Der Vergleich machte einen tiefen Eindruck auf die Umstehenden; aber

alle Augen, ohne sich erst mit andern Augen ins Einvernehmen zu

setzen, blickten auf Monsieur le Marquis. Vielleicht um zu sehen, ob

sein Gewissen ein Gespenst belästigte.

„Wahrhaftig, es war sehr gescheut von Euch,“ sagte der Marquis, in dem

glücklichen Bewußtsein, daß solches Gewürm ihn nicht ärgern dürfe,

„einen Dieb unten an meinem Wagen hängen zu sehen und Euer großes Maul

nicht aufzuthun. Bah! Laßt ihn gehen, Monsieur Gabelle.“

Monsieur Gabelle war Postmeister und zugleich Steuerbeamter; er war mit

großem Diensteifer herausgekommen, um dem Verhör beizuwohnen und hatte

mit strenger Amtsmiene den Verhörten am zerlumpten Aermel festgehalten.

„Bah! Laßt ihn gehen!“ sagte Monsieur Gabelle.

„Nehmt diesen unbekannten Mann fest, wenn er für die Nacht ein Obdach

hier im Dorfe suchen sollte, und versichert Euch, daß er ehrliche

Absichten hat, Gabelle.“

„Monseigneur, ich bin zu sehr geehrt, Ihre Befehle ausführen zu dürfen.“

„Lief der Kerl fort? -- Wo ist der Andere?“

Der Andere war bereits mit einem halben Dutzend besonderer Freunde

unter dem Wagen und zeigte mit seiner blauen Mütze, wie der Mann an der

Kette gehangen hatte. Ein anderes halbes Dutzend besonderer Freunde

holte ihn rasch hervor und stellte ihn athemlos vor den Marquis hin.

„Lief der Mann fort, Kerl, als wir hielten, um zu hemmen?“

„Monseigneur, er stürzte kopfüber den Abhang hinunter, wie wenn sich

Jemand in einen Fluß wirft.“

„Erkundigt Euch weiter danach, Gabelle. Kutscher, fahr’ zu!“

Das halbe Dutzend, welches die Kette beguckte, war immer noch zwischen

den Rädern wie Schafe; die Räder drehten sich so rasch, daß sie sich

glücklich schätzen konnten, Haut und Knochen unverletzt davon zu

tragen; sie hatten wenig mehr davon zu tragen, sonst wären sie wohl

nicht so glücklich gewesen.

Der rasche Lauf, in welchem der Wagen das Dorf verließ und den Abhang

jenseits hinauf fuhr, wurde bald von der Steilheit des letztern

verlangsamt. Allmälig verfielen die Pferde in Schritt und schwankend

und polternd bewegte sich die Kutsche durch die vielen süßen Düfte

einer Sommernacht. Die Postillone, deren Köpfe jetzt anstatt der Furien

Tausende von Mücken umkreisten, flickten ruhig die Schwippen ihrer

Peitschen aus; der Lakai ging neben den Pferden; den Courier hörte man

in der dunkeln Ferne traben.

An der steilsten Stelle des Hügels befand sich ein kleiner Kirchhof

mit einem Kreuz und einem neuen großen Bilde unseres Heilands daran;

es war ein armseliges Holzbild, von einem ungeübten Holzschnitzer des

Dorfes verfertigt, der aber den Körper nach dem Leben studirt hatte --

vielleicht nach seinem eigenen Leben -- denn er war schrecklich mager

und abgezehrt.

Vor diesem traurigen Sinnbilde eines großen Elends, das seit vielen

Jahren immer schlimmer geworden und noch nicht seinen Höhepunkt

erreicht hatte, kniete eine Frau. Sie wendete den Kopf, als der Wagen

sie erreichte, stand rasch auf und trat an den Kutschenschlag.

„Ach, Monseigneur! Monseigneur, eine Bittschrift.“

Mit einem Ausruf der Ungeduld, aber mit seinem unveränderten Gesicht,

blickte der Marquis zum Wagenfenster hinaus.

„Was giebts! Immer Bittschriften!“

„Monseigneur. Um die Liebe des großen Gottes! Mein Mann, der Förster.“

„Was ist mit Eurem Manne, dem Förster? Es ist immer die alte Geschichte

mit Euch Leuten. Euer Mann kann Etwas nicht bezahlen?“

„Er hat Alles bezahlt, Monseigneur, er ist gestorben.“

„Gut, so hat er Ruhe. Ich kann ihn Euch nicht wiedergeben.“

„Ach Gott, nein, Monseigneur! Aber er liegt dort unter einem dürftigen

Rasenhügel.“

„Nun?“

„Monseigneur, es sind so viele dürftige Rasenhügel.“

„Was weiter?“

Sie sah alt aus, war aber jung. Sie geberdete sich in

leidenschaftlichem Schmerz; abwechselnd schlug sie ihre abgezehrten

Hände in wilder Leidenschaft zusammen und legte eine derselben auf den

Wagenschlag -- zärtlich und liebkosend, als hätte er ein menschliches

Herz und könnte die bittende Berührung fühlen.

„Monseigneur, hören Sie mich! Monseigneur, hören Sie meine Bitte! Mein

Mann starb aus Mangel; so Viele sterben aus Mangel; noch Viele werden

aus Mangel sterben.“

„Was dann! Kann ich sie füttern?“

„Monseigneur, das weiß der gute Gott, aber ich verlange es nicht.

Ich bitte nur, daß ein Stein oder Bret mit meines Mannes Namen auf

sein Grab gestellt werde, als Zeichen, wo er liegt. Sonst wird die

Stelle rasch vergessen, man findet sie nicht wieder, wenn ich an

derselben Krankheit sterbe und man legt mich an einen anderen dürftigen

Rasenhügel. Monseigneur! es sind ihrer so viele, sie vermehren sich so

rasch, es ist so wenig Platz. Monseigneur! Monseigneur!“

Der Lakai hatte sie von dem Kutschenschlage weggeschoben, die Kutsche

fuhr in raschem Trabe davon, die Postillone gaben den Pferden die

Peitsche, das Weib blieb weit zurück und der Marquis, wieder von Furien

geleitet, ließ rasch die ein oder zwei Stunden Entfernung, welche

zwischen ihnen und dem Schlosse noch lagen, hinter sich.

Die lieblichen Düfte der Sternennacht regten sich ringsum und kamen

so unparteiisch, wie der Regen fällt, auch der bestaubten, zerlumpten

und arbeitsmüden Gruppe am Brunnen in der Nähe zu Gute, welcher der

Straßenarbeiter mit Hülfe der blauen Mütze, ohne die er Nichts war,

immer noch von dem Manne wie von einem Gespenst erzählte, so lange sie

zuhören wollten. Allmälig, wie sie genug hatten, verlor sich Einer nach

dem Andern und Lichter funkelten in kleinen Fenstern, welche Lichter,

als die Fenster dunkel wurden und mehr Sterne sich zeigten, empor an

den Himmel gefahren schienen, anstatt ausgelöscht worden zu sein.

Der Schatten eines großen Hauses mit hohem Dach und vielen

überhängenden Bäumen lag zu dieser Stunde auf Monsieur le Marquis;

und an die Stelle des Schattens trat der Schein einer Fackel, wie die

Kutsche hielt und das große Thor des Schlosses sich vor dem Marquis

aufthat.

„Ist Monsieur Charles aus England angekommen?“

„Monseigneur, noch nicht!“

Neuntes Kapitel.

Das Medusenhaupt.

Es war eine schwere Gebäudemasse, dieses Schloß Monseigneurs, mit

einem großen, mit Steinen gepflasterten Hof davor und einer doppelten

steinernen Treppenflucht, welche hinauf zu der steinernen Terrasse vor

der Hauptthür führte. Es war überhaupt eine steinerne Geschichte mit

schweren Balustraden von Steinen und steinernen Urnen und steinernen

Blumen und steinernen Gesichtern und steinernen Löwenköpfen in allen

Richtungen. Als ob ein Medusenhaupt es angesehen, als es vor zwei

Jahrhunderten fertig geworden.

Monsieur le Marquis stieg die breite Treppenflucht von niedrigen

Stufen hinauf, während die Fackel ihm immer noch vorleuchtete, und

die Finsterniß genug störte, um eine Eule in dem Dache des großen

Stallgebäudes dort unter den Bäumen zu lauten Vorstellungen zu bewegen.

Im Uebrigen war Alles so still, daß die Fackel, die dem Marquis

vorleuchtete und die andere Fackel, die ein Lakai an der großen Thür

in die Höhe hielt, brannten, als ob sie in einem verschlossenen

Staatszimmer anstatt in der freien Nachtluft wären. Einen anderen Laut,

als den Ruf der Eule, vernahm man nicht, außer dem Plätschern eines

Springbrunnens in seinem steinernen Becken; denn es war eine jener

dunkeln Nächte, welche ihren Athem stundenlang anhalten und dann einen

langen leisen Seufzer vernehmen lassen, und ihren Athem wieder anhalten.

Die große Thür fiel schallend hinter ihm zu und Monsieur le Marquis

schritt durch eine Vorhalle, ausgeschmückt mit alten Schweinsspießen,

Hirschfängern und anderen Jagdgeräthen; aber auch mit schweren

Reitgerten und Reitpeitschen, deren Gewicht mancher seitdem zu seinem

Wohlthäter Tod gegangene Landmann gefühlt hatte, wenn der gnädige Herr

schlechter Laune war.

Monsieur le Marquis mied die größeren Zimmer, die nicht erleuchtet

und für die Nacht schon zugeschlossen waren, und ging, während der

Fackelträger immer noch voranleuchtete, die Treppe hinauf bis zu einer

Thür auf einem Corridor. Diese ging auf und gestattete ihm Zutritt in

seine eigne Privatwohnung von drei Zimmern, einem Schlafgemach und zwei

anderen. Hohe gewölbte Räume ohne Teppiche auf dem Fußboden, mit großen

eisernen Unterlagen auf dem Heerde des Kamins, um während des Winters

mit Holz zu heizen, und allem einem Marquis gebührenden Luxus in einer

üppigen Zeit und einem üppigen Lande. Die Mode des letzten Ludwig von

dem Geschlechte, das nie ausgehen sollte -- des vierzehnten Ludwigs

-- war in der reichen Ausstattung der Gemächer vorherrschend; aber

es waren auch viele Gegenstände zu erblicken, die an alte Zeiten der

Geschichte von Frankreich erinnerten.

Ein Tisch war im dritten der Zimmer gedeckt. Es war ein rundes Zimmer

in einem der vier Thürme mit Dächern wie Lichtauslöscher; ein kleines

hohes Zimmer, dessen eines Fenster weit offen stand, während die

Jalousien geschlossen waren, so daß die finstere Nacht sich nur in

schmalen horizontalen schwarzen Streifen zeigte, die mit breiten

Streifen von Steinfarbe abwechselten.

„Mein Neffe ist noch nicht da, wie ich höre,“ sagte der Marquis mit

einem Blick auf die Vorbereitung zum Abendessen.

Er war noch nicht da; aber man hatte ihn mit Monseigneur erwartet.

„Ah! Er wird wahrscheinlich heute Abend nicht kommen; aber laßt die

Tafel, wie sie ist. Ich werde in einer Viertelstunde fertig sein.“

In einer Viertelstunde war Monseigneur fertig und setzte sich allein zu

seinem üppigen und auserlesenen Mahle hin. Sein Stuhl stand dem Fenster

gegenüber und er hatte seine Suppe gegessen und brachte sein Glas

Bordeaux an den Mund, als er es wieder wegsetzte.

„Was ist das?“ fragte er ruhig und heftete aufmerksam den Blick auf die

horizontalen Streifen von schwarzer und Steinfarbe.

„Monseigneur? Was!“

„Draußen vor den Jalousien. Macht die Jalousien auf.“

Es geschah.

„Nun?“

„Monseigneur! Es ist Nichts. Die Bäume und die Nacht -- weiter ist

Nichts draußen --“

Der Bediente hatte die Jalousien weit geöffnet, in die leere Nacht

hinaus gesehen und drehte sich jetzt nach weiteren Verhaltungsbefehlen

um.

„Gut!“ sagte der nicht aus der Fassung zu bringende Herr. „Mach’ sie

wieder zu.“

Es geschah und der Marquis aß weiter. Er war halb fertig, als er

abermals das halb zum Munde geführte Glas wieder hinsetzte, denn er

hörte einen Wagen rollen. Er näherte sich rasch und machte vor dem

Schlosse Halt.

„Sieh zu, wer gekommen ist.“

Es war der Neffe Monseigneurs. Er war zeitig am Nachmittage, nur wenige

Stunden hinter Monseigneur, hergefahren. Er war rasch gefahren, aber

doch nicht rasch genug, um Monseigneur unterwegs einzuholen. Man hatte

ihm auf den Poststationen gesagt, daß Monseigneur vor ihm her fahre.

Man sollte ihm sagen, befahl Monseigneur, daß das Abendessen hier auf

ihn warte und er gebeten werde, daran theilzunehmen. Nach einer kleinen

Weile trat der Angekommene ein. In England hatte er Charles Darnay

geheißen.

Monseigneur empfing ihn höflich, aber sie reichten sich nicht die

Hände.

„Sie sind gestern von Paris abgereist, Sir?“ sagte er zu Monseigneur,

als er an der Tafel Platz nahm.

„Gestern. Und Sie?“

„Ich komme direct.“

„Von London?“

„Ja.“

„Sie haben lange gezögert,“ sagte der Marquis mit einem Lächeln.

„Im Gegentheil, ich komme direct.“

„Verzeihen Sie! Ich glaube nicht, daß Sie unterwegs lange gezögert

haben, sondern mit dem Entschluß zu reisen.“

„Ich hatte Abhaltung --“, der Neffe stockte einen Augenblick in seiner

Antwort -- „in Folge von Geschäften.“

„Natürlich,“ sagte der höfliche Onkel.

So lange ein Bedienter anwesend war, ward kein Wort weiter zwischen den

Beiden gewechselt. Als Kaffee servirt war und sie sich wieder allein

befanden, begann der Neffe ein Gespräch, indem er den Onkel ansah und

den Augen des Gesichts begegnete, das wie eine schöne Maske aussah.

„Ich kehre zurück von einer Reise in Verfolg des Zieles, das Sie

kennen. Es hat mich in große, unerwartete Gefahr gebracht; aber es ist

ein heiliges Ziel und wenn es mich in den Tod geführt hätte, hätte es

mich, hoffe ich, aufrecht erhalten.“

„Nicht in den Tod,“ sagte der Onkel; „es ist nicht nothwendig zu sagen

in den Tod.“

„Ich bezweifle sehr,“ entgegnete der Neffe, „ob, wenn es mich bis an

den Rand des Grabes geführt hätte, Sie einen Finger aufgehoben hätten,

um mich zu retten.“

Das Vertiefen der Grübchen in der Nase und das Längerwerden der schönen

geraden Linien in dem grausamen Gesicht antworteten ominös genug

auf diese Vermuthung; der Onkel machte eine anmuthig protestirende

Handbewegung, welche so offenbar eine bloße Höflichkeit war, daß sie

nicht beruhigen konnte.

„Wahrhaftig, Sir,“ fuhr der Neffe fort, „nach dem, was ich weiß, können

Sie eben so gut ausdrücklich darauf hingewirkt haben, den verdächtigen

Verhältnissen, die mich umgaben, einen noch verdächtigeren Anstrich zu

geben.“

„O, nein, nein,“ sagte der Onkel mit freundlichem Lächeln.

„Sei dem, wie ihm wolle,“ fing der Neffe wieder an und sah ihn mit

tiefem Mißtrauen an, „ich weiß, daß Ihre Diplomatie mich durch jedes

Mittel hindern und sich in Betreff der Mittel kein Gewissen machen

würde.“

„Mein Bester, das habe ich Ihnen gesagt,“ sagte der Onkel mit einem

leisen Zittern über den Nasenflügeln. „Haben Sie die Güte, nicht zu

vergessen, daß ich Ihnen das vor langer Zeit gesagt habe.“

„Ich erinnere mich dessen wohl.“

„Ich danke Ihnen,“ sagte der Marquis mit der liebenswürdigsten

Höflichkeit.

Der Klang seiner Stimme zitterte durch die Luft fast wie der Ton eines

musikalischen Instruments.

„Wahrhaftig, Sir,“ fuhr der Neffe fort, „ich glaube, es ist zu

gleicher Zeit Ihr Mißgeschick und mein Glück, was mir hier in

Frankreich die Freiheit läßt.“

„Ich verstehe nicht ganz,“ erwiderte der Onkel, seinen Kaffee

schlürfend. „Darf ich um nähere Erläuterung bitten?“

„Ich glaube, daß, wenn Sie nicht bei Hof in Ungnade wären und zwar

schon seit Jahren, mich längst ein Lettre de Cachet auf unbestimmte

Zeit auf eine Festung geschickt hätte.“

„Wohl möglich,“ sagte der Onkel mit großer Ruhe. „Um der Familienehre

willen könnte ich mich sogar entschließen, Ihnen diese Ungelegenheit zu

verursachen. Ich bitte es zu entschuldigen.“

„Ich bemerke, daß zu meinem Glücke der Empfang bei der vorgestrigen

Audienz wie gewöhnlich ein kalter gewesen ist,“ bemerkte der Neffe.

„Ich möchte nicht sagen zu Ihrem Glücke, mein Werthester,“ entgegnete

der Onkel mit der größten Höflichkeit; „ich bin dessen nicht so sicher.

Eine gute Gelegenheit zum Nachdenken, verbunden mit den Vortheilen der

Einsamkeit, würde vielleicht auf Ihr Schicksal mehr vortheilhaften

Einfluß haben, als Sie selbst haben können. Doch ist es unnütz,

darüber zu reden. Wie Sie sagen, bin ich darin im Nachtheil. Diese

kleinen Besserungsmittel, diese sanften Hülfen für Familienmacht und

Ehre, diese kleinen Begünstigungen, die Ihnen unbequem werden können,

sind jetzt nur durch Fürsprache und Zudringlichkeit zu erlangen. Sie

werden von so Vielen gesucht und verhältnißmäßig so Wenigen gewährt!

Es war sonst nicht so, aber Frankreich hat sich in allen diesen

Dingen verschlimmert. Unsere Vorväter hatten das Recht über Leben und

Tod der umwohnenden gemeinen Heerde. Aus diesem Zimmer sind viele

dieser Lumpen zum Galgen geführt worden; im nächsten Zimmer, in meinem

Schlafzimmer, wurde ein Bursche auf der Stelle niedergestoßen, weil er

ein unverschämtes Bedenken wegen seiner Tochter hatte -- ~seiner~

Tochter! -- Wir haben viele Vorrechte verloren; eine neue Philosophie

ist Mode geworden; und die Behauptung unserer Stellung könnte (ich gehe

nicht so weit zu sagen, würde, aber könnte) uns heutzutage wirkliche

Ungelegenheiten verursachen. Sehr traurig!“

Der Marquis nahm eine kleine Prise aus seiner Dose und schüttelte den

Kopf so graziös verzweifelnd, als er anständigerweise sein konnte,

verzweifelnd an einem Lande, das noch ihn besaß, dieses große Mittel

der Wiedererhebung.

„Wir haben unsere Stellung in alter und neuerer Zeit so behauptet,“

sagte der Neffe düster, „daß ich glaube, unser Name ist in Frankreich

mehr gehaßt, als jeder andere.“

„Das wollen wir hoffen,“ sagte der Onkel. „Haß der Großen ist die

unwillkürliche Huldigung der Kleinen.“

„In diesem ganzen Lande rings um uns,“ fuhr der Neffe in seinem

früheren Tone fort, „giebt es kein Gesicht, welches mich mit einem

anderen Gefühle ansieht, als dem der scheuen Unterwürfigkeit, der

Furcht und Sclaverei.“

„Ein Compliment für die Bedeutung der Familie,“ sagte der Marquis,

„verdient durch die Art und Weise, wie die Familie ihre Bedeutung

aufrecht erhalten hat. Ha!“ und er nahm wieder eine kleine Prise und

legte gleichgültig die Beine über einander.

Aber als der Neffe sich mit dem Ellbogen auf den Tisch stützte und

gedankenvoll und niedergeschlagen die Augen mit der Hand bedeckte,

blickte die schöne Maske ihn mit einem stärkeren Ausdruck von

Neugier, Mißtrauen und Abneigung an, als sich mit der angenommenen

Gleichgültigkeit des Mannes vertrug.

„Zwang und Gewalt ist die einzige dauernde Philosophie. Die scheue

Unterwürfigkeit der Furcht und Sclaverei, mein Bester,“ bemerkte der

Marquis, „erhält die Kerle der Peitsche gehorsam, so lange dieses Dach“

-- mit einem Blick in die Höhe -- „den Himmel hinaus sperrt.“

Das dauerte möglicherweise nicht so lange, als der Marquis meinte.

Wenn er diese Nacht ein Bild des Schlosses hätte sehen können,

wie es und fünfzig andere in ein Paar Jahren sein würde, so hätte

er wahrscheinlich kaum das seinige in den rauchgeschwärzten,

ausgeplünderten Trümmern erkannt. Und was das Dach betrifft, so

hätte er finden können, daß es den Himmel auf eine ganz neue Art

hinaussperrte -- nämlich für immer aus den Augen der Leichen, in welche

sein Blei aus hunderttausend Musketen gefeuert worden.

„Unterdessen,“ sagte der Marquis, „will ich die Ehre und Ruhe der

Familie wahren, wenn Sie es nicht thun wollen. Aber Sie müssen müde

sein. Wollen wir unsere Conferenz für heute schließen?“

„Noch einen Augenblick!“

„Eine Stunde, wenn Sie wünschen.“

„Sir!“ sagte der Neffe, „wir haben Unrecht gethan und ernten jetzt die

Früchte.“

„~Wir~ haben Unrecht gethan?“ wiederholte der Marquis mit einem

fragenden Lächeln und deutete erst höflich auf seinen Neffen, dann auf

sich.

„Unsere Familie; unsere ehrenreiche Familie, deren Ehre uns Beiden

so sehr und in so verschiedener Weise am Herzen liegt. Selbst bei

meines Vaters Lebzeiten haben wir unendliches Unrecht gethan und jede

menschliche Creatur verletzt, die zwischen uns und unsere Laune trat.

Aber brauche ich von meines Vaters Zeit zu sprechen, da sie zugleich

die Ihrige war? Kann ich meines Vaters Zwillingsbruder, Miterben und

nächsten Erbfolger von ihm trennen?“

„Das hat der Tod besorgt,“ sagte der Marquis.

„Und hat mich hier gelassen,“ gab der Neffe zur Antwort, „gefesselt an

ein System, das mir entsetzlich ist, für das ich verantwortlich bin,

in welchem mir aber jede Macht fehlt, Etwas zu thun; beständig bemüht,

die letzte Bitte aus dem Munde meiner geliebten Mutter zu erfüllen

und dem letzten Blick meiner geliebten Mutter zu gehorchen, die mich

bat, Erbarmen zu haben und zu helfen; und fortwährend von dem Schmerz

gequält, Beistand und Macht zum Helfen vergebens zu suchen.“

„Wenn Sie sie bei mir suchen, lieber Neffe,“ sagte der Marquis, indem

er mit dem Zeigefinger seine Brust berührte, „so suchen Sie vergebens,

dessen können Sie sicher sein.“

Jede von den fein gezogenen Furchen in dem fleckenlosen weißen Gesicht

zog sich grausam und tückisch zusammen, wie er, die Dose in der Hand,

seinen Neffen ruhig ansah. Noch einmal tupfte er ihn auf die Brust, als

ob sein Finger die feine Spitze eines Degens wäre, welchen er ihm mit

gewandter Kunst durch das Herz stieße, und sagte:

„Verehrtester, ich werde sterben und das System, unter welchem ich

gelebt habe, Ihnen vermachen.“

Als er das gesagt hatte, nahm er noch eine letzte Prise und steckte die

Dose in die Tasche.

„Seien Sie lieber vernünftig,“ setzte er dann hinzu, nachdem er mit

einer kleinen Klingel auf dem Tische geschellt hatte, „und fügen Sie

sich in Ihr natürliches Schicksal. Aber Sie sind verloren, Monsieur

Charles.“

„Diese Besitzungen und Frankreich sind für mich verloren,“ sagte der

Neffe düster; „ich entsage ihnen.“

„Können Sie ihnen schon entsagen? Frankreich vielleicht, aber der

Besitzung? Es ist kaum der Mühe werth, es zu erwähnen; aber können Sie

jetzt schon darüber verfügen?“

„Diesen Sinn wollte ich meinen Worten nicht geben. Wenn sie morgen von

Ihnen an mich fielen --“

„Was, wie ich eitel genug bin zu hoffen, nicht wahrscheinlich ist --“

„-- oder in zwanzig Jahren --“

„Sie erweisen mir zu viel Ehre,“ sagte der Marquis; „dennoch ziehe ich

diese Annahme vor.“

„-- So würde ich sie aufgeben und anderswo und irgendwie leben. -- Ich

gäbe wenig hin, denn was ist es hier mehr als ein Labyrinth von Elend

und Verderben!“

„Ah?!“ sagte der Marquis und ließ seinen Blick durch das üppig

ausgestattete Zimmer streifen.

„Dem Auge erscheint es hier schön genug; aber bei Tageslicht und unter

freiem Himmel gesehen, ist es ein wüster Haufe von Verschwendung,

schlechter Wirthschaft, Erpressung, Ueberschuldung, Tyrannei, Hunger,

Nacktheit und Jammer.“

„Ah?!“ sagte der Marquis wieder in selbstzufriedener Weise.

„Wenn die Besitzung jemals mein Eigenthum wird, so gebe ich sie in

eine Hand, welche besser geeignet ist, sie langsam, wenn es überhaupt

möglich ist, von der Last zu befreien, die sie niederdrückt, so daß

die armen Leute, welche sie nicht verlassen können und bis zur letzten

Möglichkeit des Erduldens gedrückt worden sind, in einer andern

Generation Aussicht haben, weniger zu leiden; aber meine Arbeit kann

dies nicht sein. Es liegt ein Fluch darauf und auf diesem ganzen Lande.“

„Und Sie?“ fragte der Onkel. „Verzeihen Sie meine Neugier; gedenken Sie

mit Hülfe Ihrer neuen Philosophie zu leben?“

„Um zu leben, muß ich thun, was andere meiner Landsleute, trotz ihres

adeligen Wappens, vielleicht seiner Zeit werden thun müssen -- arbeiten

--“

„In England zum Beispiel?“

„Ja. Die Familienehre ist in diesem Lande sicher vor mir. Der

Familienname kann von mir in keinem andern Lande leiden, denn ich führe

ihn in keinem andern.“

Auf das Klingeln vorhin war das anstoßende Schlafzimmer erleuchtet

worden. Es schien jetzt von dort hell durch die Thür herein. Der

Marquis blickte nach dieser Richtung und lauschte den sich entfernenden

Schritten seines Leibdieners.

„England besitzt sehr viel Anziehungskraft für Sie, wenn man bedenkt,

daß Sie dort nicht besonders Ihr Glück gemacht haben,“ bemerkte er

alsdann, indem er mit einem Lächeln sein ruhiges Gesicht dem Neffen

zuwendete.

„Ich habe bereits gesagt, wie ich fühle, daß ich mein geringes Glück

dort vielleicht Ihnen zu verdanken habe. Im Uebrigen ist es mein Asyl.“

„Diese prahlerischen Engländer sagen, es sei das Asyl Vieler. Sie

kennen einen Landsmann, der einen Zufluchtsort dort gefunden hat? Einen

Arzt?“

„Ja!“

„Mit einer Tochter?“

„Ja!“

„Ja,“ sagte der Marquis. „Sie sind müde. Gute Nacht!“

Als er sich in seiner höflichsten Weise verneigte, wußte er seinem

lächelnden Gesicht und seinen Worten einen so geheimnißvollen Ausdruck

zu geben, daß sein Neffe davon betroffen wurde. Zugleich verzogen sich

die schmalen geraden Augenbrauen und die schmalen geraden Lippen und

die Grübchen über den Nasenflügeln mit einem Sarkasmus, der diabolisch

schön aussah.

„Ja,“ wiederholte der Marquis. „Ein Arzt mit einer Tochter. Ja. So

fängt die neue Philosophie an? Sie sind müde. Gute Nacht!“

Es hätte ebensoviel genützt, eines von den Steingesichtern draußen am

Schlosse zu befragen, als dieses Gesicht zu befragen. Der Neffe sah ihn

vergeblich an, als er an ihm vorbei nach der Thüre ging.

„Gute Nacht!“ sagte der Onkel. „Ich erwarte mit Vergnügen, Sie morgen

früh wiederzusehen. Angenehme Ruhe! Leuchte Monsieur nach seinem

Zimmer! -- und verbrenne Monsieur in seinem Bett, wenn Du Lust hast --“

setzte er zu sich selbst sprechend hinzu, ehe er wieder mit der Klingel

schellte und seinen Leibdiener in sein Schlafzimmer rief.

Zwei Städte · 第 11 / 36 段