Darnay wußte nicht, was er antworten sollte, bis er sich erinnerte,

von einer Bedingung gesprochen zu haben. Deshalb antwortete er jetzt

erleichtert:

„Das Vertrauen, das Sie mir schenken, verdient auch von meiner Seite

mit den vollständigsten Vertrauen erwidert zu werden. Der Name, den

ich jetzt trage, ist, obgleich nur mit geringer Veränderung der meiner

Mutter, nicht mein wahrer Name. Ich wünsche Ihnen diesen zu nennen und

ihnen zu sagen, warum ich in England bin.“

„Halt!“ sagte der Doctor.

„Ich möchte es, damit ich um so besser Ihr Vertrauen verdiene und kein

Geheimniß vor Ihnen habe.“

„Halt!“

In einem Augenblicke hatte der Doctor mit beiden Händen die Ohren

zugehalten; im nächsten hatte er beide Hände auf Darnay’s Mund gelegt.

„Sagen Sie ihn, wenn ich Sie darnach frage, nicht jetzt. Wenn Sie in

Ihrer Werbung glücklich sind, wenn Lucie Sie liebt, mögen Sie mir ihn

an Ihrem Hochzeitsmorgen sagen. Versprechen Sie mir das?“

„Gern.“

„Geben Sie mir Ihre Hand. Sie wird gleich nach Hause kommen und es ist

besser, sie sieht uns heute Abend nicht beisammen. Gehen Sie! Schenke

Gott Ihnen seinen Segen!“

Es war finster, als Charles Darnay ihn verließ und eine Stunde später

noch finsterer, als Lucie nach Hause kam; sie eilte allein in das

Zimmer -- denn Miß Proß war ohne sich aufzuhalten in das obere Stock

gegangen -- und fand zu ihrer Verwunderung seinen gewöhnlichen Stuhl

unbesetzt.

„Vater!“ rief sie ihn. „Lieber Vater!“

Sie erhielt keine Antwort, hörte aber ein dumpfes Hämmern aus seinem

Schlafzimmer. Leichten Schrittes ging sie durch das Zwischenzimmer,

blickte zur Thür hinein und kam erschrocken zurückgeeilt, halblaut vor

sich hinjammernd, „was soll ich anfangen? was soll ich anfangen?“

Ihre Ungewißheit dauerte nur einen Augenblick, dann eilte sie zurück,

klopfte an die Schlafzimmerthür und rief ihn mit sanfter Stimme. Das

Hämmern hörte auf, sowie er ihre Stimme vernahm, und er kam sogleich

heraus zu ihr und sie gingen lange Zeit mit einander auf und ab.

Sie kam mitten in der Nacht herunter aus ihrem Bett, um zu

sehen, ob er schlafe. Er schlief einen schweren Schlaf und sein

Schuhmacherhandwerkszeug und seine alte halbfertige Arbeit lagen da wie

gewöhnlich.

Elftes Kapitel.

Ein Seitenstück.

„Sydney,“ sagte Mr. Stryver in derselben Nacht oder an demselben Morgen

zu seinem Schakal; „braut noch eine Bowle Punsch; ich habe Euch Etwas

zu sagen.“

Sydney hatte diese Nacht und vorige Nacht und vorvorige Nacht und

viele Nächte hintereinander doppelt und dreifach gearbeitet und vor

dem Beginn der langen Gerichtsferien unter Mr. Stryvers Acten tüchtig

aufgeräumt. Endlich war er damit fertig; die Stryverschen Rückstände

waren alle nachgeholt; Alles war erledigt, bis der November wieder mit

seinen atmosphärischen und juristischen Nebeln kam und neues Korn auf

die Mühle schüttete.

Sydney war in Folge so großer Anstrengung nicht munterer und nicht

nüchterner geworden. Er hatte viel Extrahandtücher gebraucht, um sich

durch die Nacht zu schleppen; eine Extraquantität Wein war den nassen

Handtüchern vorausgegangen; und er war in einem sehr angegriffenen

Zustande, wie er jetzt den Turban abriß und in das Waschbecken warf,

in welchem er ihn während der letzten sechs Stunden von Zeit zu Zeit

getränkt hatte.

„Braut Ihr die andere Bowle Punsch?“ sagte Stryver, der behäbig mit den

Händen im Hosenbunde vom Sopha aufschaute, auf dem er ausgestreckt lag.

„Ja.“

„Nun, so hört mal! Ich will Euch Etwas sagen, was Euch vielleicht

überraschen und Euch vielleicht sagen machen wird, daß ich doch nicht

so gescheut sei, als Ihr gewöhnlich geglaubt hättet. Ich gedenke zu

heirathen.“

„Wirklich?“

„Ja. Und nicht nach Geld. Was sagt Ihr nun?“

„Ich wüßte eben nicht, was ich sagen sollte. Wer ist es?“

„Rathet mal.“

„Kenne ich sie?“

„Rathet mal.“

„Um fünf Uhr früh, wo mein Kopf von der Arbeit und vom Weine brennt,

habe ich keine Lust zu rathen. Wenn ich rathen soll, müßt Ihr mich zu

Tische einladen.“

„Nun, so will ich’s Euch sagen,“ sagte Stryver, indem er sich langsam

aufrichtete, bis er zum Sitzen kam. „Sydney, ich zweifle fast an

der Möglichkeit, mich Euch verständlich zu machen, weil Ihr ein so

entsetzlich herzloser Mensch seid.“

„Und Ihr,“ gab der mit dem Punschbrauen Beschäftigte zurück, „seid ein

gefühlvolles und poetisches Gemüth.“

„Ha, ha,“ entgegnete Stryver mit prahlerischem Lachen, „obgleich ich

keinen Anspruch darauf mache, eine Perle der Poesie zu sein (denn das,

hoffe ich, weiß ich besser), so habe ich doch mehr Herz als Ihr.“

„Ihr habt mehr Glück, das ist Alles.“

„Das will ich nicht sagen. Ich meine, ich bin ein Mann von mehr --“

„Sagt Galanterie, weil Ihr einmal dabei seid,“ half ihm Carton ein.

„Gut! Ich will sagen Galanterie. Ich wollte sagen, daß ich ein Mann

bin,“ sagte Stryver und blies sich seinem punschbrauenden Freunde

gegenüber auf, „der mehr als Ihr darauf giebt, in Damengesellschaft

angenehm zu sein, der sich mehr Mühe giebt, angenehm zu sein und der es

besser versteht, angenehm zu sein.“

„Weiter,“ sagte Sydney Carton.

„Nein; aber ehe ich fortfahre,“ sagte Stryver und schüttelte in seiner

polternden Weise den Kopf, „muß ich das aus Euch heraus haben. Ihr seid

bei _Dr._ Manette aus- und eingegangen, so gut wie ich und mehr

als ich. Aber wahrhaftig, ich habe mich geschämt wegen Eures mürrischen

Wesens dort! Ihr habt Euch dort so verstockt und ingrimmig gezeigt, daß

ich auf Seele und Ehre mich Eurer geschämt habe, Sydney.“

„Einem Mann mit Eurer Praxis vor Gericht müßte es sehr wohlthätig sein,

sich wegen Etwas zu schämen,“ entgegnete Sydney; „Ihr solltet mir dafür

sehr verbunden sein.“

„So kommt Ihr mir nicht los,“ gab ihm Stryver zur Antwort; „nein,

Sydney, es ist meine Pflicht, Euch zu sagen -- und ich sage es Euch

in’s Gesicht zu Eurem Besten, daß Ihr in Gesellschaft verteufelt

schlecht paßt. Ihr macht Euch geradezu unangenehm.“

Sydney trank ein volles Glas von dem Punsche aus, den er gebraut hatte

und lachte.

„Seht mich an!“ sagte Stryver, indem er sich gerade richtete; „ich

brauche mir weniger Mühe zu geben als Ihr, weil ich unabhängiger

gestellt bin. Warum mache ich mich angenehm?“

„Das habe ich noch nie von Euch gesehen,“ brummte Carton.

„Weil es politisch ist; ich thue es aus Grundsatz. Und seht mich an!

Ich komme vorwärts.“

„Ihr kommt aber gar nicht vorwärts mit der Auseinandersetzung Eurer

Heirathspläne,“ gab Carton mit gleichgültiger Miene zur Antwort. „Ich

wollte, Ihr bliebt dabei. Was mich betrifft, so müßt Ihr doch endlich

einsehen, daß ich unverbesserlich bin.“

Er sagte dies, nicht ohne daß den Ton seiner Stimme Etwas von

Bitterkeit durchklang.

„Ihr habt nicht den Beruf, unverbesserlich zu sein,“ gab sein Freund in

keinem sehr besänftigenden Tone zur Antwort.

„Ich habe überhaupt keinen Beruf, zu sein,“ sagte Sydney Carton. „Wer

ist die Dame?“

„Laßt Euch von der Nennung des Namens nicht unangenehm berühren,

Sydney,“ sagte Mr. Stryver, mit prahlerischer Freundschaftlichkeit ihn

auf die Enthüllung vorbereitend, „weil ich weiß, daß Ihr nicht die

Hälfte von dem meint, was Ihr sagt; und wenn Ihr Alles meintet, so

hätte es nicht Viel zu sagen. Ich mache diese kleine Vorrede, weil Ihr

früher einmal von dieser jungen Dame in geringschätzigen Ausdrücken

gesprochen habt.“

„Ich?“

„Gewiß; und in diesem Zimmer.“

Sydney Carton sah in sein Punschglas und sah seinen selbstgefälligen

Freund an; trank seinen Punsch und sah wieder seinen selbstgefälligen

Freund an.

„Ihr nanntet die junge Dame einen blondgelockten Puppenkopf. Die junge

Dame ist Miß Manette. Wenn Ihr ein Kerl von Herz oder Zartgefühl oder

überhaupt von Gefühl in dieser Richtung wäret, Sydney, so hätte ich

Euch grollen können für diesen Ausdruck; aber das seid Ihr nicht. Euch

fehlt dieses Gefühl ganz und gar, deshalb verletzt mich diese Aeußerung

nicht mehr, als mich das Urtheil eines Mannes über eins meiner

Bilder verletzen würde, der kein Auge für Malerei hat; oder über ein

Musikstück von mir, wenn er kein Ohr für Musik hat.“

Sydney Carton trank mit großem Eifer Punsch; trank ihn in ganzen

Gläsern und sah dabei seinen Freund an.

„Nun habe ich Euch Alles gesagt, Sydney,“ sagte Mr. Stryver. „Nach Geld

frage ich nicht; sie ist ein reizendes Geschöpf und ich habe mir einmal

in den Kopf gesetzt, nach meinem Geschmack zu wählen; im Ganzen glaube

ich, kann ich es haben, nach meinem Geschmack zu wählen. Sie bekommt

einen Mann, der so ziemlich wohlhabend ist, einen Mann, der rasch reich

wird und einen Mann von einiger Auszeichnung; es ist ein ordentliches

Glück für sie, aber sie verdient es. Wundert Ihr Euch, oder seid Ihr

überrascht?“

Carton, immer noch seinen Punsch trinkend, gab zur Antwort: „Warum

sollte ich überrascht sein?“

„Ihr seid damit einverstanden?“

Carton, immer noch seinen Punsch trinkend, gab zur Antwort: „Warum

sollte ich nicht damit einverstanden sein?“

„Na,“ sagte sein Freund Stryver, „Ihr nehmt es leichter als ich

glaubte und zeigt Euch weniger selbstsüchtig in Bezug auf mich, als

ich erwartete; obgleich Ihr jetzt gut genug wißt, daß Euer alter

Schulkamerad ein Mann von ziemlich starkem Willen ist. Ja, Sydney,

ich habe dieses Leben satt, wenn gar keine Abwechslung dabei ist; ich

fühle, daß es doch hübsch ist für einen Mann, eine Familie zu haben, in

deren Kreise er verweilen kann, wenn er Lust dazu hat (wenn er keine

hat, kann er wegbleiben), und ich fühle, daß Miß Manette sich in jeder

Stellung gut ausnehmen und mir immer Ehre machen wird. So habe ich denn

meinen Entschluß gefaßt. Und jetzt, Sydney, alter Knabe, möchte ich

auch noch ein Wörtchen mit Euch über Eure Zukunft sprechen. Ihr seid

auf einem schlimmen Wege; Ihr seid wahrhaftig auf einem schlimmen Wege.

Ihr kennt den Werth des Geldes nicht, Ihr lebt mehr als flott und an

einem schönen Tage werdet Ihr auf einmal daliegen, krank und ohne Geld.

Ihr müßt Euch wahrhaftig nach einer Pflege umsehen.“

Die behäbige Gönnermiene, mit der er dies sagte, machte, daß er noch

zweimal so dick und viermal so verletzend aussah, als er war.

„Ich sage Euch, faßt das wohl in’s Auge,“ fuhr Stryver fort. „Ich habe

das in meiner Weise in’s Auge gefaßt, faßt das in Eurer andern Weise

in’s Auge. Heirathet. Sorgt für Jemand, der Euch pflegt. Kümmert Euch

nicht darum, daß Ihr keinen Geschmack, keinen Sinn und keinen Takt für

Frauenumgang habt. Sucht Euch Jemanden, sucht Euch eine anständige Frau

mit etwas Vermögen aus -- eine Wirthin oder so Etwas -- und heirathet

sie, ehe schlimme Zeiten kommen. Das ist’s, was für Euch paßt. Das

überlegt Euch, Sydney.“

„Ich werde es mir überlegen,“ sagte Sydney.

Zwölftes Kapitel.

Der Mann von Zartgefühl.

Nachdem Mr. Stryver einmal den Entschluß gefaßt hatte, mit großmüthiger

Freigebigkeit der Tochter des Arztes seine Hand zu reichen, beschloß er

auch, ihr das ihr bevorstehende Glück anzukündigen, bevor er die Stadt

für die langen Gerichtsferien verließ. Nachdem er die Sache lange bei

sich durchgesprochen, kam er zu dem Schluß, daß es das Beste sei, alle

Präliminarien abzumachen und es dann in Muße zu überlegen, ob er ihr

eine oder zwei Wochen vor den Michaelisassisen oder während der kurzen

Weihnachtsferien vor den Hilariusassisen die Hand reichen solle.

Ueber die Stärke seiner Sache hatte er nicht den geringsten Zweifel,

sondern sah das Verdict klar vor Augen. Den Geschwornen als

solide Geld- und Vermögensfrage auseinandergesetzt, dem einzigen

Gesichtspunkt, unter dem sie zu betrachten war -- war es ein ganz

einfacher Fall, der nicht die kleinste schwache Stelle hatte. Er

rief sich für den Kläger auf, es war über seine Beweise nicht

hinwegzukommen, der Advocat für den Beklagten gab die Sache auf und die

Geschwornen traten nicht einmal zusammen, um das Verdict zu besprechen.

Nachdem Mr. Stryver den Rechtsfall in correctester Form erprobt hatte,

war er überzeugt, daß es keine einfachere Sache geben konnte.

Demgemäß weihte Mr. Stryver die lange Ferienzeit damit ein, daß er Miß

Manette in bester Form nach Vauxhall einlud; da dies keinen Anklang

fand, schlug er Ranelagh vor; da das unerklärlicher Weise auch keinen

Anklang fand, geruhte er sich selbst in Soho vorstellen und dort sein

großmüthiges Vorhaben erklären zu wollen.

Nach Soho lenkte daher Mr. Stryver seine Schritte vom Tempel, während

die Blüthe der Ferienkindheit noch auf demselben lag. Jeder, der ihn

sah, wie er einer aufgeblühten Pfingstrose gleich über den Bürgersteig

schritt und alle schwächeren Leute aus dem Wege schob, konnte sehen,

wie solid und stark er war.

Da er bei Tellsons vorbei ging und er ein Conto bei Tellsons hatte und

zugleich Mr. Lorry als vertrauten Freund der Familie Manette kannte,

kam Mr. Stryver auf den Gedanken einen Besuch im Contor zu machen und

Mr. Lorry zu verrathen, welch glänzendes Gestirn heute noch über dem

Horizont von Soho aufgehen werde. So stieß er die Thür auf, in deren

Kehle das schwache Röcheln stak, stolperte die beiden Stufen hinunter,

kam an den beiden alten Cassirern vorbei und trat in das dumpfige

Hinterstübchen, wo Mr. Lorry vor großen für Zahlen liniirten Büchern an

einem Fenster saß mit senkrechten eisernen Stäben davor, als ob es auch

für Zahlen liniirt und jegliches Ding unter der Sonne eine Ziffer wäre.

„Wie geht’s Ihnen?“ sagte Mr. Stryver. „Ich hoffe, Sie befinden sich

wohl!“

Es war Stryvers größte Eigenthümlichkeit, daß er für jeden Ort, oder

für jeden Raum zu massig erschien. Er war um so viel zu massig für

Tellsons, daß alte Commis in fernen Ecken mit flehenden Blicken

aufschauten, als ob er sie gegen die Wand quetschte. Selbst „unser

Haus“ -- das in fernster Perspective in großartiger Ruhe die Zeitung

las, zog mißliebig die Augenbrauen zusammen, als ob der Stryversche

Kopf in seine hoch verantwortliche Schooßweste gefahren wäre.

Der discrete Mr. Lorry sagte in einem Musterton der Stimme, die er

unter den Umständen empfehlen würde, „wie geht es Ihnen, Mr. Stryver?

Wie geht es Ihnen, Sir?“ und reichte ihm die Hand. Die Art, wie er dem

Andern die Hand schüttelte, hatte etwas Eigenthümliches, was man bei

jedem Commis Tellsons bemerkte, so oft er einem Kunden während der

Anwesenheit des Hauses im Geschäft die Hand schüttelte. Er schüttelte

sie in einer sich selbst wegleugnenden Weise, als ob er es für Tellson

u. Comp. thäte.

„Was wünschen Sie, Mr. Stryver?“ fragte Mr. Lorry in seinem

Geschäftstone.

„Nein, ich danke Ihnen; mein Besuch gilt Ihnen persönlich, Mr. Lorry;

ich möchte ein vertrauliches Wort mit Ihnen sprechen.“

„O, wirklich,“ sagte Mr. Lorry und neigte dem Andern das Ohr zu,

während sein Blick nach „unserm Hause“ hinüberschweifte.

„Ich bin im Begriff,“ sagte Mr. Stryver, indem er seine Ellbogen

vertraulich auf das Pult legte, worauf es, obgleich es ein großes

Doppelpult war, nicht halb genug Pult für ihn zu sein schien. „Ich

stehe im Begriff, Ihrer angenehmen kleinen Freundin, Miß Manette,

einen Heirathsantrag zu machen, Mr. Lorry.“

[Illustration: ~Mr. Stryver in Tellsons Comptoir~.]

„O, du meine Güte!“ rief Mr. Lorry, indem er sich das Kinn rieb und

seinen Besuch zweifelnd ansah.

„O, du meine Güte, Sir?“ wiederholte Stryver und trat zurück. „O, du

meine Güte, Sir? was meinen Sie damit, Mr. Lorry?“

„Was ich damit meine?“ antwortete der Geschäftsmann, „natürlich nur

Freundschaftliches und Anerkennendes und daß es Ihnen die größte Ehre

macht, und -- kurz ich meine Alles, was Sie sich nur wünschen können.

Aber -- wahrhaftig, Sie wissen, Mr. Stryver --“ Mr. Lorry hielt inne

und schüttelte auf die wunderlichste Weise den Kopf, als ob er wider

seinen Willen bei sich hinzusetzen müßte, „Sie wissen, daß Sie wirklich

viel zu viel sind.“

„Na!“ sagte Stryver, indem er mit seiner streitsüchtigen Hand auf das

Pult schlug, die Augen weit aufmachte und einen langen Athemzug that,

„wenn ich Sie verstehe, Mr. Lorry, so will ich gehängt sein.“

Mr. Lorry zupfte sich seine kleine Perrücke über beiden Ohren zurecht,

wie um das gewünschte Ziel besser zu erreichen, und biß in die Fahne

einer Feder.

„Zum Teufel, Sir!“ sagte Stryver und sah ihn groß an, „bin ich nicht

annehmbar?“

„Mein Gott, ja! Ja wohl. O, ja wohl, Sie sind annehmbar!“ sagte Mr.

Lorry. „Wenn Sie sagen annehmbar, sind Sie annehmbar.“

„Bin ich nicht ein vermögender Mann?“ fragte Stryver.

„O! Wenn Sie von Vermögen sprechen, so sind Sie ein vermögender Mann,“

sagte Mr. Lorry.

„Und komme ich nicht vorwärts?“

„Wenn Sie vorwärts kommen wollen, müssen Sie vorwärts kommen,“ sagte

Mr. Lorry, froh noch etwas zugestehen zu können, „Niemand kann daran

zweifeln.“

„Was zum Kukuk meinen Sie aber denn, Mr. Lorry?“ fragte Mr. Stryver

sichtbar entmuthigt.

„Hm! Ich -- wollen Sie jetzt hingehen?“ fragte Mr. Lorry.

„Geraden Wegs!“ sagte Stryver mit einem Faustschlag auf das Pult.

„Dann glaube ich, ginge ich nicht hin, wenn ich wie Sie wäre.“

„Warum?“ sagte Stryver „Jetzt will ich Sie in die Enge treiben,“ und

er drohte ihm, wie vor den Geschwornen, mit dem Finger. „Sie sind ein

Geschäftsmann und müssen einen Grund haben. Geben Sie Ihren Grund an.

Warum würden Sie nicht geben?“

„Weil ich in einer solchen Absicht nicht gehen würde, ohne einigen

Grund zu dem Glauben zu haben, daß ich Erfolg haben würde.“

„Hol mich der und jener!“ rief Stryver aus, „aber das geht mir über

Alles!“

Mr. Lorry warf einen Blick auf „unser Haus“ im Hintergrunde, einen

andern auf den erzürnten Stryver.

„Hier ist ein Geschäftsmann -- ein Mann von Jahren -- ein Mann von

Erfahrung -- in einem Bankhaus,“ sagte Stryver; „und nachdem ich drei

Hauptgründe eines vollständigen Erfolgs angeführt habe, ist kein Grund

da! und er sagt’s mit dem Kopf auf dem Halse!“ Mr. Stryvers Bemerkung

klang fast als ob er es weniger merkwürdig gefunden hätte, wenn er es

mit abgeschlagenem Kopfe gesagt hätte.

„Wenn ich von Erfolg spreche, so spreche ich von Erfolg bei der jungen

Dame; und wenn ich von Ursachen und Gründen spreche, die den Erfolg

wahrscheinlich machen, so spreche ich von Ursachen und Gründen, die auf

die junge Dame wirken würden. Die junge Dame, guter Herr,“ sagte Mr.

Lorry, indem er sanft Stryvers Arm berührte, „die junge Dame. Die junge

Dame ist vor Allem zu berücksichtigen.“

„Sie wollen also sagen, Mr. Lorry,“ sagte Stryver und stemmte die Arme

wieder auf den Tisch, „daß es Ihre wohlüberlegte Meinung sei, die

fragliche junge Dame sei ein coquettes Gänschen?“

„Das eben nicht. Ich will Ihnen blos sagen, Mr. Stryver,“ sagte

Mr. Lorry mit geröthetem Gesicht, „daß ich von Niemanden ein

geringschätziges Wort über diese junge Dame dulde, und daß, wenn

ich einen Mann kennte -- was ich nicht hoffe -- dessen Bildung so

gering und dessen Sinn so gemein und hochfahrend sein sollte, daß er

sich nicht enthalten könnte von dieser jungen Dame an diesem Pulte

unehrerbietig zu sprechen, selbst Tellsons mich nicht hindern sollten,

ihm ordentlich meine Meinung zu sagen.“

Die Nothwendigkeit seinen Aerger nieder zu halten, hatten Mr. Stryvers

Blutgefäße in einen gefährlichen Zustand versetzt, als an ihm die Reihe

war, ärgerlich zu sein. Mr. Lorrys Adern, so methodisch sonst das Blut

in ihnen floß, waren in keinem bessern Zustand als jetzt die Reihe an

ihm war.

„Das war es, was ich Ihnen sagen wollte,“ sagte Mr. Lorry. „Es war

nothwendig, damit kein Irrthum zwischen uns obwalte.“

Mr. Stryver kaute eine kleine Weile an dem Ende eines Lineals und

schlug dann damit nach dem Tacte einer Melodie an seine Zähne, wovon er

wahrscheinlich Zahnschmerzen bekam. Endlich unterbrach er die verlegene

Pause mit den Worten:

„Das ist mir etwas Neues, Mr. Lorry. Sie rathen mir in allem Ernste an,

nicht nach Soho zu gehen und ihr meine Hand anzubieten -- meine Hand,

die Hand Stryvers von Kings Bench Bar?“

„Fragen Sie mich um Rath, Mr. Stryver?“

„Allerdings.“

„Gut. Dann haben Sie ihn gehört und ihn buchstäblich wiederholt.“

„Ich kann weiter nichts sagen,“ lachte Stryver mit geärgerter Miene,

„als daß Nichts -- ha, ha! -- in der Vergangenheit, Gegenwart und

Zukunft darüber gehen kann.“

„Verstehen Sie mich wohl,“ fuhr Mr. Lorry fort. „Als Geschäftsmann habe

ich nicht das Recht überhaupt Etwas in dieser Sache zu sagen, denn

als Geschäftsmann weiß ich nichts davon. Aber als alter Mann, der Miß

Manette auf den Armen getragen hat, der vertrauter Freund Miß Manettes

und auch ihres Vaters ist und sie Beide sehr lieb hat, habe ich

gesprochen. Ich habe nicht zum Vertrauen aufgefordert, das vergessen

Sie nicht. Sie glauben also jetzt, ich hätte unrecht?“

„Ich nicht!“ sagte Stryver und pfiff vor sich hin. „Ich kann es nicht

übernehmen für dritte Personen gesunden Menschenverstand zu finden; ich

kann ihn nur für mich finden. Ich setze gesunden Menschenverstand bei

gewissen Leuten voraus; Sie setzen sentimentalen Firlefanz voraus. Es

ist mir neu, aber Sie haben vielleicht recht.“

„Was ich voraussetzte, Mr. Stryver, beanspruche ich selbst zu

qualificiren. Und verstehen Sie mich recht, Sir,“ sagte Mr. Lorry,

während abermals eine rasche Röthe über sein Gesicht flog. „Ich dulde

nicht -- selbst nicht bei Tellsons -- daß es ein Anderer, wer es auch

sei, für mich qualificire.“

„Na! dann bitte ich um Verzeihung,“ sagte Stryver.

„Ich gewähre sie mit Vergnügen. Und danke Ihnen. Also, Mr. Stryver, was

ich sagen wollte: -- es könnte Ihnen schmerzlich sein Ihren Irrthum

zu entdecken, es könnte _Dr._ Manette schmerzlich sein, Ihnen

die Sache auseinandersetzen zu müssen, es könnte Miß Manette sehr

schmerzlich sein, Ihnen die Sache auseinandersetzen zu müssen. Sie

wissen, daß ich die Ehre und das Glück habe, auf vertrautem Fuß mit

der Familie zu stehen. Wenn Sie wünschen, will ich ohne Sie irgendwie

zu binden oder zu vertreten, recht gern versuchen, die Beobachtungen,

auf die mein Rathschlag gegründet war, durch einige neue eigens zu

diesem Zweck angestellte Beobachtungen zu berichtigen. Wenn Sie dann

noch nicht befriedigt sind, so können Sie nur noch den Versuch machen

selbst zu sehen und zu hören; wenn Sie dagegen zufriedengestellt sind

und mein Rath lautet eben noch so wie heute, so wären alle Betheiligte

da geschont, wo am meisten zu schonen ist. Was meinen Sie dazu?“

„Wie lange würden Sie mich in der Stadt festhalten?“

„O! Es ist nur eine Frage von ein Paar Stunden. Ich könnte heute Abend

nach Soho gehen und dann später zu Ihnen kommen.“

„Nun gut, dann wollen wir es so machen,“ sagte Stryver; „ich werde also

jetzt nicht hingehen, denn so hitzig bin ich nicht für die Geschichte.

Ich erwarte Sie also heute Abend bei mir. Guten Morgen.“

Damit verließ Mr. Stryver mit vielem Geräusch das Bankhaus.

Der Advocat war scharfblickend genug, zu errathen, daß der alte

Buchhalter sich nicht so bestimmt ausgedrückt haben würde, wenn er

einen weniger soliden Grund, als moralische Gewißheit gehabt hätte. So

unvorbereitet er für die große Pille war, die er zu verschlucken hatte,

brachte er sie doch hinunter. „Und jetzt,“ sagte Mr. Stryver und drohte

mit seinem Advocatenfinger dem Tempel im Allgemeinen, als sie hinunter

war, „jetzt kommt es darauf an, euch Alle ins Unrecht zu bringen.“

Es war ein Stück von der Kunst eines Old-Bailey-Taktikers, in welchem

er große Erleichterung fand. „Ihr sollt mich nicht ins Unrecht bringen,

junge Dame,“ sagte Mr. Stryver. „Das will ich für Euch besorgen.“

Als daher Mr. Lorry noch den Abend um zehn Uhr sich bei Mr. Stryver

einstellte, saß dieser mitten in einem Haufen von Büchern und Papieren,

der besonders zu diesem Zweck aufgethürmt worden war und schien an

nichts weniger als den Gegenstand der heutigen Morgenunterhaltung zu

denken. Er verrieth sogar Ueberraschung, als er Mr. Lorry erblickte und

war ganz und gar zerstreut und von Anderem in Anspruch genommen.

„Ich war also in Soho,“ sagte der gutmüthige Abgesandte, nachdem er

sich eine gute halbe Stunde vergeblich abgemüht hatte, den Andern zu

bewegen, das Gespräch auf den fraglichen Gegenstand zu bringen.

„In Soho?“ wiederholte Mr. Stryver gleichgültig. „Ja so! Woran denke

ich nur?“

„Und ich bezweifle nicht, daß ich heute früh vollkommen Recht hatte,“

sagte Mr. Lorry. „Ich bin in meiner Meinung bestärkt worden und

wiederhole meinen Rath.“

Zwei Städte · 第 13 / 36 段