„Nun gut, was dann?“ fragte Madame und knüpfte einen andern Knoten, als

ob sie einen andern Feind erwürge.

„Nun ja!“ sagte Defarge mit einem halbklagenden und halb um Verzeihung

bittenden Achselzucken. „Wir sehen dann den Sieg nicht.“

„Wir haben aber mit dazu geholfen“ entgegnete Madame und streckte ihre

Hand mit energischer Geberde aus. „Nichts, was wir thun, geschieht

vergebens. Ich glaube von ganzer Seele, daß wir den Sieg erblicken

werden. Aber selbst wenn nicht, selbst wenn ich es gewiß wüßte, so

zeige mir den Hals eines Aristokraten und Tyrannen und ich wollte doch

--“

Hier knüpfte Madame mit festgeschlossenen Zähnen einen wirklich recht

festen Knoten.

„Halt!“ rief Defarge ein wenig erröthend, als ob man ihn der Feigheit

beschuldigte; „auch ich, Frau, werde vor Nichts zurückschrecken.“

„Ja! aber es ist Deine Schwäche, daß Du manchmal Dein Opfer und Deine

Gelegenheit sehen willst, um frischen Muths zu bleiben. Behalte

frischen Muth ohne das. Wenn die Zeit kommt laß einen Teufel und einen

Tiger los; aber warte auf die Zeit, mit dem Tiger und dem Teufel an der

Kette -- Niemand sichtbar -- aber immer bereit.“

Madame gab dem Schlußwort dieses Rathes dadurch Nachdruck, daß sie mit

ihrer Kette von eingeknüpftem Geld auf den kleinen Ladentisch schlug,

als ob sie dessen Gehirn ausschlüge und dann das Taschentuch mit

unbefangener Miene unter den Arm nahm und bemerkte, daß es Zeit zum

Schlafengehen sei.

Der nächste Mittag sah die wunderbare Frau auf ihrem gewöhnlichen

Platze im Weinschanke fleißig mit Stricken beschäftigt. Eine Rose

lag neben ihr und wenn sie manchmal einen Blick auf die Blume warf,

so verlor sie dabei ihr gewöhnliches nachdenkliches Aussehen nicht.

Im Laden waren wenig Gäste, welche tranken oder nicht tranken, saßen

oder standen. Es war sehr heiß und Haufen von Fliegen, welche ihre

neugierigen und abentheuerlichen Forschungen bis in die klebrigen

Gläschen neben Madame ausdehnten, fielen todt auf den Boden. Ihr

Untergang machte keinen Eindruck auf die andern spazierengehenden

Fliegen, welche ihnen in der unbefangensten Weise zusahen (als ob

sie selbst Elephanten oder etwas anderes den Fliegen eben so wenig

Aehnliches wären), bis sie dasselbe Schicksal traf. Seltsam, wie

leichtsinnig Fliegen sind! -- Vielleicht dachten sie an diesem sonnigen

Sommertage an dem Hof eben so.

Eine eben eintretende Gestalt warf einen Schatten auf Madame Defarge,

von dem sie fühlte, daß er ein neuer war. Sie legte ihr Strickzeug hin

und steckte die Rose mit einer Nadel in ihrem Kopftuche fest, ehe sie

die Gestalt ansah.

Es war merkwürdig. In dem Augenblick, wo Madame Defarge die Rose in die

Hand nahm, hörten die Gäste auf zu sprechen und fingen allmählig an,

den Laden zu verlassen.

„Guten Tag, Madame,“ sagte der neue Ankömmling.

„Guten Tag, Monsieur!“

Sie sagte es laut, sprach aber zu sich selbst, wie sie ihr Strickzeug

in die Hand nahm: „Ha! Alter ungefähr 40 Jahre; Größe ungefähr 5 Fuß

9 Zoll; Haar schwarz, Gesichtsfarbe dunkel; Aussehen im Allgemeinen

hübsch; Augen dunkel; Gesicht lang und schmal; Adlernase, aber

nicht gerade, sondern etwas nach der linken Backe zu gebogen; der

Gesichtsausdruck dadurch lauernd! Guten Tag, Einer und Alle!“

„Haben Sie die Güte, mir ein Gläschen alten Cognac und einen Mundvoll

kaltes frisches Wasser zu geben, Madame.“

Madame entsprach seinem Wunsche mit höflicher Miene.

„Süperber Cognac das, Madame!“

Es war das erste Mal, daß er so gelobt wurde, aber Madame Defarge

kannte genug von seiner Entwickelungsgeschichte, um es besser zu

wissen. Sie sagte jedoch, daß sich der Cognac geschmeichelt fühle, und

nahm ihr Strickzeug wieder her. Der Gast betrachtete ihre geschäftigen

Finger ein paar Augenblicke und benutzte dann die Gelegenheit, sich

verstohlen in dem Laden umzusehen.

„Sie sind sehr geschickt im Stricken, Madame!“

„Ich bin daran gewöhnt.“

„Und auch ein hübsches Muster!“

„Meinen Sie wirklich?“ fragte Madame und sah ihn lächelnd an.

„Gewiß. Darf ich fragen, zu welchem Zweck Sie stricken?“

„Zur Zerstreuung“ sagte Madame immer noch mit freundlich lächelndem

Gesicht, während ihre Finger behend sich bewegten.

„Nicht zum Gebrauch?“

„Das kommt darauf an. Vielleicht finde ich einmal eine Verwendung

dafür. Wenn das der Fall ist,“ sagte Madame mit einem starken Athemzuge

und indem sie kokett ernst mit dem Kopf nickte, „werde ich es

verwenden.“

Es war merkwürdig; aber der Geschmack Saint Antoine’s schien ganz

entschieden von einer Rose in ihrem Kopftuch verletzt zu werden. Zwei

Männer waren eingetreten und im Begriff, sich etwas zu trinken zu

bestellen, als sie bei’m Anblick der Blume stockten, vorgaben einen

Freund zu suchen, der nicht da war, und wieder gingen. Auch von denen,

welche dagewesen waren, als der fremde Gast eintrat, war Niemand

mehr vorhanden. Einer nach dem Andern hatte den Laden verlassen. Der

Spion hatte gut aufgepaßt, aber kein Zeichen entdecken können. Sie

hatten sich in einer armuthbedrückten, ziellosen, zufälligen Weise

weggeschlichen, die ganz natürlich und unverdächtig war.

„John“ markirte Madame, während sie weiter strickte und ihre Augen auf

dem Fremden ruhten: „Bleibe noch und ich stricke auch „Barsad,“ ehe Du

gehst.“

„Sie sind verheirathet, Madame?“

„Ja.“

„Haben auch Kinder?“

„Nein.“

„Das Geschäft scheint schlecht zu gehen?“

„Das Geschäft geht sehr schlecht; die Leute sind so sehr arm.“

„Ach das arme unglückliche Volk! Und so bedrückt -- wie Sie sagen.“

„Wie ~Sie~ sagen,“ gab Madame berichtigend zurück und strickte

dabei hurtig ein Extrazeichen in seinen Namen, das ihm nichts Gutes

verhieß.

„Verzeihen Sie; gewiß brauchte ich den Ausdruck, aber natürlich denken

Sie so. Das versteht sich von selbst.“

„Ich -- denken?“ -- entgegnete Madame mit gehobener Stimme. „Ich und

mein Mann haben ohne Denken genug zu thun, diesen Weinschank offen zu

halten. Unser einziger Gedanke hier ist, wie wir uns das Leben fristen

sollen. Das ist’s, woran wir denken und es giebt uns von früh Morgens

bis zum Abend genug zu denken, ohne daß wir uns Gedanken über Andere

machen können. Ich -- für Andere denken? Nein! Nein!“

Der Spion, welcher gekommen war, jeden Brosamen, den er finden oder

erfinden konnte, aufzulesen, ließ in seinem lauernden Gesichte nicht

durchblicken, daß er bis dahin umsonst gekommen war, sondern blieb --

den Ellenbogen auf Madame Defarges kleinen Ladentisch gelegt -- mit

einer Miene herablassender Galanterie stehen und nahm dann und wann ein

Schlückchen Cognac.

„Eine schlimme Geschichte, Madame, diese Hinrichtung Gaspard’s. Ach der

arme Gaspard!“ sagte er mit einem Seufzer tiefsten Mitleids.

„Mein Gott!“ entgegnete Madame leichthin. „Wenn Leute Messer zu solchen

Zwecken verwenden, so müssen sie dafür büßen. Er wußte im Voraus, was

der Preis für seine Liebhaberei war. Er hat den Preis bezahlt.“

„Ich glaube,“ sagte der Spion im vertraulichsten Tone und in

jeder Muskel seines arglistigen Gesichts verletzte revolutionäre

Empfindlichkeit ausdrückend; „ich glaube, das Schicksal des armen

Mannes hat in diesem Quartier viel Mitleid erregt und viel Aufregung

verursacht? Ganz unter uns!“

„Wirklich?“ fragte Madame gleichgiltig.

„Nicht?“

„Hier ist mein Mann!“ sagte Madame Defarge.

Als der Inhaber des Weinschanks zur Thür hereintrat, griff der Spion

grüßend an den Hut und sagte mit zuvorkommendem Lächeln: „Guten Tag,

Jacques!“ Defarge blieb stehen und sah ihn verwundert an.

„Guten Tag, Jacques!“ wiederholte der Spion weder ganz so

zuversichtlich noch mit einem so unbefangenen Lächeln wie das erste Mal.

„Sie irren sich, Monsieur,“ gab der Inhaber des Weinschanks zur

Antwort. „Sie nehmen mich für einen Andern. Das ist nicht mein Name.

Ich heiße Ernest Defarge.“

„Es ist ganz einerlei“ sagte der Spion leichthin, aber doch geschlagen;

„guten Tag!“

„Guten Tag!“ antwortete Defarge trocken.

„Ich sagte eben zu Madame, mit der ich das Vergnügen hatte mich zu

unterhalten, als Sie eintraten, daß ich gehört, das unglückliche

Schicksal des armen Gaspard habe in Saint Antoine viele Theilnahme und

große Aufregung hervorgerufen, und ein Wunder ist es nicht.“

„Ich habe nichts davon gehört“ sagte Defarge kopfschüttelnd; „ich weiß

gar nichts.“

Nachdem er dies gesagt, trat er hinter den kleinen Ladentisch und blieb

dort stehen, die Hand auf die Lehne des Stuhles seiner Frau gelegt.

Ueber diese Schranke sah er den Mann an, dessen Gegner sie Beide waren

und den Jedes von den Beiden mit dem größten Genuß hätte niederschießen

können.

Der Spion, wohl geübt in seinem Gewerbe, veränderte nicht seine

unbefangene Haltung, sondern trank sein Gläschen Cognac aus, nahm einen

Schluck frisches Wasser und bat um ein andres Glas Cognac. Madame

Defarge schenkte es ihm ein, nahm ihr Strickzeug wieder zur Hand und

summte ein Liedchen vor sich hin.

„Sie scheinen in diesem Quartier gut bekannt zu sein, ich meine, besser

als ich?“ bemerkte Defarge.

„Durchaus nicht; aber ich hoffe hier besser bekannt zu werden. Ich

fühle so viel Theilnahme für die unglücklichen Bewohner.“

„Ha!“ brummte Defarge vor sich hin.

„Das Vergnügen Ihrer Unterhaltung, Monsieur Defarge“ fuhr der Spion

fort, „erinnert mich daran, daß ich eigentlich die Ehre habe, Sie schon

zu kennen -- wenigstens dem Namen nach.“

„Wirklich?“ sagte Defarge sehr gleichgiltig.

„Ja wirklich. Als _Dr._ Manette freigelassen ward, übernahmen Sie

-- sein alter Diener -- die Obhut über ihn, weiß ich. Er wurde Ihnen

übergeben. Sie sehen, ich kenne die ganze Geschichte.“

„Es scheint so,“ sagte Defarge. Eine zufällige Berührung von dem

Ellenbogen seiner Frau, wie sie strickte und vor sich hin sang, hatte

ihn bedeutet, daß es das Beste sei zu antworten, aber mit möglichster

Kürze.

„Zu Ihnen“ fuhr der Spion fort „kam seine Tochter; und aus Ihrer Pflege

übernahm ihn seine Tochter begleitet von einem sauber gekleideten

braunen Herrn; wie hieß er doch? -- er trug eine kleine Perrücke --

Lorry -- von dem Bankierhause Tellson u. Comp. -- und brachte ihn

hinüber nach England.“

„Ganz richtig“ bestätigte Defarge.

„Sehr interessante Erinnerungen!“ sagte der Spion. „Ich habe _Dr._

Manette und seine Tochter in England gekannt.“

„Wirklich?“ sagte fragend Defarge.

„Sie hören jetzt selten von ihnen?“ sagte der Spion.

„Nur selten,“ erwiederte Defarge.

„Im Grunde hören wir jetzt gar nichts von ihnen“ fiel Madame ein,

indem sie von ihrer Arbeit aufsah und ihr Liedchen abbrach. „Wir haben

Nachricht von ihrer sicheren Ankunft und vielleicht noch einen oder

zwei Briefe empfangen; aber seitdem sind sie allmählich ihren Lebensweg

gegangen und wir den unsrigen und wir haben keinen Verkehr mit einander

gehabt.“

„So ist es, Madame“ entgegnete der Spion. „Sie steht im Begriff sich zu

verheirathen.“

„Sie steht im Begriff?“ wiederholte Madame. „Sie war hübsch genug,

längst verheirathet zu sein. Ihr Engländer seid kaltherzig, wie mir

scheint.“

„O! Sie wissen, daß ich Engländer bin?“

„Ihre Zunge ist englisch“ entgegnete Madame; „und wie die Zunge ist,

muß meiner Ansicht nach auch der Mann sein!“

Er nahm die Erkennung nicht als ein Compliment auf; aber er schickte

sich hinein und brach mit einem Lachen ab. Nachdem er seinen Cognac

ausgenippt hatte, setzte er hinzu:

„Ja, Miß Manette steht im Begriff zu heirathen; aber keinen Engländer,

sondern einen gebornen Franzosen. Und da wir von Gaspard sprachen (ach

der arme Gaspard! es war grausam! grausam!) so ist es doch seltsam,

daß sie den Neffen des Marquis heirathet, dessentwegen Gaspard so hoch

hängen mußte; mit andern Worten -- den gegenwärtigen Marquis. Aber er

lebt unbekannt in England, er ist kein Marquis dort, sondern einfach

Mr. Charles Darnay. D’Aulnais ist der Familienname seiner Mutter.“

Madame Defarge strickte ruhig weiter, aber auf ihren Mann brachte

die Nachricht einen sichtbaren Eindruck hervor. Mochte er hinter

dem kleinen Ladentische thun was er wollte, Feuer machen oder seine

Pfeife anbrennen -- er zeigte sich gefangen und seine Hand war unruhig.

Der Spion wäre kein Spion gewesen, wenn er das nicht gesehen und das

Gesehene sich nicht gemerkt hätte.

Nachdem er wenigstens diesen einen Treffer gehabt, dessen endgiltiger

Werth freilich noch ungewiß war, und da außerdem keine Gäste

erschienen, die ihm zu Entdeckungen verhelfen konnten, bezahlte

Mr. Barsad seine Zeche und verabschiedete sich, nicht ohne auf die

höflichste Weise zu bemerken, daß er das Vergnügen zu haben hoffe,

Monsieur und Madame Defarge wieder zu sehen. Einige Minuten, nachdem er

sie verlassen hatte, blieben Mann und Frau genau in der Stellung wie

sie waren, im Fall er etwa zurückkehren sollte.

„Kann das, was er von Mademoiselle Manette sagt, wahr sein?“ sagte

Defarge mit gedämpfter Stimme, während er immer noch rauchend und die

Hand auf die Stuhllehne gelegt hinter seiner Frau stand.

„Da er es gesagt hat, ist es wahrscheinlich eine Lüge,“ erwiederte

Madame, und zog die Augenbrauen ein wenig in die Höhe. „Aber es kann

wahr sein.“

„Wenn es wahr ist --“ fing Defarge an und stockte.

„Wenn es wahr ist?“ wiederholte seine Frau.

-- „Und wenn es geschieht und wir bei seinem Triumph noch am Leben sind

-- hoffe ich um ihretwillen, daß das Schicksal ihren Mann fern von

Frankreich halten wird.“

„Ihres Mannes Schicksal,“ sagte Madame Defarge mit ihrer gewöhnlich

ruhigen Fassung, „wird ihn hinführen, wo er hingehen soll und wird ihn

zu dem Ende bringen, das ihm bestimmt ist. Das ist Alles, was ich weiß.“

„Aber ist es nicht sehr seltsam -- ist es jetzt nicht wenigstens sehr

seltsam“ -- sagte Defarge, als ob er mehr einen Versuch machte, seine

Frau zu bewegen, so viel zuzugeben, „daß nach aller unsrer Theilnahme

für ihren Vater und für sie selber der Name ihres Gatten gerade jetzt

neben dem des Höllenhundes, der uns eben verlassen hat, von Deiner Hand

geächtet sein muß?“

„Seltsamere Dinge als diese werden geschehen, wenn es kommt“ gab Madame

zur Antwort. „Sie sind jedenfalls Beide gezeichnet; und sie verdienen

es Beide; das genügt.“

Sie wickelte das Strickzeug zusammen, als sie dies gesagt hatte und

nahm gleich darauf die Rose aus dem Taschentuch, das um ihren Kopf

gewunden war. Entweder hatte Saint Antoine einen geheimen Instinkt,

daß die anstößige Zier entfernt war oder Saint Antoine lauerte auf

ihr Verschwinden; wie dem immer sein möge -- es faßte Muth, nach sehr

kurzer Zeit sich wieder einzufinden und der Weinschank nahm sein

gewöhnliches Aussehen wieder an.

Des Abends, zu welcher Zeit vor allen andern Saint Antoine das

Inwendige auswendig kehrte und auf Thürstufen und Fensterbrettern saß

und an die Ecken schmutziger Straßen und Höfe trat, um einen Mund

voll frische Luft zu schöpfen, war Madame Defarge gewohnt, mit ihrem

Strickzeug in der Hand, von Ort zu Ort und von Gruppe zu Gruppe zu

gehn, als ein Sendbote -- es gab viele ihres Gleichen -- wie wir nicht

wünschten, daß die Welt sie wieder erzeuge. Die Frauen strickten alle.

Sie strickten unnütze Kleinigkeiten; aber die mechanische Arbeit war

ein mechanischer Ersatz für Essen und Trinken; die Hände bewegten sich

für die Kinnbacken und die Verdauungswerke; wenn die knochigen Finger

stillgestanden hätten, hätten die Magen mehr die Qualen des Hungers

gefühlt.

Aber wie die Finger sich bewegten, bewegten sich auch die Augen und

die Gedanken. Und wie Madame Defarge von einer Gruppe zur andern ging,

bewegten sich alle drei rascher und zorniger in jeder kleinen Gruppe

Frauen, mit der sie gesprochen und die sie dann wieder verlassen hatte.

Ihr Mann stand rauchend vor seiner Thür und sah ihr mit bewundernden

Blicken nach.

„Eine große Frau,“ sagte er, „eine starke Frau, eine gewaltige Frau,

eine fürchterlich gewaltige Frau!“

Die Nacht stellte sich ein und dann vernahm man das Läuten von

Kirchenglocken und das ferne Trommeln der königlichen Garde und immer

noch saßen die Frauen dort und strickten. Nacht umfing sie. Noch

eine andre Nacht kam eben so sicher, wo die Thurmglocken, die jetzt

so schön in so manchen schlanken Thurme Frankreichs läuteten, zu

donnernden Kanonen umgeschmolzen sein und die Trommeln eine schwache

Stimme übertönen würden, welche diese Nacht allmächtig als die Stimme

der Herrschaft und des Ueberflusses, der Freiheit und des Lebens war.

So viel schloß sich um die Frauen zusammen, die immer noch strickten

und strickten, daß sie sich selbst um einen noch ungebauten Bau

herumschlossen, wo sie stricken und stricken sollten und fallende Köpfe

zählen.

Siebenzehntes Kapitel.

Eine Nacht.

Nie ging die Sonne mit schönerem Glanze über der stillen Ecke in Soho

unter, als an einem denkwürdigen Abend, wo der Doctor und seine Tochter

zusammen unter der Platane saßen. Nie ging der Mond mit milderem

Schimmer über dem großen London auf, als in jener Nacht, wo er sie

immer noch unter dem Baume sitzend fand und durch dessen Blätter auf

ihre Gesichter schien.

Lucie sollte morgen getraut werden. Sie hatte diesen letzten Abend für

ihren Vater aufgespart und sie saßen allein unter dem Platanenbaum.

„Du bist glücklich, lieber Vater?“

„Ganz glücklich, mein Kind!“

Sie hatten wenig gesprochen, obgleich sie schon lange dort gesessen

hatten. Als es noch hell genug gewesen war, um zu arbeiten und

zu lesen, hatte sie sich weder mit ihrer gewöhnlichen Handarbeit

beschäftigt, noch ihm vorgelesen. Viele, viele Male hatte sie unter

dem Schatten des Baumes neben ihm genäht oder ihm vorgelesen; aber der

heutige Tag war nicht wie ein anderer, und nichts konnte ihn einem

andern gleich machen.

„Und auch ich fühle mich sehr glücklich heute Abend, lieber Vater. Ich

fühle mich aufs Tiefste beglückt von der Liebe, mit der mich der Himmel

gesegnet hat -- von meiner Liebe zu Charles und Charles Liebe zu mir.

Aber wenn mein Leben Dir nicht mehr geweiht sein sollte oder wenn ich

durch meine Heirath nur um ein paar Straßen von dir getrennt würde,

so würde ich mich unglücklicher fühlen und mir selbst mehr Vorwürfe

machen, als ich dir sagen kann. Selbst so wie es ist --“

Selbst so wie es war, versagte ihr die Stimme.

In dem melancholischen Mondschein umarmte sie ihn und legte ihr Gesicht

an seine Brust. In dem Mondschein, der immer melancholisch ist (wie

es ja auch das Licht der Sonne ist -- und das Licht, welches man das

menschliche Leben nennt bei seinem Kommen und Gehen).

„Theuerster der Theuren! kannst Du mir dies letzte Mal sagen, daß Du

Dich ganz fest überzeugt fühltest, daß niemals neue Neigungen, die ich

fühle, oder neue Pflichten, die ich zu erfüllen habe, zwischen uns

beide treten werden? ich weiß es wohl, aber weißt auch Du es? Fühlst Du

Dich in Deinem innersten Herzen dessen fest überzeugt?“

Ihr Vater gab mit einer heitern Zuversicht, die kaum eine angenommene

sein konnte, zur Antwort: „Ganz fest überzeugt, mein Herzenskind! Mehr

als das,“ setzte er hinzu und küßte sie zärtlich. „Meine Zukunft liegt

durch Deine Heirath, Lucie, viel heller vor mir, als sie ohne dieselbe

jemals sein könnte oder war.“

„Wenn ich das hoffen könnte, Vater!“ --

„Glaube es mir, Liebe! Es ist in der That so. Bedenke, wie natürlich

und einfach es ist, mein Herz, daß es so ist. Du mit Deiner Hingebung

und mit Deiner Jugend kannst nicht recht die bange Sorge fühlen, die

mich erfüllt hat, daß Dein Leben nicht etwa verbittert würde --“

Sie bewegte die Hand nach seinen Lippen, aber er nahm sie in die

seinige und wiederholte das Wort.

-- „Verbittert, mein Kind! verbittert meinetwegen und aus seiner

natürlichen Bahn gedrängt. Deine Selbstlosigkeit kann nicht ganz

begreifen, wie viel mir dieß Sorge gemacht hat; aber frage dich nur

selbst, wie konnte mein Glück vollkommen sein, so lange das Deine

unvollkommen blieb?“

„Wenn ich Charles nie gesehen hätte, Vater, wäre ich mit Dir ganz

glücklich gewesen.“

Er lächelte über ihr unbewußtes Zugeständniß, daß sie ohne Charles

unglücklich sein würde, da sie ihn gesehen hatte und gab zur Antwort:

„Kind, Du hast ihn gesehen und es ist Charles. Wäre es nicht Charles

gewesen, so würde es ein Andrer sein. Oder, wenn es kein Andrer wäre,

so wäre ich die Ursache und dann hätte der dunkle Theil meines Lebens

seinen Schatten über mich hinausgeworfen und wäre auf Dich gefallen.“

Es war zum ersten Male, außer bei der Gerichtsverhandlung, daß sie ihn

auf seine Leidenszeit hindeuten hörte. Es brachte ein seltsames Gefühl

in ihr hervor, während seine Worte ihr in dem Ohre klangen; und nach

Jahren dachte sie noch daran.

„Sieh!“ sagte der Arzt von Beauvais und deutete mit der Hand nach dem

Monde. „Ich habe ihn angesehen von meinem Kerker aus, als ich sein

Licht nicht ertragen konnte. Ich habe ihn angesehen, wo der Gedanke,

daß er auf das herniederschiene, was ich verloren, mir solche Qual war,

daß ich meinen Kopf an den Wänden meines Kerkers hätte zerschmettern

mögen. Ich habe ihn in einem so dumpfen und lethargischen Zustande

angesehn, daß ich an nichts dachte, als an die Zahl von horizontalen

Linien, die ich über den Vollmond ziehen, und an die Anzahl senkrechter

Linien, mit denen ich sie kreuzen könnte.“ Er setzte in seiner in

sich gekehrten und brütenden Weise hinzu, wie er den Mond anblickte:

„Es waren zwanzig nach jeder Seite, weiß ich noch, und die zwanzigste

konnte ich kaum hineinbringen.“

Das bange Gefühl, mit welchem sie ihn an diese Zeit zurückdenken

hörte, ward stärker, als sie dabei verweilte; aber sonst war nichts

beunruhigendes in seiner Weise. Er schien nur die Heiterkeit und das

Glück seiner Gegenwart mit dem harten Leiden, welches vorbei war, zu

vergleichen.

„Ich habe ihn angesehen und mir viel tausend Mal Gedanken über das

ungeborne Kind gemacht, von dem ich weggerissen worden. Ob es am Leben

sei, ob es lebendig zur Welt gekommen oder ob der Schreck, den die

arme Mutter gehabt, es getödtet habe! Ob es ein Sohn sei, der seinen

Vater eines Tages rächen könnte. (Es gab eine Zeit meines Kerkerlebens,

wo mein Durst nach Rache ganz unerträglich war). Ob es ein Sohn sei,

der nie seines Vaters Gesicht kennen würde; der dereinst selbst die

Möglichkeit erwägen könnte, ob an dem Verschwinden seines Vaters

nicht dessen eigner Wille und dessen eigne That schuld sei. Ob es eine

Tochter sei, die zur Jungfrau heranwachsen würde!“

Sie drängte sich näher an ihn heran und küßte ihm Wange und Hand.

„Ich habe mir meine Tochter vorgemalt, wie sie mich ganz und gar

vergessen oder vielmehr nie etwas von mir gewußt. Ich habe Jahr für

Jahr ihr Lebensalter berechnet. Ich habe sie mir gedacht als Gattin

eines Mannes, der nichts von meinem Schicksal wußte. Ich bin gänzlich

verschwunden aus der Erinnerung der Lebendigen und in der nächsten

Generation war mein Platz leer.“

„Ach Vater! blos zu hören, daß Du so von einer Tochter dachtest, die

nie gelebt, preßt mir das Herz zusammen, als ob ich dieses Kind gewesen

wäre.“

„Du, Lucie? Gerade aus der Tröstung und Rettung, die ich dir verdanke,

entstehen diese Erinnerungen und treten jetzt in dieser letzten Nacht

zwischen uns und den Mond. -- Was sagt ich eben?“

„Sie wußte nichts von Dir. Sie kümmerte sich nicht um Dich.“

„Ja! Aber in andern mondhellen Nächten, wo die Melancholie und das

Schweigen mich in andrer Weise berührt hatten, -- wo sie mich mit einem

Gefühl gleich einer bekümmerten Empfindung von Frieden erfüllten,

soweit es eine Bewegung thun konnte, die Schmerz zu ihrer Grundlage hat

-- habe ich mir eingebildet, wie sie in meine Zelle kam und mich hinaus

in die Freiheit draußen vor der Festung führte. Ich habe ihr Bild oft

im Mondschein gesehen, wie ich Dich jetzt sehe; nur daß ich es nie in

meinen Armen hielt; es stand zwischen dem kleinen vergitterten Fenster

und der Thür. Aber Du verstehst, daß dieß nicht das Kind war, von dem

ich spreche?“

„Die Gestalt war es nicht; das -- das -- Bild; die Einbildung?“

Zwei Städte · 第 17 / 36 段