„Ich versichere Ihnen,“ entgegnete Mr. Stryver in der wohlwollendsten

Weise, „daß es mir Ihretwegen leid thut und auch wegen des armen

Vaters. Ich begreife wohl, daß dies immer ein wunder Fleck für die

Familie bleiben wird; daher wollen wir nicht weiter davon sprechen.“

„Ich verstehe Sie nicht,“ sagte Mr. Lorry.

„Das kann ich mir wohl denken,“ entgegnete Stryver, indem er ihn

besänftigend und als wollte er die Sache ein für allemal zum Abschluß

bringen, zunickte; „thut nichts, thut nichts.“

„Doch es thut Etwas,“ wandte Mr. Lorry ein.

„Nein, es thut nichts; ich versichere es Ihnen, es thut nichts. Da ich

geglaubt habe gesunden Sinn zu finden, wo kein gesunder Sinn vorhanden

ist und einen lobenswerthen Ehrgeiz, wo kein lobenswerther Ehrgeiz

vorhanden ist, so kann ich mir gratuliren, daß ich meinen Irrthum los

bin und kein Schaden dabei geschehen ist. Junge Mädchen haben schon oft

ähnliche Thorheiten begangen und haben sie oft genug schon in Armuth

und Verlassenheit bereut. Von ganz unselbstsüchtigem Standpunkte aus

thut es mir leid, daß aus der Sache nichts geworden ist, weil es in

jeder materiellen Hinsicht für Andere ein Glück gewesen wäre; von

einem selbstsüchtigen Standpunkte aus bin ich froh, daß Nichts d’raus

geworden ist, weil ich in jeder materiellen Hinsicht schlecht dabei

weggekommen wäre -- es ist kaum nöthig, Ihnen zu sagen, daß ich gar

nichts dabei gewinnen konnte. Es ist kein Schade geschehen. Ich habe um

die junge Dame nicht angehalten und unter uns gesagt, ich weiß durchaus

nicht ob ich bei näherer Ueberlegung jemals so weit gegangen wäre. Mr.

Lorry, die thörichten Launen und nichtigen Coquetterien eines leeren

Mädchenkopfes können Sie nie berechnen; das können Sie gar nicht von

sich erwarten und immer werden Sie sich darin täuschen. Also lassen

wir die Sache ruhen. Ich sage Ihnen, es thut mir leid, anderer Leute

wegen, aber ich bin froh meinetwegen. Und ich bin Ihnen wirklich sehr

verbunden, daß Sie mir erlaubten Sie zu sondiren und daß Sie mir Ihren

Rath ertheilten; Sie kennen die junge Dame besser als ich; Sie hatten

recht, es wäre niemals etwas für mich gewesen.“

Mr. Lorry war so verblüfft, daß er sich von Mr. Stryver ganz ruhig

mit einer Miene, als ob dieser Edelmuth, Nachsicht und mitleidiges

Wohlwollen auf sein irrendes Haupt herabschüttete, moralisch zur Thür

hinausschieben ließ. „Sie müssen sich darüber zu trösten wissen, bester

Herr,“ sagte Stryver; „sprechen Sie nicht weiter davon; ich danke Ihnen

nochmals, daß Sie mir erlaubt haben, Sie zu sondiren: gute Nacht!“

Mr. Lorry stand draußen auf der Straße, ehe er wußte wo er war. Mr.

Stryver lag ausgestreckt auf seinem Sopha und zog der Zimmerdecke eine

schlaue Grimasse.

Dreizehntes Kapitel.

Der Mann ohne Zartgefühl.

Wenn Sydney Carton jemals irgendwo glänzte, so glänzte er jedenfalls

nicht in dem Hause _Dr._ Manettes. Er war ein ganzes Jahr lang oft

dort gewesen und war dort immer derselbe mürrische und übelgelaunte

Gesell gewesen. Wenn ihm daran lag zu sprechen, sprach er gut; aber

durch die Wolke der Gleichgültigkeit gegen Alles, die ihn mit so

verhängnißvoller Nacht überschattete, drang nur sehr selten das Licht

in ihn.

Und doch lag ihm Etwas an den Straßen der Nachbarschaft jenes Hauses

und den bewußtlosen Steinen, welche ihr Pflaster bildeten. Manche Nacht

wanderte er dort zwecklos und unglücklich herum, wenn der Wein ihn

in keine vorübergehende frohe Laune versetzte; manches Morgengrauen

zeigte seine einsame Gestalt, die immer noch dort verweilte, wenn die

ersten Strahlen der Sonne sonst selten sichtbare architektonische

Schönheiten an Kirchthürmen und hohen Gebäuden in starkes Relief

brachten, wie vielleicht die stille Stunde ein Gefühl für bessere,

aber sonst vergessene und unerreichbare Dinge in seine Seele brachte.

In der letzten Zeit hatte das vernachlässigte Bett im Tempelhof ihn

noch seltener gesehen, als früher; und oft, wenn er sich nur ein

paar Minuten darauf geworfen hatte, sprang er wieder auf, denn mit

dämonischer Gewalt zog es ihn nach jener Nachbarschaft.

An einem Augusttage, als Mr. Stryver (nachdem er seinem Schakal

mitgetheilt hatte, daß er sich die Heirathsgeschichte noch einmal

überlegt habe) mit seinem Zartgefühl nach Devonshire gefahren war,

zu einer Zeit, wo der Anblick und Geruch von Blumen in den Straßen

der City eine Ahnung vom Guten dem Schlechtesten, von Gesundheit dem

Kränksten und von Jugend dem Aeltesten brachte, wanderte Sydney immer

noch über dieses Pflaster. Anfangs unentschlossen und ziellos, wurden

seine Schritte plötzlich von einem Vorsatz belebt und diesen Vorsatz

nachkommend, brachten sie ihn an die Thür des Doctors.

Man wies ihn in das erste Stockwerk und dort fand er Lucien allein bei

ihrer Arbeit. Sie war ihm gegenüber nie ganz unbefangen gewesen, und

empfing ihn mit einiger Verlegenheit, als er unweit von ihrem Tische

Platz nahm. Aber als sie ihm im Austausch der ersten paar Gemeinplätze

ansah, bemerkte sie, daß er sich verändert hatte.

„Ich fürchte, Sie sind nicht wohl, Mr. Carton!“

„Das Leben, welches ich führe, Miß Manette, ist der Gesundheit nicht

zuträglich. Was können solche Wüstlinge erwarten?“

„Ist es nicht -- verzeihen Sie mir; ich habe die Frage angefangen und

kann sie nicht mehr zurückhalten -- ist es nicht jammerschade, kein

besseres Leben zu führen?“

„Gott weiß, daß es eine Schande ist!“

„Warum führen Sie denn kein anderes?“

Als sie den Blick sanft zu ihm erhob, sah sie zu ihrem Erstaunen und

ihrem Schmerz, daß Thränen in seinem Auge standen. Thränen klangen auch

aus seiner Stimme, als er zur Antwort gab:

„Es ist schon zu spät dazu. Ich werde nie besser sein, als ich bin. Ich

werde tiefer sinken und schlechter sein.“

Er stützte einen Ellenbogen auf den Tisch und deckte die Augen mit der

Hand zu.

Der Tisch zitterte in der Pause, welche jetzt folgte.

Sie hatte ihn noch nie so weich gesehen und es schmerzte sie sehr. Er

wußte das, ohne daß er sie ansah und sagte:

„Bitte, verzeihen Sie mir, Miß Manette. Ich komme aus aller Fassung,

wenn ich denke, was ich Ihnen sagen möchte. Wollen Sie mich anhören?“

„Wenn es gut für Sie ist? Mr. Carton, wenn ich Sie glücklicher machen

könnte, würde ich Sie mit Freuden anhören!“

„Gott segne Sie, für Ihr Erbarmen!“

Er nahm auf eine kleine Weile die Hand von den Augen und sprach in

ruhigerem Tone.

„Fürchten Sie nicht, mich anzuhören. Weisen Sie nichts zurück von dem,

was ich sage. Ich bin wie Einer der schon gestorben ist. Mein ganzes

Leben könnte gewesen sein.“

„Nein, Mr. Carton. Ich bin überzeugt, daß der beste Theil noch kommen

könnte; ich bin überzeugt, daß Sie noch Ihrer viel, viel würdiger

werden können.“

„Sagen Sie, Ihrer würdig, Miß Manette, und obgleich ich es besser weiß,

obgleich ich es in dem Geheimniß meines eigenen elenden Herzens besser

weiß -- werde ich es nie vergessen!“

Sie zitterte und war blaß geworden. Er kam ihr mit einer feststehenden

Verzweiflung an sich selbst zu Hülfe, welche der Unterredung einen

anderen Charakter gab als sie bei jedem Andern auf der Welt hätte haben

können.

„Wenn es möglich gewesen wäre, Miß Manette, daß Sie die Liebe des

Mannes hätten erwidern können, den Sie jetzt vor sich sehen -- dieser

verwüsteten und verlotterten Creatur, die sich selbst aufgegeben und

sich selbst weggeworfen hat -- so wäre er sich an diesem Tage und

zu dieser Stunde trotz seines Glückes bewußt, daß er Sie in Elend

und Noth, in Kummer und Reue bringen und mit sich selbst herunter in

Schmutz und Schande ziehen würde. Ich weiß recht wohl, daß Sie keine

Liebe für mich fühlen; ich verlange keine; ich danke sogar Gott, daß

ich keine beanspruchen kann.“

„Kann ich Sie nicht ohne diese retten, Mr. Carton? Kann ich Sie nicht

-- verzeihen Sie mir wieder! -- zu einem bessern Leben zurückführen?

Kann ich in keiner Weise Ihr Vertrauen vergelten? Ich weiß, daß dies

eine vertrauliche Mittheilung ist,“ sagte sie bescheiden, nach einigem

Zögern und mit aufrichtigen Thränen, „ich weiß, daß Sie das Niemandem

anders sagen würden. Kann ich es in keiner Weise zu Ihrem Besten

wenden, Mr. Carton?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, Miß Manette, in keiner Weise. Wenn Sie

mich noch ein wenig länger anhören wollen, so ist Alles geschehen,

was Sie für mich thun können. Sie sollen wissen, daß Sie der letzte

Traum meiner Seele gewesen sind. In meiner Gesunkenheit bin ich nicht

so gesunken, daß der Anblick von Ihnen und Ihrem Vater und dieses

Heimwesens und wie Sie es zu dem gemacht haben, was es ist, nicht

in mir alte Schatten geweckt hätte, die ich längst für gestorben

hielt. Seit ich Sie gekannt habe, hat mich eine Reue gequält, die ich

für immer verlernt zu haben glaubte und habe ich alte Stimmen mir

zurufen hören, mich zu erheben, von denen ich längst meinte, sie wären

verstummt. Es kamen mir halbfertige Gedanken vom Frischen zu streben,

neu anzufangen, Trägheit und Sinnlichkeit abzuschütteln, und mich

wieder in den aufgegebenen Kampf zu stürzen. Träume, nichts als Träume,

die in Nichts enden, aber ich hege den Wunsch, Sie wüßten, daß Sie

dieselben in mir veranlaßt hätten.“

„Werden sie keine andere Frucht tragen? O, Mr. Carton, versuchen Sie es

noch einmal!“

„Nein, Miß Manette, die ganze Zeit über habe ich gefühlt, daß ich es

nicht verdiente. Und doch war ich schwach genug und bin es noch, den

Wunsch zu hegen, daß Sie erfahren, mit welchem plötzlichen Einfluß Sie

in mir, dem ausgebrannten Aschenhaufen, ein Feuer entzündet haben, aber

ein Feuer, das, in seinem Wesen unzertrennlich von mir, Nichts lebendig

macht, Nichts entzündet, keinen Dienst leistet und unnütz verbrennt.“

„Da ich das Unglück habe, Mr. Carton, Sie unglücklicher gemacht zu

haben, als Sie waren, bevor ich Sie kannte --.“

„Sagen Sie das nicht, Miß Manette, denn Sie hätten mich gerettet, wenn

es Jemand hätte thun können. Sie können nicht die Ursache sein, daß es

schlimmer mit mir wird.“

„Da der Zustand, von dem Sie sprechen, jedenfalls durch meinen Einfluß

mit entstanden ist -- das meine ich -- wenn ich es klar machen kann --

kann ich dann Nichts thun, um Ihnen zu dienen? Geht mir jede Macht ab

zum Guten auf Sie einzuwirken?“

„Das einzige Gute, dessen ich noch fähig bin, Miß Manette, auszuführen,

bin ich hierher gekommen. Ich möchte für den Rest meines verfehlten

Lebens die Erinnerung besitzen, daß ich Ihnen als den letzten Menschen

auf der Welt mein Herz eröffnet habe, und daß Sie noch Etwas darin

gefunden haben, was Sie beklagen und bemitleiden konnten.“

„Was, wie ich Sie auf’s Innigste, aus ganzem Herzen gebeten habe zu

glauben, besserer Dinge fähig war, Mr. Carton!“

„Bitten Sie mich nicht mehr, es zu glauben, Miß Manette. Ich habe

mich geprüft und ich weiß es besser. Ich thue Ihnen weh; ich bin bald

fertig. Wollen Sie mir zu glauben erlauben, wenn ich an diesen Tag

zurückdenke, daß ich das letzte Vertrauen in meinem Leben Ihrem reinen

unschuldigen Herzen geschenkt habe, und daß es dort allein ruht und von

Niemandem getheilt werden wird?“

„Wenn das ein Trost für Sie ist, ja!“

„Auch nicht dem Herzen, das Ihnen dereinst am Liebsten sein wird?“

„Mr. Carton,“ gab sie nach einer aufgeregten Pause zur Antwort, „es ist

Ihr Geheimniß, nicht meines, und ich verspreche Ihnen es zu achten.“

„Ich danke Ihnen. Und noch einmal, Gott segne Sie.“

Er führte ihre Hand an seine Lippen und bewegte sich nach der Thür.

„Fürchten Sie nicht, Miß Manette, daß ich jemals dieses Gespräch auch

nur durch eine Anspielung wieder aufnehme. Ich werde nie wieder darauf

zurückkommen. Wenn ich todt wäre, könnten Sie dessen nicht sicherer

sein. In meiner Sterbestunde werde ich die eine gute Erinnerung heilig

halten -- und ich werde Ihnen dafür danken und Sie dafür segnen --

daß ich mein letztes Selbstbekenntniß Ihnen abgelegt habe und daß Sie

meinen Namen, meine Fehler und mein Unglück mitleidvoll in Ihrem Herzen

tragen. Möge es im Uebrigen leicht und glücklich sein!“

Er war so ganz anders als er sich sonst gezeigt hatte und es war

so traurig zu denken, wie viel er weggeworfen und wie viel er jeden

Tag brach liegen ließ und zu falschen Zwecken verwendete, daß Lucie

Manette bekümmert um ihn weinte, als er in der Thür stand und auf sie

zurückblickte.

„Trösten Sie sich!“ sagte er, „ich bin dieses Mitleid nicht werth,

Miß Manette. Noch ein oder zwei Stunden und die gemeine Gesellschaft

und ihre Gewohnheiten, die ich verachte, denen ich mich aber hingebe,

werden mich solcher Thränen weniger würdig machen, als der erste beste

Elende ist, der durch die Straßen kriecht. Trösten Sie sich! Aber

in meinem Herzen werde ich immer gegen Sie sein, wie ich jetzt bin,

obgleich ich äußerlich nicht anders erscheinen werde, als Sie mich

bisher gekannt haben. Die vorletzte Bitte, die ich an Sie habe, ist,

daß Sie mir dies glauben wollen.“

„Ich will es, Mr. Carton.“

„Meine letzte Bitte ist folgende; und mit ihr will ich Sie von einem

Besuche erlösen, mit dem, wie ich wohl weiß, Sie nichts gemein haben

und zwischen dem und Ihnen eine unüberschreitbare Kluft liegt. Ich

weiß, es ist unnütz, sie auszusprechen, aber sie drängt sich mir aus

der Seele. Für Sie und für jedes Herz, daß Ihnen theuer ist, würde

ich Alles thun. Wäre meine Laufbahn von der bessern Art, daß ich

darin Gelegenheit oder Fähigkeit zur Aufopferung hätte, so würde ich

Ihnen und denen, welche Ihnen am Herzen liegen, jedes Opfer bringen.

Versuchen Sie in ruhigen Stunden mich in diesem Einen für aufrichtig

und bereit zu halten. Die Zeit wird kommen, die Zeit wird sehr bald

kommen, wo Sie neue Bande geknüpft haben werden -- Bande, die Sie

noch inniger und fester an das Heimwesen knüpfen, dessen Zierde Sie

sind -- die theuersten Bande, die Sie jemals schmücken und erfreuen

werden. O, Miß Manette, wenn das kleine Abbild des Gesichts eines

glücklichen Vaters zu Ihnen aufblickt, wenn Sie sich in Ihrer eigenen

Schönheitsblüthe von Neuem neben sich aufsprossen sehen, so denken Sie

dann und wann, daß es einen Mann giebt, der sein Leben hingeben würde

um ein Leben, das Sie lieben, zu erhalten.“

Er sagte „leben Sie wohl,“ sagte „ein letztes Gott segne Sie!“ und

verließ sie.

Vierzehntes Kapitel.

Der ehrliche Gewerbsmann.

Vor den Augen Mr. Jeremiah Cruncher’s, wie er neben seinem gnomenhaften

Sohn am Ausgange von Fleetstreet saß, bewegte sich jeden Tag eine

endlose Verschiedenheit und Zahl von Gegenständen vorüber. Wer

konnte überhaupt in Fleetstreet während der geschäftigen Stunden des

Tages sitzen und nicht betäubt und verwirrt werden von zwei endlosen

Prozessionen, von denen die eine beständig westwärts mit der Sonne, die

andere ostwärts von der Sonne wegging, beide aber den Gefilden jenseits

der rothen und goldenen Wolken, wo die Sonne untergeht, zustrebten!

Mit seinem Strohhalm im Munde sah Mr. Cruncher den beiden Strömen

zu gleich dem alten Heiden der Sage, der seit mehrern Jahrhunderten

einen Strom beobachten muß -- nur daß Jerry nicht erwartete, daß seine

Ströme sich jemals verlaufen würden. Auch wäre diese Aussicht nicht

sehr hoffnungsvoll gewesen, da er einen kleinen Theil seines Einkommens

der ihm von diesen Strömen gebotenen Gelegenheit verdankt, furchtsame

Frauen (ziemlich wohlbeleibt und über die mittlern Jahre des Lebens

hinaus), von Tellson’s Seite nach der gegenüberliegenden zu lootsen.

Wenn Mr. Cruncher in jedem besondern Falle den auf diese Weise von ihm

Geschützten auch nur ganz kurze Gesellschaft leistete, so gewann er

doch stets so viel Interesse an der Dame, daß er den lebhaften Wunsch

ausdrückte, die Ehre haben zu können, auf ihre Gesundheit zu trinken.

Und mit den Gaben die er zur Erfüllung dieses wohlwollenden Wunsches

erhielt, half er seinen Finanzen auf, wie eben bemerkt worden.

Es gab eine Zeit, wo ein Dichter auf einem Stuhl auf der Straße saß und

Angesichts der Menschen träumte. Mr. Cruncher saß auch auf einem Stuhl

auf der Straße; da er aber kein Dichter war, träumte er so wenig als

möglich und schaute um sich.

Es war gerade um eine Zeit, wo die Stadt menschenleerer als gewöhnlich

war, seiner Führung bedürftige Frauen sich weniger als gewöhnlich

fanden und seine Angelegenheiten im Allgemeinen so wenig gediehen,

daß in seiner Brust ein starker Verdacht aufkeimte, Mrs. Cruncher

müsse irgendwo recht inbrünstig gebetet haben, als ein ungewöhnliches

Gedränge Fleetstreet herabkam, und seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Mr. Cruncher erkannte bald, daß es ein Leichenbegängniß war, und daß

das Volk diesem Leichenbegängniß hemmend entgegentrat, wodurch ein

Auflauf entstand.

„Junge,“ sagte Mr. Cruncher zu seinem Sprößling „’s ist eine Leiche.“

„Hurrah, Vater!“ schrie der junge Jerry.

Der junge Herr sprach diesen frohlockenden Ruf mit geheimnißvoller

Bedeutsamkeit aus. Der ältere Herr nahm den Ruf so übel, daß er seine

Gelegenheit abpaßte und dem jungen Herrn Eins hinter die Ohren gab.

„Was soll das heißen? Wozu schreist Du Hurrah? Was willst Du damit

Deinem eigenen Vater sagen, Du junger Spitzbube? Der Junge fängt an

mir zu viel zu werden!“ -- sagte Mr. Cruncher und betrachtete den

hoffnungsvollen Sohn, „er und seine Hurrahs! daß ich nicht wieder so

etwas von Dir höre, sonst sollst Du etwas von mir fühlen. Verstehst Du

mich?“

„Ich meinte es nicht böse“ protestirte der junge Jerry, während er sich

die Backe rieb.

„Nun so sei still,“ sagte Mr. Cruncher; „ich mag nichts von Deinem

Nichtbösemeinen wissen. Hier steig’ auf den Stuhl und sieh Dir’s

Gedränge an.“

Der Sohn gehorchte und der Menschenhaufe wälzte sich heran; er umgab

brüllend und zischend einen Leichenwagen und eine Trauerkutsche von

verschossenem Schwarz, in welcher letzterer ein einziger Leidtragender

saß, angethan mit dem vielgebrauchten und halbverschossenen Flor und

Trauermantel, welche man für eine solche Gelegenheit für unentbehrlich

hielt. Dem Leidtragenden schien jedoch seine Rolle durchaus nicht

zu gefallen; denn ein beständig sich vermehrender Pöbelhaufen umgab

die Kutsche, verhöhnte ihn, schnitt ihm Gesichter und heulte und

schrie fortwährend: „Hallo! Spione! Hurrah! Spione!“ und fügte dazu

noch Beiworte, die zu zahlreich und zu kräftig waren, um sie hier

wiederholen zu können.

Die Leichenbegängnisse besaßen zu allen Zeiten eine merkwürdige

Anziehungskraft für Mr. Cruncher; er gerieth stets in große Aufregung,

wenn eine Leiche vor Tellson’s vorbeigetragen ward. Natürlich mußte ein

Leichenbegängniß mit dieser ungewöhnlichen Leichenbegleitung ihn in

doppelte Aufregung versetzen und er fragte den Ersten, der gegen ihn

anrannte: „Was ist los, Bruder? Wer ist es?“

„Ich weiß es nicht“ sagte der Mann. „Spione, Hallo -- oh! Spione!“

Er fragte einen Andern. „Wer ist es?“

„Ich weiß es nicht“ entgegnete auch dieser, legte aber nichts

destoweniger beide Hände wie ein Sprachrohr an den Mund und brüllte mit

dem größten Eifer: „Spione! Hallo--oh! Spio--one!“

Endlich rannte eine über die Sache besser unterrichtete Person gegen

ihn an und von dieser Person erfuhr er, daß das Leichenbegängniß einem

gewissen Roger Cly gelte.

„War er ein Spion?“ fragte Mr. Cruncher.

„Ein Old-Baily-Spion“ gab der Andere zur Antwort.

„Hallo--oh! Hallo--oh! Old-Baily-Spio--o--on!“

„Jetzt weiß ich!“ rief Jerry aus, indem er an die Gerichtsverhandlung

dachte, der er beigewohnt hatte. „Den kenne ich. Er ist todt?“

„Mausetodt“ entgegnete der Andere, „und er kann nicht todt genug sein.

Holt ihn heraus! Spione! Holt sie heraus! Spione!“

Bei der vorherrschenden Abwesenheit irgend eines Gedankens war dieser

Einfall so annehmbar, daß der Volkshaufe sogleich darauf einging und

laut den Rath wiederholend, sie heraus zu holen, die beiden Wagen so

dicht umdrängte, daß sie nicht weiterfahren konnten. Als dann Viele auf

einmal die Kutschenthüren aufrissen, sprang der eine Leidtragende von

selbst heraus und war für einen Augenblick in schlimmen Händen; aber

er war so gewandt und benutzte seine Zeit so gut, daß er im nächsten

Augenblick eine Nebenstraße hinablief, nachdem er den Trauermantel, den

Hut, das lange Florband, das weiße Taschentuch und andere symbolische

Thränen von sich geworfen hatte.

[Illustration: ~Das Leichenbegängniß des Spions.~]

Mit großem Jubel und Genuß zerriß diese das Volk in Stücke und

zerstreute sie weit und breit, während die Gewerbsleute eilig ihre

Läden zuschlossen; denn ein Auflauf scheute in jener Zeit vor Nichts

zurück und war ein vielgefürchtetes Ungeheuer. Man machte bereits

Anstalt, den Sarg heraus zu holen, als ein besonders erfinderisches

Genie vorschlug, ihn lieber unter allgemeinem Jubel nach seinem

Bestimmungsorte zu bringen. Da es sehr an praktischen Rathschlägen

fehlte, nahm man auch diesen Rathschlag mit Beifall auf und die Kutsche

füllte sich sofort mit acht Personen inwendig und einem Dutzend auf

dem Dache, während auf den Leichenwagen so Viele kletterten, als

dort nur irgend Platz finden konnten. Unter den ersten war Jerry

Cruncher selbst, der bescheiden sein Haupt in der tiefsten Ecke der

Trauerkutsche vor der Beobachtung Tellsons verbarg.

Die begleitenden Leichenbesorger legten zwar Verwahrung ein gegen

diese Abänderungen in den Ceremonien; da aber der Fluß besorglich

nahe war und verschiedene Stimmen von der Angemessenheit eines kalten

Bades sprachen, um Widerspenstige zur Vernunft zu bringen, so war

die Verwahrung wenig energisch. Der umgestaltete Leichenzug setzte

sich wieder Bewegung. Ein Schornsteinfeger fuhr den Leichenwagen,

berathen von dessen eigentlichem Kutscher, der zu diesem Zwecke unter

strenger Aufsicht neben ihm sitzen blieb. Ein Obsthöker, ebenfalls

von seinem Cabinetsminister begleitet, lenkte die Trauerkutsche. Ein

Bärenführer, damals ein gern gesehener Gast auf der Straße, ward

als neue Verschönerung gepreßt, ehe der Zug weit den Strand hinab

gekommen war; und sein Bär, der schwarz und sehr schäbig war, gab

dem Theil der Procession, in welchem er sich befand, ein ächtes

Leichenbesorger-Aussehen.

So ging biertrinkend, rauchend, brüllend und die Trauer in endloser

Abwechselung karrikirend, der wilde Haufe seinen Weg und wuchs mit

jedem Schritte, während sich die Läden bei seinem Herannahen schlossen.

Sein Ziel war die alte Pankratius-Kirche weit draußen vor der Stadt. Im

Verlauf der Zeit langte er auch dort an, erzwang sich den Eingang in

den Friedhof und setzte es schließlich durch, den verstorbenen Roger

Cly nach seinem Sinn und gar sehr zu seiner Befriedigung zu begraben.

Mit dem Leichenbegängniß war man fertig und der Volkshaufe fing an, ein

Bedürfniß nach neuer Unterhaltung zu fühlen. Da kam ein erfinderisches

Genie, vielleicht dasselbe wie vorhin, auf den Einfall, zufällig

Vorübergehende als Old-Baily-Spione zu denunziren und Rache an ihnen

zu nehmen. Im Verfolg dieses humoristischen Einfalls wurde auf ein

paar Dutzend harmlose Leute, die nie in ihrem Leben Old-Baily zu nahe

gekommen waren, Jagd gemacht und sie wurden dann mit rauhen Händen

herumgezerrt und mißhandelt. Der Uebergang von dieser Unterhaltung

zum Fenstereinwerfen und weiter zum Demoliren von Bierhäusern war

leicht und natürlich. Endlich nach mehreren Stunden, als verschiedene

Pavillons zerstört und einige Gitter vor den Häusern ausgerissen worden

waren, um die Kampflustigern unter dem Haufen zu bewaffnen, verbreitete

sich das Gerücht, daß die Garde im Anzuge wäre. Vor diesem Gerücht

schmolz der Volkshaufe allmählich zusammen und vielleicht kam die

Garde, vielleicht kam sie nicht, und das war der gewöhnliche Verlauf

eines Volksauflaufs.

Mr. Cruncher hatte der Schlußscene nicht beigewohnt, sondern war

auf dem Kirchhofe zurückgeblieben, um sich mit Leichenbesorgern zu

unterhalten. Der Ort übte einen beruhigenden Einfluß auf ihn aus. Er

verschaffte sich eine Pfeife aus einem nahen Bierhause und rauchte sie,

während er durch die Gitter blickte und seinen Gedanken nachhing.

„Jerry“ sagte Mr. Cruncher, in seiner gewöhnlichen Weise sich selbst

anredend, „du hast heute diesen Cly gesehen und hast mit eignen Augen

gesehn, daß er jung und gerade gewachsen ist.“

Zwei Städte · 第 14 / 36 段