. Dann

machen wir eine Spazierfahrt auf’s Land, essen dort und Alles wird

wieder gut sein.“

Es war leichter für Mr. Lorry zu Tellsons hin zu gehen, als wieder

von ihnen weg zu kommen. Er wurde zwei Stunden dort festgehalten. Als

er zurückkehrte, ging er allein die alte Treppe hinauf ohne sich mit

Nachfragen bei dem Diener aufzuhalten, trat in das Zimmer des Doctors

und blieb erschrocken stehn, als er ein dumpfes Klopfen hörte.

„Guter Gott!“ sagte er, „was ist das?“

Mit bleichem Gesicht stand Miß Proß neben ihm. „O Gott! o Gott!

Alles ist verloren!“ -- rief sie händeringend. „Was soll ich meinem

Herzblättchen sagen? Er kennt mich nicht und macht Schuhe!“

Mr. Lorry bemühte sich, sie zu beruhigen und ging selbst in das nächste

Zimmer. Die Bank war dem Lichte zugekehrt wie damals, wo er zuerst den

Schuhmacher hatte arbeiten gesehen. Er hatte den Kopf über die Arbeit

gebeugt und war sehr fleißig.

„_Dr._ Manette! Lieber Freund! _Dr._ Manette!“

Der Doctor sah einen Augenblick zu ihm auf -- halb fragend, halb als

ob es ihn ärgerte, angeredet zu werden -- und beugte sich wieder

über seine Arbeit. Er hatte Rock und Weste abgelegt; das Hemd war

vorn offen, wie immer, wenn er sich mit dieser Arbeit beschäftigte,

und selbst das alte hohlwangige welke Gesicht war wieder da. Er

arbeitete angestrengt -- ungeduldig -- als ob er einigermaßen fühlte,

unterbrochen worden zu sein.

Mr. Lorry warf einen Blick auf die Arbeit, die er unter der Hand hatte,

und bemerkte, daß es ein Schuh von der alten Größe und Form war. Er

nahm den andern, der neben dem Arbeitenden lag und fragte diesen was es

sei.

„Ein Promenadenschuh für eine junge Dame“ brummte er vor sich hin ohne

aufzublicken. „Er sollte längst fertig sein. Lassen Sie ihn liegen.“

„Aber _Dr._ Manette! -- Sehen Sie mich an.“

Er gehorchte in der alten mechanischen unterwürfigen Weise, ohne sich

in der Arbeit zu unterbrechen.

„Sie kennen mich, bester Freund? Besinnen Sie sich. Dies ist nicht Ihre

wahre Beschäftigung. Besinnen Sie sich, werther Freund!“

Nichts konnte ihn bewegen, wieder zu sprechen. Er blickte auf, aber nur

eine Sekunde lang, wenn man es verlangte; aber keine Ueberredungskunst

vermochte ihm ein Wort abzupressen. Er arbeitete, arbeitete und

arbeitete stumm fort; Worte machten auf ihn denselben Eindruck,

wie auf einen Menschen ohne Gehör oder auf die Luft. Der einzige

Hoffnungsstrahl, den Mr. Lorry entdecken konnte, war, daß er manchmal

verstohlen aufblickte ohne aufgefordert zu werden. Darin schien sich

eine schwache Regung von Neugier und Verlegenheit auszudrücken -- als

ob er versuchte, einige innerliche Zweifel mit einander zu versöhnen.

Zweierlei prägte sich Mr. Lorry sofort vor allem Andern ein; erstens,

daß dies vor Lucien geheim gehalten werde, und zweitens, daß es Allen

seinen Bekannten ein Geheimniß bleiben müsse. Im Verein mit Miß Proß

that er sofort Schritte, um für letzteres zu sorgen, indem er den

Nachfragenden sagen ließ, der Doctor sei nicht wohl, und bedürfe

einige Tage vollständigste Ruhe. Um den gutgemeinten Betrug, der an

der Tochter verübt werden sollte, zu unterstützen, sollte Miß Proß ihr

melden, daß er zu einer Consultation auf einige Tage verreist sei,

und sich dabei auf einen fingirten Brief von zwei oder drei Zeilen

beziehen, den er selbst mit derselben Post an sie abgeschickt.

Diese Maßregeln, die in jedem Falle rathsam waren, ergriff Mr. Lorry

in der Hoffnung, daß er sich wieder erholte. Geschah dies bald, so

hatte er noch einen andern Ausweg im Rückhalte, nämlich eine gewisse

Autorität die er für die beste hielt, über des Doctors Fall zu Rathe zu

ziehen.

In der Hoffnung auf seine Genesung, und weil alsdann der dritte Weg

möglich ward, beschloß Mr. Lorry ihn sorgfältig, mit so wenig Aufsehen

als dabei möglich war, zu beobachten. Er traf daher Einrichtung, zum

ersten Mal in seinem Leben von Tellsons wegbleiben zu können, und bezog

seinen Posten bei dem Fenster in demselben Zimmer.

Die Entdeckung ließ nicht lange auf sich warten, daß es schlimmer und

unnütz war, ihn anzureden, da er, wenn man ihn drängte, unruhig und

ärgerlich wurde. Er gab schon den ersten Tag diesen Versuch auf und

beschloß, für alle Fälle fortwährend vor seinen Augen zu bleiben, als

stummer Verwahrung gegen die Täuschung, in die er verfallen, oder

verfiel. Er blieb daher auf seinem Platz in der Nähe des Fensters,

mit Lesen und Schreiben beschäftigt, und in so mannichfaltiger und

natürlicher Weise als er ersinnen konnte, zu verstehen gebend, daß er

sich an einem Jedermann zugänglichen Ort befinde.

_Dr._ Manette nahm an diesem ersten Tage Speise und Trank an,

wie sie ihm gereicht wurden, und arbeitete fort bis es zu finster

ward um zu sehen -- arbeitete noch als schon seit einer halben Stunde

Mr. Lorry um keinen Preis im Stande gewesen wäre, noch zu lesen oder

zu schreiben. Als er sein Handwerkszeug als nutzlos bis zum Morgen

hinlegte, stand Mr. Lorry auf und sagte zu ihm:

„Wollen Sie ausgehen?“

Er blickte rechts und links neben sich auf den Fußboden, blickte auf,

und wiederholte mit gedämpfter Stimme, alles in der alten Weise:

„Ausgehen!“

„Ja; wir wollen zusammen spazieren gehen; warum nicht?“

Er machte keine Anstrengung zu sagen warum nicht, und sprach kein

Wort weiter. Aber Mr. Lorry glaubte zu bemerken, wie er sich in der

Dämmerung, mit dem Ellenbogen auf den Knien und mit dem Kopfe in den

Händen auf seiner Bank vorbeugte, und in einer verwirrten Weise fragte:

„Warum nicht?“ Der Scharfblick des Geschäftsmanns bemerkte hier einen

Vortheil und beschloß weiter darauf zu bauen.

Miß Proß und er theilten die Nacht in zwei Wachen und beobachteten ihn

von Zeit zu Zeit von dem anstoßenden Zimmer aus. Er ging lange Zeit,

ehe er sich hinlegte, auf und ab, aber als er sich niederlegte, schlief

er ein. Des Morgens stand er frühzeitig auf, ging geraden Wegs nach

seiner Bank und arbeitete.

An diesem zweiten Tage grüßte ihn Mr. Lorry beim Namen, und redete zu

ihm von Gegenständen, die ihm in der letzten Zeit geläufig gewesen.

Er gab keine Antwort, aber es war klar, daß er hörte was man sagte,

und daß er darüber nachdachte, wenn auch verwirrt. Dies ermuthigte

Mr. Lorry, mehrere Mal des Tags auch Miß Proß mit ihrer Arbeit in

der Stube anwesend sein zu lassen, wo sie dann von Lucien und ihrem

anwesenden Vater ganz ruhig und als ob nichts geschehen wäre, sprachen.

Dies geschah still, und frei von aller Auffälligkeit, welche ihn hätte

etwa beunruhigen können; und es erleichterte Mr. Lorry’s wohlwollendes

Herz zu glauben, daß er öfters aufschaute, und daß ihm dabei

einige Unverträglichkeiten der Umgebung mit den ihn beherrschenden

Vorstellungen aufzufallen schienen.

Als es wieder dunkel ward, fragte ihn Mr. Lorry wie am Tage vorher:

„Wollen Sie ausgehen?“

Wie früher gab er zur Antwort: „Ausgehen?“

„Ja, wir wollen zusammen spazieren gehen. Warum nicht?“

Da auch diesmal Mr. Lorry keine Antwort bekommen konnte, stellte er

sich als ob er ausginge, und kehrte erst nach einer Stunde zurück.

Unterdessen hatte der Doctor Platz im Fenster genommen, und dort

hinunter auf die Platane gesehen; aber als Mr. Lorry wieder kam,

schlich er wieder nach der Bank.

Die Zeit verging sehr langsam, Mr. Lorry’s Hoffnung verdüsterte sich,

und sein Herz wurde wieder schwerer, und wurde schwerer jeden Tag. Der

dritte Tag kam und ging, der vierte, der fünfte. Fünf Tage vergingen,

sechs Tage, sieben Tage, acht Tage, neun Tage.

Mit immer mehr schwindender Hoffnung und immer schwerer werdenden

Herzen verlebte Mr. Lorry diese sorgenvolle Zeit. Das Geheimniß ward

gut bewahrt, Lucie wußte nichts und war glücklich; aber er konnte sich

nicht verbergen, daß der Schuhmacher, dessen Hand anfangs etwas aus der

Uebung gekommen zu sein schien, schrecklich geschickt wurde, und daß er

nie auf seine Arbeit so aufmerksam, daß seine Hände nie so flink und

sicher gewesen, als in der Dämmerung des neunten Abends.

~Ende des zweiten Theils.~

Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.

Boz (Dickens)

Sämmtliche Werke.

Hundertundfünfter Band.

Zwei Städte.

Dritter Theil.

Leipzig

Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

1859.

Zwei Städte.

Eine Erzählung in drei Büchern.

Von

Boz (Charles Dickens).

Mit

Sechszehn Illustrationen von Hablot K. Browne.

Aus dem Englischen von Julius Seybt.

Dritter Theil.

Leipzig

Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

1859.

Neunzehntes Kapitel.

Eine Meinung.

Von sorgenvollem Wachen erschöpft schlief Mr. Lorry auf seinem Posten

ein. Am zehnten Morgen seines Harrens erweckte ihn der helle Schein

der Sonne, welcher in die Stube fiel, wo ihn während dunkler Nacht ein

schwerer Schlummer überfallen hatte.

Er rieb sich die Augen und sah um sich; aber als er dies that, konnte

er nicht klar werden, ob er nicht noch schlafe. Denn wie er an die

Thüre des Zimmers des Doctors trat und hineinblickte, bemerkte er, daß

die Schuhmacherbank mit dem Handwerkszeug bei Seite gestellt war und

daß der Doctor lesend am Fenster saß. Er hatte seinen gewöhnlichen

Morgenrock an und sein Antlitz (das Mr. Lorry deutlich sehen konnte)

-- obgleich noch sehr blaß -- trug den Ausdruck der Aufmerksamkeit und

ruhigen Vertieftheit.

Als Mr. Lorry gewiß geworden war, er wache, belästigten ihn einige

Augenblicke noch Zweifel, ob das Schuhmachen der letzten Tage nicht

bei ihm ein unruhiger Traum gewesen; denn sahen nicht seine Augen den

Freund vor sich in seiner gewöhnlichen Tracht und seinem gewöhnlichen

Ansehen und beschäftigt wie gewöhnlich? Und sahen sie irgend ein

Zeichen, daß die Veränderung, die seiner Erinnerung so bestimmt

eingeprägt war, wirklich vor sich gegangen war?

Dies fragte er sich blos in seiner ersten Verwirrung und in seinem

ersten Erstaunen; denn die Antwort lag auf der Hand. Wenn die

Erinnerung nicht die Folge eines wirklich entsprechenden und genügenden

Vorfalls war, wie kam er -- Charles Lorry -- denn hierher? Wie ging es

zu, daß er in seinen Kleidern auf dem Sopha in _Dr._ Manette’s

Consultationszimmer eingeschlafen war und jetzt am frühen Morgen an der

Thür des Schlafzimmers des Doctors mit sich über alle diese Zweifel zu

Rathe ging?

Nach ein paar Minuten stand Miß Proß flüsternd an seiner Seite. Wenn

ihn noch der Rest eines Zweifels gequält hätte, so hätte er vor ihrem

Reden verschwinden müssen; aber er war sich jetzt klar geworden

und hegte keinen Zweifel mehr. Er rieth an, die Zeit hingehen zu

lassen, bis zur gewöhnlichen Frühstücksstunde und dann mit den Doctor

zusammenzutreffen, als ob nichts Ungewöhnliches geschehen sei. Wenn er

sich dann in seiner gewöhnlichen Gemüthsverfassung zeigte, wollte sich

Mr. Lorry vorsichtig Raths bei der Autorität erholen, die zu befragen

er sich in seiner Sorge so sehr gesehnt hatte.

Miß Proß fügte sich seinen Rathschlägen und der Plan ward mit

aller Sorgfalt vorbereitet. Da Mr. Lorry Ueberfluß von Zeit für

seine gewöhnliche methodische Toilette hatte, erschien er zur

Frühstücksstunde schmuck und nett wie immer. Der Doctor war wie üblich

gerufen worden und kam zum Frühstück.

So weit sich gewahr werden ließ, ohne über die vorsichtige und

allmälige Annäherung hinauszugehen, auf welche Mr. Lorry sich

beschränken mußte, glaubte er Anfangs seiner Tochter Hochzeit wäre

gestern gewesen. Eine vorsätzlich hingeworfene Erwähnung des Wochen-

und des Monatstages veranlaßte ihn nachzudenken und zu zählen und

machte ihn offenbar unruhig. In jeder andern Hinsicht war er jedoch so

sehr Herr seiner selbst, daß Mr. Lorry sich entschloß, sich bei der

erwähnten Autorität Raths zu erholen. Und diese Autorität war er selbst.

Als sie daher mit dem Frühstück zu Ende und Alles weggeräumt worden

und er und der Doctor wieder allein waren, sagte Mr. Lorry mit Gefühl:

„Lieber Manette, ich möchte im Vertrauen Ihre Meinung über einen sehr

merkwürdigen Fall hören, bei dem ich das tiefste Interesse fühle;

das will sagen, er erscheint mir sehr merkwürdig; bei Ihrer größeren

Erfahrung ist dies vielleicht nicht der Fall.“

Der Doctor blickte seine Hände an, an denen noch Spuren der frühern

Beschäftigung zu bemerken waren, machte ein beunruhigtes Gesicht

und hörte aufmerksam zu. Er hatte schon mehr als einmal seine Hände

angesehen.

„_Dr._ Manette,“ sagte Mr. Lorry, indem er liebreich die Hand auf

seinen Arm legte, „der Fall ist einem mir besonders werthen Freunde

passirt. Bitte, schenken Sie mir Ihre Aufmerksamkeit und rathen Sie mir

um seinetwillen -- und vor Allem wegen seiner Tochter -- wegen seiner

Tochter, lieber Manette.“

„Wenn ich recht verstehe,“ sagte der Doctor mit gedämpfter Stimme, „so

ist es eine Erschütterung des Geistes?“ --

„Ja.“

„Erzählen Sie ausführlich,“ sagte der Doctor, „geben Sie alle

Einzelnheiten.“

Zwei Städte · 第 18 / 36 段