„Ich verrathe den Soldaten nicht, daß ich den langen Mann kenne; er

verräth den Soldaten nicht, daß er mich erkennt: wir sprechen mit den

Augen mit einander. „„Vorwärts““ sagt der Anführer der Soldaten und

wies auf das Dorf, „„bringt ihn rasch in sein Grab!““ Und sie trieben

ihn rascher vorwärts. Seine Arme sind geschwollen, weil sie fest

zusammengeschnürt sind; seine Holzschuhe sind groß und schwer und er

geht lahm. Weil er lahm geht und daher langsam, stoßen sie ihn mit

ihren Flinten vorwärts -- so!“

Er macht die Bewegung eines Mannes nach, der von Flintenkolben

fortgestoßen wird.

„Wie sie -- wie toll -- den Abhang hinunterlaufen, fällt er. Sie

lachen und heben ihn wieder auf. Sein Gesicht ist blutig und mit Staub

bedeckt, aber er kann es nicht abwischen; darauf lachen sie wieder.

Sie bringen ihn in das Dorf; das ganze Dorf läuft zusammen; sie führen

ihn an der Mühle vorbei und hinauf nach dem Gefängniß; das ganze Dorf

sieht das Gefängnißthor in der dunkeln Nacht sich aufthun und ihn

verschlingen -- so!“

Er sperrt den Mund auf, so weit er kann und macht ihn wieder zu, daß

die Zähne auf einander klappen. Als er keine Lust zeigte, den Effect

dadurch zu verderben, daß er den Mund wieder aufmachte, sagte Defarge

zu ihm: „Weiter, Jacques!“

„Das ganze Dorf geht wieder heim“ fährt der Straßenarbeiter mit

gedämpfter Stimme weiter fort; „das ganze Dorf flüstert sich am Brunnen

in die Ohren; das ganze Dorf schläft; das ganze Dorf träumt von dem

Unglücklichen hinter den Schlössern und Riegeln des Gefängnisses auf

dem Felsen, das er nie wieder verlassen soll, außer um zu sterben. Des

Morgens mache ich, mit meinem Arbeitszeug auf der Schulter und im Gehen

einen Bissen schwarzes Brod essend wie ich auf die Arbeit gehe, einen

Umweg an dem Gefängniß vorbei. Dort sehe ich ihn hoch oben hinter dem

eisernen Gitter eines Fensters mit blutigem und bestaubtem Gesicht wie

den Abend vorher. Er hat keine Hand frei, um mir zuzuwinken; ich wage

nicht ihn anzurufen; er sieht mich an wie ein todter Mann.“

Defarge und die drei Andern sahen sich finster an. Die Gesichter von

allen Vieren hatten einen finstern, ingrimmigen, rachedürstenden

Ausdruck, wie sie der Erzählung des Landmanns zuhörten. Sie benahmen

sich dabei mit einem heimlichen Wesen, das doch zugleich etwas von

einer Amtsmiene hatte. Sie hatten fast das Aussehen eines Gerichts;

Jacques Eins und Zwei saßen auf dem alten Lotterbett, das Kinn auf die

Hand gestützt und die Augen gespannt auf den Straßenarbeiter geheftet;

Jacques Drei hinter ihnen, mit einem Knie auf das Bett gestützt und mit

seiner aufgeregten Hand beständig über Mund und Nase fahrend; Defarge

zwischen ihnen und dem Erzähler stehend, den er in das Licht an das

Fenster postirt hatte, und abwechselnd diesen und die drei Andern

ansehend.

„Weiter, Jacques,“ sagte Defarge.

„Dort oben in seinem Käfig bleibt er einige Tage. Das Dorf sieht

verstohlen zu ihm hinauf, denn es fürchtet sich. Aber es sieht von

Weitem beständig zu dem Gefängniß auf dem Felsen hinauf; und des Abends

wenn die Tagesarbeit gethan ist und es sich um den Brunnen versammelt,

um zu plaudern, wendeten sich alle Gesichter dem Gefängniß zu. Früher

wendeten sie sich dem Posthause zu; jetzt blicken sie nach dem

Gefängniß. Halblaut flüstern sie sich am Brunnen zu, daß er, obgleich

zum Tode verurtheilt, nicht hingerichtet werden würde; sie erzählen

sich, daß Bittschriften nach Paris gegangen sind, um vorzustellen, daß

er durch den Tod seines Kindes wahnsinnig geworden; sie sagen, daß man

dem König selbst eine solche Bittschrift überreicht habe. Was weiß ich?

Es ist möglich. Vielleicht ja, vielleicht nein.“

„So hört denn, Jacques“ unterbrach Nummer Eins dieses Namens mit

finsterem Ernste. „Wißt, daß eine Bittschrift dem König und der Königin

überreicht wurde. Wir alle hier, Ihr selbst ausgenommen, haben gesehen,

wie der König in seinem Wagen neben der Königin sitzend sie auf der

Straße entgegennahm. Defarge, der hier steht, sprang auf Gefahr seines

Lebens mit der Bittschrift in der Hand vor die Pferde.“

„Und hört noch weiter, Jacques!“ sagte der dahinterkniende von den

Dreien; seine Finger glitten immer noch über das Gesicht mit einer

auffällig gierigen Miene, als ob er nach etwas hungerte -- was weder

Speise noch Trank war. „Die Leibwache zu Fuß und zu Pferd umringte den

Bittsteller und schlug ihn. Hört Ihr!“

„Ich höre, Messieurs.“

„Weiter also,“ sagte Defarge.

„Auf der andern Seite flüstern sie sich an den Brunnen zu“ fuhr der

Erzähler fort, „daß er her zu uns geschafft worden ist, um an Ort und

Stelle hingerichtet zu werden und daß er ganz gewißlich hingerichtet

werden würde. Sie flüstern sich sogar einander zu, daß, weil er

Monseigneur ermordet hat und weil Monseigneur der Vater seiner

Unterthanen war, er als Vatermörder hingerichtet werden soll. Ein

alter Mann sagt am Brunnen, daß man einem solchen die rechte Hand

mit dem Messer verbrennt; daß man ihn in Einschnitte, welche man in

seine Brust, in seine Beine und seine Arme macht, siedendes Oel,

geschmolzenes Blei, brennendes Harz und brennenden Schwefel gießt, und

daß man ihn endlich von vier starken Pferden in Stücke zerreißen läßt.

Dieser alte Mann sagt, daß man dieß alles wirklich einem Missethäter

zufügte, der einen Mordversuch auf den vorigen König, Ludwig XV.

gemacht hatte. Aber wie kann ich wissen, ob er lügt oder nicht? Ich bin

kein Gelehrter.“

„So merkt noch einmal wohl auf, Jacques!“ sagte der Mann mit der

ruhelosen Hand und der gierigen Miene. „Der Name dieses Missethäters

war Damiens und es geschah Alles bei hellem Tage und auf offener

Straße in dieser Stadt Paris; und nichts fiel unter der unermeßlichen

Menschenmenge, welche zusah, mehr auf, als die vielen vornehmen Damen,

welche voll heißer Neugier bis zuletzt aushielten -- Jacques, bei

sinkender Nacht, wo ihm die Beine und ein Arm ausgerissen waren und er

immer noch athmete! Und das geschah -- wie alt seid Ihr?“

„Fünf und dreißig“ sagte der Straßenarbeiter, der wie sechszig aussah.

„Es geschah, als Ihr mehr als zehn Jahre alt waret; Ihr hättet es also

sehen können.“

„Genug!“ sagte Defarge mit ingrimmiger Ungeduld. „Es lebe der Teufel!

Weiter!“

„Weiter also! Einige flüstern Dieß, Andere flüstern Jenes; sie sprechen

von nichts Anderem; selbst der Brunnen scheint nach dieser Melodie zu

plätschern. Endlich eines Sonntags Nachts, als das ganze Dorf schlief,

kamen Soldaten den Weg vom Gefängniß herab und ihre Gewehre klirrten

auf den Steinen der Dorfgasse. Arbeitsleute graben und hämmern,

Soldaten lachen und singen, und des Morgens steht an dem Brunnen ein

Galgen vierzig Fuß hoch und vergiftet das Wasser.“

Der Straßenarbeiter sah mehr durch die niedrige Decke als zu derselben

hinauf und wies mit dem Finger, als ob er den Galgen irgendwo im Himmel

sähe.

„Alle Arbeit hört auf, Alle sammeln sich dort, Niemand treibt

die Kühe aus, die Kühe sind mit den Uebrigen dort. Des Mittags

hört man Trommelwirbel. Des Nachts sind Soldaten zu dem Gefängniß

hinaufmarschirt und er kommt in der Mitte vieler Soldaten. Er ist

gebunden wie früher und in seinem Munde steckt ein Knebel -- mit

einer straffen Schnur so festgemacht, daß es fast aussah, als ob er

lachte.“ Er machte es nach, indem er mit den beiden Daumen von den

Mundwinkeln bis zum Ohre die Backen in zwei lange Falten legte. „Oben

auf dem Galgen steckt das blanke Messer, mit der Spitze gen Himmel

gerichtet. Dort wird er vierzig Fuß hoch gehenkt -- und bleibt hängen

und vergiftet das Wasser.“

Sie sahen sich einander an, wie er sich mit seiner blauen Mütze das

Gesicht abwischte, aus dem der Schweiß in großen Tropfen hervordrang,

wie er sich das Schauspiel zurückrief.

„Es ist entsetzlich, Messieurs. Wie können die Frauen und Kinder Wasser

holen? Wer kann des Abends unter diesem Schatten plaudern! -- Unter dem

Schatten habe ich gesagt? Als ich das Dorf verließ am Montag Abend als

die Sonne zu Bett ging, und ich mich noch einmal von der Höhe umsah, da

fiel der Schatten quer über die Kirche, quer über die Mühle, quer über

das Gefängniß -- schien wie ein gerader Strich über die Erde zu gehen

bis dahin, wo der Himmel auf ihr ruht.“

Der hungerige Mann zerbiß einen seiner Finger, während er die drei

Andern ansah, und der Finger zitterte ihm vor Gier.

„Das ist Alles, Messieurs. Ich verließ das Dorf mit Sonnenuntergang

(wie mir gesagt worden war) und bin diesen und den nächsten halben Tag

marschirt, bis ich diesen Kameraden traf (was mir auch gesagt worden

war). Mit ihm setzte ich meinen Weg fort, bald zu Fuß und bald zu

Wagen, gestern Nachmittag und diese Nacht, und hier bin ich nun!“.

Nach einem düstern Schweigen sagte Jacques Eins: „Gut! Ihr habt

getreulich gethan und berichtet. Wollt Ihr draußen vor der Thür ein

Weilchen warten?“

„Sehr gern“ sagte der Straßenarbeiter, worauf Defarge ihn hinausbrachte

und dann wieder zurückkehrte.

Die Drei waren aufgestanden und hatten die Köpfe zusammengesteckt, wie

er wieder in die Dachkammer trat.

„Was sagt Ihr, Jacques?“ fragte Nummer Eins. „Kommt er in’s Register?“

„Er kommt in’s Register als dem Verderben geweiht“ gab Defarge zurück.

„Prächtig!“ krächzte der Mann mit dem gierigen Gesichte.

„Das Schloß und das ganze Geschlecht?“ fragte der Erste.

„Das Schloß und das ganze Geschlecht!“ entgegnete Defarge.

„Ausgerottet!“

Der Hungrige wiederholte mit befriedigtem Krächzen: „Prächtig!“ und

fing an einem andern Finger zu kauen an.

„Seid Ihr sicher“ sagte Nummer Zwei zu Defarge „daß aus der Art und

Weise, wie wir unser Register führen keine Ungelegenheiten entstehen

werden? Doch unbezweifelt ist es sicher; denn Niemand als wir kann es

entziffern; aber werden wir immer im Stande sein, es zu entziffern --

oder, ich darf es nicht unerwähnt lassen, wird sie es immer entziffern

können?“

„Jacques,“ sagte Defarge und richtete sich empor „selbst wenn meine

Frau das Register nur in ihrem Gedächtniß behielte, würde sie kein

Wort davon verlieren -- nicht eine Sylbe. Mit ihren eigenen Maschen

und ihren eignen Zeichen gestrickt wird es ihr immer so klar sein wie

die Sonne. Verlaßt Euch auf Madame Defarge. Dem größten Feigling,

welcher auf Erden lebt, wäre es leichter, sich aus dem Lebensbuch

auszustreichen, als einen Buchstaben seines Lebens oder seiner

Verbrechen aus dem gestrickten Register Madame Defarge’s.“

Die Drei ließen ein Gemurmel des Vertrauens und der Billigung hören und

dann fragte der Hungrige: „Soll dieser Mann bald wieder zurückgeschickt

werden? Ich hoffe es. Er ist sehr simpel; dürfte er nicht ein wenig

gefährlich sein?“

„Er weiß nichts“ sagte Defarge, „wenigstens nicht mehr, als was ihn

leicht an einen Galgen von derselben Höhe bringen kann. Ich nehme ihn

auf mich; laßt ihn bei mir bleiben; ich nehme ihn unter meine Obhut und

schaffe ihn seiner Zeit fort. Er wünscht die vornehme Welt zu sehen --

den König, die Königin, den Hof; er soll sie Sonntags sehen.“

„Was?“ rief der Hungerige mit weit offenen Augen aus. „Ist es ein gutes

Zeichen, daß er Königthum und Adel zu sehen wünscht?“

„Jacques“ sagte Defarge „zeige in der rechten Weise einer Katze Milch,

wenn Du wünschest, daß sie Appetit darnach bekommen soll. Zeige in der

rechten Weise einem Hund seine natürliche Beute, wenn Du wünschest,

daß er sie, wenn die Zeit kommt -- niederhetzt.“

Weiter ward nichts gesagt und dem Straßenarbeiter, der bereits auf der

obersten Stufe halb eingeschlummert war, ward bedeutet, sich auf das

Lotterbett zu legen und sich dort auszuruhen. Er ließ sich das nicht

zwei Mal sagen und war bald eingeschlafen.

Ein so niedriger Sklave aus der Provinz hätte in Paris leicht

schlechteres Quartier finden können, als in Defarge’s Weinschank.

Außer daß ihn eine geheimnißvolle Scheu vor Madame beständig quälte,

führte er ein ganz neues und angenehmes Leben. Aber Madame saß den

ganzen Tag hinter ihrem Ladentisch, so offenbar nichts von ihm wissend

und so besonders gewillt nicht zu bemerken, daß sein Hiersein in der

geringsten Verbindung mit irgend einem Geheimniß stand, daß er in

seinen Holzschuhen zitterte, so oft ihr Auge auf ihn fiel; denn er

sagte sich innerlich, daß man unmöglich voraussehen könne, was diese

Dame zunächst vornehmen werde, und er fühlte sich überzeugt, daß, wenn

sie sich in ihren schön geschmückten Kopf setzte zu behaupten, sie habe

ihn einen Mord verüben und alsdann seine Opfer schinden sehen, sie auch

diese Rolle bis zu Ende spielen werde.

Als daher der Sonntag kam, war der Straßenarbeiter nicht von der

Entdeckung bezaubert (obgleich er es sagte), daß Madame Monsieur und

ihn nach Versailles begleiten sollte. Es war auch sehr störend, daß

Madame auf dem ganzen Hinwege in dem Wagen strickte; eben so störend

war es, daß Madame des Nachmittags unter dem versammelten Volk,

welches wartete, um den Wagen des Königs und der Königin zu sehen,

immer noch strickte.

„Sie sind sehr fleißig, Madame,“ sagte ein Nebenstehender zu ihr.

„Ja“ gab Madame Defarge zur Antwort; „ich habe viel zu thun.“

„Was stricken Sie, Madame?“

„Vielerlei.“

„Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel Leichentücher“ gab Mad. Defarge ruhig zurück.

Sobald als möglich suchte sich der Mann einen andern Platz und der

Straßenarbeiter wehte sich mit seiner blauen Mütze frische Luft zu,

denn es kam ihm schrecklich schwül und drückend vor. Wenn er zu seiner

Erfrischung einen König und eine Königin brauchte, so war er so

glücklich, das Mittel bei der Hand zu haben; denn sehr bald kam der

König mit dem großen Gesicht und die Königin mit dem schönen Gesicht in

ihrer goldenen Kutsche heraus, begleitet von dem _oeil de boeuf_

ihres glänzenden Hofes, einer Schaar lachender Damen und feiner Herren;

und in Juwelen, Seide, Puder, Glanz und stolzen auf die ganze Welt

herabsehenden schönen Gesichtern von Männern und Frauen schwelgte der

Straßenarbeiter und berauschte sich so davon, daß er schrie. „Lange

lebe der König! Lange lebe die Königin! Lange lebe Alles und Jedes!“

-- als ob er nie ein Wort von dem allgegenwärtigen Jacques vernommen

hätte. Dann kamen Gärten, Höfe, Terrassen, Springbrunnen, Rasenplätze,

wiederum König und Königin, wiederum _oeil de boeuf_, noch mehr

feine Herren und Damen, noch mehr Vivats, bis er vor lauter Schwärmerei

weinte. Während dieser ganzen langen Zeit, wol drei Stunden lang,

war Alles um ihn Vivatrufen und Freudenthränen und Defarge hielt ihn

am Kragen fest, wie um ihn abzuhalten, auf die Gegenstände seiner

kurzlebigen Verehrung loszustürzen und sie in Stücke zu zerreißen.

„Bravo!“ sagte Defarge, als es vorbei war, indem er ihn mit Gönnermiene

auf den Rücken klopfte; „Ihr seid ein guter Junge!“

Der Straßenarbeiter kam jetzt wieder zu sich und glaubte fast, er habe

sich mit seinen Freudenbezeigungen eines Fehlers schuldig gemacht; aber

nein!

„Ihr seid der Bursche, den wir brauchen“ sagte Defarge ihm in’s Ohr.

„Ihr verleitet diese Thoren zu dem Glauben, daß es ewig dauern werde.

Dann sind sie um so anmaßender und das Ende kommt um so eher.“

„Ha!“ rief der Straßenarbeiter nach einigem Besinnen aus; „das ist

wahr!“

„Diese Thoren wissen nichts. Während sie Euren Athem verachten und

lieber Euch oder Hunderte, wie Euch ersticken sehen möchten, als einen

ihrer Hunde oder Pferde, wissen sie blos, was ihnen Euer Athem sagt. So

mögen sie sich dann noch eine kleine Weile täuschen; sie können sich

nicht genug täuschen.“

Madame Defarge sah den Clienten geringschätzig an und nickte

bestätigend.

„Was Euch betrifft“ sagte sie, „so würdet Ihr für Alles, wenn es nur

mit Prunk und Lärm auftritt, Freudenthränen vergießen. Nicht wahr, das

würdet Ihr thun?“

„Ich glaube wol, Madame. Für den Augenblick.“

„Wenn man Euch einen großen Haufen Puppen zeigte, die Ihr zu Eurem

Nutzen auseinander nehmen und ausziehen solltet, so würdet Ihr die

größte und prächtigste nehmen. Nicht wahr?“

„Ja!“

„Und wenn man Euch eine Schaar Vögel zeigte, die nicht fortfliegen

könnte und Euch hieße, sie zu Eurem Nutzen ihrer Federn zu berauben, so

würdet Ihr nach den Vögeln mit dem glänzendsten Gefieder greifen; nicht

wahr?“

„Gewiß, Madame.“

„Ihr habt heute Puppen und Vögel gesehen,“ sagte Madame Defarge und

schwenkte die Hand nach dem Orte, wo sie zuletzt gewesen waren. „Jetzt

geht nach Hause!“

Sechszehntes Kapitel.

Immer noch stricken.

Madame Defarge und ihr Gemahl kehrten einträchtiglich nach Saint

Antoine zurück, während ein Fleck in einer blauen Mütze sich durch die

Finsterniß und den Staub und die langweiligen Meilen von Alleen an

der Landstraße hinab langsam auf den Punkt des Compasses zu bewegte,

wo das Schloß des jetzt im Grabe liegenden Monsieur le Marquis den

flüsternden Bäumen zuhörte. So reichliche Muße hatten jetzt die

steinernen Gesichter, den Bäumen und den Springbrunnen zu lauschen,

daß die wenigen Vogelscheuchen aus dem Dorfe, welche in ihrem Suchen

nach eßbaren Kräutern und dürrem Holz zum Heizen in den Gesichtsbereich

des großen Schloßhofes und der Terrasse kamen, in ihrer ausgehungerten

Phantasie den Gedanken faßten, daß der Ausdruck der Gesichter sich

verändert habe. Ein Gerücht war in dem Dorfe gerade noch lebendig --

es hatte ein schwaches und dürftiges Dasein gerade wie seine Bewohner

-- daß, als das Messer in das Herz fuhr, die Gesichter ihren Ausdruck

des Zorns in Schmerz verwandelt hätten; daß als die baumelnde Gestalt

vierzig Fuß über den Brunnen hinaufgezogen ward, sie sich wieder

verändert und den harten Ausdruck befriedigter Rache angenommen hätten,

den sie von da an immer tragen würden. In dem steinernen Gesicht über

dem Fenster des großen Schlafzimmers, wo der Mord geschehen, zeigte man

zwei kleine Grübchen in der steinernen Nase, die Jedermann erkannte und

die Niemand vorher gesehen hatte; und bei den seltenen Gelegenheiten,

wo zwei oder drei zerlumpte Landleute sich von der Menge trennten,

um einen hastigen Blick auf den versteinerten Monsieur le Marquis zu

werfen, dauerte es nicht lange, daß sie alle wieder unter dem Moos und

den Blättern verschwanden, wie die glücklicheren Hasen die dort ihren

Lebensunterhalt fanden.

Schloß und Hütte, steinernes Gesicht und baumelnde Gestalt, der rothe

Fleck auf der steinernen Flur und das reine Wasser in dem Dorfbrunnen

-- tausende Acker Land -- eine ganze Provinz von Frankreich --

ganz Frankreich selbst -- lagen unter dem Nachthimmel in einem kaum

sichtbaren haarbreiten Streifen concentrirt. So ruht eine ganze Welt

mit allen ihren Größen und Kleinheiten in einem funkelnden Stern. Und

wie bloße menschliche Wissenschaft einen Lichtstrahl spalten und seine

Zusammensetzung analysiren kann, so können erhabenere Geisteskräfte in

dem schwachen Schimmer unserer Erde jeden Gedanken und jede Handlung,

jegliches Laster und jegliche Tugend, jedwedes auf ihr lebenden

verantwortlichen Geschöpfes lesen.

Die Defarge’s, Mann und Weib, erreichten beim Sternenschein in ihrem

schwerfälligen Wagen das Thor von Paris, welches das natürliche Ziel

ihrer Fahrt war. An dem Wachthause desselben ward -- wie gewöhnlich --

angehalten und wie gewöhnlich kamen Laternen heraus, um wie gewöhnlich

zu fragen und zu examiniren. Monsieur Defarge stieg aus, denn er kannte

dort einen oder zwei von den Wache habenden Soldaten und Einen von

der Polizei. Letzterer war sein vertrauter Freund und er umarmte ihn

zärtlich.

Als Saint Antoine die Defarges wieder in seinem Schooß aufgenommen

und sie aus der Kutsche ausgestiegen, um ihren Weg zu Fuß durch den

schwarzen Schlamm und den Unrath seiner Straßen sorgsam fortzusetzen,

fragte Madame Defarge ihren Mann: „Sage, mein Freund, was hat Dir

Jacques von der Polizei mitgetheilt?“

„Diesmal sehr wenig, aber Alles, was er weiß. Es ist ein neuer Spion

für unser Quartier angestellt. Es können noch viele andere sein, aber

er weiß nur von einem.“

„Gut!“ sagte Madame Defarge und zog die Augenbrauen mit kühler

Geschäftsmiene in die Höhe. „So müssen wir ihn in unser Register

aufnehmen. Wie heißt der Mann?“

„Es ist ein Engländer.“

„Um so besser. Wie heißt er?“

„Barsad,“ sagte Defarge mit französischer Aussprache. Aber er hatte

ihn sich so genau vorsagen lassen, daß er ihn alsdann ganz richtig

buchstabirte.

„Barsad,“ wiederholte Madame. „Gut. Taufname?“

„John.“

„John Barsad“, wiederholte Madame, nachdem sie den Namen noch einmal

halb laut vor sich hingesprochen. „Gut. Wie sieht er aus? Weiß man es?“

„Alter ungefähr 40 Jahre; Größe ungefähr 5 Fuß 9 Zoll; Haar schwarz;

Gesichtsfarbe dunkel; Aussehen im Allgemeinen hübsch; Augen dunkel;

Gesicht lang und schmal; Adlernase, aber nicht gerade, sondern etwas

nach der linken Backe zu gebogen; der Gesichtsausdruck dadurch lauernd.“

„Meiner Treu! Wie abgemalt!“ sagte Madame lachend. „Ich werde ihn

morgen in das Register eintragen.“

Sie trat in den Weinschank, der bereits geschlossen war (denn es war

Mitternacht) wo Madame Defarge sofort ihren Posten am Ladentisch

einnahm, das während ihrer Abwesenheit eingegangene kleine Geld zählte,

die Flaschen nachsah, die im Buche eingetragenen Posten prüfte,

selbst Posten eintrug, den Dienstboten in jeder nur möglichen Weise

controlirte und ihn schließlich zu Bett schickte. Dann schüttete sie

zum zweiten Male den Teller mit dem Gelde aus und fing an, die Münzen

in einer Kette einzelner Knoten in ihr Taschentuch einzuknüpfen, um sie

für die Nacht aufzubewahren. In dieser ganzen Zeit ging Defarge mit der

Pfeife im Munde auf und ab und bewunderte seine Frau im Stillen, ohne

sich in die Geschäfte zu mischen; überhaupt ging er in dieser Stimmung,

was Geschäfts- und häusliche Angelegenheiten betrifft, durch das Leben.

Die Nacht war schwül und in dem fest verschlossenen und in einer so

unreinlichen Nachbarschaft liegenden Laden roch es unangenehm. Monsieur

Defarge’s Geruchsnerven waren keineswegs sehr empfindlich, aber der

Weinvorrath roch viel stärker, als er jemals schmeckte, und das war

auch mit dem Rum und mit dem Branntwein und dem Anis der Fall. Er blies

den vermischten Geruch von seiner Nase weg, wie er die ausgerauchte

Pfeife weglegte.

„Du bist müde“ sagte Madame und blickte von den Knoten auf, die sie in

das Taschentuch knüpfte. „Es sind nur die gewöhnlichen Gerüche.“

„Ich bin etwas müde“ gab ihr Mann zu.

„Du bist auch ein wenig gedrückt“ sagte Madame, deren rasches Auge nie

mit den Rechnungen beschäftigt war, ohne auch einen Blick für ihn zu

haben. „Ach! die Männer! die Männer!“

„Aber meine Liebe,“ fing Defarge an.

„Aber, mein Lieber!“ wiederholte Madame und nickte entschieden; „aber

mein Lieber! Du bist entmuthigt heute Abend, mein Lieber!“

„Nun ja,“ sagte Defarge als ob ihm ein Gedanke aus dem Herzen

herausgepreßt würde. „Es ist noch so lange hin.“

„Es ist noch lange hin!“ wiederholte seine Frau; „und was dauert nicht

lange? Rache und Vergeltung fordern viele Zeit; es ist die Regel.“

„Es fordert keine lange Zeit, Jemanden mit dem Blitz zu treffen“ sagte

Defarge.

„Wie viel Zeit gehört aber dazu, den Blitz zu machen und

aufzubewahren?“ -- fragte Madame ruhig. „Nun?“

Defarge blickte gedankenvoll auf, als ob darin allerdings etwas läge.

„Ein Erdbeben braucht keine lange Zeit, um eine Stadt zu zerstören“

sagte Madame. „Nun sage mir wie lange dauert es, ein Erdbeben

vorzubereiten?“

„Ich vermuthe, sehr lange.“

„Aber wenn es fertig ist, bricht es los und zermalmt Alles vor sich.

Unterdessen gährt es immer fort, obgleich man es nicht sieht oder hört.

Das sei Dein Trost. Vergiß ihn nicht.“

Sie zog mit funkelnden Augen einen Knoten zu, als ob sie einen Feind

erdrosselte.

„Ich sage Dir“ fuhr Madame fort, indem sie, um ihrer Rede Nachdruck zu

geben, die rechte Hand ausstreckte, „daß, obgleich es lange unterwegs

ist, es doch unterwegs und im Anzuge ist. Ich sage Dir, es zieht sich

nie zurück und steht nie still. Ich sage Dir, es kommt immer näher.

Sieh um Dich und bedenke, welches Leben die Welt -- so weit wir sie

kennen -- führt; bedenke die Wuth und die Unzufriedenheit zu welcher

die Jacquerie stündlich mit sicherer Aussicht auf Erfolg spricht. Kann

so etwas ewig dauern? Bah! Ich möchte lachen.“

„Mein starkes Weib!“ entgegnete Defarge, der vor ihr mit etwas

gesenktem Haupt und auf dem Rücken gelegten Händen stand, wie ein

gelehriger und aufmerksamer Schüler vor seinem Lehrer. „Alles das ziehe

ich nicht in Zweifel. Aber es hat schon lange Zeit gedauert und es ist

möglich -- Du weißt recht gut, Frau, es ist möglich -- daß es während

unserer Lebenszeit nicht kommt.“

Zwei Städte · 第 16 / 36 段