Schlafrock auf und ab, um sich in dieser schwülen, stillen Nacht
langsam auf den Schlaf vorzubereiten. Wie er sich in dem Zimmer, die
Füße in weiche Pantoffeln gesteckt, geräuschlos auf und ab bewegte,
nahm er sich fast aus, wie ein verfeinerter Tiger. Er sah aus wie ein
verzauberter Marquis von der unbußfertig verworfenen Art im Märchen,
dessen periodische Umwandlung in Tigergestalt entweder eben vorbei oder
im Anzuge war.
Er schritt in seinem üppig ausgestatteten Schlafzimmer auf und ab und
musterte die Erinnerungen an die heutige Reise, wie sie ihm ungeheißen
einfielen. Die langsame Fahrt den Hügel hinauf bei Sonnenuntergang,
die untergehende Sonne, die Hinabfahrt, die Mühle, den Kerker auf
den Felsen, das Dörfchen im Thale, die Landleute am Brunnen und den
Straßenarbeiter, wie er mit seiner blauen Mütze auf die Kette unter dem
Wagen wies.
Dieser Brunnen erinnerte ihn an den Brunnen von Paris, an die
kleine Leiche, die auf dem Unterbau lag, an die Frauen, die sich
darüberbückten, und an den Mann, der mit gen Himmel gestreckten Armen
ausrief: „Tod!“
„Ich bin jetzt abgekühlt,“ sagte Monsieur le Marquis, „und kann zu Bett
gehen.“
So, nachdem er nur eine Kerze auf dem großen Kamin brennend stehen
gelassen, zog er die leichten Gazevorhänge um das Bett zu und hörte die
Nacht ihr Schweigen mit einem langen Seufzer unterbrechen, als er sich
zum Schlafen auf das Pfühl streckte.
Drei lange Stunden lang stierten die steinernen Gesichter draußen blind
in die schwarze Nacht hinaus; drei lange Stunden lang klapperten die
Pferde in den Ställen an ihren Raufen, bellten die Hunde und gab die
Eule einen Ton von sich, der sehr wenig mit demjenigen gemein hatte,
den ihr gewöhnlich die Poeten zuschreiben. Aber es ist die verstockte
Gewohnheit solcher Geschöpfe, kaum jemals das zu sagen, was ihnen
vorgeschrieben ist.
Drei lange Stunden lang stierten die steinernen Gesichter des
Schlosses, Löwengesichter und Menschengesichter, blind in die Nacht
hinaus. Todte Finsterniß lag auf der ganzen Landschaft, todte
Finsterniß verwischte vollends, was der verwischende Staub auf allen
Straßen übrig ließ. Der Gottesacker war so weit gekommen, daß seine
dürftigen Rasenhügel nicht mehr von einander zu unterscheiden waren;
die Gestalt am Kreuze hätte herabgestiegen sein können, so wenig sah
man von ihr. In dem Dorfe schliefen Besteuerer und Besteuerte fest.
Vielleicht von Festgelagen träumend, wie es häufig bei Hungernden
geschieht, oder von Bequemlichkeit und Ruhe, wie der abgetriebene
Sclave und der eingespannte Ochs, schliefen die abgemagerten Bewohner
gesund und fühlten sich gesättigt und frei.
Drei dunkle Stunden hindurch floß der Brunnen im Dorfe ungesehen
und ungehört und der Brunnen im Schlosse plätscherte ungesehen und
ungestört -- beide flossen dahin wie die Minuten, die aus der Quelle
der Zeit entströmen. Dann wurde das graue Wasser beider gespenstig im
Morgenlichte, und die Augen der steinernen Gesichter des Schlosses
öffneten sich.
Es wurde heller und heller, bis endlich die Sonne die Wipfel der
regungslosen Bäume vergoldete und ihren Glanz über den Hügel ausgoß. In
der Gluth schien das Wasser des Schloßbrunnens zu Blut zu werden, und
die steinernen Gesichter zu erröthen. Das Lied der Vögel klang laut und
hell, und auf dem Simse des großen Fensters im Schlafgemach Monsieur
le Marquis’ stimmte ein niedlicher Sänger aus voller Brust sein Lied
an. Darüber schien das nächste steinerne Gesicht erstaunt die Augen
aufzureißen und mit offenem Munde und heruntersinkender Unterkiefer
entsetzt auszusehen.
Jetzt war die Sonne vollständig aufgegangen und es begann sich im Dorfe
zu regen. Kleine Fenster wurden geöffnet, wacklige Thüren aufgeriegelt
und die Leute traten, noch fröstelnd in der frischen Morgenluft, zu
den Hütten heraus. Dann fing die selten erleichterte Tagesarbeit der
Dorfbewohner von vorn wieder an. Einige gingen an den Brunnen; einige
auf das Feld. Männer und Frauen dorthin, um zu hacken und zu graben;
Männer und Frauen dahin, um nach dem halb verhungerten Vieh zu sehen
und die knochendürren Kühe auf die dürftige Weide zu führen, welche
an den Straßenrändern zu finden war. In der Kirche und vor dem Kreuze
sah man die eine oder andere knieende Gestalt; und während vor dem
letzteren Eine ihr Gebet verrichtete, versuchte die am Stricke geführte
Kuh unter den paar Pflanzen am Fuße desselben ein Frühstück zu finden.
Das Schloß wachte später auf, wie sich’s für seinen vornehmeren
Stand gebührte, wachte aber allmälig und sicher auf. Zuerst waren
die einsamen Schweinsspieße und Hirschfänger roth geworden wie vor
Alters; dann hatten sie scharf und schneidig in der Morgensonne
geglänzt; jetzt wurden Thüren und Fenster geöffnet, die Pferde in
den Ställen sahen sich nach dem Lichte und der Morgenfrische um,
die zu den Thüren hereinströmten, Blätter glänzten und rauschten an
eisernen Fenstergittern, Hunde zerrten an ihren Ketten und bäumten sich
ungeduldig, um losgelassen zu werden.
Alle diese gewöhnlichen Vorfälle gehörten zu dem alltäglichen Treiben
und der Wiederkehr des Morgens. Aber gewiß nicht das Läuten der
großen Glocke des Schlosses, das treppauf und treppab Rennen, die in
verstörter Eile über die Terrasse laufenden Gestalten, die schweren
Tritte hier und dort und überall, das rasche Satteln von Pferden und
das Fortjagen?
Welcher Wind verrieth diese Hast dem staubbedeckten Straßenarbeiter,
der bereits auf der Höhe jenseit des Dorfes thätig war und sein
Mittagbrod (es war kaum so viel, daß es für eine Krähe der Mühe werth
war, danach zu hacken) auf einem Steinhaufen neben sich liegen hatte?
Hatten die Vögel, die ein paar Körnchen von der Kunde in die Ferne
trugen, Etwas davon fallen lassen, wie sie zufällig Samenkörner
ausstreuen? Sei dem, wie ihm wolle, der Straßenarbeiter lief an dem
schwülen Morgen, als ob es sein Leben gelte, knietief im Staube, den
Hügel hinab, und machte nicht eher Halt, als bis er am Brunnen war.
Sämmtliche Bewohner des Dorfes umstanden den Brunnen in ihrer
gedrückten Weise und flüsterten einander zu, zeigten aber keine andere
Gemüthsbewegung als gespannte Neugier und Staunen. Die auf die Weide
geführten Kühe, die hastig wieder hereingebracht und an das Erste
Beste angebunden waren, sahen mit stumpfer Gleichgültigkeit zu oder
hatten sich hingelegt und käuten die spärlichen Hälmchen wieder, die
sie auf ihrem Hin- und Herweg aufgelesen hatten. Einige von den Leuten
des Schlosses und des Posthauses und alle von der Steuerbehörde waren
mehr oder weniger bewaffnet und hatten sich auf der andern Seite der
Straße rathlos zusammengedrängt. Bereits war der Straßenarbeiter in die
Mitte einer Gruppe von fünfzig vertrauten Freunden vorgedrungen, und
schlug sich mit der blauen Mütze auf die Brust. Was hatte das Alles
zu bedeuten und was hatte es zu bedeuten, daß Monsieur Gabelle hastig
sich hinter einem Bedienten aufs Pferd heben ließ und mit dem doppelt
beladenen Rosse im Galopp davon jagte, wie eine neue Variation der
Bürgerschen Lenore?
Es hatte zu bedeuten, daß oben im Schlosse ein steinernes Gesicht zu
viel war.
Die Meduse hatte den Bau in der Nacht wieder angesehen, und das eine
noch fehlende steinerne Gesicht hinzugefügt; das steinerne Gesicht, auf
welches sie ungefähr zweihundert Jahre gewartet hatte.
Es lag auf dem Kissen Monsieur le Marquis’. Er sah aus wie eine schöne
Maske, die plötzlich aufgeschreckt, zornig geworden und versteinert
worden ist. In das Herz der steinernen Gestalt, die dazu gehörte, war
ein Messer gestoßen. Um den Griff desselben war ein Papierstreifen
gewickelt, auf welchem man die Worte las:
„Fahrt ihn rasch nach seiner Gruft. Dies von Jacques.“
Zehntes Kapitel.
Zwei Versprechen.
Mehrere Monate, der Zahl nach zwölf, waren gekommen und gegangen und
Mr. Charles Darnay hatte sich als höherer Lehrer der französischen
Sprache, der zugleich mit der französischen Literatur vertraut war,
in England niedergelassen. Er las mit jungen Männern, die für das
Studium einer lebenden Sprache, die über die ganze Welt gesprochen
wird, Muße und Interesse finden konnten, und suchte einen Geschmack
für die von ihr dargebotenen Schätze von Wissenschaft und Poesie
zu wecken. Er konnte auch von ihnen in gutem Englisch berichten und
sie in gutes Englisch übersetzen. Solche Lehrer waren damals nicht
leicht zu finden; gewesene Prinzen und zukünftige Könige waren noch
nicht unter die Schulmeister gegangen und noch war kein zu Grunde
gerichteter Adel aus Tellson’s Hauptbüchern verschwunden, um Koch oder
Zimmermann zu werden. Als ein Lehrer, dessen Bildung und Kenntnisse das
Studium ungewöhnlich angenehm und nutzbar machten, und als eleganter
Uebersetzer, der etwas mehr zu seiner Arbeit mitbrachte, als bloße
Kenntniß des Wörtervorraths, wurde der junge Mr. Darnay bald bekannt
und beschäftigt. Er war auch vertraut mit den Verhältnissen seines
Vaterlandes und diese waren von täglich wachsendem Interesse. So kam er
mit großer Ausdauer und unermüdlichem Fleiße vorwärts.
In London hatte er weder auf goldenem Pflaster zu gehen, noch auf einem
Bett von Rosen zu ruhen gehofft; hätte er so hohe Erwartungen gehegt,
so wäre er nicht vorwärts gekommen. Er hatte Arbeit erwartet, und fand
sie und bewältigte sie mit aller seiner Kraft. Damit kam er vorwärts.
Einen gewissen Theil seiner Zeit verbrachte er in Cambridge, wo er
Untergraduirte als eine Art geduldeter Schmuggler unterrichtete,
der einen Schleichhandel mit europäischen Sprachen trieb, anstatt
Griechisch und Lateinisch durch das vorschriftsmäßige Zollhaus
einzuführen. Den Rest seiner Zeit verbrachte er in London.
Nun ist von den Tagen, wo es im Paradiese immer Sommer war, bis zu
unseren Tagen, wo es in der Region der Gefallenen meistens Winter ist,
die Menschenwelt unabänderlich einen Weg gegangen -- Charles Darnay’s
Weg -- den Weg des Verliebens.
Er hatte Lucie Manette von der Stunde seiner Lebensgefahr an geliebt.
Er hatte nie einen so lieblichen und herzgewinnenden Ton vernommen, als
den Ton ihrer mitfühlenden Stimme; er hatte nie ein Gesicht gesehen,
in dessen Schönheit sich so viel zärtliche Empfindung ausgesprochen,
als in dem ihrigen, wie sie ihn ansah, als er an dem Rande des Grabes
stand, das für ihn bereitet war. Aber er hatte ihr noch kein Wort davon
gesagt: seit dem Mord in dem fernen verlassenen Schlosse mit dem Meere
dazwischen und den langen, langen staubigen Landstraßen -- in dem
festen steinernen Schlosse, das ihm selbst wie der Nebel eines Traumes
vorkam -- war ein Jahr vergangen und er hatte ihr auch noch nicht mit
einem einzigen Worte den Zustand seines Herzens verrathen.
Daß er seine Gründe dafür hatte, wußte er recht gut. Es war abermals
ein Sommertag, als er, vor Kurzem von Cambridge in London angekommen,
sich nach dem stillen Winkel in Soho begab, um eine Gelegenheit
zu suchen, Dr. Manette sein Herz zu öffnen. Es war der Abend des
Sommertages und er wußte, daß Lucie mit Miß Proß ausgegangen war.
Der Doctor las in seinem Lehnstuhle am Fenster. Die Energie, die
ihn zu gleicher Zeit in seinen langen Leiden aufrecht erhalten
und ihm dieselben doch auch fühlbarer gemacht hatte, hatte er
allmälig wiedergewonnen. Er war jetzt wirklich ein sehr energischer
Mann von großer Festigkeit, Willensstärke und Thatkraft. In seiner
wiedergewonnenen Energie war er zuweilen etwas launenhaft und
inconsequent, wie er sich auch in der Anwendung seiner andern
wiedergewonnenen Eigenschaften gezeigt hatte; aber dies war nie häufig
vorgekommen und war immer seltener geworden.
Er studirte viel, schlief wenig, konnte große Anstrengungen mit
Leichtigkeit ertragen und war von immer sich gleichbleibender
Gemüthsheiterkeit. Zu ihm trat jetzt Charles Darnay ein, bei dessen
Anblick er das Buch weglegte und dem er die Hand darbot.
„Charles Darnay! Es freut mich, Sie zu sehen. Wir haben schon seit drei
oder vier Tagen auf Ihr Kommen gerechnet. Mr. Stryver und Sydney Carton
waren Beide gestern hier und waren darüber einig, daß Sie längst hätten
da sein sollen.“
„Ich bin Ihnen sehr verpflichtet für Ihre Theilnahme an mir,“ gab er
zur Antwort, ein wenig kalt in Bezug auf die beiden Genannten, obgleich
sehr warm gegen den Doctor. „Miß Manette --“
„Befindet sich wohl,“ sagte der Doctor, als er stockte, „und Ihre
Rückkehr wird uns Alle sehr freuen. Sie ist ausgegangen, um einige
Wirthschaftseinkäufe zu machen, wird aber bald zurück sein.“
„Doctor Manette, ich wußte, daß ich sie nicht zu Hause finden würde.
Ich benutzte die Gelegenheit, um mit Ihnen allein sprechen zu können.“
Es trat ein verlegenes Schweigen ein.
„Nun?“ sagte der Doctor, offenbar etwas gezwungen. „Rücken Sie Ihren
Stuhl her und sprechen Sie.“
Er gehorchte, was den Stuhl betrifft, schien aber das Sprechen weniger
leicht zu finden.
„Ich habe das Glück gehabt, _Dr._ Manette, seit etwa anderthalb
Jahren auf so vertrautem Fuße mit Ihrer Familie zu leben,“ fing er
endlich an, „daß ich hoffe, der Gegenstand, den ich berühren will, wird
nicht --“
Er ward unterbrochen von dem Doctor, der die Hand ausstreckte, wie um
ihn zu bitten, zu schweigen. Als er sie eine kleine Weile so gehalten,
zog er sie wieder ein und sagte:
„Ist von Lucien die Rede?“
„Ja.“
„Es wird mir zu allen Zeiten schwer, von ihr zu sprechen. Es fällt
mir sehr schwer, von ihr in diesem Tone sprechen zu hören, den Sie
anwenden, Charles Darnay.“
„Es ist der Ton innigster Bewunderung, echtester Huldigung und tiefster
Liebe, Doctor Manette,“ sagte er mit Ehrerbietung.
Es trat eine andere verlegene Pause ein, ehe der Vater eine Antwort gab.
„Ich glaube es. Ich lasse Ihnen Gerechtigkeit widerfahren; ich glaube
es.“
Das Gezwungene in seinem Wesen war so offenbar und es war außerdem
so offenbar, daß es aus einer Abneigung entstand, den angeregten
Gegenstand zur Sprache zu bringen, daß Charles Darnay zögerte.
„Soll ich fortfahren, Sir?“
Wieder eine Pause.
„Ja, fahren Sie fort.“
„Sie ahnen, was ich sagen wollte, obgleich Sie nicht wissen können, wie
ernst ich es meine und wie tief ich es fühle, ohne mein innerstes Herz
zu kennen und die Hoffnungen und die Befürchtungen und die Zweifel, die
es seit lange schon erfüllen. Lieber Doctor Manette, ich liebe Ihre
Tochter aufs Innigste, Uneigennützigste, Hingebendste. Wenn es jemals
Liebe auf der Welt gegeben hat, so liebe ich sie. Sie haben selbst
geliebt; lassen Sie Ihre alte Liebe für mich sprechen!“
Der Doctor saß mit abgewendetem Gesicht und mit auf den Boden
gehefteten Augen da. Bei den letzten Worten streckte er wieder hastig
die Hand aus und rief:
„Nur das nicht! Schweigen Sie davon! Ich beschwöre Sie, erinnern Sie
mich nicht daran!“
In seinem Aufschrei sprach sich so viel wirklicher Schmerz aus, daß er
noch in Charles Darnay’s Ohren fortklang, lange nachdem er verhallt
war. Er winkte mit der ausgestreckten Hand, als wollte er Darnay bitten
inne zu halten. Letzterer legte es so aus und schwieg.
„Ich bitte Sie um Verzeihung,“ sagte der Doctor nach einigen
Augenblicken in gedämpftem Tone. „Ich bezweifle nicht, daß Sie Lucien
lieben; darüber können Sie ruhig sein.“
Er wendete sich in seinem Stuhle gegen ihn, aber er sah ihn nicht an,
noch hob er den Blick zu ihm empor. Er ließ das Kinn auf die Hand
sinken und das weiße lange Haar über das Gesicht fallen.
„Haben Sie mit Lucien gesprochen?“
„Nein!“
„Auch nicht an sie geschrieben?“
„Niemals!“
„Es wäre ungroßmüthig, mich zu stellen, als ob ich nicht wüßte, daß
Ihre Selbstverleugnung von Ihrer Rücksichtnahme auf ihren Vater
herrührt. Ihr Vater dankt Ihnen.“
Er reichte ihm seine Hand hin; aber seine Augen blieben auf dem Boden
haften.
„Ich weiß,“ sagte Darnay voll Ehrerbietung, „und muß ich es nicht
wissen, _Dr._ Manette, da ich Sie Beide Tag für Tag beisammen
gesehen habe, daß zwischen Ihnen und Miß Manette eine so ungewöhnliche,
so rührende, so innig mit den Verhältnissen, aus denen sie entstanden
ist, verbundene Zuneigung besteht, daß es wenige ihresgleichen geben
kann, selbst nicht in der Liebe zwischen Vater und Kind. Ich weiß,
_Dr._ Manette -- und wie könnte es anders sein -- daß, verwoben
mit der Liebe und dem Pflichtgefühle einer Tochter, die zur Jungfrau
herangewachsen ist, sie in ihrem Herzen für Sie die ganze Liebe und
das ganze Vertrauen des Kindes fühlt. Ich weiß, daß, wie sie in
ihrer Kindheit ohne Eltern gewesen ist, sie jetzt mit der ganzen
Beständigkeit und Innigkeit ihres gegenwärtigen Alters und Charakters,
verbunden mit der Vertrauensbedürftigkeit und der Anhänglichkeit
der Kinderjahre, in denen Sie ihr entrissen wurden, an Ihnen hängt.
Ich weiß recht wohl, daß, wenn Sie ihr aus jener Welt drüben wären
zurückgegeben worden, Sie in ihren Augen kaum mit einem heiligeren
Charakter, als den sie Ihnen beilegt, bekleidet sein könnten. Ich
weiß, daß, wenn sie Sie umarmt, die Hände des Kindes, des Mädchens und
der Jungfrau Sie gleichzeitig umschlingen. Ich weiß, daß sie in ihrer
Liebe für Sie ihre Mutter in ihrem eigenen Alter sieht und liebt,
sie in meinem Alter sieht und liebt, ihre mit gebrochenem Herzen
hinsiechende Mutter liebt, Sie während Ihrer schrecklichen Prüfung und
Ihrer gesegneten Rückkehr in’s Leben liebt. Ich habe dies Tag und Nacht
gewußt, seitdem ich Sie und Ihre Familie kenne.“
Ihr Vater saß stumm da, das Gesicht immer noch dem Boden zugewendet.
Sein Athem ging etwas rascher; aber er unterdrückte jede andere
Aufregung.
„Lieber Doctor Manette, da ich dies immer wußte und immer Ihre
Tochter und Sie von diesem geheiligten Lichte umgeben sah, habe ich
geschwiegen, so lange es in der Kraft des Menschenherzens liegt, zu
schweigen. Ich habe gefühlt und fühle selbst jetzt noch, daß wenn ich
meine Liebe -- selbst ~meine~ Liebe -- zwischen Sie Beide bringe,
ich in Ihre Geschichte ein weniger gutes Bestandtheil mische. Aber ich
liebe sie. Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich sie liebe!“
„Ich glaube es,“ gab ihr Vater trauervoll zur Antwort. „Ich habe es
schon lange gedacht. Ich glaube es.“
„Aber glauben Sie nicht,“ sagte Darnay, den der klagende Ton der
Stimme wie ein Vorwurf traf, „glauben Sie nicht, daß wenn meine
Lebensverhältnisse so wären, daß ich Sie Beide, vorausgesetzt, ich
wäre dereinst so glücklich, sie als Gattin zu besitzen, von einander
trennen müßte, ich nur ein Wort von dem sagen würde, was ich jetzt
geäußert habe. Außerdem daß ich wüßte, ein solches Beginnen wäre
hoffnungslos, würde ich auch wissen, daß es eine Niedrigkeit wäre.
Hätte ich eine solche Möglichkeit selbst für eine ferne Zeit in meinen
Gedanken gehegt und in meinem Herzen verborgen -- hätte ich sie jemals
hegen können -- so könnte ich jetzt nicht diese geehrte Hand anrühren.“
Bei diesen Worten legte er seine Hand auf die des Vaters.
„Nein, lieber _Dr._ Manette. Wie Sie ein aus Frankreich freiwillig
Verbannter; wie Sie aus dem Vaterland vertrieben durch seine
Zerrüttung, seinen Druck und seinen Jammer; wie Sie bemüht, in der
Fremde durch eigne Anstrengung meinen Lebensunterhalt zu erwerben und
auf eine glücklichere Zukunft hoffend, erwarte ich nur, Ihr Schicksal,
Ihr Leben und Ihr Obdach zu theilen und Ihnen treu zu sein bis zum
Tode. Nicht um mit Lucien ihr Vorrecht als Ihr Kind, Ihre Gefährtin
und Ihre Freundin zu theilen; sondern um sie in dieser Rolle zu
unterstützen und sie enger an Sie zu knüpfen, wenn dies möglich ist.“
Seine Hand ruhte immer noch auf der des Vaters. Indem er ihre Berührung
für einen Augenblick erwiederte, aber nicht kalt, ließ der Vater beide
Hände auf den Seitenlehnen des Stuhles ruhen und blickte zum ersten
Male seit dem Anfang der Unterredung auf. Man sah in seinem Gesicht,
daß er innerlich kämpfte; daß er kämpfte mit jenem gewöhnlichen
Ausdruck, welcher eine Neigung hatte, in argwöhnischen Zweifel und
scheue Furcht umzuschlagen.
„Sie sprechen mit so viel Gefühl und so männlich, Charles Darnay,
daß ich Ihnen von ganzem Herzen danke, und Ihnen mein ganzes Herz
ausschütten will -- wenigstens so weit ich kann. Haben Sie einen Grund
zu glauben, daß Lucie Sie liebt?“
„Nein. Bis jetzt nicht.“
„Hatten Sie als nächsten Zweck dieser vertraulichen Mittheilung den
Wunsch im Auge, sich dessen mit meinem Wissen zu versichern?“
„Auch das nicht. Vielleicht hätte mir die Zuversicht, es zu thun, vor
einigen Wochen gefehlt; vielleicht hätte ich (irrthümlich oder nicht)
diese Zuversicht morgen gehabt.“
„Verlangen Sie von mir Rath?“
„Nein, Sir. Aber ich hielt es für möglich, daß Sie im Stande sein
könnten, wenn Sie es für Recht hielten, mir einigen Rath zu ertheilen.“
„Wünschen Sie ein Versprechen von mir?“
„Allerdings.“
„Welches wäre das?“
„Ich weiß recht wohl, daß ich ohne Sie keine Hoffnung haben könnte.
Ich sehe recht wohl ein, daß, selbst wenn Miß Manette mich in diesem
Augenblick in ihrem unschuldigen Herzen hegte -- glauben Sie nicht, daß
ich so anmaßend bin, so Viel vorauszusetzen -- ich diesen Platz nicht
behaupten könnte gegen ihre Liebe zu ihrem Vater.“
„Wenn dies der Fall ist, sehen Sie dann auf der andern Seite ein, was
dies nach sich zieht?“
„Ich sehe eben so gut ein, daß ein Wort ihres Vaters zu Gunsten eines
Bewerbers gegen ihre Ansicht und die ganze Welt entscheidend sein
würde. Aus diesem Grunde, _Dr._ Manette,“ sagte Darnay bescheiden,
aber fest, „möchte ich Sie nicht um dieses Wort bitten und wenn es mein
Leben gälte.“
„Ich bin dessen gewiß. Charles Darnay, Geheimnisse entstehen ebenso gut
aus inniger Liebe, wie aus weiter Trennung; in ersterem Falle sind sie
tief und verwickelt und schwer zu durchdringen. Meine Tochter Lucie ist
in dieser einen Hinsicht ein solches Geheimniß für mich; ich habe über
den Zustand ihres Herzens nicht einmal eine Vermuthung.“
„Darf ich fragen, Sir, ob Sie glauben, daß --“ da er stockte, setzte
der Vater den Satz fort.
„Sich ein Anderer um sie bewirbt?“
„Das wollte ich sagen.“
Der Vater überlegte ein wenig, ehe er eine Antwort gab:
„Sie haben selbst Mr. Carton hier gesehen. Auch Mr. Stryver ist
gelegentlich hier. Wenn überhaupt, könnte es nur einer von diesen
Beiden sein.“
„Oder Beide,“ sagte Darnay.
„Ich hatte nicht an Beide gedacht; ich halte es bei keinem von Beiden
für wahrscheinlich. Sie wünschen ein Versprechen von mir zu haben.
Sagen Sie, welches?“
„Blos das Versprechen, daß, wenn Miß Manette ihrerseits Ihnen eine
solche vertrauliche Mittheilung machen sollte, wie ich Ihnen jetzt
vorzulegen gewagt habe, Sie Zeugniß von dem, was ich Ihnen gesagt habe
und von Ihrem Glauben daran geben. Ich hoffe, Sie werden im Stande
sein, so gut von mir zu denken, daß Sie Nichts gegen mich sagen. Ich
spreche nicht mehr von dem hohen Werthe, den ich darauf lege; dies ist
das Einzige, um was ich bitte. Der Bedingung, unter der ich darum bitte
und deren Erfüllung Sie ein unbezweifeltes Recht haben zu fordern,
werde ich pünktlich nachkommen.“
„Ich gebe das Versprechen ohne jede Bedingung,“ sagte der Doctor. „Ich
glaube, Ihr Ziel ist einfach und wahrhaftig, wie Sie es angegeben
haben. Ich glaube, Ihre Absicht ist, das Band zwischen mir und meinem
anderen und vielgeliebteren Ich fester zu knüpfen und nicht zu lockern.
Wenn sie mir jemals sagt, daß Sie ihr wesentlich sind zu ihrem
vollkommnen Glück, so werde ich sie Ihnen geben. Wenn, Charles Darnay
--“
Der junge Mann hatte die Hand des Anderen dankbar ergriffen; und die
beiden Hände lagen noch in einander, als der Doctor fortfuhr:
„Wenn Einbildung, Gründe, Befürchtungen oder sonst Etwas aus alter oder
neuer Zeit gegen den Mann sprechen sollten, den sie wirklich liebt, und
die unmittelbare Verantwortlichkeit dafür nicht auf sein Haupt fiele,
so sollten sie alle um ihretwillen vergessen sein. Sie ist mir Alles;
sie wiegt mir mehr als meine Leiden, mehr als das erlittene Unrecht,
mehr als -- doch das sind leere Worte!“
So seltsam war die Art, wie er sich in Schweigen verlor, und so seltsam
sein starrer Blick, als er aufgehört hatte zu sprechen, daß Darnay
seine eigene Hand kalt in der Hand werden fühlte, welche langsam die
seinige fallen ließ.
„Sie sagten Etwas zu mir,“ sagte _Dr._ Manette, während ein
Lächeln sein Gesicht überflog. „Was war es doch gleich?“