Nachdem er seine Pfeife ausgeraucht und noch eine kleine Weile seinen

Gedanken nachgehangen hatte, wendete er seine Schritte heimwärts,

damit er vor Ladenschluß seinen Posten vor Tellsons einnehmen könnte.

Ob sein Nachdenken über die Sterblichkeit des Menschen seine Leber

angegriffen hatte oder ob es mit seiner Gesundheit im Allgemeinen nicht

ganz richtig war oder ob er einen ausgezeichneten Mann eine kleine

Aufmerksamkeit erweisen wollte, geht uns hier weniger an, als daß er

auf seinem Heimwege seinem ärztlichen Beistand -- einem Chirurgen von

großem Rufe -- einen kurzen Besuch abstattete.

Der junge Jerry, nun von seinem Vater abgelöst, meldete, daß während

seiner Abwesenheit nichts vorgefallen sei. Die Bank wurde geschlossen,

die alten Commis kamen heraus, der Wächter erschien auf seinem Posten

und Mr. Cruncher und sein Sohn gingen nach Hause zum Thee.

„Nun will ich Dir sagen, wie es ist“ sagte Mr. Cruncher zu seiner Frau,

wie er in die Stube trat. „Wenn es heute Nacht mit meiner Spekulation

schief geht, so will ich schon herausbringen, daß Du gegen mich gebetet

hast und werde Dich dann bearbeiten, als ob ich’s gesehen hätte.“

Die niedergedrückte Mrs. Cruncher schüttelte den Kopf.

„Was, Du willst’s vor meinen Augen thun?“ -- sagte Mr. Cruncher mit

allen Anzeigen zorniger Besorgniß.

„Ich sage nichts.“

„Nun dann denke aber auch nichts. Du könntest eben so gut auf den

Knieen herumrutschen, als denken. Das Eine ist so gut gegen mich, wie

das Andere. Laß es ganz sein.“

„Ja, Jerry.“

„Ja, Jerry“ wiederholte Mr. Cruncher, indem er sich zum Thee hinsetzte.

„Ha! immer heißt’s: Ja Jerry. Ja wohl, ’s ist schon gut, ja Jerry!“

Mr. Cruncher verband keine besondere Meinung mit diesen mürrischen

Wiederholungen, sondern drückte damit nur, wie es andre Leute nicht

selten auch thun, allgemeine ironische Unzufriedenheit aus.

„Du und Deine Ja, Jerry“ sagte Mr. Cruncher und biß ein derbes

Stück aus seinem Butterschnitt, das er mit einem tüchtigen Schluck

hinunterspülte. „Ha! ich sollte es meinen. Ich glaube Dir.“

„Du gehst heute Nacht aus?“ fragte seine Frau, als er wieder ein Stück

abbiß.

„Ja!“

„Darf ich mitgehen, Vater?“ fragte sein Sohn rasch.

„Nein, das geht nicht! Ich gehe -- wie Deine Mutter weiß -- fischen. So

ist es. Fischen gehe ich.“

„Deine Angel wird aber recht rostig; nicht wahr, Vater?“

„Das laß Du gut sein.“

„Bringst Du uns Fische mit, Vater?“

„Wenn ich keine mitbringe, wirst Du morgen fasten müssen,“ gab der

Andere mit einem Kopfschütteln zur Antwort; „das ist Antwort genug für

Dich; ich gehe erst aus, wenn Du längst zu Bett bist.“

Den Rest des Abends verbrachte er damit, ein scharfes Auge auf Mrs.

Cruncher zu haben, und sie beständig im Gespräch zu erhalten, damit

sie an keine Gebete zu seinem Nachtheile denken konnte. Zu diesem

Zwecke trieb er auch seinen Sohn an, sie nicht aus dem Gespräch zu

lassen und die Arme mußte mit ihm jede Beschwerde, die er gegen sie

hatte, durchsprechen, damit sie nur nicht einen einzigen Augenblick

ihren eigenen Gedanken nachhängen konnte. Der frömmste Mensch hätte

für die Wirksamkeit eines aufrichtig gemeinten Gebets nicht kräftiger

Zeugniß ablegen können, als er es durch dieses immer wache Mißtrauen

in seine Frau that. Es war als ob Einer, der sich laut rühmte an keine

Gespenster zu glauben, sich von einer Gespenstergeschichte Furcht

einflößen ließe.

„Und vergiß es nicht,“ sagte Mr. Cruncher. „Daß Du mir morgen keine

Geschichten machst! Wenn es mir als ehrlichem Gewerbsmann gelingt, ein

gut Stück Fleisch auf den Tisch zu schaffen, so komme mir nicht mit

Deiner Komödie, es nicht anrühren und nur Brod essen zu wollen. Wenn

ich als ehrlicher Gewerbsmann für ein Glas Bier sorge, so sprich mir

nicht von Wassertrinken. Wenn Du nach Rom gehst, mußt Du es machen wie

die Leute in Rom. Rom wird es Dir noch schön anstreichen, wenn Du es

nicht thust. Ich bin Dein Rom -- weißt Du!“

Dann fing er wieder an zu brummen:

„Mit Deinem Wirthschaften gegen Deine eigne Speise und Trank! Ich weiß

nicht, wie selten Du Speise und Trank Dir machen könntest mit Deinem

Herumrutschen und herzlosen Benehmen. Sieh Deinen Jungen an: Er ist

Dein Kind, nicht wahr? Er ist so dürr, wie eine Latte. Du willst eine

Mutter sein und weißt nicht einmal, daß es die erste Pflicht einer

Mutter ist, ihrem Sohn zu Fleisch zu verhelfen!“

Dies berührte den jungen Jerry auf einer empfindlichen Stelle. Er

beschwor seine Mutter, ihre erste Pflicht zu erfüllen und, was sie auch

sonst thäte und unterließe, vor allen Dingen besondere Sorge zu tragen,

dieser von seinem Vater so rührend und zartfühlend beschriebenen

Mutterpflicht nach zu kommen.

So verging der Abend in der Familie Cruncher, bis der Vater den Sohn

zu Bett gehen hieß und die Mutter, der er denselben Befehl ertheilte,

ihm gehorchte. Mr. Cruncher vertrieb sich die ersten Stunden der Nacht

mit einsamem Pfeifen und traf erst Anstalten zum Aufbruch, als es fast

ein Uhr war. Wie diese Geisterstunde herankam, stand er von seinem

Stuhle auf, holte einen Schlüssel aus seiner Tasche, schloß einen

Wandschrank auf und nahm einen Sack, ein Brecheisen von angemessener

Größe, einen Strick, eine Kette und anderes Angelgeräthe ähnlicher Art

heraus. Nachdem er diese Gegenstände in geschickter Weise an seinem

Leibe untergebracht hatte, bedachte er Mrs. Cruncher noch mit einem

Abschiedsfluch, löschte das Licht aus und ging.

Der junge Jerry, der sich gar nicht ausgezogen hatte, als er zu Bett

ging, folgte sehr bald seinem Vater. Unter dem Schutze der Finsterniß

folgte er ihm aus dem Zimmer die Treppe hinab in den Hof hinunter bis

auf die Straße. Wieder in das Haus zu kommen machte ihm keine Sorge,

denn es wohnten viel Leute darin und die Thür blieb die ganze Nacht

angelehnt.

Getrieben von einem lobenswerthen Ehrgeiz, die Kunst und das Geheimniß

des ehrlichen Gewerbes seines Vaters kennen zu lernen, behielt

der junge Jerry, immer dicht an den Häusern, Mauern und Thorwegen

hinschleichend, seinen ehrenwerthen Vater fortwährend im Auge. Der

ehrenwerthe Vater schlug eine nördliche Richtung ein und war noch nicht

weit gegangen, als sich ein anderer Schüler Isaak Waltons zu ihm fand

und Beide nun in Gesellschaft weiter gingen.

Eine halbe Stunde nach dem Aufbruch hatten sie die trübe brennenden

Laternen und die schlafenden Nachtwächter hinter sich und befanden

sich auf einer einsamen Landstraße. Hier fand sich noch ein Liebhaber

des Angelns zu ihnen und zwar so in aller Stille, daß, wenn der junge

Jerry abergläubisch gewesen wäre, er hätte glauben können, der zweite

Verehrer des edeln Zeitvertreibs hätte sich auf einmal in zwei Männer

gespalten.

Die Drei gingen weiter und der junge Jerry ebenfalls bis die Drei an

einer Stelle stehen blieben, wo die Straße durch einen Hohlweg lief.

Oben auf dem Hohlweg sah man eine niedrige Mauer von Ziegelsteinen mit

einem eisernen Gitter darüber. Im Schatten des Hohlwegs und der Mauer

verließen alle Drei die Landstraße und lenkten in einen Seitenweg ein,

dessen eine Seite die hier acht bis zehn Fuß hohe Mauer bildete. Das

Nächste, was der junge Jerry, der sich in eine Ecke gekauert hatte,

sah, war die Gestalt seines ehrenwerthen Vaters, der rasch ein eisernes

Gitterthor hinaufkletternd sich ziemlich deutlich gegen den von einem

Hof umgebenen und durch Wolken schwimmenden Mond abzeichnete. Er war

bald auf der andern Seite und dann folgte der zweite Angler und der

dritte. Sie alle ließen sich vorsichtig auf den Boden hinunter und

blieben dort eine Weile liegen -- vielleicht um zu horchen. Dann

krochen sie auf Händen und Knien weiter.

Jetzt kam an den jungen Jerry die Reihe, sich der Gitterpforte zu

nähern und er that es mit angehaltenem Athem. Er kauerte sich dort

wieder in eine Ecke und sah, wie die drei Angler durch hohes struppiges

Gras krochen, während alle Grabsteine auf dem Friedhofe -- denn sie

befanden sich auf einem großen Friedhofe -- wie weiß gekleidete

Gespenster zusahen und der Kirchthurm selbst wie das Gespenst eines

ungeheuren Riesen herniederschaute. Sie waren noch nicht weit

gekrochen, als sie Halt machten und sich aufrichteten. Und nun fingen

sie an zu fischen.

Sie fischten zuerst mit einem Spaten. Gleich darauf machte der

ehrenwerthe Vater ein Werkzeug, ungefähr gleich einem großen Korkzieher

zurecht. Aber mit welchen Werkzeugen sie immer arbeiteten -- sie

arbeiteten mit Anstrengung, bis der dumpfe Schlag der Thurmglocke den

jungen Jerry so erschreckte, daß er mit zu Berge stehendem Haar davon

lief.

Doch sein lange gehegter Wunsch, mehr von diesen Sachen zu erfahren,

hemmte nicht nur seinen Lauf, sondern bewog ihn auch, wieder um zu

kehren. Sie fischten immer noch mit großer Ausdauer, als er zum zweiten

Male zur Pforte hereinguckte; aber jetzt schien ein Fisch gebissen zu

haben. Man hörte einen rumpelnden und ächzenden Ton unten in der Erde

und die gekrümmten Rücken der Fischer strengten sich mächtig an, als

wollten sie eine schwere Last heben. Langsam und allmählig brachten sie

dieselbe auch aus der Erde heraus. Der junge Jerry wußte recht gut, was

es sein würde; aber als er es erblickte und seinen ehrenwerthen Vater

Anstalten machen sah es aufzubrechen, bemächtigte sich seiner bei dem

noch neuen Anblick eine solche Angst, daß er wieder fortlief und nicht

eher stehen blieb, als bis er wol eine halbe Stunde Wegs gelaufen war.

Auch jetzt wäre er nicht stehen geblieben, wenn er nicht unbedingt

hätte Athem schöpfen müssen; denn er lief ein Gespensterwettrennen und

wünschte sehnlichst, damit fertig zu sein. Er konnte sich nicht von

dem Gedanken losmachen, daß der Sarg, den er gesehen, ihm nachlaufe,

und wie er sich ihn dachte, wie er immer auf seinem schmalen Ende

stehend ihm nachhoppe und stets auf dem Punkte stand, ihn einzuholen

und an ihn heran zu hoppen -- vielleicht gar seinen Arm zu nehmen --

wurde es ihm fürchterlich zu Muthe. Es war auch ein allgegenwärtiger

Dämon; denn während er die ganze Nacht hinter ihm zu einem Entsetzen

machte, lief Jerry auf die Fahrstraße hinüber, um dunkeln Seitenwegen

fern zu bleiben, aus denen der gespenstige Sarg ja hervorgehoppt kommen

konnte -- gleich einem wassersüchtigen Papierdrachen ohne Schweif und

Flügel. Er versteckte sich auch in Thorwegen, wo er seine gräßlichen

Schultern an den Thüren rieb und sie bis zu den Ohren heraufzog, als ob

er lachte. Er lauerte in dunkeln Stellen auf der Straße und legte sich

hinterlistig auf den Boden, daß der Laufende über ihn wegfalle. Die

ganze Zeit über hoppte er ihm unaufhörlich hinten nach und kam immer

näher, sodaß der Knabe halbtodt war, als er seine Hausthüre erreichte.

Aber auch hier wollte er ihn nicht verlassen, sondern folgte ihm die

Treppe hinauf mit einem dumpfklingenden Aufstoßen auf jeder Stufe,

kletterte mit ihm in’s Bett und fiel todt und schwer auf seine Brust,

wie er einschlief.

Aus schwerem Schlummer fand sich der junge Jerry in seiner Kammer

nach Tagesanbruch und vor Sonnenaufgang durch die Anwesenheit seines

Vaters in der Familienstube erweckt. Etwas mußte ihm schief gegangen

sein; wenigstens schloß dies der junge Jerry aus dem Umstande, daß er

Mrs. Cruncher bei den Ohren hielt und sie mit dem Hinterkopf gegen das

Kopfbrett des Bettes stieß.

„Ich hab’ Dir’s vorausgesagt“ sagte Mr. Cruncher „und jetzt

geschieht’s.“

„Jerry, Jerry, Jerry!“ bat seine Frau.

„Du raubst uns den Gewinn des Geschäfts“ sagte Jerry, „und ich und

meine Compagnons leiden darunter. Du sollst ehren und gehorchen, warum

zum Teufel thust Du es nicht?“

„Ich versuche eine gute Frau zu sein, Jerry“ betheuerte die Arme unter

Thränen.

„Heißt das eine gute Frau sein, wenn Du Deinem Mann das Geschäft

verdirbst? Heißt es, Deinen Mann ehren, wenn Du ihm Unehre auf sein

Geschäft bringst? Heißt es Deinem Manne gehorchen, wenn Du ihm in den

Hauptsachen seines Geschäfts nicht folgst?“

„Du hattest damals mit dem schrecklichen Geschäfte noch nichts zu thun,

Jerry.“

„Es muß Dir genug sein, die Frau eines ehrenwerthen Gewerbsmannes zu

sein,“ entgegnete Mr. Cruncher. „Du brauchst Dir deinen dummen Kopf

nicht mit Rechnen zu zerbrechen, wann er sein Geschäft angefangen hat

oder nicht. Ein ehrendes und gehorchendes Weib würde sich gar nicht

um sein Geschäft kümmern. Du willst eine fromme Frau sein? Wenn Du

eine fromme Frau bist, so will ich eine gottlose haben, Du hast nicht

mehr natürliches Pflichtgefühl als in dem Bette der Themse hier Pfähle

wachsen, und selbigermaßen muß es in Dich hineingeschlagen werden.“

Der Wortwechsel ging in halblautem Tone herüber und hinüber, und der

Schluß desselben war, daß der ehrenwerthe Gewerbsmann seine mit Lehm

beschmutzten Stiefeln von den Füßen schleuderte, und sich der Länge

nach auf den Fußboden legte. Nachdem sein Sohn auf ihn, wie er, die

schmutzigen Hände als Kissen benutzend, auf dem Rücken dalag, einen

schüchternen Blick geworfen, streckte auch er sich aus, und schlief

wieder ein.

Es gab keinen Fisch zum Frühstück, und auch sonst nicht viel. Mr.

Cruncher war böser Laune, und hatte neben sich einen eisernen

Topfdeckel liegen als Wurfgeschoß zur Züchtigung Mrs. Crunchers, wenn

es ihr nur von fern einfallen sollte, an ein Tischgebet zu denken. Er

bürstete und wusch sich zur gewöhnlichen Stunde, und ging mit seinem

Sohne fort, um sich seinem Tagesgeschäft zu widmen.

Der junge Jerry, mit dem Stuhle unter dem Arme neben seinem Vater

durch die lange und menschengedrängte Fleetstreet hertrabend, war ein

ganz anderer junger Jerry als in der vergangenen Nacht, wie er durch

die einsame Finsterniß vor seinem grausigen Verfolger ausriß. Seine

Schlauheit war mit dem Tage wieder aufgewacht, und seine Gewissensbisse

mit der Nacht verschwunden, mit welcher Eigenthümlichkeit er

wahrscheinlich an diesem schönen Morgen weder in Fleetstreet noch in

der City von London allein stand.

„Vater,“ fing der junge Jerry unterwegs an, vorsorglich außer

Armbereich tretend, und den Stuhl zum pariren bereit haltend, „was ist

ein Auferstehungsmann?“

Ueberrascht blieb Cruncher stehen, ehe er antwortete: „Wie soll ich das

wissen?“

„Ich glaubte Du wüßtest Alles, Vater?“ meinte voll Unschuld der Knabe.

„Hm, nun ja,“ entgegnete Mr. Cruncher, indem er wieder weiterging, und

den Hut abnahm, um seinen starr emporstehenden Haaren freien Spielraum

zu geben, „’s ist ein Handelsmann.“

„Mit was für Waaren handelt er?“ fragte der Junge lebhaft weiter.

„Seine Waaren,“ sagte Mr. Cruncher, nachdem er es sich eine Weile

überlegt hatte, „sind Artikel der Wissenschaft.“

„Leichen, nicht wahr, Vater?“ rieth mit rascher Auffassungsgabe der

Knabe.

„Ich glaube, s’ist was der Art,“ sagte Mr. Cruncher.

„Ach Vater, ich möchte Auferstehungsmann werden, wenn ich groß genug

dazu bin!“

Mr. Cruncher war besänftigt, aber schüttelte bedenklich den Kopf.

„Das hängt ganz davon ab, wie Du Deine Talente entwickelst. Gieb Dir

Mühe Deine Talente auszubilden, und sprich zu andern Leuten nie ein

Wort mehr als Du mußt, dann aber kann man wirklich noch nicht wissen,

wozu Du es einmal noch bringen kannst.“ Wie der junge Jerry, so

ermuthigt, ein paar Schritte voraus ging, um den Stuhl in den Schatten

des Tempelthors zu stellen, sagte Mr. Cruncher zu sich: „Jerry, du

rechtschaffener Gewerbsmann, du hast Hoffnung, daß dieser Junge ein

Segen wird, und eine Entschädigung für seine Mutter!“

Fünfzehntes Kapitel.

Stricken.

Das Trinken im Weinschank Monsieur Defarges hatte heute früher als

gewöhnlich begonnen. Schon sechs Uhr Morgens sahen bleiche Gesichter,

die durch die vergitterten Fenster blickten, drinnen andre Gesichter

hinter ihrem Maße Wein sitzen. Monsieur Defarge schenkte in den besten

Zeiten einen sehr dünnen Wein, aber heute schien er ungewöhnlich dünn

zu sein. Uebrigens sauer oder säuernd, denn er brachte in den Gästen

eine melancholische Stimmung hervor. Keine lustige bachanalische Flamme

sprang aus den gekelterten Trauben Monsieur Defarges hervor, wol aber

lag in den Hefen ein im dunkeln fortglimmendes Feuer versteckt.

Es war schon der dritte Morgen, seitdem das frühe Trinken in

dem Weinschank Monsieur Defarges angefangen hatte. Begonnen

hatte es Montag, und heute war Mittwoch. Es war aber mehr frühes

Kopfzusammenstecken als Trinken gewesen, denn Viele hatten seit dem

Oeffnen des Ladens dort zugehört und geflüstert und herumgestanden,

die um ihre Seele zu retten nicht das kleinste Stück Geld auf den

Ladentisch hätten legen können. Sie galten jedoch ebenso viel an dem

Orte, als ob sie ganze Fässer Wein hätten bestellen können, und sie

schlichen von einem Platz und von einer Ecke zur andern, Worte anstatt

Wein mit gierigen Blicken verzehrend.

[Illustration: ~Der Weinschank.~]

Trotz ungewöhnlich zahlreichen Besuchs war der Besitzer des Weinschanks

nicht sichtbar. Er ward nicht vermißt, denn Niemand der über die

Schwelle kam sah sich nach ihm um, Niemand fragte nach ihm, Niemand

wunderte sich, nur Madame Defarge auf ihrem Platz zu sehen, neben

sich einen Teller voll abgegriffener kleiner Münzen, so sehr ihres

ursprünglichen Gepräges verlustig geworden, als die Menschen, aus deren

zerrissenen Taschen sie gekommen waren.

Die Spione, die in den Weinschank hineinguckten, wie sie jeden Ort,

hoch oder niedrig, vom Königspalast bis zum Kerker beguckten, bemerkten

vielleicht ein gespanntes Warten und eine vorherrschende Zerstreutheit.

Das Kartenspiel ging nicht flott, die Dominospieler bauten nachdenklich

Thürme mit den Steinen, Gäste malten mit vergossenem Wein Figuren auf

den Tisch, und selbst Madame Defarge stach mit ihrem Zahnstocher in dem

Muster auf ihrem Aermel herum, und sah und hörte etwas Unhörbares und

Unsichtbares, was noch in weiter Ferne war.

So war St. Antoine in dieser Weinangelegenheit bis Mittag. Es war

hoher Mittag, als zwei bestaubte Männer durch seine Straßen und unter

seinen baumelnden Laternen hingingen. Der Eine war Monsieur Defarge,

der Andere ein Straßenarbeiter in einer blauen Mütze. Ueber und über

mit Staub bedeckt und verdurstet traten die Beiden in den Weinschank.

Ihre Ankunft hatte eine Art Feuer in der Brust St. Antoines angezündet,

das sich rasch weiter verbreitete wie sie durch die Straßen gingen,

und in Augen und auf Gesichtern an den meisten Thüren und Fenstern

glänzte. Aber Niemand folgte ihnen, und Niemand sprach, als sie in den

Weinschank traten, obgleich die Augen eines Jeden auf ihnen ruhten.

„Guten Tag, ihr Herren!“ sagte Monsieur Defarge.

Das war vielleicht ein Signal, um das allgemeine Schweigen zu brechen.

Denn im Chor antworteten die Anwesenden „Guten Tag!“

„Es ist schlechtes Wetter, ihr Herren!“ sagte Defarge kopfschüttelnd.

Darauf sah Jedermann seinen Nachbar an, und dann schlugen Alle die

Augen nieder und blieben stumm sitzen. Nur Einer nicht, der aufstand

und hinausging.

„Frau,“ sagte Defarge laut zu Madame Defarge. „Ich bin eine Anzahl

Meilen mit diesem guten Straßenarbeiter, Namens Jacques, gewandert.

Ich traf ihn -- zufällig -- anderthalb Tagereise von Paris. Er ist

ein guter Mensch, dieser Straßenarbeiter, dieser Jacques. Gieb ihm zu

trinken, Frau!“

Ein Zweiter stand auf und ging hinaus. Madame schenkte dem

Straßenarbeiter, Namens Jacques ein, der eine blaue Mütze vor der

Gesellschaft abnahm und trank. Aus der Brust seiner Blouse holte er

ein Stück großes schwarzes Brod; von diesem biß er von Zeit zu Zeit

ein Stück ab, und kaute und trank vor Madame Defarges Ladentisch. Ein

Dritter stand auf und ging hinaus.

Defarge trank ebenfalls ein paar Schluck Wein -- aber weniger als

der Fremde, als ein Mann, dem das Getränk keine Seltenheit ist --

und wartete bis der Andere gefrühstückt hatte. Er sah Niemand von

den Anwesenden an, und Niemand sah ihn jetzt an; nicht einmal Madame

Defarge, die ihren Strickstrumpf wieder genommen und strickte.

„Seid Ihr fertig mit Eurem Frühstück, Freund?“ fragte er dann.

„Ja, ich danke Euch.“

„Nun so kommt! Ich will Euch das Zimmer zeigen, das für Euch bestimmt

ist. Es wird Euch vortrefflich passen.“

Aus dem Weinschank auf die Straße, von der Straße in einen Hof, vom

Hofe eine steile Treppe hinauf, von der Treppe in eine Dachkammer

-- dieselbe Dachkammer, wo vormals ein weißköpfiger Mann auf einer

niedrigen Bank gesessen, emsig mit Schuhmacherarbeit beschäftigt.

Jetzt war kein weißköpfiger Mann dort; aber wol die drei Männer, welche

einzeln den Weinschank verlassen hatten. Doch zwischen ihnen und dem

weißköpfigen Mann in der Fremde bestand die eine Verbindung, daß sie

durch die Spalten in der Wand ihn einmal betrachtet hatten.

Defarge machte die Thür sorgfältig zu, und sprach in gedämpften Tone:

„Jacques Eins, Jacques zwei, Jacques drei! Dies ist der Zeuge, den

ich, Jacques Nummer vier, bestellt habe. Er wird euch Alles erzählen.

Sprecht, Jacques fünf!“

Der Straßenarbeiter mit der blauen Mütze in der Hand, wischte seine

sonnenverbrannte Stirn damit und sagte: „Wo soll ich anfangen,

Monsieur?“

„Fange bei’m Anfang an“ war Defarge’s nicht unverständige Antwort.

„Ich sah ihn also“ fing der Straßenarbeiter an, „vor einem Jahr im

Sommer unter dem Wagen des Marquis an der Kette hängen. Sehet wie es

war. Ich lasse meine Arbeit an der Straße liegen, die Sonne geht unter,

der Wagen des Marquis fährt langsam die Höhe hinauf, er hängt an der

Kette -- so!“

Abermals gab der Straßenarbeiter die alte Vorstellung in welcher

er jetzt von rechtswegen sicher sein mußte, da sie ein ganzes Jahr

hindurch die unfehlbare und unentbehrliche Unterhaltung seines Dorfes

gewesen war.

Jacques Nummer Eins unterbrach ihn und fragte, ob er den Mann schon

früher einmal gesehen hätte?

„Nie“ gab der Straßenarbeiter zur Antwort, indem er sich wieder

aufrichtete.

Jacques Nummer Drei fragte, wie er ihn dann später erkannt habe?

„An seiner langen Gestalt“ sagte der Straßenarbeiter halblaut und legte

den Finger an die Nase. „Als Monsieur le Marquis am Abend fragte: „Wie

sah er aus?“ gab ich zur Antwort: Lang wie ein Gespenst.“

„Ihr hättet sagen sollen: Klein wie ein Zwerg“ belehrte ihn Jacques

Nummer Zwei.

„Ja was wußte ich! Die That war damals noch nicht gethan und er hat

mir auch nichts anvertraut. Merkt wohl! Unter diesen Umständen biete

ich mein Zeugniß nicht an. Monsieur le Marquis zeigte auf mich mit dem

Finger, wie ich bei unserm kleinen Brunnen stand und sagte: „Bringt

den Kerl dort her!“ Bei meinem Wort, Ihr Herren, ich biete mich nicht

an.“

„Er hat recht darin, Jacques“ sagte Defarge zu dem, welcher ihn im

Sprechen unterbrochen hatte. „Fahrt fort.“

„Gut!“ sagte der Straßenarbeiter mit geheimnißvoller Miene. „Der lange

Mann ist verschwunden und wird gesucht -- wie viele Monate? Neun, zehn,

eilf?“

„Die Zahl ist gleichgiltig“ sagte Defarge. „Er war gut versteckt; aber

das Unglück wollte zuletzt, daß er gefunden ward. Weiter.“

„Ich arbeite wieder an derselben Stelle an der Straße und die Sonne

geht abermals zur Rüste. Ich nehme mein Arbeitszeug zusammen, um

hinunter in mein Dorf zu gehen, wo es schon dunkel ist, als ich

aufblicke und über die Höhe sechs Soldaten kommen sehe. In ihrer Mitte

geht ein langer Mann mit gebundenen Armen -- an die Seite gebunden --

so!“

Mit Hilfe seiner unentbehrlichen Mütze stellte er einen Mann dar,

dessen Ellenbogen hinten mit zusammengebundenen Stricken an den Hüften

befestigt sind.

„Ich bleibe bei meinem Steinhaufen stehen, um die Soldaten und ihren

Gefangenen vorbeigehen zu sehen (denn es ist eine einsame Straße, wo

Alles, was vorbeikommt, des Ansehens werth ist), und zuerst -- wie sie

näher kommen -- sehe ich weiter nichts, als daß es sechs Soldaten sind

mit einem gebundenen langen Mann und daß sie fast schwarz aussehen --

außer an der Seite, wo die Sonne zu Bett geht, wo sie einen rothen

Rand haben, Messieurs. Auch sehe ich ihre langen Schatten auf der

andern Seite der Straße gleich den Schatten von Riesen. Auch gewahre

ich, daß sie mit Staub bedeckt sind und daß sich der Staub mit ihnen

fortbewegt, wie sie herankommen, tramp, tramp! Aber wie sie ganz nahe

kommen, erkenne ich den langen Mann und er erkennt mich. O wie gerne

würde er den Abhang hinuntergesprungen sein wie an dem Abend, wo er und

ich zuerst uns sahen dicht bei demselben Fleck!“

Er beschrieb es als ob er dort wäre und es war offenbar, daß er Alles

lebendig vor sich sah; vielleicht hatte er in seinem Leben nicht viel

gesehn.

Zwei Städte · 第 15 / 36 段